Posts Tagged ‘Grüner Hügel’

Meine Vinyl-Käufe im April

5. Mai 2026

Vinyl erlebt seit Jahren ein Comeback, weil Schallplatten für viele Menschen mehr sind als nur ein Tonträger. Wer Vinyl kauft, entscheidet sich bewusst für ein musikalisches Erlebnis: das große Cover, das Auflegen der Platte und das Hören eines Albums in Ruhe von Anfang bis Ende. Dazu kommt für viele der warme, direkte Klang, der als besonders authentisch empfunden wird. Schallplatten stehen deshalb nicht nur für Musik, sondern auch für Wertschätzung, Sammelleidenschaft und ein Stück entschleunigten Musikgenuss.

EPIC von Elvis Presley
EPIC“ ist weniger ein klassisches neues Elvis-Album als ein groß aufgezogener Sampler, der noch einmal zeigen soll, warum Presley bis heute so überlebensgroß wirkt. Die Stärke der Sammlung liegt in ihrer Wucht: Stimme, Präsenz und Spannbreite sind sofort da. Zwischen Rock’n’Roll, Ballade und Gospel wird hörbar, wie mühelos Elvis Stile wechseln konnte, ohne je beliebig zu klingen.


Gerade deshalb funktioniert „EPIC“ vor allem als Monument und weniger als Überraschung. Wer Elvis kennt, bekommt viele Gründe geliefert, ihn erneut zu bewundern; wer nach neuen Perspektiven sucht, findet eher Verdichtung als Entdeckung. Das Album lebt vom Mythos, aber es zeigt auch sehr konkret, warum es diesen Mythos gibt: wegen dieser markanten Stimme, der Mischung aus Lässigkeit und Pathos und einer Präsenz, die selbst Jahrzehnte später nicht verblasst.
Unterm Strich ist „EPIC“ eine wirkungsvolle, massentaugliche Elvis-Schau — nicht unbedingt für die feine Neubewertung, aber stark darin, Größe, Vielseitigkeit und zeitlose Wirkung des Künstlers noch einmal eindrucksvoll hörbar zu machen.

Echoes vom Søren Bebe Trio
Echoes von Søren Bebe ist ein Jazzalbum, das seine Wirkung nicht aus demonstrativer Virtuosität bezieht, sondern aus Ruhe, Klarheit und jener seltenen Kunst, Stille musikalisch fruchtbar zu machen. Das Album erschien 2019 als Werk des Søren Bebe Trio und umfasst zehn Stücke mit einer Laufzeit von ungefähr 45 Minuten. In Rezensionen und den offiziellen Albumangaben wird es als besonders fein austariertes, melodisches und bewegendes Trio-Album beschrieben.

Gerade darin liegt die große Stärke dieser Platte. Echoes drängt sich nie auf, sondern entfaltet sich langsam, fast beiläufig, und gewinnt genau dadurch Tiefe. Das Trio spielt mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit zusammen; All About Jazz hebt hervor, wie sehr die Musiker seit Jahren aufeinander eingespielt sind und sich in der melodischen Entwicklung beinahe vorausahnend begegnen. Diese Form des Zusammenspiels hört man dem Album an: Nichts wirkt forciert, nichts effekthascherisch, alles bleibt im Fluss.

Die Kompositionen von Søren Bebe sind dabei der eigentliche Kern des Albums. Stücke wie „Alba“, „Alone“ oder „New Beginning“ zeigen laut der All-About-Jazz-Besprechung sehr unterschiedliche Seiten des Albums: romantische Melodik, innere Wärme, aber auch Momente eines freieren, rhythmisch bewegteren Zugriffs. Genau diese Balance macht Echoes reizvoll. Das Album bleibt insgesamt lyrisch und introspektiv, kippt aber nie in Belanglosigkeit oder bloße Hintergrundmusik.

Als Kritik im eigentlichen Sinn lässt sich sagen: Wer von modernem Jazz scharfe Brüche, wilde Experimente oder demonstrative Dramatik erwartet, wird Echoes vielleicht als zu zurückhaltend empfinden. Das Album sucht nicht den Schock, sondern die Vertiefung. Seine Sprache ist leise, sein Ausdruck fein ziseliert. Doch gerade in dieser Beschränkung liegt seine Qualität. Echoes vertraut auf Melodie, Atmosphäre und Präzision, nicht auf äußeren Effekt. Dadurch besitzt es eine fast meditative Kraft, die weit über den Moment des Hörens hinaus nachwirkt. Diese Wirkung spiegelt sich auch in den positiven offiziellen Hörerstimmen wider, die das Album als bewegend, zart und ungewöhnlich zugänglich beschreiben.

Unterm Strich ist Echoes ein sehr elegantes, reifes und emotional klug gebautes Album. Es zeigt, wie überzeugend zeitgenössischer Klaviertrio-Jazz sein kann, wenn Technik nicht Selbstzweck bleibt, sondern ganz in den Dienst von Stimmung, Klang und innerer Bewegung gestellt wird. Søren Bebe gelingt hier kein lauter Wurf, sondern ein stiller, nachhaltiger. Gerade deshalb ist Echoes ein Album, das man nicht nur hört, sondern in das man sich allmählich hineinbegibt.

Live On Air 1988 von Bob Dylan und Neil Young
Als Kritik lässt sich sagen: „Live On Air 1988“ lebt weniger von perfektem Klang oder editorischer Sorgfalt als von seinem historischen Reiz. Das Material dokumentiert Dylan in einer Phase des Umbruchs und zeigt mit Neil Young einen prominenten Mitstreiter, der der Aufnahme zusätzliches Gewicht verleiht. Solche Veröffentlichungen sind in erster Linie keine ausgefeilten Live-Alben im klassischen Sinn, sondern Fundstücke für Hörer, die Atmosphäre, Zeitkolorit und den raueren Charakter eines Konzertmitschnitts schätzen. Discogs führt das Release ausdrücklich als inoffizielle Veröffentlichung bzw. Radio-Broadcast.

Gerade darin liegt zugleich Stärke und Schwäche der Platte. Der Reiz entsteht aus der Unmittelbarkeit: Man hört kein glatt poliertes Produkt, sondern ein Dokument eines bestimmten Moments. Die Tracklists der gelisteten Editionen zeigen ein stark Dylan-geprägtes Programm mit Stücken wie „Subterranean Homesick Blues“, „Absolutely Sweet Marie“, „Masters of War“, „Gates of Eden“ und „Maggie’s Farm“. Das macht die Aufnahme vor allem für Fans interessant, die Dylan nicht nur in seinen kanonischen Studiofassungen hören wollen, sondern in seiner lebendigen, wandelbaren Bühnenform.

Künstlerisch wirkt das Material vor allem dann überzeugend, wenn man es als Momentaufnahme und nicht als definitive Live-Aussage hört. Der Bootleg-Charakter bringt naturgemäß Einschränkungen mit sich: Klang, Zusammenstellung und dramaturgischer Fluss erreichen meist nicht das Niveau offiziell kuratierter Konzertalben. Dafür entsteht eine gewisse Rauheit, die bei Dylan durchaus ihren eigenen Wert hat. Seine Auftritte gewinnen oft gerade dann, wenn sie nicht geschniegelt, sondern kantig, wetterfest und ein wenig spröde wirken. Neil Young verstärkt diesen Eindruck noch, weil sein Name sofort eine Aura von Authentizität, Erdigkeit und Rock-Folk-Wucht mitbringt.

Unterm Strich ist „Live On Air 1988“ kein Meisterwerk im Sinne eines großen offiziellen Livealbums, wohl aber ein reizvolles Sammlerstück für Dylan- und Young-Hörer mit Sinn für historische Konzertdokumente. Wer exzellenten Sound und definitive Versionen sucht, wird hier eher Vorbehalte haben. Wer hingegen den Charme des Unfertigen, die Energie des Augenblicks und das Gefühl einer archivierten Rockgeschichte schätzt, kann an dieser Veröffentlichung durchaus Gefallen finden.

Wake of the Flood von Grateful Dead
Wake of the Flood von den Grateful Dead ist ein Album, das innerhalb der Bandgeschichte eine besondere Stellung einnimmt. Es erschien 1973 als sechstes Studioalbum der Gruppe und war zugleich das erste Album auf dem bandeigenen Label Grateful Dead Records. Damit markiert es einen Einschnitt: Die Band trat künstlerisch und organisatorisch selbstbewusster auf und löste sich ein Stück weit aus den üblichen Strukturen des Musikgeschäfts. Offizielle Band- und Labelquellen beschreiben das Album deshalb ausdrücklich als Werk einer Übergangsphase, geprägt von Neuaufbruch, Wachstum und Selbstständigkeit.


Musikalisch zeigt Wake of the Flood die Grateful Dead in einer reiferen, offeneren und klanglich beweglicheren Form. Nach den stark amerikanisch geprägten Vorgängern wie Workingman’s Dead und American Beauty wirkt dieses Album freier, fließender und stellenweise deutlich jazziger. Gerade diese Mischung aus Folk, Rock, Country, Improvisationsgeist und eleganterem Songwriting macht den besonderen Reiz aus. Die Band selbst beschreibt diese Phase rückblickend als ein Abbiegen weg von der reinen Americana-Richtung hin zu einem breiteren, progressiveren Klangbild.

Zugleich steht das Album für eine personelle und emotionale Übergangszeit. Es war das erste Studioalbum nach dem Tod des Gründungsmitglieds Ron “Pigpen” McKernan und entstand in einer Besetzung, in der Keith und Donna Godchaux das Klangbild entscheidend mitprägten. Dadurch bekam die Musik mehr Wärme, mehr melodische Offenheit und eine neue Leichtigkeit, ohne den typischen Charakter der Band zu verlieren. Rhino nennt das Album deshalb ein Dokument von Wandel, Ausdauer und Optimismus.

Besonders wichtig sind auch die einzelnen Stücke. Zu den bekanntesten Songs des Albums zählen „Eyes of the World“, „Mississippi Half-Step Uptown Toodeloo“ und „Stella Blue“. Diese Titel wurden nicht nur zu festen Größen im Kosmos der Grateful Dead, sondern zeigen auch exemplarisch, wie stark die Band auf Wake of the Flood Melodie, Rhythmus und offene Strukturen miteinander verbindet. Offizielle Veröffentlichungen zum Album heben genau diese Stücke immer wieder hervor.
Rückblickend gilt Wake of the Flood vielen als eines der feinsten und stimmungsvollsten Studioalben der Grateful Dead. Es ist vielleicht kein lautes oder spektakuläres Album, aber gerade in seiner Gelassenheit, seiner klanglichen Eleganz und seiner inneren Beweglichkeit liegt seine Größe. Es zeigt eine Band, die nach Verlusten und Umbrüchen nicht stehenbleibt, sondern neue Formen findet. Dadurch wirkt das Album bis heute wie ein stiller, aber sehr bedeutender Aufbruch in eine neue Phase der Grateful-Dead-Geschichte.

Murderock von Keith Emerson
„Murderock“ ist kein Emerson-Album, das man nach den Maßstäben von ELPs symphonischem Prog bewerten sollte. Gerade darin liegt aber seine interessante Spannung: Emerson schreibt hier keine monumentale Keyboard-Architektur, sondern eine funktionale, filmische Musik, die sich stark an den urbanen Dance-, Synth- und Thriller-Sound der frühen 1980er anlehnt. Das Ergebnis ist ein Werk, das weniger durch kompositorische Größe als durch Atmosphäre, Rhythmus und stilistische Anpassungsfähigkeit überzeugt.

Die Stärke des Albums liegt vor allem in seiner Zeitgebundenheit. Stücke wie „Tonight Is Your Night“ oder der Titelsong sind durch und durch 80er-Jahre-Musik: synthetisch, kühl, pulsierend, teilweise fast geschniegelt. Genau das verleiht dem Soundtrack heute einen eigentümlichen Reiz. Emerson verbindet Club-Ästhetik, Suspense und melodische Eingängigkeit zu einem Sound, der das Milieu des Films — Tanzschule, Großstadt, Körper, Bedrohung — sehr direkt abbildet. Als atmosphärisches Produkt seiner Epoche funktioniert das Album daher erstaunlich gut.
Zugleich ist das seine größte Schwäche. Wer von Emerson die eruptive Kühnheit von „Tarkus“, die harmonische Opulenz von „Brain Salad Surgery“ oder auch die infernalische Wucht seines „Inferno“-Scores erwartet, wird hier eher Ernüchterung erleben. „Murderock“ wirkt streckenweise wie ein Auftragswerk, das bewusst an Trends andockt, statt sie zu übersteigen. Manche Motive bleiben eher Skizzen als voll ausgearbeitete Kompositionen; einige Passagen funktionieren im Filmkontext besser als isoliert auf Albumlänge. Als eigenständiges Hörerlebnis hat die Platte deshalb Längen.

Gerade diese funktionale Zersplitterung ist typisch für Soundtracks, aber bei Emerson fällt sie besonders auf, weil seine stärksten Arbeiten meist von struktureller Dramatik und virtuoser Stringenz leben. Auf „Murderock“ dominiert dagegen oft das Pattern, der Groove, die klangliche Oberfläche. Das ist handwerklich sauber und stellenweise ausgesprochen charmant, aber eben selten überwältigend. Man hört einen großen Musiker, der sich diszipliniert in den Dienst eines Genres stellt — nicht unbedingt einen, der seine schöpferischen Grenzen austestet.

Trotzdem sollte man das Album nicht vorschnell als Nebensache abtun. In seiner Mischung aus Italo-Thriller, New-Wave-Kälte und tanzbarer Nervosität besitzt „Murderock“ einen eigenen Kultwert. Es ist eines jener Emerson-Werke, die weniger von Größe als von Kuriosität und Stilgefühl leben. Wer die Schnittstelle zwischen Prog-Musiker, Genrekino und 80er-Sounddesign spannend findet, entdeckt hier ein faszinierendes Seitenstück seiner Karriere.

„Murderock“ ist kein zentrales Meisterwerk Keith Emersons, aber ein hörenswerter, eigentümlich reizvoller Soundtrack. Seine Qualitäten liegen in Atmosphäre, Zeitkolorit und kultiger Eigenart; seine Schwächen in der kompositorischen Uneinheitlichkeit und der Nähe zum modischen 80er-Produktionsstil. Kritisch gewürdigt ist es also eher ein interessantes Randwerk als ein großer Wurf — aber gerade als Randwerk ein sehr aufschlussreiches.

Wagner: Tannhäuser (1961) unter Franz Konwitschny
Die 1961 erschienene „Tannhäuser“-Aufnahme unter Franz Konwitschny ist eine der markanten deutschsprachigen Wagner-Einspielungen ihrer Zeit. Sie entstand im Oktober 1960 in Berlin mit dem Orchester der Staatsoper Berlin; zu den zentralen Solisten gehören Hans Hopf als Tannhäuser, Elisabeth Grümmer als Elisabeth, Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram und Gottlob Frick als Landgraf. Es handelt sich um die Dresdner Fassung.

Künstlerisch liegt die große Stärke dieser Einspielung in Konwitschnys dramatischem Zugriff. Er macht aus „Tannhäuser“ kein bloß feierliches Monument, sondern ein Musikdrama mit Zug, Spannung und innerer Glut. Die Tempi wirken häufig straff, aber nie gehetzt; vielmehr entsteht der Eindruck eines Dirigenten, der die Konflikte der Oper – Sinnlichkeit, Reue, Erlösungssehnsucht – in klaren musikalischen Linien formt. Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung dieser Aufnahme: Sie verbindet theatralische Energie mit einem sehr deutschen, kernigen Wagner-Ton. Ein zeitgenössischer Kritikeindruck beschreibt Konwitschnys Deutung als „weicher und delikater“ in manchen Passagen, zugleich aber im Venusberg auch deutlich bewegt und vorwärtsdrängend.

Die Besetzung ist insgesamt hochkarätig. Hans Hopf bringt für die Titelpartie das nötige heldische Format mit: kein eleganter Schönsänger, sondern ein Tannhäuser mit Metall, Attacke und dramatischer Entschlossenheit. Das passt sehr gut zu Konwitschnys eher geradliniger, zupackender Lesart. Elisabeth Grümmer ist dagegen eine Idealbesetzung für Elisabeth: leuchtend, nobel, innig und von einer fast schwerelosen Reinheit des Tons. Dass gerade Szenen aus dieser Aufnahme später in Sänger-Editionen besonders hervorgehoben wurden, spricht für die Qualität ihres Beitrags. Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram bringt Wortdeutlichkeit, Formbewusstsein und kultivierte Linienführung ein; sein Wolfram ist vielleicht weniger warmherzig als bei manch anderem, dafür psychologisch scharf konturiert. Gottlob Frick sorgt mit seinem schwarzen, autoritativen Bass für Gravität.

Gerade diese Mischung macht die Aufnahme reizvoll: Sie ist nicht luxuriös im modernen Sinn, aber musikalisch außerordentlich konzentriert. Sie hat Profil, Charakter und stilistische Geschlossenheit. Wo spätere Aufnahmen oft auf orchestralen Glanz oder klangliche Opulenz setzen, überzeugt Konwitschny eher durch dramatische Logik und Ensemblekultur. Man hört eine Wagner-Tradition, die aus dem Theater kommt und weniger aus dem Tonstudio.

Natürlich hat die Aufnahme auch Grenzen. Die Klangtechnik stammt aus einer anderen Epoche; gegenüber späteren Referenzen wirkt der Klang heute nicht immer voll ausgeleuchtet oder räumlich großzügig. Wer eine audiophile, farbensatte Wagner-Aufnahme sucht, wird eher zu späteren Produktionen greifen. Auch vokal ist nicht alles makellos im rein schönen Sinn: Hopfs Stimme etwa beeindruckt mehr durch Kraft und Wahrhaftigkeit als durch mühelose Eleganz. Aber genau das gehört hier fast schon zum ästhetischen Mehrwert. Diese „Tannhäuser“-Einspielung will nicht geschniegelt erscheinen, sondern wahr, direkt und dramatisch zwingend.

Konwitschnys „Tannhäuser“ von 1961 ist keine bequeme Luxusaufnahme, sondern eine große Charakteraufnahme. Ihre Vorzüge liegen in der packenden Leitung, der starken Ensembleleistung und einer unverwechselbaren Wagner-Tradition zwischen Theaterwucht und musikalischer Disziplin. Wer Wagner vor allem als lebendiges Drama hören will, findet hier eine hochrangige, bis heute eindrucksvolle Deutung. Wer dagegen primär perfekten Klang und vokale Makellosigkeit sucht, wird sie eher als historisch bedeutend denn als letzte Referenz empfinden.

Wagner: Der fliegende Holländer von Karl Böhm
Die Aufnahme von „Der fliegende Holländer“ aus Bayreuth 1971 unter Karl Böhm gehört zu den markanten Wagner-Mitschnitten dieser Zeit. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt der Bayreuther Festspiele 1971 mit Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele; in den Hauptrollen singen Thomas Stewart als Holländer, Gwyneth Jones als Senta, Karl Ridderbusch als Daland, Hermin Esser als Erik, Sieglinde Wagner als Mary und Harald Ek als Steuermann. Veröffentlicht wurde die Aufnahme zunächst als 3-LP-Box, später auch auf CD bei Deutsche Grammophon.

Musikalisch ist diese Einspielung vor allem wegen Böhms Zugriff interessant. Sein Wagner ist hier nicht schwerfällig oder mystisch aufgeladen, sondern eher direkt, straff und dramatisch zugespitzt. Gerade beim „Holländer“ passt das sehr gut, weil die Oper von innerer Unruhe, Sturm, Vorwärtsdrang und plötzlichen Spannungsentladungen lebt. Mehrere Besprechungen heben genau diese Energie hervor: Böhm treibe die Musik mit Nachdruck voran, setze auf klare Linien und kräftige dramatische Höhepunkte.

Besonders geschätzt wird häufig Thomas Stewart in der Titelrolle. Sein Holländer wirkt stimmlich markant, ausdrucksstark und textdeutlich, also weniger als bloß finstere Sagenfigur, sondern als sehr präsente, dramatisch aufgeladene Gestalt. Auch Karl Ridderbusch bringt als Daland viel Profil mit. Bei Gwyneth Jones als Senta gehen die Urteile etwas stärker auseinander: Sie wird als intensive, engagierte Sängerin wahrgenommen, zugleich gibt es Stimmen, die in dieser Aufnahme nicht alles ideal finden. Gerade das macht den Mitschnitt aber interessant, weil er nicht geschniegelt wirkt, sondern die Live-Spannung Bayreuths hörbar macht.

Für Wagner-Freunde ist dieses Album deshalb vor allem ein Dokument einer bestimmten Bayreuth-Ästhetik der frühen 1970er Jahre: großes Theater, starke Stimmen, ein berühmter Dirigent und ein Zugriff, der eher auf dramatische Wirkung als auf klangliche Schönfärberei setzt. Wer den „Fliegenden Holländer“ in einer packenden, zügigen und sehr theaternahen Lesart hören möchte, findet hier eine wichtige Aufnahme

Wagner: Tannhäuser von Karl Elmendorff
Das Album „Tannhäuser“ von den Bayreuther Festspielen 1930 unter Karl Elmendorff ist vor allem ein bedeutendes historisches Dokument der frühen Wagner-Aufnahmekultur. Es handelt sich um Wagners Oper in der Pariser Version von 1861, eingespielt mit dem Bayreuther Festspielchor und dem Bayreuther Festspielorchester; aufgenommen wurde das Ganze im August 1930 im Bayreuther Festspielhaus. In den Hauptpartien sind Sigismund Pilinszky als Tannhäuser, Maria Müller als Elisabeth, Ruth Jost-Arden als Venus, Herbert Janssen als Wolfram und Ivar Andrésen als Landgraf Hermann zu hören.

Interessant ist diese Einspielung vor allem, weil sie einen sehr direkten Eindruck von der Bayreuth-Tradition der Zwischenkriegszeit vermittelt. Karl Elmendorff steht hier für einen zupackenden, klar strukturierten Wagner-Stil, der weniger auf klangliche Üppigkeit als auf dramatischen Zug und theatralische Zuspitzung setzt. Gerade bei „Tannhäuser“ funktioniert das gut, weil die Oper ständig zwischen sinnlicher Verführung, religiöser Innigkeit und großer öffentlicher Szene wechselt. Man hört also keine glatte Studioperfektion im modernen Sinn, sondern eher ein spannungsreiches, historisch geprägtes Musiktheaterdokument.
Auch die Besetzung macht die Aufnahme bemerkenswert. Maria Müller war eine der wichtigen Wagner-Sopranistinnen ihrer Zeit, und Herbert Janssen bringt als Wolfram große Noblesse und stilistische Geschlossenheit mit. Sigismund Pilinszky in der Titelrolle wirkt aus heutiger Sicht vielleicht nicht immer makellos, aber gerade das gehört zum Reiz solcher historischen Aufnahmen: Sie zeigen starke Sängerpersönlichkeiten, nicht bloß schönpolierte Stimmen. Dazu kommt mit Erna Berger als junger Hirt noch ein klanglich besonders interessanter Name.

Natürlich muss man das Album mit dem Ohr für historische Aufnahmen hören. Der Klang ist technisch durch die Zeit begrenzt und weit entfernt von späteren Bayreuth-Mitschnitten. Aber genau darin liegt auch sein Wert: Diese 1930er Aufnahme gehört zu den frühen erhaltenen Bayreuth-Dokumenten aus einer Zeit, aus der insgesamt nur wenige vollständige Tondokumente überliefert sind. Für Wagner-Freunde und Sammler ist dieser „Tannhäuser“ deshalb weniger eine luxuriöse Klangaufnahme als vielmehr ein faszinierendes Zeugnis der Aufführungsgeschichte auf dem Grünen Hügel.

Zwischen Verehrung und Zweifel: Die Wagner-Büste auf dem Grünen Hügel

6. April 2026

Die Bayreuther Festspiele feiern dieses Jahr ihren 150. Geburtstag. Grund genug, dass ich mal wieder auf den Grünen Hügel vorbeischaute. Wie jedes Mal schaute ich mir die berühmte Büste des Komponisten vor dem Festspielhaus an und machte mir so meine Gedanken. Ich liebe Wagner als Musiker, lehne ihn aber als Politiker ab. Bei näheren Betrachten habe ich so meine Zweifel an der Büste.

Die Wagner-Büste von Arno Breker auf dem Grünen Hügel in Bayreuth gehört zu jenen Kunstwerken, an denen sich Glanz, Mythos und historische Belastung des Festspielorts auf besondere Weise verdichten. Sie steht im Park vor dem Festspielhaus und zeigt Richard Wagner in einer idealisierenden, repräsentativen Form, wie sie für Brekers Porträtkunst typisch ist; Bildnachweise und Ortsangaben verorten die Bronze ausdrücklich im Festspielpark beziehungsweise nahe dem Festspielhaus, die Entstehung wird mit 1986 angegeben.

Als plastisches Denkmal will die Büste den Festspielgründer ehren und die Aura des Ortes unterstreichen. Zugleich trägt sie aber die Handschrift eines Künstlers, dessen Name untrennbar mit der Kunstpolitik des Nationalsozialismus verbunden ist. Arno Breker war einer der prominentesten Bildhauer des NS-Staates und wurde von Adolf Hitler besonders gefördert; gerade deshalb wird seine Wagner-Büste in Bayreuth von mir nicht nur als Huldigung an den Komponisten wahrgenommen, sondern immer auch als geschichtspolitisch aufgeladenes Objekt.

So steht die Büste heute weniger einfach als dekoratives Denkmal im Park, sondern eher als stiller Prüfstein für den Umgang Bayreuths mit seiner eigenen Vergangenheit. Wer auf dem Grünen Hügel an ihr vorbeigeht, sieht nicht nur das Gesicht Richard Wagners, sondern begegnet zugleich einer schwierigen Erinnerungsschicht deutscher Kulturgeschichte: dem Nachleben eines Komponistenmythos, der Verehrungskultur von Bayreuth und der Frage, wie mit Werken eines politisch schwer belasteten Künstlers im öffentlichen Raum umzugehen ist. Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung dieser Büste: Sie ist nicht bloß ein Porträt, sondern ein Symbol für die Spannungen zwischen Kunst, Erinnerung und Geschichte am wohl berühmtesten Opernort Deutschlands.

Tristan und Isolde – Bayreuther Festspiele 2024 – meine Eindrücke

28. August 2024

Durch einen absoluten Glücksfall bekam ich dieses Jahr wieder die Möglichkeit Karten für die Richard Wagner Festspiele in Bayreuth zu erwerben. Als Fan des Sachsen und des Grünen Hügels musste ich natürlich zugreifen und genoss die Reise zu Tristan und Isolde zu den Bayreuther Festspielen nach Oberfranken.

Natürlich freute ich es zu Flanieren und den Gesprächen der Wagnerianer zu lauschen, was hier und dort nicht gepasst hat und wo es gelungen war. Fachsimpeln mit Bullshit-Bingo – genau meine Welt. Ich freute mich auf die zahlreichen ausländischen Gäste, neben mir saß ein Paar aus Frankreich, das zig Jahre auf die Karten gewartet hatte. In der Pause sah ich Japaner, er im klassischen Anzug, sie in japanischer Tracht – wunderbar. Und ich hatte den Eindruck dass Dr. Edgar Schönferber eine Reihe vor mir saß und wieder auf Bildungsbürger machte. Ich trug dieses Mal meinen schwarzen Gehrock, zog ihn aber im hölzernen Zuhörerraum aus. Meine Lederschuhe stammten aus Berlin. Die Hitze der vergangenen Wochen ist nicht aus der Holzhütte rauszubekommen. Ich beneide meine wunderbare Gattin im luftigen Kleid.

Tristan – Schwere Kost
Ich muss zugeben, dass ich nicht der absolute Tristan-Fan bin. Zwar hab ich schon Inszenierungen der romantischen Oper in Bayreuth gesehen, aber ich werde nicht richtig warm mit der Oper.

Aber ich war neugierig, denn Festspielchefin Katharina Wagner hat die überzeugende Inszenierung von Roland Schwab schon nach zwei Jahren aus dem Programm geworfen und sie durch eine Inszenierung des Isländers Thorleifur Örn Arnarsson ersetzt, was meiner Meinung nach eine falsche Entscheidung war. Der Tristan wurde für mich noch zäher oder sagen wir es mal so: Ich bin wohl mit meinen Mitte 50 Jahren noch nicht bereit für diese Erwachsenen-Oper von Richard Wagner. Mir fällt kein anderer Begriff als Erwachsenen-Oper ein. Publikum einschließlich mir waren von der sängereschen Leistung beeindruckt, das merkte man am Schlussapplaus.

Während der sechs Stunden machte ich mir Gedanken, warum ich mich mit Tristan so schwer tue. Für mich gilt Tristan und Isolde“ von Richard Wagner als eine Erwachsenen-Oper, weil sie sich mit komplexen, tiefen Themen und Emotionen beschäftigt, die ein erwachsenes Publikum ansprechen. Ein paar Gedanken dazu.

Die Oper behandelt existenzielle Fragen von Liebe, Tod, Schicksal und Transzendenz. Es geht um die Intensität der romantischen Liebe, die über das physische Leben hinausgeht, und die Suche nach Erfüllung in einer höheren spirituellen Ebene. Solche Themen erfordern ein gewisses Maß an Lebenserfahrung und philosophischem Verständnis.

Die Liebesgeschichte zwischen Tristan und Isolde ist extrem leidenschaftlich, aber auch tragisch und schmerzvoll. Sie ist geprägt von Schuld, Verboten und inneren Konflikten. Die emotionale Komplexität dieser Beziehung und die tiefen Gefühle der Charaktere sind oft schwer verständlich oder nachvollziehbar für jüngere Menschen, die diese Art von emotionaler Reife noch nicht erreicht haben.

Wagners Musik ist für ihre Dichte und ihre innovative Harmonik bekannt. Die berühmte „Tristan-Akkord“-Struktur führt zu musikalischer Spannung und einer Auflösung, die sich erst über das gesamte Werk hinweg entfaltet. Dies erfordert von den Zuhörern nicht nur musikalisches Verständnis, sondern auch Geduld und die Fähigkeit, komplexe musikalische Entwicklungen zu schätzen.

Vielleicht bin ich nicht immer richtig bei der Sache und voll konzentriert. Da bi ich eher ein Fan von Parsifal. Wagner ließ sich bei der Konzeption von „Tristan und Isolde“ stark von der Philosophie Arthur Schopenhauers inspirieren, insbesondere von dessen Pessimismus und der Idee, dass der Wille (und damit auch das menschliche Begehren) zu leiden führt. Die Oper reflektiert somit philosophische Ideen, die oft schwer zu verstehen sind und ein höheres intellektuelles Niveau erfordern. Ich habe zwar ein wenig Schopi genossen, aber ich bin auch dann bei der Lektüre seiner Bücher ausgestiegen. Das liegt wohl an meinem Unvermögen.

Das Werk endet nicht glücklich, sondern in Tod und Erlösung. Diese Idee des „Liebestodes“, bei dem der Tod als einzige Möglichkeit gesehen wird, um vollkommene Liebe zu erreichen, ist ein sehr düsteres und reifes Konzept, das mehr auf Erwachsene und ihre tieferen Überlegungen zum Leben und der Endlichkeit abzielt.

Genuss in Bayreuth
Sechs Stunden auf Bayreuther Holzstühlen, da muss man Fan sein und ich hab es trotz aller Widrigkeiten genossen. Meine Frau und ich sind mit der Bahn nach Oberfranken angereist, haben im Ibis am Bahnhof genächtigt und zwei Tage Bayreuth genossen mit Bier und Bratwurst. Und wir haben eine liebe Freundin getroffen und als Bäckerei-Fan haben wir die Erfolgsbäckerei vom ehemaligen Handwerkskammerpräsidenten Thomas Zimmer, die Bäckerei Konrad Lang besichtigt.

Die Richard-Wagner-Festspiele in der oberfränkischen Stadt sind nun zu Ende gegangen. Letzte Opernaufführung war der „Tannhäuser“ unter der Regie von Tobias Kratzer. Mehr als 58.000 Besucher sind in dieser Spielzeit auf den Grünen Hügel gekommen. Damit waren wieder alle Vorstellungen ausverkauft. Im vergangenen Jahr waren einige Tickets übriggeblieben. Mal sehen, ob ich 2025 wieder an Karten komme.

Moderner Flair am Grünen Hügel
Der Grüne Hügel ist flotter geworden, nicht so altbacken und verstaubt wie vor Corona-Zeiten. Nach Corona war ich nur bei einer Generalprobe dabei, so dass ich das Festivaltreiben nur aktuell beurteilen kann. Das Catering wurde komplett auf den Kopf gestellt und wird nun durch wahnfood durchgeführt. Das ist ein deutlicher Fortschritt zum bisherigen Steigenberger-Konzept. Die wahnfood GmbH ist ein ein junges Unternehmen aus Bayreuth in Oberfranken, dass sich auf kreatives Event-Catering und Erlebnis-Gastro-Konzeption spezialisiert hat. „Wir liefern nicht nur die Kulinarik um ihr Event, sondern wir schaffen fühlbare Erlebniswelten, die nachhaltig in Erinnerung bleiben“, heißt es auf er Website. Zumindest für die Bayreuther Festspiele ist es gelungen.

Die dichte Bestuhlung wurde entzerrt und es gab mehrere Foodstationen. Zum Essen konnte man neben Lachs auch Austern für die beiden einstündigen Pausen vorbestellen. Die eisgekühlte Cola zum Durchhalten kostete 5,50 Euro – Pfand wurde nicht rausgegeben.

Die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth waren während der ganzen Festspielzeit mit einem Stand vertreten und warben um Mitglieder. Ich wurde kein Mitglied, kaufte aber einen Kühlschrankmagneten.

Es gab sogar einen Fotopoint für die Instagrammer – musste ich auch gleich ausprobieren. Und es gab neuen Wagner-Merch. Nicht nur Büsten, Bücher, Noten und CDs von Wagner, es gab dieses Mal auch schwarze T-Shirts mit Sprüchen „Wahn! Wahn! Überall Wahn!“ gefiel mir am Besten.

Und natürlich durften die Wagner-Figuren von Ottmar Höhrl nicht fehlen. Dieses Mal waren am Grünen Hügel goldene Wagners aufgestellt, die ideale Fotomotive waren. Die Wagner-Figur verbeugt sich dieses Mal. Der Pop-up-Store in der Innenstadt von Bayreuth war allerdings schon im Abbau, so dass ich keine Figur erstehen konnte. Mal sehen, ob die Website von Hörl ab September noch was hergibt. Bei mir an Schreibtisch steht ein goldener Dirigenten-Wagner von Hörl, der dringend Gesellschaft braucht.

Und natürlich gab es wieder eine Festival-Bratwurst, Preis dieses Jahr 7,50 Euro. War jetzt nicht so der Hit, aber Rituale müssen eben sein, also rein damit. Die Gattin hat abgelehnt.

Zu den Ritualen gehört auch die Pausenmusik, die das Publikum zum Ende der Pause in das Festspielhaus rufen. Die muss natürlich auch jedes Mal von mir gefilmt werden. Hier bitte.

Und wer es genau wissen wollte, wie meine Besetzung und Aufführung ausgesehen hatte, hier die Beteiligten von TRISTAN UND ISOLDE VII am Montag, 26. August 2024
Musikalische Leitung: Semyon Bychkov
Inszenierung: Thorleifur Örn Arnarsson
Bühne: Vytautas Narbutas
Kostüm: Sibylle Wallum
Licht: Sascha Zauner
Dramaturgie: Andri Hardmeier
Chor: Eberhard Friedrich

Besetzung:

  • Tristan: Andreas Schager
  • König Marke: Günther Groissböck
  • Isolde: Camilla Nylund
  • Kurwenal: Olafur Sigurdarson
  • Melot: Birger Radde
  • Brangäne: Christa Mayer
  • Ein Hirt: Daniel Jenz
  • Ein Steuermann: Lawson Anderson
  • Junger Seemann: Matthew Newlin

Wagners Walküre in Füssen

15. Dezember 2023

An den geplanten Einsparungen bei den Bayreuther Festspielen gibt es harsche Kritik. Der Chor in Bayreuth soll kleiner werden. Es muss gespart werden. Es gibt Pläne, die Zahl der Chor-Mitglieder im kommenden Jahr um 40 Prozent von 134 auf 80 schrumpfen zu lassen. Das führt erwartungsgemäß zu Protest. Der alte Wagner hatte sich nie um Finanzen gekümmert und würde über die Einsparungen den Kopf schütteln. Der Ludwig hätte schon gezahlt.

Die Chor-Verkleinerung „wäre ein Armutszeugnis für dieses international renommierte Festival“, erklärte der Deutsche Musikrat. Die geplante Reduzierung dieses Ausnahmeklangkörpers um 40 Prozent wäre ein Armutszeugnis für dieses international renommierte Festival. Wagners Opern in Bayreuth künftig mit einem ausgedünnten Chorklang zu musizieren, wird dem besonderen Wesen seiner Musik in keiner Weise gerecht“, heißt es.

Ich habe Bayreuth seit Corona nicht mehr besucht, schlicht und einfach, weil es mir in der jetzigen wirtschaftlichen Situation nicht leisten kann/will. Das tut weh, weil ich die göttliche Musik von Wagner sehr gerne habe.

Um nicht ganz auf Wagner verzichten zu müssen, haben meine Frau und ich eine Aufführung der Walküre im Festspielhaus Füssen besucht. Naja, Füssen ist die Bayreuth und das Festspielhaus ist in erster Linie eine Bühne von Musicals. Und dennoch ist es ein besonderer Ort. Die Walküre kommt übrigens ohne Chor aus.

König Ludwig II. hat Gottfried Semper beauftragt für München ein Festspielhaus zu planen und zu errichten, um hier u.a. dem „bayerischen Volk“ Richard Wagners Werke präsentieren zu können. Dieser Plan wurde nie realisiert und so wurde in 2000 in Füssen direkt am Forggensee, gegenüber Ludwigs Märchenschloss Neuschwanstein das Festspielhaus Neuschwanstein nach Sempers Plänen für München errichtet.

Die „Die Walküre“ wurde unlängst zum zweiten Mal nach 2015 in Füssen aufgeführt. „Die Walküre – 2023“ – war eine neue Aufführung der Opera Sofia, die mit ihren bekanntesten Sängern des Landes im Juli 2023 ihre Premiere in Sofia hatte, und in Füssen von Lothar Zagrosek dirigiert wurde.

Aus den Regie-Notizen Nibelungen“ von Richard Wagner von Plamen Kartaloff: „Das Wichtigste in dieser neuen Produktion ist, unsere erste Erfahrung zu bereichern und zu entwickeln – mit einer noch tieferen Durchdringung des Stoffes, mit einer Reise in einer phantastischen Erzählung über Menschen und Ereignisse einer mythologischen Zeit im Kontext der Gegenwart und Zukunft, jedoch zu den Projektionen einer Welt, die sich im sich stets wiederholenden Kreislauf von Geburt – Leben – Tod befindet.“

Meine Premiere: Tannhäuser am Grünen Hügel

1. August 2019

Ich bin dankbar, dass mich meine  Frau zu Wagner begleitet.

Ich bin dankbar, dass mich meine Frau zu Wagner begleitet.

Das für mich wichtigste Kulturereignis in Deutschland ist angelaufen: Die Wagner-Festspiele auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Als glühender Fan des Musikers (NICHT des politischen Wagners) fiebere ich an diese Tage der Hochkultur hin und versuche zumindest eine Vorstellung live vor Ort zu genießen. Dieses Mal hatte ich besonderes Glück: Zusammen mit meiner Frau (kein Wagner-Fan) bekam ich Karte für die Premiere. Gegeben wurde die Neuinszenierung von Tannhäuser.

Tannhäuser ist eher eine eingängige Oper des Meisters und mit etwas unter drei Stunden erfordert sie nicht das Sitzfleisch auf den unbequemen Holzstühlen in Bayreuth. So sehr ich mich über die Karten zur Premiere freute, hatten wir dieses Mal Plätze in der letzten Reihe in der Galerie ganz, ganz hinten. Zunächst hatte ich Angst, dass ich nichts sehen würde und hab mir daher ein Fernrohr mitgebracht. Das brauchte ich nicht: Mein Platz war ideal: Gute Sicht und ein wunderbarer Klang der göttlichen Musik. Aber nachdem die Premiere zu heißen Temperaturen stattfand, es waren rund 38 Grad Celsius vor der Türe – geschweige denn im Zuschauerraum. Bei uns in der letzten Reihe staute sich die Wärme und so kam es zur doppelten Premiere: Alle männlichen Zuschauer in der Galerie entledigten sich ihrer Jackets. Und: Es durften Fächer ausgepackt und genutzt werden. Letzteres ist ein Novum und habe ich am Grünen Hügel noch nie erlebt. Das Gefächere stört sonst den Kulturgenuss, aber dieses Mal hatten wir die Wahl zwischen Leben und Tod – mit und ohne Fächer. Wir entschieden uns für Leben, für den Fächer. 

Premiere in Bayreuth bedeutet auch immer den Aufmarsch von Prominenz. Bei hohen Temperaturen ohne Schatten stellte ich mich vor den Haupteingang und beobachtete das Treiben. Die Kanzlerin habe ich nicht gesehen, wohl aber Ministerpräsident Markus Söder samt Gattin und Digitalministerin Dorothee Bär. Alle drei aber nur von hinten, in der Pause traf ich Doro Bär mit Gatten Oliver und machte das obligatorische Selfie. Nach Tannhäuser sah ich sie nocheinmal in energischen Gespräch mit Edmund Stoiber samt Karin. Ob sie über Wagner oder den FC Bayern (arrrg) diskutiert haben, weiß ich nicht und geht mich auch nichts an – ich hoffe, es war Wagner. 

Beim Warten auf die Prominenz traf ich eine ehemalige Volontärin, die jetzt für die Landespolitik einer großen süddeutschen Zeitung schreibt. So sieht man sich nach Jahren wieder. Sie versuchte den Bayreuther Modetrend auf die Spur zu kommen. Nun, ich trug dieses Mal ein wunderbares Tweed-Jacket von Felbinger Herrenausstatter a us Immenstadt, kam aber trotzdem nicht in die Zeitung. Für die Kameras waren die Standplätze genau markiert und es war wieder ein schönes Geschrei, damit jeder seinen Schuss bekam. 

Kamerapositionen am Boden.

Kamerapositionen am Boden.

I ch sah ein bisschen A,B und C-Prominenz. Am meisten freute ich mich über die Maus samt Schöpfer. Schauspieler Günter Maria Halmer mit Frau Claudia, Schauspielerin Michaela May, die ehemalige Bundestagsabgeordnete Dagmar Wörl, SPD-Landtagsabgeordneter Markus Rinderspacher und einige mehr. 

Als Medienmensch war es für mich eine Freude Axel Brüggemann zu sprechen. Ich habe den Musikjournalisten seit 2012 im Kino bei den Wagner-Übertragungen genießen zu dürfen. Toller Mann, tolle Ausstrahlung und vor allem tolles Fachwissen.

Schön, den Axel Brüggemann mal persönlich zu treffen.

Schön, den Axel Brüggemann mal persönlich zu treffen.

Natürlich gab es wieder ein paar Demonstranten, die bei der Prominenz sich selbst inszenierten. Dieses Mal lagen einige Demonstranten am Boden. Ich glaube, es ging um das wichtige Thema Klima. Ob die Damen und Herren aufgrund der hohen Temperaturen am Boden lagen, weiß ich nicht. So richtig interessiert hat diese Demo aber keinen, so zumindest mein Eindruck.

Kleine Demo am Rande.

Kleine Demo am Rande.

Das Treiben am Grünen Hügel fasziniert mich, denn die Wagner-Fans sind schon ein eigenes Völkchen. Mal tragen sie die Mode aus den Siebzigern auf (ist doch noch gut), mal sind die modisch komplett verrückt. Sehr schön, die asiatischen Gäste mit der Kleidung ihrer Heimat – gefällt mir gut, ein paar Oberbayern habe ich in Lederhosen gesehen (wer’s mag bei Wagner). Die Kollegin vom Bayrischen Rundfunk Abteilung Klassik beschloss gleich mal in der Moderation die Schuhe auszuziehen und barfuß ihren Job zu machen. Dazwischen war Le Gateau Chocolat (der Schokokuchen), eine bärtige Dragqueen aus London, die in Tannhäuser mitspielte. 

Zwischen den Aufzügen war entweder große, teure Fresserei bei Steigenberger oder man konnte Theater im Park erleben. War beides nicht mein Fall, aber ich musste natürlich das Selfie vor der Leiter machen, die zum Balkon reichte. Hier wurde die reale Welt mit der Welt der Oper verbunden – nette Idee der Inszenierung. 

Und da wären wir bei der Inszenierung. Bayreuth-Debütant Tobias Kratzer inszenierte provokativ und tags darauf machte das rechte Pack im Netz gegen die Inszenierung mobil. Kratzer machte aus Tannhäuser ein Spektakel und ritt durch bundesdeutsche Symbole. Da war Oskar aus der Blechtrommel und Ottmar Hörl nur eine Kleinigkeit. Naja, die Inszenierung beschäftigte den Geist. Das Dirigat von Walerij Gergijew war ebenfalls nicht der Hammer, so dass es viel Buh am Ende gab. Aber schaut selbst: 

Jetzt Karten sichern für Richard Wagner im Kino Tannhäuser

24. Juli 2019

Dieses Jahr hab ich Premierekarten und freu mich wie Bolle.

Dieses Jahr hab ich Premierekarten und freu mich wie Bolle.

Richard Wagner im Kino? Was einst als Experiment begann, ist heute eine liebgewonnene Tradition. Besorgt euch im Kartenvorverkauf die Karten für Tannhäuser am 25. Juli. Und wer Angst vor Wagner hat, kann es ja mal ausprobieren und muss nicht gleich Karten für den Grünen Hügel in Bayreuth kaufen. Ich bin dieses Jahr nicht im Kino mit dabei – ich habe Premierekarten und flipp aus.

Bald ist es wieder so weit
Mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg beginnen am 25. Juli 2019 die 108. Bayreuther Festspiele. Die „Große romantische Oper in drei Akten“ wurde 1845 in Dresden uraufgeführt und 1891 zum ersten Mal in Bayreuth gezeigt. Nach Sebastian Baumgartens Tannhäuser-Interpretation im Jahr 2011 ist die nächstjährige Neuproduktion die neunte Inszenierung des Werks (das in der so genannten Dresdner Fassung aufgeführt werden wird) bei den Festspielen.
Die Musikalische Leitung hat Valery Gergiev, der erstmals in Bayreuth dirigieren wird. Als Regisseur konnte Tobias Kratzer gewonnen werden, Bühne und Kostüme stammen von Rainer Sellmaier.
Stephen Gould verkörpert die Titelpartie des Tannhäuser, den er zum ersten Mal 2004 in Bayreuth sang. Lise Davidsen wird als Elisabeth zu erleben sein, Stephen Milling als Landgraf Hermann. Wolfram von Eschenbach wird von Markus Eiche gesungen werden und die Partie der Venus von Ekaterina Gubanova. Daniel Behle als Walther von der Vogelweide, Kay Stiefermann als Biterolf, Jorge Rodríguez-Norton als Heinrich der Schreiber, Wilhelm Schwinghammer als Reinmar von Zweter und Katharina Konradi als Ein junger Hirt vervollständigen das Ensemble.

Der große Richard Wagner - auch im Kino.

Der große Richard Wagner – auch im Kino.

Tannhäuser live zeitversetzt
Ich freue mich auf die Neuinszenierung von Tannhäuser am 25. Juli 2019. Im Kino läuft das Werk ab 18:00 Uhr „live zeitversetzt“. Die Kinoübertragung der Live-Aufzeichnung der Vorstellung wird auch in diesem Jahr wieder zwei Stunden später als die eigentliche Aufführung im Festspielhaus stattfinden. Ich werde aus Bayreuth winken und vielleicht seht ihr mich im Kino.
Die Bayreuther Festspiele gehören zu den bekanntesten und renommiertesten Festspielen weltweit. Jahr für Jahr kommen rund 60.000 Besucher aus der ganzen Welt nach Bayreuth, um die Aufführungen zu erleben, auch ich war einige Male mit dabei und ich muss euch sagen: Es ist großartig. Die Nachfrage nach Karten übersteigt seit Jahrzehnten das verfügbare Kartenangebot, weshalb sich teils mehrjährige Wartezeiten ergeben. Durch die Kinoübertragung ist es nun allen Wagnerbegeisterten möglich, in den Genuss einer Aufführung der Bayreuther Festspiele in herausragender technischer Qualität und mit einem kinoexklusiven Pausenprogramm zu kommen.

Bewährtes Format
Im Jahr der ersten Kinoauswertung 2012 startete die Familie Wagner mit 55 Kinos und viel Überzeugungsarbeit, mittlerweile sind über 190 Kinos die Bayreuther Festspiele erfolgreich spielen, Tendenz steigend. Auch mein Lielingskino Scala in Fürstenfeldbruck ist seit Jahren mit dabei und die Übertragung erfreut sich großer Beliebtheit.
Seit der Festspielsaison 2016 beginnt die Kinoübertragung der Live-Aufzeichnung der Vorstellung um 18:00 Uhr und damit zwei Stunden später als die eigentliche Aufführung im Festspielhaus. Durch die Übertragung zu einer späteren Tageszeit haben mehr Kinobesucher die Chance, an der Übertragung teilzuhaben, gleichzeitig verkürzen sich dadurch für die Kinobesucher die in Bayreuth einstündigen Pausen der Opernaufführung. Infolge der gestrafften Pausen nähert sich die Übertragung in zeitlicher Hinsicht dem tatsächlichen Bühnengeschehen in Bayreuth an und lässt die Übertragung damit quasi zum Live-Erlebnis werden. Dieses Übertragungsformat wurde so gut angenommen, dass die Familie in der Anzahl der Kinobesucher einen Anstieg von über 20% gegenüber dem vorherigen Übertragungsformat verzeichnen konnte.

Chance nutzen und Wagner kennenlernen
Und gerade Operninteressierte sollten diese Chance nutzen. Manche Leute kennen Wagner aus dem Kino wie der Wallkürenritt aus Apocalypse Now oder den Einzug der Götter in Walhall aus Prometeus.
Wagner-Opern sind etwas Besonderes, etwas Würdevolles, etwas Feierliches. Karten für Bayreuth zu bekommen ist schwer und die Karten sind teuer. Daher ist es ideal, wenn man für vergleichsweise wenig Geld in den Genuss einer Wagner-Oper kommt. Alle Klassikinteressierten sollten diese Möglichkeit nutzen und sich an Wagner heranwagen. Natürlich lässt sich ein Kinobesuch nicht mit einem Besuch auf dem Grünen Hügel vergleichen: Dennoch sollte man es ausprobieren und sich mit der Musik von Richard Wagner vertraut machen. Wagner führte die Leitmotive in die Musik ein und wer die großen Filmmusikkomponisten wie John Williams, Jerry Goldsmith, John Barry und und und schätzt, weiß, wie wichtig Wagner für die Filmmusik ist. Und zudem ist Tannhäuser eine vergleichsweise leichte Oper von Richard Wagner, deren Leitmotive schnell ins Ohr gehen. Also nicht zögern und eine Karte fürs Kino besorgen.

Stühle im Festspielhaus oder Sessel im Kino
Ich bin zwar immer wieder fasziniert von dem 1974 Plätze fassenden Zuschauerraum des Festspielhauses in Bayreuth. Er ist schlicht eingerichtet und besteht aus gleichmäßig ansteigenden Sitzreihen nach Vorbild antiker Amphitheater. Die Akustik in dem Konzertsaal aus Holz ist genial.

Kinosessel sind schon bequemer als die Holzstühle am Grünen Hügel.

Kinosessel sind schon bequemer als die Holzstühle am Grünen Hügel.

Die harten Holzklappstühle sollen eine Idee von Wagner selbst gewesen sein. Kein Zuschauer sollte einschlafen, denn bequem sind die Holzteile wirklich nicht und die Reihen sind eng, also ist mit Beine ausstrecken auch nicht viel her. Und Wagner-Opern können lang, sehr lang dauern, je nachdem wer dirigiert. Der Ring des Nibelungen erfordert Sitzfleisch. Tannhäuser ist da deutlich kürzer. Die Pausen in Bayreuth sind dringend nötig, um sich zu strecken und spazieren zu gehen.
Da ist eine Wagner-Oper im klimatisierten Kinosaal im Scala eine absolute Wohltat für den Hintern. Die Sessel sind weich, die Beine kann man ausstrecken. Wagner im Kino ist natürlich doch etwas anders als Wagner in Bayreuth. Im Kino geht es lockerer zu. Es ist möglich, dass ich mir Bier und Popcorn in den Saal mitnehmen kann. In Bayreuth wird man dafür am Fahnenmast des Opernhauses aufgeknüpft.

Technische Details der Übertragung
Natürlich geben sich die Macher alle Mühe, den Ton so gut als möglich ins Kino zu übertragen. Aber es muss auch klar sein: Der Sound wird niemals so genial klingen wie im Bayreuther Festspielhaus. Wer einmal eine Oper von Wagner dort erleben durfte, den hat der Klang umgehauen. Noch nie habe ich so einen hervorragenden Klang gehört. Allerdings braucht man dazu eine der seltenen Eintrittskarten auf den Grünen Hügel. Bei der Live-Übertragung im Kino wird man alles herausholen, was die Technik kann. Die Liveübertragung erfolgt auf höchstem technischen Niveau in HDTV 1080i und in Dolby 5.1 Sound. Das Signal wird für die Live-Übertragung in den Kinos über die beiden Satelliten Intelsat 10-02 und Eutelsat 5 West ausgestrahlt. Am Tag der Übertragung steht das Satellitensignal einige Stunden vor Beginn zur Verfügung. Untertitel von Tannhäuser auf Deutsch sind im Kino vorhanden, was günstig ist, um das Libretto zu verstehen.

Mit der Walküre hat das Grauen sein Ende

4. September 2018
Ausdrücklich danke ich meiner Frau, dass sie mich tapfer zu Wagner begleitet. Ausdrücklich danke ich meiner Frau, dass sie mich tapfer zu Wagner begleitet.

Haben wir das auch wieder hinter uns gebracht – leider kann ich den Spruch nicht in Fränkisch wiedergeben, aber das kam mir in den Sinn als ich aus dem Festspielhaus in Bayreuth nach mehreren Stunden Walküre schwitzend in die Abendluft trat. 

Es war schon heiß in dem ehrwürdigen Festspielhaus.

ref=“https://redaktion42.com/wp-content/uploads/2018/09/72d891a6-55c5-4b8f-a56c-141527192b67.jpeg“> Es war schon heiß in dem ehrwürdigen Festspielhaus.[/ca

Nein, nein, die Oper mit der göttlichen Musik des Meisters hat mir gefallen, mich zutiefst berührt. Auch das Dirigat des viel kritisierten Plácido Domingo fand ich nicht schlecht, aber ich habe endlich Frank Carstorf hinter mich gebracht. Alle Teile der Tetralogie habe ich gesehen und die Walküre war der letzte Teil meines Rings der Nibelungen. Natürlich weiß ich, dass die Walküre der erste Tag der Aufführung ist, aber bekommen Sie mal Karten in der richtigen Reihenfolge in Bayreuth. Ja, träumen Sie weiter. 

Ich habe also meinen Ring komplett Das Rheingold („Vorabend“), Die Walküre („Erster Tag“), Siegfried („Zweiter Tag“) und Götterdämmerung („Dritter Tag“) und ich habe damit den kompletten Ring in der Inszenierung von Frank Carstorf hinter mich gebracht – und es war eine Qual. Das sozialistische Bühnenbild mit störenden Filmeinspielungen haben mir nie gefallen. Bei 30 Grad Celsius im Festspielhaus kam wohl Carstdorfs Rache am Bayreuther Publikum, als es im dritten Aufzug zur Verstoßung kommt. Da wird dann zum Schluss ein Ring aus Feuer auf der Bühne entfacht, der die Temperaturen weiter nach oben treibt. „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie!“ Nie wieder Carstdorf, bitte. Im nächsten Jahr soll der Ring von jemand anders inszeniert werden. Wer das sein wird, hat Festspielleiterin Katharina Wagner noch nicht öffentlich verkündet. Ich bin gespannt, denn dann geht der Ring des Nibelungen für mich wieder von vorne los.

Den Carstorf-Ring hab ich Gott sei Dank jetzt durch.

ps://redaktion42.com/wp-content/uploads/2018/09/0b7549b6-81fd-4415-b75e-22e5266aee1d.jpeg“> Den Carstorf-Ring hab ich Gott sei Dank jetzt durch.

[/caption]Ungewöhnlich für Wagnerianer war der Aufführungstag der Walküre. Es war der Mittwoch, 29. August 2018. Da muss der traditionelle Wagnerianer ganz feste schlucken und stark sein, denn die Festspiele haben einen klar umrissenen Zeitraum und sonst ist am 28. August Schluss und die Wagner-Fans können in die Ferien fahren. Ich hab beim Social Media-Team in Bayreuth gleich mal nachgefragt und bekam folgende Antwort: „Auf Grund der hohen Nachfrage und wegen zwei Vorstellungen mehr als in den letzten Jahren, sind die Festspiele um einen Tag verlängert worden. Viele Grüße aus Bayreuth.“ Mir war es egal, aber so mancher Fan auf dem Grünen Hügel war sichtlich irritiert. Für den Rest der Welt ist es wohl der berühmte Sack Reis, der umfällt. 

Wie gesagt, wie Musik von Richard Wagner steht für mich außer Frage. Und im Vorfeld gab es Gemaule über das Dirigat von Plácido Domingo. Ein bisschen mehr Pepp hätte es der ganzen Sache gut getan, aber der Weltuntergang verzeih Götterdämmerung ist es nicht gewesen. Der Schlussapplaus war ganz ordentlich, ein paar Buhs in Bayreuth gehören dazu.

Ich mag ja die Stimmung bei den Festspielen, doch bemerke ich in den vergangenen Jahren ein Rückgang der Service-Qualität durch die Gastronomie Steigenberger bei gleichzeitigem Ansteigen der Preise. Zwei Beispiele: Die Türe einer Herrentoilette war defekt und konnte nicht verschlossen werden. Und so traten immer wieder Herren in die besetzte Kabine, was nicht zur Heiterkeit aller Beteiligten führte. Das Schloss war schon vor der Aufführung der Walküre kaputt. Den Kaffee konnte man sich für teuer Geld aus einer Kaffeemaschine herauslassen, während das Servicepersonal ein kleines Schwätzchen in der Pause hielt. Servicewüste ist eben ein deutsches Wort. 

Großes #mimi in Bayreuth - Wagner Festspiele dauerten einen Tag länger.

on42.files.wordpress.com/2018/09/991efc44-39d8-4f7d-a832-c7a563c660aa.jpeg“> Großes #mimi in Bayreuth – Wagner Festspiele dauerten einen Tag länger.

Und natürlich

[/caption]Und natürlich werde ich mich redlich bemühen, für 2019 wieder Karten für den Grünen Hügel zu bekommen. Ich danke meiner Gattin, die kein ausgesprochener Wagner-Fan ist, dass sie mich begleitet. Und für euch da draußen: Ich bin für Karten immer empfänglich. 

Wagner im Kino: Lohengrin

27. Juli 2018

Blau, das war die Farbe des Abends: Blau in verschiedenen Schattierungen. Als ich aus dem Kino ging, in dem Lohengrin aus Bayreuth übertragen wurde, war ich fast betrunken. Nicht wegen des Blaus der Inszenierung, sondern trunken von der Musik Richard Wagners. Wobei ich auch zugeben muss, Lohengrin gehört textlich und musikalisch eher zu den schwächeren Opern des Meisters. 

Meine Gattin und ich im Scala in Fürstenfeldbruck und lauschen Wagner.

Meine Gattin und ich im Scala in Fürstenfeldbruck und lauschen Wagner.

Bei meiner Gattin und mir ist es ein Ritual in Sachen Wagner. In Ermangelung von Premierekarten schauen wir uns die Neuinszenierung von Wagners Oper via Live-Übertragung bei uns im örtlichen Kino Scala Fürstenfeldbruck an und im August besuchen wir die Festspiele am Grünen Hügel dann live. Dieses Jahr wird es die gewöhnungsbedürftige Frank Castorfs Ring-Interpretation die Wallküre sein. Beim Bühnenbild mach ich einfach die Augen zu, darf aber Plácido Domingo als Dirigent hören.

Tinker Bell, Biene Maja oder dire drei von der Tankstelle - Dieser Lohengrin war so etwas eigen.

Tinker Bell, Biene Maja oder dire drei von der Tankstelle – Dieser Lohengrin war so etwas eigen.

Gerne wäre ich bei einer Premiere in Bayreuth dabei. Ich sehe Prominenz, die in Bayreuth erscheint, angeführt von Urlauberin Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Mann Joachim Sauer. Die Kanzlerin mag Wagner, versteht ihn auch. Doch so mancher Hanswurst in Bayreuth ist wohl weniger wegen der Musik als vielmehr wegen des Glamours da. Aber so war es wohl auch zu Richard Wagners Zeiten und so ist es auch zu Katharina Wagners Zeiten. Und dennoch: Ich stehe bereit für Premierenkarten – ich seht: Ich bin neidisch. 

Mit einem Glas Sekt wurden wir im Scala begrüßt. Vielen Dank.

Mit einem Glas Sekt wurden wir im Scala begrüßt. Vielen Dank.

Also nahm ich im klimatisierten Saal 4 im Scala Kino Platz, grinste ein wenig über die Temperaturen im Festspielhaus. Die Übertragung aus Bayreuth beginnt, doch es fehlt der Ton. Entweder gibt es beim Streaming Tonprobleme oder ein Profi im Kino hat den Ton abgedreht. Nach Protest der zumeist älteren Zuschauer war dann der Ton nach ein paar Minuten da – von der Musik haben wir nichts verpasst, allerdings vom Gerede von Katharina Wagner. Macht’s nichts, ich mag die Damen sowieso nicht, aber der Höflichkeit halber hätte ich gerne gehört, was sie sagt. 

Auf dem grünen Hügel gab es vereinzelt Buhs für ihn. Auch das gehört zu Bayreuth.

Auf dem grünen Hügel gab es vereinzelt Buhs für ihn. Auch das gehört zu Bayreuth.

Die Oper beginnt – mein erster Eindruck war Blau. Das Bühnenbild des Künstlerpaars Neo Rauch und Rosa Loy der neuen Leipziger Schule war blau und es zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Inszeniert wurde das Ganze von Yuval Sharon. Nach der blauen Phase kam ich mir vor, in einem Universal-Horror-Film zu sein. Blitze und Transformatorenstationen als ob man das Labor von Victor Frankenstein betritt und die blaue Frisuren erinnerten an Frankensteins Braut. Die Darsteller haben Flügel umgeschnallt, stehen in ihren Rembrandt-Kostümen in einer Welt von Motten und Fliegen. Muss das Volk von Brabant einen Stromstoß bekommen? Ungewöhnlich, wahrlich ungewöhnlich – gefällt mir diese Biene Maja-Blaumann-Version von Lohengrin? Ich bin mir nicht sicher, ob ich Tinker Bell bei Wagner sehen will. 

Ich mag die Interpretation von Christian Thielemann, der jetzt Die Geschichte um Betrug und Fanatismus, von Hingabe und Idealismus vor dem Hintergrund der Macht des Gral lässt viele Interpretationen auf Wagners Zustand zu. 

Ich hab mich geärgert, dass ich mich nicht richtig auf diesen Abend vorbereitet habe. Dann hätte ich auch mitbekommen, dass Piotr Beczala die Titelpartie kurzfristig von Roberto Alagna übernommen hat, der abgesagt hat. Aber Lohengrin mit seinem Frage-Verbot nach seinem Namen und Herkunft, steht bei der Oper nicht im Vordergrund. Es ist Elsa und sie ist die interessante Person des Stücks mit seinen drei Aufzügen. Elsa von Brabant wird gesungen von Anja Harteros. Und die beste Szene für mich ist die Bindung von Elsa an Lohengrin, der zudem seine Herzensdame mit einem Seil an sich fesselt. Die Frage nach der Herkunft zerstört die Liebe. Beczala und Harteros sind hier einfach wunderbar und wenn Lohengrin dann in Trauer seinen Namen und Gralherkunft verrät ist es zum Dahinschmelzen. 

Ich habe noch Hans Neuenfels Lohengrin in Erinnerung. Damals saß ich bei den Ratten in der zweiten Reihe im Festspielhaus, bei Sharon saß ich im Kinosessel. So sehr ich mich Neuenfels empört habe, so sehr habe ich mich bei Sharon zeitweise gelangweilt. Das kam schon alles glatt daher. 

Sie kam zurück nach Bayreuth: Waltraut Meier.

Sie kam zurück nach Bayreuth: Waltraut Meier.

Ich freute mich auf Waltraud Meier, die nach der Isolde wieder nach 18 Jahren nach Bayreuth kam und für mich eine starke Interpretation der Ortrud ablieferte. Der verdiente Applaus in Bayreuth war sicherlich nicht nur wegen der Leistung in Lohengrin, sondern ein Dank für ihr Gesamtwerk.

Ein Dank zudem den Betreibern des Scala-Kinos in Fürstenfeldbruck. Ich finde es toll, dass ihr Wagner im Kino anbietet und so lange ich keine Premierenkarten bekomme, besuche ich euch bei Richard Wagner, auch wenn das Publikum eher übersichtlich blieb. Vielleicht sollten wir 2019 bei Tannhäuser mal zu einer PR-Aktion ansetzen. 

Der lange Weg zu Karten für die Bayreuther Festspiele

19. März 2018

Es war schon eine Geduldsprobe, die ich mir da zugemutet habe. Gestern stand der Online-Verkauf für die Bayreuther Festspiele auf meinem Nachmittagsprogramm. Und es hat auch wirklich den ganzen Nachmittag gedauert, bis ich zwei Karten für die beste Ehefrau und mich erstanden habe. Zufrieden bin ich aber dennoch nicht.
Um 14 Uhr war der Ticket-Shop am Grünen Hügel in Bayreuth geöffnet. Um 13:58 Uhr stand ich auf der Matte. Das iPad war online. Kundennummer und Kreditkarte sowie Kalender lagen bereit – also die magischen 3 K. Dieses Jahr steht eine Neuinszenierung von Lohengrin auf dem Programm und ich würde gerne die Inszenierung sehen. Anja Harteros soll die Elsa singen. Ich sag es gleich: Ich habe keine Karten für Lohengrin bekommen und bin deswegen enttäuscht. So muss ich mir wohl die Neuinszenierung wieder im Kino ansehen, wenn es übertragen werden sollte. So habe ich es in der Vergangenheit immer gemacht. Und Lohengrin war die erste Oper, die ich in Bayreuth jemals gesehen habe.

Der Ticket-Shop öffnet
Nun um 14 Uhr öffnete der Shop seine Pforten und ich reihte mich ein. Vergangenes Jahr habe ich so auch Karten für die wunderbaren Meistersinger erstanden und hoffte wieder auf mein Glück. Aber ich war wohl zu spät. Es waren einige Wagnerianer vor mir und das bedeutet dann stundenlanges Warten.
Nach 20 Minuten viel mir auf, dass die Veranstalter die Website geändert hatten. Im vergangenen Jahr waren es animierte Figuren, die sich Platz um Platz nach vorne schoben. Dieses Jahr gab es einen klassischen Ladebalken und der stand bei mir ganz weit links. Wie öde!

Ganz links ist der Ladebalken um 14:09 Uhr. Das kann dauern und die animierten Figuren sind auch nicht mehr da.

Ganz links ist der Ladebalken um 14:09 Uhr. Das kann dauern und die animierten Figuren sind auch nicht mehr da.

Das Neuladen der Seite ist strengstens verboten und auch die Seite im Hintergrund laufen lassen, dass will die Familie Wagner nicht. Ob das stimmt, habe ich nicht ausprobiert, denn ich wollte meinen wertvollen Platz in der Ticketschlange nicht aufgeben. Links oben auf der Website gab es ein Ampelsystem, ob Karten für die jeweilige Oper noch verfügbar sind. Dieses Jahr gab es online Karten für Holländer, Lohengrin, Meistersinger, Parsifal, Tristan und Wallküre. Nach 20 Minuten waren noch alle Ampeln auf Grün.

Alle Ampeln auf Grün. Ich beginne zu hoffen auf Lohengrin.

Alle Ampeln auf Grün. Ich beginne zu hoffen auf Lohengrin.

Ich hoffte also auf Lohengrin. Doch dann wechselte Lohengrin auf Gelb, die Karten wurden knapp und ich war noch ganz hinten in der Warteschlange.

Lohengrin wird um 14:33 Uhr knapp. So ein Mist.

Lohengrin wird um 14:33 Uhr knapp. So ein Mist.

Ich wurde nervös und nervte die Twittergemeinde mit meinen Bedanken. Das viele Jammern nutzte nichts. Nach einer Stunde war Lohengrin immer noch auf Gelb und ich hatte gerade mal ein Drittel des Ladebalkens geschafft. Und dann, um 15:06 Uhr sprang Lohengrin auf Rot um – alle Karten weg und mein Ärger war da. Über eine Stunde gewartet und keine Karten.

Und weg war Lohengrin.

Und weg war Lohengrin.

Nun, dann begann das Alternativprogramm. Ich hatte die Inszenierungen von Holländer, Meistersinger, Parsifal und Tristan in Bayreuth bereits genossen, also blieb nur noch die Wallküre übrig. Ich konzentrierte mich also auf die Wallküre. Sie ist die erste Oper des Bühnenfestspiels für drei Tage und einen Vorabend, der aus dem Rheingold besteht. Es handelt sich um den Castorf-Ring, der 2017 auslief, aber 2018 noch in Einzelvorstellungen zu sehen ist. Ich habe Teile des Castorf-Rings gesehen und er hat mir nur teilweise gefallen. Aber Bayreuth ist eben Bayreuth und ich will auch 2018 wieder dabei sein und blöde daherreden.

Um 15:20 Uhr wurden auch die Karten für die Meistersinger knapp. Die Ampel schaltete auf Gelb. Karten für die Wallküre scheint es noch zu geben und ich wartete bereite 1:20 Uhr vor dem iPad mit der Ticketseite online. Und nun der Schock: Um 15:29 Uhr schaltete auch die Wallküre auf Gelb. Sollte ich eineinhalb Stunden umsonst gewartet haben? Ich wurde nervös. In dem Ladebalken hatte ich das Opernhaus noch nicht mal erreicht und die Karten wurden eng. Minute um Minute schob ich mich vor. Ich war sogar soweit, dass ich den lächerlichen Figuren auf dem Display Namen gab und meinen Kindern immer verkündete, wenn ich Herrn Maier, Frau Müller und Frau Schmidt überholt habe. An der Spitze der Schlange stand übrigens Herr Theobald, so hab ich den Typen genannt, der hinter einer Straßenlaterne versteckt war. Es galt diesen Theobald zu überrunden, der vor mir stand. Ich entwickelte einen regelrechten Zorn auf diesen virtuellen Pixeltypen, der so unscheinbar da stand.

Um 15:49 Uhr hatte ich den Herrn Theobald erreicht.

Um 15:49 Uhr hatte ich den Herrn Theobald erreicht.

Ich näherte mich Herrn Theobald Meter für Meter. Um 15:46 Uhr war ich schon ganz nah dran. Um 15:49 Uhr war der Eintritt ins Opernhaus zum Greifen nahe und ich freute mich schon. Um 15:55 Uhr hatte ich Herrn Theobald überholt. So Theo jetzt hab ich dich und zeig dir, was eine Harke ist. Doch ich wurde abermals von Bayreuth enttäuscht. Obwohl ich der erste in der Reihe der Personen war und noch vor diesem Herrn Theobald, galt dies wohl nicht für den Ladebalken. Der Balken musste bis ganz rechts laufen um vollständig geladen zu sein. Was soll das? Bayreuth, ich fühle mich von dieser GUI betrogen.
Nun standen Lohengrin und Meistersinger auf Rot und Wallküre auf Gelb und es war 16:02 Uhr. Zwei Stunden in der Schlange gewartet und ich drohte zu scheitern.

16:02 Uhr - es wird verdammt eng.

16:02 Uhr – es wird verdammt eng.

Um 16:16 Uhr hatte ich Herrn Theobald und die ganze Schlange weit hinter mich gelassen und näherte mich dem Eingang des Festspielhauses. Im Original gehe ich dort immer wieder rein und finde eine Säule mit einer Inschrift von der damaligen Premiere des Rings wieder. Langsam bekam ich Schnappatmung. Meine Gattin meinte nur lakonisch „Ja mei“ und meinte wohl: Dann eben Bayreuth nicht. Für sie ist es kein großer Verzicht, denn sie kommt zum Grünen Hügel nur mir zuliebe mit. Sie selbst ist nicht eine Wagnerverehrerin und kommt aus Liebe mit mir mit – ein schöner Liebesbeweis sich vier Stunden den Hintern auf unbequemen Klappstühlen wund zu sitzen.

16:16 Uhr - ich fühle mich von der GUI betrogen.

16:16 Uhr – ich fühle mich von der GUI betrogen.

Aber ich wollte nicht klein beigeben. Um 16:35 Uhr – zwei Stunden und 35 Minuten nach Öffnung des Ticketshops durfte ich für 10 Minuten den Store betreten und meine Karten auswählen. Oh wie gnädig. Ich bekam noch Restkarten für Wallküre – leider nicht wie gewohnt vorne, sondern ziemlich weit hinten. Und wir bekamen auch keine zusammenhängenden Plätze. Das bedeutet, meine Frau und ich müssen die Oper getrennt verfolgen. 3:45 Stunden dauert die Wallküre mit zwei Pausen, die wir zum Spazieren gehen nutzen können. Ich werde in den Pausen quatschen und meine Frau die Umgebung des Festspielhauses genießen.
Karten wurden mit der Kreditkarte bezahlt. Über die Preise schweige ich mich aus. Dann machte ich mich auf die Hotel-Suche. Da machte ich es mir leicht. Wir sind immer in Heinersreuth im Hotel Opel. Ich mag dieses fränkische Landgasthaus mit der lustigen Besitzerin. Das Essen ist bodenständig und ich freue mich auf den Pressack und das Bier. Online ein Zimmer gebucht, es war Gott sei Dank noch etwas frei. Dann zurückgelehnt und dann vom Musikserver die Wallküre geladen. Im Keller habe ich noch eine DVD vom Jahrhundertring des Jahres 1976 von Pierre Boulez, damit werde ich meine Umgebung beglücken. Bis zur Festspielsaison habe ich noch ein wenig Zeit das Libretto zu studieren und mir schlaue Sprüche auszudenken. Ach Richard Wagner, ich mag einfach deine Musik.

Es ist 16:35 Uhr und ich darf mein Geld ausgeben.

Es ist 16:35 Uhr und ich darf mein Geld ausgeben.

Doppelpack Die Meistersinger von Nürnberg

13. August 2017

Einmal im Jahr versuche ich nach Bayreuth zu kommen.

Einmal im Jahr versuche ich nach Bayreuth zu kommen.

Für mich ist der August auch immer mit einem Besuch an einen heiligen Ort verbunden: Dem grünen Hügel von Bayreuth. Wenn ich irgendwie Karten für die Richard Wagner Festspiele ergattere, dann reise ich zu einer Aufführung an diesem Hort der Kultur. In der Regel startet mein Wagner-Erlebnis mit der Kino-Übertragung und einem späteren Live-Besuch vor Ort. Dieses Jahr habe ich mir ein Doppelpack Meistersinger gegönnt.

Die Meistersinger von Nürnberg in der Inszenierung von Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, war für mich ein Erlebnis. Die 4,5 stündige Oper, es ist die längste Wagner-Oper überhaupt, kam fast wie eine flotte Operette daher – fast. Den Ring zähle ich hier mal nicht als einzelne Oper, sondern als Mehrteiler. Verzeihung wenn ich Operette mit der heiligen Musik von Wagner assoziiere.

Ich hatte die Meistersinger zuvor noch nie live gesehen und war von der Neuinszenierung sehr positiv überrascht. Ich schmunzelte über die beiden tierischen Stars zu Beginn und den Humor der Inszenierung im Hause Wahnfried im Allgemeinen. Die Neufundländer Möhre und Bingo, alias Marke und Molly waren vor der Oper ein wahrer Publikumsmagnet. Festspielleiterin Wagner weiß einfach, die Hunde ziehen und nachdem auch Barrie Kosky ein Hundebesitzer ist, waren entsprechende Storys in der Presse vorprogrammiert. So sieht moderne PR-Arbeit aus.

Barrie Kosky ist der erste Jude, der eine Wagner-Oper in Bayreuth inszeniert. Was so locker und flockig begann, wurde dann ernst. Es blieb mir das Schmunzeln im Halse stecken, spätestens am Ende des zweiten Aufzugs als ich mit Wagner schrecklichen Antisemitismus konfrontiert wurde. Wagner als Musiker ist genial, Wagner als Politiker ist verabscheuungswürdig. Der Jude als Witzfigur. Hermann Levi, der erste „Parsifal“-Dirigent, wurde von Wagner immer wieder verspottet. Das sah man bereits im Vorspiel der Meistersinger, als sich der Jude dem Christentum beugen musste. Und auch das Bühnenbild änderte sich von Wohnzimmer zu Gerichtssaal. Die Ouvertüre von Wahnfried endet im dritten Aufzug im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse.

Das Selfie vor dem Festspielhaus mit Doris Ortlieb. Danke, dass sie mich begleitet, obwohl Wagner nicht so ihr Ding ist.

Das Selfie vor dem Festspielhaus mit Doris Ortlieb. Danke, dass sie mich begleitet, obwohl Wagner nicht so ihr Ding ist.

Ich hab Rücken bei den Meistersingern
4,5 Stunden Wagner kann ein Genuss sein, muss es aber nicht. Ich hatte im zweiten Aufzug, der nur eine Stunde dauerte, Rückenprobleme aufgrund der Holzstühlen. Das Sitzen auf meinem Klappstuhl tat mir dieses Jahr weh. Das Holz drückte unangenehm in den Rücken, schlimmer als in den vergangenen Jahren. Sollte ich gar jetzt so alt sein, dass ich ein lächerliches Sitzkissen mit nach Bayreuth nehmen sollte?

In der zweiten Pause schaute ich sogar am Merch-Stand bei der Post gegenüber des Festspielhauses die Kissen an. Aber nein, ich blieb hart. Ich kauf kein Kissen und nahm in 2,5 stündigen dritten Aufzug wieder auf dem harten Holzstuhl Platz. Insgesamt gibt es 1974 Plätze im Zuschauerraum mit gleichmäßig ansteigenden Sitzreihen nach Vorbild antiker Amphitheater. Der Blick vom Publikum aus ist genial, die Akustik auch.

Der göttliche Klang im Festspielhaus
Der komplette Innenraum besteht aus Holz, unter dem Zuschauerraum ist ein Hohlraum, der einen wunderbaren Resonanzboden für die Musik liefert. Am Ende merkt es auch der Zuschauer, wenn er mit den Füßen vor Begeisterung stampft. Und natürlich gibt es in Bayreuth den mystischen Abgrund. Der Orchestergraben ist mit einem Schalldeckel vom Publikum abgeschirmt. Die Musik des Orchesters fließt vom Graben auf die Bühne und vermischt sich mit den Stimmen zu dem Bayreuther Mischklang bevor er zum Publikum strömt. Das hat man ausgezeichnet gemerkt, wenn man die Meistersinger im Kino und dann live genoss. Der Klang im Kino war gut, der Klang im Festspielhaus war genial und lässt sich durch nicht toppen. Klangfetischisten werden von Klang in Bayreuth absolut begeistert sein. Für Wagnerianer ist es der Himmel.

Während ich bei der Premiere im Kino noch ein paar Buh-Rufe gehört habe, war von einem Buh im Festspielhaus nichts mehr zu hören. Fast 15 Minuten dauerte der Schlussapplaus an, wie mein Video zeigt.

Charme der siebziger Jahre am Grünen Hügel
Und noch zahlreichen Besuchen der Wagner Festspiele habe ich auch die Umgebung gewöhnt und rege mich schon gar nicht mehr über das siebziger Jahre Ambiente um das Konzert auf. Das Festspielhaus wird Zug um Zug saniert, vielleicht fällt auch endlich etwas für die Restaurants auf dem Gelände ab. Zum einen Mensa-Atmosphäre, zum anderen runtergerocktes Ambiente vergangenen Zeiten. Das ist eines Richard Wagner nicht würdig und habe auf den Besuch der Restaurants verzichtet.

Wagner goes Social Media
Allerdings habe ich unbedingt Hannes Richter auf dem Gelände besuchen wollen. Er ist der Social-Media-Beauftragter der Bayreuther Festspiele und macht einen verdammt guten Job mit seinem Team. Ich habe ihn im Büro besucht und mich als Vorsitzender des Bloggerclubs vorgestellt.

Hannes Richter ist der Social-Media-Beauftragte der Bayreuther Festspiele

Hannes Richter ist der Social-Media-Beauftragte der Bayreuther Festspiele

Wenn die Festspielzeit vorbei ist, nehme ich nochmals mit ihm Kontakt auf. Vielleicht können wir 2018 die Bayreuther Festspiele und der Bloggerclub etwas auf die Beine stellen. Im Moment folge ich den Bayreuther Festspielen auf Twitter (sehr gut) und YouTube (nett gemacht). Facebook beachte ich, finde aber die Geschwindigkeit von Twitter deutlich besser.