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Comic-Kritik: Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahr Null

20. Juli 2026

Bein Aufräumen entdeckte ich als Godzilla-Fan den Comic Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahre Null, der 2013 erschienen ist. Ich hatte ihn mir damals gekauft und ungelesen ins Archiv gestellt, fragt nicht warum. Jetzt fiel er mir wieder in die Hände und kopfschüttelnd über meine Vergesslichkeit freute ich mich auf eine monstermäßige Lektüre. Leider ist der Comic ausverkauft, aber vielleicht findet ihr ihn noch auf Flohmärkten oder Börsen.

Ich sag es gleich: Ich mag die Monsterfilme, die Comics und die Scores – allen voran die Godzilla-Filme. Als die Pacific Rim-Filme ins Kino kamen, genoss ich das Pop Corn-Kino mit viel Action. Der vorliegende Comic ist eine Geschichte aus dem Jahre Null, also die offizielle Vorgeschichte zum damaligen Filmevent.

Guillermo del Toros Pacific Rim war nie nur ein Film über riesige Roboter und gigantische Monster. Hinter den spektakulären Kämpfen gegen die Kaiju steckte eine überraschend ernsthafte Geschichte über Opferbereitschaft, Zusammenarbeit und den Überlebenswillen der Menschheit. Genau dort setzt der Comic Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahr Null an. Anstatt lediglich bekannte Actionszenen nachzuerzählen, erweitert die offizielle Vorgeschichte das Universum sinnvoll und verleiht vielen Figuren und Ereignissen zusätzliche Tiefe. Der Band wurde von Drehbuchautor Travis Beacham gemeinsam mit Guillermo del Toro entwickelt und erzählt die Entstehung des Jaeger-Programms sowie die ersten Jahre des Kampfes gegen die Kaiju.

Besonders gelungen ist die erzählerische Struktur. Die Handlung folgt nicht einer klassischen Actiongeschichte, sondern nutzt Interviews und Rückblicke verschiedener Figuren, um den Beginn der Kaiju-Invasion aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Dadurch entsteht fast der Eindruck einer dokumentarischen Chronik der Apokalypse. Die politischen Diskussionen um den Bau der Jaeger, die technischen Probleme der ersten Maschinen und die psychologischen Belastungen der Piloten erhalten deutlich mehr Raum als im Film. Gerade diese ruhigeren Momente machen den Comic überraschend stark, weil sie den gigantischen Materialschlachten ein menschliches Fundament verleihen.

Die Zeichnungen stammen von mehreren Künstlern, darunter Sean Chen, Yvel Guichet und Pericles Junior. Trotz der unterschiedlichen Handschriften wirkt der Band erstaunlich homogen. Die Kaiju besitzen eine beeindruckende Wucht und Größe, während die Jaeger glaubwürdig als tonnenschwere Maschinen inszeniert werden. Die Farbgebung unterstützt den oft düsteren Grundton, ohne die Übersichtlichkeit der Action zu beeinträchtigen. Besonders in den großformatigen Panels wird deutlich, wie gut sich das monumentale Design des Films in das Medium Comic übertragen lässt.

Erfreulich ist zudem, dass sich Geschichten aus dem Jahr Null nicht allein auf spektakuläre Kämpfe verlässt. Die eigentlichen Gegner sind häufig Angst, Zweifel und persönliche Traumata. Der Comic zeigt eindrucksvoll, dass die Menschheit nicht nur gegen die Kaiju kämpfen muss, sondern auch gegen politische Trägheit, technische Rückschläge und menschliche Schwächen. Dadurch gewinnt die Geschichte eine emotionale Dimension, die vielen Filmadaptionen als Comic fehlt.

Kleinere Schwächen ergeben sich aus der episodischen Erzählweise. Manche Figuren bleiben trotz der zusätzlichen Hintergrundinformationen etwas blass, und durch die wechselnden Zeichner verändert sich der visuelle Stil gelegentlich spürbar. Wer ausschließlich pausenlose Monsterkämpfe erwartet, dürfte zudem überrascht sein, wie viel Platz Dialogen und Charakterentwicklung eingeräumt wird.

Gerade darin liegt jedoch die größte Stärke des Bandes. Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahr Null versteht sich nicht als bloße Ergänzung zum Film, sondern als eigenständige Science-Fiction-Geschichte über den Beginn einer globalen Katastrophe. Der Comic erweitert die Mythologie sinnvoll, macht bekannte Figuren greifbarer und vertieft die Welt von Pacific Rim erheblich. Für Fans des Films gehört er nahezu zur Pflichtlektüre – und selbst Leser, die den Film nicht kennen, erhalten eine spannende Mischung aus Militär-Science-Fiction, Katastrophendrama und klassischem Kaiju-Abenteuer.

Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahr Null ist einer der gelungensten Film-Prequel-Comics der vergangenen Jahre. Statt sich in reiner Action zu verlieren, erzählt der Band von den Anfängen einer Menschheit im Ausnahmezustand und schafft es, den Mythos der Jaeger mit glaubwürdigen Figuren und einer überraschend vielschichtigen Handlung zu bereichern. Wer Guillermo del Toros Vision liebt, findet hier eine ebenso spannende wie atmosphärische Ergänzung zum Film.

Meine Vinyl-Käufe im Juni

1. Juli 2026

Es ist die Perfektion des Unperfekten, die Vinyl heute faszinierender denn je macht. In einer Welt flüchtiger digitaler Klicks bietet die Schallplatte ein echtes, entschleunigtes Ritual: das bewusste Auswählen, das sanfte Auflegen der Nadel und das warme, organische Knistern, das dem Sound eine fast spürbare Seele verleiht.
Dazu kommt die Ästhetik des Physischen. Ein Album auf Vinyl ist kein bloßer Stream, sondern ein Gesamtkunstwerk, das man in den Händen hält – vom großformatigen Artwork des Covers bis hin zur gepressten Rille. Wer Platte hört, konsumiert Musik nicht einfach nur nebenbei; er nimmt sich die Zeit, sie wirklich zu erleben.

Raumpatrouille von Peter Thomas

Es gibt Musik, die nicht einfach beginnt. Sie hebt ab. Peter Thomas’ „Raumpatrouille“ ist so ein Klangereignis. Schon nach wenigen Takten öffnet sich ein Raum, der größer ist als jede Erinnerung: silbernes Licht, flimmernde Bildschirme, der Blick in ein Universum, das nach Zukunft klingt – und zugleich nach Kindheit, Schwarzweißfernsehen und dieser unbändigen Lust, das Unbekannte zu erobern.

Diese Musik ist kein bloßer Soundtrack. Sie ist ein Versprechen. Ein Versprechen darauf, dass Fantasie stärker sein kann als jede technische Begrenzung. Dass ein deutsches Fernsehstudio der sechziger Jahre plötzlich zum Tor in die Galaxis werden konnte. Dass ein Beat, ein Bläsersatz, ein vibrierender Rhythmus genügt, um uns aus dem Wohnzimmer hinaus in die Sterne zu katapultieren.


Peter Thomas komponierte nicht einfach Begleitmusik. Er baute eine akustische Raumstation. Funk, Jazz, elektronische Klangsplitter, schräge Effekte und unwiderstehliche Melodien kreisen hier umeinander wie fremde Planeten. Alles wirkt verspielt, elegant, mutig und vollkommen eigen. Man hört dieser Musik an, dass sie keine Angst vor der Zukunft hat.
Und vielleicht liegt genau darin ihre Magie: „Raumpatrouille“ klingt bis heute nicht alt. Sie klingt wie eine Zukunft, die wir einmal geträumt haben – optimistisch, kühn, ein bisschen verrückt und wunderbar menschlich. Wer dieses Album hört, reist nicht nur durch den Weltraum. Er reist zurück zu dem Moment, in dem Science-Fiction noch Staunen bedeutete. Peter Thomas hat mit dieser Musik ein Stück Popkultur geschaffen, das weiter leuchtet. Wie ein Signal aus einer anderen Zeit. Wie ein Gruß von der Orion. Wie ein Beweis, dass große Abenteuer manchmal mit einem einzigen Ton beginnen.

Music from Andor: Season 1 von Nicholas Britells

Nicholas Britells „Music from Andor: Season 1“ ist einer der ungewöhnlichsten und stärksten Beiträge zur neueren Star-Wars-Musik. Statt die großen sinfonischen Gesten John Williams’ einfach nachzuahmen, entwickelt Britell eine eigene Klangsprache: kühler, brüchiger, politischer und oft erstaunlich intim. Die Musik klingt weniger nach Weltraumoper als nach Widerstand, Überwachung und innerer Anspannung.
Besonders stark ist der Soundtrack dort, wo er elektronische Texturen, minimalistische Motive und orchestrale Farben miteinander verbindet. Britell gibt der Serie damit eine Identität, die perfekt zu ihrem Ton passt: erwachsen, düster und von unterschwelliger Unruhe geprägt. Die Themen bauen sich oft langsam auf, manchmal fast unmerklich, bis aus kleinen rhythmischen Figuren eine enorme emotionale Wucht entsteht.


Als Album funktioniert die Musik nicht immer im klassischen Sinne eingängig; manche Stücke sind eher atmosphärische Szenen als abgeschlossene Kompositionen. Doch gerade diese Zurückhaltung macht den Reiz aus. „Music from Andor: Season 1“ ist kein nostalgisches Star-Wars-Souvenir, sondern ein eigenständiger, mutiger Score, der die Welt der Saga musikalisch erweitert. Ein intensives, intelligentes und atmosphärisch dichtes Werk.

Yardbirds

Die Yardbirds zählen zu den wichtigsten und einflussreichsten Bands der britischen Rock- und Bluesgeschichte. Entstanden in den frühen 1960er-Jahren, standen sie zunächst tief in der Tradition des Rhythm & Blues. Doch schon bald entwickelten sie daraus einen eigenen, rauen und zugleich experimentierfreudigen Sound, der weit über den klassischen Beat jener Zeit hinausging.

Besonders bemerkenswert ist die Rolle der Yardbirds als Talentschmiede für drei der größten Gitarristen der Rockgeschichte: Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page spielten nacheinander in der Band und prägten jeweils auf eigene Weise ihren Klang. Clapton brachte den kompromisslosen Blues, Beck öffnete die Tür zu neuen Klangexperimenten, Verzerrungen und psychedelischen Elementen, Page führte den Sound schließlich in Richtung härterer Rockmusik weiter.

Mit Stücken wie „For Your Love“, „Heart Full of Soul“, „Shapes of Things“ oder „Over Under Sideways Down“ zeigten die Yardbirds, wie sich Blues, Pop, Psychedelic und Rock miteinander verbinden lassen. Sie waren Suchende, Grenzgänger und Wegbereiter: Viele Ideen, die später im Hard Rock, Psychedelic Rock und Heavy Blues selbstverständlich wurden, klangen bei ihnen bereits an.

Auch wenn ihre große Zeit vergleichsweise kurz war, ist ihr Einfluss kaum zu überschätzen. Ohne die Yardbirds wäre die Entwicklung der Rockmusik der späten 1960er-Jahre anders verlaufen – und vermutlich ärmer. Sie waren eine Band des Übergangs: vom Beat zum Rock, vom Blues zur elektrischen Ekstase, vom Song zur Klangexplosion. Ihre Musik steht bis heute für Aufbruch, Energie und den Mut, neue Wege zu gehen

50 Years Of Phaedra: At The Barbican

Mit „Phaedra“ schufen Tangerine Dream 1974 eines jener Alben, bei denen man nicht einfach von Musik sprechen kann, sondern eher von einem Raum, in den man eintritt. Das Werk erschien am 20. Februar 1974 bei Virgin Records, wurde im November/Dezember 1973 im Manor Studio in England aufgenommen und gilt als das erste Tangerine-Dream-Album mit jenem klassischen, sequencergetriebenen Sound, der später prägend für die Berliner Schule wurde.

Schon der lange Titeltrack macht klar, dass hier keine Songs im herkömmlichen Sinn geboten werden. „Phaedra“ pulsiert, driftet, wächst und zerfällt wieder. Die Sequencer-Linien wirken wie Maschinen, die träumen, während Mellotron-Flächen und Synthesizer-Schwaden eine kalte, kosmische Weite öffnen. Das Stück hat etwas Unheimliches und zugleich Meditatives: Es ist nicht melodisch im klassischen Sinn, sondern atmosphärisch, körperlos und doch voller Spannung.

Mit „50 Years Of Phaedra: At The Barbican“ feiern Tangerine Dream nicht einfach ein Jubiläum, sondern treten in einen Dialog mit ihrer eigenen Legende. Das Livealbum wurde im Londoner Barbican aufgenommen und erschien am 30. Januar 2026 bei Kscope/Edel. Es dokumentiert die Neuinterpretation des Klassikers „Phaedra“, jenes Albums von 1974, mit dem Tangerine Dream ihren sequencergetriebenen Sound entscheidend prägten und die Berliner Schule der elektronischen Musik nachhaltig beeinflussten.

Das Besondere an dieser Veröffentlichung ist, dass die heutige Besetzung von Tangerine Dream das historische Material nicht museal nachspielt. Stattdessen wird „Phaedra“ mit modernen Mitteln neu befragt. Auf dem ersten Teil des Albums interpretiert die aktuelle Formation die Stücke des Originals in veränderter Reihenfolge und in zeitgemäßer Klangsprache: „Sequent C, 2024“, „Movements Of A Visionary, 2024“, „Mysterious Semblance At The Strand Of Nightmares, 2024“ und schließlich „Phaedra 2024“. Ergänzt wird das Ganze durch die ausgedehnte „Hippolytos Session“, die in mehreren Teilen den improvisatorischen Geist der Band betont.

Musikalisch beeindruckt vor allem, wie organisch Vergangenheit und Gegenwart zusammenfinden. Die vertrauten Sequencer-Muster pulsieren weiterhin wie elektronische Herzschläge, doch sie wirken nicht nostalgisch verstaubt. Sie haben mehr Druck, mehr Raum, mehr Tiefe. In „Movements Of A Visionary, 2024“ bauen sich die hypnotischen Linien langsam auf, bis ein tranciger Sog entsteht, der klar an die klassische Berliner Schule erinnert und dennoch modern klingt. „Mysterious Semblance At The Strand Of Nightmares, 2024“ zeigt dagegen die filmische Seite der Band: dramatische, anschwellende Klangflächen, Dunkelheit, Schwebung und eine fast unheimliche Schönheit.

Die heutige Besetzung mit Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Paul Frick behandelt das Erbe mit Respekt, aber ohne Ehrfurchtsstarre. Gerade das macht die Aufnahme stark. Wo das Original von 1974 wie ein Blick in eine unbekannte Zukunft klang, wirkt diese Barbican-Version wie eine Rückschau aus dieser Zukunft heraus. Die analoge Fragilität des Originals wird nicht kopiert, sondern in eine präzise, weit aufgefächerte Live-Architektur übersetzt. Das Ergebnis klingt größer, körperlicher und stellenweise fast sinfonisch, ohne den meditativen Kern von „Phaedra“ zu verlieren.

Die „Hippolytos Session“ ist dabei mehr als bloß Bonusmaterial. Sie öffnet das Konzert in Richtung freier elektronischer Improvisation und erinnert daran, dass Tangerine Dream nie nur eine Band der Komposition, sondern immer auch eine Band des Moments war. Hier darf Musik wachsen, atmen und sich verändern. Manche Passagen wirken suchend, andere überwältigend klar. Gerade diese Offenheit macht den Mitschnitt lebendig.

Natürlich wird es Puristen geben, die das Original bevorzugen. „Phaedra“ von 1974 besitzt eine geheimnisvolle Rohheit, die aus den damaligen technischen Grenzen entstanden ist. Diese Magie lässt sich nicht wiederholen. Aber „50 Years Of Phaedra: At The Barbican“ versucht das auch gar nicht. Es ist keine Kopie, sondern eine Verneigung mit eigener Haltung. Ein Kritiker nannte das Album eine moderne Rückkehr zu klassischen Tangerine-Dream-Epochen und zugleich einen Beweis, dass die aktuelle Besetzung den Namen weitertragen kann.

„50 Years Of Phaedra: At The Barbican“ ist ein würdiges, kraftvolles und atmosphärisch dichtes Jubiläumsalbum. Es zeigt, dass „Phaedra“ nicht nur ein historischer Meilenstein ist, sondern ein lebendiger Klangraum, der auch fünf Jahrzehnte später noch neue Formen annehmen kann. Tangerine Dream feiern hier nicht die Vergangenheit als Denkmal, sondern lassen sie neu leuchten – pulsierend, dunkel, elegant und visionär.

Ambient 1: Music for Airports von Brian Eno

Mit Ambient 1: Music for Airports schuf Brian Eno 1978 nicht nur ein Album, sondern praktisch eine neue musikalische Denkweise. Die Platte gilt als Geburtsstunde dessen, was Eno selbst als „Ambient Music“ definierte: Musik, die Atmosphäre erzeugt, ohne sich aufzudrängen – ruhig, offen und zugleich emotional tief wirkend.

Der Ausgangspunkt war ebenso ungewöhnlich wie visionär. Eno wollte Musik komponieren, die die sterile, stressige Atmosphäre von Flughäfen beruhigt und menschlicher macht. Statt klassischer Songstrukturen entstehen auf Music for Airports langsam fließende Klangräume aus Klaviermotiven, Synthesizerflächen und verfremdeten Stimmen. Die Stücke entwickeln sich fast schwerelos, ohne Rhythmusdruck oder erkennbare Dramaturgie.

Gerade diese Reduktion macht das Album so faszinierend. Die Musik scheint zu schweben: Wiederholungen verändern sich minimal, Töne verklingen langsam, Stille wird Teil der Komposition. Besonders „1/1“ mit seinem zurückhaltenden Klavier zählt heute zu den ikonischen Momenten elektronischer Musikgeschichte. Das Album funktioniert gleichzeitig als Hintergrundmusik und als konzentrierte Hörerfahrung – je nachdem, wie intensiv man sich darauf einlässt.

Damals wirkte das Werk auf viele Hörer irritierend, weil es sich bewusst gegen klassische Rock- oder Popkonzepte stellte. Rückblickend ist sein Einfluss jedoch enorm: Von Ambient über New Age bis hin zu moderner elektronischer Musik und Filmmusik reicht die Wirkung dieses Albums bis heute. Künstler wie Aphex Twin, The Orb oder Stars of the Lid bauten später auf Ideen auf, die Eno hier erstmals konsequent formulierte.

Trotz seines historischen Gewichts wirkt Ambient 1: Music for Airports erstaunlich zeitlos. Die Platte erzeugt keine spektakulären Momente, sondern einen Zustand – ruhig, melancholisch und fast meditativ. Genau darin liegt ihre Größe: Sie verändert weniger den Raum als vielmehr die Wahrnehmung des Hörers.

Six Evolutions – Bach: Cello Suites von Yo-Yo Ma

Yo-Yo Ma nähert sich auf Six Evolutions – Bach: Cello Suites den sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach nicht als bloßem Virtuosenstück, sondern als Lebensbilanz. Es ist bereits seine dritte Gesamtaufnahme dieser Werke – und gerade diese Reife hört man in jeder Phrase. Die technische Souveränität steht nie im Vordergrund; vielmehr entwickelt Ma eine fast meditative Ruhe, die den Suiten eine außergewöhnliche Menschlichkeit verleiht. Kritiker lobten besonders die „Zen-artige Gelassenheit“ und die innere Geschlossenheit der Interpretation.

Was dieses Album so besonders macht, ist die Balance zwischen Intimität und Größe. Ma spielt mit warmem, singendem Ton, vermeidet jedoch jede sentimentale Übertreibung. Die berühmte erste Suite wirkt transparent und lichtdurchflutet, während die düsteren Passagen der fünften Suite beinahe existenzielle Tiefe erreichen. Besonders in den Préludes zeigt sich seine erzählerische Stärke: Jede Suite bekommt ihre eigene Atmosphäre, ihren eigenen emotionalen Kosmos.

Im Vergleich zu seinen früheren Bach-Einspielungen klingt Six Evolutions reflektierter und freier. Die Aufnahme wirkt weniger geschniegelt als frühere Studiofassungen, dafür unmittelbarer und persönlicher. Viele Rezensenten sehen darin sogar seine gelungenste Bach-Interpretation überhaupt. Dabei bleibt Ma stets dem tänzerischen Charakter von Bachs Musik verpflichtet – die Gavotten, Bourrées und Giguen besitzen Eleganz und Leichtigkeit, ohne ihre Erdung zu verlieren.

Klanglich überzeugt das Album ebenfalls: Der warme, natürliche Celloton steht im Mittelpunkt, ohne künstliche Effekte oder übertriebene Räumlichkeit. Dadurch entsteht eine fast intime Hörsituation, als säße der Musiker direkt im Raum. Six Evolutions ist keine spektakuläre Neuerfindung der Bach-Suiten, sondern eine tief empfundene, menschliche und außergewöhnlich reife Lesart. Gerade darin liegt ihre Stärke. Wer Bach nicht nur hören, sondern erleben möchte, findet hier eine Aufnahme voller Wärme, Würde und stiller Intensität

Roxy Music – Avalon (1982)

Als Roxy Music 1982 Avalon veröffentlichten, hatten sie den exzentrischen Art-Rock ihrer frühen Jahre längst hinter sich gelassen. Statt schriller Avantgarde präsentierte die Band um Bryan Ferry ein Album von außergewöhnlicher Eleganz: kühl, luxuriös und zugleich zutiefst romantisch. Es wurde ihr erfolgreichstes Studioalbum und gilt heute als Meilenstein des Sophisti-Pop.

Schon die ersten Takte machen deutlich, dass hier Atmosphäre wichtiger ist als klassische Rock-Dramatik. Die Produktion wirkt beinahe schwerelos: Synthesizer schweben durch den Raum, Gitarren setzen dezente Akzente, und Ferrys Stimme gleitet wie ein weiterer Klangbaustein durch die Arrangements. Besonders „More Than This“ zählt zu den schönsten Pop-Balladen der Achtzigerjahre – melancholisch, sehnsüchtig und zeitlos. Der Titelsong „Avalon“ entfaltet mit seinen schwebenden Harmonien und den ätherischen Hintergrundstimmen eine fast magische Wirkung.

Die große Stärke des Albums liegt in seiner Geschlossenheit. Es gibt kaum offensichtliche Hits im klassischen Sinne, dafür entsteht ein durchgehender Klangraum, der eher erlebt als analysiert werden will. Viele spätere Produktionen aus dem Bereich Adult Pop, Dream Pop oder Lounge-Musik verdanken Avalon mehr, als oft angenommen wird. Der Einfluss auf die britische Popmusik der Achtziger wird von Kritikern regelmäßig hervorgehoben.

Gleichzeitig kann man dem Album vorwerfen, dass es stellenweise zu perfekt ist. Die kantige Spannung früherer Meisterwerke wie For Your Pleasure oder Country Life fehlt weitgehend. Wo Roxy Music einst provozierten, verführen sie nun. Wer die wilde Experimentierfreude der frühen Jahre liebt, könnte Avalon als zu geschniegelt empfinden.

Dennoch bleibt Avalon ein beeindruckendes Werk. Es klingt auch mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung erstaunlich modern. Die Mischung aus Melancholie, Stilbewusstsein und audiophiler Klangqualität macht das Album bis heute zu einem Lieblingsalbum von Musikliebhabern und HiFi-Fans.

Avalon ist kein Album, das mitreißt oder erschüttert – es umhüllt den Hörer. Es ist die musikalische Entsprechung eines nächtlichen Spaziergangs durch ein luxuriöses Hotel am Meer: elegant, geheimnisvoll und von einer Schönheit, die nie aufdringlich wirkt. Für viele ist es das Meisterwerk von Roxy Music – und zumindest ihr vollkommenstes Album.

Blues Breakers with Eric Clapton (1966) – John Mayall & The Bluesbreakers

Blues Breakers with Eric Clapton gehört zu den wichtigsten Alben der britischen Bluesgeschichte. Das Werk, das unter Fans auch als „Beano Album“ bekannt ist, markierte den Moment, in dem der traditionelle Chicago-Blues mit der Energie des britischen Rock verschmolz und damit den Grundstein für den späteren Bluesrock legte.

John Mayall fungiert dabei als musikalischer Kopf und Mentor, doch die eigentliche Sensation ist der damals erst 21-jährige Eric Clapton. Sein Gitarrenton – eine Gibson Les Paul über einen aufgerissenen Marshall-Verstärker – setzte neue Maßstäbe. Die Mischung aus Kraft, Sustain und technischer Präzision beeinflusste Generationen von Gitarristen und machte Clapton endgültig zum Star.

Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Blues-Klassikern wie „All Your Love“, „Hideaway“ und „Ramblin’ on My Mind“ sowie einigen Eigenkompositionen. Besonders „Hideaway“ zeigt Claptons Virtuosität, während „Have You Heard“ und „Double Crossing Time“ die Stärke der gesamten Band unterstreichen. Mayalls Hammond-Orgel, sein Piano und seine Mundharmonika sorgen dafür, dass die Platte nie zu einer bloßen Gitarrenshow verkommt. Die Produktion wirkt aus heutiger Sicht erstaunlich direkt und lebendig. Statt auf Studiotricks setzt Produzent Mike Vernon auf Transparenz und Dynamik. Dadurch klingt das Album auch 60 Jahre später frisch und authentisch.

Kritisch betrachtet ist die Platte weniger abwechslungsreich als spätere Bluesrock-Meilensteine. Einige Stücke folgen klassischen Blues-Schemata, und Mayalls Gesang besitzt nicht die Ausdruckskraft amerikanischer Vorbilder. Doch gerade die kompromisslose Orientierung am Blues macht den Reiz des Albums aus: Es klingt wie eine Liebeserklärung britischer Musiker an ihre amerikanischen Helden.

Blues Breakers with Eric Clapton ist kein Album für spektakuläre Effekte, sondern für Liebhaber ehrlicher, elektrischer Bluesmusik. Die Platte dokumentiert den Augenblick, in dem Eric Clapton vom talentierten Gitarristen zur Legende wurde und John Mayall den britischen Bluesboom entscheidend vorantrieb. Ein historisch bedeutendes Werk, dessen Einfluss auf Rock und Blues kaum überschätzt werden kann.

Andy Fairweather Low – The Invisible Bluesman

Mit The Invisible Bluesman liefert Andy Fairweather Low endlich das Album ab, das viele seiner Fans seit Jahrzehnten erwartet haben: eine kompromisslose Hommage an den Blues. Der ehemalige Amen-Corner-Sänger und langjährige Gitarrist von Eric Clapton, Roger Waters und George Harrison interpretiert auf zwölf Coverversionen Klassiker von Größen wie Muddy Waters, Jimmy Reed und Junior Parker mit spürbarer Leidenschaft und großer musikalischer Reife.

Statt virtuoser Selbstdarstellung setzt Fairweather Low auf Gefühl, Timing und eine warme, charaktervolle Stimme. Die Produktion von Glyn Johns klingt angenehm klassisch und lässt den Songs viel Raum zum Atmen. Das Album wirkt authentisch, entspannt und gleichzeitig hochklassig eingespielt.

The Invisible Bluesman ist kein revolutionäres Bluesalbum, aber ein äußerst überzeugendes Werk eines Musikers, der nach Jahrzehnten im Schatten großer Namen eindrucksvoll zeigt, wie tief der Blues in ihm verwurzelt ist.

Grieg – Peer Gynt Suites Nr. 1 & 2 Herbert von Karajan, Berliner Philharmoniker

Es gibt Aufnahmen, die sich nicht damit begnügen, Musik zu spielen – sie erschaffen eine Klangwelt. Karajans Einspielung der beiden Peer-Gynt-Suiten mit den Berliner Philharmonikern gehört zweifellos in diese Kategorie. Die Aufnahme entstand Anfang der 1970er Jahre für Deutsche Grammophon und gilt bis heute als eine der Referenzen des Werks.

Karajan nähert sich Grieg nicht als folkloristischem Nationalkomponisten, sondern als Meister orchestraler Farben. Schon die berühmte „Morgenstimmung“ entfaltet sich mit einer beinahe impressionistischen Leuchtkraft. Die Berliner Holzbläser zeichnen die Sonnenstrahlen nicht einfach nach – sie lassen sie förmlich über norwegische Berglandschaften gleiten. Dabei vermeidet Karajan jede Sentimentalität. Das Tempo bleibt fließend, der Klang transparent und dennoch luxuriös.

Besonders beeindruckend gelingt „Åses Tod“. Die Berliner Streicher erzeugen eine stille, fast sakrale Atmosphäre. Hier zeigt sich die berühmte Karajan-Kultur des Legatos, die dem Orchester in dieser Zeit einen unverwechselbaren Klang verlieh.

In „Anitras Tanz“ überzeugt die perfekte Balance zwischen Eleganz und Leichtigkeit. Karajan modelliert jede Phrase mit äußerster Sorgfalt, ohne dass die Musik akademisch wirkt. Der orchestrale Feinschliff erreicht ein Niveau, das viele Konkurrenzaufnahmen technisch übertrifft.

Der Höhepunkt der ersten Suite bleibt jedoch „In der Halle des Bergkönigs“. Während andere Dirigenten auf rohe Dramatik setzen, baut Karajan die Spannung kontrolliert und unerbittlich auf. Das Resultat wirkt weniger grotesk als vielmehr bedrohlich – wie eine perfekt konstruierte Maschine, die sich immer schneller dreht.

Auch die zweite Suite profitiert von diesem Ansatz. „Der Brautraub“ besitzt dramatische Wucht, „Arabischer Tanz“ schwebt in exotischen Farben, und „Peer Gynts Heimkehr“ entwickelt eine fast symphonische Kraft. Besonders „Solveigs Lied“ wird nicht zur sentimentalen Zugabe, sondern zum poetischen Abschluss eines großen musikalischen Bogens.

Klanglich ist die Deutsche-Grammophon-Produktion hervorragend gealtert. Der typische warme, geschlossene Berliner Orchesterklang wird von der Stereoaufnahme prachtvoll eingefangen. Selbst heute wirkt die Einspielung erstaunlich frisch, detailreich und räumlich. Zeitgenössische Hörer und Sammler loben die Aufnahme regelmäßig als besonders gelungenes Beispiel der Karajan-Berlin-Ära.
Wer Griegs Peer Gynt als farbenprächtiges spätromantisches Orchesterwerk erleben möchte, findet hier eine nahezu ideale Interpretation. Karajan opfert zwar etwas nordische Herbheit zugunsten von Schönheit und Perfektion, doch gerade diese Verbindung aus orchestraler Brillanz, atmosphärischer Dichte und technischer Vollendung macht die Aufnahme zu einem Klassiker.

Meine Vinyl-Käufe im Mai

31. Mai 2026

Live Lockdown von Andy Fairweather Low and the Low Riders
Mit Live Lockdown zeigen Andy Fairweather Low & The Low Riders eindrucksvoll, dass echte Live-Atmosphäre auch in Zeiten geschlossener Clubs funktionieren kann. Das 2021 veröffentlichte Doppelalbum entstand während eines gestreamten Konzerts im Londoner Hideaway Club im September 2020 – mitten in der Pandemie und ohne klassisches Publikum. Gerade daraus zieht die Aufnahme ihre besondere Stimmung.

Musikalisch bewegt sich das Album souverän zwischen Blues, Soul, Rhythm & Blues und entspanntem Roots-Rock. Fairweather Low verzichtet auf große Effekte und setzt stattdessen auf Groove, Spielfreude und die enorme Qualität seiner Band. Stücke wie „Sweet Soulful Music“, „Spider Jiving“, „Wide Eyed And Legless“ oder „If Paradise Is Half As Nice“ verbinden nostalgischen Charme mit erstaunlicher Frische.

Besonders überzeugend ist die lockere, warme Atmosphäre. Obwohl das Konzert ursprünglich für ein virtuelles Publikum gespielt wurde, wirkt nichts steril oder distanziert. Die Low Riders spielen mit Eleganz und Zurückhaltung, während Fairweather Low seine Songs mit trockenem Humor und lässiger Gelassenheit präsentiert. Seine Stimme mag heute rauer klingen als früher, doch genau das verleiht den Interpretationen Glaubwürdigkeit und Charakter.

Auch die Songauswahl funktioniert hervorragend. Neben bekannten Titeln aus der Amen-Corner-Ära und seiner Solokarriere gibt es Blues- und Soulklassiker, die perfekt zu seinem Stil passen. Das Album lebt weniger von spektakulären Höhepunkten als von konstant hoher musikalischer Qualität und entspannter Klasse.

Live Lockdown ist deshalb kein modernes Hochglanz-Livealbum, sondern vielmehr eine stilvolle, intime Momentaufnahme eines erfahrenen Musikers, der nichts mehr beweisen muss. Gerade diese Unaufgeregtheit macht die Aufnahme so sympathisch – warmherzig, musikalisch souverän und voller britischer Blues- und Soultradition.

Five Live Yardbirds von The Yardbirds
Mit Five Live Yardbirds veröffentlichten The Yardbirds 1964 eines der rohesten und einflussreichsten Live-Alben der britischen Bluesrock-Ära. Aufgenommen im legendären Marquee Club in London, dokumentiert die Platte die Band in ihrer frühen Hochphase – mit einem jungen Eric Clapton an der Gitarre, lange bevor er zum Weltstar wurde.

Das Album klingt weder geschniegelt noch perfekt produziert – genau darin liegt seine Stärke. Die Yardbirds spielen amerikanischen Blues und Rhythm & Blues mit einer wilden, fast aggressiven Energie. Stücke wie „Smokestack Lightning“, „I’m a Man“ oder „Too Much Monkey Business“ entwickeln sich zu fiebrigen Improvisationen voller Tempo, Spannung und sogenannter „Rave-Ups“, jener ekstatischen Instrumentalpassagen, die später zahlreiche Rockbands beeinflussen sollten.

Eric Claptons Gitarrenspiel ist dabei zwar prägend, aber nie selbstverliebt. Die Band funktioniert als Einheit: Keith Relfs rauer Gesang und die treibende Rhythmusgruppe verleihen den Songs eine clubartige Direktheit, die heute fast dokumentarisch wirkt. Gerade deshalb gilt Five Live Yardbirds vielen Kritikern rückblickend als eines der ersten wirklich bedeutenden Live-Rockalben überhaupt. AllMusic bezeichnete es sogar als „essential live album“ der britischen Rockbewegung der Sechzigerjahre.

Natürlich hört man dem Album sein Alter an. Der Sound ist rau, teilweise übersteuert und weit entfernt von moderner Live-Produktion. Doch genau diese Ungeschliffenheit transportiert die Atmosphäre eines verschwitzten Londoner Clubs besser als viele technisch perfekte Konzertmitschnitte. Five Live Yardbirds ist weniger ein Hochglanzalbum als vielmehr ein explosiver Schnappschuss jener Zeit, in der britischer Bluesrock gerade dabei war, die Rockmusik zu revolutionieren.

Hergest Ridge Demo von Mike Oldfield
Mit den Hergest Ridge 1974 Demo Recordings öffnet Mike Oldfield ein faszinierendes Fenster in die Entstehung seines zweiten großen Werkes nach Tubular Bells. Die Aufnahmen zeigen das Album noch im Rohzustand – weniger poliert, oft reduzierter instrumentiert, dafür unmittelbarer und erstaunlich intim.

Gerade darin liegt der besondere Reiz dieser Demo-Versionen. Wo das spätere Studioalbum teilweise orchestrale Breite und dichte Klangschichten entwickelt, wirken die Demos deutlich transparenter. Viele Passagen entfalten eine fast pastorale Ruhe: akustische Gitarrenfiguren, schwebende Orgeln und hypnotische Wiederholungen erzeugen eine meditative Stimmung, die den Hörer direkt in die hügelige Landschaft von Herefordshire versetzt, nach der das Werk benannt wurde.

Besonders spannend ist zu hören, wie Ideen entstehen und sich entwickeln. Manche Themen erscheinen hier noch skizzenhaft, andere wiederum besitzen bereits jene typische melancholische Schönheit, die Oldfields frühe Siebzigerjahre-Alben so einzigartig macht. Die Demo-Aufnahmen wirken weniger monumental als die spätere LP, dafür persönlicher und näher am Komponisten selbst – fast so, als säße man mit Oldfield allein im Studio während der kreativen Suche.

Auch klanglich besitzen die Aufnahmen ihren eigenen Charme. Das leicht raue Tape-Gefühl und die unfertige Struktur verleihen dem Material Authentizität. Für Gelegenheitshörer mögen die Demos manchmal unfokussiert wirken, doch für Fans von Oldfields Frühwerk sind sie eine Schatzkammer voller Details, Atmosphären und alternativer musikalischer Wege.

So sind die Hergest Ridge 1974 Demo Recordings weniger ein klassisches Album als vielmehr ein musikalisches Tagebuch – ein seltenes Dokument eines jungen Mike Oldfield auf dem Weg zu einem seiner poetischsten Werke.

No Reason to Cry von Eric Clapton
Eric Clapton veröffentlichte No Reason to Cry 1976 – ein Album, das oft im Schatten des späteren Erfolgswerks Slowhand steht, aber gerade deshalb seinen eigenen Reiz entfaltet. Eingespielt wurde die Platte in den Shangri-La-Studios von The Band in Malibu, gemeinsam mit einer beeindruckenden Musiker-Runde um Bob Dylan, Ron Wood und mehreren Mitgliedern von The Band.

Die Stärke des Albums liegt weniger in großen Hits als in seiner entspannten, fast nächtlichen Atmosphäre. Clapton klingt gelöst und unaufgeregt, bewegt sich zwischen Blues, Country-Rock und amerikanischem Roots-Sound. Songs wie „Hello Old Friend“, „Sign Language“ oder „All Our Past Times“ leben von ihrer Wärme und musikalischen Natürlichkeit. Besonders „Sign Language“, das Dylan mitgeschrieben und mitgesungen hat, gehört zu den heimlichen Höhepunkten der Platte.

Kritiker beschrieben das Album häufig als Jam-Session unter Freunden – charmant, aber manchmal auch etwas ziellos. Der Rolling Stone sprach eher von einem „Mélange als Meisterwerk“, während AllMusic vor allem die Zusammenarbeit mit The Band hervorhob.

Gerade diese Lockerheit macht No Reason to Cry heute aber interessant: Das Album wirkt intim, organisch und frei von kommerziellem Druck. Es ist kein Gitarren-Feuerwerk und kein Klassiker vom Format eines Layla oder Slowhand, sondern eher ein musikalisches Treffen Gleichgesinnter – warm, melancholisch und voller amerikanischer Westcoast-Stimmung der 70er Jahre. Für viele Fans gehört genau das zu seinem besonderen Charme.

Ossiach Live
Das Album Ossiach Live ist ein besonderer Meilenstein in der Geschichte von Tangerine Dream – obwohl es streng genommen kein reguläres Tangerine-Dream-Album ist. Die 1971 erschienene Dreifach-LP dokumentiert das experimentelle Musikfestival in Ossiach in Österreich und vereint unterschiedlichste Künstler zwischen Jazz, Avantgarde, Weltmusik und elektronischer Klangkunst.

Für Tangerine Dream ist die Veröffentlichung deshalb so bedeutend, weil darauf mit „Oszillator Planet Concert“ die erste offiziell veröffentlichte Live-Aufnahme der Band enthalten ist. Das Stück wurde am 29. Juni 1971 aufgenommen – in einer frühen Phase der Gruppe mit Edgar Froese, Christopher Franke und Peter Baumann.

Musikalisch zeigt der Titel die rohe, improvisierte Frühphase der Band: flächige Orgeln, elektronische Geräusche, freie Strukturen und psychedelische Klangexperimente prägen die Aufnahme. Der typische sequenzergesteuerte „Berlin School“-Sound der späteren Jahre ist hier erst in Ansätzen zu hören. Gerade deshalb besitzt das Stück heute Kultstatus unter Fans der sogenannten „Pink Years“ von Tangerine Dream.

Das komplette Ossiach Live-Set galt lange als Rarität. Erst Jahrzehnte später tauchten verschiedene CD-Ausgaben auf, die allerdings teilweise als inoffizielle beziehungsweise „Grey Market“-Veröffentlichungen eingestuft wurden.

Rückblickend dokumentiert Ossiach Live eine Zeit, in der Tangerine Dream noch zwischen Krautrock, Avantgarde und freier Elektronik experimentierten – kurz bevor mit Alben wie Zeit oder später Ricochet ihr weltbekannter elektronischer Stil entstand.

Radio-Aktivität / Radio-Activity von Kraftwerk
Mit Radio-Aktivität veröffentlichten Kraftwerk 1975 ein Album, das rückblickend wie ein Scharnier im Werk der Düsseldorfer wirkt. Nach Autobahn war klar, dass Ralf Hütter und Florian Schneider mehr wollten als bloße elektronische Experimente: Sie arbeiteten an einer eigenen Klangsprache, kühl, reduziert, deutsch, modern. Radio-Aktivität ist dabei weniger unmittelbar eingängig als der Vorgänger, aber konzeptionell vielleicht noch radikaler.

Der Titel ist doppeldeutig: Radioaktivität als atomare Strahlung und Radio-Aktivität als Sendung, Empfang, Äther, Kommunikation. Diese Ambivalenz zieht sich durch das ganze Album. Schon das eröffnende „Geiger Counter“ tickt bedrohlich, bevor „Radioactivity“ mit seiner fast sakralen Melodie einsetzt. Der Song klingt wie ein Kinderlied aus dem Atomzeitalter: einfach, schön, unheimlich. Genau darin liegt die Kraft des Stücks. Kraftwerk moralisieren nicht laut, sie inszenieren eine Atmosphäre, in der Technik zugleich Verheißung und Gefahr ist.

Musikalisch ist das Album karger und fragmentarischer als Autobahn. Viele Stücke sind Miniaturen, Übergänge, Klangbilder: „Radioland“, „Airwaves“, „Intermission“, „News“, „The Voice of Energy“. Das wirkt beim ersten Hören spröde, fast unfertig. Doch gerade diese Kürze macht das Album zu einer Art Hörspiel über Medien, Energie und moderne Wahrnehmung. Radiosignale, Stimmen, Rauschen, elektronische Pulse und monotone Melodien formen eine Welt, in der der Mensch zunehmend durch Apparate spricht.

Nicht alles besitzt die zwingende Prägnanz späterer Kraftwerk-Alben wie Trans Europa Express, Die Mensch-Maschine oder Computerwelt. Manche Passagen bleiben eher Skizze als Song. Doch Radio-Aktivität ist ein wichtiges Zwischenwerk: Es verabschiedet sich stärker vom Krautrock-Erbe und nähert sich jener maschinellen Eleganz, die Kraftwerk später perfektionieren sollten.

Besonders faszinierend ist die emotionale Temperatur des Albums. Kraftwerk klingen hier nicht kalt im Sinne von gefühllos, sondern distanziert wie Beobachter einer neuen Epoche. Die Melancholie steckt in der Reduktion. Wenn Stimmen aus dem Radio auftauchen oder Synthesizerflächen wie ferne Signale schweben, entsteht eine fast poetische Einsamkeit. Das Album beschreibt keine Zukunft voller Lärm, sondern eine Zukunft des leisen Summens.

Radio-Aktivität ist kein perfektes Popalbum, aber ein visionäres Konzeptalbum. Es verlangt Geduld, belohnt aber mit einer einzigartigen Mischung aus technischer Faszination, unterschwelliger Bedrohung und minimalistischer Schönheit. Wer Kraftwerk nur über ihre großen Hits kennt, findet hier ein stilleres, dunkleres, experimentelleres Werk – und eines, das gerade wegen seiner Strenge bis heute nachhallt.

Dressed to Kill von Pino Donaggio
Der Soundtrack zu Brian De Palmas „Dressed to Kill“ von 1980 ist ein Paradebeispiel dafür, wie stark Musik die Wahrnehmung eines Thrillers prägen kann. Komponist Pino Donaggio knüpft hörbar an die Tradition Bernard Herrmanns an, vor allem an dessen Arbeiten für Alfred Hitchcock, ohne dabei bloß zu kopieren. Die Musik ist elegant, nervös, verführerisch und bedrohlich zugleich. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass der Film zwischen Erotik, Suspense und psychologischem Albtraum schwebt.

Besonders auffällig ist der starke melodramatische Ton. Donaggio arbeitet mit schwelgenden Streicherflächen, düsteren Motiven und plötzlichen Spannungsakzenten. Dadurch bekommt der Film eine fast opernhafte Qualität: Die Figuren wirken weniger realistisch als vielmehr gefangen in einem Spiel aus Begehren, Angst und Gewalt. Gerade in den wortarmen oder rein visuellen Sequenzen entfaltet die Musik ihre größte Wirkung. Sie kommentiert nicht nur das Geschehen, sondern treibt es emotional voran.

Gleichzeitig ist der Soundtrack bewusst überhöht. Wer eine zurückhaltende, moderne Thriller-Musik erwartet, könnte Donaggios Komposition als zu pathetisch empfinden. Doch genau diese Überzeichnung passt zu De Palmas Stil, der ebenfalls mit Spiegelungen, Zitaten, voyeuristischen Blicken und filmischer Künstlichkeit arbeitet. Die Musik macht aus „Dressed to Kill“ keinen nüchternen Kriminalfilm, sondern ein stilisiertes, fiebriges Genrestück.

Insgesamt ist Pino Donaggios Soundtrack ein großer Gewinn für den Film. Er ist sinnlich, dramatisch und unheilvoll, manchmal vielleicht etwas zu dick aufgetragen, aber stets wirkungsvoll. Als Filmmusik funktioniert er hervorragend, weil er die Spannung nicht nur begleitet, sondern die innere Nervosität des Films hörbar macht.

Bedside Companion von Nash the Slash
„Bedside Companion“ von Nash the Slash ist kein bequemes Album im klassischen Sinn, sondern ein eigenwilliges, düster schillerndes Stück elektronisch geprägter Avantgarde-Rockgeschichte. Die Musik wirkt wie ein Soundtrack zu einem Film, den man nur im Kopf sieht: fiebrig, kantig, nervös und zugleich von einer seltsamen Eleganz getragen. Nash the Slash verbindet elektrische Violine, Mandoline, Synthesizer und experimentelle Klangflächen zu einer Atmosphäre, die zwischen Progressive Rock, New Wave, früher Elektronik und unheimlicher Filmmusik pendelt. Gerade diese Mischung macht den Reiz der Platte aus.

Die Stücke entfalten weniger durch klassische Songstrukturen als durch Stimmungen und Spannungsbögen ihre Wirkung. „Fever Dream“ trägt den passenden Titel: Die Musik klingt traumartig, aber nie beruhigend, eher wie ein nächtlicher Gang durch fremde Räume. Auch „Masquerade“ und „Blind Windows“ arbeiten mit einer theatralischen, fast maskenhaften Künstlichkeit, die gut zur späteren Bühnenfigur Nash the Slash passt. Man hört hier einen Künstler, der sich nicht um Konventionen bemüht, sondern um eine eigene Klangsprache.

Für Hörer, die eingängige Melodien oder klare Rocknummern erwarten, kann „Bedside Companion“ sperrig wirken. Die EP fordert Aufmerksamkeit und lebt von Wiederholungen, Klangfarben und einer gewissen Kälte. Doch gerade darin liegt ihre Stärke. Sie ist atmosphärisch dicht, originell und ihrer Zeit voraus. Nash the Slash zeigt sich hier als musikalischer Außenseiter mit starkem Gespür für Drama, Klang und Irritation.
„Bedside Companion“ ist ein kurzes, aber markantes Werk zwischen Avantgarde, Elektronik und düsterem Kopfkino. Nicht leicht zugänglich, aber faszinierend – ein Album für Hörer, die Musik nicht nur konsumieren, sondern erkunden wollen.

„Der Kommissar – Music from the Original TV-Series 1969–1972“ von Peter Thomas
Das Album „Der Kommissar – Music from the Original TV-Series 1969–1972“ von Peter Thomas beziehungsweise dem Peter Thomas Sound Orchester ist eine reizvolle Wiederentdeckung deutscher Fernseh- und Krimimusik. Die Veröffentlichung würdigt erstmals gebündelt Thomas’ Arbeit für die ZDF-Serie „Der Kommissar“, zu der er Musik für 22 Folgen beisteuerte. Stilistisch reicht das Material von klassischer Spannungsmusik über Beat, Soul und Jazz-Anklänge bis zu experimentellen Soundcollagen.

Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz des Albums aus. Peter Thomas komponiert nicht nur funktionale Begleitmusik, sondern kleine, pointierte Klangminiaturen, die sofort Bilder erzeugen: nächtliche Straßen, verrauchte Bars, Großstadtmelancholie, Verbrechen, Verdacht und psychologische Unruhe. Viele Stücke sind sehr kurz, oft kaum länger als eine Minute, doch sie besitzen eine erstaunliche Prägnanz. Titel wie „The World Is Gone“, „Corinna“, „Papierblumenmörder“ oder „Tod am Bahndamm“ zeigen, wie stark Thomas mit knappen Motiven Atmosphäre schaffen konnte.

Das Album lebt weniger von großen Melodien als von Stimmungen, Farben und rhythmischer Raffinesse. Beat-Elemente und elegante Orchesterflächen treffen auf schräge Effekte und eine typisch späte Sechzigerjahre-Moderne. Man hört darin nicht nur Krimispannung, sondern auch Zeitkolorit: ein Deutschland zwischen Wirtschaftswunder-Nachhall, urbaner Nervosität und beginnender gesellschaftlicher Veränderung. Dass „Der Kommissar“ als wichtige deutsche Fernsehserie gilt, wird durch diese Musik nachvollziehbar; sie verleiht dem Format Stil, Kühle und eine eigene akustische Identität.

Als reines Höralbum hat die Zusammenstellung allerdings auch Grenzen. Die Kürze vieler Tracks und ihr Ursprung als Szenenmusik führen dazu, dass manche Stücke eher wie Skizzen oder Schlaglichter wirken als wie vollständig ausgearbeitete Kompositionen. Wer ein geschlossenes Album mit durchgehender Dramaturgie erwartet, könnte den Charakter der Sammlung als sprunghaft empfinden. Doch genau diese Fragmentierung gehört auch zum Charme: Es ist Musik wie aus Aktennotizen, Verhörzimmern und Schwarzweißbildern.

Insgesamt ist „Der Kommissar“ ein starkes Dokument der deutschen Soundtrack-Kultur und ein Beleg für Peter Thomas’ enorme stilistische Beweglichkeit. Das Album zeigt einen Komponisten, der Fernsehen nicht als Nebenprodukt behandelte, sondern als Experimentierfeld für präzise, eigenwillige und oft überraschend moderne Musik. Für Freunde von Krimi-Soundtracks, Library Music und deutscher Fernsehgeschichte ist diese Veröffentlichung sehr empfehlenswert.

RSD-2021-Vinyl Bob Dylan – Jokerman / I And I (The Reggae Remix EP)
Die Veröffentlichung ist zunächst ein reizvoller Sammler-Gegenstand: eine 12”-EP zum Record Store Day 2021, limitiert auf 7.000 Exemplare, erschienen bei Legacy, mit vier Doctor-Dread-Remixen: „Jokerman“, „Jokerman – Instrumental Dub“, „I And I“ und „I And I – Reggae Dub“. Der Ansatz ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn die Originalversionen stammen vom Album Infidels, auf dem Sly & Robbie als Rhythmussektion beteiligt waren — also Musiker, deren DNA tief im Reggae und Dub liegt.

Musikalisch ist die Platte aber eher Kuriosum als zwingende Neuinterpretation. Der Reggae-Groove legt sich zwar organisch unter „Jokerman“, doch gerade bei diesem Song ist Dylans Originalspannung entscheidend: die leicht unheimliche Offenheit, das Prophetische, das Rätselhafte. Der Remix glättet davon einiges. Wo das Original schillert und flirrt, wirkt die RSD-Version stellenweise etwas zu gemütlich, fast zu eindeutig. Der Dub-Mix ist interessanter, weil er den Song stärker dekonstruiert und Raum, Bass und Echo nach vorne rückt — aber auch hier bleibt die Frage, ob der Eingriff wirklich neue Tiefen freilegt oder eher ein schönes Effektgewand über einen ohnehin großen Song legt.

Bei „I And I“ funktioniert die Idee etwas besser. Der stoische, dunkle Charakter des Stücks verträgt die Dub-Behandlung gut; Bass und Hall betonen die innere Schwere des Songs. Allerdings waren die beiden „I And I“-Remixe bereits 2003 auf Is It Rolling Bob: A Reggae Tribute To Bob Dylan erschienen, während die „Jokerman“-Remixe für diese EP neu beauftragt und zuvor unveröffentlicht waren.  Dadurch fühlt sich die Platte ein wenig halb neu, halb Archiv-Verwertung an.

Als Vinyl-Veröffentlichung hat sie dennoch Charme: 12”-Format, überschaubare Tracklist, klares Konzept, Sammlerwert. Wer Dylan-Raritäten, Dub-Versionen oder RSD-Sonderpressungen mag, bekommt ein hübsches Nischenstück. Wer aber eine essentielle Dylan-Veröffentlichung erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Es ist keine Offenbarung, sondern eine interessante Fußnote: respektvoll gemacht, rhythmisch angenehm, aber nicht stark genug, um die Originale ernsthaft herauszufordern.

Nosferatu: The Call Of The Deathbird von Jozef Van Wissem
Jozef Van Wissem ist kein Musiker, der Horror mit grellen Effekten ausbuchstabiert. Auf Nosferatu: The Call Of The Deathbird nähert sich der niederländische Lautenist und Komponist F. W. Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu von 1922 mit einer Mischung aus Laute, Elektronik, Beats, E-Gitarre und verfremdeten Vogelgeräuschen. Das Album erschien am 31. Oktober 2022 bei Incunabulum Records und ist in sechs Akte gegliedert.

Schon diese Anlage macht deutlich: Van Wissem komponiert keine gefällige Begleitmusik, sondern eine eigene Schattenarchitektur. Die Laute, sein zentrales Instrument, wirkt hier nicht historisierend oder dekorativ, sondern spröde, streng und unheimlich nah. Ihre gezupften Figuren legen ein asketisches Fundament, über dem sich nach und nach elektronische Drones, dunkle Verzerrungen und eine beinahe rituelle Schwere ausbreiten.

Der besondere Reiz dieser Musik liegt in ihrem langsamen Übergang von Stille zu Bedrohung. Van Wissem selbst beschreibt die Entwicklung des Soundtracks als Bewegung „from silence to noise“, die am Ende in dichter, langsamer Schwere kulminiert; auch die Bandcamp-Beschreibung verweist auf verzerrte Aufnahmen ausgestorbener Vögel und eine Entwicklung hin zu gotischem Horror.  Das hört man dem Album an: Die ersten Stücke tasten sich noch vorsichtig voran, fast karg und kontemplativ. Doch je weiter die sechs Akte fortschreiten, desto stärker verdunkelt sich der Klangraum.

Besonders wirkungsvoll ist, dass Nosferatu nicht auf Schock setzt. Die Musik kriecht eher, als dass sie springt. Sie erzeugt Spannung durch Wiederholung, Reduktion und minimale Verschiebungen. In den besten Momenten klingt sie wie ein altes Gebet, das in eine moderne Verstärkeranlage geraten ist. Die Laute steht dabei für eine vormoderne, fast sakrale Welt; die Elektronik und E-Gitarre reißen diese Welt auf und lassen etwas Kaltes, Körperloses eindringen.

Das lange „Nosferatu, Act 5“, mit knapp 18 Minuten der zentrale Schlussblock des Albums, bündelt diese Qualitäten am stärksten. Hier wird aus der anfänglichen Strenge ein schwerer, dunkler Sog. Die Musik braucht Geduld, belohnt diese aber mit einer Atmosphäre, die tatsächlich filmisch wirkt, ohne bloß illustrativ zu sein. Man muss Murnaus Film nicht vor Augen haben, um die Bilder zu spüren: Schatten, starre Fenster, langsame Bewegungen, ein Unheil, das nicht plötzlich erscheint, sondern schon die ganze Zeit im Raum war.

Gleichzeitig ist genau diese Konsequenz auch die Grenze des Albums. Wer melodische Entwicklung, klare Themen oder klassische Soundtrack-Dramaturgie erwartet, wird mit The Call Of The Deathbird möglicherweise fremdeln. Die Stücke sind weniger Songs als Zustände. Van Wissem arbeitet mit Askese, Wiederholung und klanglicher Verdichtung. Das macht die Platte faszinierend, aber nicht leicht zugänglich.

Im Vergleich zu vielen modernen Horror-Soundtracks wirkt Nosferatu deshalb bemerkenswert eigenständig. Es klingt weder nach Retro-Synth-Nostalgie noch nach orchestraler Schauerromantik. Stattdessen verbindet Van Wissem frühe Musik, Dark Ambient, Drone und experimentellen Rock zu einer düsteren Meditation über Tod, Verfall und Verführung. Dass er 2013 für Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive den Cannes Soundtrack Award erhielt, passt als biografischer Hinweis gut ins Bild: Van Wissem versteht das Unheimliche nicht als Effekt, sondern als Stimmung, als Raum, als langsame Infektion des Klangs. 

Nosferatu: The Call Of The Deathbird ist ein streng gebautes, dunkles und atmosphärisch starkes Album. Keine leichte Kost, aber ein eindrucksvolles Werk für Hörer, die sich auf minimalistische Spannung, sakrale Kälte und experimentelle Filmmusik einlassen. Jozef Van Wissem liefert keine bloße Neuvertonung eines Stummfilmklassikers, sondern eine eigenständige akustische Beschwörung.

Children of the Night von Nash the Slash
Es gibt Alben, die man am besten nicht erklärt, sondern einfach geschehen lässt. Children of the Night von Nash the Slash ist eines davon – und zugleich ein Werk, das man unmöglich ignorieren kann, wenn man auch nur einen flüchtigen Blick auf die Randgebiete der frühen 1980er Jahre wirft. Das Album erschien 1981, nachdem Nash 1980 Gary Numan als Vorband durch Großbritannien begleitet hatte, und gewann schnell Kultstatus durch seinen unverwechselbaren Klang, der aus elektrischen Mandolinen, elektrischen Violinen, Drummaschinen und anderen Klangerzeugern besteht. Das Plattencover verkündet stolz: „There are no guitars.“ Dieser Satz ist kein bloßes Marketingversprechen, sondern eine ästhetische Grundsatzentscheidung: Nash the Slash – bürgerlich Jeff Plewman aus Toronto – verweigerte der Rockgitarre als Leitinstrument die Gefolgschaft und schuf stattdessen eine Klangwelt, die zwischen Kammermusik, New Wave, Industrial und Science-Fiction-Soundtrack mäandert, ohne sich je wirklich in einem dieser Genres festzusetzen. Es war Nash‘ zweites Studioalbum und sein erstes mit Gesang. Dass er sich gerade in diesem Moment entschied, seine Stimme einzusetzen, macht das Album zu einem doppelten Statement: als Instrumentalist war er bereits eine Eigenheit, als Sänger wird er vollends zur Erscheinung. Als Sänger trägt Nash eine Melodie sicher und ist selbst über industriellem Lärm klar verständlich. Seine Stimme ist kein Schöngesang, sondern ein Werkzeug – trocken, leicht angezerrt, zuweilen in ein genussvolles Knurren abgleitend.

Nash the Slashs „Children of the Night“ ist ein Album, das aus der Dunkelheit kommt, aber nicht einfach düster sein will. Es lebt von einer eigentümlichen Mischung aus New Wave, Art Rock, elektronischer Kälte und theatralischer Exzentrik. Statt klassischer Rock-Gesten dominieren hier Violine, Mandoline, Synthesizer und eine fast filmische Atmosphäre. Das Ergebnis klingt zugleich mechanisch und menschlich, verspielt und unheimlich.

Besonders reizvoll ist die Art, wie Nash the Slash Spannung aufbaut: Viele Stücke wirken wie kleine nächtliche Szenen, in denen sich Melancholie, Ironie und latente Bedrohung überlagern. Die Musik hat einen starken visuellen Charakter; man hört gewissermaßen Nebel, Neonlicht, Schatten und Großstadtangst mit. Dabei bleibt das Album trotz aller Schrägheit erstaunlich zugänglich, weil die Melodien klar geführt sind und die Arrangements nie bloß Selbstzweck werden.

„Children of the Night“ ist kein bequemes Popalbum, sondern ein eigenwilliges Werk für Hörerinnen und Hörer, die Musik mit Charakter suchen. Es besitzt den Charme einer Zeit, in der New Wave noch experimentieren durfte und Popmusik auch bizarr, kantig und kunstvoll sein konnte. Gerade deshalb hat das Album bis heute nichts von seiner Faszination verloren: Es klingt wie ein nächtlicher Spaziergang durch ein Paralleluniversum – elegant, seltsam und wunderbar unheimlich.

Rocket to Russia von the Ramones
Es gibt Alben, die die Popmusik verändert haben. Und dann gibt es Rocket to Russia – ein Album, das die Popmusik auf ihre nackten Knochen reduziert, sie mit Amphetaminen füttert und zurück auf die Straße wirft. Das dritte Studioalbum der Ramones, erschienen am 4. November 1977 auf Sire Records, ist kein Revolutionsprogramm und kein Manifest. Es ist schlicht das beste Rock’n’Roll-Album, das vier Männer aus Queens je aufgenommen haben – und nach Meinung vieler das beste, das sie je aufnehmen würden.

Bereits am ersten Tag der Aufnahmen, dem 21. August 1977, erschien Gitarrist Johnny Ramone im Media Sound Studio in Manhattan – einer ehemaligen Episkopalkirche – mit einer Kopie der neuen Sex-Pistols-Single „God Save the Queen“ unterm Arm. Er war wütend. Er fand, seine Band sei von den Briten bestohlen worden, und er wollte, dass das neue Ramones-Album schärfer produziert klingt als alles, was die Pistols je hinbekommen würden. Dieser Gründungsmythos des Albums sagt alles über seinen Charakter: Rocket to Russia entstand aus Stolz, aus Konkurrenzdruck und aus dem unbedingten Willen, der Welt zu beweisen, dass New York der eigentliche Geburtsort des Punk war – und dass der Punk der Ramones Melodien hatte.

Die Produktionskosten lagen zwischen 25.000 und 30.000 Dollar – nach den Maßstäben großer Plattenfirmen immer noch niedrig, aber erheblich mehr als die Kosten der beiden Vorgängeralben zusammen. Dieses Budget ist im Ergebnis zu hören, ohne dass das Album seinen rauen Charakter verlöre. Der AllMusic-Kritiker Stephen Thomas Erlewine vergab fünf von fünf Sternen und erklärte, die Produktion verleihe der Musik der Ramones nur noch mehr Kraft – das Album sei ihr zugänglichstes und genussreichstes Werk, dank eines Überflusses an Hooks und einer größeren Tempovarianz als auf den Vorgängern. Der Schlagzeuger und Mitproduzent Tommy Ramone hatte begriffen, dass Rohheit kein Selbstzweck ist, sondern ein Mittel – und dass man sie gezielt einsetzen kann.

Nach Ansicht von Bandmitgliedern und Biographen ist Rocket to Russia das Ramones-Album mit den meisten Klassikern und den humorvollsten Songtexten der Gruppe. Die meisten Eigenkompositionen beschäftigen sich in absurd-humorvoller Weise mit psychischen Störungen, der Psychiatrie und dysfunktionalen Beziehungen. „Cretin Hop“, „Teenage Lobotomy“, „We’re a Happy Family“ – das sind keine Songs über Außenseiter, die Mitgefühl einfordern. Das sind Songs, die den Wahnsinn des Alltags feiern, mit breitem Grinsen und ohne jede Sentimentalität. Der Rolling-Stone-Kritiker Dave Marsh schrieb bei Erscheinen, es sei „der beste amerikanische Rock’n’Roll des Jahres und möglicherweise das lustigste Rockalbum, das je gemacht wurde“.

Daneben stehen die beiden großen Sommerhits des Albums: „Rockaway Beach“ und „Sheena Is a Punk Rocker“. „Rockaway Beach“ wurde von Dee Dee Ramone geschrieben, inspiriert von den Beach Boys und ähnlichen Surf-Rock-Bands, und wurde zur erfolgreichsten Single der Ramones in den USA, die Platz 66 der Billboard Hot 100 erreichte. In diesen Songs ist kein Zynismus und keine Ironie – nur pure, aufrichtige Freude an Melodie und Tempo. Die Ramones, die nie wirklich Punk-Politiker sein wollten, zeigen hier, was sie im Herzen immer waren: eine Bubblegum-Band mit Lederjacken.

Die Coverversionen auf dem Album sind mit derselben Chuzpe gewählt wie alles andere. „Do You Wanna Dance?“ von Bobby Freeman und das völlig entfesselte „Surfin‘ Bird“ der Trashmen – beide werden durch die Ramones-Maschine gejagt und kommen am anderen Ende schneller, lauter und seltsamer heraus als im Original. Es ist keine Verehrung, es ist Aneignung: Die Ramones nehmen sich, was ihnen gefällt, und machen es zu ihrem eigenen.

Rocket to Russia ist das letzte Studioalbum, das mit allen vier Originalmitgliedern aufgenommen wurde. Tommy Ramone verließ nach der anschließenden Tour die Band, erschöpft vom Tourneeleben und enttäuscht vom ausbleibenden kommerziellen Durchbruch. Die Bandmitglieder machten die Sex Pistols mitverantwortlich für die enttäuschenden Verkaufszahlen – ihre Eskapaden hätten Punk in der Öffentlichkeit als bedrohliches Phänomen erscheinen lassen und dem Album jede Chance auf Airplay genommen. Es ist eine der großen Ironien der Musikgeschichte: Das Album, das Johnny Ramone mit dem Anspruch aufnahm, besser zu klingen als die Pistols, wurde von eben diesen aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt.

In seiner posthum erschienenen Autobiografie vergab Gitarrist Johnny Ramone an Rocket to Russia als einzigem Ramones-Album die Bestnote A+ und nannte es „das beste Ramones-Album, mit den Klassikern darauf“. Es fällt schwer, ihm zu widersprechen. In 29 Minuten und zwölf Tracks – kein Song dauert länger als drei Minuten, die meisten kommen in unter zwei – entfaltet dieses Album eine Dichte an unvergesslichen Momenten, die die meisten Bands in einem ganzen Jahrzehnt nicht erreichen. Rocket to Russia ist kein Kultobjekt für Eingeweihte. Es ist schlicht eines der großen Alben der Popgeschichte.

Nekromantik von Hermann Kopp
Der Soundtrack zu „Nekromantik“ ist kein bloßes Begleitwerk, sondern ein eigenständiges Stück verstörender Filmästhetik. Die Musik bewegt sich zwischen melancholischen Synthieflächen, düsteren Klangcollagen und beinahe zärtlichen Motiven, die in irritierendem Kontrast zum morbiden Inhalt des Films stehen. Gerade diese Mischung aus Kälte, Traurigkeit und bizarrer Romantik macht den Reiz aus: Statt plumper Schockeffekte setzt der Score auf Atmosphäre und Unbehagen.


Das Album klingt sperrig, manchmal fragmentarisch, aber genau darin liegt seine Stärke. Es öffnet keinen bequemen Hörraum, sondern zieht einen in eine abseitige, fiebrige Welt, in der Schönheit und Ekel nah beieinanderliegen. Für Fans experimenteller Filmmusik und des deutschen Underground-Kinos ist der Soundtrack ein faszinierendes Dokument – unangenehm, eigenwillig und erstaunlich poetisch.

Tres Hombres von ZZ Top
Mit „Tres Hombres“ gelang ZZ Top 1973 der entscheidende Durchbruch – und bis heute gilt das Album als eines der stärksten Werke des texanischen Trios. Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard fanden hier endgültig ihren unverwechselbaren Sound: staubtrockener Bluesrock, treibender Boogie, schwere Gitarrenriffs und eine Lässigkeit, die nie aufgesetzt wirkt. Dieses Album klingt nach heißem Asphalt, verrauchten Bars, ölverschmierten Garagen und endlosen Highways.

Der bekannteste Song ist natürlich „La Grange“. Das Stück ist ein Meisterwerk der Reduktion: ein hypnotisches Riff, ein lässig gemurmelter Gesang, ein Groove, der immer weiter nach vorne rollt. Mehr braucht es nicht. „La Grange“ wurde zum Klassiker, weil ZZ Top hier alles auf den Punkt bringen, was die Band ausmacht: Coolness, Humor, Schmutz und musikalische Präzision.

Doch „Tres Hombres“ ist weit mehr als nur dieser eine Hit. Schon der Opener „Waitin’ for the Bus“ legt mit seinem schleppenden Groove und der rauen Gitarre die Richtung fest. Direkt danach geht „Jesus Just Left Chicago“ nahtlos weiter und zeigt die bluesige, beinahe spirituelle Seite der Band. Diese beiden Stücke wirken zusammen wie eine Visitenkarte: ZZ Top können hart rocken, aber sie vergessen nie ihre Wurzeln im Blues.

Auch Songs wie „Beer Drinkers & Hell Raisers“ oder „Move Me on Down the Line“ zeigen die Band in Bestform. Hier wird nicht lange philosophiert, hier wird gespielt. Der Sound ist direkt, trocken und kraftvoll. Gibbons’ Gitarre knurrt und singt zugleich, Dusty Hills Bass hält alles erdig zusammen, und Frank Beards Schlagzeug ist präzise, aber nie steril. Gerade diese unaufgeregte Rhythmusarbeit macht den Reiz des Albums aus.

Besonders stark ist die Atmosphäre. „Tres Hombres“ klingt nicht wie ein glatt produziertes Studioalbum, sondern wie eine Band, die genau weiß, woher sie kommt. Der Blues ist immer präsent, aber ZZ Top kopieren ihn nicht einfach. Sie verwandeln ihn in etwas Eigenes: texanisch, dreckig, humorvoll und zugleich unglaublich souverän. Die Songs haben keine überflüssigen Verzierungen. Alles sitzt dort, wo es sitzen muss.

Aus heutiger Sicht wirkt „Tres Hombres“ wie ein Schlüsselalbum des Southern- und Bluesrock. Es zeigt ZZ Top noch vor der großen MTV-Ära der 80er Jahre, bevor Synthesizer, Videos und Sonnenbrillen-Mythos die Band endgültig zu Pop-Ikonen machten. Hier stehen noch die drei Musiker und ihr kompromissloser Groove im Mittelpunkt.

Fazit: „Tres Hombres“ ist ein raues, lässiges und zeitloses Bluesrock-Album. Es verbindet texanischen Humor mit musikalischer Klasse und enthält mit „La Grange“ einen der größten Rockklassiker der 70er Jahre. Wer ZZ Top verstehen will, sollte hier anfangen. Ein Album wie ein staubiger Roadtrip durch Texas – kurz, knackig, dreckig und verdammt cool.

The Yardbirds – No. 4
„The Yardbirds – No. 4“ ist eine Zusammenstellung der britischen Rockband, die 1982 in der Schweiz als LP und Picture Disc veröffentlicht wurde. Die Compilation enthält Songs aus den 1960er Jahren, darunter „For Your Love“ und „I’m A Man“. Zudem gibt es weitere Veröffentlichungen mit ähnlichen Namen, wie „Classic Yardbirds Vol. 4“ und „The Yardbirds Story, Part 4“.
„No. 4“ ist kein reguläres Studioalbum der Yardbirds, sondern eine 1982 erschienene Compilation auf dem Schweizer Label Astan. Das ist für die Einordnung wichtig: Wer hier ein geschlossen konzipiertes Album erwartet, wird eher eine lose, aber sehr reizvolle Zusammenstellung früher Yardbirds-Aufnahmen hören. Die Platte versammelt zehn Stücke, darunter „Got Honey in Your Hips“, „Boom Boom“, „Five Long Years“, „Pretty Girl“, „Got Love If You Want It“, „Putty“, „Still I’m Sad“, „For Your Love“, „I’m a Man“ und „Jeff’s Blues“.

Gerade diese Mischung macht den Reiz aus. „No. 4“ zeigt die Yardbirds nicht als sauber sortierte Hitmaschine, sondern als Band im Übergang: vom britischen Rhythm & Blues der frühen Sechziger hin zu jenem experimentierfreudigen Rock, der später Hardrock, Psychedelic und Gitarrenrock entscheidend beeinflussen sollte. Die Yardbirds waren eine der zentralen britischen Bands der Sechziger und wurden nicht zuletzt dadurch legendär, dass nacheinander Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page bei ihnen spielten. 

Die stärksten Momente der Platte liegen dort, wo die Band tief im Blues verwurzelt ist. „Boom Boom“ und „Five Long Years“ zeigen die Yardbirds als junge, hungrige britische Bluesband, die amerikanische Vorbilder nicht nur nachspielt, sondern mit nervöser Energie auflädt. Das klingt rau, direkt und manchmal auch ein wenig ungestüm – aber genau darin liegt die Stärke. Die Band wirkt nicht museal oder ehrfürchtig, sondern körperlich. Rhythmus, Mundharmonika, Gitarre und Gesang drängen nach vorne, als müsse der Blues aus dem engen Clubraum herausbrechen.

„Got Love If You Want It“ und „Got Honey in Your Hips“ besitzen ebenfalls diese frühe Club-Atmosphäre. Man spürt den Ursprung der Yardbirds als Live-Band, die nicht auf perfekte Studiopolitur setzte, sondern auf Spannung, Tempo und Druck. Das ist Musik, die nach schwitzenden Bühnen, kleinen Verstärkern und unmittelbarer Publikumsnähe klingt. In solchen Momenten versteht man, warum die Yardbirds im Londoner Blues- und R&B-Umfeld so schnell Bedeutung gewannen.

Der bekannteste Titel der Zusammenstellung ist natürlich „For Your Love“. Das Stück markiert einen Bruch in der Bandgeschichte: weg vom puristischen Blues, hin zu einem poppigeren, ungewöhnlich arrangierten Sound. Gerade dieser Song machte die Yardbirds einem breiteren Publikum bekannt, war aber auch ein Auslöser für Spannungen innerhalb der Band, weil er deutlich kommerzieller klang als ihre frühen Bluesnummern. Das auf „No. 4“ nebeneinanderzustellen, ist interessant: Die Compilation zeigt nicht nur, was die Yardbirds konnten, sondern auch, wohin sie sich bewegten. „For Your Love“ wirkt zwischen den erdigeren Bluesstücken fast wie ein Fremdkörper – aber ein produktiver Fremdkörper. Der Song öffnet die Tür zu jener stilistischen Abenteuerlust, die später mit Jeff Beck und Jimmy Page noch stärker wurde.

Besonders faszinierend ist „Still I’m Sad“. Das Stück gehört zu den ungewöhnlichsten Yardbirds-Aufnahmen überhaupt: düster, beinahe sakral, mit einem hypnotischen Charakter. Es zeigt, dass die Band schon früh mehr wollte als Bluesrock nach Schema. Hier kündigt sich eine psychedelische, atmosphärische Seite an, die im Rückblick fast moderner wirkt als manche der geradlinigeren Nummern. „Still I’m Sad“ ist weniger Song als Stimmung – und genau deshalb einer der Höhepunkte dieser Zusammenstellung.

„I’m a Man“ wiederum bringt die andere Seite der Yardbirds auf den Punkt: den treibenden, aggressiven R&B, der sich in langen Instrumentalpassagen steigern kann. Die Band verstand es, einfache Bluesstrukturen in eine Art kontrollierte Explosion zu verwandeln. Der berühmte „rave-up“-Stil der Yardbirds – also das allmähliche Hochfahren von Tempo, Lautstärke und Intensität – ist hier besonders gut zu erkennen. Aus heutiger Sicht hört man darin schon Vorformen dessen, was später bei Cream, Led Zeppelin und im Hardrock weiterentwickelt wurde.

Als Album im engeren Sinn ist „No. 4“ allerdings etwas uneinheitlich. Das liegt weniger an der Qualität der einzelnen Stücke als am Charakter der Veröffentlichung. Die Platte erzählt keine klare Dramaturgie, sondern funktioniert eher wie ein Schaufenster. Sie springt zwischen Blues, Pop, instrumentaler Gitarrenarbeit und experimentelleren Ansätzen. Wer einen roten Faden sucht, findet ihn weniger in der Trackfolge als in der Entwicklung der Band selbst: Die Yardbirds ringen hier hörbar mit ihrer Identität. Genau das macht die Platte spannend, aber auch etwas fragmentarisch.

Klanglich sollte man keine audiophile Offenbarung erwarten. Als Compilation aus dem Jahr 1982 wirkt „No. 4“ eher wie eine Sammlerplatte, die Material bündelt, als wie eine sorgfältig kuratierte Werkschau mit historischer Einordnung. Das schmälert aber nicht den musikalischen Wert. Im Gegenteil: Der etwas rohe Charakter passt zur Band. Die Yardbirds waren nie glatt. Ihre Stärke lag in der Reibung – zwischen Blues und Pop, Kontrolle und Ausbruch, Tradition und Experiment.

Für Einsteiger ist „No. 4“ nur bedingt die ideale erste Yardbirds-Platte, weil sie nicht so klar einordnet wie klassische Best-of-Zusammenstellungen oder die bekannten Alben aus den Sechzigern. Für Hörerinnen und Hörer, die bereits wissen, warum diese Band wichtig ist, bietet sie aber einen kompakten Blick auf mehrere zentrale Facetten: den Blues-Ursprung, den Pop-Erfolg, die dunklere Experimentierfreude und die Gitarrenenergie, die später Rockgeschichte schrieb.

Unterm Strich ist „No. 4“ eine reizvolle, wenn auch nicht endgültige Yardbirds-Veröffentlichung. Die Platte lebt von starken Einzelmomenten und von der historischen Spannung einer Band, die noch nicht festgelegt war. Man hört Musiker, die aus dem Blues kommen, aber bereits an dessen Grenzen rütteln. Genau darin liegt die Bedeutung der Yardbirds: Sie waren keine Band, die nur einen Stil perfektionierte, sondern eine, die Türen aufstieß. „No. 4“ ist deshalb weniger ein perfektes Album als ein lebendiges Dokument einer der wichtigsten britischen Rockbands der Sechziger.

Meine Vinyl-Käufe im April

5. Mai 2026

Vinyl erlebt seit Jahren ein Comeback, weil Schallplatten für viele Menschen mehr sind als nur ein Tonträger. Wer Vinyl kauft, entscheidet sich bewusst für ein musikalisches Erlebnis: das große Cover, das Auflegen der Platte und das Hören eines Albums in Ruhe von Anfang bis Ende. Dazu kommt für viele der warme, direkte Klang, der als besonders authentisch empfunden wird. Schallplatten stehen deshalb nicht nur für Musik, sondern auch für Wertschätzung, Sammelleidenschaft und ein Stück entschleunigten Musikgenuss.

EPIC von Elvis Presley
EPIC“ ist weniger ein klassisches neues Elvis-Album als ein groß aufgezogener Sampler, der noch einmal zeigen soll, warum Presley bis heute so überlebensgroß wirkt. Die Stärke der Sammlung liegt in ihrer Wucht: Stimme, Präsenz und Spannbreite sind sofort da. Zwischen Rock’n’Roll, Ballade und Gospel wird hörbar, wie mühelos Elvis Stile wechseln konnte, ohne je beliebig zu klingen.


Gerade deshalb funktioniert „EPIC“ vor allem als Monument und weniger als Überraschung. Wer Elvis kennt, bekommt viele Gründe geliefert, ihn erneut zu bewundern; wer nach neuen Perspektiven sucht, findet eher Verdichtung als Entdeckung. Das Album lebt vom Mythos, aber es zeigt auch sehr konkret, warum es diesen Mythos gibt: wegen dieser markanten Stimme, der Mischung aus Lässigkeit und Pathos und einer Präsenz, die selbst Jahrzehnte später nicht verblasst.
Unterm Strich ist „EPIC“ eine wirkungsvolle, massentaugliche Elvis-Schau — nicht unbedingt für die feine Neubewertung, aber stark darin, Größe, Vielseitigkeit und zeitlose Wirkung des Künstlers noch einmal eindrucksvoll hörbar zu machen.

Echoes vom Søren Bebe Trio
Echoes von Søren Bebe ist ein Jazzalbum, das seine Wirkung nicht aus demonstrativer Virtuosität bezieht, sondern aus Ruhe, Klarheit und jener seltenen Kunst, Stille musikalisch fruchtbar zu machen. Das Album erschien 2019 als Werk des Søren Bebe Trio und umfasst zehn Stücke mit einer Laufzeit von ungefähr 45 Minuten. In Rezensionen und den offiziellen Albumangaben wird es als besonders fein austariertes, melodisches und bewegendes Trio-Album beschrieben.

Gerade darin liegt die große Stärke dieser Platte. Echoes drängt sich nie auf, sondern entfaltet sich langsam, fast beiläufig, und gewinnt genau dadurch Tiefe. Das Trio spielt mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit zusammen; All About Jazz hebt hervor, wie sehr die Musiker seit Jahren aufeinander eingespielt sind und sich in der melodischen Entwicklung beinahe vorausahnend begegnen. Diese Form des Zusammenspiels hört man dem Album an: Nichts wirkt forciert, nichts effekthascherisch, alles bleibt im Fluss.

Die Kompositionen von Søren Bebe sind dabei der eigentliche Kern des Albums. Stücke wie „Alba“, „Alone“ oder „New Beginning“ zeigen laut der All-About-Jazz-Besprechung sehr unterschiedliche Seiten des Albums: romantische Melodik, innere Wärme, aber auch Momente eines freieren, rhythmisch bewegteren Zugriffs. Genau diese Balance macht Echoes reizvoll. Das Album bleibt insgesamt lyrisch und introspektiv, kippt aber nie in Belanglosigkeit oder bloße Hintergrundmusik.

Als Kritik im eigentlichen Sinn lässt sich sagen: Wer von modernem Jazz scharfe Brüche, wilde Experimente oder demonstrative Dramatik erwartet, wird Echoes vielleicht als zu zurückhaltend empfinden. Das Album sucht nicht den Schock, sondern die Vertiefung. Seine Sprache ist leise, sein Ausdruck fein ziseliert. Doch gerade in dieser Beschränkung liegt seine Qualität. Echoes vertraut auf Melodie, Atmosphäre und Präzision, nicht auf äußeren Effekt. Dadurch besitzt es eine fast meditative Kraft, die weit über den Moment des Hörens hinaus nachwirkt. Diese Wirkung spiegelt sich auch in den positiven offiziellen Hörerstimmen wider, die das Album als bewegend, zart und ungewöhnlich zugänglich beschreiben.

Unterm Strich ist Echoes ein sehr elegantes, reifes und emotional klug gebautes Album. Es zeigt, wie überzeugend zeitgenössischer Klaviertrio-Jazz sein kann, wenn Technik nicht Selbstzweck bleibt, sondern ganz in den Dienst von Stimmung, Klang und innerer Bewegung gestellt wird. Søren Bebe gelingt hier kein lauter Wurf, sondern ein stiller, nachhaltiger. Gerade deshalb ist Echoes ein Album, das man nicht nur hört, sondern in das man sich allmählich hineinbegibt.

Live On Air 1988 von Bob Dylan und Neil Young
Als Kritik lässt sich sagen: „Live On Air 1988“ lebt weniger von perfektem Klang oder editorischer Sorgfalt als von seinem historischen Reiz. Das Material dokumentiert Dylan in einer Phase des Umbruchs und zeigt mit Neil Young einen prominenten Mitstreiter, der der Aufnahme zusätzliches Gewicht verleiht. Solche Veröffentlichungen sind in erster Linie keine ausgefeilten Live-Alben im klassischen Sinn, sondern Fundstücke für Hörer, die Atmosphäre, Zeitkolorit und den raueren Charakter eines Konzertmitschnitts schätzen. Discogs führt das Release ausdrücklich als inoffizielle Veröffentlichung bzw. Radio-Broadcast.

Gerade darin liegt zugleich Stärke und Schwäche der Platte. Der Reiz entsteht aus der Unmittelbarkeit: Man hört kein glatt poliertes Produkt, sondern ein Dokument eines bestimmten Moments. Die Tracklists der gelisteten Editionen zeigen ein stark Dylan-geprägtes Programm mit Stücken wie „Subterranean Homesick Blues“, „Absolutely Sweet Marie“, „Masters of War“, „Gates of Eden“ und „Maggie’s Farm“. Das macht die Aufnahme vor allem für Fans interessant, die Dylan nicht nur in seinen kanonischen Studiofassungen hören wollen, sondern in seiner lebendigen, wandelbaren Bühnenform.

Künstlerisch wirkt das Material vor allem dann überzeugend, wenn man es als Momentaufnahme und nicht als definitive Live-Aussage hört. Der Bootleg-Charakter bringt naturgemäß Einschränkungen mit sich: Klang, Zusammenstellung und dramaturgischer Fluss erreichen meist nicht das Niveau offiziell kuratierter Konzertalben. Dafür entsteht eine gewisse Rauheit, die bei Dylan durchaus ihren eigenen Wert hat. Seine Auftritte gewinnen oft gerade dann, wenn sie nicht geschniegelt, sondern kantig, wetterfest und ein wenig spröde wirken. Neil Young verstärkt diesen Eindruck noch, weil sein Name sofort eine Aura von Authentizität, Erdigkeit und Rock-Folk-Wucht mitbringt.

Unterm Strich ist „Live On Air 1988“ kein Meisterwerk im Sinne eines großen offiziellen Livealbums, wohl aber ein reizvolles Sammlerstück für Dylan- und Young-Hörer mit Sinn für historische Konzertdokumente. Wer exzellenten Sound und definitive Versionen sucht, wird hier eher Vorbehalte haben. Wer hingegen den Charme des Unfertigen, die Energie des Augenblicks und das Gefühl einer archivierten Rockgeschichte schätzt, kann an dieser Veröffentlichung durchaus Gefallen finden.

Wake of the Flood von Grateful Dead
Wake of the Flood von den Grateful Dead ist ein Album, das innerhalb der Bandgeschichte eine besondere Stellung einnimmt. Es erschien 1973 als sechstes Studioalbum der Gruppe und war zugleich das erste Album auf dem bandeigenen Label Grateful Dead Records. Damit markiert es einen Einschnitt: Die Band trat künstlerisch und organisatorisch selbstbewusster auf und löste sich ein Stück weit aus den üblichen Strukturen des Musikgeschäfts. Offizielle Band- und Labelquellen beschreiben das Album deshalb ausdrücklich als Werk einer Übergangsphase, geprägt von Neuaufbruch, Wachstum und Selbstständigkeit.


Musikalisch zeigt Wake of the Flood die Grateful Dead in einer reiferen, offeneren und klanglich beweglicheren Form. Nach den stark amerikanisch geprägten Vorgängern wie Workingman’s Dead und American Beauty wirkt dieses Album freier, fließender und stellenweise deutlich jazziger. Gerade diese Mischung aus Folk, Rock, Country, Improvisationsgeist und eleganterem Songwriting macht den besonderen Reiz aus. Die Band selbst beschreibt diese Phase rückblickend als ein Abbiegen weg von der reinen Americana-Richtung hin zu einem breiteren, progressiveren Klangbild.

Zugleich steht das Album für eine personelle und emotionale Übergangszeit. Es war das erste Studioalbum nach dem Tod des Gründungsmitglieds Ron “Pigpen” McKernan und entstand in einer Besetzung, in der Keith und Donna Godchaux das Klangbild entscheidend mitprägten. Dadurch bekam die Musik mehr Wärme, mehr melodische Offenheit und eine neue Leichtigkeit, ohne den typischen Charakter der Band zu verlieren. Rhino nennt das Album deshalb ein Dokument von Wandel, Ausdauer und Optimismus.

Besonders wichtig sind auch die einzelnen Stücke. Zu den bekanntesten Songs des Albums zählen „Eyes of the World“, „Mississippi Half-Step Uptown Toodeloo“ und „Stella Blue“. Diese Titel wurden nicht nur zu festen Größen im Kosmos der Grateful Dead, sondern zeigen auch exemplarisch, wie stark die Band auf Wake of the Flood Melodie, Rhythmus und offene Strukturen miteinander verbindet. Offizielle Veröffentlichungen zum Album heben genau diese Stücke immer wieder hervor.
Rückblickend gilt Wake of the Flood vielen als eines der feinsten und stimmungsvollsten Studioalben der Grateful Dead. Es ist vielleicht kein lautes oder spektakuläres Album, aber gerade in seiner Gelassenheit, seiner klanglichen Eleganz und seiner inneren Beweglichkeit liegt seine Größe. Es zeigt eine Band, die nach Verlusten und Umbrüchen nicht stehenbleibt, sondern neue Formen findet. Dadurch wirkt das Album bis heute wie ein stiller, aber sehr bedeutender Aufbruch in eine neue Phase der Grateful-Dead-Geschichte.

Murderock von Keith Emerson
„Murderock“ ist kein Emerson-Album, das man nach den Maßstäben von ELPs symphonischem Prog bewerten sollte. Gerade darin liegt aber seine interessante Spannung: Emerson schreibt hier keine monumentale Keyboard-Architektur, sondern eine funktionale, filmische Musik, die sich stark an den urbanen Dance-, Synth- und Thriller-Sound der frühen 1980er anlehnt. Das Ergebnis ist ein Werk, das weniger durch kompositorische Größe als durch Atmosphäre, Rhythmus und stilistische Anpassungsfähigkeit überzeugt.

Die Stärke des Albums liegt vor allem in seiner Zeitgebundenheit. Stücke wie „Tonight Is Your Night“ oder der Titelsong sind durch und durch 80er-Jahre-Musik: synthetisch, kühl, pulsierend, teilweise fast geschniegelt. Genau das verleiht dem Soundtrack heute einen eigentümlichen Reiz. Emerson verbindet Club-Ästhetik, Suspense und melodische Eingängigkeit zu einem Sound, der das Milieu des Films — Tanzschule, Großstadt, Körper, Bedrohung — sehr direkt abbildet. Als atmosphärisches Produkt seiner Epoche funktioniert das Album daher erstaunlich gut.
Zugleich ist das seine größte Schwäche. Wer von Emerson die eruptive Kühnheit von „Tarkus“, die harmonische Opulenz von „Brain Salad Surgery“ oder auch die infernalische Wucht seines „Inferno“-Scores erwartet, wird hier eher Ernüchterung erleben. „Murderock“ wirkt streckenweise wie ein Auftragswerk, das bewusst an Trends andockt, statt sie zu übersteigen. Manche Motive bleiben eher Skizzen als voll ausgearbeitete Kompositionen; einige Passagen funktionieren im Filmkontext besser als isoliert auf Albumlänge. Als eigenständiges Hörerlebnis hat die Platte deshalb Längen.

Gerade diese funktionale Zersplitterung ist typisch für Soundtracks, aber bei Emerson fällt sie besonders auf, weil seine stärksten Arbeiten meist von struktureller Dramatik und virtuoser Stringenz leben. Auf „Murderock“ dominiert dagegen oft das Pattern, der Groove, die klangliche Oberfläche. Das ist handwerklich sauber und stellenweise ausgesprochen charmant, aber eben selten überwältigend. Man hört einen großen Musiker, der sich diszipliniert in den Dienst eines Genres stellt — nicht unbedingt einen, der seine schöpferischen Grenzen austestet.

Trotzdem sollte man das Album nicht vorschnell als Nebensache abtun. In seiner Mischung aus Italo-Thriller, New-Wave-Kälte und tanzbarer Nervosität besitzt „Murderock“ einen eigenen Kultwert. Es ist eines jener Emerson-Werke, die weniger von Größe als von Kuriosität und Stilgefühl leben. Wer die Schnittstelle zwischen Prog-Musiker, Genrekino und 80er-Sounddesign spannend findet, entdeckt hier ein faszinierendes Seitenstück seiner Karriere.

„Murderock“ ist kein zentrales Meisterwerk Keith Emersons, aber ein hörenswerter, eigentümlich reizvoller Soundtrack. Seine Qualitäten liegen in Atmosphäre, Zeitkolorit und kultiger Eigenart; seine Schwächen in der kompositorischen Uneinheitlichkeit und der Nähe zum modischen 80er-Produktionsstil. Kritisch gewürdigt ist es also eher ein interessantes Randwerk als ein großer Wurf — aber gerade als Randwerk ein sehr aufschlussreiches.

Wagner: Tannhäuser (1961) unter Franz Konwitschny
Die 1961 erschienene „Tannhäuser“-Aufnahme unter Franz Konwitschny ist eine der markanten deutschsprachigen Wagner-Einspielungen ihrer Zeit. Sie entstand im Oktober 1960 in Berlin mit dem Orchester der Staatsoper Berlin; zu den zentralen Solisten gehören Hans Hopf als Tannhäuser, Elisabeth Grümmer als Elisabeth, Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram und Gottlob Frick als Landgraf. Es handelt sich um die Dresdner Fassung.

Künstlerisch liegt die große Stärke dieser Einspielung in Konwitschnys dramatischem Zugriff. Er macht aus „Tannhäuser“ kein bloß feierliches Monument, sondern ein Musikdrama mit Zug, Spannung und innerer Glut. Die Tempi wirken häufig straff, aber nie gehetzt; vielmehr entsteht der Eindruck eines Dirigenten, der die Konflikte der Oper – Sinnlichkeit, Reue, Erlösungssehnsucht – in klaren musikalischen Linien formt. Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung dieser Aufnahme: Sie verbindet theatralische Energie mit einem sehr deutschen, kernigen Wagner-Ton. Ein zeitgenössischer Kritikeindruck beschreibt Konwitschnys Deutung als „weicher und delikater“ in manchen Passagen, zugleich aber im Venusberg auch deutlich bewegt und vorwärtsdrängend.

Die Besetzung ist insgesamt hochkarätig. Hans Hopf bringt für die Titelpartie das nötige heldische Format mit: kein eleganter Schönsänger, sondern ein Tannhäuser mit Metall, Attacke und dramatischer Entschlossenheit. Das passt sehr gut zu Konwitschnys eher geradliniger, zupackender Lesart. Elisabeth Grümmer ist dagegen eine Idealbesetzung für Elisabeth: leuchtend, nobel, innig und von einer fast schwerelosen Reinheit des Tons. Dass gerade Szenen aus dieser Aufnahme später in Sänger-Editionen besonders hervorgehoben wurden, spricht für die Qualität ihres Beitrags. Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram bringt Wortdeutlichkeit, Formbewusstsein und kultivierte Linienführung ein; sein Wolfram ist vielleicht weniger warmherzig als bei manch anderem, dafür psychologisch scharf konturiert. Gottlob Frick sorgt mit seinem schwarzen, autoritativen Bass für Gravität.

Gerade diese Mischung macht die Aufnahme reizvoll: Sie ist nicht luxuriös im modernen Sinn, aber musikalisch außerordentlich konzentriert. Sie hat Profil, Charakter und stilistische Geschlossenheit. Wo spätere Aufnahmen oft auf orchestralen Glanz oder klangliche Opulenz setzen, überzeugt Konwitschny eher durch dramatische Logik und Ensemblekultur. Man hört eine Wagner-Tradition, die aus dem Theater kommt und weniger aus dem Tonstudio.

Natürlich hat die Aufnahme auch Grenzen. Die Klangtechnik stammt aus einer anderen Epoche; gegenüber späteren Referenzen wirkt der Klang heute nicht immer voll ausgeleuchtet oder räumlich großzügig. Wer eine audiophile, farbensatte Wagner-Aufnahme sucht, wird eher zu späteren Produktionen greifen. Auch vokal ist nicht alles makellos im rein schönen Sinn: Hopfs Stimme etwa beeindruckt mehr durch Kraft und Wahrhaftigkeit als durch mühelose Eleganz. Aber genau das gehört hier fast schon zum ästhetischen Mehrwert. Diese „Tannhäuser“-Einspielung will nicht geschniegelt erscheinen, sondern wahr, direkt und dramatisch zwingend.

Konwitschnys „Tannhäuser“ von 1961 ist keine bequeme Luxusaufnahme, sondern eine große Charakteraufnahme. Ihre Vorzüge liegen in der packenden Leitung, der starken Ensembleleistung und einer unverwechselbaren Wagner-Tradition zwischen Theaterwucht und musikalischer Disziplin. Wer Wagner vor allem als lebendiges Drama hören will, findet hier eine hochrangige, bis heute eindrucksvolle Deutung. Wer dagegen primär perfekten Klang und vokale Makellosigkeit sucht, wird sie eher als historisch bedeutend denn als letzte Referenz empfinden.

Wagner: Der fliegende Holländer von Karl Böhm
Die Aufnahme von „Der fliegende Holländer“ aus Bayreuth 1971 unter Karl Böhm gehört zu den markanten Wagner-Mitschnitten dieser Zeit. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt der Bayreuther Festspiele 1971 mit Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele; in den Hauptrollen singen Thomas Stewart als Holländer, Gwyneth Jones als Senta, Karl Ridderbusch als Daland, Hermin Esser als Erik, Sieglinde Wagner als Mary und Harald Ek als Steuermann. Veröffentlicht wurde die Aufnahme zunächst als 3-LP-Box, später auch auf CD bei Deutsche Grammophon.

Musikalisch ist diese Einspielung vor allem wegen Böhms Zugriff interessant. Sein Wagner ist hier nicht schwerfällig oder mystisch aufgeladen, sondern eher direkt, straff und dramatisch zugespitzt. Gerade beim „Holländer“ passt das sehr gut, weil die Oper von innerer Unruhe, Sturm, Vorwärtsdrang und plötzlichen Spannungsentladungen lebt. Mehrere Besprechungen heben genau diese Energie hervor: Böhm treibe die Musik mit Nachdruck voran, setze auf klare Linien und kräftige dramatische Höhepunkte.

Besonders geschätzt wird häufig Thomas Stewart in der Titelrolle. Sein Holländer wirkt stimmlich markant, ausdrucksstark und textdeutlich, also weniger als bloß finstere Sagenfigur, sondern als sehr präsente, dramatisch aufgeladene Gestalt. Auch Karl Ridderbusch bringt als Daland viel Profil mit. Bei Gwyneth Jones als Senta gehen die Urteile etwas stärker auseinander: Sie wird als intensive, engagierte Sängerin wahrgenommen, zugleich gibt es Stimmen, die in dieser Aufnahme nicht alles ideal finden. Gerade das macht den Mitschnitt aber interessant, weil er nicht geschniegelt wirkt, sondern die Live-Spannung Bayreuths hörbar macht.

Für Wagner-Freunde ist dieses Album deshalb vor allem ein Dokument einer bestimmten Bayreuth-Ästhetik der frühen 1970er Jahre: großes Theater, starke Stimmen, ein berühmter Dirigent und ein Zugriff, der eher auf dramatische Wirkung als auf klangliche Schönfärberei setzt. Wer den „Fliegenden Holländer“ in einer packenden, zügigen und sehr theaternahen Lesart hören möchte, findet hier eine wichtige Aufnahme

Wagner: Tannhäuser von Karl Elmendorff
Das Album „Tannhäuser“ von den Bayreuther Festspielen 1930 unter Karl Elmendorff ist vor allem ein bedeutendes historisches Dokument der frühen Wagner-Aufnahmekultur. Es handelt sich um Wagners Oper in der Pariser Version von 1861, eingespielt mit dem Bayreuther Festspielchor und dem Bayreuther Festspielorchester; aufgenommen wurde das Ganze im August 1930 im Bayreuther Festspielhaus. In den Hauptpartien sind Sigismund Pilinszky als Tannhäuser, Maria Müller als Elisabeth, Ruth Jost-Arden als Venus, Herbert Janssen als Wolfram und Ivar Andrésen als Landgraf Hermann zu hören.

Interessant ist diese Einspielung vor allem, weil sie einen sehr direkten Eindruck von der Bayreuth-Tradition der Zwischenkriegszeit vermittelt. Karl Elmendorff steht hier für einen zupackenden, klar strukturierten Wagner-Stil, der weniger auf klangliche Üppigkeit als auf dramatischen Zug und theatralische Zuspitzung setzt. Gerade bei „Tannhäuser“ funktioniert das gut, weil die Oper ständig zwischen sinnlicher Verführung, religiöser Innigkeit und großer öffentlicher Szene wechselt. Man hört also keine glatte Studioperfektion im modernen Sinn, sondern eher ein spannungsreiches, historisch geprägtes Musiktheaterdokument.
Auch die Besetzung macht die Aufnahme bemerkenswert. Maria Müller war eine der wichtigen Wagner-Sopranistinnen ihrer Zeit, und Herbert Janssen bringt als Wolfram große Noblesse und stilistische Geschlossenheit mit. Sigismund Pilinszky in der Titelrolle wirkt aus heutiger Sicht vielleicht nicht immer makellos, aber gerade das gehört zum Reiz solcher historischen Aufnahmen: Sie zeigen starke Sängerpersönlichkeiten, nicht bloß schönpolierte Stimmen. Dazu kommt mit Erna Berger als junger Hirt noch ein klanglich besonders interessanter Name.

Natürlich muss man das Album mit dem Ohr für historische Aufnahmen hören. Der Klang ist technisch durch die Zeit begrenzt und weit entfernt von späteren Bayreuth-Mitschnitten. Aber genau darin liegt auch sein Wert: Diese 1930er Aufnahme gehört zu den frühen erhaltenen Bayreuth-Dokumenten aus einer Zeit, aus der insgesamt nur wenige vollständige Tondokumente überliefert sind. Für Wagner-Freunde und Sammler ist dieser „Tannhäuser“ deshalb weniger eine luxuriöse Klangaufnahme als vielmehr ein faszinierendes Zeugnis der Aufführungsgeschichte auf dem Grünen Hügel.

Ein Roboter aus dem Jahr 1897: Georges Méliès’ Sensationsfund schreibt Filmgeschichte neu

15. April 2026

Der Filmfreund und Sammler von Roboterspielzeug in mir jubiliert und feiert. Der 1897 entstandene Kurzfilm „Gugusse et l’Automate“ von Georges Méliès ist ein sensationeller Fund, da er höchstwahrscheinlich die allererste filmische Darstellung eines Roboters enthält. Der 45-sekündige Stummfilm wurde von der US-amerikanischen Library of Congress aufwendig restauriert und der weltweiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Handlung des Kurzfilms
In dem Stummfilm steuert ein Clown namens Gugusse – gespielt von Regisseur Georges Méliès – eine mechanische Figur im Pierrot-Kostüm, die durch das Drehen einer Kurbel plötzlich auf Menschengröße anwächst. Der Automat entwickelt ein unerwartetes Eigenleben und schlägt seinen menschlichen Schöpfer unvermittelt mit einem Stock auf den Kopf. Daraufhin greift Gugusse zu einem großen Vorschlaghammer und hämmert wütend auf die Maschine ein, bis sie immer kleiner wird und schließlich nach dem letzten Schlag gänzlich verschwindet. Hier der Film.

Die abenteuerliche Entdeckung
Der historische Film schlummerte über ein Jahrhundert lang in einer alten Holztruhe, die über Generationen auf verschiedenen Dachböden und in Garagen aufbewahrt wurde. Entdeckt wurde der Schatz von Bill McFarland, einem pensionierten Lehrer aus Michigan und Urenkel des frühen Filmvorführers William DeLyle Frisbee. Die Filmrollen lagerten über ein Jahrhundert lang unbemerkt in einer ramponierten Holztruhe. Diese wurde innerhalb der Familie über mehrere Generationen hinweg weitergereicht und stand die meiste Zeit unbeachtet auf verschiedenen Dachböden, in Kellern und Garagen. Letztendlich landete das Erbstück bei Bill McFarland, einem 76-jährigen pensionierten Lehrer aus Michigan, der die Truhe selbst bereits seit rund 20 Jahren aufbewahrte.
Da lokale Antiquitätenhändler die leicht entzündlichen Nitratfilme aus Sicherheitsgründen ablehnten, fuhr McFarland im September 2025 persönlich nach Virginia, um die verrosteten Rollen dem National Audio-Visual Conservation Center zu übergeben. Hier ein KI-generierter Podcast:

Das Erbe eines Filmvorführers
Die historische Filmsammlung gehörte ursprünglich McFarlands Urgroßvater William DeLyle Frisbee. Dieser arbeitete im späten 19. Jahrhundert tagsüber als Kartoffelbauer und Lehrer, zog aber nachts als Schausteller mit einem Projektor durch das ländliche Pennsylvania. Nach seinem Tod Ende der 1930er Jahre gingen seine Ausrüstung und die Filme in den Besitz seiner Tochter über, bevor sie über weitere Stationen schließlich ihren Weg zu seinem Urenkel fanden.

Die abenteuerliche Übergabe
McFarland wusste nicht, welche Werke sich auf den Rollen befanden, konnte sie aber aufgrund ihres fragilen und brandgefährlichen Nitratmaterials nicht selbst untersuchen. Da lokale Antiquitätenhändler und Museen das explosive Filmmaterial aus Sicherheitsgründen ablehnten, lud er die Truhe im September 2025 in sein Auto und fuhr rund 1.100 Kilometer zum National Audio-Visual Conservation Center in Virginia. Dort nahmen Archivare der Library of Congress die verrosteten Filmdosen in Empfang und identifizierten eine der Rollen kurz darauf als das seit über 100 Jahren verschollene Werk von Georges Méliès.

Filmhistorische Bedeutung
„Gugusse et l’Automate“ gilt als ein bahnbrechendes Werk des frühen Science-Fiction-Kinos, da es den zeitlosen erzählerischen Konflikt zwischen einem Erfinder und seiner außer Kontrolle geratenen Maschine thematisiert. Méliès nutzte in diesem frühen Werk bereits seine innovativen Kamera- und Stopptricks, um das magische Wachstum und Schrumpfen des mechanischen Automaten optisch umzusetzen. Da mehr als die Hälfte seiner rund 500 produzierten Filme bis heute als verschollen gelten, ist diese unerwartete Wiederentdeckung ein wahrer Meilenstein für die internationale Kinogeschichte.

Wenn Kubricks Kino plötzlich quakt: Vier Entenboxen als liebevolle Hommage an ein Genie

14. April 2026

In der Welt der Sammlerstücke gibt es selten Momente, in denen Popkultur und Filmgeschichte sich so nett greifbar begegnen wie in den TUBBZ Boxen, die Stanley Kubrick gewidmet sind. Vier detailverliebte Miniaturen – die ikonischen Badeenten im Stil seiner unvergesslichen Figuren – ehren nicht nur einen Regisseur, sondern eine ganze Ära des Kinos. Es sind Enten aus Full Metal Jacket, The Shining, Uhrwerk Orange und 2001: Odyssee im Weltraum.

Die kleinen TUBBZ-Entenboxen zu den Filmen von Stanley Kubrick sind für mich weit mehr als bloße Sammlerstücke. Sie sind schräge, charmante und zugleich erstaunlich liebevolle Erinnerungsstücke an ein Werk, das das Kino für immer verändert hat. Auf den ersten Blick wirken sie verspielt, fast absurd: ikonische Figuren aus düsteren, rätselhaften, monumentalen Filmen als Badeenten. Doch genau in diesem Kontrast liegt ihr Zauber.

Kubrick stand wie kaum ein anderer Regisseur für Perfektion, für Bildgewalt, für kühle Präzision und für Filme, die sich tief ins Gedächtnis eingebrannt haben. Ob das unheimliche Lächeln aus The Shining, die beklemmende Wucht von A Clockwork Orange oder die majestätische Fremdheit von 2001: A Space Odyssey — seine Werke tragen bis heute eine fast mythische Aura. Und dann kommen diese Entenboxen daher und verwandeln all das in etwas Greifbares, Zärtliches, fast Herzliches.

Gerade für Filmfans wie mich liegt darin etwas sehr Berührendes. Denn diese Figuren nehmen Kubrick nichts von seiner Größe. Im Gegenteil: Sie zeigen, wie stark seine Bilder und Charaktere bis heute leben. Selbst in einer so augenzwinkernden Form bleiben sie sofort erkennbar. Das ist keine Parodie, sondern eine liebevolle Verbeugung vor einem Regisseur, dessen Werk Generationen bewegt, verstört und fasziniert hat.

Die TUBBZ-Entenboxen schaffen damit etwas Seltenes: Sie verbinden Popkultur mit echter Filmleidenschaft. Sie holen die oft als kühl und distanziert empfundenen Kubrick-Welten aus dem Museum des großen Kinos direkt ins Regal, auf den Schreibtisch oder in die Vitrine. Dort stehen sie dann nicht einfach als Merchandising-Produkte, sondern als kleine emotionale Anker — für Lieblingsszenen, für erste Filmerlebnisse, für lange Gespräche über bedeutende Bilder und große Kunst.

Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Kraft: Diese Enten sind skurril, witzig und doch voller Gefühl. Sie erinnern daran, dass große Filme nicht nur analysiert, sondern auch geliebt werden wollen. Und manchmal zeigt sich diese Liebe eben nicht in schweren Bildbänden oder nüchternen Essays, sondern in einer kleinen Box mit einer Ente, die plötzlich ein ganzes Kino-Universum in sich trägt.

Kubrick war nie nur Filmemacher. Er war Architekt menschlicher Abgründe, Chronist der Zivilisation, Forscher unserer Sehnsüchte und Ängste. Vom kalten Glanz von 2001: Odyssee im Weltraum bis zum hypnotischen Wahnsinn von The Shining formte er Welten, die noch Jahrzehnte später hallen. Seine Werke sind keine Filme, die man einfach „sieht“ – man erlebt sie, durchlebt sie, und findet sich selbst darin wieder. Jede Einstellung trägt seine Handschrift: die präzise Symmetrie, das unheimlich stille Detail, die Musik, die unter die Haut geht.

Dass die TUBBZ Reihe Kubrick nun in dieser verspielten Form feiert, wirkt fast paradox – und doch berührend. Die kleinen Figuren erinnern uns daran, dass selbst die größten Meister des ernsten Kinos Teil einer lebendigen Kultur bleiben. Sie verwandeln Kubricks Charaktere aus Symbolen des Existenziellen in liebevoll greifbare Artefakte. Alex DeLarge mit seinem schiefen Grinsen, Jack Torrance mit der Axt, der Astronaut Bowman im Raumanzug, Private Poker mit Brille und Helm – jeder von ihnen steht wie ein leuchtendes Fragment eines Genies, das die Welt nie wieder loslässt.
Kubrick war ein Perfektionist, ein Träumer, manchmal ein Tyrann seiner eigenen Visionen. Aber gerade darin liegt seine Größe. Er zeigte, dass Kunst kein Kompromiss ist, sondern Folge radikaler Fragen: Wer sind wir? Wieviel Kontrolle besitzen wir über uns selbst? Und was bleibt, wenn die Illusion verschwindet? Seine Filme waren Spiegel des Unbehagens, des Fortschritts, der menschlichen Hybris – und genau deshalb bleiben sie zeitlos.
Diese vier Boxen sind also mehr als Sammlerstücke. Sie sind kleine Denkmäler an die Kraft der Vorstellung, an das Kino als Medium der Erkenntnis und des Staunens. In ihnen lebt Kubrick weiter – nicht im Monument einer Statue, sondern in den charmanten Augen einer Badeente, die uns anlächelt und flüstert: „Das Spiel ist nie vorbei.“

Corgi CC04701 – Der legendäre Lotus Esprit Turbo aus „James Bond: For Your Eyes Only“

9. Dezember 2025

Als Sammler von Corgi-Bond-Modellen musste ich natürlich den Lotus haben.Der Corgi CC04701 ist eine detailreiche Modellnachbildung des legendären Lotus Esprit Turbo aus dem Bond-Film For Your Eyes Only. Im Maßstab 1:36 gefertigt, bildet dieses Die-Cast-Modell das charakteristische Design des Originals getreu ab — von der sportlich-schlanken Karosserie über die Felgen bis hin zu Außenspiegeln und Innenraumdetails.

Das Modell wirkt besonders hochwertig: Für Sammler gedacht, überzeugt es durch gute Proportionen und eine saubere Lackierung, die den ikonischen Look aus dem Film einfängt. Manche Varianten kommen mit Zubehör wie Dachskiern — eine Referenz an Bonds Einsatz in verschneiten Gebirgen — was den Wiedererkennungswert noch steigert.

Ein weiteres Merkmal: Der Corgi-Hersteller, bekannt für seine Film- und Serien-Modellautos, fertigt dieses Modell in der Tradition klassischer Die-Cast-Fahrzeuge. Für Fans der 007-Reihe und Modellauto-Sammler ist dieses Exemplar ein schönes Stück Filmgeschichte — ideal zum Ausstellen, für Sammler-Vitrinen oder als Geschenk für Liebhaber von Bond-Cars.

Der Modellwagen Corgi CC04701 Lotus Esprit Turbo aus dem James-Bond-Film For Your Eyes Only besitzt ein solides Sammler- und Wertsteigerungspotential, da er nicht mehr regulär produziert wird und somit nur noch auf dem Zweitmarkt erhältlich ist.

Exemplare in gutem Zustand werden derzeit meist im Bereich von etwa 50 bis 55 Euro gehandelt, während Modelle im neuwertigen Originalzustand inklusive Verpackung häufig zwischen 20 und 30 Euro liegen. Sein Reiz ergibt sich vor allem aus der Verbindung zur ikonischen James-Bond-Reihe, die in der Sammlerszene seit Jahrzehnten eine konstante Nachfrage erzeugt. Der Wiedererkennungswert des Lotus Esprit Turbo, kombiniert mit der Tatsache, dass Filmfahrzeuge traditionell zu den begehrtesten Die-Cast-Modellen gehören, unterstützt diese Nachfrage zusätzlich. Wie bei den meisten Sammlerstücken spielt der Zustand eine zentrale Rolle:

Originalverpackung, unbeschädigte Lackierung und vollständige Details können den Preis deutlich erhöhen, während Gebrauchsspuren den Wert beeinflussen. Insgesamt lässt sich festhalten, dass dieses Corgi-Modell ein attraktives Objekt für Bond-Fans sowie Modellautosammler ist und aufgrund seiner begrenzten Verfügbarkeit langfristig ein interessantes Wertsteigerungspotenzial besitzt.

Ein Groschen voller Träume – die Magie des Novomat

9. Oktober 2025

Ich bin kein großer Fan von Geldspielautomaten, aber als ich den Novomat bei einer Veranstaltung entdeckte, wurde ich schwach. Ein Novomat ist ein Stück Spielhallen-Geschichte – ein mechanischer Geldspielautomat aus der frühen Zeit der Firma Novomatic (die damals noch unter „Novo-Mat Apparatebau“ auftrat).

Solche Geräte gehörten zu den klassischen Unterhaltungsautomaten, wie man sie in Gaststätten, Kneipen oder kleinen Spielsalons der 1950er Jahre fand. Typisch für diese Geräte war noch die rein mechanische Technik – Zahnräder, Federn, Walzen und Hebel bestimmten das Spielgeschehen, Elektronik kam erst Jahre später dazu. Die Automaten waren laut, rasselten und klackerten beim Spielbetrieb – was zu ihrem besonderen Charme beitrug. Der Spieler warf Münzen ein (z. B. 10 Pfennig oder 1 DM), zog an einem Hebel oder drückte einen Startknopf. Die Mechanik setzte dann Walzen, Scheiben oder Zeiger in Bewegung.

Der Automat hatte eine tolle Geschichte. Meine Gedanken gingen auf Reisen. In den rauchigen Bars und belebten Tanzlokalen der Nachkriegszeit hielt Mitte der 1950er-Jahre ein neues mechanisches Wunder Einzug: der Novomat-Spielautomat. Dieses Gerät, im Volksmund auch als „einarmiger Bandit“ bekannt, zog die Gäste mit blinkenden Zahlen und verheißungsvollem Geklingel in seinen Bann. Man stelle sich die Szene vor: In einer Ecke der Kneipe steht der Novomat, ein hölzerner Kasten mit verchromten Zierelementen und einer gläsernen Front, hinter der drei Walzen mit Symbolen rotieren. Beim Ziehen des seitlich angebrachten Hebels – gekrönt von einem runden Knauf – setzt ein sattes Klack die feinmechanische Maschinerie in Gang. Für einen Augenblick hält jeder in der Nähe den Atem an, während ein leises Rattern und Klicken aus dem Inneren ertönt. Dann, nach einer kleinen Ewigkeit von vielleicht 15 Sekunden, kommen die Walzen nacheinander zum Stillstand und zeigen ihr Ergebnis . Mit etwas Glück poltert eine Handvoll Münzen in die Auszahlschale und das metallische Klimpern erfüllt den Raum – ein Geräusch, das in den 50ern unweigerlich für Begeisterung sorgte.

Ein originaler Novomat-Spielautomat aus den 1950er-Jahren. Das Gehäuse aus Holz mit Sichtfenster für die Walzen und verchromten Bauteilen verleiht dem Gerät den zeittypischen Charme dieser Ära.

Einfallsreichtum
Technisch gesehen verkörpert der Novomat den ganzen mechanischen Einfallsreichtum seiner Zeit. In seinem Inneren arbeitete er rein mechanisch, vollkommen ohne Elektronik – jedes Geräusch, jeder Ablauf entstand durch Zahnräder, Federn und Hebel. Der Spieler warf eine 10-Pfennig-Münze ein, wodurch das Gerät entriegelt wurde . Ein kräftiger Zug am Hebel spannte Federn und setzte die Walzen in Rotation. Anders als bei heutigen Automaten konnte man den Spielverlauf hier noch spüren: Den leichten Widerstand des Hebels, das Rucken der Mechanik und das surrende Auslaufen der Walzen. Eine Besonderheit des Novomat war die Möglichkeit, das Spiel selbst minimal zu beeinflussen. So verfügte er – im Gegensatz zu früheren Geräten – über eine Nachstart-Funktion: Der Spieler konnte nach dem ersten Drehen eine der Walzen gezielt nochmals in Bewegung setzen, um die Gewinnchancen zu erhöhen. Dieses kleine Element von Geschicklichkeit verlieh dem Spiel einen zusätzlichen Reiz und füllte zugleich die vorgeschriebene Mindestspieldauer von 15 Sekunden mit Spannung.

Die Gewinnmöglichkeiten waren zwar bewusst begrenzt – auf maximal das Zehnfache des Einsatzes, also 1 DM – doch genau diese Bescheidenheit passte zur Zeit. In einer Ära, in der das Wirtschaftswunder langsam Fahrt aufnahm, bedeutete ein Gewinn von einer Mark bereits eine kleine Sensation und die Hoffnung, dass das Glück einem lacht, selbst wenn es nur ein paar Groschen waren.

Auch kulturell strahlte der Novomat einen besonderen Reiz aus. In den vom Krieg gezeichneten 50er-Jahren sehnte man sich nach Ablenkung, nach ein wenig Glanz und Spannung im Alltag. Der Novomat lieferte genau das: Er vereinte den technischen Charme eines präzise gebauten Geräts mit dem aufregenden Versprechen des Zufalls. Wenn abends die Jazz- und Rock’n’Roll-Klänge aus der Jukebox erklangen und die Tanzfläche lebendig wurde, bildeten sich nicht selten Trauben von Neugierigen um den Spielautomaten. Für einige Minuten konnte man alles um sich vergessen – jeder Hebelzug erzählte eine eigene kleine Geschichte von Risiko und Hoffnung. Das leuchtende Ziffernfeld und das kunstvoll gestaltete Zählwerk zogen die Blicke auf sich, während der Gedanke mitspielte: Vielleicht trifft die Walze diesmal die richtige Kombination? Die Faszination, die solche Geräte auslösten, war universell. Vom Fabrikarbeiter bis zum Geschäftsmann – alle konnten sich gemeinsam über einen Gewinn freuen oder augenzwinkernd das Pech teilen. In Kneipen und Tanzlokalen wurden durch den Novomat fremde Leute zu Mitfiebernden, man lachte und staunte gemeinsam, wenn die Münzen klingelnd aus dem Auswurfschacht schossen.

Hergestellt wurde der Novomat von der Berliner Firma Günter Wulff Apparatebau, die in jenen Jahren zu den Pionieren der deutschen Automatenindustrie zählte . Bereits 1953 hatte Günter Wulff mit dem Rotomat den ersten vollmechanischen Drei-Walzen-Geldspielautomaten der Nachkriegszeit herausgebracht. Der Novomat folgte 1954 und wurde mit über 26.000 produzierten Exemplaren zum erfolgreichsten Modell seiner Art. Kaum ein Imbiss oder eine Gastwirtschaft, in der nicht irgendwann ein Novomat an der Wand hing oder auf dem Tresen thronte. Sogar über die Landesgrenzen hinaus fand das Gerät Verbreitung – es war sinnbildlich für den Aufbruch und die neue Vergnügungslust jener Zeit.

Die Firma Wulff traf mit dem Novomat genau den Nerv der Gesellschaft: Unterhaltung für wenig Geld, greifbare Technik zum Anfassen und die aufregende Möglichkeit, mit einem simplen Groschen den kleinen Jackpot zu knacken. Gleichzeitig achtete man streng auf Regeln: Damit das Spiel ein harmloses Vergnügen blieb, galten strenge Auflagen. Die Behörden erlaubten solche Geräte nur unter der Bedingung, dass der Einsatz gering blieb und die Ausschüttungsquote fair war. Tatsächlich mussten Automaten wie der Novomat mindestens 60 % der eingeworfenen Beträge als Gewinne wieder auszahlen – genug, um die Spieler bei Laune zu halten, aber nicht so viel, dass jemand ein Vermögen verlor. So etablierte sich der Novomat als Freizeitbeschäftigung der kleinen Leute: Ein kurzes Spiel nach Feierabend, ein paar Pfennig Einsatz, und mit etwas Glück ein paar Münzen mehr in der Tasche oder zumindest eine gute Geschichte für den Heimweg.

Die Präsenz des Novomat prägte das Freizeitverhalten der 1950er-Jahre nachhaltig. Er war mehr als nur ein Automat – er war ein Stück Zeitgeist. In einer Epoche, die von Aufbruchsstimmung und dem Wunsch nach Vergnügen geprägt war, symbolisierte das aufleuchtende, klingelnde Gerät die neu gewonnene Leichtigkeit des Seins. Jung und Alt standen davor, oft mit glänzenden Augen, und ließen sich von der Mischung aus Technik und Glücksspiel verzaubern. Viele Jugendliche jener Zeit erinnerten sich später daran, wie sie fasziniert den Erwachsenen beim Spielen zusahen, vom bunten Walzendrehen hypnotisiert, während sie selbst noch nicht alt genug waren, um mitzuspielen. Der Novomat stand in Eckkneipen neben dem Stammtisch, in Tanzcafés neben der Theke und sogar in manchem Bahnhofsbuffet – überall dort, wo Menschen zusammenkamen, um ihre Sorgen für einen Moment zu vergessen und sich dem kleinen Nervenkitzel hinzugeben. Manche Wirte berichten rückblickend, dass der Automatenplatz heiß begehrt war: Man traf sich am Novomat, wartete geduldig auf seinen Einsatz und fieberte bei jedem Spiel der anderen mit. So schuf der Apparat eine ganz eigene Gemeinsamkeit im Spiel, die in den Nachkriegsjahren von unschätzbarem Wert war.

Heute, viele Jahrzehnte später, haftet dem Novomat ein nostalgischer Glanz an. Die meisten dieser Maschinen haben die Zeit nicht unbeschadet überstanden – zu verlockend war es für Betreiber und Hersteller, die Mechanik weiterzuverwenden und alte Gehäuse zu neuen Geräten umzubauen. Trotz der einst hohen Stückzahlen sind daher nur noch vergleichsweise wenige Novomaten im Originalzustand erhalten . Wer jedoch das Glück hat, ein solches Exemplar in einem Sammlerkreis oder Museum zu sehen, spürt sofort die Aura der 50er-Jahre. Abgeblätterter Lack in Hammerschlag-Blau, abgenutzte Hebel und matte Glasscheiben erzählen von ungezählten Berührungen und hoffnungsvollen Momenten vor dem Automaten. Restauratoren und Liebhaber widmen sich mit Hingabe diesen historischen Geräten, bringen die Mechanik behutsam wieder zum Laufen und lassen die Walzen erneut drehen. So lebt der Geist des Novomat weiter: als mechanisches Märchen aus einer Zeit, in der schon ein einziger Groschen große Träume entfachen konnte. Mit jedem Klicken, Rattern und Klingeln führt uns der Novomat zurück in jene Ära – in die Nachkriegsjahre, als Technik und Hoffnung Hand in Hand gingen und ein einfacher Spielautomat namens Novomat die Menschen für einen Augenblick die Welt um sich vergessen ließ.

Der Krieg der Welten aus der Reihe Illustrierte Klassiker

31. August 2025

Der Comic Der Krieg der Welten aus der Reihe Illustrierte Klassiker (Originaltitel: Classics Illustrated) ist eine Adaption des berühmten Science-Fiction-Romans von H. G. Wells, der ursprünglich 1898 erschien. Die „Illustrierten Klassiker“ waren eine populäre Comicserie, die klassische Literatur in Bildform für ein breites Publikum – insbesondere Jugendliche – zugänglich machen wollte. Die Serie wurde ab 1941 in den USA von Gilberton veröffentlicht und später auch in viele Sprachen übersetzt, darunter Deutsch.
Als Fan der Originalgeschichte von HG Wells bin ich an den verschiedenen Buch-, Comic- und natürlich Film- und TV-Fassungen dieses Stoffes interessiert.

Die Handlung von Der Krieg der Welten als Comic folgt grob dem Roman Wells’: Marsianer landen in England und beginnen mit gigantischen Kriegsmaschinen (Tripods) eine verheerende Invasion. Die Menschheit ist technologisch unterlegen und wird von den Angreifern brutal dezimiert. Am Ende scheitert die Invasion nicht durch menschliche Waffen, sondern durch die Bakterien der Erde, gegen die die Marsianer keine Immunität besitzen.

Diese Comicversion vereinfacht den komplexen gesellschaftskritischen Subtext von Wells und legt den Schwerpunkt stärker auf Action und visuelle Darstellung der Bedrohung – was dem Medium Comic entgegenkommt.

Die Adaption gilt als eine der besseren innerhalb der Reihe, weil sie die düstere Atmosphäre und die Bedrohung gut visuell einfängt. Die Illustrationen waren farbig, mit einem typischen 50er-/60er-Jahre-Stil: klare Linien, dramatische Perspektiven, expressive Mimik. Die Geschichte wurde aus Gründen der Verständlichkeit gestrafft und an ein jugendliches Publikum angepasst. 1956 erschien die deutsche Erstausgabe. Sie ist heute rund 130 Euro wert. Ich habe den Nachdruck.

Illustrierten Klassiker
Die Illustrierten Klassiker sind eine Comicreihe, die berühmte Werke der Weltliteratur in Bildern nacherzählt. Ihren Ursprung hat die Reihe in den USA: Dort startete der Verleger Albert Kanter im Oktober 1941 die Serie zunächst unter dem Titel Classic Comics, die später in Classics Illustrated umbenannt wurde . Bis 1971 erschienen in den Vereinigten Staaten insgesamt 169 Hefte dieser Reihe, veröffentlicht bei Kanters Verlag Gilberton Company. Die erste Ausgabe adaptierte Alexandre Dumas’ Die drei Musketiere als Comic. Von Beginn an verfolgte Kanter ein pädagogisches Ziel: Junge Leser sollten durch unterhaltsame Comics an große Literatur herangeführt werden. Entsprechend basierte jedes Heft auf einem einzelnen klassischen Werk, das in gekürzter, aber möglichst originalgetreuer Comicform nacherzählt wurde.

Inhaltlich blieben die Adaptionen eng an den literarischen Vorlagen und enthielten oft zusätzliche Bildungselemente. Jede Ausgabe begann in der Regel mit einer kurzen Einführung zum jeweiligen Werk und endete mit einem Nachwort; zudem wurden oft Hintergrundinformationen über den Autor oder die Epoche beigefügt . Im Comic selbst wurden berühmte Passagen zum Teil wörtlich zitiert – so enthielt etwa der Band zu Shakespeares Hamlet die wichtigsten Monologe im Originaltext – und schwierige Wörter wurden mit Fußnoten erklärt . Am Ende jedes Heftes richtete sich ein Appell an die Leser, das vollständige Originalwerk zu lesen, sobald man den Comic durchhatte: „Now that you have read the Classics Illustrated edition, don’t miss the enjoyment of reading the original, obtainable at your school or public library.“ („Nun, da du die Illustrierte-Klassiker-Ausgabe gelesen hast, versäume nicht das Vergnügen, auch das Original zu lesen, das du in deiner Schule oder öffentlichen Bücherei finden kannst.“). Diese klare Aufforderung unterstrich den Bildungsanspruch der Reihe.

In den USA war Classics Illustrated kommerziell äußerst erfolgreich und kulturell einflussreich. Bis in die 1960er Jahre wurden über 200 Millionen Hefte verkauft , und zeitweise galt die Serie als eine der größten Jugendausgaben der Welt . Die Auswahl der adaptieren Werke reichte von Homers Ilias bis zu Shakespeare und prägte das Bildungsbewusstsein einer ganzen Generation. Anfang der 1950er Jahre erregte die Reihe sogar positive Aufmerksamkeit in der Presse, als mehrere Shakespeare-Tragödien in Comicform veröffentlicht wurden . Gleichzeitig war das Konzept umstritten: Einige Pädagogen und Kritiker befürchteten, die vereinfachten Bildergeschichten könnten die Lektüre der Originale ersetzen. So verurteilte der Psychiater Fredric Wertham 1954 in seinem einflussreichen Buch Seduction of the Innocent auch die Illustrierten Klassiker als „Verstümmelung“ großer Werke und meinte, solche Comics würden bei Jugendlichen eher Lesefaulheit fördern . Er berichtete etwa von einem Jungen, der mit dem Comic-Heft Robinson Crusoe prahlte: „Warum sollte ich das echte Buch lesen, wenn ich das hier habe?“. Kanter hingegen sah seine Hefte als Brücke zur Literatur und hielt dagegen, dass die Comics das Interesse an den „großen Büchern“ wecken sollten . Tatsächlich fühlten sich viele Kinder durch die Comics motiviert, anschließend auch zum richtigen Buch zu greifen – die Hefte enthielten nicht umsonst den ausdrücklichen Hinweis, das Original nicht zu verpassen . Im amerikanischen Gedächtnis haben die Classics Illustrated bis heute einen besonderen Platz; für die Nachkriegsgeneration sind sie zu nostalgischen Sammlerstücken geworden.

In Deutschland erschien die Reihe erstmals 1952. Der Wiener Rudl-Verlag veröffentlichte acht Hefte unter dem Reihentitel Illustrierte Klassiker – Die spannendsten Geschichten der Weltliteratur, darunter als Band 2 eine Adaption von Die Schatzinsel und als Doppelheft Robin Hood . Dieser erste Versuch war jedoch wenig erfolgreich und wurde 1953 nach acht Ausgaben eingestellt . Eine etablierte deutsche Edition folgte erst ab 1956: Der Verlag Internationale Klassiker in Hamburg startete eine neue Heftreihe gleichen Namens, beginnend erneut mit Nummer 1. Nach 30 Ausgaben übernahm der Hamburger Bildschriftenverlag (BSV) die Reihe. Der BSV führte die Illustrierten Klassiker bis 1972 fort, wobei der Verlagssitz währenddessen von Hamburg nach Aachen und schließlich Alsdorf wechselte . In dieser Hauptphase erschienen in Deutschland insgesamt 204 Hefte. Die Nummerierung lief von 1 bis 205, allerdings wurde die Nummer 192 übersprungen, so dass physisch 204 Hefte vorlagen . Der deutsche Verlag ergänzte die amerikanischen Original-Comics teils durch eigenes Material: Neben Übersetzungen der US-Hefte wurden auch Adaptionen anderer europäischer Partnerreihen in die deutsche Serie aufgenommen. Dadurch kamen zusätzliche Literaturklassiker hinzu, die in den USA gar nicht als Comic erschienen waren.

Der Inhalt der Illustrierten Klassiker umspannte ein breites Spektrum an Werken und Autoren. Antike Sagen und Epen (etwa Die Odyssee von Homer) wurden ebenso adaptiert wie historische Abenteuerromane und Jugendliteratur. So finden sich in der Reihe zum Beispiel Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper, Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher Stowe, Moby Dick von Herman Melville oder Ivanhoe von Sir Walter Scott. Große Schriftsteller des 19. Jahrhunderts sind zahlreich vertreten: Charles Dickens’ Oliver Twist und Große Erwartungen, mehrere Romane von Jules Verne (darunter 20 000 Meilen unter dem Meer), Alexandre Dumas’ Der Graf von Monte Christo, Victor Hugos Les Misérables und Mark Twains Tom Sawyer, um nur einige zu nennen. Auch Werke von William Shakespeare wurden in Comicform veröffentlicht – beispielsweise Macbeth, Hamlet, Romeo und Julia und Julius Cäsar. Insgesamt deckte die Serie nahezu alle Genres ab, von Abenteuer und Historie über Sozialromane bis zur Science-Fiction (etwa H. G. Wells’ Die Zeitmaschine) und zu klassischen Horrorgeschichten (Dr. Jekyll und Mr. Hyde). Diese Vielfalt machte die Illustrierten Klassiker zu einer Art bildhaftem Kanon der Weltliteratur für junge Leser.

Die zeichnerische und erzählerische Umsetzung folgte bestimmten Prinzipien. Jeder Band präsentierte eine in sich abgeschlossene Geschichte – anders als bei fortlaufenden Superhelden- oder Funny-Comicserien gab es keine wiederkehrenden Hauptfiguren oder Fortsetzungen . Dadurch glich jedes Heft eher einem kleinen Graphic Novel seiner Zeit, was der Reihe den Ruf einer „ernsteren“ Lektüre einbrachte . Der Zeichenstil der Comics war überwiegend realistisch und konventionell; auf künstlerische Experimente wurde zugunsten einer klaren Narration verzichtet. Kritiker beschrieben die Optik mitunter als „eher bieder“ – die Bilder sollten vor allem den Text unterstützen, nicht dominieren . Gewaltsame oder anzügliche Inhalte der Literaturvorlagen wurden für die jugendliche Leserschaft entschärft. So verzichteten die Adaptionen etwa darauf, Shakespeares Macbeth allzu blutig darzustellen (der abgetrennte Kopf wird im Comic nicht aufgespießt gezeigt), und in Romeo und Julia fehlen Anspielungen auf die in der Vorlage implizierte körperliche Beziehung . Trotz der Vereinfachung achteten die Macher auf einen gewissen Anspruch: Wie erwähnt, wurden manchmal Originaltextstellen – etwa berühmte Monologe – vollständig abgedruckt, und schwierige Begriffe mit Sternchen markiert und am Seitenrand erklärt . Ergänzend zu den Bildern trug begleitender Text (Erzählerkommentare und Dialoge) dazu bei, die komplexen Handlungsstränge der Romane verständlich auf das Comicformat zu übertragen. Darüber hinaus erschienen ab 1951 die Titelbilder der US-Ausgaben als aufwendig gemalte Illustrationen, was den Heften zusätzlichen Wiedererkennungswert gab . Insgesamt folgte die Reihe dem Motto „Bildung durch Unterhaltung“: Die Comics sollten spannend sein, ohne trivial zu werden, und gleichzeitig einen Einstieg in die klassische Literatur bieten.

Die Illustrierten Klassiker entfalteten in beiden Ländern eine bemerkenswerte kulturelle Wirkung. In den deutschsprachigen Ländern zählte die Reihe in den späten 1950er und 1960er Jahren zu den bekanntesten Comic-Publikationen. Sie machte Meisterwerke der Literatur einem breiten Publikum zugänglich und wurde von vielen Eltern und Lehrern positiver aufgenommen als reine Unterhaltungscomics. So wurden die Hefte bisweilen sogar im Schulunterricht eingesetzt, um Schüler für die behandelten Lektüren zu interessieren . Auch nach der Einstellung der Serie blieben die Illustrierten Klassiker präsent: Zwischen 1991 und 2002 brachte der Norbert Hethke Verlag sämtliche Ausgaben noch einmal als Nachdruck heraus und veröffentlichte darüber hinaus zwei neue Comicadaptionen literarischer Werke, die zuvor in keiner Ausgabe umgesetzt worden waren . Ab 2012 wurde die Reihe in Deutschland vom neu gegründeten Bildschriftenverlag in Hannover mit weiteren Bänden fortgesetzt, die zuvor hierzulande nicht erschienen waren. Diese Revival-Projekte – ebenso wie diverse Sammelbände und Sondereditionen – zeugen vom anhaltenden Interesse an der Verbindung von Klassikern und Comic-Kunst. In den USA selbst sind die Classics Illustrated längst Kultobjekte für die Generation, die in der Nachkriegszeit damit aufgewachsen ist . Als früher Versuch, Literatur „für jedermann“ aufzubereiten, haben Illustrierte Klassiker sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland einen besonderen Platz in der Comicgeschichte. Sie stehen sinnbildlich für das Konzept, Bildung durch Unterhaltung zu vermitteln, und ihr Einfluss hält bis in die Gegenwart an. – Bei mir jedenfalls.

Mein Ticket zum Shining Party im Overloock

24. August 2025

Wer zur Party zum Overloock Hotel Ball gehen möchte, der braucht eine Eintrittskarte. Diese hab ich mir jetzt besorgt und daher kann ich den Geisterball besuchen.

Jetzt traf das 24 Karat Gold-Ticket bei mir ein. Es ist auf 1980 Exemplare nummeriert, klar in diesem Jahr entstand einer der schrecklichsten Horrorfilme überhaupt: The Shining von Meisterregisseur Stanley Kubrick.

Als Kubrick-Fan musste ich diese Eintrittskarte unbedingt haben. Ich habe die Nummer 0011, bin also ein Frühbucher für den Gold Room am 4. Juli. Der Dress Code ist Black Tie, steht auf dem Ticket und auf der Verpackung sind die Grady-Zwillinge. Vielleicht bekomm ich sogar das Zimmer 237.

Also nur 1980 Exemplare, dafür aber pures Kino-Gold: das limitierte „The Shining – Gold Ticket“ besteht aus 24 Karat Gold, und dieses Sammlerstück glänzt so hell wie Jack Nicholsons Grinsen hinter der Tür. Mit ihm öffnen sich zwar keine Hotelzimmer im Overlook, aber dafür die Herzen echter Kubrick-Fans.

Ein Hinweis: Wer glaubt, er könne mit dem Ticket den Aufzug rufen – bitte nicht wundern, wenn statt des Barkeepers Lloyd nur der Hausmeister auftaucht. Und falls jemand versucht, damit im Labyrinth den Ausgang zu finden – viel Glück.