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Zwischen Verfall und Vergessen: Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter zu Gast im PresseClub München

14. Oktober 2026

Verlassene Fabriken, vergessene Bauernhöfe, geplünderte Krankenhäuser und die Geschichten hinter zerfallenden Mauern: Im PresseClub München gewährte die Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter faszinierende Einblicke in ihre Arbeit. Im Gespräch mit Matthias J. Lange, Beirat im Vorstand des PresseClubs München, sprach sie über die Ästhetik des Verfalls, ihre fotografische Leidenschaft, gefährliche Begegnungen, den verantwortungsvollen Umgang mit verlassenen Orten und die zerstörerischen Auswirkungen sozialer Medien. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt einer neuen Reihe zur Fotografie im PresseClub München.

Es sind Orte, die ihre ursprüngliche Bestimmung längst verloren haben. Gebäude, in denen einst Menschen lebten, arbeiteten, feierten oder litten. Heute stehen sie leer, verfallen langsam und werden von der Natur zurückerobert. Für viele Menschen sind solche Ruinen lediglich Schandflecken oder gefährliche Überreste vergangener Zeiten. Für Agnes Hörter dagegen sind sie faszinierende Zeitzeugen, die Geschichten erzählen. Die Fotografin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sogenannten Lost Places und hat ihre Entdeckungen bereits in drei Büchern dokumentiert. Hier die Aufzeichnung des Gesprächs im PresseClub.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Ort seine Geschichte selbst erzählt“, erklärte Hörter im PresseClub München. „Der eine gibt mehr oder weniger von sich preis.“ Genau diese Geschichten sind es, die sie antreiben. Dabei geht es ihr nicht ausschließlich um spektakuläre Bilder, sondern um die Menschen, die Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich hinter verlassenen Mauern verbergen.

Mit der Veranstaltung eröffnete der PresseClub München eine neue Reihe, die sich verstärkt der Fotografie widmen soll. Moderator Matthias J. Lange betonte zur Begrüßung die Bedeutung der Fotografie als Bestandteil journalistischer Arbeit. Bilder seien weit mehr als Illustrationen. Sie dokumentierten Wirklichkeit, vermittelten Zusammenhänge und könnten Geschichten erzählen, die sich mit Worten allein kaum beschreiben ließen. Mit Agnes Hörter habe man bewusst eine Fotografin eingeladen, die sich einem ungewöhnlichen fotografischen Genre verschrieben habe.

Eine verlassene Möbelfabrik als Beginn einer Leidenschaft

Der Ursprung von Hörters Begeisterung liegt in einer zufälligen Entdeckung. Bei einem Spaziergang stieß sie auf eine verlassene Möbelfabrik. Eine eingestürzte Industriehalle, überwucherte Gleise und die Überreste einer längst eingestellten Produktion weckten ihre Neugier. „Das ist schon irre, wenn man sich vorstellt, dass da mal produziert wurde und dann wachsen da Farne, kleine Bäume, Moose, Pilze“, erinnerte sie sich. „Da, wo früher gearbeitet wurde, das ist so ein ganz neuer kleiner Kosmos.“

Was von außen wie eine gewöhnliche Ruine ausgesehen habe, entpuppte sich im Inneren als geheimnisvolle Welt. „Das ist auch so ganz anders wie das, was man sonst sieht. Und das sieht man nicht, wenn man nicht in dieses Gebäude kommt.“ Aus dieser ersten Entdeckung entwickelte sich eine Leidenschaft, die Hörter bis heute nicht losgelassen hat. Die Faszination beginnt für sie bereits vor dem Betreten eines Gebäudes. „Ich glaube, in allererster Linie bin ich aufgeregt. Es ist spannend. Ich habe da was gefunden. Und dann juckt es mich so ein bisschen in den Fingern.“

Allerdings unterscheidet sie deutlich zwischen verlassenen Industrieanlagen und ehemaligen Wohnhäusern. Während Fabriken vor allem ihre Neugier auf technische und historische Zusammenhänge wecken, lösen zurückgelassene Wohnungen und Bauernhöfe häufig ganz andere Gefühle aus. „Ich glaube, das berührt einen schon, wenn du plötzlich in einem Zimmer stehst und da ist noch ganz viel drin“, sagte Hörter. „Da fühlt man sich dann schon so als Eindringling.“

Besonders bewegend sei der Anblick vollständig eingerichteter Häuser, deren Bewohner offenbar eines Tages verschwunden seien. Möbel, Kleidung, Zeitungen und persönliche Gegenstände ließen erahnen, wie die Menschen einst gelebt hätten. „Das ist dann auch so ein Moment, wo man sich überlegt: Mache ich das jetzt eigentlich? Gucke ich mich in einem fremden Leben um oder lasse ich es lieber?“ Ihre Antwort fiel bemerkenswert offen aus: „Aber meistens, muss ich zugeben, bin ich einfach zu neugierig und das ist zu spannend.“

Wenn verlassene Häuser von Einsamkeit erzählen

Wie intensiv sich Hörter mit den Geschichten hinter ihren Motiven beschäftigt, verdeutlichte sie anhand eines verlassenen Bauernhofs. Dessen ehemaliger Bewohner war ein hochdekorierter Feuerwehrkommandant gewesen. In seinen letzten Lebensjahren hatte er offenbar nur noch wenige Räume im Erdgeschoss genutzt. Die oberen Stockwerke waren über Jahrzehnte weitgehend unverändert geblieben, während Teile des Gebäudes bereits einstürzten.

Für die Fotografin entstand daraus ein berührendes Bild menschlicher Vergänglichkeit. Wie konnte ein Mann, der beruflich große Verantwortung getragen hatte, am Ende unter derart schwierigen Bedingungen leben? „Da fragt man sich unwillkürlich, was ist da passiert?“, erzählte Hörter. Vielleicht sei der Mann zu stolz gewesen, um Hilfe anzunehmen. Vielleicht habe er seine Selbstständigkeit nicht aufgeben wollen. Sie machte allerdings deutlich, dass solche Überlegungen Interpretationen seien und keine gesicherten Erkenntnisse. „Das sind natürlich alle Spekulationen.“

Gerade hier zeigte sich die besondere Verbindung zwischen Fotografie und journalistischem Erzählen. Denn Hörter möchte nicht bloß den Verfall dokumentieren. Sie versucht, den Menschen hinter den zurückgelassenen Gegenständen gerecht zu werden. „Ich glaube, es gibt auch eine Grenze dessen, was man zeigen kann oder zeigen sollte.“

Im Fall des ehemaligen Feuerwehrkommandanten entschied sie sich deshalb, vor allem die erhalten gebliebenen schönen Wohnbereiche und dessen Engagement bei der Feuerwehr zu dokumentieren. Die Verwahrlosung sollte nicht im Mittelpunkt stehen. „Man muss ja nicht das Schlechte hervorheben“, betonte sie.

Damit berührte das Gespräch eine zentrale Frage des dokumentarischen Journalismus: Darf alles gezeigt werden, nur weil es fotografiert werden kann? Und welche Verantwortung trägt derjenige, der private Lebensgeschichten öffentlich macht? Für Hörter gehört der Respekt vor den früheren Bewohnern untrennbar zu ihrer fotografischen Arbeit.

Die Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die fotografische Arbeitsweise. Hörter besitzt eine künstlerische Ausbildung, betrachtet ihre Arbeit aber nicht ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten. „Ich glaube, jedes Foto ist irgendwo auch ein bisschen künstlerisch“, erklärte sie.

Entscheidend sei zunächst, die besondere Atmosphäre eines Ortes einzufangen. Dabei arbeite sie mit vergleichsweise überschaubarer Ausrüstung. Neben einer kleinen Digitalkamera nutzt sie inzwischen eine zweite Kamera, ein Weitwinkelobjektiv, ein Stativ und bei Bedarf zusätzliche Beleuchtung. Die Ausrüstung müsse vor allem zuverlässig funktionieren. Schließlich seien die Bedingungen in verlassenen Gebäuden selten ideal. Häufig herrsche Zeitdruck, Räume seien dunkel und manche Orte könnten nur schwer erreicht werden. „Manchmal weißt du einfach, du hast nicht viel Zeit, du musst dich beeilen. Dann brauchst du eine kleine Kamera, auf die du dich verlassen kannst.“

Bei größeren Fabrikanlagen könne eine fotografische Erkundung durchaus sechs oder acht Stunden dauern. Deshalb gehörten neben Kameras und Taschenlampen auch Proviant und Verbandsmaterial zur Ausrüstung. Hörter versucht, jeden Raum möglichst vollständig zu dokumentieren. Neben Gesamtansichten entstehen Detailaufnahmen von Maschinen, Möbeln, Werkzeugen oder persönlichen Gegenständen. „Ich versuche immer, das Raum für Raum vorzugehen“, beschrieb sie ihre Methode.

Dabei habe sie durchaus aus Fehlern gelernt. Einmal sei sie aus einem großen Bauernhaus mit zahlreichen gelungenen Detailaufnahmen zurückgekehrt, habe aber vergessen, einen besonders interessanten Raum vollständig zu fotografieren. „Da habe ich mich aber geärgert.“

Die digitale Nachbearbeitung ihrer Bilder hält Hörter bewusst zurückhaltend. Sie fotografiert überwiegend im JPEG-Format und korrigiert anschließend vor allem Kontraste, Helligkeit und Farben. „Ich versuche vorrangig, die Stimmung vor Ort zu transportieren. Und im Grunde braucht es da nicht sehr viel.“ Auch HDR-Techniken setzt sie gelegentlich ein, etwa um verborgene Strukturen oder alte Tapetenmuster sichtbar zu machen. Allerdings gilt für sie der Grundsatz: „So wenig wie möglich, nur das, was nötig ist.“

Besonders interessant war ihre Haltung zum Bewegtbild. Obwohl sie mittlerweile auch eine Drohne besitzt, möchte sie sich nicht unbedingt zur Videoproduzentin entwickeln. „Ich glaube, Videos wird nicht so mein Ding“, sagte sie. Das Internet sei bereits von zahllosen, häufig reißerisch aufgemachten Videos überschwemmt. Sie sehe keinen Grund, sich diesem Trend anschließen zu müssen.

Drohnen eröffnen neue Perspektiven

Die Drohnenfotografie betrachtet Hörter dagegen als wertvolle Ergänzung ihrer Arbeit. Gerade bei weitläufigen Industrieanlagen ermögliche der Blick aus der Luft Erkenntnisse, die vom Boden aus kaum zu gewinnen seien. „Denn eine große Kristallfabrik oder so, du kriegst ja diesen ganzen Komplex nie zusammen“, erläuterte sie.

Aus 60 oder 70 Metern Höhe ließen sich beispielsweise Produktionshallen, Lagerflächen und Transportwege erkennen. Mitunter würden dadurch sogar historische Produktionsabläufe verständlich. Auch ehemalige Schwimmbäder oder Freizeitparks entwickelten aus der Vogelperspektive eine eigene Ästhetik. Die Anordnung von Wasserbecken, Rutschen und Gebäuden werde erst aus der Luft vollständig sichtbar.

Hörter betonte allerdings, dass der Einsatz einer Drohne zusätzliche technische Kenntnisse und die Beachtung gesetzlicher Vorschriften erfordere. Besonders bei Flügen innerhalb einsturzgefährdeter Gebäude sei sie zurückhaltend.

Wenn aus Fotografieren ein Polizeieinsatz wird

Dass Lost-Places-Fotografie nicht nur romantische Entdeckungen bereithält, sondern durchaus gefährlich werden kann, verdeutlichte Hörter mit einer spektakulären Geschichte aus Hessen. Gemeinsam mit zwei Begleitern erkundete sie einen verlassenen Krankenhauskomplex. Die Eingangstür stand offen. Im Keller begegnete die Gruppe zunächst mehreren mutmaßlichen Kabeldieben, die sich beim Anblick der Fotografen erschreckten und flüchteten.

Die Fotografen setzten ihre Erkundung fort. Wenig später hörte Hörter plötzlich schwere Schritte und den Ruf: „Hände hoch, Polizei!“ Zunächst glaubte sie an einen Scherz anderer Besucher. Doch die Situation wurde schnell ernst. Schwer ausgerüstete Polizisten durchsuchten das Gebäude und kontrollierten ihre Begleiter. „In dem Moment merkst du, okay, das ist ernst.“

Hörter selbst hatte sich zunächst in einem Raum aufgehalten und wurde schließlich ebenfalls entdeckt. Rückblickend berichtete sie mit trockenem Humor von ihrer Reaktion. „Ich war vielleicht so schockiert, dass ich gar keine Angst mehr haben konnte. Ich war eigentlich nur besorgt um meine Fotos.“

Wie sich herausstellte, waren die Fotografen mitten in eine verdeckte Polizeiaktion gegen Kabeldiebe geraten. „Das war echt ungünstig“, kommentierte Hörter die Situation. Nachdem die Personalien aufgenommen worden waren, durfte die Gruppe das Gebäude verlassen. Konsequenzen habe die Begegnung für sie nicht gehabt.

Eine weitere abenteuerliche Geschichte spielte in einem ehemaligen Swingerclub, dessen Räume aufwendig künstlerisch gestaltet worden waren. Ein Ägyptenzimmer, ein Dschungelzimmer und weitere Themenräume machten das Gebäude zu einem außergewöhnlichen fotografischen Motiv. Allerdings fühlten sich Hörter und ihre Begleitung zunehmend unwohl. Als im Keller plötzlich ein rotes Warnlicht aufleuchtete, ertönte der vereinbarte Alarmruf: „Lauf!“

„Was dazu geführt hat, dass ich dann einen Hechtsprung aus dem Fenster gemacht habe. James Bond hätte es nicht besser machen können.“

Nach Hörters Schilderung gehörte das Gebäude einer Rockergruppe. Ob tatsächlich Gefahr bestanden habe, blieb offen. Hörter war jedenfalls froh, den Ort verlassen zu haben. Solche Erlebnisse seien jedoch keineswegs der Grund, weshalb sie Lost Places fotografiere. Auf die Frage nach ihrer Abenteuerlust erklärte sie: „Da bin ich eher so zurückhaltend. Abenteuer brauche ich nicht unbedingt. Also manchmal ist mir das entspannte Fotografieren lieber.“

„Zu ist zu“ – der schwierige Ehrenkodex der Lost-Places-Szene

Ausführlich diskutierten Hörter und Lange über die rechtlichen und moralischen Grenzen der Lost-Places-Fotografie. Ein Grundsatz, den Hörter auch in ihren Büchern vertritt, lautet: „Zu ist zu.“

Sie selbst breche keine Türen auf und zerstöre keine Schlösser. Gleichzeitig räumte sie offen ein, dass viele ihrer fotografischen Entdeckungen nur deshalb möglich seien, weil andere Menschen zuvor unbefugt Zugänge geschaffen hätten. „Die Krux an der Geschichte ist, ich würde in die meisten Gebäude ja nicht reinkommen, wenn nicht vorher jemand eingebrochen oder aufgebrochen hätte.“

Das sei ein Widerspruch, mit dem sie leben müsse. Viel lieber würde sie offizielle Genehmigungen erhalten. Doch gerade bei leerstehenden Gebäuden seien Eigentumsverhältnisse häufig kompliziert und Ansprechpartner schwer zu erreichen. „Es wäre mir schon lieber, ich würde eine Genehmigung bekommen. Aber da rennst du ja oft gegen Wände.“

Hörter warnte zugleich davor, die gesamte Lost-Places-Szene pauschal als verantwortungsbewusste Gemeinschaft darzustellen. „Es heißt immer, ja, das sind die Lost-Place-Fotografen, die machen sowas nicht. Aber ich glaube, es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Tatsächlich gebe es auch Fotografen, die Motive bewusst zerstörten, nachdem sie ihre eigenen Bilder aufgenommen hätten, damit andere diese Aufnahmen nicht mehr machen könnten. „Ich glaube, es ist schon so ein bisschen eine Blase zu sagen, wir sind die Guten.“ Der Ehrenkodex existiere durchaus noch. Doch Hörter beobachtet mit Sorge, dass er zunehmend an Bedeutung verliere.

Wenn die Veröffentlichung zur Zerstörung führt

Besonders eindringlich wurde das Gespräch, als es um die Verantwortung von Medien und sozialen Netzwerken ging. Hörter machte deutlich, dass die Veröffentlichung von Lost-Places-Fotografien schwerwiegende Folgen für die dokumentierten Orte haben könne. „Man sagt immer so, die sozialen Medien sind dafür verantwortlich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es auch Presseberichte sind. Ganz eindeutig.“

Problematisch seien vor allem Veröffentlichungen, die genaue Standorte nennen und zugleich darauf hinweisen, dass Gebäude unbewacht seien. „Gerade wenn noch explizit herausgearbeitet wird, dass da schon lange keiner mehr ist und da sich niemand drum kümmert.“

Als Beispiel schilderte sie eine ehemalige Westernstadt bei Nürnberg. Nachdem ein Onlineartikel über den verlassenen Ort erschienen war, hätten sich zahlreiche Besucher auf den Weg gemacht. Innerhalb kürzester Zeit seien Zäune beschädigt, Gegenstände gestohlen und Scheiben eingeschlagen worden. „Es ist wirklich ein echtes Problem.“

Die Entwicklung habe sich durch soziale Medien dramatisch beschleunigt. Während sich früher kleine Gruppen von Fotografen untereinander austauschten, würden heute Standortdaten teilweise systematisch gesammelt und sogar verkauft. „Inzwischen werden Apps gemacht. Du kannst dir eine App runterladen, die dir, wenn du rumfährst, gleich bimmelt, wenn da irgendwo was ist.“

Teilweise würden Koordinaten gegen Bezahlung angeboten. Was früher mühsame Recherche erforderte, sei heute mit wenigen Klicks verfügbar. „Heute kann es wirklich eine Woche dauern. Ein Ort wird gefunden, kommt in so eine Karte. Du siehst zehn, zwanzig, dreißig Fotos, Videos und Filmchen im Internet. Und danach war es das.“

Besonders erschütternd sei die Entwicklung bei verlassenen Schwimmbädern, Krankenhäusern und Hotels. Ein bekannt gewordener Standort ziehe nicht nur Fotografen an, sondern auch Diebe, Randalierer und Menschen, die gezielt Zerstörung suchten.

Der Rosenhof: Ein Beispiel für den Verlust eines Kulturguts

Eine besonders traurige Geschichte erzählte Hörter über einen alten Bauernhof, den sie als Rosenhof bezeichnete. Das Gebäude war liebevoll eingerichtet und dekoriert worden. Möbel, Bilder und zahlreiche persönliche Gegenstände vermittelten einen Eindruck vom früheren Leben seiner Bewohner. Ein wunderschöner Rosengarten ergänzte das Anwesen.

Doch nachdem Aufnahmen des Hauses im Internet aufgetaucht waren, begann dessen Plünderung. Ein Bekannter habe ihr schließlich Bilder von Möbeln geschickt, die auf einer tschechischen Kleinanzeigenplattform angeboten wurden. Hörter erkannte die Einrichtungsgegenstände des Bauernhofs wieder. „Und beim Ranzoomen hat man gesehen, auch die Farbfehler. Das waren genau die Möbel aus diesem Hof.“

Offenbar waren große Teile der Einrichtung systematisch abtransportiert worden. „Es ist komplett ausgeräumt worden.“ Als Hörter später zurückkehrte, fand sie ein verwüstetes Gebäude vor. Die einstige Atmosphäre war unwiederbringlich zerstört.

Besonders bitter: Die Erben hatten offenbar versucht, das Anwesen zu schützen. Nach Hörters Schilderung deuteten Aufnahmen einer Überwachungskamera auf den Abtransport von Gegenständen hin. „Und das alles, weil es ein Video im Internet gab“, sagte Hörter.

Die Geschichte verdeutlichte ein grundlegendes Dilemma ihrer Arbeit: Fotografien können historische Orte bewahren, indem sie deren Zustand dokumentieren. Gleichzeitig können genau diese Bilder Menschen anlocken, die zur endgültigen Zerstörung beitragen.

Respektlosigkeit, Vandalismus und die Frage nach den Ursachen

Im weiteren Verlauf berichtete Hörter von zahlreichen verlassenen Gebäuden, die nach ihrer Entdeckung mutwillig zerstört wurden. Besonders erschütternd sei für sie der Zustand einer ehemaligen Klinik in Höchenschwand im Schwarzwald gewesen. „Das sind so Momente, die machen mich wirklich sprachlos und wütend.“

Dabei gehe es längst nicht mehr ausschließlich um Diebstahl. Zwar würden professionelle Täter weiterhin Kupferleitungen, Kabel und andere wertvolle Materialien aus leerstehenden Gebäuden entfernen. Doch daneben gebe es Menschen, die offenbar aus reiner Zerstörungslust handelten. „Wirklich zu fünft, zu sechst nachts in so ein Gebäude einzudringen und es von oben bis unten klein zu klopfen. Das ist leider so.“

Auf die Frage aus dem Publikum, woher diese Wut komme, konnte auch Hörter keine abschließende Antwort geben. „Ich glaube, es gibt wirklich Leute, die Frust ablassen wollen.“

Sie schilderte einen ehemaligen Hotelkomplex am Tegernsee, in dem Waschbecken, Türen und andere Einrichtungsgegenstände mit einer Axt zerstört worden waren. Gleichzeitig hätten Diebe bereits Metallbeschläge für den Abtransport bereitgelegt. Besonders bemerkenswert sei gewesen, dass sich das Gebäude mitten in einem belebten Ort befunden habe. „Also auch wenn das sehr prominent ist, das Hausgebäude, das hilft nicht, dass so was passiert.“

Hörter kritisierte außerdem eine Entwicklung, bei der sich Menschen beim Eindringen in verlassene Gebäude selbst filmten und ihre Aktionen anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlichten. „Inzwischen siehst du ganz viele Videos, wo sich Leute zeigen, wie sie in ein Gebäude einsteigen.“

Hinzu komme eine zunehmende Inszenierung. Gegenstände würden verschoben, Räume dekoriert oder zurückgelassene Kostüme für Videos verwendet. Für Hörter ist dies mit ihrer Vorstellung dokumentarischer Fotografie kaum vereinbar. „Ich fasse ja teilweise nicht mal was an“, erklärte sie. „Und ich finde auch, dass es sehr respektlos diesem Ort gegenüber ist.“

Selbst vermeintlich gut gemeinte Aufräumaktionen betrachtet sie kritisch. Denn wenn Menschen Möbel umstellen, Müll beseitigen und Räume dekorieren, verändern sie den ursprünglichen Zustand und damit die Geschichte des Ortes. Allerdings räumte sie ein: „Die Leute sind mir dann doch lieber als die, die alles zerstören.“

Industriekultur als Gedächtnis einer Gesellschaft

Eine besondere Leidenschaft entwickelt Hörter für historische Industrieanlagen, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern. Dort dokumentiert sie nicht nur verlassene Fabriken, sondern beschäftigt sich intensiv mit der wirtschaftlichen und technischen Vergangenheit. „Es macht mich manchmal auch sprachlos, wenn ich sehe, was da passiert ist“, erklärte sie.

Besonders faszinierend sei für sie die Vielfalt der ehemaligen volkseigenen Betriebe der DDR. „Ich hätte gar nicht gewusst, es gab auch wirklich für alles eine Fabrik. Nur für Hausschuhe. Und eine Fabrik nur für irgendwelche Bolzen.“

Je intensiver sie sich mit einem Betrieb beschäftige, desto mehr Zusammenhänge würden sichtbar. Lieferketten, Produktionsverfahren und Verbindungen zwischen verschiedenen Unternehmen ergäben ein immer komplexeres Bild. „Man hat mal so angefangen zu graben. Das wird immer größer.“

Gerade die historische Industriekultur sei deshalb für sie ein nahezu unerschöpfliches Forschungsgebiet. Hörter verwies dabei auch auf die Veränderungen durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Wie frühere industrielle Umbrüche würden auch diese Entwicklungen Unternehmen, Produktionsstätten und ganze Berufsbilder verändern.

Die Frage, welche Spuren unsere heutige Gesellschaft für kommende Generationen hinterlassen werde, schwang dabei mit. Während historische Fabriken mit ihren Backsteinfassaden, Maschinenhallen und Schornsteinen häufig eine besondere architektonische Qualität besäßen, könnten moderne Zweckbauten diese Faszination möglicherweise nur schwer vermitteln.

Ein viertes Buch über Kunst in Ruinen

Neben ihren bisherigen drei Büchern arbeitet Agnes Hörter bereits an einem weiteren Projekt. Diesmal soll es um die Verbindung zwischen verlassenen Gebäuden und zeitgenössischer Kunst gehen. Im Mittelpunkt stehen Graffiti, großflächige Wandbilder und künstlerische Installationen in ehemaligen Industrieanlagen.

Dabei unterscheidet Hörter deutlich zwischen wahllosen Schmierereien und anspruchsvoller Street-Art. „Aber es gibt auch richtig gute Leute“, sagte sie über die Graffiti-Künstler. „Und da habe ich so nach und nach Sachen gesehen, da war ich echt sprachlos und hab mir gedacht, das muss ich den Leuten zeigen.“

Das geplante Buch soll deshalb nicht nur fotografische Dokumentationen enthalten, sondern auch einzelne Künstler porträtieren. Besonders interessant findet Hörter organisierte Kunstprojekte, bei denen leerstehende Industriegebäude vorübergehend für internationale Künstler geöffnet werden.

Dabei entstehen großformatige Wandbilder, Installationen und andere Kunstwerke, die den verlassenen Räumen für kurze Zeit neues Leben verleihen. Anschließend können Besucher die Gebäude im Rahmen von Veranstaltungen besichtigen. Historische Führungen vermitteln zusätzlich die ursprüngliche Bedeutung der Anlagen.

Für Hörter ist das ein überzeugendes Konzept: Industriekultur wird nicht einfach dem Verfall überlassen, sondern für Kunst und Öffentlichkeit neu erschlossen.

Wie groß ihre Leidenschaft für besondere Motive ist, zeigte eine weitere Geschichte. Jahrelang hatte sie nach einem außergewöhnlichen Graffiti in einem ehemaligen Kraftwerk gesucht. Schließlich gelang es ihr, den Standort durch aufwendige Recherchen einzugrenzen. Als sich eine Gelegenheit ergab, konnte sie das Gebäude schließlich fotografisch erkunden. „Wir haben sechs Stunden lang gesucht, nur für dieses eine Foto.“ Ein Aufwand, der eindrucksvoll verdeutlicht, wie viel Geduld und Beharrlichkeit hinter ihren Bildern stecken.

Schiffswracks als neue fotografische Herausforderung

Zum Abschluss des moderierten Gesprächs richtete Matthias J. Lange den Blick auf einen weiteren Traum der Fotografin: die Dokumentation versunkener Schiffe. „Ja, definitiv“, antwortete Hörter auf die Frage, ob diese Idee noch aktuell sei.

Bereits an der französischen Atlantikküste hatte sie zwei Schiffswracks entdeckt, die bei Niedrigwasser zugänglich waren. Mithilfe von Satellitenbildern und Informationen über die Gezeiten gelang es ihr, die Überreste aufzuspüren. „Wir hatten dann ungefähr eine halbe Stunde Zeit, um die dann zu fotografieren.“

Besonders beeindruckend seien die Drohnenaufnahmen gewesen, auf denen sich die Wracks im Sand und im zurückkehrenden Wasser abzeichneten. Inzwischen hat Hörter sogar eine Unterwasserdrohne angeschafft. Erste Versuche auf bayerischen Seen erwiesen sich allerdings als schwieriger als erwartet. „Ich hatte null Ahnung, wo dieses Ding unter Wasser rumfährt.“

Vor allem die schlechte Sicht unter Wasser mache die Navigation kompliziert. Doch aufgeben möchte sie nicht. „Ich habe es noch nicht aufgegeben. Die meisten Wracks werden ja auch noch eine Weile liegen bleiben.“ Damit dürfte sich für die Fotografin möglicherweise ein weiteres Kapitel ihrer Arbeit eröffnen.

Eine Archäologin der jüngeren Vergangenheit?

In der anschließenden Publikumsdiskussion wurden Fragen nach Eigentumsrechten, Drohnenvorschriften, Vandalismus und dem gesellschaftlichen Wert der Lost-Places-Fotografie vertieft. Besonders interessant war die Frage eines Besuchers, ob Hörter sich als eine Art Archäologin verstehe. „Werden Sie beleidigt, wenn ich Sie als Archäologin bezeichne?“, wollte er wissen. „Nein, überhaupt nicht“, antwortete sie.

Tatsächlich gibt es bemerkenswerte Parallelen zwischen ihrer Arbeit und archäologischer Forschung. Beide beschäftigen sich mit den materiellen Hinterlassenschaften vergangener Lebenswelten. Beide versuchen, aus Gegenständen, Gebäuden und räumlichen Zusammenhängen Rückschlüsse auf die Menschen zu ziehen, die diese Orte einst nutzten.

Allerdings handelt es sich bei Hörters Arbeit nicht um wissenschaftliche Archäologie, sondern um eine Verbindung aus fotografischer Dokumentation, historischer Recherche und persönlicher Interpretation. Gerade diese Mischung macht ihre Bilder und Bücher interessant. Sie dokumentiert nicht nur den Zustand eines Gebäudes, sondern fragt nach seiner ursprünglichen Funktion, seinen Bewohnern und seiner Bedeutung für die Gesellschaft.

Dabei kommt ihr eine Eigenschaft zugute, die auch für journalistische Arbeit unverzichtbar ist: Neugier. „Also mich interessiert es unheimlich“, erklärte sie über ihre historischen Recherchen. „Und wenn ich sowas finde, dann muss ich auch immer gucken, dass das nicht alles zu ausufernd wird.“

Die Fotografien bilden den Ausgangspunkt. Doch häufig beginnt die eigentliche Geschichte erst danach.

„Diese verlorenen Orte sind für mich Orte der Ruhe und der Stille“

Die vielleicht persönlichste Antwort des Abends gab Agnes Hörter auf die Frage nach ihrer tiefsten Motivation. Warum zieht es sie immer wieder in verlassene Gebäude, obwohl diese oft schmutzig, gefährlich und schwer zugänglich sind? Warum verbringt sie Stunden in dunklen Fabrikhallen, einsturzgefährdeten Bauernhäusern und überwucherten Industrieanlagen?

Hörter verwies auf eine Fernsehdokumentation über ihr Leben, die unter dem Titel „Weibsbilder“ im Bayerischen Fernsehen gezeigt wurde. Darin werde deutlich, was diese Orte für sie persönlich bedeuteten. „Diese verlassenen, verlorenen Orte, wo andere sich gruseln, die sind eher für mich Orte der Ruhe und der Stille.“

Gerade die Abwesenheit anderer Menschen mache einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus. „Ich möchte auch am liebsten niemandem begegnen. Ich hasse das, wenn da noch andere rumlaufen.“ Was für Außenstehende wie eine unwirtliche Ruine erscheint, empfindet Hörter als Rückzugsort. „Aber für mich ist das so eine Oase der Stille, der Ruhe. Und das zieht mich an.“

Dann wurde die Fotografin ungewöhnlich persönlich. Vielleicht, so überlegte sie, gebe es eine Verbindung zwischen den verlassenen Orten und eigenen Erfahrungen aus ihrer Kindheit. „Diese verlorenen Orte haben so ein bisschen auch das, was ich vielleicht als Kind so, diese Verlorenheit, die ich hatte.“

Es sei schwer, diese Verbindung genau zu erklären. Doch sie spüre, dass darin ein wesentlicher Teil ihrer Motivation liege. „Wir haben uns da schon irgendwie gefunden.“

Dabei romantisiere sie die tatsächlichen Bedingungen keineswegs. „Es stinkt, es ist dreckig, man saut sich ein. Du musst gucken, wegen Schimmel und Zeug. Es ist, weiß Gott, nichts, was irgendwie heimelig ist.“ Ein gewöhnlicher Spaziergang im Wald wäre sicherlich angenehmer. „Aber ich kann es nicht lassen.“

Mit diesen Worten endete ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich stimmender Abend im PresseClub München. Moderator Matthias J. Lange dankte Agnes Hörter für ihre Offenheit, ihre eindrucksvollen Fotografien und die vielen persönlichen Geschichten. Zugleich kündigte er an, dass sich der PresseClub künftig verstärkt mit unterschiedlichen Facetten der Fotografie beschäftigen wolle.

Der Auftakt machte deutlich, wie eng Fotografie, Geschichtsschreibung und Journalismus miteinander verbunden sind. Bilder können Erinnerungen bewahren, historische Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen für den Wert vergessener Orte sensibilisieren. Sie können allerdings auch Begehrlichkeiten wecken und damit unbeabsichtigt zur Zerstörung dessen beitragen, was sie dokumentieren.

Agnes Hörter bewegt sich seit Jahren in diesem Spannungsfeld. Ihre Fotografien sind Momentaufnahmen einer verschwindenden Welt, ihre Bücher zugleich Erinnerungsarbeit und persönliche Spurensuche.

Am Ende blieb vor allem eine Erkenntnis: Verlassene Orte sind nicht geschichtslos. Ihre Geschichten sind lediglich verstummt. Menschen wie Agnes Hörter sorgen dafür, dass sie wieder gehört und gesehen werden – bevor die letzten Spuren für immer verschwinden.

Lost Places – Wenn die Fotografie vergessenen Orten eine Stimme gibt

12. Oktober 2026

Verlassene Fabrikhallen, zerfallene Schlösser, aufgegebene Krankenhäuser, stillgelegte Bahnhöfe oder längst vergessene Hotels: Sie alle haben etwas gemeinsam. Einst waren sie voller Leben, heute herrscht dort Stille. Die Natur erobert sich langsam zurück, was der Mensch hinterlassen hat. Fenster zerbrechen, Farbe blättert von den Wänden, Feuchtigkeit dringt in das Mauerwerk und Pflanzen wachsen durch die Böden. Was auf den ersten Blick wie ein trauriges Zeugnis des Verfalls erscheint, entwickelt für immer mehr Fotografen eine geradezu magische Anziehungskraft. Die sogenannte Lost-Places-Fotografie hat sich zu einer eigenständigen fotografischen Ausdrucksform entwickelt, die dokumentarische Arbeit, künstlerische Gestaltung und historische Spurensuche miteinander verbindet. Ich darf am Dienstag, 13. Oktober um 11 Uhr im PresseClub München eine Diskussionsrunde mit der Fotografin Agnes Hörter durchführen. Anmeldung und Infos hier.

Der Begriff „Lost Places“ stammt aus dem Englischen und bezeichnet verlassene oder aufgegebene Orte. Häufig handelt es sich um Gebäude, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben und seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr genutzt werden. Manche stehen unmittelbar vor dem Abriss, andere befinden sich in einem langsamen Prozess des Verfalls. Wieder andere sind bereits von der Natur überwuchert und kaum noch als ehemalige menschliche Lebensräume zu erkennen. Für Fotografen bieten diese Orte eine außergewöhnliche Mischung aus Architektur, Geschichte, Licht und Atmosphäre.

Dabei geht es keineswegs ausschließlich um spektakuläre Ruinen oder den Nervenkitzel, einen verlassenen Ort zu betreten. Gute Lost-Places-Fotografie ist vor allem eine Form visueller Geschichtsschreibung. Die Bilder dokumentieren, wie Menschen früher gelebt, gearbeitet und ihre Freizeit verbracht haben. Eine verlassene Werkbank mit zurückgelassenem Werkzeug erzählt von industrieller Produktion, ein gedeckter Tisch in einem aufgegebenen Gasthaus von vergangenen Begegnungen und ein verstaubtes Kinderzimmer von einer Familie, deren Geschichte längst an einem anderen Ort weitergegangen ist.

Besonders faszinierend ist dabei die eigentümliche Gegenwart der Vergangenheit. In vielen verlassenen Gebäuden scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Kalender hängen noch an den Wänden, Zeitungen liegen auf Tischen, Aktenordner stehen in Regalen und Maschinen warten scheinbar darauf, wieder eingeschaltet zu werden. Die Menschen sind verschwunden, doch ihre Spuren sind geblieben. Genau diese Spannung zwischen Anwesenheit und Abwesenheit macht einen wesentlichen Teil der fotografischen Faszination aus.

Eine Fotografin, die sich dieser besonderen Bildwelt mit großer Leidenschaft widmet, ist Agnes Hörter. In unserem Gespräch im Presseclub werden wir ausführlich diskutieren.

Hörter interessiert sich sowohl für monumentale Industrieanlagen als auch für kleine, unscheinbare Gebäude. Besonders beeindruckt ist sie von ehemaligen Industriestandorten wie der Maxhütte oder der Völklinger Hütte. Dort bilden gewaltige Maschinen, rostige Rohre, Schornsteine und weitläufige Produktionshallen eine faszinierende Kulisse. Gleichzeitig berühren sie die persönlichen Hinterlassenschaften in verlassenen Wohnhäusern und Gaststätten. Eine zurückgelassene Brille, eine Zeitung oder eine Wasserflasche können dabei eine ebenso starke emotionale Wirkung entfalten wie eine riesige Fabrikhalle.

Ihre fotografische Herangehensweise ist bemerkenswert zurückhaltend. Hörter versucht, die Orte möglichst authentisch zu dokumentieren. Aufwendige Inszenierungen oder künstlich arrangierte Szenen stehen nicht im Mittelpunkt. Vielmehr möchte sie die Atmosphäre festhalten, die sie beim Betreten eines Gebäudes vorfindet. Damit bewegt sie sich zwischen klassischer Dokumentarfotografie und künstlerischer Interpretation.

Technisch stellt die Lost-Places-Fotografie besondere Anforderungen. Viele Gebäude verfügen über keine funktionierende Stromversorgung. Die Lichtverhältnisse sind schwierig, Fenster teilweise zugemauert oder durch Pflanzen verdeckt. Häufig dringt nur wenig Tageslicht in die Räume. Gerade diese Bedingungen können jedoch außergewöhnliche fotografische Ergebnisse ermöglichen.

Ein einzelner Sonnenstrahl, der durch ein zerbrochenes Fenster fällt und Staubpartikel sichtbar macht, kann eine beinahe mystische Stimmung erzeugen. Das diffuse Licht eines bewölkten Tages betont dagegen die Farben verblasster Tapeten und die Strukturen verwitterter Oberflächen. Besonders eindrucksvoll sind Aufnahmen, bei denen Licht und Schatten die räumliche Tiefe unterstreichen und den Blick des Betrachters gezielt durch das Bild führen.

Fotografisch spielen deshalb Belichtung, Perspektive und Bildkomposition eine entscheidende Rolle. Weitwinkelobjektive ermöglichen es, große Räume und architektonische Zusammenhänge darzustellen. Ein Stativ hilft bei längeren Belichtungszeiten, wenn nur wenig Licht vorhanden ist. Gleichzeitig eröffnen Detailaufnahmen völlig andere erzählerische Möglichkeiten. Eine verrostete Türklinke, eine zerbrochene Uhr oder ein verlassenes Paar Schuhe können mehr über die Geschichte eines Ortes vermitteln als eine vollständige Ansicht des Gebäudes.

Agnes Hörter arbeitet nach eigenen Angaben unter anderem mit einer Sony Alpha 6000, einem Weitwinkelobjektiv und einem Stativ. Für besondere Perspektiven setzt sie außerdem eine Drohne ein. Ihre Arbeit zeigt, dass nicht unbedingt die teuerste Kameraausrüstung entscheidend ist. Wesentlich wichtiger sind Geduld, ein geschulter Blick und die Fähigkeit, eine Geschichte fotografisch zu erzählen.

Ein besonderer Reiz der Lost-Places-Fotografie liegt im bewussten Umgang mit Vergänglichkeit. Während die klassische Architekturfotografie häufig darauf abzielt, Gebäude in einem möglichst perfekten Zustand zu präsentieren, richtet sich der Blick bei Lost Places auf das Unvollkommene. Risse, Rost, Schimmel, abgeplatzter Putz und überwucherte Fassaden werden zu gestalterischen Elementen. Der Verfall wird nicht versteckt, sondern zum eigentlichen Motiv erhoben.

Damit berührt diese Fotografie auch ein altes kunsthistorisches Thema: die Vanitas, die Vergänglichkeit allen irdischen Lebens. Bereits in der Malerei des Barock erinnerten verwelkende Blumen, Totenschädel und erloschene Kerzen daran, dass menschlicher Reichtum, Macht und Schönheit nicht von Dauer sind. Lost-Places-Fotografien übertragen diesen Gedanken in die Gegenwart. Ein einst luxuriöses Hotel, dessen Kronleuchter inzwischen von der Decke gefallen sind, oder eine verlassene Fabrik, in der früher Hunderte Menschen arbeiteten, werden zu modernen Sinnbildern der Vergänglichkeit.

Zugleich besitzt diese Fotografie eine gesellschaftliche Dimension. Verlassene Gebäude sind häufig sichtbare Folgen wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen. Fabriken schließen, weil Produktionsstandorte verlagert werden. Bahnhofsgebäude verlieren ihre Funktion durch die Automatisierung des Fahrkartenverkaufs. Hotels und Gaststätten verschwinden, weil sich Reisegewohnheiten verändern oder Nachfolger fehlen. Militärische Anlagen werden nach politischen Umbrüchen aufgegeben. Die Fotografien dokumentieren damit nicht nur Architektur, sondern auch Strukturwandel, wirtschaftliche Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen.

Besonders deutlich wird dieser dokumentarische Wert, wenn die fotografierten Gebäude später abgerissen werden. Dann bleiben die Aufnahmen möglicherweise als einzige visuelle Zeugnisse erhalten. In ihrem Bildband „Lost Places in Bayern“, der im Volk Verlag erschienen ist, widmet sich Agnes Hörter zahlreichen verlassenen Orten im Freistaat. Auf 208 Seiten verbindet sie atmosphärische Fotografien mit Informationen über die Geschichte der Gebäude. Darunter befinden sich ehemalige Industrieanlagen, Hotels, Bauernhöfe, Bunker und Freizeiteinrichtungen.

Solche Arbeiten können einen wichtigen Beitrag zur regionalen Erinnerungskultur leisten. Nicht jedes verlassene Gebäude steht unter Denkmalschutz, und nicht jede ehemalige Fabrik wird später zu einem Museum umgebaut. Oft verschwinden ganze Anlagen, ohne dass ihre Geschichte umfassend dokumentiert wurde. Fotografen können deshalb eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie diese Orte festhalten, bevor sie unwiederbringlich verloren gehen.

Allerdings wirft die Lost-Places-Fotografie auch rechtliche und ethische Fragen auf. Nicht jedes verlassene Gebäude darf betreten werden. Auch wenn ein Haus seit Jahrzehnten leer steht, kann es sich weiterhin in Privatbesitz befinden. Ein offenes Fenster oder eine unverschlossene Tür bedeuten keineswegs automatisch, dass der Zutritt erlaubt ist. Hinzu kommen erhebliche Sicherheitsrisiken durch einsturzgefährdete Decken, beschädigte Treppen, offene Schächte oder gesundheitsschädliche Stoffe.

Agnes Hörter betont deshalb den respektvollen Umgang mit den Orten. Ihr Grundsatz lautet: „Zu ist zu.“ Verschlossene Gebäude werden nicht gewaltsam geöffnet. Dabei sollte grundsätzlich gelten, dass vor dem Betreten die Zustimmung der Berechtigten eingeholt wird.

Ein großes Problem stellt außerdem der zunehmende Vandalismus dar. Sobald die Standorte besonders attraktiver Lost Places öffentlich bekannt werden, steigt mitunter die Gefahr von Zerstörung und Diebstahl. Hörter berichtet beispielsweise von einem Hotel im Schwarzwald, das bei ihrem ersten Besuch noch weitgehend eingerichtet war, kurze Zeit später jedoch massiv verwüstet wurde. Auch der sogenannte Rosenhof wurde nach ihrer fotografischen Dokumentation geplündert.

Solche Erfahrungen zeigen, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit den Informationen über verlassene Orte ist. Viele Fotografen verzichten bewusst darauf, genaue Standorte zu veröffentlichen. Dahinter steht der Gedanke, dass die Dokumentation eines Gebäudes nicht zu dessen weiterer Zerstörung beitragen darf.

Eine weitere spannende Entwicklung betrifft die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz. Moderne Bildbearbeitungsprogramme ermöglichen es, selbst unter schwierigen Lichtbedingungen beeindruckende Fotografien zu erstellen. Unterschiedliche Belichtungen können kombiniert, stürzende Linien korrigiert und Details in dunklen Bildbereichen sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie weit solche Eingriffe gehen dürfen, wenn die Fotografie auch einen dokumentarischen Anspruch erhebt.

Mit generativer künstlicher Intelligenz lassen sich inzwischen sogar vollständig erfundene Ruinen und verlassene Gebäude darstellen. Solche Bilder können künstlerisch reizvoll sein, besitzen jedoch nicht denselben historischen Zeugniswert wie authentische Fotografien realer Orte. Gerade deshalb könnte die dokumentarische Lost-Places-Fotografie künftig noch an Bedeutung gewinnen. Sie hält fest, was tatsächlich existiert hat, und bewahrt damit ein Stück Wirklichkeit in einer zunehmend digital erzeugten Bilderwelt.

Die Faszination der Lost-Places-Fotografie geht letztlich weit über das Fotografieren alter Gebäude hinaus. Sie ist eine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Veränderung und Vergänglichkeit. Sie zeigt, dass selbst scheinbar wertlose Ruinen eine Geschichte besitzen und dass die Spuren menschlichen Lebens auch dann noch sichtbar bleiben, wenn ihre ursprünglichen Bewohner längst verschwunden sind.

Fotografen wie Agnes Hörter machen diese Geschichten wieder sichtbar. Ihre Bilder laden dazu ein, genauer hinzusehen, Fragen zu stellen und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wer hat hier gelebt? Wer hat an diesen Maschinen gearbeitet? Warum wurde dieser Ort verlassen? Und was wird von unserer heutigen Welt in einigen Jahrzehnten noch übrig sein?

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft dieser Fotografie. Sie zeigt nicht einfach verlassene Räume, sondern erinnert an das Leben, das diese Räume einst erfüllte. Lost Places sind deshalb keine geschichtslosen Orte. Sie sind stille Zeitzeugen, deren Geschichten erst durch den aufmerksamen Blick der Fotografie wieder lebendig werden.

Filmtipp: Suzume von Makoto Shinkai

15. April 2023

Vielleicht ist es ja Schicksal, dass ich an dem Tag an dem deutsche Atomkraftwerke abgeschaltet werden über den japanischen Anime-Film Suzume blogge.

Der Film von Großmeister Makoto Shinkai behandelt sehr geschickt das japanisches Trauma Fukushima, ohne den Ort oder das Ereignis der Atomkatastrophe beim Namen zu nennen. Das Unglück kommt am Rande des rauschenden Bilderflusses vor. Für deutsche Zuschauer faszinierend ist das funktionierende Handywarnsystem vor Katastrophen. Katastrophen über Hiroshima und Nagasaki und die Erdbeben sind ein Motiv im japanischen Film und Makoto Shinka bringt diese Thematik in eine neue Zeit zu einem neuen Publikum, moderner als Akira und Godzilla. Die Katastrophe, die jederzeit hereinbrechen kann, ist ein klares Motiv des Films.

Suzume ist ein bildgewaltiger Film über Verlust und Vernichtung – und es ist ein Film über die Suche nach Liebe eingebettet in typischen Naturaufnahmen, wie wir sie bei Makoto Shinkai vergangenen beiden Filmen Your Name und Weathering with You gewohnt sind. Shinkai, der inzwischen in die Oscar-Jury aufgenommen wurde, versteht es wie kein Zweiter im Anime-Kino die Komplexität, Schönheit und Gewalttätigkeit von Natur auf die Leinwand zu bringen. Natur kommt wahnsinnig hyperrealistisch ins Kino.

Aber er bringt auch typisch japanische Erzählweise auch Gewalt in seine Filme. Bei Suzume ist es der rote Wurm, der Erdbeben auslöst. Das Verderben schlummert in der Erde und bricht immer wieder aus, verursacht Erdbeben und bringt den Tod und Verwüstung. So auch bei der Hauptdarstellerin Suzume, die als vierjähriges Kind ihre Mutter bei einem Erdbeben verlor und durch die verwüstete japanische Landschaft irrte. Sie wurde von ihrer Tante Takami aufgenommen und großgezogen und begegnet im jugendlichen Alter einen Fremden, der sie nach Türen in Lost Places fragt. Diese Türen müssen geschlossen werden, damit der rote Wurm nicht aus der Erde hervorbricht und Beben auslöst. Dieser Lehramtsstudent bezeichnet sich als Schließer und ist in der familiären Tradition der Schließer. Es gilt einen Schlussstein zu setzen, um den Wurm zu zähmen. Blöderweise hat Suzume einen Schlussstein entfernt und den Tornado roter Wurm entfesselt.

Makoto Shinkai erzählt die Geschichte mit viel Details und unglaublich viel Humor. Der dreibeinige Stuhl, in den der Geist des Heiden eingeht, zeugt von Humor, hat aber auch einen tieferen Sinn des Verlustes. Der Stuhl, der durch das Erdbeben ein Bein verlor, ist die letzte Erinnerung an die Mutter von Suzume. Makoto Shinkai sagt zu seinem Film: „Suzume steht stellvertretend für all die Kinder, die im Erdbeben ihre Eltern verloren haben. Suzumes Geschichte, ihre Reise, ist sehr traurig und schwer. Ich wollte einen unterhaltenden Gegenpart an ihre Seite stellen. Etwas, dass die Stimmung ein bisschen auflockert. Ein Stuhl mit drei Beinen. Das ist erstmal lustig, denn ein dreibeiniger Stuhl bewegt sich komisch. Aber es steckt mehr dahinter, denn der Stuhl wurde vom Tsunami mitgerissen und hat ein Bein verloren. Es ist aber auch eine Metapher auf die Seele von Suzume. Das fehlende Stuhlbein steht stellvertretend für ihre Mutter, die sie verloren hat. Sie lernt aber: Selbst wenn man etwas im Leben verloren hat, kann man weiterleben, weiterlachen, sich sogar verlieben.“
Das klingt alles nach Fantasie. Aber Suzume ist mehr. Filmisch gesehen ist der Anime ein gewaltiges Roadmovie mit dem klassischen Thema der Suche. Suzume sucht sich selbst und durchstreift Städte und Gemeinden Japans mit dem Rad, mit dem Motorrad, mit dem Sportwagen, mit dem Zug – die Karte immer im Blick. Ein Film, der sich wirklich im großen Kino lohnt. Ich hab den Film im Scala Kino Fürstenfeldbruck gesehen, das eine regelmäßige Anime-Reihe durchführt.

Buchtipp: Soviet Ghosts: The Soviet Union Abandoned: A Communist Empire in Decay von Owen Evans und Rebecca Litchfield

22. Februar 2023

Nachdem ich in dieser Beziehung ein Weichei bin und Bammel habe, gesicherte Lost Places in meiner Umgebung zu betreten, schaue ich mir gerne Bücher oder Videos zu diesem Thema an. Lost Places sind verlassene Orte, die vom Menschen aufgegeben und der Natur verlassen wurden. Es gibt ja mittlerweile Hunderte von Büchern aus diesem Subgenre, so dass ich bequem vom Sofa aus mich auf Expeditionsreisen zu diesen reizvollen, geheimnisvollen Plätzen machen kann.

Mich reizt dieser morbide Charmes des Vergessenen. Was vom Menschen geschaffen wurde, wird von der Natur zurückerobert. Alles ist dem Zerfall preisgegeben. Meine Gattin schenkte mir das Buch Soviet Ghosts: The Soviet Union Abandoned: A Communist Empire in Decay. Gerade der Zerfall der Sowjetunion hat einige Perlen dieser Lost Planes ans Tageslicht gebracht, die ich aufgrund der räumlichen Entfernung wohl niemals besuchen kann.
Die grausame sozialistische Architektur wird von der Natur zurückerobert und es entstanden ungewöhnliche Fotos von Owen Evans und Rebecca Litchfield. Das englischsprachige Buch lebt von diesen außergewöhnlichen Fotos. Die Reiseorte sind Orte in ehemaligen Sowjetrepubliken und Warschauer Pakt Staaten. Verlassene Gefängnisse, Heilanstalten, Kliniken, Militäreinrichtungen.

Die meisten Bilder sind ein dunklen Farben aufgenommen und wahrscheinlich nachbearbeitet. Spiegelungen in Wasserpfützen verstärken den verlassenen Eindruck. Grelle oder bunte Farben gibt es bei den gedeckten Bildern weniger zu entdecken, außer das Rot des menschenverachtenden Kommunismus, das auf abgerissenen Fahnen oder Plakaten zu sehen ist. Viele der Fotos sind in Zentralperspektive aufgenommen, das bedeutet wenig Spiel mit Perspektiven, sondern klare, sachliche Strukturen. Zentralperspektive kann auf Dauer ein wenig langweilig wirken, aber sie lenkt nichts ab – im Mittelpunkt steht der Verfall. Das Auge der Fotografen sucht die Linien der Gebäude und der verlassenen Einrichtungsgegenstände wie Möbel und Haushaltsgegenstände.

Buchtipp: Baikonur: Vestiges of the Soviet Space Programme von Jonk

12. Februar 2023

Seit ich Kind bin war ich von Raumfahrt fasziniert – und ich interessiere mich für Lost Places. Daher war die Verbindung dieser beiden Themen immer reizvoll und ich würde fündig. Die Sowjets hatten ein Shuttles Programm, das sie aufgeben mussten und ihre Buran-Shuttles und Hangar in Baikonur sind dem Verfall preis gegeben. Voller Begeisterung schaute ich ein YouTube-Video von Bob Thissen, der mit Freunden in Baikonur eingestiegen ist und atemberaubende Videos von den Buran-Shuttles gedreht hat. Das Video gibt es hier.

Ich wollte mehr von diesem Stoff. Und daher kaufte ich mir das erste Lost Place Buch zu diesem außergewöhnlichen Themenkomplex: Baikonur: Vestiges of the Soviet Space Programme von Jonk. Heute gibt es einige Bücher und Videos zu dem Thema, aber Jonk war meines Wissens der erste, der ein Buch über diesen Lost Place veröffentlichte. Der Autor nimmt uns in seiner Reportage mit nach Kasachstan. Der Kosmodrom Baikonur in Kasachstan wurde in den 1950er Jahren von den Sowjets gegründet. 1976 begann das sowjetische Shuttle-Programm. Von Baikonur aus wurde 1988 das erste sowjetische Raumflugzeug, Buran zu Deutsch Schneesturm, als Antwort auf das US-amerikanische Space Shuttle gestartet. Es flog aber nicht wie die amerikanischen Shuttles in den Weltraum, sondern umrundete 1988 die Erde. Der unbemannte Flug endete erfolgreich mit einer automatischen Landung nach zwei Erdumkreisungen in 206 Minuten.

Wir sehen Bilder der Raumfähre Buran 1.02 und des Prototyp OK-MT, Spitzname „Vögelchen“. Der Bau von Buran 1.02 wurde 1990 beendet, obwohl auch hier noch einige Systeme fehlte.
Jonk steigt mit Hilfe von drei Helfern in das heute verlassene Gelände ein und liefert uns faszinierende Bilder von verfallener Technik. Das Buran-Programm wurde im Sommer 1993 während der Präsidentschaft von Boris Jelzin aus Geldmangel offiziell beendet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 hatte Russland die Kosten für Buran allein zu stemmen.

Dies war das erste Mal, dass Fotos dieser spektakulären Orte in einem Buch veröffentlicht wurden. Jonk reiste im Schutze der Nacht 20 km durch die kasachische Wüste, betrat die Hangars heimlich und verbrachte dort drei Nächte versteckt vor militärischen Sicherheitskräften, um eine Fotoreportage von diesem Ort zu erstellen. Jonk stellt uns seine hervorragende Sammlung von Fotos vor, die er in dem stillgelegten Teil des Kosmodroms Baikonur aufgenommen hat. Er zeigt dem Leser nicht nur diese erstaunlichen Bilder, sondern beschreibt uns auch das Abenteuer des Besuchs eines weltweit einzigartigen Ortes. Viele Aufnahmen der beiden Orbiter und ihrer Details aus verschiedenen Perspektiven sind zu sehen, und erstaunliche Bilder der Energija-Trägerrakete.

Und vielleicht ist auch dies das Problem mit dem Buch. Die ersten 50 Seiten berichten von der sicherlich anstrengenden Reise zu diesem Lost Place. Wenn ich ehrlich bin, interessierte mich dies weniger, denn ich wollte ja eigentlich die Bilder von diesem geheimnisvollen Platz sehen. Die bekam ich dann auch: Raumgleiter von oben, von unten, von der Seite, von links unten, von rechts oben und nur ein Bild vom Inneren des Cockpits. Das ist grandios und enttäuschend zugleich, denn ich bin dermaßen vom Thema angefixt, dass ich mir oben genannten Video immer wieder angeschaut habe, die meinen Voyeurismus befriedigen.
Natürlich kann ich das Buch von Jonk empfehlen, obwohl ich gerne mehr Bildunterschriften gehabt hätte, die mir die Fotos besser erklärt hätten. Der Fotograf vergisst aber auch nicht die Büros, Werkstätten, Archive und Wartungsräume, die viele Einblicke in den Arbeitsalltag einer Raumfahrttechnikeinrichtung geben. Das ist wahre Kunst.
Die Bilder wurden nur leicht nachbearbeitet und die Objekte erscheinen in einem gelblichen, warmen Licht. Das unterscheidet das Buch von zahlreichen Lost Places, die mithilfe von Lightroom und Co einen Eindruck der Apokalypse vermitteln.

Lost Place: S-Bahnhof Olympiastadion in München

21. Juni 2022

Normalerweise darf man den Ort eines Lost Place nicht verraten, aber in meinem Fall ist es offensichtlich. Der Platz ist bekannt: Es handelt sich um den S-Bahnhof Olympiastadion in München.

Es ist schon eine seltsame Atmosphäre. Ich hatte hinter dem Bahnhof lange Zeit gearbeitet, aber seinen Betrieb nicht mehr erlebt. Der Bahnhof wurde für die olympischen Spiele 1972 gebaut, um die U-Bahn zu entlasten und 1988 stillgelegt. In bester Münchner Baulage verfällt diese Infrastruktur zum Geisterbahnhof. Abgerissen darf dieses Bauwerk nicht, denn es steht unter Denkmalschutz.

Die Bahnlinie schloss 1858 einstmals Landshut an die bayerische Landeshauptstadt an. Dann gab es eine andere Trassenführung und erst 1972 wurde der neu errichtete Bahnhof zu den Olympischen Spielen angefahren. Anschließend wurde die Strecke nur bei speziellen Fußballspielen und Veranstaltungen wie der Katholikentag 1984 im Olympiastadion aktiviert.

Am 8. Juli 1988 wurde der Bahnhof geschlossen, nachdem Kinder bei Berühren der Hochspannungsleitung gestorben waren. Seitdem verfällt der Bahnhof. Das Gelände ist zu weiten Teilen mit Bauzäumen formal abgesperrt. Bei meinem Besuch standen die Zäume weit offen und ich schaute kurz zu diesem Lost Place. Am Eindrucksvollsten waren für mich die Gleise samt Vegetation, die mich an ein Videospiel oder einen Endzeitfilm erinnerten.

Lost Place: Die Glasfabrik in Windischeschenbach

12. November 2020

Die Oberpfalz in Bayern war ein Ort der Porzellan- und Glasfabriken. Beide Industriezweige sind zusammengebrochen und die Stadt Windischeschenbach kann ein Lied davon singen. Am Bahnhof, das Bahnhofsgebäude ist längst geschlossen, sehen wir die leerstehenden Industriedenkmäler vergangener Zeiten – auf der einen Seite der Gleise Porzellan, auf der anderen Seite Glas.

Nachdem mein Zug Richtung Regensburg ausgefallen ist, schaute ich mir eine Stunde die alte Glasfabrik Hofbauer von außen näher an. Das Betreten des Geländes ist ausdrücklich untersagt. Wenn ich mir die Gebäude so ansehe, droht Einsturzgefahr. Schilder weisen darauf hin, dass das Gelände per Video überwacht wird – Kameras hab ich allerdings auf den ersten Blick nicht gesehen, dafür mit einen Anlieger gesprochen, der gerne mal die Polizei ruft.

Seit 1996 liegt das Gelände brach. Insgesamt 127 000 Quadratmeter Altlasten hat die ehemalige Bleikristallfabrik hinterlassen. Einstmals gab die Fabrik Lohn für rund 1000 Familien. Im Zweiten Weltkrieg wurden hier Weck-Gläser hergestellt. Heute verfällt das Gelände und ist eine traurige Industrieruine.

Im Netz fand ich einen Rundgang durch das Fabrikgelände.

Lost-Place-Buchtipp: Naturalia: Overgrown Abandoned Places von Jonathan Jimenez

26. Mai 2020

Ich mag die Lost Place-Fotografie und hab schon oft in diesem Blog über Bücher zum Thema geschrieben. Mittlerweile habe ich eine Schrankwand zum Fotogenre voll. Heute stelle ich ein Buch vor, dass sich der Thematik aus einer interessanten Perspektive nähert: Wie sich das Grün seinen angestammten Raum zurückerobert. Das wurde in dem Buch Naturalia von Jonathan Jimenez wunderbar herausgearbeitet.
Er zeigt nicht nur vergessene, verlassene Orte aus aller Welt. Das machen viele, aber seine Herangehensweise ist eine andere. Er zeigt vor allem, wie das Grün diese Orte zurückerobert, mal langsam, mal vorsichtig, mal brutal gewalttätig, aber immer unausweichlich. Die lebende Natur siegt über tote Materie. Es brechen Bäume und Sträucher aus dem Betonboden hervor und wirken auf den Betrachter bizarr. Die Natürlichkeit als Eindringling in eine verfallene Welt.
Die meisten Fotos von Jonathan Jimenez in dem Buch Naturalia: Overgrown Abandoned Places sind aus Innenräumen heraus aufgenommen mit einem Blick aus den Fenstern und den zusammengebrochenen Wänden zeigen das Grün von außen – mal bedrohlich, mal vorsichtig, aber immer konsequent. Die grüne Wand schließt die Räume ein, umschließt sie regelrecht.

Die Bilder der Gebäude von außen erweckten bei mir den Eindruck eines verwunschenen Schlosses, wenn das Grün die Wände empor schlängelt und nach einem Eingang sucht, um sich verlorenes Terrain zurück zu erobern.
Die Atmosphäre ist durch das Grün immer warm, obwohl die Bilder den Verfall der Zivilisation beschreiben. Mal sind es Schulen, mal Fabriken, mal herrschaftliche Häuser und Anwesen, mal Hallen – am meisten haben mich verlassene Kirchen beeindruckt. Von den Aufnahmeorten berichtet Jonathan Jimenez natürlich nichts. Das macht ein Lost Place-Fotograf natürlich nicht. Aber an den Details erkennt man viele Bauwerke aus Osteuropa, sei es Schriften, Marken oder Architektur.
Rundum Naturalia: Overgrown Abandoned Places ist ein schönes Querformat-Buch für Liebhaber des Genres und eine Motivation, endlich mal wieder Lost-Places-Fotos zu machen.

Buchtipp Lost Places: Vergessene Welten – Produktion eingestellt von Agnes Hörter

27. Februar 2020

Schönes Buch von Agnes Hörter.

Schönes Buch von Agnes Hörter.

Ich bin fasziniert von Lost Places, von vergessenen Orten. Orte, bei denen einstmals das Leben tobte, die aber dann aufgegeben wurden, aus welchen Gründen auch immer. Ich habe eine ganze Reihe von Büchern über diese Orte aus aller Welt gesammelt und bin ich verschiedenen Facebook-Gruppen, die über ihre Exkursionen zu diesen Lost Places berichten. Ich selbst habe kaum Expeditionen in diese Orte vorgenommen – aus verschiedenen Gründen, aber die Magie dieser Orte fasziniert mich.
In einer Facebook-Gruppe stieß ich auf ein Angebot von Agnes Hörter. Sie hat im Selbstverlag ihr Buch „Vergessene Welten – Produktion eingestellt“ angeboten. Es erschien in einer Auflage von 100 Exemplaren und ich finde, solche Projekte müssen einfach unterstützt werden. Also bestellte ich das Buch mit Widmung. Dieser Tage wurde es – exzellent verpackt – geliefert.

Buch 30 von 100. samt Widmung.

Buch 30 von 100. samt Widmung.

Ich habe den Band 30 von 100 und ich freue mich sehr über das wertige Buch. Wie der Untertitel „Produktion eingestellt …“ verrät, geht es um verlassene Industrie- und Handwerksbetriebe, die mehr oder weniger verfallen. Ich habe magische Orte gefunden, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Agnes Hörter hervorragendes fotografisches Auge hat Töpfereien, Glasfabriken, Heizkraftwerke, Papierfabriken, Schokofabriken, Ziegeleien und allerhand Volkseigene Betriebe der ehemaligen DDR fotografiert. Die Bilder wechseln von Totalen bis hin zur Detailfotografie.
Jeder Ort bekommt eine kurze historische Einführung und natürlich wird nicht verraten, wo dieser Ort ist. Das macht man in der Lost-Place-Branche natürlich nicht.

Leider – und das ist meine einzige Kritik an diesem wunderbaren Buch – wird nicht verraten, mit welcher Technik die Fotos aufgenommen und nachbearbeitet wurden. Welche Kameras, welche Optiken wurden eingesetzt, welche Bildbearbeitung kam zum Zuge. Hier hätte ich gerne ein wenig für mich selbst gelernt. Ich vermute, die meisten Bilder entstanden im Stil der Available Light-Fotografie mit Langzeitbelichtung mit Stativ, aber ich weiß es nicht (würde es aber gerne wissen).
Der Streifzug durch die verlassenen Orte hat aber auch einen enormen historischen Wert. Einige der Gebäude wurden nach den Aufnahmen abgerissen. Vorher war Agnes Hörter noch mit ihrer Kamera da und drückte ab. Hier leistet Agnes Hörter einen wertvollen Beitrag zur Industriegeschichte unseres Landes. Es lässt sich erkennen, unter welchen Bedingungen an diesen Orten gearbeitet wurde. An vielen Orten liegen die Produktionsmittel noch herum. Die Arbeiten haben den Ort verlassen, als ob sie zur Mittagspause gegangen sind. Zurückgekehrt sind sie allerdings nicht mehr. Die Bilder dokumentieren die Arbeitsschritte vergangener Tage. Ich freue mich, dass ich das Buch erworben habe. Auf dem Cover steht klein „Band 1“. Also hoffe ich auf einen Band 2 und ich bin wieder als Käufer dabei.

Lost Place: Hitlerbrücke im Landkreis Fürstenfeldbruck

19. November 2019

Ein Kennzeichen eines Lost Place ist, dass der Standort nicht verraten werden soll. Nun, dass ist bei der verlassenen Eisenbahnbrücke im Landkreis Fürstenfeldbruck (Bayern) nicht der Fall. Hier gibt es ein großes Bauwerk in der Nähe von Emmering, das als Hitlerbrücke in den Sprachgebrauch im Landkreis eingegangen ist. Die Bewohner in den Anwohnergemeinden sind von diesen braunen Namen nicht gerade begeistert. Die 1939 gebaute Brücke wurde lange Zeit bei Google Earth als Hitlerbrücke getaggt. Heute findet man die Brücke als Kletterbrücke.

Es gibt keinen klaren Weg zur Brücke. Wer sich durch das Gestrüpp gekämpft hat, stößt auf einen monumentalen Bau, der zum Teil im Boden versunken ist. Bäume und Sträucher wachsen darauf, die Natur holt sich den Zweckbau zurück. Es ist heute eine illegale Partylocation und einen Ort für Kletterer. Der Ort ist über und über mit Graffiti bedeckt: Witzige Motive, einfache Tags und langweilige Schmierereien. In einer Ecke sind zahlreiche Spraydosen als Müll zurückgelassen. Achtlos wurden die Dosen zu Boden geworfen und bleiben dort einfach liegen. Am Brückenbau finden sich zudem einige Kletterhaken. Immer wieder treffen sich Freizeit- und Profikletterer an der Brücke und üben das Abseilen. Hier zwei 360 Grad Videos – die Brücke von außen und von innen.

Die Hitlerbrücke war im Dritten Reich Teil des sogenannten Nordrings. Die Brücke wurde 1939 gebaut, als Überführung für die Straße über Gleise, die zum Münchner Nordring für den Güterverkehr gehörten. Hitler in seinem Wahn wollte bei der Friedenheimer Brücke in München einen Mega-Güterbahnhof auf einer 141 Meter hohen Kuppel schaffen. Daraus ist nichts geworden. Den Namen Hitlerbrücke gab es nie offiziell. Meines Wissens hatte die Brücke nie einen richtigen Namen.

Die Brücke wurde errichtet, um darüber die Straße nach Eichenau und Olching zu führen. Dazu kam es nicht. Die Gleise wurden kaum benutzt und nach dem Krieg demontiert. Zum Kriegsende soll ein Gefangenentransport an der Brücke gehalten haben. Laut Erzählungen soll die SS Gefange aus einem Wagon getrieben haben. Ob es sich KZ-Häftlinge handelte, ist unbekannt.
Die braune Zeit liegt lange zurück und sie darf nicht wiederkommen. Die Brücke verfällt. Ich habe mir das Bauwerk ausführlich angeschaut. Heute kommt es immer wieder zu illegalen Partys. Zuletzt im August 2019 als ein DJ großes Equipment mit Generator aufbaute und die Gegend mit Rave-Musik beschallte. Die Polizei schritt ein und der DJ erhielt eine Anzeige.