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Mödlareuth – wo eine Mauer Familien trennte und Geschichte bis heute unter die Haut geht

25. August 2026

Mödlareuth ist ein kleines Dorf, dessen Geschichte wie kaum eine andere die deutsche Teilung im Kleinen sichtbar macht. Häufig wird der Ort als „Klein-Berlin“ bezeichnet. Doch dieser Vergleich greift eigentlich zu kurz. Denn während Berlin erst infolge des Zweiten Weltkriegs und schließlich durch den Mauerbau geteilt wurde, verlief durch Mödlareuth bereits seit Jahrhunderten eine Grenze. Lange bevor es Bundesrepublik und DDR gab, bevor Deutschland überhaupt ein Nationalstaat war, gehörten die beiden Seiten des Dorfes unterschiedlichen Herrschaftsgebieten an. Im Rahmen eines Seminars zum Mauerbau besuchte ich mit meinen Seminarteilnehmern das Deutsch-deutsche Museum und sah mir die Grenzanlagen an.

Historische Grenze
Die historische Grenze geht bis in die frühe Neuzeit zurück. Im 16. Jahrhundert wurde sie zwischen verschiedenen deutschen Territorien festgelegt. Auf der einen Seite lag fränkisches Herrschaftsgebiet, auf der anderen das Gebiet des Hauses Reuß. Um den Grenzverlauf möglichst eindeutig festzulegen, orientierte man sich nicht allein an Grenzsteinen, die versetzt werden konnten, sondern an natürlichen oder dauerhaft vorhandenen Gegebenheiten. In Mödlareuth spielte dabei der Tannbach eine entscheidende Rolle. Auch ein alter Handelsweg diente der Orientierung. Von einer Teilung des Dorfes im späteren politischen Sinne konnte damals allerdings keine Rede sein. Die Grenze trennte Herrschafts- und Verwaltungsgebiete, aber keine Gesellschaften oder politischen Systeme.

Mit dem Wachstum Mödlareuths entwickelte sich auf beiden Seiten des Tannbachs eine Dorfgemeinschaft. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten beispielsweise auf der thüringischen Seite bereits rund 50 Menschen. Die politische Grenze hatte dennoch konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben. Sie war eine Zollgrenze, und Waren, die von einem Territorium ins andere gebracht wurden, konnten mit erheblichen Abgaben belastet werden. Auch Handwerker konnten nicht ohne Weiteres auf der jeweils anderen Seite arbeiten. Selbst eine Heirat über die Grenze hinweg konnte teuer werden, weil beim Wechsel des Herrschaftsgebietes Abgaben fällig wurden.

Gleichzeitig zeigte sich aber, wie wenig politische Grenzen gewachsene soziale Verbindungen vollständig trennen können. Besonders deutlich wurde dies im kirchlichen Leben. Die Bewohner beider Dorfteile gehörten lange Zeit derselben Kirchengemeinde an. Am Sonntag verlor die politische Grenze damit einen Teil ihrer Bedeutung. Die Menschen gingen gemeinsam zur Kirche, waren miteinander verwandt, arbeiteten miteinander und sprachen denselben regionalen Dialekt. Mödlareuth war politisch geteilt, gesellschaftlich aber ein Dorf.

Im 19. Jahrhundert verlor die alte Grenze zunehmend an Bedeutung. Mit der wirtschaftlichen Annäherung der deutschen Staaten und schließlich der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde aus der früheren Staatsgrenze eine Landesgrenze innerhalb eines gemeinsamen deutschen Staates. Im Alltag spielte sie immer weniger eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchien verstärkte sich diese Entwicklung. Während der Weimarer Republik konnten die Bewohner die Grenze praktisch problemlos überschreiten. Mödlareuth entwickelte sich wie viele andere kleine Orte: Landwirtschaft, Schule, Feuerwehr, Wirtshaus und gemeinschaftliches Leben prägten das Dorf. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass der Tannbach eines Tages zu einer nahezu unüberwindbaren politischen Grenze werden würde.

Kalter Krieg
Diese Situation änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend. Nach dem 8. Mai 1945 wurde Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Grenzen dieser Zonen orientierten sich teilweise an den historischen Landesgrenzen. Damit erhielt die jahrhundertealte Grenze zwischen Bayern und Thüringen plötzlich weltpolitische Bedeutung. Der bayerische Teil Mödlareuths lag in der amerikanischen, der thüringische Teil in der sowjetischen Besatzungszone.

Dabei kam es zunächst sogar zu einer bemerkenswerten Kuriosität. Aufgrund ungenauen Kartenmaterials wurde auch ein kleiner Teil des bayerischen Mödlareuth zeitweise von sowjetischen Truppen besetzt. Erst nachdem der Irrtum erkannt worden war, zogen sich die sowjetischen Einheiten zurück. Damit war die alte Landesgrenze wiederhergestellt – nun allerdings als Grenze zwischen zwei Besatzungssystemen.

In den ersten Nachkriegsjahren blieb das Dorfleben dennoch erstaunlich eng miteinander verbunden. Die Menschen konnten die Grenze zunächst noch überschreiten. Familien besaßen Felder und Grundstücke auf der jeweils anderen Seite. Bauern gingen mit ihren Tieren und Geräten über den Tannbach, um ihre Flächen zu bewirtschaften. Schule, Feuerwehr und andere Einrichtungen wurden teilweise weiterhin gemeinsam genutzt. Die politische Großwetterlage war zwar spürbar, hatte das alltägliche Zusammenleben aber noch nicht vollständig zerstört.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1949 wurde aus der Besatzungszonengrenze schließlich eine Grenze zwischen zwei deutschen Staaten. Die entscheidende Zäsur für Mödlareuth kam jedoch 1952. Angesichts der zunehmenden Fluchtbewegung aus der DDR begann die SED-Führung, die innerdeutsche Grenze systematisch abzuriegeln.

Trennungslinie
Damit wurde aus der historischen Grenze durch Mödlareuth eine tatsächliche Trennungslinie. Die DDR richtete entlang der innerdeutschen Grenze ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet ein. Innerhalb dieses Gebietes galten besondere Aufenthalts- und Kontrollbestimmungen. Bewohner benötigten entsprechende Einträge in ihren Ausweisdokumenten. Wer von außerhalb Verwandte im Grenzgebiet besuchen wollte, musste eine Genehmigung beantragen. Selbst Familienbesuche wurden damit zu staatlich kontrollierten Vorgängen.

Für Mödlareuth bedeutete das einen dramatischen Einschnitt. Menschen, die wenige Meter oder wenige hundert Meter voneinander entfernt wohnten und miteinander verwandt waren, konnten plötzlich nicht mehr selbstverständlich miteinander sprechen oder sich besuchen. Kontaktaufnahmen über die Grenze hinweg waren untersagt. Selbst Winken und Zurufen konnten verboten sein. Familien wurden auseinandergerissen, obwohl ihre Häuser teilweise nur einen Steinwurf voneinander entfernt standen.

Grenzbefestigungen
1952 entstand zunächst ein Bretterzaun entlang der Grenze. Damit erlebte Mödlareuth bereits neun Jahre vor Berlin eine sichtbare Abriegelung. Als am 13. August 1961 in Berlin mit dem Bau der Mauer begonnen wurde, kannten die Menschen in Mödlareuth die physische Teilung ihres Lebensraumes längst. Deshalb ist der häufig verwendete Begriff „Klein-Berlin“ zwar verständlich, historisch aber nur bedingt passend: Mödlareuth war früher geteilt und früher mit Grenzanlagen versehen worden.

Nach dem Berliner Mauerbau wurde auch die innerdeutsche Grenze weiter ausgebaut. Ab 1962 entstanden umfangreiche Sperranlagen mit Zäunen, Kontrollstreifen, Wachtürmen und Minenfeldern. Entlang der gesamten innerdeutschen Grenze setzte die DDR Hunderttausende Landminen ein. Sie sollten Fluchtversuche verhindern und konnten Menschen schwer verletzen oder töten. Für die Bewohner der Grenzregion wurde die staatliche Gewalt damit permanent sichtbar.

Auch Mödlareuth wurde immer stärker befestigt. Unterschiedliche Zaunsysteme folgten aufeinander, bis 1966 schließlich eine massive Betonmauer errichtet wurde. Sie war mehrere Meter hoch und mit einer abgerundeten Auflage versehen, die ein Überklettern erschweren sollte. Damit verlief mitten durch das kleine Dorf eine Mauer, die Familien, Nachbarn und Freunde voneinander trennte.

Republikflucht
Dennoch gelang eine spektakuläre Flucht. Ein Berufskraftfahrer, der aufgrund seiner Tätigkeit mit den örtlichen Verhältnissen und den Grenzposten vertraut war, konstruierte eine kleine Leiter, die er unter beziehungsweise an seinem Dienstfahrzeug verbergen konnte. Nachts fuhr er an die Mauer, stieg über sein Fahrzeug auf die Leiter und überwand die Sperranlage erfolgreich. Die DDR-Behörden reagierten darauf mit einer weiteren Verschärfung der Sicherungsmaßnahmen. Zusätzliche Zäune wurden errichtet, das Gelände stärker beleuchtet, die Truppenpräsenz erhöht und ein neuer Beobachtungsturm gebaut. Um freie Sicht auf das Grenzgebiet zu erhalten, wurden sogar Gebäude abgerissen.

Gerade daran zeigt sich die besondere Brutalität des Grenzregimes. Menschen, die die DDR verlassen wollten, galten aus Sicht der Staatsführung nicht einfach als Auswanderer oder Flüchtlinge. Ihre Flucht wurde kriminalisiert. Der Staat setzte erhebliche personelle, technische und finanzielle Mittel ein, um seine Bürger am Verlassen des Landes zu hindern.

Für die Bewohner Mödlareuths war diese Politik besonders schmerzhaft, weil nahezu jede Familie verwandtschaftliche Beziehungen auf die andere Seite hatte. Brüder, Schwestern, Eltern, Kinder und Großeltern lebten manchmal nur wenige hundert Meter voneinander entfernt und konnten sich dennoch jahrelang nicht besuchen. Sie konnten die Häuser der anderen sehen, Rauch aus den Schornsteinen beobachten oder das Leben auf der anderen Seite erahnen – und waren doch durch eine Staatsgrenze und ein militärisch gesichertes Sperrsystem getrennt.

Später wurden die Reiseregelungen für DDR-Rentner etwas gelockert. Damit waren gelegentliche Besuche im Westen möglich. Doch selbst für eine Strecke, die im Dorf nur wenige hundert Meter betrug, konnte eine Reise über offizielle Grenzübergänge mehrere Stunden dauern. Man musste das Grenzgebiet verlassen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem zugelassenen Übergang fahren, umfangreiche Kontrollen über sich ergehen lassen und anschließend auf westdeutscher Seite wieder zurück nach Mödlareuth gelangen. Die Absurdität der deutschen Teilung wurde hier besonders deutlich: Sichtweite konnte politisch zu einer Entfernung von vielen Stunden werden.

Minenfrei
In den 1980er Jahren begann die DDR mit der Räumung der Minen an der innerdeutschen Grenze. Bis Mitte des Jahrzehnts galt die Grenze offiziell weitgehend als minenfrei, auch wenn nicht sämtliche Sprengkörper gefunden werden konnten. Die übrigen Sperranlagen blieben jedoch bestehen. Noch immer trennten Zäune, Mauern, Kontrollstreifen und Wachtürme die beiden Teile Mödlareuths.

Wiedervereinigung
Dann kam das Jahr 1989. Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der innerdeutschen Grenze verlor auch die Mauer von Mödlareuth ihre Funktion. Was über Jahrzehnte streng verboten gewesen war, wurde plötzlich wieder möglich: Nachbarn konnten aufeinander zugehen, Familien konnten sich treffen und die wenigen Meter überwinden, die politisch zuvor fast unüberwindbar gewesen waren. Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete die staatliche Teilung.

Verwaltungstechnisch ist Mödlareuth allerdings bis heute geteilt. Ein Teil gehört zum Freistaat Bayern, der andere zum Freistaat Thüringen. Dadurch gibt es beispielsweise unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und kommunale Zuständigkeiten. Niemand im Dorf empfindet dies jedoch als Problem. Im Gegenteil: Die Besonderheit gehört inzwischen zur Identität Mödlareuths.

Heute ist ein Teil der ehemaligen Grenzanlagen erhalten geblieben. Mödlareuth ist dadurch zu einem außergewöhnlichen Erinnerungsort der deutschen Geschichte geworden. Mauerreste, Wachturm, Grenzzaun und weitere Anlagen machen sichtbar, was abstrakte Begriffe wie „deutsche Teilung“, „innerdeutsche Grenze“ oder „Eiserner Vorhang“ für die Menschen konkret bedeuteten.

Gerade die lange Geschichte Mödlareuths macht den Ort so faszinierend. Die Grenze selbst war nicht das eigentliche Problem. Sie existierte bereits seit Jahrhunderten. Ihre Bedeutung veränderte sich jedoch immer wieder. Sie war Herrschaftsgrenze, Zollgrenze, Landesgrenze, Besatzungszonengrenze und schließlich eine nahezu unüberwindbare Systemgrenze zwischen Demokratie und Diktatur. Zeitweise war sie kaum mehr als eine Verwaltungslinie, zu anderen Zeiten bestimmte sie nahezu jeden Aspekt des täglichen Lebens.

Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort
Mödlareuth erzählt deshalb nicht nur die Geschichte eines geteilten Dorfes. Der Ort zeigt im Kleinen, wie politische Systeme das Leben von Menschen verändern können. Dieselben Nachbarn, dieselben Familien, derselbe Bach und dieselben Häuser blieben bestehen – doch die Bedeutung der Linie dazwischen änderte sich dramatisch. Aus einer jahrhundertealten Grenze wurde im Kalten Krieg eine Mauer zwischen zwei politischen Welten. Heute ist diese Grenze wieder nahezu unsichtbar. Gerade deshalb ist Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort: Es zeigt, dass offene Grenzen und die Freiheit, Nachbarn, Freunde und Verwandte auf der anderen Seite einfach besuchen zu können, keineswegs selbstverständlich sind.

Für mich steht fest: Das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth ist weit mehr als ein Museum. Es ist ein Ort, an dem deutsche Geschichte nicht hinter Glas verschwindet, sondern unmittelbar spürbar wird. Wer durch dieses kleine Dorf geht, steht dort, wo sich einst zwei politische Systeme gegenüberstanden – mitten zwischen Häusern, Familien und Nachbarn.
Was in Berlin zum weltweiten Symbol des Kalten Krieges wurde, geschah hier im Maßstab eines Dorfes. Gerade das macht das Deutsch-Deutsche Museum so wichtig. Die deutsche Teilung erscheint hier nicht als abstrakte Politik von Regierungen, Parteien und Militärblöcken. Sie wird zur Geschichte von Menschen. Nachbarn konnten nicht mehr zueinander. Wege endeten plötzlich an einer Grenze. Bewaffnete Grenzsoldaten, Zäune, Mauern und Beobachtung bestimmten einen Ort, der eigentlich nichts anderes sein wollte als ein Dorf.

Wer heute vor den erhaltenen Grenzanlagen steht, kann sich der Wirkung kaum entziehen. Eine Mauer quer durch ein Dorf wirkt vielleicht sogar bedrückender als viele Bilder der Berliner Mauer. Denn hier erkennt man unmittelbar die Absurdität der Teilung: Auf der anderen Seite liegt keine fremde Welt. Dort stehen Häuser, Felder und Straßen. Und doch war dieser kurze Abstand für Jahrzehnte nahezu unüberwindbar.

Deshalb ist Mödlareuth auch mehr als ein Erinnerungsort. Das Museum erinnert daran, dass Freiheit, Demokratie und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, keine Selbstverständlichkeiten sind. Geschichte besteht nicht nur aus Jahreszahlen. Sie besteht aus Entscheidungen – und aus den Folgen dieser Entscheidungen für ganz normale Menschen.
Am 9. Dezember 1989 wurde der Grenzübergang in Mödlareuth geöffnet. Die politische Grenze verschwand. Eine Besonderheit aber blieb: Noch heute gehört ein Teil des Dorfes zu Bayern und der andere zu Thüringen.
Mödlareuth bewahrt damit eine Geschichte, die wir gerade deshalb erzählen müssen, weil die Generation der Zeitzeugen kleiner wird. Irgendwann werden keine Menschen mehr berichten können, wie es sich anfühlte, in einem geteilten Land zu leben. Dann brauchen wir Orte wie diesen.
Man kann Bücher über die deutsche Teilung lesen. Man kann Dokumentarfilme sehen und historische Aufnahmen betrachten. Aber in Mödlareuth steht man plötzlich selbst vor der Mauer. Und in diesem Moment wird aus Geschichte Erinnerung – und aus Erinnerung Verantwortung.

Filmtipp: Tannbach – Schicksal eines Dorfes
Die ZDF-Produktion „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ erzählt am Beispiel eines fiktiven Dorfes, wie die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg unmittelbar in das Leben der Menschen eingriff. Familien, Freunde und Nachbarn geraten zwischen die Fronten der entstehenden politischen Systeme in Ost und West. Aus persönlichen Konflikten werden politische – und eine Grenze beginnt, eine Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen.

Inspiriert wurde die Geschichte unter anderem durch das reale Mödlareuth, jenes bayerisch-thüringische Dorf, das jahrzehntelang tatsächlich durch die innerdeutsche Grenze geteilt war. Gerade diese Verbindung macht „Tannbach“ so eindringlich: Die Serie zeigt, dass der Kalte Krieg nicht nur in Berlin, Washington oder Moskau stattfand. Er verlief durch Dörfer, durch Familien und manchmal buchstäblich direkt vor der eigenen Haustür.

Mit Schauspielern wie Henriette Confurius, Heiner Lauterbach, Nadja Uhl und Martina Gedeck verbindet die Produktion historische Ereignisse mit persönlichen Schicksalen. So wird aus großer deutscher Geschichte eine emotionale Erzählung über Heimat, Ideologie, Anpassung, Widerstand und die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, wenn eine Grenze plötzlich ihr Leben bestimmt.

Wenn Klänge atmen – Ein Abend mit Martin Kohlstedt bei den Jazzopen 2025

17. Juli 2025

Es war einer dieser lauen Sommerabende, an denen das Schlossplatz-Flair in Stuttgart wie elektrisiert in der Luft lag. Die Jazzopen 2025 hatten schon viele magische Momente geboten – doch als Martin Kohlstedt die Bühne betrat, wurde es still und erwartungsvoll zugleich. Im ersten Moment kaum greifbar, wie ein zaghafter Hauch, tastete sich sein Spiel — irgendwo zwischen akustischer Poesie und elektronischer Vision — in die Herzen des Publikums.

Ich kenne und schätze Martin Kohlstedt seit Jahren und als ich hörte, dass er vor dem großen Jean-Michel Jarre in Stuttgart auftritt, dann war klar: Da muss ich hin.

Meines Wissens war in Stuttgart das größte Publikum versammelt, vor dem Kohlstedt je gespielt hat. Daher war der Musiker sicherlich nervös, was man seinem Spiel aber nicht anmerkte, wohl aber seinen Ansagen.

Kohlstedts Hände flogen förmlich über die Tasten, als suchten sie nach einer Sprache jenseits der Worte. Seine Klavierlinien verschlangen sich mit feinen elektronischen Texturen, mal zart wie Morgentau, dann wieder fordernd, fast eruptiv. Mit jedem einzelnen Takt schien die Musik zu pulsieren, zu atmen, sich neu zu formen — getragen von einer Intimität, die das Publikum mitten ins Geschehen holte. Die modulare Kompositionsweise des Künstlers sorgte dafür, dass Altvertrautes urplötzlich in neuen Farben leuchtete, dass die Grenzen zwischen Improvisation und festem Werk verschwammen.

Die meisten Menschen im Publikum waren sicherlich wegen Jean-Michel Jarre gekommen und kamen zum ersten Mal in Kontakt zu Martin Kohlsted. Für mich steht fest: Kohlstedt hat durch diesen Auftritt neue Fans gewonnen, die über die musikalische Begabung des Thüringers begeistert waren.

Der Abend war ein Fluss von Emotionen — an manchen Stellen schwebte sanfte Nachdenklichkeit durch die Luft, dann wieder blitzten Momente purer Euphorie auf. Kohlstedts Mut, musikalisch das Ungewisse zu suchen, zog sich wie ein roter Faden durch das Set. Jeder Ton, jede Pause, jeder elektronische Impuls schien eine Botschaft zu sein: Hier entsteht etwas Einzigartiges – gemeinsam, im Hier und Jetzt.

Das Publikum ließ sich mittragen, leise erste „Bravo“-Rufe gingen in tosenden Applaus über. Wer zuvor vielleicht noch skeptisch war, stand am Ende berührt und inspiriert da, dankbar für einen Musiker, der den Mut hat, Musik als lebendigen Dialog zu begreifen. Die Jazzopen 2025 erhielten in diesem Augenblick eine neue Facette: Martin Kohlstedts Klangwelten verdichteten sich zu einer Erfahrung, die weit mehr war als ein Konzert — sie war ein emotionales Eintauchen in den unvorhersehbaren Zauber des Moments.

Wie ich auf Nachfrage bestätigt bekam, gab es hinter der Bühne einen Handschlag vom französischen Meister schon während des Soundchecks. Ich denke, hier ist auch ein Herzenswunsch von Kohlstedt in Erfüllung gegangen. Ich freu mich auf die nächsten Konzerte mit diesem Künstler.

Martin Kohlstedt live in München: Klangarchitekt zwischen Intuition und Innovation

16. April 2025

Es war wieder einmal soweit. Zusammen mit meiner Frau besuchte ich das Münchner Konzert von Martin Kohlstedt im Münchner Werk 7, dem ehemaligen Kartoffelkeller der Pfanniwerke. Der Künstler aus dem thüringischen Breitenworbis zählt für mich zu den herausragenden Komponisten und Pianisten der zeitgenössischen Musikszene.

Nach einem Konzert in eindrucksvollen Konzerthaus in Göggingen sollte ich ihn nun in der nüchternen Industrieatmosphäre in München sehen. Dieses Jahr treffe ich ihn noch bei den Jazz Open in Stuttgart und fiebere einer möglichen Zusammenarbeit mit Jean-MichelJarre entgegen.#Kohlstedt Werke zeichnen sich durch eine einzigartige Verbindung von klassischem Klavierspiel und elektronischen Elementen aus, wodurch er eine eigene musikalische Sprache entwickelt hat.

Kohlstedts Ansatz des “modularen Komponierens” bedeutet, dass seine Kompositionen nicht als abgeschlossene Werke betrachtet werden, sondern als flexible Module, die je nach Kontext neu kombiniert und interpretiert werden können. Diese Herangehensweise erlaubt es ihm, seine Musik in Live-Auftritten stets neu zu gestalten und auf das Publikum sowie die Atmosphäre des Raumes einzugehen. Improvisation spielt dabei eine zentrale Rolle und macht jedes Konzert zu einem einzigartigen Erlebnis. Das machen Konzerte von Martin Kohlstedt für mich zu einem besonderen Erlebnis.

Kohlstedts Live-Auftritte sind bekannt für ihre emotionale Tiefe und die direkte Interaktion mit dem Publikum, so auch in München. Seine Konzerte bieten den Zuhörern ein intensives und persönliches Musikerlebnis.

Zwischen klassischer Komposition und elektronischer Improvisation bewegt sich sein Werk – immer im Wandel, nie abgeschlossen. Doch wer ihn wirklich verstehen will, muss ihn live erleben – und dass tat ich wieder in München.

Eine Klangsprache, die sich im Raum entfaltet
Was Martin Kohlstedts Musik so besonders macht, ist nicht allein ihr Klang, sondern das, was zwischen den Tönen entsteht. Sein Konzert in München war keine klassische Darbietung, bei denen ein vorgefertigtes Programm abgespult wird – sie war eine Begegnung: Mit dem Raum, dem Publikum, dem Moment. Um einen Eindruck zu bekommen, hier das letzte Stück des Münchner Konzerts.

Die Atmosphäre bei seinem Auftritt war andächtig. Es ist still – nicht aus Höflichkeit, sondern aus Spannung. Jeder Ton, jedes Echo, jede Pause bekam eine Bedeutung. Das Publikum lauschte, als würde es selbst Teil des Stücks werden. Und tatsächlich: Kohlstedt lädt das Publikum ein, mitzuschwingen, zu atmen, zu hören.

Improvisation als Haltung
Seine modular aufgebauten Kompositionen gaben ihm die Freiheit, sich ganz auf den Moment einzulassen. Ein Stück, das am Vorabend ganz ruhig dahinfloss, kann an einem anderen Ort eruptiv und kantig klingen. München war sehr experimentell. Diese Unvorhersehbarkeit ist gewollt – Kohlstedt vertraut auf seine Intuition, auf die Energie des Raums und auf die Reaktion des Publikums.

Das Ergebnis: Musik, die sich lebendig anfühlt. Keine sterile Studioarbeit, sondern ein lebendiger Prozess. Besonders eindrucksvoll ist dies, wenn er während des Spiels zwischen Flügel und Synthesizer wechselte, eigene Soundschleifen kreierte und dabei doch nie die emotionale Tiefe verlor, die sein Spiel prägte.

Ein Konzert wie eine Reise – nach innen
Wer ein Konzert von Martin Kohlstedt besucht, kommt selten so wieder heraus, wie er hineingegangen ist. Es ist eine Reise – keine laute, spektakuläre, sondern eine stille, eindringliche. Seine Musik schafft Räume für Gedanken, Erinnerungen, Sehnsüchte. Sie fordert nicht, sie begleitet. Und genau das macht sie so kraftvoll.Alben als musikalische Reisen
Seine Diskografie umfasst mehrere Alben, die jeweils unterschiedliche Facetten seines Schaffens beleuchten. Das Debütalbum “Tag” (2012) und das Nachfolgewerk “Nacht” (2014) präsentieren seine frühen Solo-Klavierkompositionen. Mit “Strom” (2017) integrierte er erstmals elektronische Klänge in seine Musik. Das Album “Ströme” (2019), eine Zusammenarbeit mit dem GewandhausChor Leipzig, verbindet Chormusik mit seinen modularen Kompositionen. Während der Pandemie entstand “Flur” (2020), ein introspektives Solo-Klavieralbum, das in seinem Wohnzimmer in Weimar aufgenommen wurde. Sein jüngstes Werk “Feld” (2023) kombiniert elektronische Produktion mit akustischen und klassischen Elementen und reflektiert die Herausforderungen und Veränderungen der vergangenen Jahre. Ich denke, nach all den Touren wird in nächster Zeit ein Live-Album herauskommen.

Engagement für Umwelt und Gemeinschaft
Neben seiner musikalischen Tätigkeit engagiert sich Kohlstedt für Umweltprojekte. Als Sohn eines Försters hat er eine enge Verbindung zur Natur und nutzt Einnahmen aus seiner Musik, um Brachflächen im Thüringer Wald aufzukaufen und aufzuforsten. Dieses Projekt unterstreicht sein Bestreben, Kunst und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verbinden.

Persönliche Bemerkung
Nach dem Münchner Konzert holte ich mir ein Autogramm auf seiner Strom-Platte. Was mich erfreute, dass Martin Kohlstedt mich als Blogger noch erkannte. Ich hatte in Göggingen ein Interview mit ihm geführt. Das Interview hat heute noch Gültigkeit.

Zeitungsleser sollen auf ePaper umsteigen – ob das klappt?

9. März 2023

Der Zeitungsbranche geht es schlecht, sehr schlecht. Und wenn ich in meinen Seminaren darüber berichte, kann es ein älteres Publikum nicht so richtig nachvollziehen. Die haptische Zeitung aus Papier samt Abo gehört für diese Generation einfach dazu. Das wird sich zumindest für Abonnenten der Ostthüringer Zeitung der Funke-Gruppe ändern. Die Zustellung der Ostthüringer Zeitung wird in unwirtschaftlichen Gebieten von Greiz eingestellt. Die Leser sollen auf ePaper umsteigen.

Hohe Energiekosten, hohe Papierpreise, fehlende Anzeigenerlöse, mangelndes Leserinteresse und auch der Mindestlohn für Zeitungsausträger machen dem System Papierzeitung in manchen Gebieten den Garaus. Im Falle der Ostthüringer Zeitung von Greiz sind es 300 Leser, die jetzt auf das Tablet umsteigen sollen. Das ist für eine digitale Generation kein Problem, wohl aber für eine analoge Generation, die sich an Papier gewöhnt hat. Ich bin gespannt, wie viele Leser umsteigen. Am Beispiel meiner eigenen Mutter sehe ich, wie schwer es der Dame fällt. Sie nutzt zwar das iPad für Kommunikation, aber nicht fürs Zeitungslesen.

Funke wirbt mit dem Umstieg mit deutlich geringen Abo-Kosten. Statt bisher 45,90 Euro zahlen Leser dann monatlich 29,99 Euro. Und Funke hat Großes vor in Sachen Medienkompetenz und verpackt es auch schön: „Um auch Menschen mit bislang wenig digitalen Berührungspunkten die Umstellung so einfach wie möglich zu gestalten, werden die betroffenen Leser*innen vor Ort geschult. Ziel ist es, den Thüringer Landkreis zu einer Modellregion für die Digitalisierung des ländlichen Raums zu machen. Denn die Digitalisierung kann das Leben auf dem Land auch über die Zeitung hinaus bereichern – seien es Lebensmittellieferungen, die Online-Apotheke oder auch der stets aktuelle Nahverkehrsplan.“

Ich kenne die Ostthüringer Zeitung nicht und weiß nicht, wie hoch der lokale und damit kostenintensive Teil der Zeitung ist. Der Mantel wird ja in der Regel von Agenturen wie dpa, afp oder ap geliefert. Da sind rund 30 Euro für ein Digitalabo schon ein stolzer Preis. Unsere Familie ist beispielsweise auf Readly umgestiegen und zahlt eine Flatrate von 10 Euro für einige Zeitungen und eine Ummenge von Zeitschriften. Die lokale Berichterstattung aus dem Dorf gibt es für die entsprechende Facebook-Gruppen und lokalen Blogger.

Jeder Haushalt, der eine OTZ geliefert bekommt, erhält ein Informationsschreiben mit den wichtigsten Punkten zur Nutzung des E-Papers sowie eine Info-Broschüre, die alle Vorteile der digitalen Zeitung aufzeigt. Zusätzlich werden kostenlos Tablet- und Smartphone-Schulungen angeboten, um das OTZ-E-Paper ohne technische Probleme lesen zu können. Ein Tablet gibt es nicht kostenlos dazu. Ich bin mal gespannt. Was denken Sie?

Update Mai 2023: Funke gewinnt im Land­kreis Greiz 30 % von ur­sprünglich rund 300 Abonnentinnen der „Ost­thüringer Zeitung“ für das E-Paper – die Print-Zustellung ist dort beendet. 70 % der Leserschaft verzichten künftig auf die Zeitung