Posts Tagged ‘Ronnie Wood’

Meine Vinyl-Käufe im August

30. August 2026

Discipline von King Crimson

Als King Crimson 1981 mit Discipline zurückkehrten, war schnell klar: Das hier sollte keine nostalgische Wiederbelebung der großen Progressive-Rock-Jahre werden. Robert Fripp hatte King Crimson Mitte der Siebziger eigentlich beendet. Mit Adrian Belew, Tony Levin und Bill Bruford entstand nun eine Formation, die zwar den alten Namen trug, musikalisch aber fast wie eine völlig neue Band klang. Discipline ist deshalb weniger Comeback als Neugründung.

Das Faszinierende an diesem Album ist seine kontrollierte Nervosität. Fripp und Belew spielen Gitarrenlinien, die sich ineinander verschieben, kreuzen und wieder voneinander entfernen. Dazu liefert Tony Levin mit Bass und Chapman Stick ein gewaltiges rhythmisches Fundament, während Bill Bruford sein Schlagzeugspiel von vielen Rockkonventionen befreit. Hier geht es nicht um das klassische Schema von Gitarre, Bass und Schlagzeug, sondern um vier Musiker, die wie Zahnräder einer hochpräzisen, gelegentlich außer Kontrolle geratenen Maschine ineinandergreifen.

Schon „Elephant Talk“ ist eine Kampfansage. Belews Stimme, seine absurden Gitarrengeräusche und Levins Stick erzeugen einen Sound, der gleichzeitig Funk, New Wave, Art Rock und Avantgarde ist. Das Stück wirkt verspielt und humorvoll – Eigenschaften, die man mit den früheren King Crimson nicht unbedingt zuerst verbunden hätte.

Noch stärker ist „Frame by Frame“. Die ineinandergreifenden Gitarrenfiguren entwickeln einen hypnotischen Sog. Hier zeigt sich das eigentliche Prinzip von Discipline: Komplexität wird nicht demonstrativ ausgestellt, sondern in Bewegung verwandelt. Man muss die komplizierten Taktstrukturen nicht verstehen, um ihre Wirkung zu spüren.

Mit „Matte Kudasai“ erlaubt sich das Album einen Moment von beinahe schwebender Schönheit. Belews Gitarrenspiel klingt stellenweise wie der Ruf eines Vogels, während seine Stimme eine melancholische Ruhe verbreitet. Gerade dieser Kontrast macht deutlich, dass King Crimson 1981 weit mehr konnten als mathematisch anmutende Rhythmuskunst.

„Indiscipline“ ist dagegen pure kontrollierte Eskalation. Brufords Schlagzeugspiel scheint das Stück permanent auseinanderzureißen, während Belew zunehmend besessen seinen Text vorträgt. Sein wiederholtes „I like it!“ könnte fast als Kommentar zum gesamten Album verstanden werden. Das Stück klingt auch Jahrzehnte später gefährlich und unberechenbar.

Auf der zweiten Seite wird die Musik noch konsequenter. „Thela Hun Ginjeet“ verbindet einen nervösen Funk-Groove mit Belews beinahe dokumentarischer Erzählung einer bedrohlichen Begegnung auf der Straße. „The Sheltering Sky“ nimmt sich dagegen Zeit und entwickelt aus wenigen Elementen eine geheimnisvolle Atmosphäre. Das abschließende „Discipline“ schließlich bringt die ästhetische Idee des Albums auf den Punkt: Zwei Gitarren verweben unterschiedliche rhythmische Muster zu einer Musik, die gleichzeitig streng konstruiert und erstaunlich lebendig wirkt.

Bemerkenswert ist, wie wenig Discipline nach einem typischen Progressive-Rock-Album der frühen Achtziger klingt. King Crimson versuchten nicht, die Siebziger mit moderner Produktion fortzusetzen. Stattdessen nahmen sie Einflüsse von New Wave, Minimal Music, Funk und afrikanischen Rhythmuskonzepten auf und entwickelten daraus ihre eigene Sprache. Man hört stellenweise die musikalische Gegenwart von 1981 – und trotzdem klingt das Album bis heute eigenständig.

Discipline verlangt allerdings Aufmerksamkeit. Wer sich zurücklehnen und klassische Prog-Epen mit ausladenden Soli hören möchte, bekommt etwas völlig anderes. Die Musik ist kantig, repetitiv, intellektuell und manchmal geradezu anstrengend. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Mit jedem Durchlauf lassen sich neue rhythmische Verschiebungen, kleine Gitarrendetails und Wechselwirkungen zwischen den vier Musikern entdecken.

Für mich gehört Discipline zu den großen Neuerfindungen der Rockgeschichte. King Crimson bewiesen damit, dass eine etablierte Band ihre Vergangenheit nicht kopieren muss, um relevant zu bleiben. Statt In the Court of the Crimson King neu aufzulegen, erfanden Fripp, Belew, Levin und Bruford einen Sound für eine andere Zeit. Das Ergebnis ist kühl und emotional, mathematisch und verspielt, diszipliniert und vollkommen verrückt zugleich.

The Beach Boys – „Surfin’ Safari“ (1962)

Mit „Surfin’ Safari“ beginnt 1962 die Albumgeschichte der The Beach Boys – und rückblickend hört man hier eine Band, die ihre spätere Größe noch nicht erreicht hat, aber bereits ziemlich genau weiß, welches Lebensgefühl sie verkaufen möchte: Sonne, Strand, Surfbretter, Mädchen und kalifornische Freiheit.

Das Debüt erschien im Oktober 1962 bei Capitol Records. Brian Wilson, Mike Love, Carl Wilson, Dennis Wilson und David Marks präsentieren darauf einen Sound, der noch deutlich rauer und einfacher ist als die ausgefeilten Produktionen, für die die Beach Boys nur wenige Jahre später berühmt werden sollten. Gerade darin liegt heute ein großer Teil des Charmes von „Surfin’ Safari“.

Der Titelsong ist natürlich das Herzstück. „Surfin’ Safari“ besitzt bereits fast alles, was den frühen Beach-Boys-Sound ausmacht: den mehrstimmigen Gesang, eine unmittelbar einprägsame Melodie, treibenden Rhythmus und dieses beinahe naive Versprechen eines endlosen kalifornischen Sommers. Mit „409“ kommt ein weiteres Thema hinzu, das die nächsten Jahre prägen sollte: schnelle Autos. Strand, Mädchen und Hot Rods wurden zu den zentralen Bestandteilen der frühen Beach-Boys-Mythologie.

Doch als geschlossenes Album ist „Surfin’ Safari“ noch weit von späteren Meisterwerken entfernt. Neben starken Momenten stehen einige Stücke, die eher wie Füllmaterial wirken. Songs wie „County Fair“, „Ten Little Indians“ oder „Cuckoo Clock“ haben historischen Charme, zeigen aber auch, dass Brian Wilson als Komponist noch auf der Suche nach seiner eigenen Sprache war. Dazu kommen Coverversionen und Instrumentals, die das Album stärker als Produkt seiner Zeit erscheinen lassen.

Gerade deshalb ist es faszinierend, Brian Wilson hier zuzuhören. Die harmonische Raffinesse von „The Warmth of the Sun“, „Don’t Worry Baby“ oder „California Girls“ ist noch Zukunftsmusik, von der orchestralen Perfektion eines „Pet Sounds“ ganz zu schweigen. Aber erste Ansätze sind vorhanden. Wilson denkt bereits stärker in Harmonien und Gesangsarrangements als viele seiner Zeitgenossen. Noch fehlt ihm allerdings die künstlerische Kontrolle, die er sich in den folgenden Jahren erarbeiten sollte.

Auch klanglich darf man keine Wunder erwarten. Die Produktion ist vergleichsweise dünn und direkt. Gitarren, Schlagzeug und Stimmen stehen im Mittelpunkt. Wer von „Pet Sounds“ rückwärts zu diesem Debüt kommt, könnte geradezu erschrecken, wie konventionell manche Stücke wirken. Wer dagegen die Entwicklung der Beach Boys chronologisch verfolgt, erlebt etwas Spannendes: Man hört den Ausgangspunkt einer der bemerkenswertesten künstlerischen Entwicklungen der Popgeschichte.

Besonders interessant ist dabei der Gegensatz zwischen Oberfläche und dem, was später kommen sollte. 1962 präsentieren die Beach Boys eine scheinbar sorgenfreie Teenagerwelt. Nur wenige Jahre später wird Brian Wilson dieselbe Popmusik benutzen, um Einsamkeit, Unsicherheit, Sehnsucht und die Angst vor dem Erwachsenwerden auszudrücken. Auf „Surfin’ Safari“ ist davon erst wenig zu spüren. Hier scheint der Sommer tatsächlich noch ewig dauern zu können.

„Surfin’ Safari“ ist kein Meisterwerk und sicher nicht das Beach-Boys-Album, das ich einem Einsteiger als erstes empfehlen würde. Dafür gibt es zu viel Mittelmaß zwischen den Höhepunkten. Als historisches Dokument ist es jedoch ungemein reizvoll. Man hört eine junge Band am Anfang ihrer Karriere und einen gerade einmal 20-jährigen Brian Wilson, der noch nicht ahnt, wohin ihn seine musikalische Fantasie führen wird.
Dazu gab es noch die farbige Single Luau/Judy, auch kein Meisterwerk.

Come Back To The Valley – The Truffle Valley Boys

Mit Come Back To The Valley setzen The Truffle Valley Boys ihren konsequenten Weg fort, den ursprünglichen Bluegrass der 1940er- und 1950er-Jahre nicht nur zu zitieren, sondern ihn mit bemerkenswerter Hingabe wiederauferstehen zu lassen. Das italienische Quartett hat sich längst den Ruf erarbeitet, eine der authentischsten traditionellen Bluegrass-Bands Europas zu sein. Das neue Album bestätigt diesen Eindruck eindrucksvoll.

Schon die ersten Takte machen deutlich, dass hier keine nostalgische Kopie entstehen soll. Vielmehr vermitteln die Musiker das Gefühl, als wäre diese Aufnahme direkt aus einer längst verschwundenen Radiosendung der Nachkriegszeit erhalten geblieben. Die Produktion verzichtet bewusst auf moderne Effekte und übermäßige Klangbearbeitung. Stattdessen stehen Dynamik, Natürlichkeit und das Zusammenspiel der Musiker im Mittelpunkt – genau jene Qualitäten, die klassische Bluegrass-Aufnahmen einst auszeichneten. Die Band setzt erneut auf eine weitgehend analoge Herangehensweise und den charakteristischen One-Microphone-Stil, der auch ihre Live-Auftritte prägt.

Musikalisch bleibt sich die Gruppe treu. Matt Ringressis Mandoline und Gitarre führen sicher durch die Arrangements, während Germano Ciavones Banjo mit druckvollem, rhythmisch präzisem Spiel den Motor der Stücke bildet. Denny Rocchios Dobro verleiht vielen Songs eine warme, wehmütige Klangfarbe, während Emanuele Valentes unaufdringlicher, aber stets tragender Kontrabass das Fundament legt. Besonders beeindruckend ist das mehrstimmige Gesangsspiel. Die Harmonien wirken niemals geschniegelt oder geschniegelt-modern, sondern besitzen jene raue Natürlichkeit, die den frühen Aufnahmen von Bill Monroe, den Stanley Brothers oder Jimmy Martin ihren unverwechselbaren Charakter verlieh.

Inhaltlich konzentriert sich Come Back To The Valley erneut auf selten gespielte Perlen des klassischen Bluegrass und frühen Country. Statt ausschließlich bekannte Standards zu interpretieren, graben The Truffle Valley Boys tief im musikalischen Archiv und fördern Songs zutage, die selbst langjährige Bluegrass-Hörer teilweise erst durch diese Band kennenlernen. Gerade diese sorgfältige Auswahl macht den besonderen Reiz des Albums aus.

Der Titelsong “Come Back To The Valley”, ursprünglich von Carter Stanley, steht exemplarisch für das gesamte Konzept. Die Interpretation verzichtet auf jede Form moderner Dramatisierung. Stattdessen entfalten sich Melodie und Harmonie mit großer Selbstverständlichkeit, wodurch die emotionale Kraft des Songs besonders eindringlich wirkt. Auch bei ihren Konzerten zählt das Stück inzwischen zu den Höhepunkten des Programms.

Bemerkenswert ist außerdem, wie geschlossen das Album wirkt. Obwohl die einzelnen Titel aus unterschiedlichen Quellen und Epochen stammen, entsteht ein roter Faden. Die Band versteht es, traditionelle Bluegrass-, Honky-Tonk-, Gospel- und frühe Country-Einflüsse so miteinander zu verbinden, dass ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Dabei wird nie der Eindruck erweckt, historische Musik lediglich museal zu konservieren. Vielmehr wirkt jeder Titel lebendig, frisch und voller Spielfreude.

Gerade diese Authentizität unterscheidet The Truffle Valley Boys von vielen zeitgenössischen Bluegrass-Formationen. Während andere Bands das Genre modernisieren oder stilistisch erweitern, konzentrieren sich die Italiener vollständig auf die historische Klangästhetik. Das könnte manchen Hörern zunächst konservativ erscheinen. Tatsächlich entwickelt sich daraus jedoch die größte Stärke des Albums: Die Musiker versuchen nicht, die Vergangenheit neu zu interpretieren – sie lassen sie sprechen.

Come Back To The Valley richtet sich deshalb weniger an Hörer, die nach Innovation oder Crossover suchen. Wer dagegen klassischen Bluegrass in seiner ursprünglichsten Form schätzt oder entdecken möchte, erhält hier eine außergewöhnlich sorgfältig produzierte Aufnahme. Das Album beweist eindrucksvoll, dass musikalische Authentizität keineswegs altmodisch wirken muss. Im Gegenteil: Gerade die Reduktion auf das Wesentliche verleiht der Musik eine zeitlose Kraft.

Mit Come Back To The Valley liefern The Truffle Valley Boys eine Hommage an den klassischen Bluegrass, die weit über reine Nostalgie hinausgeht. Technische Perfektion steht nie im Vordergrund; entscheidend sind Gefühl, musikalische Ehrlichkeit und tiefes Stilverständnis. Genau deshalb zählt das Album zu den bemerkenswertesten traditionellen Bluegrass-Veröffentlichungen der letzten Jahre und unterstreicht eindrucksvoll die Sonderstellung der Band innerhalb der europäischen Szene. Das Album erschien 2026 als 10-Zoll-LP auf Tenbrooks Records.

Hackney Diamonds von The Rolling Stones

Nach 18 Jahren ohne neues Studioalbum mit eigenem Material schien die Frage berechtigt: Brauchen die Rolling Stones überhaupt noch ein weiteres Album? Hackney Diamonds liefert darauf eine überraschend klare Antwort: Ja – wenn es so viel Spielfreude, Energie und Selbstbewusstsein besitzt wie diese Platte.

Schon der Opener und die damalige Vorabsingle „Angry“ machen deutlich, dass Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood nicht in Nostalgie versinken wollen. Stattdessen präsentieren sie ein Album, das die klassische Stones-DNA mit einer modernen, druckvollen Produktion von Andrew Watt verbindet. Die Gitarren sind scharf konturiert, das Tempo hoch, Jaggers Gesang erstaunlich kraftvoll.

Dabei versucht Hackney Diamonds gar nicht erst, Klassiker wie Exile on Main St., Sticky Fingers oder Let It Bleed zu kopieren. Vielmehr greift die Band die unterschiedlichsten Facetten ihrer langen Karriere auf. Blues, Rock’n’Roll, Soul, Country und sogar tanzbare Grooves stehen selbstverständlich nebeneinander, ohne beliebig zu wirken. Gerade diese stilistische Vielfalt erinnert daran, weshalb die Rolling Stones über Jahrzehnte eine der wandlungsfähigsten Rockbands geblieben sind.

Zu den Höhepunkten gehört zweifellos „Sweet Sounds of Heaven“, das gemeinsam mit Lady Gaga aufgenommen wurde. Der fast siebenminütige Gospel-Rocker entwickelt eine Wucht, die an die großen Momente der Band in den frühen Siebzigern erinnert. Gaga tritt dabei nicht als prominenter Gast auf, sondern wird zum gleichberechtigten Gegenpart von Mick Jagger. Gemeinsam erzeugen beide eine Intensität, die weit über den üblichen Starbonus hinausgeht.

Ebenso überzeugend ist das aggressive „Bite My Head Off“, bei dem Paul McCartney am Bass zu hören ist. Der Song besitzt den rotzigen Biss, der den Stones in den letzten Jahrzehnten gelegentlich fehlte. Dem gegenüber stehen ruhige, melancholische Stücke wie „Depending on You“ oder „Dreamy Skies“, die beweisen, dass die Band auch im hohen Alter nicht ausschließlich auf Lautstärke setzt.

Eine besondere emotionale Bedeutung erhält das Album durch Charlie Watts. Der 2021 verstorbene Schlagzeuger ist auf zwei Titeln noch zu hören. Sein charakteristisch zurückhaltendes, swingendes Spiel verleiht diesen Songs eine zusätzliche Tiefe und macht Hackney Diamonds zugleich zu einem würdigen Abschied von einem der größten Schlagzeuger der Rockgeschichte.

Natürlich ist nicht jeder Titel ein Volltreffer. Einige Songs orientieren sich stark an bekannten Stones-Mustern, und gelegentlich wirkt die Produktion fast etwas zu geschniegelt. Gerade dieser moderne Hochglanzklang empfinde ich als Verlust der früheren Rauheit.

Dennoch überwiegt der positive Eindruck deutlich. Hackney Diamonds ist kein nostalgisches Alterswerk, sondern ein erstaunlich vitales Rockalbum. Die Rolling Stones klingen nicht wie eine Band, die lediglich ihr Denkmal verwaltet. Sie wirken hungrig, konzentriert und mit hörbarer Freude am gemeinsamen Musizieren.

Das vielleicht größte Kompliment lautet deshalb: Hackney Diamonds ist nicht deshalb bemerkenswert, weil die Musiker über 80 Jahre alt sind. Es ist bemerkenswert, weil es schlicht ein gutes Rolling-Stones-Album ist – das stärkste seit vielen Jahren und ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass große Rockmusik kein Verfallsdatum kennt. Viele Kritiker bewerteten es entsprechend als ihr bestes Studioalbum seit Jahrzehnten.

Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 von Tangerine Dream

Über fünf Jahrzehnte lag dieses Konzert nur als begehrtes Sammlerstück und inoffizielle Aufnahme vor. Mit Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 wird nun eines der eindrucksvollsten Dokumente der klassischen Tangerine-Dream-Ära erstmals offiziell veröffentlicht

Am 9. Februar 1976 gastierte Tangerine Dream im Paul-Emile-Janson-Auditorium in Brüssel. Die Band bestand zu dieser Zeit aus Edgar Froese, Christopher Franke und Peter Baumann – jener Besetzung, die von vielen Fans als kreative Hochphase der Berliner Elektronik-Pioniere angesehen wird. Das Konzert entstand während der Winter-Europatour, nur wenige Monate nach dem Erfolg des Albums Ricochet, und zeigt das Trio auf dem Höhepunkt seiner improvisatorischen Fähigkeiten.

Charakteristisch für den Auftritt sind ausgedehnte Klanglandschaften, hypnotische Sequencer-Läufe, mächtige Mellotron-Flächen und Edgar Froeses markante Gitarrenpassagen. Anstelle klassischer Songstrukturen entwickelt sich die Musik organisch über lange Zeiträume. Themen entstehen spontan, verändern sich kontinuierlich und münden in dichte, atmosphärische Klangwelten, die den unverwechselbaren Stil von Tangerine Dream in den 1970er Jahren eindrucksvoll dokumentieren.

Innerhalb der Bandgeschichte nimmt das Konzert eine besondere Stellung ein. Es markiert die Übergangsphase zwischen den eher schwebenden Klangwelten von Rubycon und der zunehmend rhythmisch geprägten Ausrichtung späterer Live-Auftritte. Gerade diese Mischung aus freier Improvisation und präzise eingesetzten elektronischen Sequenzen macht den Mitschnitt bis heute zu einem außergewöhnlichen Zeitdokument.

Über viele Jahre war das Brüsseler Konzert ausschließlich über Bootlegs und Fanveröffentlichungen bekannt. Teile der Aufnahme erschienen Anfang der 1990er Jahre auf dem inoffiziellen Album Danger Live, später veröffentlichte das Fanprojekt Tangerine Tree eine restaurierte Fassung. Erst 2026 erfolgte die offizielle Veröffentlichung auf CD und Doppel-LP. Damit steht einer breiteren Hörerschaft erstmals eine autorisierte Edition dieses historischen Konzerts zur Verfügung.

Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 zählt zu den bedeutendsten Archivveröffentlichungen von Tangerine Dream der vergangenen Jahre. Das Album dokumentiert eindrucksvoll die Kreativität, Spontaneität und klangliche Innovationskraft der klassischen Besetzung und vermittelt authentisch, warum die Live-Konzerte der Band Mitte der 1970er Jahre bis heute als Meilensteine der elektronischen Musik gelten.

Albumkritik: Foreign Tongues von The Rolling Stones

11. Juli 2026

Das Warten hat ein Ende: Pünktlich zum offiziellen Release am 10. Juli 2026 liegt mit „Foreign Tongues“ das mittlerweile 25. Studioalbum der Rolling Stones vor. Nach dem großen Erfolg von Hackney Diamonds (2023) beweisen die Rock-Ikonen um Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood, dass sie auch im hohen Alter nichts an Energie eingebüßt haben.

Foreign Tongues ist kein wehmütiges Abschiedswerk, sondern ein erstaunlich druckvolles, modernes Rockalbum. Ein Großteil der Songs basiert auf den über 20 Titeln, die während der Hackney Diamonds-Sessions aufgenommen, aber damals nicht finalisiert wurden. Der Star-Produzent Andrew Watt hat diese Rohlinge im Jahr 2025 und Anfang 2026 gründlich poliert und mit frischem Material ergänzt.
Das Album ist spürbar gitarrenlastiger als sein Vorgänger. Tracks wie die Vorabsingle „In the Stars“ oder „Never Wanna Lose You“ sind klassische, treibende Riff-Rocker, die präzise für die ganz großen Stadionbühnen maßgeschneidert wurden.
Mick Jagger gibt sich textlich überraschend reflektiert und politisch. Er setzt sich mit der aktuellen Weltlage und der eigenen Endlichkeit auseinander, ohne dabei den typischen, leicht arroganten Stones-Charme zu verlieren.
Neben straightem Rock bedient die Band ein breites Spektrum – vom staubigen Americana-Folk auf „Divine Intervention“ bis hin zu einer unerwarteten, rotzigen Coverversion von Amy Winehouses „You Know I’m No Good“.
Fehlen von Ecken und Kanten: Durch die extrem glatte, zeitgemäße Produktion von Andrew Watt vermisst man gelegentlich die dreckigen, ausgedehnten Blues-Jams oder die düstere, unvorhersehbare Atmosphäre früherer Meisterwerke.
Das visuelle Konzept: Das collagenartige Pastell-Cover „Trinity“ des Künstlers Nathaniel Mary Quinn spaltet die Gemüter und wirkt für manche Fans im Vergleich zur Musik etwas zu verkopft. Mir gefällt es.
Wie aufwändig ist das Album?
Um es kurz zu machen: Der Aufwand hinter „Foreign Tongues“ ist gigantisch – sowohl in finanzieller, personeller als auch in logistischer Hinsicht. Die Stones haben für dieses Album alle Hebel der modernen Musikindustrie in Bewegung gesetzt.

Die hochkarätige Gästeliste
Die Band hat eine Riege an Gastmusikern versammelt, die einer Rock-and-Roll-Hall-of-Fame-Gala gleicht. Finanziell und organisatorisch ist ein solches Aufgebot ein absoluter Kraftakt:
Paul McCartney greift erneut zum Bass, Robert Smith (The Cure) bringt eine düstere Post-Punk-Note ein, Chad Smith (Red Hot Chili Peppers) und der langjährige Stones-Begleiter Steve Jordan teilen sich die Drum-Arbeit sowie Steve Winwood und Bruno Mars steuern ebenfalls hochkarätige Parts bei.
Ein emotionaler Höhepunkt ist der Track „Hit Me in the Head“. Hierfür wurden Archiv-Schlagzeugspuren des 2021 verstorbenen Drummers Charlie Watts aus einer Studio-Session in Los Angeles restauriert und meisterhaft in den Song integriert.

Logistik & Studios
Die Aufnahmen erstreckten sich über mehrere Kontinente und Jahre (mit Sessions in 2019, 2021, 2022–2023 und final 2025–2026). Gearbeitet wurde in absoluten High-End-Studios, darunter den geschichtsträchtigen Henson Studios in Los Angeles und den Metropolis Studios in London. Letztere wurden von Mick Jagger bewusst gewählt, um in einer intensiven, kompakten „Londoner Atmosphäre“ den finalen Songs den nötigen Feinschliff zu verpassen.

Die Marketing-Maschinerie
Auch die Promotion-Kampagne war ein marketingtechnischer Geniestreich mit enormem Budget:
Weltweit tauchten im April 2026 in 20 verschiedenen Ländern Street-Art-Poster auf, die den Albumtitel in der jeweiligen Landessprache anteaserten.
Unter dem geheimen Fake-Namen „The Cockroaches“ (eine Anspielung auf ihre eigene Historie) ließen die Stones eine schneeweiße Vinyl-Single in Plattenläden auftauchen, um unter Hardcore-Fans einen Lauffeuer-Hype auszulösen.
Für mich zeigt Foreign Tongues die Rolling Stones als eine perfekt geölte, hochprofessionelle Rock-Maschine. Der immense finanzielle und kreative Aufwand hat sich gelohnt: Das Album klingt frisch, vermeidet pure Nostalgie-Kumpanei und festigt das späte Vermächtnis der Band auf beeindruckende Weise.

Meine Vinyl-Käufe im März

31. März 2026

Ich kaufe kaum noch CD, aber dafür mehr Vinyl für meine drei Braun-Player und der März hat wieder einiges auf Vinyl gebracht. Hier die Einkäufe.

The Rainbow Concert von Eric Clapton
Ich habe Konzertkarten für dieses Jahr und höre mir die alten Scheiben an, „Eric Clapton’s Rainbow Concert“ ist weniger ein makellos gespieltes Livealbum als ein dokumentierter Wendepunkt – und genau darin liegt seine Faszination. Aufgenommen im Januar 1973 im Londoner Rainbow Theatre, markiert das Konzert Claptons Rückkehr aus einer jahrelangen, heroingeschuldeten Versenkung; sein Freund Pete Townshend stellte ihm dafür eine All-Star-Band zur Seite, von Steve Winwood bis Ronnie Wood. Man hört dem Material diese Ausnahmesituation deutlich an: Die Band klingt stellenweise ad hoc und überladen, der Groove ist nicht immer straff, manche Nummer wirkt eher schleppend als präzise – Kritiker sprechen zu Recht von „sloppy“ Momenten und einer gewissen Schwere durch „zu viele Köche“.


Gleichzeitig hat das Album eine emotionale Spannung, die vielen technisch besseren Clapton-Liveplatten fehlt: In Stücken wie „Layla“, „Little Wing“ oder „Presence of the Lord“ mischen sich Unsicherheit, Melancholie und eruptive Energie zu einem eigenwilligen, dunklen Rock-Tonfall, den der „Rolling Stone“ einmal als „gigantischen Schwermut“ beschrieben hat. „Rainbow Concert“ eignet sich daher weniger als Einstiegsalbum in Claptons Werk, ist aber als historisches Dokument und als Momentaufnahme eines Künstlers am Rand und auf dem Weg zurück höchst hörenswert – gerade weil die Brüche nicht geglättet werden, sondern im Sound offen zutage treten.

Frankenstein von Alexandre Desplat
Alexandre Desplats Soundtrack zu Frankenstein ist keine laute Horrormusik, sondern ein erstaunlich elegisches, oft fast melancholisches Album. Desplat schrieb die Musik für Guillermo del Toros Netflix-Film, der am 7. November 2025 erschien; schon im Vorfeld hatte er angekündigt, eher auf Lyrik, Emotion und die Verletzlichkeit der Kreatur als auf bloße Schockeffekte zu setzen. Genau das hört man dieser Partitur an:

Statt billiger Dramatik entfaltet sie einen langen, düsteren Sog, der Trauer, Sehnsucht und Größe miteinander verbindet. Besonders stark ist, wie die Musik die tragische Seite der Geschichte betont und dem Monster mehr Menschlichkeit verleiht als viele Dialoge. Manchmal ist der Score in seiner Laufzeit sehr ausufernd, doch gerade in seinen besten Momenten wirkt er wie ein dunkles, romantisches Gegenstück zu Desplats feineren Arbeiten der vergangenen Jahre. Ein atmosphärisch dichter, kluger und emotional überraschender Soundtrack, der Frankenstein nicht als Schauerstück, sondern als Tragödie begreift.

King of the Delta Blues Singers von Robert Johnson

„King of the Delta Blues Singers“ ist mehr als nur ein Blues-Album – es ist ein musikalisches Gründungsdokument. Die 1961 veröffentlichte Zusammenstellung machte Robert Johnson, der zu Lebzeiten kaum über den Kreis von Blueskennern hinaus bekannt war, posthum zu einer Legende. Und obwohl die Aufnahmen aus den Jahren 1936 und 1937 stammen, besitzen sie bis heute eine verstörende Unmittelbarkeit.

Was dieses Album so besonders macht, ist zunächst Johnsons Fähigkeit, mit wenigen Mitteln eine ungeheure Intensität zu erzeugen. Seine Gitarre klingt nie bloß begleitend, sondern wie ein zweiter Erzähler: treibend, klagend, nervös, manchmal fast gespenstisch. Dazu kommt seine Stimme, die nicht geschniegelt oder schön sein will, sondern rau, drängend und voller innerer Spannung wirkt. Johnson singt nicht einfach den Blues – er verkörpert ihn.
Stücke wie „Cross Road Blues“, „Hellhound on My Trail“ oder „Love in Vain“ bündeln alles, was den Mythos Robert Johnson ausmacht: die Erfahrung von Verlust, Rastlosigkeit, Begehren, Angst und Verlorenheit. Seine Songs wirken oft wie Momentaufnahmen eines Lebens am Rand, voll dunkler Vorahnung und existenzieller Unruhe. Gerade darin liegt ihre enorme Kraft. Hier wird nichts ausgestellt oder romantisiert; diese Musik klingt, als sei sie direkt aus einer inneren Not heraus entstanden.
Natürlich muss man hören, dass es sich nicht um ein modernes Studioalbum handelt. Die Klangqualität ist spröde, teils kratzig, die Aufnahmen sind technisch begrenzt. Doch das ist kein Makel, sondern Teil der Wirkung. Die rohe Aufnahmeweise verstärkt die Direktheit dieser Musik sogar noch. Wer sich darauf einlässt, hört schnell nicht mehr die historische Distanz, sondern nur noch Ausdruck, Rhythmus und emotionale Wucht.
Beeindruckend ist auch, wie stark dieses Album nachgewirkt hat. Ganze Generationen von Rock- und Bluesmusikern haben hier eine Art Urtext entdeckt. Trotzdem lebt „King of the Delta Blues Singers“ nicht nur von seinem Einfluss oder seinem Ruf, sondern vor allem von der Qualität der Songs selbst. Diese Lieder stehen nicht unter Denkmalschutz – sie leben.

„Neu!“ von Neu!
Mit „Neu!“ veröffentlichte das Düsseldorfer Duo Michael Rother und Klaus Dinger 1972 ein Debütalbum, das bis heute wie ein Gegenentwurf zur herkömmlichen Rockmusik wirkt. Während viele Bands ihrer Zeit auf Virtuosität, Bombast oder psychedelische Überladung setzten, suchten Neu! nach Reduktion, Wiederholung und hypnotischer Wirkung. Genau daraus bezieht dieses Album seine eigentümliche Größe.


Schon der eröffnende Longtrack „Hallogallo“ ist legendär: ein stoischer, fließender Beat, dazu schimmernde Gitarren und eine Atmosphäre, die zugleich kühl, frei und fast schwerelos wirkt. Der berühmte „Motorik“-Rhythmus, für den Neu! später berühmt wurde, treibt den Song nicht einfach nur voran – er erzeugt einen Sog. Man hört kein klassisches Rockstück, sondern eher eine Bewegung, ein endloses Fahren, ein Schweben nach vorn. Das ist Musik, die weniger erzählt als einen Zustand erzeugt.
Überhaupt ist „Neu!“ kein Album, das mit traditionellen Songstrukturen beeindrucken will. Viele Stücke wirken wie Skizzen, Versuche oder Klangideen, doch genau das macht seinen Reiz aus. „Sonderangebot“, „Weissensee“ oder „Im Glück“ zeigen, wie stark Neu! mit Stimmung arbeiten: mal verspielt und entrückt, mal spröde und fast mechanisch, dann wieder überraschend zart. Besonders faszinierend ist dabei die Spannung zwischen Mensch und Maschine – einerseits wirkt vieles kontrolliert, repetitiv und fast industriell, andererseits steckt in diesen Aufnahmen etwas Improvisiertes, Rohes und sehr Körperliches.
Nicht jedes Stück entfaltet dieselbe Kraft. Manche Passagen klingen fragmentarisch oder bewusst unfertig, was Hörerinnen und Hörer, die klare Melodien oder klassische Dramaturgie erwarten, auf Distanz halten kann. Doch gerade diese Offenheit gehört zum Konzept. Neu! wollten keine gefällige Platte machen, sondern einen neuen musikalischen Raum öffnen. Das gelingt ihnen eindrucksvoll.
Der größte Verdienst von „Neu!“ liegt vielleicht darin, wie modern dieses Album noch immer klingt. Zahlreiche spätere Strömungen – von Post-Punk über Ambient bis Indie und Elektronik – haben hier hörbar Anleihen genommen. Dennoch wirkt die Platte nicht wie ein bloßes historisches Dokument, sondern lebendig, frisch und eigensinnig.

The B-52s – die Kollektion
Die B-52s sind weit mehr als nur eine schrille Popband der späten 70er- und 80er-Jahre. Sie stehen für einen ganz eigenen Sound, für Mut zur Exzentrik und für die Kunst, aus Spaß, Stil und Anderssein etwas Dauerhaftes zu machen. Während viele Gruppen ihrer Zeit klar einem Genre zuzuordnen waren, schufen die B-52s eine unverwechselbare Mischung aus New Wave, Surf, Punk, Dance und Pop. Ihre Musik klang verspielt, futuristisch und zugleich herrlich schräg — und gerade darin lag ihre Stärke.
Mit Songs wie „Rock Lobster“, „Private Idaho“, „Love Shack“ oder „Roam“ bewies die Band, dass Pop nicht geschniegelt und glatt sein muss, um erfolgreich zu sein. Die B-52s machten das Abseitige tanzbar und das Skurrile massentauglich. Ihr Markenzeichen waren nicht nur eingängige Melodien, sondern auch die theatralischen Stimmen, der trockene Humor und eine Ästhetik, die mit Camp, Retro-Charme und bewusstem Übermaß spielte.
Zugleich waren die B-52s kulturell bedeutend, weil sie früh einen Raum eröffneten für Individualität, queere Ausdrucksformen und künstlerische Freiheit, ohne daraus je ein starres Programm zu machen. Sie wirkten leichtfüßig, aber nie belanglos. Hinter der bunten Oberfläche steckte eine Haltung: Man darf anders sein, laut sein, verspielt sein — und genau darin liegt oft die größte kreative Kraft.
Dass die Band trotz persönlicher Verluste, insbesondere nach dem Tod von Gitarrist Ricky Wilson, weiter Bestand hatte, verleiht ihrer Geschichte zusätzliche Tiefe. Die B-52s blieben nicht bloß eine stilvolle Kuriosität, sondern wurden zu einer der prägenden Popformationen ihrer Zeit. Ihr Werk erinnert daran, dass Musik nicht nur Gefühle ausdrücken, sondern auch Räume öffnen kann — für Freude, Freiheit und Fantasie.

Nina Simone at Town Hall von Nina Simone
Mit Nina Simone at Town Hall (1959) festigt Nina Simone ihren Ruf als außergewöhnliche Grenzgängerin zwischen Jazz, Klassik, Folk und Blues. Das Live-Album, aufgenommen in der Town Hall in New York, zeigt sie auf dem frühen Höhepunkt ihrer Karriere – selbstbewusst, technisch brillant und emotional kompromisslos.

Besonders eindrucksvoll ist „Black Is the Color of My True Love’s Hair“: Simone verwandelt das schlichte Traditional in ein dramatisches Kunstlied, getragen von ihrem klassisch geschulten Klavierspiel. Auch „The Other Woman“ besticht durch kühle Intensität und erzählerische Tiefe. Ihre Stimme wirkt nie gefällig, sondern stets wahrhaftig – rau, dunkel, kontrolliert.

Die Live-Atmosphäre bleibt dabei erstaunlich intim. Man hört keine effekthascherische Show, sondern eine Künstlerin, die ganz in ihren Interpretationen aufgeht. Nina Simone at Town Hall ist weniger ein Konzertmitschnitt als ein künstlerisches Statement: konzentriert, ernsthaft und von zeitloser Eleganz.

Søren Bebe Trio – Gratitude
Das neunte Studioalbum des Søren Bebe Trios, Gratitude, erschienen im Januar 2026, ist eine meisterhafte Hommage an die nordische Jazztradition – lyrisch, atmosphärisch und von tiefer Dankbarkeit gegenüber Musik und Stille geprägt. Das Trio aus Pianist Søren Bebe, Bassist Kasper Tagel und Drummer Knut Finsrud, seit 2007 ein eingespieltes Gespann, destilliert hier seine Essenz in neun Tracks mit einer Gesamtlänge von rund 39 Minuten.


Gratitude atmet die klare, unhurried Nordic-Jazz-Ästhetik, die an ECM-Klassiker und Ensembles wie das Tord Gustavsen Trio erinnert: besonnene Melodien, viel Raum für Atempausen und eine Balance aus Intimität und Tiefe. Die Musik ist kitschfrei, spirituell ohne Religiöses, geprägt von fein ziselierten Klangforschungen, bei denen Anschwellen und Verklingen ebenso zählen wie der Ton selbst – ein warmer Impetus gegen winterliche Kälte. Kritiker loben die telepathische Empathie der Musiker und die pristine Produktion von August Wanngren.

Leave Home von The Ramones
Leave Home (1977) zeigt die Band auf dem Höhepunkt ihrer frühen Explosivität: schneller, schärfer und noch kompromissloser als das Debüt. Die Songs sind kurz, laut und direkt, getragen von knochentrockenen Gitarrenriffs, simplen Schlagzeugbeats und der unverwechselbaren Stimme von Joey Ramone. Klassiker wie Pinhead oder „Gimme Gimme Shock Treatment“ verbinden eingängige Hooks mit rotziger Attitüde und machen das Album zu einem Paradebeispiel für die rohe Essenz des frühen Punk. Trotz minimaler musikalischer Mittel besitzt die Platte eine mitreißende Energie, die bis heute frisch und rebellisch klingt.

Sixty 2022 – Rolling Stones in München

6. Juni 2022

„Servus Minga“ – zwei Worte genügten, damit war alles gesagt. Die Rolling Stones rockten München und ich war dabei. Dabei sah es am Abend nicht so aus: Gewitter und Wolkenbrüche über dem Olympiastadion, so dass das Konzert um eine Stunde verschoben werden musste.
Aber als Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood samt Band die Bühne betraten, kam die Sonne heraus und es wurde zu einem kraftvollen Konzertabend. Die Briten feierten das 70. Thronjubiläum der Queen, die Münchner feierten das 60. Bandjubiläum der Rolling Stones.

Jagger gilt als München Fan. Er postete in Instagram tags zuvor Fotos vom Chinesischen Turm, vom Englischen Garten und aus Schwabing und Friedensengel. 116 Mal waren die Stones in Deutschland, ein paar Mal war ich mit dabei und es immer noch eine Freude, die Herren auf der Bühne zu sehen. Vorfreude kam auf, als schwarze Vans mit dunklen Scheiben ins Stadion einfuhren. Die Helden des Abends entstiegen den Fahrzeugen und machten sich bereit für einen Abend voller Rock‘n Roll.

Natürlich ist Jagger mit seinen fast 79 Jahren etwas ruhiger geworden, etwas, aber nicht viel. Seine Bühnenpräsenz ist nach wie vor einzigartig. Richards mit blauer Wollmütze spielte Riff um Riff, während Wood für konstante Gitarrenklänge sorgte. Alles wie gehabt. Alles? – Nein natürlich nicht. Charlie Watts fehlte – ich habe die Stones noch nie ohne Charlie Watts gesehen, aber der Schlagzeuger verstarb im August 2021. Die Stones beschlossen dennoch weiterzumachen. Aber die Erinnerung an den ruhigen Mann hinter den Drums war zu spüren. Vor dem Startschuss des Konzerts erinnerte ein Film an Charlie Watts.

Mick Jagger würdigte seinen verstorbenen Bandkollegen. Watts Nachfolger Steve Jordan machte seine Sache hervorragend, blieb aber im Hintergrund.
Die Europa-Tour startete in Madrid und der zweite Termin war nun München. Die Songs der beiden Europakonzerte variierten ein wenig. München bekam Ruby Thuesday statt Beast of Bruden. Genügend Material haben die Steine ja im Laufe der sechs Jahrzehnte angehäuft. Richards dufte auch zwei Songs anbringen: Happy Connection und Slipping Away – Zeit für Mick ein wenig durchzuschnaufen.

Der Konzertstart war der klassische Street Fighting Man und es folgten die klassischen Hits, ein bisschen Best of ohne Überraschungen. Zum ersten Mal live hörte ich Living in a Ghost Town von 2020, die zweite Nummer 1 der Stones in Deutschland nach Jumpin’ Jack Flash, der auch in München gespielt wurde. Jagger sagte auch etwas, dass der Song nach Madrid zum zweiten Mal gespielt werde.

Persönlich empfand ich meine beiden Klassiker Sympathy for the Devil, You Can’t always … sowie Start me up als Höhepunkte. Die Zugaben waren Gimme Shelter und natürlich (I Can’t Get No) Satisfaction zum Abschluss. Während die Stones spielten leuchtete der Olympiaturm in den Farben der Ukraine – eben gibt uns Schutz – ein großes Symbol.

Das meist ältere Publikum war zufrieden, sehr sogar und ich auch. Das Olympiastadion war ausverkauft, die Kasse für die Stones stimmte. Und auch das Wetter spielte mit, also alles prima. Nachdem ich bereits zahlreiche Abschiedstouren der Stones gesehen habe, war Sixty im Hinblick auf das hohe Alter der Herrschaften vielleicht wirklich die letzte. Ich hab sie genossen.

Sumo-Buch zu den Rolling Stones samt Autogramm

14. November 2014

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Kann man eigentlich Beatles- und Stones-Fan zur gleichen Zeit sein? Ja, man kann – das sehe ich an meiner Person. Wahrscheinlich war diese Streitfrage richtg heftig, als beide Bands auf ihrem Höhepunkt in den sechziger Jahren waren und sich um Hitparadenplätze stritten.
Heute sind die überlebenden Fans versöhnlicher und so kann ich als Beatles-Fan gerne auch die neueste Veröffentlichung über die Stones genießen. Und einer solchen Megaveröffentlichung bin ich gerade begegnet.
Der renommierte Taschen-Verlag hat für Fans und Sammler ein spezielles Buch über die rollenden Steine veröffentlicht. Ein fetter Bildband über die Geschichte der Stones in einer Auflage von 1600 Exemplaren – dazu wurden die Bücher signiert von Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood. Jetzt lassen sich die Bücher ordner und im Dezember werden sie rechtzeitig zum Fest geliefert. Bildgewalig, gut recherchiert und lektoriert sowie großartig produziert sind die Bücher auf jeden Fall. Nur einen (finanziellen) Pferdefuß haben sie: Der Grundpreis liegt bei 4000 Euro. Es gibt aber Editionen mit wunderbaren Fine Art-Abzügen wie von dem einmaligen David Bailey, da kostet das Werk schon 15000 Euro. Diese Ausgabe ist übrigens schon ausverkauft, hier haben Sammler investiert, die wissen was Buch und Foto wert sind. Ingesamt gibt es sechs Art Editions, auf jeweils 75 Exemplare limitiert, mit je einem Fine Art Print.

Das Vorwort von Clinton.

Das Vorwort von Clinton.

Das Vorwort zu dem Buch hat der ehemalige US-Präsident Bill Clinton und ich wäre schon neugierig, was Bill (I never had sex with this women) Clinton über die Rolling Stones sagt. Aber noch wichtiger sind die über 500 Seiten mit Fotos von David Bailey, Cecil Beaton, Anton Corbijn, Annie Leibovitz, Helmut Newton, Norman Parkinson, Albert Watson und weiteren 60 Fotografen. Bildbände über die Stones gibt es viele, aber in dieser Form dürfte die Buchveröffentlichung einmalig sein. Zum ersten Mal konnte auch auf die privaten Archive der Rolling Stones in New York und London zugegriffen werden, die manche Überraschung zu bieten haben.

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Gewaltig ist aber nicht nur der Inhalt, sondern auch das Erscheinungsbild. Das Buch wird bei Taschen als Sumo-Buch geführt und das ist es auch: Im Format 50 auf 50 Zentimeter wird das 518seitige Buch erscheinen. Es wird geliefert in einer Schlagkassette sowie Ausklappern und Siebdruck-Kapitelopenern.

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Naja und wer jetzt Blut geleckt hat, der kann sich auch die Volksausgabe des Buches für rund 100 Euro kaufen. Da gibt es das Buch als Hardcover im Format 33 x 33 cm mit 522 Seiten, natürlich ohne Autogramme und Art Prints, aber zumindest die Bilder sind im Buch Rolling Stones die gleichen.

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Happy Birthday Columbia recording artist Bob Dylan

24. Mai 2011

Unveröffentliches Dylan-Foto von 1978 im Backstage-Bereich von Nürnberg.

Unveröffentliches Dylan-Foto von 1978 im Backstage-Bereich von Nürnberg.

Heute feiert Bob Dylan seinen 70. Geburtstag. Ich gratuliere von ganzem Herzen. In den vergangenen Tagen ist tonnenweise Material über diesen „Shakespeare des 20. Jahrhunderts“ veröffentlicht worden, viel geistloses Zeug, aber auch so manche Perle. Ich will nicht mit biografischen Daten langweilen, dies lässt sich besser bei Wiki nachlesen. Was bedeutet aber Bob Dylan für mich?

Vielleicht sollten wir dabei erst einmal über Masken reden, denn die wahre Person Dylan kenne ich nicht. Ich kenne nur die vielen Masken, die der Barde ständig wechselt. Ich kam mit Dylan Mitte der achtziger Jahre in Verbindung, als ich bei meinem örtlichen Schallplattenladen Sound die Scheibe Empire Burlesque (1985) in die Finger bekam. Absolut modern produziert, doch es war anders als die Sachen, die sonst populär waren. Diese Stimme war anders. Ich habe bis dato kaum Country oder Blues gehört und war an das Timbre nicht gewohnt. Es faszinierte mich, die Art und Weise wie Wörter betont oder herausgebellt wurden. Ich höre zu und ich war angetan: Hier hatte jemand etwas zu sagen. Das letzte Lied der zweiten Seite war Dark Eyes. Hier knöpfte Dylan an die Tradition des Folkie Dylan an. Davon wollte ich mehr. Und so kaufte ich Dylan Aufnahmen aus all den Jahren. Ich las über die sechziger Jahre, die Folk-Bewegung und auf einem Flohmarkt bekam ich zwei Bootlegs in die Finger: Das Judas-Teil und Newport 1965 – zwei absolute Glückstreffer. Von diesem Moment an, war es um mich geschehen. Ich wollte für mich dem Phänomen Dylan auf die Spur kommen. Darüber bin ich heute hinweg. Ich kaufe nach wie vor die Aufnahmen und freue mich, dass der Meister in Würde alt geworden ist. Privat ist Dylan wohl eher schwierig, aber ich muss ihn ja nicht ertragen. Mir reichen seine Musik und seine Filme.

Ich kann viele, sehr viele seiner Sachen auswendig. Ich habe viele Konzerte gesehen und habe alle regulären Alben zu Hause. Zudem Hunderte von Bootlegs, bei dem ich dieses Konzert mit jenem verglichen habe. Doch was ist die beste Dylan-Platte? Ich denke, die gibt es nicht. Es gibt wahnsinnig starke, starke und durchschnittliche. Ja, natürlich gibt es auch ein paar weniger gute (schlechte werde ich nicht sagen). Ich glaube, die Frage nach der besten Dylan-Scheibe ist falsch gestellt. Was ist der Dylan für welche Stimmung? Und hier hat Dylan viele Masken zu bieten: Protest, Liebeslied, Rock, Ballade, Lagerfeuer, Kirche, Highway, Spieler – im Moment bin ich in der Las Vegas-Stimmung von at Budokan, zeitweise aber auch bei den neuveröffentlichen Mono-Aufnahmen von Highway und Blonde on Blonde und – steinigt mich bitte – in die Born Again-Aufnahme des Toronto-Konzerts 1980. Nur die Weihnachtsplatte höre ich bei den sommerlichen Temperaturen derzeit nicht.

Früher habe ich viel Geld für Bootlegs des Song and Dance-Mans ausgegeben. Das hat auch ein Ende. So dann und wann erstehe ich noch eine Aufnahme. Aber ich suche noch die Zeppelinfeld-Aufnahme von 1978 als Dylan das erste Mal deutschen Boden betrat und der Jude Zimmerman auf dem ehemaligen Reichparteitagsgelände in Nürnberg spielte.

Die Dylan-Konzerte, die ich besuchte, waren ein Erlebnis. Mein erstes war mit Tom Petty und seinen Heartbreakern. Rock´n Roll pur, aber Dylan in einer persönlich schwierigen Phase. Dann ein Konzert im Zirkus Krone mit einem stark alkoholisierten Meister. Mit meiner Frau besuchte in ein zauberhaftes, völlig verregnetes Konzert in Bad Reichenhall bei dem Dylan Humor bewies. Gerade als ein Wolkenbruch einsetze, brach er ein Lied ab und stimmte Hard Rain an. Die Band musste schauen, wo sie bliebt, wenn Dylan schlagartig das Tempo, Tonart oder gar das komplette Lied wechselte. Aber die Begleitband hatte die Sache voll im Griff. Wie drückte es Dire Straits-Cheffe Mark Knopfler mal zur Aufnahme des religiösen Slow Train-Albums aus. „Spielen mit Dylan, ist wie Sprechen mit Gott!“ Wieder eine Mär mehr im großen Dylan-Kosmos. Das letzte Konzert, was ich live gesehen habe, war im Münchner Zenit, wo Dylan zeitweise nur sang und an die Las Vegas-Zeiten erinnerte.

Ich habe noch in Erinnerung, wie manches Konzert im TV verfolgte. Gut erinnere ich mich an den Punkauftritt in Fort Collins, der im BR ausgestrahlt wurde. Dann das Konzert zum 30. Bühnenjubiläum, bei dem Dylan wohl am liebsten gar nicht teilnahm. Aber sein Song to Woody kam vom Herzen. Cool waren die Sachen vor dem Papst oder das Konzert an der Chinesischen Mauer. Aber richtig Rock´n roll war wohl der Live Aid-Auftritt als das Trio horrible Richard, Wood und Dylan sturzbesoffen drei Songs systematisch verhackstückte, während die ganze Welt dabei live zusah. Madonna und andere Stars mussten sich wohl ihren Teil gedacht haben, was die alten Männer da treiben – geniale Performance. Durch YouTube und Amazon kam ich zu einer stattlichen Konzertsammlung, die hard to handle sind: Woodstock ’94, Newport, das Zeug mit den Dead und natürlich Last Waltz.

Oh Mann, es gibt so viel über Bob Dylan zu sagen und zu schreiben. Da muss ich wohl meine Gedanken und Gefühle noch zehn Jahre ordnen und zum 80. Geburtstag kommt dann man Resümee. Vielleicht erst mal so, wie Bruce Springsteen in seiner Laudatio bei der Rock´n Roll Hall of Fame: Danke Dylan für alles, du warst der Bruder, den ich niemals hatte. Vielen Dank für deine Musik, deine Masken, deine Inspiration und Kraft. Ich freu mich auf weitere Treffen mit dir auf deiner Never Ending Tour oder bei iTunes.