Posts Tagged ‘Mythos’

Meine Vinyl-Käufe im April

5. Mai 2026

Vinyl erlebt seit Jahren ein Comeback, weil Schallplatten für viele Menschen mehr sind als nur ein Tonträger. Wer Vinyl kauft, entscheidet sich bewusst für ein musikalisches Erlebnis: das große Cover, das Auflegen der Platte und das Hören eines Albums in Ruhe von Anfang bis Ende. Dazu kommt für viele der warme, direkte Klang, der als besonders authentisch empfunden wird. Schallplatten stehen deshalb nicht nur für Musik, sondern auch für Wertschätzung, Sammelleidenschaft und ein Stück entschleunigten Musikgenuss.

EPIC von Elvis Presley
EPIC“ ist weniger ein klassisches neues Elvis-Album als ein groß aufgezogener Sampler, der noch einmal zeigen soll, warum Presley bis heute so überlebensgroß wirkt. Die Stärke der Sammlung liegt in ihrer Wucht: Stimme, Präsenz und Spannbreite sind sofort da. Zwischen Rock’n’Roll, Ballade und Gospel wird hörbar, wie mühelos Elvis Stile wechseln konnte, ohne je beliebig zu klingen.


Gerade deshalb funktioniert „EPIC“ vor allem als Monument und weniger als Überraschung. Wer Elvis kennt, bekommt viele Gründe geliefert, ihn erneut zu bewundern; wer nach neuen Perspektiven sucht, findet eher Verdichtung als Entdeckung. Das Album lebt vom Mythos, aber es zeigt auch sehr konkret, warum es diesen Mythos gibt: wegen dieser markanten Stimme, der Mischung aus Lässigkeit und Pathos und einer Präsenz, die selbst Jahrzehnte später nicht verblasst.
Unterm Strich ist „EPIC“ eine wirkungsvolle, massentaugliche Elvis-Schau — nicht unbedingt für die feine Neubewertung, aber stark darin, Größe, Vielseitigkeit und zeitlose Wirkung des Künstlers noch einmal eindrucksvoll hörbar zu machen.

Echoes vom Søren Bebe Trio
Echoes von Søren Bebe ist ein Jazzalbum, das seine Wirkung nicht aus demonstrativer Virtuosität bezieht, sondern aus Ruhe, Klarheit und jener seltenen Kunst, Stille musikalisch fruchtbar zu machen. Das Album erschien 2019 als Werk des Søren Bebe Trio und umfasst zehn Stücke mit einer Laufzeit von ungefähr 45 Minuten. In Rezensionen und den offiziellen Albumangaben wird es als besonders fein austariertes, melodisches und bewegendes Trio-Album beschrieben.

Gerade darin liegt die große Stärke dieser Platte. Echoes drängt sich nie auf, sondern entfaltet sich langsam, fast beiläufig, und gewinnt genau dadurch Tiefe. Das Trio spielt mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit zusammen; All About Jazz hebt hervor, wie sehr die Musiker seit Jahren aufeinander eingespielt sind und sich in der melodischen Entwicklung beinahe vorausahnend begegnen. Diese Form des Zusammenspiels hört man dem Album an: Nichts wirkt forciert, nichts effekthascherisch, alles bleibt im Fluss.

Die Kompositionen von Søren Bebe sind dabei der eigentliche Kern des Albums. Stücke wie „Alba“, „Alone“ oder „New Beginning“ zeigen laut der All-About-Jazz-Besprechung sehr unterschiedliche Seiten des Albums: romantische Melodik, innere Wärme, aber auch Momente eines freieren, rhythmisch bewegteren Zugriffs. Genau diese Balance macht Echoes reizvoll. Das Album bleibt insgesamt lyrisch und introspektiv, kippt aber nie in Belanglosigkeit oder bloße Hintergrundmusik.

Als Kritik im eigentlichen Sinn lässt sich sagen: Wer von modernem Jazz scharfe Brüche, wilde Experimente oder demonstrative Dramatik erwartet, wird Echoes vielleicht als zu zurückhaltend empfinden. Das Album sucht nicht den Schock, sondern die Vertiefung. Seine Sprache ist leise, sein Ausdruck fein ziseliert. Doch gerade in dieser Beschränkung liegt seine Qualität. Echoes vertraut auf Melodie, Atmosphäre und Präzision, nicht auf äußeren Effekt. Dadurch besitzt es eine fast meditative Kraft, die weit über den Moment des Hörens hinaus nachwirkt. Diese Wirkung spiegelt sich auch in den positiven offiziellen Hörerstimmen wider, die das Album als bewegend, zart und ungewöhnlich zugänglich beschreiben.

Unterm Strich ist Echoes ein sehr elegantes, reifes und emotional klug gebautes Album. Es zeigt, wie überzeugend zeitgenössischer Klaviertrio-Jazz sein kann, wenn Technik nicht Selbstzweck bleibt, sondern ganz in den Dienst von Stimmung, Klang und innerer Bewegung gestellt wird. Søren Bebe gelingt hier kein lauter Wurf, sondern ein stiller, nachhaltiger. Gerade deshalb ist Echoes ein Album, das man nicht nur hört, sondern in das man sich allmählich hineinbegibt.

Live On Air 1988 von Bob Dylan und Neil Young
Als Kritik lässt sich sagen: „Live On Air 1988“ lebt weniger von perfektem Klang oder editorischer Sorgfalt als von seinem historischen Reiz. Das Material dokumentiert Dylan in einer Phase des Umbruchs und zeigt mit Neil Young einen prominenten Mitstreiter, der der Aufnahme zusätzliches Gewicht verleiht. Solche Veröffentlichungen sind in erster Linie keine ausgefeilten Live-Alben im klassischen Sinn, sondern Fundstücke für Hörer, die Atmosphäre, Zeitkolorit und den raueren Charakter eines Konzertmitschnitts schätzen. Discogs führt das Release ausdrücklich als inoffizielle Veröffentlichung bzw. Radio-Broadcast.

Gerade darin liegt zugleich Stärke und Schwäche der Platte. Der Reiz entsteht aus der Unmittelbarkeit: Man hört kein glatt poliertes Produkt, sondern ein Dokument eines bestimmten Moments. Die Tracklists der gelisteten Editionen zeigen ein stark Dylan-geprägtes Programm mit Stücken wie „Subterranean Homesick Blues“, „Absolutely Sweet Marie“, „Masters of War“, „Gates of Eden“ und „Maggie’s Farm“. Das macht die Aufnahme vor allem für Fans interessant, die Dylan nicht nur in seinen kanonischen Studiofassungen hören wollen, sondern in seiner lebendigen, wandelbaren Bühnenform.

Künstlerisch wirkt das Material vor allem dann überzeugend, wenn man es als Momentaufnahme und nicht als definitive Live-Aussage hört. Der Bootleg-Charakter bringt naturgemäß Einschränkungen mit sich: Klang, Zusammenstellung und dramaturgischer Fluss erreichen meist nicht das Niveau offiziell kuratierter Konzertalben. Dafür entsteht eine gewisse Rauheit, die bei Dylan durchaus ihren eigenen Wert hat. Seine Auftritte gewinnen oft gerade dann, wenn sie nicht geschniegelt, sondern kantig, wetterfest und ein wenig spröde wirken. Neil Young verstärkt diesen Eindruck noch, weil sein Name sofort eine Aura von Authentizität, Erdigkeit und Rock-Folk-Wucht mitbringt.

Unterm Strich ist „Live On Air 1988“ kein Meisterwerk im Sinne eines großen offiziellen Livealbums, wohl aber ein reizvolles Sammlerstück für Dylan- und Young-Hörer mit Sinn für historische Konzertdokumente. Wer exzellenten Sound und definitive Versionen sucht, wird hier eher Vorbehalte haben. Wer hingegen den Charme des Unfertigen, die Energie des Augenblicks und das Gefühl einer archivierten Rockgeschichte schätzt, kann an dieser Veröffentlichung durchaus Gefallen finden.

Wake of the Flood von Grateful Dead
Wake of the Flood von den Grateful Dead ist ein Album, das innerhalb der Bandgeschichte eine besondere Stellung einnimmt. Es erschien 1973 als sechstes Studioalbum der Gruppe und war zugleich das erste Album auf dem bandeigenen Label Grateful Dead Records. Damit markiert es einen Einschnitt: Die Band trat künstlerisch und organisatorisch selbstbewusster auf und löste sich ein Stück weit aus den üblichen Strukturen des Musikgeschäfts. Offizielle Band- und Labelquellen beschreiben das Album deshalb ausdrücklich als Werk einer Übergangsphase, geprägt von Neuaufbruch, Wachstum und Selbstständigkeit.


Musikalisch zeigt Wake of the Flood die Grateful Dead in einer reiferen, offeneren und klanglich beweglicheren Form. Nach den stark amerikanisch geprägten Vorgängern wie Workingman’s Dead und American Beauty wirkt dieses Album freier, fließender und stellenweise deutlich jazziger. Gerade diese Mischung aus Folk, Rock, Country, Improvisationsgeist und eleganterem Songwriting macht den besonderen Reiz aus. Die Band selbst beschreibt diese Phase rückblickend als ein Abbiegen weg von der reinen Americana-Richtung hin zu einem breiteren, progressiveren Klangbild.

Zugleich steht das Album für eine personelle und emotionale Übergangszeit. Es war das erste Studioalbum nach dem Tod des Gründungsmitglieds Ron “Pigpen” McKernan und entstand in einer Besetzung, in der Keith und Donna Godchaux das Klangbild entscheidend mitprägten. Dadurch bekam die Musik mehr Wärme, mehr melodische Offenheit und eine neue Leichtigkeit, ohne den typischen Charakter der Band zu verlieren. Rhino nennt das Album deshalb ein Dokument von Wandel, Ausdauer und Optimismus.

Besonders wichtig sind auch die einzelnen Stücke. Zu den bekanntesten Songs des Albums zählen „Eyes of the World“, „Mississippi Half-Step Uptown Toodeloo“ und „Stella Blue“. Diese Titel wurden nicht nur zu festen Größen im Kosmos der Grateful Dead, sondern zeigen auch exemplarisch, wie stark die Band auf Wake of the Flood Melodie, Rhythmus und offene Strukturen miteinander verbindet. Offizielle Veröffentlichungen zum Album heben genau diese Stücke immer wieder hervor.
Rückblickend gilt Wake of the Flood vielen als eines der feinsten und stimmungsvollsten Studioalben der Grateful Dead. Es ist vielleicht kein lautes oder spektakuläres Album, aber gerade in seiner Gelassenheit, seiner klanglichen Eleganz und seiner inneren Beweglichkeit liegt seine Größe. Es zeigt eine Band, die nach Verlusten und Umbrüchen nicht stehenbleibt, sondern neue Formen findet. Dadurch wirkt das Album bis heute wie ein stiller, aber sehr bedeutender Aufbruch in eine neue Phase der Grateful-Dead-Geschichte.

Murderock von Keith Emerson
„Murderock“ ist kein Emerson-Album, das man nach den Maßstäben von ELPs symphonischem Prog bewerten sollte. Gerade darin liegt aber seine interessante Spannung: Emerson schreibt hier keine monumentale Keyboard-Architektur, sondern eine funktionale, filmische Musik, die sich stark an den urbanen Dance-, Synth- und Thriller-Sound der frühen 1980er anlehnt. Das Ergebnis ist ein Werk, das weniger durch kompositorische Größe als durch Atmosphäre, Rhythmus und stilistische Anpassungsfähigkeit überzeugt.

Die Stärke des Albums liegt vor allem in seiner Zeitgebundenheit. Stücke wie „Tonight Is Your Night“ oder der Titelsong sind durch und durch 80er-Jahre-Musik: synthetisch, kühl, pulsierend, teilweise fast geschniegelt. Genau das verleiht dem Soundtrack heute einen eigentümlichen Reiz. Emerson verbindet Club-Ästhetik, Suspense und melodische Eingängigkeit zu einem Sound, der das Milieu des Films — Tanzschule, Großstadt, Körper, Bedrohung — sehr direkt abbildet. Als atmosphärisches Produkt seiner Epoche funktioniert das Album daher erstaunlich gut.
Zugleich ist das seine größte Schwäche. Wer von Emerson die eruptive Kühnheit von „Tarkus“, die harmonische Opulenz von „Brain Salad Surgery“ oder auch die infernalische Wucht seines „Inferno“-Scores erwartet, wird hier eher Ernüchterung erleben. „Murderock“ wirkt streckenweise wie ein Auftragswerk, das bewusst an Trends andockt, statt sie zu übersteigen. Manche Motive bleiben eher Skizzen als voll ausgearbeitete Kompositionen; einige Passagen funktionieren im Filmkontext besser als isoliert auf Albumlänge. Als eigenständiges Hörerlebnis hat die Platte deshalb Längen.

Gerade diese funktionale Zersplitterung ist typisch für Soundtracks, aber bei Emerson fällt sie besonders auf, weil seine stärksten Arbeiten meist von struktureller Dramatik und virtuoser Stringenz leben. Auf „Murderock“ dominiert dagegen oft das Pattern, der Groove, die klangliche Oberfläche. Das ist handwerklich sauber und stellenweise ausgesprochen charmant, aber eben selten überwältigend. Man hört einen großen Musiker, der sich diszipliniert in den Dienst eines Genres stellt — nicht unbedingt einen, der seine schöpferischen Grenzen austestet.

Trotzdem sollte man das Album nicht vorschnell als Nebensache abtun. In seiner Mischung aus Italo-Thriller, New-Wave-Kälte und tanzbarer Nervosität besitzt „Murderock“ einen eigenen Kultwert. Es ist eines jener Emerson-Werke, die weniger von Größe als von Kuriosität und Stilgefühl leben. Wer die Schnittstelle zwischen Prog-Musiker, Genrekino und 80er-Sounddesign spannend findet, entdeckt hier ein faszinierendes Seitenstück seiner Karriere.

„Murderock“ ist kein zentrales Meisterwerk Keith Emersons, aber ein hörenswerter, eigentümlich reizvoller Soundtrack. Seine Qualitäten liegen in Atmosphäre, Zeitkolorit und kultiger Eigenart; seine Schwächen in der kompositorischen Uneinheitlichkeit und der Nähe zum modischen 80er-Produktionsstil. Kritisch gewürdigt ist es also eher ein interessantes Randwerk als ein großer Wurf — aber gerade als Randwerk ein sehr aufschlussreiches.

Wagner: Tannhäuser (1961) unter Franz Konwitschny
Die 1961 erschienene „Tannhäuser“-Aufnahme unter Franz Konwitschny ist eine der markanten deutschsprachigen Wagner-Einspielungen ihrer Zeit. Sie entstand im Oktober 1960 in Berlin mit dem Orchester der Staatsoper Berlin; zu den zentralen Solisten gehören Hans Hopf als Tannhäuser, Elisabeth Grümmer als Elisabeth, Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram und Gottlob Frick als Landgraf. Es handelt sich um die Dresdner Fassung.

Künstlerisch liegt die große Stärke dieser Einspielung in Konwitschnys dramatischem Zugriff. Er macht aus „Tannhäuser“ kein bloß feierliches Monument, sondern ein Musikdrama mit Zug, Spannung und innerer Glut. Die Tempi wirken häufig straff, aber nie gehetzt; vielmehr entsteht der Eindruck eines Dirigenten, der die Konflikte der Oper – Sinnlichkeit, Reue, Erlösungssehnsucht – in klaren musikalischen Linien formt. Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung dieser Aufnahme: Sie verbindet theatralische Energie mit einem sehr deutschen, kernigen Wagner-Ton. Ein zeitgenössischer Kritikeindruck beschreibt Konwitschnys Deutung als „weicher und delikater“ in manchen Passagen, zugleich aber im Venusberg auch deutlich bewegt und vorwärtsdrängend.

Die Besetzung ist insgesamt hochkarätig. Hans Hopf bringt für die Titelpartie das nötige heldische Format mit: kein eleganter Schönsänger, sondern ein Tannhäuser mit Metall, Attacke und dramatischer Entschlossenheit. Das passt sehr gut zu Konwitschnys eher geradliniger, zupackender Lesart. Elisabeth Grümmer ist dagegen eine Idealbesetzung für Elisabeth: leuchtend, nobel, innig und von einer fast schwerelosen Reinheit des Tons. Dass gerade Szenen aus dieser Aufnahme später in Sänger-Editionen besonders hervorgehoben wurden, spricht für die Qualität ihres Beitrags. Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram bringt Wortdeutlichkeit, Formbewusstsein und kultivierte Linienführung ein; sein Wolfram ist vielleicht weniger warmherzig als bei manch anderem, dafür psychologisch scharf konturiert. Gottlob Frick sorgt mit seinem schwarzen, autoritativen Bass für Gravität.

Gerade diese Mischung macht die Aufnahme reizvoll: Sie ist nicht luxuriös im modernen Sinn, aber musikalisch außerordentlich konzentriert. Sie hat Profil, Charakter und stilistische Geschlossenheit. Wo spätere Aufnahmen oft auf orchestralen Glanz oder klangliche Opulenz setzen, überzeugt Konwitschny eher durch dramatische Logik und Ensemblekultur. Man hört eine Wagner-Tradition, die aus dem Theater kommt und weniger aus dem Tonstudio.

Natürlich hat die Aufnahme auch Grenzen. Die Klangtechnik stammt aus einer anderen Epoche; gegenüber späteren Referenzen wirkt der Klang heute nicht immer voll ausgeleuchtet oder räumlich großzügig. Wer eine audiophile, farbensatte Wagner-Aufnahme sucht, wird eher zu späteren Produktionen greifen. Auch vokal ist nicht alles makellos im rein schönen Sinn: Hopfs Stimme etwa beeindruckt mehr durch Kraft und Wahrhaftigkeit als durch mühelose Eleganz. Aber genau das gehört hier fast schon zum ästhetischen Mehrwert. Diese „Tannhäuser“-Einspielung will nicht geschniegelt erscheinen, sondern wahr, direkt und dramatisch zwingend.

Konwitschnys „Tannhäuser“ von 1961 ist keine bequeme Luxusaufnahme, sondern eine große Charakteraufnahme. Ihre Vorzüge liegen in der packenden Leitung, der starken Ensembleleistung und einer unverwechselbaren Wagner-Tradition zwischen Theaterwucht und musikalischer Disziplin. Wer Wagner vor allem als lebendiges Drama hören will, findet hier eine hochrangige, bis heute eindrucksvolle Deutung. Wer dagegen primär perfekten Klang und vokale Makellosigkeit sucht, wird sie eher als historisch bedeutend denn als letzte Referenz empfinden.

Wagner: Der fliegende Holländer von Karl Böhm
Die Aufnahme von „Der fliegende Holländer“ aus Bayreuth 1971 unter Karl Böhm gehört zu den markanten Wagner-Mitschnitten dieser Zeit. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt der Bayreuther Festspiele 1971 mit Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele; in den Hauptrollen singen Thomas Stewart als Holländer, Gwyneth Jones als Senta, Karl Ridderbusch als Daland, Hermin Esser als Erik, Sieglinde Wagner als Mary und Harald Ek als Steuermann. Veröffentlicht wurde die Aufnahme zunächst als 3-LP-Box, später auch auf CD bei Deutsche Grammophon.

Musikalisch ist diese Einspielung vor allem wegen Böhms Zugriff interessant. Sein Wagner ist hier nicht schwerfällig oder mystisch aufgeladen, sondern eher direkt, straff und dramatisch zugespitzt. Gerade beim „Holländer“ passt das sehr gut, weil die Oper von innerer Unruhe, Sturm, Vorwärtsdrang und plötzlichen Spannungsentladungen lebt. Mehrere Besprechungen heben genau diese Energie hervor: Böhm treibe die Musik mit Nachdruck voran, setze auf klare Linien und kräftige dramatische Höhepunkte.

Besonders geschätzt wird häufig Thomas Stewart in der Titelrolle. Sein Holländer wirkt stimmlich markant, ausdrucksstark und textdeutlich, also weniger als bloß finstere Sagenfigur, sondern als sehr präsente, dramatisch aufgeladene Gestalt. Auch Karl Ridderbusch bringt als Daland viel Profil mit. Bei Gwyneth Jones als Senta gehen die Urteile etwas stärker auseinander: Sie wird als intensive, engagierte Sängerin wahrgenommen, zugleich gibt es Stimmen, die in dieser Aufnahme nicht alles ideal finden. Gerade das macht den Mitschnitt aber interessant, weil er nicht geschniegelt wirkt, sondern die Live-Spannung Bayreuths hörbar macht.

Für Wagner-Freunde ist dieses Album deshalb vor allem ein Dokument einer bestimmten Bayreuth-Ästhetik der frühen 1970er Jahre: großes Theater, starke Stimmen, ein berühmter Dirigent und ein Zugriff, der eher auf dramatische Wirkung als auf klangliche Schönfärberei setzt. Wer den „Fliegenden Holländer“ in einer packenden, zügigen und sehr theaternahen Lesart hören möchte, findet hier eine wichtige Aufnahme

Wagner: Tannhäuser von Karl Elmendorff
Das Album „Tannhäuser“ von den Bayreuther Festspielen 1930 unter Karl Elmendorff ist vor allem ein bedeutendes historisches Dokument der frühen Wagner-Aufnahmekultur. Es handelt sich um Wagners Oper in der Pariser Version von 1861, eingespielt mit dem Bayreuther Festspielchor und dem Bayreuther Festspielorchester; aufgenommen wurde das Ganze im August 1930 im Bayreuther Festspielhaus. In den Hauptpartien sind Sigismund Pilinszky als Tannhäuser, Maria Müller als Elisabeth, Ruth Jost-Arden als Venus, Herbert Janssen als Wolfram und Ivar Andrésen als Landgraf Hermann zu hören.

Interessant ist diese Einspielung vor allem, weil sie einen sehr direkten Eindruck von der Bayreuth-Tradition der Zwischenkriegszeit vermittelt. Karl Elmendorff steht hier für einen zupackenden, klar strukturierten Wagner-Stil, der weniger auf klangliche Üppigkeit als auf dramatischen Zug und theatralische Zuspitzung setzt. Gerade bei „Tannhäuser“ funktioniert das gut, weil die Oper ständig zwischen sinnlicher Verführung, religiöser Innigkeit und großer öffentlicher Szene wechselt. Man hört also keine glatte Studioperfektion im modernen Sinn, sondern eher ein spannungsreiches, historisch geprägtes Musiktheaterdokument.
Auch die Besetzung macht die Aufnahme bemerkenswert. Maria Müller war eine der wichtigen Wagner-Sopranistinnen ihrer Zeit, und Herbert Janssen bringt als Wolfram große Noblesse und stilistische Geschlossenheit mit. Sigismund Pilinszky in der Titelrolle wirkt aus heutiger Sicht vielleicht nicht immer makellos, aber gerade das gehört zum Reiz solcher historischen Aufnahmen: Sie zeigen starke Sängerpersönlichkeiten, nicht bloß schönpolierte Stimmen. Dazu kommt mit Erna Berger als junger Hirt noch ein klanglich besonders interessanter Name.

Natürlich muss man das Album mit dem Ohr für historische Aufnahmen hören. Der Klang ist technisch durch die Zeit begrenzt und weit entfernt von späteren Bayreuth-Mitschnitten. Aber genau darin liegt auch sein Wert: Diese 1930er Aufnahme gehört zu den frühen erhaltenen Bayreuth-Dokumenten aus einer Zeit, aus der insgesamt nur wenige vollständige Tondokumente überliefert sind. Für Wagner-Freunde und Sammler ist dieser „Tannhäuser“ deshalb weniger eine luxuriöse Klangaufnahme als vielmehr ein faszinierendes Zeugnis der Aufführungsgeschichte auf dem Grünen Hügel.

Zwischen Verehrung und Zweifel: Die Wagner-Büste auf dem Grünen Hügel

6. April 2026

Die Bayreuther Festspiele feiern dieses Jahr ihren 150. Geburtstag. Grund genug, dass ich mal wieder auf den Grünen Hügel vorbeischaute. Wie jedes Mal schaute ich mir die berühmte Büste des Komponisten vor dem Festspielhaus an und machte mir so meine Gedanken. Ich liebe Wagner als Musiker, lehne ihn aber als Politiker ab. Bei näheren Betrachten habe ich so meine Zweifel an der Büste.

Die Wagner-Büste von Arno Breker auf dem Grünen Hügel in Bayreuth gehört zu jenen Kunstwerken, an denen sich Glanz, Mythos und historische Belastung des Festspielorts auf besondere Weise verdichten. Sie steht im Park vor dem Festspielhaus und zeigt Richard Wagner in einer idealisierenden, repräsentativen Form, wie sie für Brekers Porträtkunst typisch ist; Bildnachweise und Ortsangaben verorten die Bronze ausdrücklich im Festspielpark beziehungsweise nahe dem Festspielhaus, die Entstehung wird mit 1986 angegeben.

Als plastisches Denkmal will die Büste den Festspielgründer ehren und die Aura des Ortes unterstreichen. Zugleich trägt sie aber die Handschrift eines Künstlers, dessen Name untrennbar mit der Kunstpolitik des Nationalsozialismus verbunden ist. Arno Breker war einer der prominentesten Bildhauer des NS-Staates und wurde von Adolf Hitler besonders gefördert; gerade deshalb wird seine Wagner-Büste in Bayreuth von mir nicht nur als Huldigung an den Komponisten wahrgenommen, sondern immer auch als geschichtspolitisch aufgeladenes Objekt.

So steht die Büste heute weniger einfach als dekoratives Denkmal im Park, sondern eher als stiller Prüfstein für den Umgang Bayreuths mit seiner eigenen Vergangenheit. Wer auf dem Grünen Hügel an ihr vorbeigeht, sieht nicht nur das Gesicht Richard Wagners, sondern begegnet zugleich einer schwierigen Erinnerungsschicht deutscher Kulturgeschichte: dem Nachleben eines Komponistenmythos, der Verehrungskultur von Bayreuth und der Frage, wie mit Werken eines politisch schwer belasteten Künstlers im öffentlichen Raum umzugehen ist. Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung dieser Büste: Sie ist nicht bloß ein Porträt, sondern ein Symbol für die Spannungen zwischen Kunst, Erinnerung und Geschichte am wohl berühmtesten Opernort Deutschlands.

Meine Vinyl-Käufe im März

31. März 2026

Ich kaufe kaum noch CD, aber dafür mehr Vinyl für meine drei Braun-Player und der März hat wieder einiges auf Vinyl gebracht. Hier die Einkäufe.

The Rainbow Concert von Eric Clapton
Ich habe Konzertkarten für dieses Jahr und höre mir die alten Scheiben an, „Eric Clapton’s Rainbow Concert“ ist weniger ein makellos gespieltes Livealbum als ein dokumentierter Wendepunkt – und genau darin liegt seine Faszination. Aufgenommen im Januar 1973 im Londoner Rainbow Theatre, markiert das Konzert Claptons Rückkehr aus einer jahrelangen, heroingeschuldeten Versenkung; sein Freund Pete Townshend stellte ihm dafür eine All-Star-Band zur Seite, von Steve Winwood bis Ronnie Wood. Man hört dem Material diese Ausnahmesituation deutlich an: Die Band klingt stellenweise ad hoc und überladen, der Groove ist nicht immer straff, manche Nummer wirkt eher schleppend als präzise – Kritiker sprechen zu Recht von „sloppy“ Momenten und einer gewissen Schwere durch „zu viele Köche“.


Gleichzeitig hat das Album eine emotionale Spannung, die vielen technisch besseren Clapton-Liveplatten fehlt: In Stücken wie „Layla“, „Little Wing“ oder „Presence of the Lord“ mischen sich Unsicherheit, Melancholie und eruptive Energie zu einem eigenwilligen, dunklen Rock-Tonfall, den der „Rolling Stone“ einmal als „gigantischen Schwermut“ beschrieben hat. „Rainbow Concert“ eignet sich daher weniger als Einstiegsalbum in Claptons Werk, ist aber als historisches Dokument und als Momentaufnahme eines Künstlers am Rand und auf dem Weg zurück höchst hörenswert – gerade weil die Brüche nicht geglättet werden, sondern im Sound offen zutage treten.

Frankenstein von Alexandre Desplat
Alexandre Desplats Soundtrack zu Frankenstein ist keine laute Horrormusik, sondern ein erstaunlich elegisches, oft fast melancholisches Album. Desplat schrieb die Musik für Guillermo del Toros Netflix-Film, der am 7. November 2025 erschien; schon im Vorfeld hatte er angekündigt, eher auf Lyrik, Emotion und die Verletzlichkeit der Kreatur als auf bloße Schockeffekte zu setzen. Genau das hört man dieser Partitur an:

Statt billiger Dramatik entfaltet sie einen langen, düsteren Sog, der Trauer, Sehnsucht und Größe miteinander verbindet. Besonders stark ist, wie die Musik die tragische Seite der Geschichte betont und dem Monster mehr Menschlichkeit verleiht als viele Dialoge. Manchmal ist der Score in seiner Laufzeit sehr ausufernd, doch gerade in seinen besten Momenten wirkt er wie ein dunkles, romantisches Gegenstück zu Desplats feineren Arbeiten der vergangenen Jahre. Ein atmosphärisch dichter, kluger und emotional überraschender Soundtrack, der Frankenstein nicht als Schauerstück, sondern als Tragödie begreift.

King of the Delta Blues Singers von Robert Johnson

„King of the Delta Blues Singers“ ist mehr als nur ein Blues-Album – es ist ein musikalisches Gründungsdokument. Die 1961 veröffentlichte Zusammenstellung machte Robert Johnson, der zu Lebzeiten kaum über den Kreis von Blueskennern hinaus bekannt war, posthum zu einer Legende. Und obwohl die Aufnahmen aus den Jahren 1936 und 1937 stammen, besitzen sie bis heute eine verstörende Unmittelbarkeit.

Was dieses Album so besonders macht, ist zunächst Johnsons Fähigkeit, mit wenigen Mitteln eine ungeheure Intensität zu erzeugen. Seine Gitarre klingt nie bloß begleitend, sondern wie ein zweiter Erzähler: treibend, klagend, nervös, manchmal fast gespenstisch. Dazu kommt seine Stimme, die nicht geschniegelt oder schön sein will, sondern rau, drängend und voller innerer Spannung wirkt. Johnson singt nicht einfach den Blues – er verkörpert ihn.
Stücke wie „Cross Road Blues“, „Hellhound on My Trail“ oder „Love in Vain“ bündeln alles, was den Mythos Robert Johnson ausmacht: die Erfahrung von Verlust, Rastlosigkeit, Begehren, Angst und Verlorenheit. Seine Songs wirken oft wie Momentaufnahmen eines Lebens am Rand, voll dunkler Vorahnung und existenzieller Unruhe. Gerade darin liegt ihre enorme Kraft. Hier wird nichts ausgestellt oder romantisiert; diese Musik klingt, als sei sie direkt aus einer inneren Not heraus entstanden.
Natürlich muss man hören, dass es sich nicht um ein modernes Studioalbum handelt. Die Klangqualität ist spröde, teils kratzig, die Aufnahmen sind technisch begrenzt. Doch das ist kein Makel, sondern Teil der Wirkung. Die rohe Aufnahmeweise verstärkt die Direktheit dieser Musik sogar noch. Wer sich darauf einlässt, hört schnell nicht mehr die historische Distanz, sondern nur noch Ausdruck, Rhythmus und emotionale Wucht.
Beeindruckend ist auch, wie stark dieses Album nachgewirkt hat. Ganze Generationen von Rock- und Bluesmusikern haben hier eine Art Urtext entdeckt. Trotzdem lebt „King of the Delta Blues Singers“ nicht nur von seinem Einfluss oder seinem Ruf, sondern vor allem von der Qualität der Songs selbst. Diese Lieder stehen nicht unter Denkmalschutz – sie leben.

„Neu!“ von Neu!
Mit „Neu!“ veröffentlichte das Düsseldorfer Duo Michael Rother und Klaus Dinger 1972 ein Debütalbum, das bis heute wie ein Gegenentwurf zur herkömmlichen Rockmusik wirkt. Während viele Bands ihrer Zeit auf Virtuosität, Bombast oder psychedelische Überladung setzten, suchten Neu! nach Reduktion, Wiederholung und hypnotischer Wirkung. Genau daraus bezieht dieses Album seine eigentümliche Größe.


Schon der eröffnende Longtrack „Hallogallo“ ist legendär: ein stoischer, fließender Beat, dazu schimmernde Gitarren und eine Atmosphäre, die zugleich kühl, frei und fast schwerelos wirkt. Der berühmte „Motorik“-Rhythmus, für den Neu! später berühmt wurde, treibt den Song nicht einfach nur voran – er erzeugt einen Sog. Man hört kein klassisches Rockstück, sondern eher eine Bewegung, ein endloses Fahren, ein Schweben nach vorn. Das ist Musik, die weniger erzählt als einen Zustand erzeugt.
Überhaupt ist „Neu!“ kein Album, das mit traditionellen Songstrukturen beeindrucken will. Viele Stücke wirken wie Skizzen, Versuche oder Klangideen, doch genau das macht seinen Reiz aus. „Sonderangebot“, „Weissensee“ oder „Im Glück“ zeigen, wie stark Neu! mit Stimmung arbeiten: mal verspielt und entrückt, mal spröde und fast mechanisch, dann wieder überraschend zart. Besonders faszinierend ist dabei die Spannung zwischen Mensch und Maschine – einerseits wirkt vieles kontrolliert, repetitiv und fast industriell, andererseits steckt in diesen Aufnahmen etwas Improvisiertes, Rohes und sehr Körperliches.
Nicht jedes Stück entfaltet dieselbe Kraft. Manche Passagen klingen fragmentarisch oder bewusst unfertig, was Hörerinnen und Hörer, die klare Melodien oder klassische Dramaturgie erwarten, auf Distanz halten kann. Doch gerade diese Offenheit gehört zum Konzept. Neu! wollten keine gefällige Platte machen, sondern einen neuen musikalischen Raum öffnen. Das gelingt ihnen eindrucksvoll.
Der größte Verdienst von „Neu!“ liegt vielleicht darin, wie modern dieses Album noch immer klingt. Zahlreiche spätere Strömungen – von Post-Punk über Ambient bis Indie und Elektronik – haben hier hörbar Anleihen genommen. Dennoch wirkt die Platte nicht wie ein bloßes historisches Dokument, sondern lebendig, frisch und eigensinnig.

The B-52s – die Kollektion
Die B-52s sind weit mehr als nur eine schrille Popband der späten 70er- und 80er-Jahre. Sie stehen für einen ganz eigenen Sound, für Mut zur Exzentrik und für die Kunst, aus Spaß, Stil und Anderssein etwas Dauerhaftes zu machen. Während viele Gruppen ihrer Zeit klar einem Genre zuzuordnen waren, schufen die B-52s eine unverwechselbare Mischung aus New Wave, Surf, Punk, Dance und Pop. Ihre Musik klang verspielt, futuristisch und zugleich herrlich schräg — und gerade darin lag ihre Stärke.
Mit Songs wie „Rock Lobster“, „Private Idaho“, „Love Shack“ oder „Roam“ bewies die Band, dass Pop nicht geschniegelt und glatt sein muss, um erfolgreich zu sein. Die B-52s machten das Abseitige tanzbar und das Skurrile massentauglich. Ihr Markenzeichen waren nicht nur eingängige Melodien, sondern auch die theatralischen Stimmen, der trockene Humor und eine Ästhetik, die mit Camp, Retro-Charme und bewusstem Übermaß spielte.
Zugleich waren die B-52s kulturell bedeutend, weil sie früh einen Raum eröffneten für Individualität, queere Ausdrucksformen und künstlerische Freiheit, ohne daraus je ein starres Programm zu machen. Sie wirkten leichtfüßig, aber nie belanglos. Hinter der bunten Oberfläche steckte eine Haltung: Man darf anders sein, laut sein, verspielt sein — und genau darin liegt oft die größte kreative Kraft.
Dass die Band trotz persönlicher Verluste, insbesondere nach dem Tod von Gitarrist Ricky Wilson, weiter Bestand hatte, verleiht ihrer Geschichte zusätzliche Tiefe. Die B-52s blieben nicht bloß eine stilvolle Kuriosität, sondern wurden zu einer der prägenden Popformationen ihrer Zeit. Ihr Werk erinnert daran, dass Musik nicht nur Gefühle ausdrücken, sondern auch Räume öffnen kann — für Freude, Freiheit und Fantasie.

Nina Simone at Town Hall von Nina Simone
Mit Nina Simone at Town Hall (1959) festigt Nina Simone ihren Ruf als außergewöhnliche Grenzgängerin zwischen Jazz, Klassik, Folk und Blues. Das Live-Album, aufgenommen in der Town Hall in New York, zeigt sie auf dem frühen Höhepunkt ihrer Karriere – selbstbewusst, technisch brillant und emotional kompromisslos.

Besonders eindrucksvoll ist „Black Is the Color of My True Love’s Hair“: Simone verwandelt das schlichte Traditional in ein dramatisches Kunstlied, getragen von ihrem klassisch geschulten Klavierspiel. Auch „The Other Woman“ besticht durch kühle Intensität und erzählerische Tiefe. Ihre Stimme wirkt nie gefällig, sondern stets wahrhaftig – rau, dunkel, kontrolliert.

Die Live-Atmosphäre bleibt dabei erstaunlich intim. Man hört keine effekthascherische Show, sondern eine Künstlerin, die ganz in ihren Interpretationen aufgeht. Nina Simone at Town Hall ist weniger ein Konzertmitschnitt als ein künstlerisches Statement: konzentriert, ernsthaft und von zeitloser Eleganz.

Søren Bebe Trio – Gratitude
Das neunte Studioalbum des Søren Bebe Trios, Gratitude, erschienen im Januar 2026, ist eine meisterhafte Hommage an die nordische Jazztradition – lyrisch, atmosphärisch und von tiefer Dankbarkeit gegenüber Musik und Stille geprägt. Das Trio aus Pianist Søren Bebe, Bassist Kasper Tagel und Drummer Knut Finsrud, seit 2007 ein eingespieltes Gespann, destilliert hier seine Essenz in neun Tracks mit einer Gesamtlänge von rund 39 Minuten.


Gratitude atmet die klare, unhurried Nordic-Jazz-Ästhetik, die an ECM-Klassiker und Ensembles wie das Tord Gustavsen Trio erinnert: besonnene Melodien, viel Raum für Atempausen und eine Balance aus Intimität und Tiefe. Die Musik ist kitschfrei, spirituell ohne Religiöses, geprägt von fein ziselierten Klangforschungen, bei denen Anschwellen und Verklingen ebenso zählen wie der Ton selbst – ein warmer Impetus gegen winterliche Kälte. Kritiker loben die telepathische Empathie der Musiker und die pristine Produktion von August Wanngren.

Leave Home von The Ramones
Leave Home (1977) zeigt die Band auf dem Höhepunkt ihrer frühen Explosivität: schneller, schärfer und noch kompromissloser als das Debüt. Die Songs sind kurz, laut und direkt, getragen von knochentrockenen Gitarrenriffs, simplen Schlagzeugbeats und der unverwechselbaren Stimme von Joey Ramone. Klassiker wie Pinhead oder „Gimme Gimme Shock Treatment“ verbinden eingängige Hooks mit rotziger Attitüde und machen das Album zu einem Paradebeispiel für die rohe Essenz des frühen Punk. Trotz minimaler musikalischer Mittel besitzt die Platte eine mitreißende Energie, die bis heute frisch und rebellisch klingt.

Zwischen Nebel und Legende – Ein Spaziergang entlang des River Ness

28. Juli 2025

Der River Ness entspringt am Nordostende des Loch Ness bei Fort Augustus und fließt dann nur etwa 11 Kilometer in nordöstlicher Richtung bis zur Stadt Inverness, wo er in den Moray Firth (eine Bucht der Nordsee) mündet.

Meine Frau und ich verbrachten einen Nachmittag bei diesem Fluß, gingen spazieren und schauten auf den Fluss. Natürlich hielten wir Ausschau nach Nessie – vergeblich übrigens.

Der River Ness fließt nicht einfach – er gleitet, still und würdevoll, wie ein alter Erzähler, der seine Geschichten nur jenen anvertraut, die mit offenem Herzen lauschen. Zwischen den Hügeln der schottischen Highlands, wo der Nebel morgens wie ein silberner Schleier über dem Wasser liegt, beginnt seine kurze, aber bedeutungsvolle Reise: vom tiefdunklen Loch Ness bis zur Nordsee, durch das Herz von Inverness.

Hier, wo der Fluss geboren wird, beginnt auch die berühmteste Legende Schottlands. Denn in den dunklen Tiefen des Loch Ness – dort, wo das Licht kaum den Grund erreicht – soll sie leben: Nessie, das scheue Ungeheuer, das mehr Sehnsucht als Schrecken in sich trägt. Und wenn sie sich wirklich zeigt, dann nicht aus Gier oder Wut, sondern vielleicht aus Neugier, aus Einsamkeit – oder aus Liebe zur Stille, wie sie nur dieser Fluss kennt.

Manche sagen, Nessie bewege sich manchmal durch die Mündung des Lochs in den River Ness, fast wie ein heimlicher Gruß an die Stadt, die ihren Namen trägt. Vielleicht, so flüstert der Wind in den Zweigen, folgt sie nicht nur Strömungen, sondern Erinnerungen – an eine Zeit, in der Magie und Natur noch untrennbar waren. Manchmal, in besonders klaren Nächten, wenn der Mond silberne Wege auf das Wasser malt, meint man, sie gesehen zu haben: einen sanften Schatten, eine Bewegung, die sich nicht erklären lässt – nur erträumen. Nun ja, im Traum, aber vor allem in Souvenir-Läden habe ich Nessie gefunden.

Der River Ness ist mehr als Wasser zwischen zwei Ufern. Er ist ein Fluss aus Geschichten, aus Liedern und Blicken, aus stiller Sehnsucht. Verliebte spazieren an seinen Ufern entlang, Hand in Hand, während Möwen rufen und das Wasser leise gegen das Ufer schlägt. Und vielleicht – nur vielleicht – trägt der Fluss auch ihre Träume fort, hinab in den Moray Firth, hinaus in die Welt.

Denn wer den River Ness sieht, sieht nicht nur einen Fluss. Er sieht ein Band zwischen Mythos und Wirklichkeit, zwischen Herz und Himmel. Und irgendwo tief darin – zwischen Wasserpflanzen, Nebel und jahrhundertealter Legende – lebt vielleicht wirklich ein Wesen, das unsere Fantasie nährt. Nicht, weil es Angst macht. Sondern weil es uns glauben lässt, dass es im Verborgenen noch Wunder gibt.

Circle of Wise
Der Circle of Wise ist ein eingerichteter Steinkreis, eingebettet in die üppige Vegetation der Ness Islands. Der Name suggeriert Verbindung zu alten Traditionen: Steinkreise stehen in Schottland symbolisch für uraltes Wissen und spirituelle Zentren. Er erinnert symbolisch an historische Kreisformen und zieht Besucher in seinen Bann.

Der Bereich dient als Freiluftbühne oder Versammlungsort für kulturelle Veranstaltungen, kleine Performances oder meditative Momente in der Natur. Umgeben vom ruhigen Flusswasser, alten Bäumen und durchgehend grünem Uferbereich ist der Circle of Wise ein Lieblingsplatz für Spaziergänger, Nachdenkliche und Fotobegeisterte – besonders bei Sonnenuntergang entfaltet sich hier eine fast magische Atmosphäre.

Oktoberfest: Auf der Suche nach dem goldenen Engel in der Ochsenbraterei

22. September 2023

Auf dem Oktoberfest gibt es viele Engel, kleine und große, hübsche und weniger ansehnliche – alles eine Frage des Geschmacks. Am bekanntesten ist sicher der Engel Aloisius. Aber es gibt in der Ochsenbraterei auch den goldenen Engel, der eine über vierzigjährige Tradition hat, von denen die meisten Wiesn-Besucher nichts mitbekommen haben.

Die Engelsfigur wird jedes Jahr in dem 7700 Besucher fassenden Festzelt der Familie Haberl an einem anderen Platz aufgehängt, so will es der Brauch. Wenn das Zelt errichtet wird, postieren die Arbeiten den Engel an einer versteckten Stelle und die Wirtsfamilie um Antje Haberl müssen die goldene Engelsfigur finden, sonst droht Pech. Dabei ist der Engel bei den ganzen Figuren im oberen Teil des Festzelts und dem allgemeinen Trubel im Zelt schwer auszumachen. Der Engel hat jedes Jahr eine Bedeutung, erinnert er doch an verstorbene Bekannte.

Dieses Jahr 2023 hat der goldene Engel in der Ochsenbraterei eine besondere Bedeutung. Der an Parkinson erkrankte Promi-Zuckerbäcker Bode E. Müller nahm sich im Mai 2023 das Leben, weil keinen zur Last fallen wollte. Er stürzte sich aus dem fünften Stock eines Hauses am Rosental in der Innenstadt. Müller hatte gegenüber der Ochsenbraterei seinen Verkaufsstand und war unter den Wiesnwirten und den Belegschaften sehr beliebt. Er hatte das Herz am rechten Fleck. Der Tod erschütterte sie alle. Und so wurde der Goldene Engel der Ochsenbraterei dieses Jahr Bodo Müller gewidmet. Der Engel blickt in Richtung des Bodo-Zeltes. Zudem wurde der Engel mit einer Torte ausgestattet.

Diese wunderschöne Geschichte erfuhr ich bei unserem jährlichen Wiesn-Stammtisch der Aktion Pit Togohilfe, zu dem Familie Haberl dankenswerterweise den Vorstand einlädt. Dieses Mal kamen wir mit prominenter Begleitung in Form von Dr. Michel Kodom von Aimes-Afrique, unserem Partner in Togo. Kodom kommt aus Togo und ist ein Fan von Mythen und Legenden. So genoss er die Erzählungen von Wirtin Antje Haberl und ich lauschte aufmerksam. Am Smartphone zeigte sie, wo der Engel im Zelthimmel befestigt ist.

Nach dem Stammtisch machte ich mich auf die eigene Suche nach dem Engel. Rund 15 Minuten suchte ich erfolglos. Daher sprach ich eine Wiesnbedienung an, die eigentlich im Stress ist. Zu meiner Überraschung freute sie sich und nahm mich an die Hand, zog mich durch die Betrunkenen durch und zeigte mir mit einem freundlichen Lächeln den Engel im Zeltdach. Den Ort verrate ich euch nicht. Da müsst ihr selbst suchen und an die schöne Geschichte mit dem Engel in der Ochsenbraterei auf der Wiesn denken.