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Mödlareuth – wo eine Mauer Familien trennte und Geschichte bis heute unter die Haut geht

25. August 2026

Mödlareuth ist ein kleines Dorf, dessen Geschichte wie kaum eine andere die deutsche Teilung im Kleinen sichtbar macht. Häufig wird der Ort als „Klein-Berlin“ bezeichnet. Doch dieser Vergleich greift eigentlich zu kurz. Denn während Berlin erst infolge des Zweiten Weltkriegs und schließlich durch den Mauerbau geteilt wurde, verlief durch Mödlareuth bereits seit Jahrhunderten eine Grenze. Lange bevor es Bundesrepublik und DDR gab, bevor Deutschland überhaupt ein Nationalstaat war, gehörten die beiden Seiten des Dorfes unterschiedlichen Herrschaftsgebieten an. Im Rahmen eines Seminars zum Mauerbau besuchte ich mit meinen Seminarteilnehmern das Deutsch-deutsche Museum und sah mir die Grenzanlagen an.

Historische Grenze
Die historische Grenze geht bis in die frühe Neuzeit zurück. Im 16. Jahrhundert wurde sie zwischen verschiedenen deutschen Territorien festgelegt. Auf der einen Seite lag fränkisches Herrschaftsgebiet, auf der anderen das Gebiet des Hauses Reuß. Um den Grenzverlauf möglichst eindeutig festzulegen, orientierte man sich nicht allein an Grenzsteinen, die versetzt werden konnten, sondern an natürlichen oder dauerhaft vorhandenen Gegebenheiten. In Mödlareuth spielte dabei der Tannbach eine entscheidende Rolle. Auch ein alter Handelsweg diente der Orientierung. Von einer Teilung des Dorfes im späteren politischen Sinne konnte damals allerdings keine Rede sein. Die Grenze trennte Herrschafts- und Verwaltungsgebiete, aber keine Gesellschaften oder politischen Systeme.

Mit dem Wachstum Mödlareuths entwickelte sich auf beiden Seiten des Tannbachs eine Dorfgemeinschaft. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten beispielsweise auf der thüringischen Seite bereits rund 50 Menschen. Die politische Grenze hatte dennoch konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben. Sie war eine Zollgrenze, und Waren, die von einem Territorium ins andere gebracht wurden, konnten mit erheblichen Abgaben belastet werden. Auch Handwerker konnten nicht ohne Weiteres auf der jeweils anderen Seite arbeiten. Selbst eine Heirat über die Grenze hinweg konnte teuer werden, weil beim Wechsel des Herrschaftsgebietes Abgaben fällig wurden.

Gleichzeitig zeigte sich aber, wie wenig politische Grenzen gewachsene soziale Verbindungen vollständig trennen können. Besonders deutlich wurde dies im kirchlichen Leben. Die Bewohner beider Dorfteile gehörten lange Zeit derselben Kirchengemeinde an. Am Sonntag verlor die politische Grenze damit einen Teil ihrer Bedeutung. Die Menschen gingen gemeinsam zur Kirche, waren miteinander verwandt, arbeiteten miteinander und sprachen denselben regionalen Dialekt. Mödlareuth war politisch geteilt, gesellschaftlich aber ein Dorf.

Im 19. Jahrhundert verlor die alte Grenze zunehmend an Bedeutung. Mit der wirtschaftlichen Annäherung der deutschen Staaten und schließlich der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde aus der früheren Staatsgrenze eine Landesgrenze innerhalb eines gemeinsamen deutschen Staates. Im Alltag spielte sie immer weniger eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchien verstärkte sich diese Entwicklung. Während der Weimarer Republik konnten die Bewohner die Grenze praktisch problemlos überschreiten. Mödlareuth entwickelte sich wie viele andere kleine Orte: Landwirtschaft, Schule, Feuerwehr, Wirtshaus und gemeinschaftliches Leben prägten das Dorf. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass der Tannbach eines Tages zu einer nahezu unüberwindbaren politischen Grenze werden würde.

Kalter Krieg
Diese Situation änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend. Nach dem 8. Mai 1945 wurde Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Grenzen dieser Zonen orientierten sich teilweise an den historischen Landesgrenzen. Damit erhielt die jahrhundertealte Grenze zwischen Bayern und Thüringen plötzlich weltpolitische Bedeutung. Der bayerische Teil Mödlareuths lag in der amerikanischen, der thüringische Teil in der sowjetischen Besatzungszone.

Dabei kam es zunächst sogar zu einer bemerkenswerten Kuriosität. Aufgrund ungenauen Kartenmaterials wurde auch ein kleiner Teil des bayerischen Mödlareuth zeitweise von sowjetischen Truppen besetzt. Erst nachdem der Irrtum erkannt worden war, zogen sich die sowjetischen Einheiten zurück. Damit war die alte Landesgrenze wiederhergestellt – nun allerdings als Grenze zwischen zwei Besatzungssystemen.

In den ersten Nachkriegsjahren blieb das Dorfleben dennoch erstaunlich eng miteinander verbunden. Die Menschen konnten die Grenze zunächst noch überschreiten. Familien besaßen Felder und Grundstücke auf der jeweils anderen Seite. Bauern gingen mit ihren Tieren und Geräten über den Tannbach, um ihre Flächen zu bewirtschaften. Schule, Feuerwehr und andere Einrichtungen wurden teilweise weiterhin gemeinsam genutzt. Die politische Großwetterlage war zwar spürbar, hatte das alltägliche Zusammenleben aber noch nicht vollständig zerstört.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1949 wurde aus der Besatzungszonengrenze schließlich eine Grenze zwischen zwei deutschen Staaten. Die entscheidende Zäsur für Mödlareuth kam jedoch 1952. Angesichts der zunehmenden Fluchtbewegung aus der DDR begann die SED-Führung, die innerdeutsche Grenze systematisch abzuriegeln.

Trennungslinie
Damit wurde aus der historischen Grenze durch Mödlareuth eine tatsächliche Trennungslinie. Die DDR richtete entlang der innerdeutschen Grenze ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet ein. Innerhalb dieses Gebietes galten besondere Aufenthalts- und Kontrollbestimmungen. Bewohner benötigten entsprechende Einträge in ihren Ausweisdokumenten. Wer von außerhalb Verwandte im Grenzgebiet besuchen wollte, musste eine Genehmigung beantragen. Selbst Familienbesuche wurden damit zu staatlich kontrollierten Vorgängen.

Für Mödlareuth bedeutete das einen dramatischen Einschnitt. Menschen, die wenige Meter oder wenige hundert Meter voneinander entfernt wohnten und miteinander verwandt waren, konnten plötzlich nicht mehr selbstverständlich miteinander sprechen oder sich besuchen. Kontaktaufnahmen über die Grenze hinweg waren untersagt. Selbst Winken und Zurufen konnten verboten sein. Familien wurden auseinandergerissen, obwohl ihre Häuser teilweise nur einen Steinwurf voneinander entfernt standen.

Grenzbefestigungen
1952 entstand zunächst ein Bretterzaun entlang der Grenze. Damit erlebte Mödlareuth bereits neun Jahre vor Berlin eine sichtbare Abriegelung. Als am 13. August 1961 in Berlin mit dem Bau der Mauer begonnen wurde, kannten die Menschen in Mödlareuth die physische Teilung ihres Lebensraumes längst. Deshalb ist der häufig verwendete Begriff „Klein-Berlin“ zwar verständlich, historisch aber nur bedingt passend: Mödlareuth war früher geteilt und früher mit Grenzanlagen versehen worden.

Nach dem Berliner Mauerbau wurde auch die innerdeutsche Grenze weiter ausgebaut. Ab 1962 entstanden umfangreiche Sperranlagen mit Zäunen, Kontrollstreifen, Wachtürmen und Minenfeldern. Entlang der gesamten innerdeutschen Grenze setzte die DDR Hunderttausende Landminen ein. Sie sollten Fluchtversuche verhindern und konnten Menschen schwer verletzen oder töten. Für die Bewohner der Grenzregion wurde die staatliche Gewalt damit permanent sichtbar.

Auch Mödlareuth wurde immer stärker befestigt. Unterschiedliche Zaunsysteme folgten aufeinander, bis 1966 schließlich eine massive Betonmauer errichtet wurde. Sie war mehrere Meter hoch und mit einer abgerundeten Auflage versehen, die ein Überklettern erschweren sollte. Damit verlief mitten durch das kleine Dorf eine Mauer, die Familien, Nachbarn und Freunde voneinander trennte.

Republikflucht
Dennoch gelang eine spektakuläre Flucht. Ein Berufskraftfahrer, der aufgrund seiner Tätigkeit mit den örtlichen Verhältnissen und den Grenzposten vertraut war, konstruierte eine kleine Leiter, die er unter beziehungsweise an seinem Dienstfahrzeug verbergen konnte. Nachts fuhr er an die Mauer, stieg über sein Fahrzeug auf die Leiter und überwand die Sperranlage erfolgreich. Die DDR-Behörden reagierten darauf mit einer weiteren Verschärfung der Sicherungsmaßnahmen. Zusätzliche Zäune wurden errichtet, das Gelände stärker beleuchtet, die Truppenpräsenz erhöht und ein neuer Beobachtungsturm gebaut. Um freie Sicht auf das Grenzgebiet zu erhalten, wurden sogar Gebäude abgerissen.

Gerade daran zeigt sich die besondere Brutalität des Grenzregimes. Menschen, die die DDR verlassen wollten, galten aus Sicht der Staatsführung nicht einfach als Auswanderer oder Flüchtlinge. Ihre Flucht wurde kriminalisiert. Der Staat setzte erhebliche personelle, technische und finanzielle Mittel ein, um seine Bürger am Verlassen des Landes zu hindern.

Für die Bewohner Mödlareuths war diese Politik besonders schmerzhaft, weil nahezu jede Familie verwandtschaftliche Beziehungen auf die andere Seite hatte. Brüder, Schwestern, Eltern, Kinder und Großeltern lebten manchmal nur wenige hundert Meter voneinander entfernt und konnten sich dennoch jahrelang nicht besuchen. Sie konnten die Häuser der anderen sehen, Rauch aus den Schornsteinen beobachten oder das Leben auf der anderen Seite erahnen – und waren doch durch eine Staatsgrenze und ein militärisch gesichertes Sperrsystem getrennt.

Später wurden die Reiseregelungen für DDR-Rentner etwas gelockert. Damit waren gelegentliche Besuche im Westen möglich. Doch selbst für eine Strecke, die im Dorf nur wenige hundert Meter betrug, konnte eine Reise über offizielle Grenzübergänge mehrere Stunden dauern. Man musste das Grenzgebiet verlassen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem zugelassenen Übergang fahren, umfangreiche Kontrollen über sich ergehen lassen und anschließend auf westdeutscher Seite wieder zurück nach Mödlareuth gelangen. Die Absurdität der deutschen Teilung wurde hier besonders deutlich: Sichtweite konnte politisch zu einer Entfernung von vielen Stunden werden.

Minenfrei
In den 1980er Jahren begann die DDR mit der Räumung der Minen an der innerdeutschen Grenze. Bis Mitte des Jahrzehnts galt die Grenze offiziell weitgehend als minenfrei, auch wenn nicht sämtliche Sprengkörper gefunden werden konnten. Die übrigen Sperranlagen blieben jedoch bestehen. Noch immer trennten Zäune, Mauern, Kontrollstreifen und Wachtürme die beiden Teile Mödlareuths.

Wiedervereinigung
Dann kam das Jahr 1989. Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der innerdeutschen Grenze verlor auch die Mauer von Mödlareuth ihre Funktion. Was über Jahrzehnte streng verboten gewesen war, wurde plötzlich wieder möglich: Nachbarn konnten aufeinander zugehen, Familien konnten sich treffen und die wenigen Meter überwinden, die politisch zuvor fast unüberwindbar gewesen waren. Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete die staatliche Teilung.

Verwaltungstechnisch ist Mödlareuth allerdings bis heute geteilt. Ein Teil gehört zum Freistaat Bayern, der andere zum Freistaat Thüringen. Dadurch gibt es beispielsweise unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und kommunale Zuständigkeiten. Niemand im Dorf empfindet dies jedoch als Problem. Im Gegenteil: Die Besonderheit gehört inzwischen zur Identität Mödlareuths.

Heute ist ein Teil der ehemaligen Grenzanlagen erhalten geblieben. Mödlareuth ist dadurch zu einem außergewöhnlichen Erinnerungsort der deutschen Geschichte geworden. Mauerreste, Wachturm, Grenzzaun und weitere Anlagen machen sichtbar, was abstrakte Begriffe wie „deutsche Teilung“, „innerdeutsche Grenze“ oder „Eiserner Vorhang“ für die Menschen konkret bedeuteten.

Gerade die lange Geschichte Mödlareuths macht den Ort so faszinierend. Die Grenze selbst war nicht das eigentliche Problem. Sie existierte bereits seit Jahrhunderten. Ihre Bedeutung veränderte sich jedoch immer wieder. Sie war Herrschaftsgrenze, Zollgrenze, Landesgrenze, Besatzungszonengrenze und schließlich eine nahezu unüberwindbare Systemgrenze zwischen Demokratie und Diktatur. Zeitweise war sie kaum mehr als eine Verwaltungslinie, zu anderen Zeiten bestimmte sie nahezu jeden Aspekt des täglichen Lebens.

Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort
Mödlareuth erzählt deshalb nicht nur die Geschichte eines geteilten Dorfes. Der Ort zeigt im Kleinen, wie politische Systeme das Leben von Menschen verändern können. Dieselben Nachbarn, dieselben Familien, derselbe Bach und dieselben Häuser blieben bestehen – doch die Bedeutung der Linie dazwischen änderte sich dramatisch. Aus einer jahrhundertealten Grenze wurde im Kalten Krieg eine Mauer zwischen zwei politischen Welten. Heute ist diese Grenze wieder nahezu unsichtbar. Gerade deshalb ist Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort: Es zeigt, dass offene Grenzen und die Freiheit, Nachbarn, Freunde und Verwandte auf der anderen Seite einfach besuchen zu können, keineswegs selbstverständlich sind.

Für mich steht fest: Das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth ist weit mehr als ein Museum. Es ist ein Ort, an dem deutsche Geschichte nicht hinter Glas verschwindet, sondern unmittelbar spürbar wird. Wer durch dieses kleine Dorf geht, steht dort, wo sich einst zwei politische Systeme gegenüberstanden – mitten zwischen Häusern, Familien und Nachbarn.
Was in Berlin zum weltweiten Symbol des Kalten Krieges wurde, geschah hier im Maßstab eines Dorfes. Gerade das macht das Deutsch-Deutsche Museum so wichtig. Die deutsche Teilung erscheint hier nicht als abstrakte Politik von Regierungen, Parteien und Militärblöcken. Sie wird zur Geschichte von Menschen. Nachbarn konnten nicht mehr zueinander. Wege endeten plötzlich an einer Grenze. Bewaffnete Grenzsoldaten, Zäune, Mauern und Beobachtung bestimmten einen Ort, der eigentlich nichts anderes sein wollte als ein Dorf.

Wer heute vor den erhaltenen Grenzanlagen steht, kann sich der Wirkung kaum entziehen. Eine Mauer quer durch ein Dorf wirkt vielleicht sogar bedrückender als viele Bilder der Berliner Mauer. Denn hier erkennt man unmittelbar die Absurdität der Teilung: Auf der anderen Seite liegt keine fremde Welt. Dort stehen Häuser, Felder und Straßen. Und doch war dieser kurze Abstand für Jahrzehnte nahezu unüberwindbar.

Deshalb ist Mödlareuth auch mehr als ein Erinnerungsort. Das Museum erinnert daran, dass Freiheit, Demokratie und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, keine Selbstverständlichkeiten sind. Geschichte besteht nicht nur aus Jahreszahlen. Sie besteht aus Entscheidungen – und aus den Folgen dieser Entscheidungen für ganz normale Menschen.
Am 9. Dezember 1989 wurde der Grenzübergang in Mödlareuth geöffnet. Die politische Grenze verschwand. Eine Besonderheit aber blieb: Noch heute gehört ein Teil des Dorfes zu Bayern und der andere zu Thüringen.
Mödlareuth bewahrt damit eine Geschichte, die wir gerade deshalb erzählen müssen, weil die Generation der Zeitzeugen kleiner wird. Irgendwann werden keine Menschen mehr berichten können, wie es sich anfühlte, in einem geteilten Land zu leben. Dann brauchen wir Orte wie diesen.
Man kann Bücher über die deutsche Teilung lesen. Man kann Dokumentarfilme sehen und historische Aufnahmen betrachten. Aber in Mödlareuth steht man plötzlich selbst vor der Mauer. Und in diesem Moment wird aus Geschichte Erinnerung – und aus Erinnerung Verantwortung.

Filmtipp: Tannbach – Schicksal eines Dorfes
Die ZDF-Produktion „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ erzählt am Beispiel eines fiktiven Dorfes, wie die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg unmittelbar in das Leben der Menschen eingriff. Familien, Freunde und Nachbarn geraten zwischen die Fronten der entstehenden politischen Systeme in Ost und West. Aus persönlichen Konflikten werden politische – und eine Grenze beginnt, eine Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen.

Inspiriert wurde die Geschichte unter anderem durch das reale Mödlareuth, jenes bayerisch-thüringische Dorf, das jahrzehntelang tatsächlich durch die innerdeutsche Grenze geteilt war. Gerade diese Verbindung macht „Tannbach“ so eindringlich: Die Serie zeigt, dass der Kalte Krieg nicht nur in Berlin, Washington oder Moskau stattfand. Er verlief durch Dörfer, durch Familien und manchmal buchstäblich direkt vor der eigenen Haustür.

Mit Schauspielern wie Henriette Confurius, Heiner Lauterbach, Nadja Uhl und Martina Gedeck verbindet die Produktion historische Ereignisse mit persönlichen Schicksalen. So wird aus großer deutscher Geschichte eine emotionale Erzählung über Heimat, Ideologie, Anpassung, Widerstand und die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, wenn eine Grenze plötzlich ihr Leben bestimmt.

Filmkritik: Austreten

3. Dezember 2017

Irgendwie habe ich mich an den deutschen Autorenfilm der sechziger und siebziger Jahre erinnert gefühlt, als Leute wie Schlöndorff, Fassbinder, Herzog und Achternbusch sich aufmachten, das deutsche Kino aufzurütteln. Die Filme waren weiß Gott nicht perfekt. Der Ton schwankte, die Kamera wackelte, die ganze Film- und Schauspielercrew war eine Art Kommune. Improvisation war an der Tagesordnung. Und die Filmemacher fanden ihr Publikum.
So geht es sicherlich auch den beiden Filmemachern Andreas Schmidbauer und Tanja Schmidbauer mit ihrem Film Austreten. Im Nachbarort Fürstenfeldbruck kamen einige von der Filmcrew ins wiedereröffnete Lichtspielhaus zu einem Filmgespräch zu Besuch und haben ihren Film gleich mitgebracht.

Das Filmgespräch zu Austreten mit dem Team im Lichtspielhaus Fürstenfeldbruck.

Das Filmgespräch zu Austreten mit dem Team im Lichtspielhaus Fürstenfeldbruck.

Um was geht es? Im Grunde ist es eine Art Brexit auf Bayrisch – eigentlich wollte der bayerische Ministerpräsident Reitmayer (Markus Böker) bei einer Pressekonferenz nur schnell auf die Toilette. Doch der Begriff „austreten“ wurde von den versammelten Journalisten gänzlich missverstanden. Austritt aus dem Bund? Sofort erhitzen sich die Gemüter und Reitmayer taucht fürs erste unter. Die Familie macht sich auf die Suche und durchstreift ganz Bayern, dabei auch Franken.

Die Idee finde ich erfrischend und sie passt ideal in die heutige politische Landschaft. Allerdings entstand die Idee vor den aktuellen Entwicklungen um Großbritannien oder Katalonien und noch weit vor der jüngsten Bundestagswahl. Da haben die jungen Filmemacher einfach eine große Portion Glück gehabt und ein Thema auf die Leinwand gehoben, das Leute anspricht.
Nach ihrem Film Hinterdupfing, der nur im Chiemgau spielte, ist die Spielwiese von Andreas Schmidbauer und Tanja Schmidbauer jetzt ganz Bayern.
Für mich war der Film Austreten eine Art Gernstl unterwegs. Franz Xaver Gernstl und sein Team, Kameramann Hans Peter Fischer und Tonmann Stefan Ravas, gehen auf die Reise durch ganz Bayern und stellen Land und Leute vor. Das Format kommt im Fernsehen gut an und trifft die Seele der Bayern.
Die Filmemacher von Austreten hatten etwas anderes im Sinn. Obwohl die Locations ähnlich wie die Locations von Gernstl sind: Liebevoll ausgewählt, schöne Stadtbilder, Drohnenaufnahmen hier, schrullige Charaktere dort. Austreten ist eine bayerische Komödie, zudem auch eine Mischung aus Heimatfilm und Roadmovie. Und hier beginnt mein Problem. Als Heimatfilm ist er mir zu schnell geschnitten, als Roadmovie fehlt mir die Atmosphäre der Straße. Ein VW-Bus und ein Alfa Romeo als Locations sind mir zu wenig, wenn sie nicht groß in die Handlung einbezogen werden.

Austreten ist Teil der Bayern-Welle im Film
Und funktioniert der Film als bayerische Komödie? Bedingt, was aber nicht an der Idee liegt, sondern vielmehr an der Umsetzung. Es wurde viel an den Dialogen am Set improvisiert. Das merkt man als Zuschauer – wir haben hier nicht die sprachliche bayerische Eleganz eines Helmut Dietl (wer hat dies schon?). Wir haben viele, teils sehr sehr gute Gags und Einfälle, die wirklich Spaß machen. Die Anspielungen auf die veränderte Mediengesellschaft sind erfrischend. Szenen zu Tinder, ICQ sind nett und wenn Oma/Opa den Eintritt in die Welt der mobilen Kommunikation mit Büchern üben.
Wir haben platten Dialekthumor bei der Beschreibung der Charaktere. Es wird mit Jauche gespritzt, reaktionäres Gedankengut als Humor verkauft und von Lügenpresse schwadroniert. Wurde hier dem Volk aufs Maul geschaut? Im Kino wurde gelacht, bezeichnend für den inneren Zustand unseres Landes.
Wir haben hintergründige Einfälle und allerlei Anspielungen im Film. Bei der Nachfrage im Filmgespräch zeigte sich die Lektüre von Effi Briest durch Eisi Gulp als Anspielung auf das weite Land und den bürgerlichen Moralkodex der Wilhelminischen Ära.

Abseits der bürgerlichen Moral: Eisi Gulp in Austreten. Foto: schmidbauerfilm

Abseits der bürgerlichen Moral: Eisi Gulp in Austreten. Foto: schmidbauerfilm

Es sind viele versteckte Hinweise in Austreten, die beim oberflächlichen Ansehen schlichtweg übersehen werden. Wie die Raufereien in Mödlareuth, einem Dorf mit 40 Einwohnern, das zu einem Teil im Bundesland Bayern und zum anderen Teil im Bundesland Thüringen liegt. 41 Jahre lang verlief die innerdeutsche Grenze mitten durch das Dorf entlang des Tannbachs. Nach dem Austritt Bayerns beginnen die Rangeleien mit den thüringischen Grenzern. Und der Film spielt mit dem Separatismus der Franken und gipfelt an einem Zeitungskiosk bei dem der Fränkische Beobachter ausliegt.

Details, die liebevoll gemacht sind - wie das (cz). Foto: schmidbauerfilm

Details, die liebevoll gemacht sind – wie das (cz). Foto: schmidbauerfilm

Sehr nett auch die politische Anspielung auf den Pressesprecher des Ministerpräsidenten. Auf seinem Namensschild steht nach dem Dr in Klammern (cz). Hatte nicht mal Andreas Scheuer seinen Doktor in Tschechien gemacht …

Austreten setzt auf Improvisation
Im Grunde reitet Austreten auf der Welle der Provinzkrimis, die in Bayern durch Rita Falk ihr Publikum gefunden haben. Und nein, das ist keine Filmkunst und keine Revolution – und damit bricht dann Austreten mit dem Autorenfilm der alten Zeit. Damals wollten die Regisseure eine Botschaft vermitteln, heute wollen Andreas Schmidbauer und Tanja Schmidbauer nur unterhalten. Ist Unterhaltung etwas schlechtes? Nein, aber das Kinopublikum von heute will einen technisch besseren Film sehen. Persönlich war mir der Schnitt zu schnell, der Tonschnitt hat nicht gepasst und der Film hat keinen durchgängigen Rhythmus.

Selfie mit dem Filmteam.

Selfie mit dem Filmteam.

Und dann denke ich mir: Was soll es? Es ist eine Gruppe von jungen Leuten. Andreas Schmidbauer ist 27 Jahre, seine Schwester Tanja ist 24 Jahre alt und für ihr Alter haben sie zusammen mit ihren Freunden einen Hammerfilm auf den Markt gebracht. Wobei mit Hammerfilm nicht die britische Produktionsgesellschaft gemeint ist, die ähnlich auf Improvisation setzt. Die Geschwister Schmidbauer haben mit ihrer Produktionsgesellschaft schmidbauerfilm die bayerische Filmförderung FFF mit seinem kritischen Leiter Klaus Schaefer überzeugt und mit dem Geld im Rücken eine Reihe namhafter Schauspieler an Land ziehen können.
Andreas Schmidbauer ist in der Branche nicht unbekannt. Der Absolvent der Hochschule der Medien in Stuttgart ist Kameramann und hat sich einen Namen im Bereich Stereoskopie gemacht. Bei Austreten setzte er allerdings nicht auf das große und teure Equipment von ARRI, sondern filmte mit einer einfacheren digitalen Sony.
Also Austreten ansehen kann man, muss man nicht. Aber die Karriere der beiden Schmidbauers mit ihren Freunden muss man beobachten. Da ist viel Potential.