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Filmtipp: Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

2. September 2018
Grüner wird’s nicht - samt Filmgespräch mit Regisseur Florian Gallenberger und Darstellerin Monika Baumgartner (r) sowie Marketingsdame Andrea Hailer (l.)

Grüner wird’s nicht – samt Filmgespräch mit Regisseur Florian Gallenberger und Darstellerin Monika Baumgartner (r) sowie Marketingsdame Andrea Hailer (l.)

Oscar-Prominenz bei uns in der Region. Zu einem Kinogespräch zum neuen Film von Florian Gallenberger kam es in meinem Lieblingskino Scala in bayerischen Fürstenfeldbruck. Ich habe über ein Facebook-Gewinnspiel zwei Eintrittskarten gewonnen. So besuchten meine Frau und ich die Vorstellung des Films mit anschließendem Kinogespräch mit Regisseur Florian Gallenberger und Hauptdarstellerin Monika Baumgartner, die beide aus der Region stammen. 

Vielen Dank für die Autogramme - Danke Florian Gallenberger und Monika Baumgartner.

Vielen Dank für die Autogramme – Danke Florian Gallenberger und Monika Baumgartner.

Schön zu sehen, dass der große Saal des Scala Kinos fast komplett gefüllt war. Das Interesse an dem Film und dem anschließenden Gespräch samt Autogramm und/oder Selfie war groß. Und es war auch eine ältere Generation, die nach langer Zeit mal wieder ins Kino ging, wie eine Zuschauerin berichtete. Und diesen Zuspruch braucht Grüner wird’s nicht auch, denn er kann es nicht mit dem Marketing der Blockbuster aufnehmen. Hier haben es die Betreiber das Scala Kino richtig gemacht und setzen auf Mundpropaganda und soziale Netzwerke. „Sagt es weiter, dass euch der Film gefallen hat“, beschwor auch Andrea Hailer von der Marketingagentur Soulkino die Zuschauerinnen und Zuschauer. 

Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon ist für mich eine Art fliegendes Roadmovie, der die Geschichte des mürrischen Gärtners Schorsch (Elmar Wepper) schön erzählt. Er steht an einem Scheideweg im Beruf und Ehe und macht sich rücksichtslos auf den Weg, sich selbst zu finden. Also eine klassische Geschichte eines Roadmovies, wie es Regisseur Florian Gallenberger mir gegenüber im Gespräch bestätigte. Wunderschöne Luftaufnahmen mit einem roten Doppeldecker – nicht wie beim Roten Baron von Pixomondo als VFX entstanden, sondern als Realfilm, zum Teil natürlich auf einer Studiobühne. Der kauzige Elmar Wepper saß selbst in der Maschine, flog freilich nicht. Mit allerlei Studiotricks sah es in dem Greenscreen-Studio so aus, als ob sich das Flugzeug bewegt und sich der Sonnenstand ändert. 

Apropos Elmar Wepper: Er heute in Planegg lebende 74jährige TV-Star spielt sich in die Herzen seiner bayerischen Zuschauer. Ich muss zugeben, dass ich Elmar Wepper als erstes immer mit Pabel Chekov identifiziere, dessen Synchronrolle er in Star Trek sprach. Im gesetzten Alter löste sich Wepper von den TV-Rollen und kann ernsthafte Schauspieler zur Schau stellen: Kirschblüten von Doris Dörries war für mich der Beweis, ebenso Grüner wird’s nicht. Der Film ist auf Wepper aufgebaut und er macht seine Rolle hervorragend. Nicht so perfekt klappte übrigens das Baggerfahren, wie der Regisseur in dem Filmgespräch verriet. Schöne Geschichte, die im Video erzählt wird. 

Gärtners Schorsch, eben gespielt von Elmar Wepper, ist ein autoritärer Patriarch, der an seinen Träumen vorbeilebt. Ehe kaputt, entfremdet von Tochter und Frau, Betrieb ruiniert – und er lässt seine Frau mit den Schulden sitzen und macht sich auf der Suche nach seinen Träumen. Zurückgelassen vom egoistischen Ehemann steht Monika, wunderbar gespielt von Monika Baumgartner, ihre Frau und ordnet die Verhältnisse zu Hause, während Schorsch sein Leben sucht. Naja, aber Monika hat es auch faustdick hinter den Ohren. Kind vom fremden Mann und eine Affäre mit dem Golfplatzbetreiber, der den Familienbetrieb ruiniert hat. Nach Herzschmerz und vielen skurrilen Personen, die zu einem Roadmovie dazugehören, findet jeder seinen Weg. Die Familie bricht auseinander und jeder verwirklicht sich selbst. Schorsch allerdings, so hatte ich den Eindruck, zockt seine Familie gegen Ende nocheinmal ab und bleibt ein Egoist. 

Handwerklich ist der Film sehr schön gemacht. Und die Zielgruppe ist auch ein älteres Publikum, das vielleicht selbst in die Midlife-Crisis geraten war und sich durch Kalendersprüche wie Lebe deinen Traum identifizieren kann. Dazu passt die Machart des Film: Lange Einstellungen, langsamer Schnittrhythmus, großes Schauspielkino – mal dachte ich an das Bayerische Fernsehen. Drei Bundesländer haben den Film übrigens durch ihre Filmförderung finanziert. Und es ist ein unterhaltsamer Film geworden, der zu gefallen weiß. Oscarpreisträger Florian Gallenberger versteht sein Geschäft. Der Planegger ist Professor an der HFF und kann in jungen Jahren schon auf allerhand Kinoerfahrung zurückblicken. Bisher hat mich immer John Rabe von 2009 von ihm fasziniert. Ich freue mich, dass es Leute wie Florian Gallenberger auf dem Regiestuhl gibt. Bitte weiter so – und Scala bitte weiter solche Abende.

Fotoreporter Günter Reger von der örtlichen SZ war auch da und bringt den Abend in die klassischen Massenmedien.

Fotoreporter Günter Reger von der örtlichen SZ war auch da und bringt den Abend in die klassischen Massenmedien.

Filmkritik: Austreten

3. Dezember 2017

Irgendwie habe ich mich an den deutschen Autorenfilm der sechziger und siebziger Jahre erinnert gefühlt, als Leute wie Schlöndorff, Fassbinder, Herzog und Achternbusch sich aufmachten, das deutsche Kino aufzurütteln. Die Filme waren weiß Gott nicht perfekt. Der Ton schwankte, die Kamera wackelte, die ganze Film- und Schauspielercrew war eine Art Kommune. Improvisation war an der Tagesordnung. Und die Filmemacher fanden ihr Publikum.
So geht es sicherlich auch den beiden Filmemachern Andreas Schmidbauer und Tanja Schmidbauer mit ihrem Film Austreten. Im Nachbarort Fürstenfeldbruck kamen einige von der Filmcrew ins wiedereröffnete Lichtspielhaus zu einem Filmgespräch zu Besuch und haben ihren Film gleich mitgebracht.

Das Filmgespräch zu Austreten mit dem Team im Lichtspielhaus Fürstenfeldbruck.

Das Filmgespräch zu Austreten mit dem Team im Lichtspielhaus Fürstenfeldbruck.

Um was geht es? Im Grunde ist es eine Art Brexit auf Bayrisch – eigentlich wollte der bayerische Ministerpräsident Reitmayer (Markus Böker) bei einer Pressekonferenz nur schnell auf die Toilette. Doch der Begriff „austreten“ wurde von den versammelten Journalisten gänzlich missverstanden. Austritt aus dem Bund? Sofort erhitzen sich die Gemüter und Reitmayer taucht fürs erste unter. Die Familie macht sich auf die Suche und durchstreift ganz Bayern, dabei auch Franken.

Die Idee finde ich erfrischend und sie passt ideal in die heutige politische Landschaft. Allerdings entstand die Idee vor den aktuellen Entwicklungen um Großbritannien oder Katalonien und noch weit vor der jüngsten Bundestagswahl. Da haben die jungen Filmemacher einfach eine große Portion Glück gehabt und ein Thema auf die Leinwand gehoben, das Leute anspricht.
Nach ihrem Film Hinterdupfing, der nur im Chiemgau spielte, ist die Spielwiese von Andreas Schmidbauer und Tanja Schmidbauer jetzt ganz Bayern.
Für mich war der Film Austreten eine Art Gernstl unterwegs. Franz Xaver Gernstl und sein Team, Kameramann Hans Peter Fischer und Tonmann Stefan Ravas, gehen auf die Reise durch ganz Bayern und stellen Land und Leute vor. Das Format kommt im Fernsehen gut an und trifft die Seele der Bayern.
Die Filmemacher von Austreten hatten etwas anderes im Sinn. Obwohl die Locations ähnlich wie die Locations von Gernstl sind: Liebevoll ausgewählt, schöne Stadtbilder, Drohnenaufnahmen hier, schrullige Charaktere dort. Austreten ist eine bayerische Komödie, zudem auch eine Mischung aus Heimatfilm und Roadmovie. Und hier beginnt mein Problem. Als Heimatfilm ist er mir zu schnell geschnitten, als Roadmovie fehlt mir die Atmosphäre der Straße. Ein VW-Bus und ein Alfa Romeo als Locations sind mir zu wenig, wenn sie nicht groß in die Handlung einbezogen werden.

Austreten ist Teil der Bayern-Welle im Film
Und funktioniert der Film als bayerische Komödie? Bedingt, was aber nicht an der Idee liegt, sondern vielmehr an der Umsetzung. Es wurde viel an den Dialogen am Set improvisiert. Das merkt man als Zuschauer – wir haben hier nicht die sprachliche bayerische Eleganz eines Helmut Dietl (wer hat dies schon?). Wir haben viele, teils sehr sehr gute Gags und Einfälle, die wirklich Spaß machen. Die Anspielungen auf die veränderte Mediengesellschaft sind erfrischend. Szenen zu Tinder, ICQ sind nett und wenn Oma/Opa den Eintritt in die Welt der mobilen Kommunikation mit Büchern üben.
Wir haben platten Dialekthumor bei der Beschreibung der Charaktere. Es wird mit Jauche gespritzt, reaktionäres Gedankengut als Humor verkauft und von Lügenpresse schwadroniert. Wurde hier dem Volk aufs Maul geschaut? Im Kino wurde gelacht, bezeichnend für den inneren Zustand unseres Landes.
Wir haben hintergründige Einfälle und allerlei Anspielungen im Film. Bei der Nachfrage im Filmgespräch zeigte sich die Lektüre von Effi Briest durch Eisi Gulp als Anspielung auf das weite Land und den bürgerlichen Moralkodex der Wilhelminischen Ära.

Abseits der bürgerlichen Moral: Eisi Gulp in Austreten. Foto: schmidbauerfilm

Abseits der bürgerlichen Moral: Eisi Gulp in Austreten. Foto: schmidbauerfilm

Es sind viele versteckte Hinweise in Austreten, die beim oberflächlichen Ansehen schlichtweg übersehen werden. Wie die Raufereien in Mödlareuth, einem Dorf mit 40 Einwohnern, das zu einem Teil im Bundesland Bayern und zum anderen Teil im Bundesland Thüringen liegt. 41 Jahre lang verlief die innerdeutsche Grenze mitten durch das Dorf entlang des Tannbachs. Nach dem Austritt Bayerns beginnen die Rangeleien mit den thüringischen Grenzern. Und der Film spielt mit dem Separatismus der Franken und gipfelt an einem Zeitungskiosk bei dem der Fränkische Beobachter ausliegt.

Details, die liebevoll gemacht sind - wie das (cz). Foto: schmidbauerfilm

Details, die liebevoll gemacht sind – wie das (cz). Foto: schmidbauerfilm

Sehr nett auch die politische Anspielung auf den Pressesprecher des Ministerpräsidenten. Auf seinem Namensschild steht nach dem Dr in Klammern (cz). Hatte nicht mal Andreas Scheuer seinen Doktor in Tschechien gemacht …

Austreten setzt auf Improvisation
Im Grunde reitet Austreten auf der Welle der Provinzkrimis, die in Bayern durch Rita Falk ihr Publikum gefunden haben. Und nein, das ist keine Filmkunst und keine Revolution – und damit bricht dann Austreten mit dem Autorenfilm der alten Zeit. Damals wollten die Regisseure eine Botschaft vermitteln, heute wollen Andreas Schmidbauer und Tanja Schmidbauer nur unterhalten. Ist Unterhaltung etwas schlechtes? Nein, aber das Kinopublikum von heute will einen technisch besseren Film sehen. Persönlich war mir der Schnitt zu schnell, der Tonschnitt hat nicht gepasst und der Film hat keinen durchgängigen Rhythmus.

Selfie mit dem Filmteam.

Selfie mit dem Filmteam.

Und dann denke ich mir: Was soll es? Es ist eine Gruppe von jungen Leuten. Andreas Schmidbauer ist 27 Jahre, seine Schwester Tanja ist 24 Jahre alt und für ihr Alter haben sie zusammen mit ihren Freunden einen Hammerfilm auf den Markt gebracht. Wobei mit Hammerfilm nicht die britische Produktionsgesellschaft gemeint ist, die ähnlich auf Improvisation setzt. Die Geschwister Schmidbauer haben mit ihrer Produktionsgesellschaft schmidbauerfilm die bayerische Filmförderung FFF mit seinem kritischen Leiter Klaus Schaefer überzeugt und mit dem Geld im Rücken eine Reihe namhafter Schauspieler an Land ziehen können.
Andreas Schmidbauer ist in der Branche nicht unbekannt. Der Absolvent der Hochschule der Medien in Stuttgart ist Kameramann und hat sich einen Namen im Bereich Stereoskopie gemacht. Bei Austreten setzte er allerdings nicht auf das große und teure Equipment von ARRI, sondern filmte mit einer einfacheren digitalen Sony.
Also Austreten ansehen kann man, muss man nicht. Aber die Karriere der beiden Schmidbauers mit ihren Freunden muss man beobachten. Da ist viel Potential.

Kein Filmtipp: Zombieland auf Blu ray

26. Juni 2011

Was ist aus dem guten, alten Zombiefilm geworden? Zombie waren immer untere Schublade des Kinos. Verrufen, verbannt, verachtet. Ich habe mir gestern als Fan des fantastischen Films den Streifen „Zombieland“ angeschaut und mich mit Grausen abgewendet. Nein, nicht wegen der zahlreichen Gore-Effekte, sondern als ich merke, dass ich für diese Art von Humor nicht geschaffen bin. Verdammt, ich bin für solche Teenagerfilme wohl zu alt. Was soll dieses Erstlingswerk von Werbefilmer Ruben Fleischer denn überhaupt sein? Komödie? Horrorfilm? Roadmovie? Oder von jedem etwas? Aber er ist nichts von alldem.

Zugegeben die Masken sind fein, ab und zu ist ein guter Lacher dabei (ich sag nur Willie Nelson). Den Schnitt beherrscht der Herr Filmregisseur perfekt, schließlich kommt der Herr ja aus der Werbung. Schön war die Erzählweise im Kubrick-Stil, die dann in einer Zerstörungsorgie in einem Indianderfan-Shop endet. Das war schon ein wenig Horrorshow im Stil von Alex à la Uhrwerk Orange – schön mit Klassik unterlegt. Aber ich denke, die Zielgruppe des Films hat es nicht bemerkt, genauso wie das Banjospiel aus „Beim Sterben ist jeder der erste“.

Immer feste drauf - sind ja nur Zombies.

Immer feste drauf - sind ja nur Zombies.

Aber ich vermisse die künstliche übertriebene Ernsthaftigkeit der Romero-Streifen und natürlich der billigen italienischen Nachahmer wie Lucio Fulci. Bei Filmen wie „Über dem Jenseits“ The Beyond – haben sich noch ganze Heerscharen von Jugendschützern den Mund fusselig diskutiert und dann Filme verboten und zumindest indiziert. Politiker sind darauf angesprungen und haben den Zombieschund verurteilt. Elternverbände sind Sturm gelaufen. Und dann gibt man heute einen Brutalofilm wie Zombieland eine FSK ab 16 Jahren. Wahrscheinlich weil in dem Film gelacht werden kann. Ja Lachen relativiert und dann kann man locker Untote niederwalzen, mit dem Baseballschläger traktieren, mit der Schrotflinte Köpfe wegpusten – ja ja, selten so gelacht wie in Zombieland. Wo sind wir denn hingekommen?

Zombieland schwimmt auf einer neuen Zombiewelle, die seit einigen Jahren das Genre bereichert, wobei mir persönlich „Shaun of the Dead“ deutlich besser gefallen hat. Wahrscheinlich weil der Humor nicht US-Mainstream war, sondern von der Insel kam.

So richtig Splatter ist er dann auch wieder nicht. Da hat „Braindead“ von Peter Hobbit Jackson oder sein Frühwerk „Best Taste“ besseres abgeliefert. Diese Filme waren einfach zynischer und hatten eine klare Zielgruppe. Ich weiß eben nicht, was Zombieland sein soll. Wurden bei Romeros Zombie noch Diskussionen über Faschismus geführt und die Konsumgesellschaft in Frage, dürfen die Protagonisten heute in Zombieland die Untoten einfach so abknallen. Hauptsache man befolgt ein paar Regeln. Freunde, das haben wir alles schon mal gesehen und zwar besser: Werbefilmer Ruben Fleischer hat geklaut, hier ein wenig Tarantino, hier ein wenig Danny Boyle. „28 days later“ hatte als moderner Zombiefilm wirkliche Atmosphäre.

Ich habe neulich die ganz alten Heuler mir wieder angesehen und mich schön gegeruselt: Jacques Tourneurs „Ich folgte einem Zombie“ oder der atmosphärisch dichte Horrorfilm von Victor Halperin „White Zombie“. Wenn ich Gore wollte, griff ich in die Mottenkisten und schaute mir den grottenschlechten „Ein Zombie hing am Glockenseil“ an. Und wenn ich mich aufregen wollte, legte ich die DVDs von George „dicke Brille“ Romereo ein. Und wenn ich lachen wollte, dann greif ich zur 2004-Verfilmung Dawn of the Dead oder natürlich zu „Shaun of the Dead“. Zombieland ist für mich ein unnötiger Beitrag zum modernen Horrorfilm nach Pop Corn-Art wie die unsägliche „Scream“-Reihe von Wes „ich kann nix richtig machen“ Craven. Wem der eine Film gefällt, dem gefällt der andere auch. Mir gefallen beide nicht. Und daher dreht man jetzt Zombieland 2 – diesmal in 3D.