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25 Jahre Deutsche Einheit – Unboxing einer Kiste nach 25 Jahren mit DDR-Konsumgütern

3. Oktober 2015
25 Jahre lag diese Kiste mit DDR-Konsumwaren in meiner Garage. Jetzt öffne ich sie.

25 Jahre lag diese Kiste mit DDR-Konsumwaren in meiner Garage. Jetzt öffne ich sie.

Große und kleine Reden gibt es zum heutigen 3. Oktober 2015 – dem 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. Ich will den Jahrestag mit einer persönlichen Geschichte würzen und öffne einen Karton, den ich im April 1990 mit Waren aus der damaligen DDR befüllt habe. Warum ich den Karton überhaupt gepackt habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es eine persönliche Geste mit der DDR abzuschließen, vielleicht waren es persönliche Erinnerungen. Wenn es eine große Geschichte dahinter gegeben hat, dann hab ich sie vergessen. So groß kann die Geschichte dann doch nicht gewesen sein.


Also mache ich ein klassisches Unboxing zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. 25 Jahre stand die Kiste dort, den Inhalt hatte ich vergessen. Der Karton war in der Garage auf einem Regal untergebracht. Er ist ziemlich verstaubt und auch schon eingedrückt. Ein Teil der alten Küche hat auf dem Karton gelegen. Die sozialistischen Waren haben die Beeinträchtigung allerdings recht gut überstanden. Die DDR ist zäh.

Cola Flaschen verpackt finden sich in der Kiste.

Cola Flaschen verpackt finden sich in der Kiste.

Ich ging ans Auspacken. Zunächst kamen zwei historische Coca Cola Flaschen aus Ungarn zu Tage. Die Form der Flaschen mag ich noch heute. Eingewickelt waren die Flaschen in Zeitungspapier. Auf einen befanden sich Ratschläge für den Kraftfahrer in der DDR – irgendwie skuril. Die dritte Flasche war dann eine Ost-Cola. Cola Hit (0,65 Mark) nannte sie sich und war mit Coke oder Pepsi nicht zu vergleichen.

Cola hit - war die DDR-Variante von Coca Cola.

Cola hit – war die DDR-Variante von Coca Cola.

Auch kam das Scheuermittel ATA (0,13 Mark)  und das Waschmittel Spee (2 Mark) hervor. Schön die Verpackungen der VEB-Kombinate. In der Kiste waren noch zahlreiche Orwo-Filme, das war ein Schwarzweiß-Negativfilm aus der DDR. Den setzte ich für meine journalistische Arbeit ein und der Film war robust und ließ sich gut im Heimlabor handhaben. Es gab noch zahlreiche Verpackungen, ein DDR-Autoaufkleber, ein Schallplattenreinigungstuch (1,80 Mark) sowie Mauerreste, denn ich war ja auch mal als Mauerspecht tätig. Toll ein Beleg der Staatsbank der DDR. Ich tausche 150 DM in 450 Ostmark zum Kurs 1:3.

DDR-Autoaufkleber waren auch dabei.

DDR-Autoaufkleber waren auch dabei.

Sehr interessant war ein Tischkalender von 1989. Schon damals notierte ich mir akribisch meine Termine, um nicht den Überblick zu verlieren. Am 9. November 1989 besuchhte ich übrigens ein Supercharge Konzert und der Rest ist Geschichte.
Viel Spaß mit dem Video, es ist eine Reise in meine Vergangenheit und ja, ich bin froh um die Deutsche Einheit.

Zeitungen aus der DDR - hier die Junge Welt.

Zeitungen aus der DDR – hier die Junge Welt.

25 Jahre Maueröffnung – meine persönlichen Erinnerungen

9. November 2014

Es werden große politische Reden zum 25jährigen Jubläum der Maueröffnung gehalten und das ist auch gut so. Ich brauche dazu keine staatstragenden Worte zum 9. November beizusteuern, das machen andere besser als ich. Nur ein paar persönliche Erinnerungen, nicht mehr, nicht weniger.
Zum 20. Geburtstag dieses denkwürdigen Ereignisses habe ich ausführlich gebloggt, wie ich die Nacht vom 9. November erlebt habe. Doch wie ging es weiter? Wochen später besuchte ich Berlin. Wie ein Schwamm saugte ich den Geist der Freiheit auf. Es waren die großen Tage der Mauerspechte. Ganze Heerscharen pilgerten zur Mauer und schlugen mit stählernden Hämmern Steine aus der barbarischen Grenze, die eine Nation teilte. Auch ich konnte mich nicht zurückhalten und schlug mir ein paar Brocken aus dem antifaschistischen Schutzwall der DDR-Verbrecher. Einen davon schenkte ich meinen Vater, dessen Familie aus der DDR geflohen war. Dabei hatte mein Vater Tränen in den Augen, als er mein Geschenk annahm. Die Geste hätte nicht größer sein können. Es hat ihm sichtlich viel bedeutet.
Während meines Berlin-Aufenthalts hatte ich kaum geschlafen, ich wollte die Stimmung des Aufbruchs in der Stadt genießen, sie selbst spüren. Mit meiner Nikon spazierte ich durch Berlin, immer auf der Suche nach Motiven. Am Nachmittag hatte ich so ein Motiv vor der Linse. Ich beobachtete einen besonderen Mauerspecht. Es war ein älteter Herr mit Brille und Hut. Er wollte ein Stück farbigen Mauerstein herausschlagen, kam aber nicht an die gewünschte Stelle. Er fragte eine junge Dame, ob sie ihn unterstützen könne. Und die Berlinerin half dem Herrn. Diese Szene musste ich auf Analogfilm T-Max 3200 festhalten.

Ein Mauerspecht der besonderen Art. Foto: Lange

Ein Mauerspecht der besonderen Art. Foto: Lange

Von der Mauer war ich fasziniert. Den Todesstreifen bin ich immer wieder abgeschritten. Dieser unmenschliche Riss durch unser Land, der auch meine Familie zerriss. Die Mauer, die die Bürger der DDR einsperrte, bekam Risse. Die Risse wurden zu Löchern und ich machte mir einen Spaß durch die Löcher zu fotografieren. An einem Mauerstück entdeckte ich sogar einen Schriftzug Liberty for China. Die blutige Niederschlagung des chinesischen Studentenaufstands durch die Dreckskommunisten war Gott sei Dank kein Vorbild für die deutsche friedliche Revolution. Ich machte ein Foto von dem Mauermotiv.

Liberty for China in der Mauer. Foto: Lange

Liberty for China in der Mauer. Foto: Lange

In der nächsten Nacht streifte ich wieder an der Mauer entlang. DDR-Bauarbeiter kamen zu später Stunde mit schwerem Gerät und rissen die Mauer niededer. Mit Kränen wurden die Mauerstücke angehoben, auf Lkws gepackt und abtransportiert. Ich beobachtete die Szenerie und ich genoss das Ereignis. Wir waren ungestört: Nur die Bauarbeiter und ich. Natürlich schoss ich von dem Abriss und Abstransport einige Fotos und zog mich am frühen Morgen müde in meine Unterkunft zurück.
Zuhause wieder in Bayern entwickelte ich die Filme und machte in meinem heimischen Schwarzweißlabor Abzüge. Und beim Trocken der Bilder an einer Wäscheleine erkannte ich erst, welches Glück ich mit meinen Motiven hatte. Die Mauer vom Tage mit der Aufschrift Liberty für China hatte ich zufällig auch in der Nacht fotografiert. Völlig ungeplant stand ich mitten in der Nacht an der gleichen Stelle und lichtete das Motiv ab. Es muss also einen Fotogott geben.

Liberty for China wird nachts abtransportiert. Foto: Lange

Liberty for China wird nachts abtransportiert. Foto: Lange

Warten aufs iPhone 6 – Fotos von der Schlange

19. September 2014
Warten auf das iPhone 6 in München. Der Abend vor dem Verkaufstag.

Warten auf das iPhone 6 in München. Der Abend vor dem Verkaufstag.

Wir Apple-Fanboys sind schon eine eigenartige Spezies von Mensch. Jetzt gehöre ich schon fast zu den älteren Hasen in dem Apple-Business, aber das Fieber um den Apfel packt mich immer noch.
Dabei ist das Spiel doch eigentlich immer das gleiche. Heftig wird das ganze Jahr darüber spekuliert, was Cupertino wohl ausheckt, welche Geräte kommen und welche Features denn herbeigesehnt werden. Durch geschickte PR und sicherlich absichtliche Leaks und Hinweise aus gut unterrichteten Kreisen werden die Spekulationen angeheizt und in verschiedene Richtungen gelenkt. Leider werden aus Fernost immer mehr Bauteile schon vorher veröffentlicht, so dass kaum noch eine richtige Überraschung gelingt. Nur bei der Apple Watch hat Apples strikte Informationssperre funktioniert und die Uhr war als one more thing eine wirkliche Überraschung.
Dann werden zwei Wochen vor einer Veranstaltung die Einladungen verschickt und die Community orakelt über die Bedeutung der Claims und Farben. Schließlich kommt der Tag der Keynote und die Streamingserver brechen zusammen. Dieses Mal brachte das Twitter Plugin auf der Streamingseite den Stream aus Kalifornien zum Erliegen. Begleitet werden die Keynote und die Tage danach von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Apple Fanboys und Apple Verweigerern. Die Massenmedien berichten allesamt über die Veranstaltung – inklusive kostenloser PR für die Produkte. Apple hat den Medienzirkus fest im Griff. Freilich müssen etablierte deutsche Massenmedien immer ein Haar in der Suppe finden und den Untergang von Apple herbeischreiben. Es ist ja so schick, dagegen zu sein. Es sind die gleichen Massenmedien übrigens, die immer mehr an Auflage und Reichweite verlieren. Die Leser laufen ihnen weg. Die Zeit und der Markt werden es richten.

Die Ersten vor dem Münchner Apple Retail Store.

Die Ersten vor dem Münchner Apple Retail Store.

Dann kommt der Bestelltag. Die einen haben über die Apple Website oder einen Distri geordert. Wer unter den ersten ist, hat die Chance am Erstverkaufstag das Produkt in den Händen zu halten. Am Beispiel des iPhone waren die Vorbestellungen richtig gigantisch – aber ich lese ja in den Massenmedien, Apple sei am Ende. Vier Millionen iPhones innerhalb von 24 Stunden wurden übrigens vorbestellt.

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Und dann kommt der lang ersehnte Tag der Tage. Das vorgestellte Devise kommt auf die wichtigsten Märkte – weltweit am gleichen Tag. Die Logistik dahinter ist gewaltig. Zuvor tauchen Bilder von Logistikunternehmen auf, die den Versand der Ware zeigen. Im Falle des iPhones war es der Laderaum eines Jumbos Boing 747 voller iPhones mit Ziel Anchorage in Alaska.

Mit Bändern werden die Wartenden vom normalen Volk getrennt.

Mit Bändern werden die Wartenden vom normalen Volk getrennt.

Ich geb es zu, ich bin faul und habe mir das neue iPhone 6+ bei den Telekomikern telefonisch geordert, natürlich lang zuvor eine Vorreservierung abgeschickt. Mir wird das iPhone per UPS oder DHL nach Hause geliefert. Ich hoffe, dass ich mein iPhone 6+ in Gold mit 128 GByte am Erstverkaufstag in den Händen halten werde und ein Unboxing-Video drehen kann – auch so ein ewiges Ritual.

Das Ende der Rosenstraße in München und die Schlange macht einen Knick.

Das Ende der Rosenstraße in München und die Schlange macht einen Knick.

Und dann gibt es die Kultur der Schlangesteher. Die Spezies von Fans, die mit Klappstuhl und Sonnenschirm vor den Apple Retail Stores öffentlichkeitswirksam campieren. Mit Thermoskanne, Broten, in Anorak gehüllt wird sich in die Reihe gestellt bzw. gesetzt und gewartet. Stunde um Stunde. Minute um Minute. Manches Mal war ich dabei und habe mit den Fans gesprochen, um den Spirit zu spüren. Es ist wie Adrenalin, ein Konsumkick der besonderen Art. Ich habe mit den Fans gelacht, spekuliert, gescherzt, gefachsimpelt. Ich habe allerdings nie eine ganze Nacht vor einem Apple Retail Store verbracht.

Die Schlange in der Fürstenfelderstraße.

Die Schlange in der Fürstenfelderstraße.

Gut, einmal hab ich vor einer Keynote in San Francisco in vorderer Reihe gestanden. Das Wichtigste für die Camper ist freilich die Versorgung mit Strom, denn das bisherige iPhone ist natürlich immer dabei und wartet nur darauf, am nächsten Morgen durch ein neues Gerät ersetzt zu werden. Der Akku muss halten, Ersatzakkus hat im Grunde jeder der Schlangesteher im Gepäck. Fotos von der Schlange werden gepostet, Selfies mit Gleichgesinnten, alten und neuen Freunden. Alles unter dem Symbol des angebissenen Apfels.

Nicht Sozialismus, sondern Kapitalismus.

Nicht Sozialismus, sondern Kapitalismus.

Die Schlange gestern Abend um 17 Uhr vor dem Münchner Store an der Rosenstraße war übrigens über 300 Meter lang. Und wir sind nicht in der DDR.

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Bayreuth 2013: gewaltiges Bühnenbild bei Wagners Ring

5. August 2013

Der neue Ring kommt musikalisch hervorragend an, die Neuinszenierung musste dagegen massiv Kritik einstecken. Regisseur Frank Castorf ist gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen worden. Er nahm es locker, forderte sogar die Zuschauer auf lauter zu buhen und zeigte dem Publikum einen Vogel.

Was neben der Musik gut ankam, waren die Bühnenbilder der beiden ersten Ring-Teile. Diese stammten für Wagners Ring aus den Werkstätten von Studio Hamburg Media Consult International (MCI) GmbH. Zum ersten Mal vergaben die Bayreuther Festspiele die Bühnenbilder als komplette Auftragsarbeit. Die MCI baute die beiden Bühnenbilder in den Hamburger Werkstätten. Auf einer Drehscheibe im Durchmesser von 20,5 Metern und mit einer baulichen Gesamthöhe von bis zu 13 Metern ist das Ergebnis nicht nur in seinen Ausmaßen überzeugend: Bis zu 50 Mitarbeiter arbeiteten auf einer Vorbaufläche von 2.500 Quadratmetern auf dem Studio Hamburg-Gelände an der Realisierung. Das Ergebnis wurde schon im Frühjahr zu seinem Bestimmungsort auf den Grünen Hügel in Bayreuth transportiert. Dafür wurden die geteilten Bühnenelemente in den geeigneten Maßen auf 22 Trailer portioniert.

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Die Mannschaft der Hamburger Werkstätten fügte dann vor Ort auf der Bühne im Festspielhaus in fünf Wochen das angelieferte Bühnenbild-Puzzle zusammen: Auf die eigens von der Planungsabteilung konzipierten, riesigen Drehscheibensegmente wurde die Bühnendekoration aufgebracht und zum Ganzen verbunden. Da der Festspielalltag einen täglich wechselnden Auf- und Abbau des jeweiligen Bühnenbildes vorsieht, war diese reversible Konstruktion eine Grundvoraussetzung für die Umsetzung.

Unter der Regie von Frank Castorf und nach dem Bühnenbildentwurf von Aleksandar Denic, wurden im „Siegfried“ vielfältige Motive realisiert, beispielsweise der Berliner Alexanderplatz mit einer funktionsfähigen, maßstabsgetreuen Nachbildung der Weltzeituhr oder die Darstellung eines kinetischen Fernsehturmfußes. Die Rückseite zeigt eine massive Felswand mit einer kommunistischen Karikatur des US-amerikanischen Mount Rushmore. In der „Götterdämmerung“ trifft als Szenerie das originalgetreue Portal der New Yorker Börse im Maßstab 1:3 auf eine Berliner Hinterhofwelt, sowie die 12 Meter hohe Neon-Reklamewand „Plaste und Elaste aus Schkopau“, ein Relikt aus DDR Zeiten.

In einer viermonatigen Konstruktionszeit und der effektiven Bauphase von zehn Wochen pro Bühnenbild ist es gelungen, ein beeindruckendes Resultat für die diesjährige Spielzeit im Wagner-Jubläumsjahr abzuliefern. Beide Produktionen werden in den kommenden vier Spielzeiten der Bayreuther Festspiele aufgeführt. Wer also dieses Mal keine Karten für Bayreuth bekommen hat, kann vielleicht 2014 die Inszenierung ausbuhen.

(c) der Fotos: Pressestelle Bayreuth Festspielhaus

20 Jahre Deutsche Einheit

30. September 2010

In wenigen Tagen ist es wieder soweit. Zum 20. Mal jährt sich am 3. Oktober der Tag der Deutschen Einheit. Und wieder wird viel geschrieben und viel diskutiert. Ich habe zum Jahrestag ein Video im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung aufgezeichnet. Hier gibt der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair professionell ein Statement ab, dem ich zustimmen kann. Gut gesprochen. Wir sollten uns freuen, freuen über unseren Tag der Deutschen Einheit.

Ich erinnere mich noch an die bewegten Szenen in Prag, als der Träger des gelben Pullunders Hans-Dietrich Genscher den Flüchtlingen in der Botschaft ihre Freiheit verkündete. Die kurze Ansprache von Genscher geht im Jubel der Massen unter. Noch heute läuft es mir kalt den Rücken herunter. Hier wurde Geschichte gemacht. Ich erinnere mich gerne daran und auch wenn mit der Deutschen Einheit nicht alles optimal verlaufen ist, die Entscheidung war richtig.

Ich hatte damals in Ungarn mit Schulfreunden Urlaub gemacht und habe die Vorläufer des Zusammenbruchs live miterlebt. Wir hatten ein Haus am Plattensee gemietet und der Nachbar ein war DDR-Offizieller. Ich glaub, er war bei der Armee und wir unterhielten uns abends über den Zaun über das geteilte Land. Wir luden ihn ein, ein Bier auf unserer Seite des Gartenzauns zu trinken. Er lehnte ab. Die Geschichte hat gezeigt, dass seine Mitbürger nicht ablehnten und den Zaun niederrissen. Das war gut so. Am 9. November vergangenen Jahres habe ich mir meine Gedanken zum Mauerfall gemacht.

Was hast du gemacht, als die Mauer fiel?

9. November 2009

Die Generation meiner Eltern wusste auf die Frage: „Was hat du gemacht, als Kennedy erschossen wurde?“ immer eine Antwort. Meine Generation kann auf zwei Fragen antworten: „Was hast du am 11. September gemacht?“ und „Wie hast du vom Fall der Mauer erfahren?“

Nun, es ist am 9. November 20 Jahre her. Meine Familie hat seit den siebziger Jahren immer die Familie im Osten, in der Ostzone oder „DDR“ (in Anführungszeichen) besucht. Das Lied „Einigkeit in Recht und Freiheit“ hatte für uns eine Bedeutung, natürlich mehr für die Generation meiner Eltern als für mich. Dennoch war die Zweiteilung Deutschlands immer Gesprächsthema am Abendessenstisch. Nach meinen Abi war ich mit meinen Kumpels in Ungarn und erlebte die Flucht der Deutschen über Ungarn mit. Am Nebenhaus am Plattensee longierte ein DDR-Funktionär, der sich aufregte, dass wir junge Menschen uns solche Autos und Bikes leisten konnten. Später verfolgten wir die Ereignisse in der Prager Botschaft. Bei dem entscheidenden Satz von Genscher läuft es mir heute noch kalt über den Rücken. Da bin ich nicht allein. Einer Kollegin aus Leipzig, die heute in Nürnberg bei einer Zeitung arbeit, ging es nach eigenen Aussagen ebenso.

Am 9. November 1989 hatte ich keine Politik im Kopf. Ich hatte Karten für ein Konzert von Albie Donnelly‘s „Supercharge“. Die Bläserband gastierte in der TU Mensa München. Soulpower und Rhythm & Blues waren an diesem Abend aber nicht mein Ding und ich verließ das Konzert noch bei den Zugaben. Zu Hause schaltete ich zum Runterkommen die Glotze an und fiel fast vom Stuhl. Die Mauer ist offen. Ostberliner strömten nach Westen. Live wurde im Fernsehen von der Maueröffnung berichtet. Plastikbomber, wie die Trabbis bei uns in der Familie hießen, knatterten durch Westberlin. WOW. Ich war sprachlos. Sofort weckte ich meine Eltern und die Familie versammelte sich vor dem Fernseher. Außerdem versuchte mein Vater bei den Verwandten in der DDR (ohne Anführungszeichen) telefonisch durchzukommen.

Meine persönliche deutsch-deutsche Begegnung hatte ich ein paar Tage später. Ich fuhr mit dem Auto durch meine Heimatstadt und mir kam ein Trabbi entgegen. Ich blendete auf, der Fahrer betätigte die Lichthupe – wir verstehen uns. Die deutsche Einheit konnte kommen.

Wikipedia.de wieder auf freiem Fuß

19. November 2008

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Es freu mich, das Wikipedia.de wieder auf freiem Fuß ist. Die Aktion von ehemaligen Stasi-Mitarbeiters und jetzigen Linken-Abgeordneten Lutz Heilmann hat Wikipedia enorme Sympathiewerte eingebracht. Mit etwas Abstand betrachtet, stellt man fest: Heilmanns Aktion ging komplett nach hinten los und was besonders interessant ist: Ein ehemaliger Stasi-Mann bedient sich rechtstaatlicher Methode.

Aufgrund einer einstweiligen Verfügung war wikipedia.de drei Tage nicht zu erreichen. Heilmann wollte die seiner Meinung nach undifferenzierte Berichterstattung über seine Stasi-Vergangenheit zurechtrücken. Und da nutzte der ehemalige Stasi-Mann die Mittel des Rechtsstaates. Er erwirkte beim Landgericht Lübeck eine einstweilige Verfügung gegen den Verein Wikimedia e. V. Dies führte zu einer Sperrung des Links Wikipedia.de.

Das war natürlich Blödsinn und zeigt, was Heilmann vom Web keine Ahnung hat. Vielleicht hätte ihn einer sagen sollen, dass die korrekte Adresse http://de.wikipedia.org/ ist und der Verein keine Verantwortung für die Inhalte trägt. Na ja, die Webgemeinde protestierte und die Initiative von Heilmann ging nach hinten los. Die Aktion spülte dem Internet-Lexikon Spenden von rund 15.000 Euro pro Tag in die Kassen, sonst sind es rund 3000 Euro.

Und seine Stasi-Vergangenheit wird nun heftiger denn je diskutiert. Heilmann musste nach Journalistenrecherchen zugeben, dass er beim DDR-Ministeriums für Staatssicherheit in Diensten war. Auf seiner Website klingt die Arbeit für die Überwachungsbehörde recht harmlos: 1985 bis 1990 verlängerter Wehrdienst (Personenschutz MfS). Dafür bekam er in der DDR ein Jahresgehalt von 15.444 Mark. Der normale DDR-Bürger bekam im selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaat deutlich weniger. 

Eine deutsche Geschichte

20. August 2008

15 Minuten Autofahrt – 15 Minuten Lebensgeschichte. Als ich heute in Leipzig ankam um die Games Convention Developer Conference zu besuchen, nahm ich ein Taxi zum Hotel. Der Taxifahrer war ein gebürtiger Leipziger, erkannte mich sofort als Wessi und erklärte mir seine Lebensgeschichte während wir die Straßen der Montagsdemos entlang fuhren. Die Kurzform: Nach dem Abi lehnte er es ab den Militärdienst zu leisten. Dafür bestrafte ihn der SED-Staat mit Arbeitslager von zwei Jahren, anschließend Abschiebung nach Westen. Dort in der Nähe von Hannover gestrandet bekam er einen Job in einer Spedition und fuhr Lkw. Das Kuriose: Der heutige Taxifahrer hatte nie einen Führerschein gemacht. Er gab an, dass die entsprechenden Scheine im Osten gemacht habe und bekam sie von westdeutschen Behörden neu ausgestellt. Als die Mauer fiel hatte er Angst, dass sein Schwindel herauskam und ging wieder zurück nach Leipzig. Doch der Schwindel geht bis heute. Bis heute hatte er nie offiziell einen Führerschein gemacht, verfügt aber natürlich über die entsprechenden Papiere. Auch eine deutsche Geschichte. Eine Bemerkung am Rande: Bei diesem Mann spürte man nichts von einer Ostalgie. „Mir kommt das Kotzen, wenn ich von der Verherrlichung der Kommunisten und ihrer Verbrechen höre“, sagte er mehrmals. Die DDR-Zeit war nicht besser. Die Leute wurden willkürlich ins Gefängnis gesteckt. Ihn widere die ganze Sache an, wenn er heute von Leuten hört, wie schön es in der DDR gewesen sei. Das Heimweh nach dem Osten sei verlogen. Dem gibt es wohl nichts mehr hinzuzufügen.