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Bei der Macht der Erinnerung: He-Man kehrt auf die große Leinwand zurück

5. Juni 2026

Der neue „Masters of the Universe“-Film ist vor allem dann am stärksten, wenn man ihn nicht als nüchterne Neuinterpretation eines alten Stoffes betrachtet, sondern als liebevolle Rückkehr in ein Kinderzimmer-Universum, das für viele Fans nie ganz verschwunden ist. Regisseur Travis Knight bringt He-Man, Skeletor, Teela, Man-At-Arms und die Welt von Eternia wieder als großes, buntes Kinoereignis auf die Leinwand. Ich habe den Film in meinem Lieblingskino Scala in Fürstenfeldbruck mit der Familie gesehen. Mein Sohn und ich waren begeistert, meine Frau schüttelte den Kopf.

In Deutschland ist der Film am 4. Juni 2026 gestartet, in den USA folgt der Kinostart am 5. Juni 2026; in den Hauptrollen sind unter anderem Nicholas Galitzine als Prince Adam/He-Man, Jared Leto als Skeletor, Camila Mendes als Teela, Idris Elba als Man-At-Arms und Alison Brie als Evil-Lyn zu sehen. 

Die große Stärke des Films liegt in seiner Haltung: Er weiß sehr genau, dass „Masters of the Universe“ nie nur klassische Fantasy war. Dieses Franchise war immer ein wilder Mix aus Rittermythos, Science-Fiction, Muskelhelden, Magie, Monstern, Laserwaffen, Totenkopf-Ikonografie und Spielzeugregal-Fantasie. Genau darin liegt der Reiz. Wer als Kind die Zeichentrickserie gesehen, die Comics gelesen oder vor allem die Actionfiguren gesammelt hat, erinnert sich nicht nur an Geschichten, sondern an ein ganzes Gefühl: an Castle Grayskull im Kinderzimmer, an Battle Cat, an Skeletors höhnisches Grinsen, an Figuren mit übergroßen Waffen und an die Vorstellung, dass ein einziger Satz — „Bei der Macht von Grayskull!“ — aus einem jungen Prinzen den mächtigsten Mann des Universums machen kann. Der neue Film nimmt diese Nostalgie ernst, ohne sie museal einzufrieren. Er spielt mit ihr, er überhöht sie, und er erlaubt sich zugleich, die Absurdität dieses Kosmos mit Humor anzunehmen.
Und es gibt natürlich einen erwarteten Camo-Auftritt. Im Fitnessstudio wird Adam (Nicholas Galitzine) von einem Mann ermahnt, weil er ihm im Weg – oder besser gesagt: an seinem Platz – stehe. Anschließend gibt ihm der durchtrainierte Unbekannte noch einen guten Rat mit auf den Weg. Und eben dieser Mann wird gespielt von Dolph Lundgren, dem He-Man-Darsteller aus der ersten Realverfilmung von „Masters of the Universe“ aus dem Jahr 1987. Das Kino-Publikum lachte.

Gerade im Vergleich zur ersten Realverfilmung von 1987 wird deutlich, wie sehr sich die Möglichkeiten des Fantasy-Kinos verändert haben. Der alte Film mit Dolph Lundgren als He-Man und Frank Langella als Skeletor hatte unbestreitbar seinen eigenen Charme, litt aber sichtbar unter den Begrenzungen seiner Zeit. Statt Eternia wirklich groß auszubreiten, verlagerte die Handlung große Teile auf die Erde; vieles wirkte aus heutiger Sicht eher wie ein improvisierter Mix aus Endzeitkulisse, 80er-Jahre-Science-Fiction und B-Movie-Fantasy. Trotzdem hat gerade diese Version bei Fans Kultstatus erreicht. Langellas Skeletor war theatralisch, bedrohlich und erstaunlich präsent, Lundgren brachte die körperliche Ikone mit, und die Atmosphäre hatte trotz aller Schwächen etwas Eigenwilliges. Der Film von 1987 war vielleicht keine perfekte Umsetzung der Vorlage, aber er war für viele Kinder der erste Moment, in dem die Plastikfiguren aus dem Regal plötzlich „wirklich“ wurden.

Der neue Film hat es deshalb leichter und schwerer zugleich. Leichter, weil moderne Technik endlich erlaubt, Eternia so opulent, farbenprächtig und überlebensgroß darzustellen, wie es die Fantasie der Fans schon immer getan hat. Schwerer, weil die Erwartungen inzwischen viel höher sind. Wer mit den Figuren aufgewachsen ist, bringt nicht nur Nostalgie mit ins Kino, sondern auch Besitzansprüche: He-Man muss heroisch sein, aber nicht lächerlich; Skeletor muss böse sein, aber nicht eindimensional; Teela darf nicht bloß Begleitfigur sein; und Castle Grayskull muss sich nach Mythos anfühlen, nicht nach beliebiger Fantasy-Kulisse. Der neue Film scheint diese Fan-Erwartung bewusst zu kennen. Er will nicht bloß ein altes Produkt verwerten, sondern eine emotionale Brücke schlagen zwischen den Kindern von damals und einem heutigen Publikum, das Superhelden, Fantasy-Franchises und ironische Popkultur längst gewohnt ist.
Es sind die kleinen Lacher, die den Film sympathisch machen: Der erste unfreiwillige Comedy-Moment geht an Skeletor. Der selbsternannte Schrecken von Eternia hält eine hochdramatische Rede über seine finsteren Pläne und setzt zum krönenden Abschluss das obligatorische manische Bösewicht-Lachen obendrauf – vermutlich direkt aus dem Standardwerk „Schurke werden leicht gemacht“. Je länger er lacht, desto mehr sehen seine Handlanger allerdings aus, als würden sie innerlich kündigen und sich fragen, ob es noch zu spät ist, zu He-Man überzulaufen. Als auf das große Finale seiner Showeinlage niemand reagiert, ist He-Mans Knochengesicht-Erzrivale hörbar beleidigt und versucht umständlich zu erklären, welche überwältigende Wirkung sein Auftritt doch eigentlich haben sollte – was die Szene endgültig zur Slapstick-Nummer macht.

Nicholas Galitzine ist dabei eine interessante Wahl für He-Man, weil er nicht einfach nur als muskelbepackte Lundgren-Kopie angelegt ist. Natürlich gehört die körperliche Verwandlung zur Rolle — Galitzine berichtete selbst von einem extremen Training und einer massiven Gewichtszunahme für die Figur.  Aber entscheidender ist, dass diese Version von Prince Adam stärker als Figur mit einem Weg erzählt wird. He-Man ist nicht nur das fertige Symbol von Stärke, sondern jemand, der erst in seine Bestimmung hineinfinden muss. Das passt zu einer modernen Lesart, ohne den Kern der alten Figur zu verraten. Denn auch in der Zeichentrickserie war He-Man letztlich nie nur Muskelkraft. Die Figur stand für Verantwortung, Mut, Schutz der Schwächeren und eine sehr klare, fast kindlich reine Vorstellung von Gut und Böse.

Gerade diese Klarheit ist heute fast schon wieder erfrischend. Viele moderne Blockbuster versuchen, ihre Helden möglichst gebrochen, zynisch oder moralisch ambivalent zu machen. „Masters of the Universe“ darf dagegen wieder an das große, einfache Abenteuer glauben. Das ist nicht naiv, sondern konsequent. He-Man war nie als düsterer Antiheld gedacht. Er ist eine Projektionsfläche für Stärke ohne Grausamkeit, Macht ohne Missbrauch und Heldentum ohne Ironiepanzer. Wenn der neue Film diese Haltung mit einem Augenzwinkern versieht, funktioniert er am besten: Er lacht nicht über die Vorlage, sondern mit ihr.

Besonders spannend ist auch der Umgang mit Skeletor. Die Figur ist seit jeher eine der großen Popkultur-Schurkenmasken der 80er-Jahre: halb Dämon, halb Zauberer, halb Comic-Bösewicht — und natürlich mathematisch unmöglich, weil er aus zu vielen Hälften besteht. Genau das macht ihn so reizvoll. Jared Leto tritt hier in große Fußstapfen, denn Frank Langellas Skeletor aus dem 1987er-Film ist für viele Fans bis heute der heimliche Höhepunkt dieser alten Realverfilmung. Der neue Skeletor muss also nicht nur bedrohlich wirken, sondern auch diese herrlich überlebensgroße Theatralik bedienen, die zu „Masters of the Universe“ gehört. Wenn der Film Skeletor als selbstbewussten, leicht überdrehten, aber ernstzunehmenden Gegenspieler inszeniert, trifft er einen wichtigen Nerv: Dieser Schurke darf nicht realistisch sein. Er muss aussehen und klingen, als käme er direkt aus einem Albtraum, einem Comicpanel und einer Spielzeugverpackung zugleich.

Die Nostalgie der Fans ist dabei mehr als bloße Erinnerung. Viele, die heute ins Kino gehen, haben damals nicht nur eine Serie geschaut. Sie haben eine Welt gesammelt. Jede Figur hatte eine eigene Form, eine Funktion, ein Gimmick, einen Geruch von Kunststoff, eine Mini-Biografie auf der Verpackung. Die Comics, die oft den Figuren beilagen, öffneten kleine Fenster in einen größeren Mythos. Die Zeichentrickserie machte daraus ein ritualisiertes Nachmittagsabenteuer. Für eine ganze Generation war „Masters of the Universe“ weniger eine lineare Geschichte als ein Baukasten der Fantasie. Man konnte die Abenteuer selbst weitererzählen, Figuren gegeneinander antreten lassen, Allianzen erfinden und Eternia auf dem Teppichboden neu erschaffen. Ein neuer Film muss deshalb nicht nur eine Handlung erzählen, sondern dieses alte Gefühl von Möglichkeit zurückbringen.

Genau hier liegt der wohlwollendste Blick auf den aktuellen Film: Er ist dann gelungen, wenn er die Fans nicht nur an früher erinnert, sondern ihnen erlaubt, für zwei Stunden wieder zu fühlen, warum sie dieses Universum überhaupt geliebt haben. Nicht alles an „Masters of the Universe“ muss elegant, subtil oder psychologisch ausgefeilt sein. Manches darf groß, bunt, albern und pathetisch sein. Der Satz „Bei der Macht von Grayskull“ funktioniert nicht, wenn man sich für ihn schämt. Er funktioniert nur, wenn der Film den Mut hat, ihn mit voller Brust auszusprechen.

Natürlich kann man einem solchen Film leicht vorwerfen, dass er letztlich auch ein Stück Markenpflege ist. He-Man war immer eng mit Spielzeug, Vermarktung und Popkulturindustrie verbunden. Aber gerade bei diesem Franchise wäre es fast unehrlich, so zu tun, als ließe sich Kunst und Kommerz sauber trennen. Die Figuren waren Spielzeuge, bevor sie für viele zu Helden wurden. Die Serie war Werbung, aber sie war eben auch Mythologie im Kinderzimmerformat. Der neue Film bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld. Er verkauft Nostalgie, ja — aber im besten Fall schenkt er ihr auch etwas zurück: Größe, Bildgewalt, Musik, Tempo und eine neue Bühne.

Im Vergleich zur Realverfilmung von 1987 wirkt der neue „Masters of the Universe“ deshalb wie eine späte Wiedergutmachung und zugleich wie ein respektvoller Nachfolger. Der alte Film bleibt ein kurioses Kultstück seiner Zeit, mit Ecken, Schwächen und einer ganz eigenen Faszination. Der neue Film darf nun endlich stärker das liefern, was sich viele Fans damals schon gewünscht hatten: mehr Eternia, mehr Mythos, mehr Figuren, mehr visuelle Opulenz und ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass He-Man nicht nur eine Muskelpose ist, sondern ein Symbol. Kein kompliziertes Symbol, aber ein wirksames.

So betrachtet ist „Masters of the Universe“ vor allem ein Film für Menschen, die sich noch daran erinnern, wie es war, eine Actionfigur in die Hand zu nehmen und sofort eine ganze Welt vor Augen zu haben. Er spricht die Kinder von damals an, ohne die Erwachsenen von heute völlig auszublenden. Er lebt von Nostalgie, aber er muss sich nicht allein auf sie verlassen. Wenn man bereit ist, sich auf Pathos, Farbe, Fantasy und ein bisschen 80er-Jahre-Wahnsinn einzulassen, dann ist dieser neue He-Man-Film ein sympathisches, liebevoll gemachtes Abenteuerkino — nicht unbedingt, weil es das Rad neu erfindet, sondern weil es versteht, warum dieses Rad für so viele Fans überhaupt einmal geglänzt hat.
Ein Wort noch zum empfehlenswerten Score. Der Score des neuen „Masters of the Universe“ tritt sehr präsent in den Vordergrund und hilft entscheidend dabei, den Ton des Films zu setzen. Komponist Daniel Pemberton, der schon mit modernen, rhythmusbetonten Soundtracks aufgefallen ist, kombiniert hier ein kraftvolles Orchester mit elektronischen Elementen und deutlichen Retro‑Vibes, die an die 80er‑Herkunft des Stoffes erinnern. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Mitarbeit von Brian May, dessen markante Gitarrenparts einigen Stücken eine fast rockige, Queen‑eske Wucht geben. Besonders einprägsam ist ein zentrales „Eternia“-Thema, das in einer eher chorlastigen Filmscore‑Version und in einer Endcredit‑Variante mit Gitarrenaufbau existiert und sich zu einem bombastischen Sci‑Fi‑Fantasy‑Track steigert. Insgesamt vermittelt die Musik eine bunte, energetische Science‑Fantasy‑Atmosphäre, die stilistisch in Richtung eines verspielten, aber sehr epischen Blockbuster‑Scores geht und dem Film ein klares eigenes Profil verleiht.

Meine Vinyl-Käufe im März

31. März 2026

Ich kaufe kaum noch CD, aber dafür mehr Vinyl für meine drei Braun-Player und der März hat wieder einiges auf Vinyl gebracht. Hier die Einkäufe.

The Rainbow Concert von Eric Clapton
Ich habe Konzertkarten für dieses Jahr und höre mir die alten Scheiben an, „Eric Clapton’s Rainbow Concert“ ist weniger ein makellos gespieltes Livealbum als ein dokumentierter Wendepunkt – und genau darin liegt seine Faszination. Aufgenommen im Januar 1973 im Londoner Rainbow Theatre, markiert das Konzert Claptons Rückkehr aus einer jahrelangen, heroingeschuldeten Versenkung; sein Freund Pete Townshend stellte ihm dafür eine All-Star-Band zur Seite, von Steve Winwood bis Ronnie Wood. Man hört dem Material diese Ausnahmesituation deutlich an: Die Band klingt stellenweise ad hoc und überladen, der Groove ist nicht immer straff, manche Nummer wirkt eher schleppend als präzise – Kritiker sprechen zu Recht von „sloppy“ Momenten und einer gewissen Schwere durch „zu viele Köche“.


Gleichzeitig hat das Album eine emotionale Spannung, die vielen technisch besseren Clapton-Liveplatten fehlt: In Stücken wie „Layla“, „Little Wing“ oder „Presence of the Lord“ mischen sich Unsicherheit, Melancholie und eruptive Energie zu einem eigenwilligen, dunklen Rock-Tonfall, den der „Rolling Stone“ einmal als „gigantischen Schwermut“ beschrieben hat. „Rainbow Concert“ eignet sich daher weniger als Einstiegsalbum in Claptons Werk, ist aber als historisches Dokument und als Momentaufnahme eines Künstlers am Rand und auf dem Weg zurück höchst hörenswert – gerade weil die Brüche nicht geglättet werden, sondern im Sound offen zutage treten.

Frankenstein von Alexandre Desplat
Alexandre Desplats Soundtrack zu Frankenstein ist keine laute Horrormusik, sondern ein erstaunlich elegisches, oft fast melancholisches Album. Desplat schrieb die Musik für Guillermo del Toros Netflix-Film, der am 7. November 2025 erschien; schon im Vorfeld hatte er angekündigt, eher auf Lyrik, Emotion und die Verletzlichkeit der Kreatur als auf bloße Schockeffekte zu setzen. Genau das hört man dieser Partitur an:

Statt billiger Dramatik entfaltet sie einen langen, düsteren Sog, der Trauer, Sehnsucht und Größe miteinander verbindet. Besonders stark ist, wie die Musik die tragische Seite der Geschichte betont und dem Monster mehr Menschlichkeit verleiht als viele Dialoge. Manchmal ist der Score in seiner Laufzeit sehr ausufernd, doch gerade in seinen besten Momenten wirkt er wie ein dunkles, romantisches Gegenstück zu Desplats feineren Arbeiten der vergangenen Jahre. Ein atmosphärisch dichter, kluger und emotional überraschender Soundtrack, der Frankenstein nicht als Schauerstück, sondern als Tragödie begreift.

King of the Delta Blues Singers von Robert Johnson

„King of the Delta Blues Singers“ ist mehr als nur ein Blues-Album – es ist ein musikalisches Gründungsdokument. Die 1961 veröffentlichte Zusammenstellung machte Robert Johnson, der zu Lebzeiten kaum über den Kreis von Blueskennern hinaus bekannt war, posthum zu einer Legende. Und obwohl die Aufnahmen aus den Jahren 1936 und 1937 stammen, besitzen sie bis heute eine verstörende Unmittelbarkeit.

Was dieses Album so besonders macht, ist zunächst Johnsons Fähigkeit, mit wenigen Mitteln eine ungeheure Intensität zu erzeugen. Seine Gitarre klingt nie bloß begleitend, sondern wie ein zweiter Erzähler: treibend, klagend, nervös, manchmal fast gespenstisch. Dazu kommt seine Stimme, die nicht geschniegelt oder schön sein will, sondern rau, drängend und voller innerer Spannung wirkt. Johnson singt nicht einfach den Blues – er verkörpert ihn.
Stücke wie „Cross Road Blues“, „Hellhound on My Trail“ oder „Love in Vain“ bündeln alles, was den Mythos Robert Johnson ausmacht: die Erfahrung von Verlust, Rastlosigkeit, Begehren, Angst und Verlorenheit. Seine Songs wirken oft wie Momentaufnahmen eines Lebens am Rand, voll dunkler Vorahnung und existenzieller Unruhe. Gerade darin liegt ihre enorme Kraft. Hier wird nichts ausgestellt oder romantisiert; diese Musik klingt, als sei sie direkt aus einer inneren Not heraus entstanden.
Natürlich muss man hören, dass es sich nicht um ein modernes Studioalbum handelt. Die Klangqualität ist spröde, teils kratzig, die Aufnahmen sind technisch begrenzt. Doch das ist kein Makel, sondern Teil der Wirkung. Die rohe Aufnahmeweise verstärkt die Direktheit dieser Musik sogar noch. Wer sich darauf einlässt, hört schnell nicht mehr die historische Distanz, sondern nur noch Ausdruck, Rhythmus und emotionale Wucht.
Beeindruckend ist auch, wie stark dieses Album nachgewirkt hat. Ganze Generationen von Rock- und Bluesmusikern haben hier eine Art Urtext entdeckt. Trotzdem lebt „King of the Delta Blues Singers“ nicht nur von seinem Einfluss oder seinem Ruf, sondern vor allem von der Qualität der Songs selbst. Diese Lieder stehen nicht unter Denkmalschutz – sie leben.

„Neu!“ von Neu!
Mit „Neu!“ veröffentlichte das Düsseldorfer Duo Michael Rother und Klaus Dinger 1972 ein Debütalbum, das bis heute wie ein Gegenentwurf zur herkömmlichen Rockmusik wirkt. Während viele Bands ihrer Zeit auf Virtuosität, Bombast oder psychedelische Überladung setzten, suchten Neu! nach Reduktion, Wiederholung und hypnotischer Wirkung. Genau daraus bezieht dieses Album seine eigentümliche Größe.


Schon der eröffnende Longtrack „Hallogallo“ ist legendär: ein stoischer, fließender Beat, dazu schimmernde Gitarren und eine Atmosphäre, die zugleich kühl, frei und fast schwerelos wirkt. Der berühmte „Motorik“-Rhythmus, für den Neu! später berühmt wurde, treibt den Song nicht einfach nur voran – er erzeugt einen Sog. Man hört kein klassisches Rockstück, sondern eher eine Bewegung, ein endloses Fahren, ein Schweben nach vorn. Das ist Musik, die weniger erzählt als einen Zustand erzeugt.
Überhaupt ist „Neu!“ kein Album, das mit traditionellen Songstrukturen beeindrucken will. Viele Stücke wirken wie Skizzen, Versuche oder Klangideen, doch genau das macht seinen Reiz aus. „Sonderangebot“, „Weissensee“ oder „Im Glück“ zeigen, wie stark Neu! mit Stimmung arbeiten: mal verspielt und entrückt, mal spröde und fast mechanisch, dann wieder überraschend zart. Besonders faszinierend ist dabei die Spannung zwischen Mensch und Maschine – einerseits wirkt vieles kontrolliert, repetitiv und fast industriell, andererseits steckt in diesen Aufnahmen etwas Improvisiertes, Rohes und sehr Körperliches.
Nicht jedes Stück entfaltet dieselbe Kraft. Manche Passagen klingen fragmentarisch oder bewusst unfertig, was Hörerinnen und Hörer, die klare Melodien oder klassische Dramaturgie erwarten, auf Distanz halten kann. Doch gerade diese Offenheit gehört zum Konzept. Neu! wollten keine gefällige Platte machen, sondern einen neuen musikalischen Raum öffnen. Das gelingt ihnen eindrucksvoll.
Der größte Verdienst von „Neu!“ liegt vielleicht darin, wie modern dieses Album noch immer klingt. Zahlreiche spätere Strömungen – von Post-Punk über Ambient bis Indie und Elektronik – haben hier hörbar Anleihen genommen. Dennoch wirkt die Platte nicht wie ein bloßes historisches Dokument, sondern lebendig, frisch und eigensinnig.

The B-52s – die Kollektion
Die B-52s sind weit mehr als nur eine schrille Popband der späten 70er- und 80er-Jahre. Sie stehen für einen ganz eigenen Sound, für Mut zur Exzentrik und für die Kunst, aus Spaß, Stil und Anderssein etwas Dauerhaftes zu machen. Während viele Gruppen ihrer Zeit klar einem Genre zuzuordnen waren, schufen die B-52s eine unverwechselbare Mischung aus New Wave, Surf, Punk, Dance und Pop. Ihre Musik klang verspielt, futuristisch und zugleich herrlich schräg — und gerade darin lag ihre Stärke.
Mit Songs wie „Rock Lobster“, „Private Idaho“, „Love Shack“ oder „Roam“ bewies die Band, dass Pop nicht geschniegelt und glatt sein muss, um erfolgreich zu sein. Die B-52s machten das Abseitige tanzbar und das Skurrile massentauglich. Ihr Markenzeichen waren nicht nur eingängige Melodien, sondern auch die theatralischen Stimmen, der trockene Humor und eine Ästhetik, die mit Camp, Retro-Charme und bewusstem Übermaß spielte.
Zugleich waren die B-52s kulturell bedeutend, weil sie früh einen Raum eröffneten für Individualität, queere Ausdrucksformen und künstlerische Freiheit, ohne daraus je ein starres Programm zu machen. Sie wirkten leichtfüßig, aber nie belanglos. Hinter der bunten Oberfläche steckte eine Haltung: Man darf anders sein, laut sein, verspielt sein — und genau darin liegt oft die größte kreative Kraft.
Dass die Band trotz persönlicher Verluste, insbesondere nach dem Tod von Gitarrist Ricky Wilson, weiter Bestand hatte, verleiht ihrer Geschichte zusätzliche Tiefe. Die B-52s blieben nicht bloß eine stilvolle Kuriosität, sondern wurden zu einer der prägenden Popformationen ihrer Zeit. Ihr Werk erinnert daran, dass Musik nicht nur Gefühle ausdrücken, sondern auch Räume öffnen kann — für Freude, Freiheit und Fantasie.

Nina Simone at Town Hall von Nina Simone
Mit Nina Simone at Town Hall (1959) festigt Nina Simone ihren Ruf als außergewöhnliche Grenzgängerin zwischen Jazz, Klassik, Folk und Blues. Das Live-Album, aufgenommen in der Town Hall in New York, zeigt sie auf dem frühen Höhepunkt ihrer Karriere – selbstbewusst, technisch brillant und emotional kompromisslos.

Besonders eindrucksvoll ist „Black Is the Color of My True Love’s Hair“: Simone verwandelt das schlichte Traditional in ein dramatisches Kunstlied, getragen von ihrem klassisch geschulten Klavierspiel. Auch „The Other Woman“ besticht durch kühle Intensität und erzählerische Tiefe. Ihre Stimme wirkt nie gefällig, sondern stets wahrhaftig – rau, dunkel, kontrolliert.

Die Live-Atmosphäre bleibt dabei erstaunlich intim. Man hört keine effekthascherische Show, sondern eine Künstlerin, die ganz in ihren Interpretationen aufgeht. Nina Simone at Town Hall ist weniger ein Konzertmitschnitt als ein künstlerisches Statement: konzentriert, ernsthaft und von zeitloser Eleganz.

Søren Bebe Trio – Gratitude
Das neunte Studioalbum des Søren Bebe Trios, Gratitude, erschienen im Januar 2026, ist eine meisterhafte Hommage an die nordische Jazztradition – lyrisch, atmosphärisch und von tiefer Dankbarkeit gegenüber Musik und Stille geprägt. Das Trio aus Pianist Søren Bebe, Bassist Kasper Tagel und Drummer Knut Finsrud, seit 2007 ein eingespieltes Gespann, destilliert hier seine Essenz in neun Tracks mit einer Gesamtlänge von rund 39 Minuten.


Gratitude atmet die klare, unhurried Nordic-Jazz-Ästhetik, die an ECM-Klassiker und Ensembles wie das Tord Gustavsen Trio erinnert: besonnene Melodien, viel Raum für Atempausen und eine Balance aus Intimität und Tiefe. Die Musik ist kitschfrei, spirituell ohne Religiöses, geprägt von fein ziselierten Klangforschungen, bei denen Anschwellen und Verklingen ebenso zählen wie der Ton selbst – ein warmer Impetus gegen winterliche Kälte. Kritiker loben die telepathische Empathie der Musiker und die pristine Produktion von August Wanngren.

Leave Home von The Ramones
Leave Home (1977) zeigt die Band auf dem Höhepunkt ihrer frühen Explosivität: schneller, schärfer und noch kompromissloser als das Debüt. Die Songs sind kurz, laut und direkt, getragen von knochentrockenen Gitarrenriffs, simplen Schlagzeugbeats und der unverwechselbaren Stimme von Joey Ramone. Klassiker wie Pinhead oder „Gimme Gimme Shock Treatment“ verbinden eingängige Hooks mit rotziger Attitüde und machen das Album zu einem Paradebeispiel für die rohe Essenz des frühen Punk. Trotz minimaler musikalischer Mittel besitzt die Platte eine mitreißende Energie, die bis heute frisch und rebellisch klingt.