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Podcast: Nah dran (5) „Altes Bewahren und Neues wagen“ – Zwischen Kriegsgebieten, Menschlichkeit und journalistischer Verantwortung: Christine Kehrer

4. November 2026

Sie hat den politischen Umbruch in Osteuropa journalistisch begleitet, aus Kriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien berichtet, für private und öffentlich-rechtliche Fernsehsender gearbeitet und setzt sich heute für die Rechte und den Schutz von Kindern ein. Christine Kehrer blickt auf eine außergewöhnliche journalistische Laufbahn zurück. Im Podcast „Nah dran“ des PresseClubs München sprach Vorstandsmitglied Christine Kehrer mit Matthias J. Lange über gefährliche Auslandseinsätze, prägende Begegnungen, die Veränderungen des Journalismus und ihre heutige Tätigkeit bei den SOS-Kinderdörfern. Dabei wurde deutlich, dass für die erfahrene Fernsehjournalistin eines immer im Mittelpunkt stand: der Mensch und seine Geschichte.

„Ich habe mir eigentlich immer mein soziales Umfeld bewahrt, egal wo ich war“, erklärte Christine Kehrer zu Beginn des Gesprächs. Familie und verlässliche Beziehungen seien ihr trotz zahlreicher Auslandsreisen stets wichtig gewesen. Gleichzeitig habe sie immer wieder neue Herausforderungen gesucht, unbekannte Länder bereist und Geschichten entdeckt, häufig ohne große Absicherung. Ihr Lebensmotto „Altes bewahren und Neues wagen“ beschreibt damit nicht nur ihre berufliche Laufbahn, sondern auch ihre persönliche Haltung. Hier ist der Podcast

Dabei war der Journalismus keineswegs von Anfang an ihr festgelegtes Berufsziel. Auf Wunsch ihres Vaters begann Kehrer zunächst ein Betriebswirtschaftsstudium, stellte jedoch schnell fest, dass ihre Interessen anders gelagert waren. Geschichte, gesellschaftliche Zusammenhänge und vor allem Begegnungen mit Menschen faszinierten sie wesentlich mehr. Nach Studien in verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen sammelte sie erste journalistische Erfahrungen bei der Mittelbayerischen Zeitung. Die Arbeit im Lokaljournalismus bezeichnet sie rückblickend als wichtige Schule. „Man hat einen riesigen Respekt vor den Kollegen, die im Lokalen heute sich die Beine ausreißen“, betonte sie.

Eine entscheidende berufliche Prägung erfuhr Kehrer durch den Fernsehproduzenten János Zolcer, für den sie nach ihrer Zeit bei Tele 5 arbeitete. Der aus politischen Gründen geflüchtete Produzent interessierte sich weniger für akademische Abschlüsse als für praktische journalistische Fähigkeiten. Christine Kehrer erinnerte sich daran, wie sie unmittelbar einen Beitrag für den WDR erstellen sollte. Der Sender kaufte die Geschichte, und daraus entwickelte sich eine fast zehnjährige Zusammenarbeit. „Das war eine ganz knochenharte Schule“, berichtete sie. Geregelte Arbeitszeiten habe es praktisch nicht gegeben, dafür aber zahlreiche Möglichkeiten, journalistisch zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln.

Besonders intensiv waren ihre Einsätze in Osteuropa während der politischen Umbrüche nach dem Ende des Kalten Krieges. Christine Kehrer berichtete aus Russland und erlebte die Veränderungen unter Michail Gorbatschow und Boris Jelzin. Die journalistischen Arbeitsbedingungen unterschieden sich grundlegend von heute. Internet, Smartphones und digitale Recherchemöglichkeiten standen nicht zur Verfügung. Informationen mussten über persönliche Kontakte, lokale Mitarbeiter und vertrauenswürdige Netzwerke beschafft werden. „Das Wichtige waren eben authentische, verlässliche Kontakte und ein Netzwerk, dem man vertrauen konnte“, erklärte sie.

Durch die Verbindungen ihres damaligen Produzenten erhielt sie Zugang zu Geschichten, die anderen Journalisten verschlossen blieben. Sie berichtete über gesellschaftliche Veränderungen in Moskau, über wirtschaftliche Entwicklungen, die Technoszene und organisierte Kriminalität. Für das investigative Fernsehmagazin „frontal“ beschäftigte sie sich unter anderem mit Schutzgelderpressung gegen deutsche Unternehmer durch kriminelle russische Netzwerke. Dabei begleitete sie auch einen gefährlichen Polizeieinsatz. Auf die Frage, ob sie damals eine Schutzweste getragen habe, antwortete sie knapp: „Ich hatte keine.“ Rückblickend bezeichnete sie dieses Verhalten selbst als leichtsinnig.

Ihre Erfahrungen in Russland führten auch zu einer politischen Einschätzung, die sie bis heute beschäftigt. Nach ihrer Beobachtung verschwanden die alten Machtstrukturen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion keineswegs vollständig. Vielmehr hätten frühere Eliten ihre wirtschaftliche und politische Macht in veränderter Form behalten. „Es gab eine Öffnung, ja, aber eine richtige Erneuerung, dass Entmachtung stattgefunden hätte, laut meiner Einschätzung eigentlich nicht“, sagte Christine Kehrer.

Noch belastender waren ihre Erfahrungen während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. In Kroatien und anderen Konfliktregionen erlebte sie Gewalt, Zerstörung und menschliches Leid unmittelbar. Besonders die Begegnungen mit verwundeten Kindern und verzweifelten Zivilisten haben sich tief in ihr Gedächtnis eingeprägt. Kehrer schilderte eine Frau, die sie während einer Recherche geradezu anflehte zu bleiben, weil die Anwesenheit der Journalistin für sie eine Art Lebensversicherung bedeutete. Auch die Folgen versteckter Sprengsätze, durch die Kinder schwerste Verletzungen erlitten, gehören zu den Erinnerungen, die sie bis heute begleiten.

„Das geht an die Substanz“, sagte Christine Kehrer über die psychischen Belastungen der Kriegsberichterstattung. Zwar müsse ein Journalist versuchen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und ausgewogen zu berichten. Doch angesichts schwerster Menschenrechtsverletzungen stoße die persönliche Distanz an Grenzen. „Das nimmt einen sehr mit“, räumte sie ein. Hinzu kamen Zensurversuche, Behinderungen bei der Übertragung von Fernsehbeiträgen und Drohungen im Zusammenhang mit investigativen Recherchen.

Schließlich entschied sie sich bewusst, die Kriegsberichterstattung aufzugeben. Sie habe festgestellt, dass die ständige Konfrontation mit Gewalt und die Suche nach immer drastischeren Geschichten ihren Preis forderten. Der zunehmende Quotendruck habe diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Auch angesichts des heutigen Krieges in der Ukraine verspürt Kehrer keinen Wunsch, erneut als Kriegsreporterin zu arbeiten. Die Konflikte seien durch Cyberangriffe, digitale Manipulation und internationale Interessen noch komplexer und unberechenbarer geworden.

Dass Journalismus auch ganz andere Geschichten hervorbringen kann, zeigt eine ihrer ungewöhnlichsten Begegnungen. Für das Bayerische Fernsehen gelang es Kehrer, die als äußerst medienscheu bekannte Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut für ein ausführliches Fernsehporträt zu gewinnen. Zahlreiche Kollegen waren zuvor gescheitert. Kehrer wählte einen ungewöhnlichen Weg: Sie klingelte unangemeldet an Kauts Wohnungstür und stellte eine überraschende Frage. „Wie schafft man es als gebürtige Stuttgarterin, das erste Münchner Kindl zu werden?“ Die Frage wirkte. Kaut ließ sie herein, und aus der Begegnung entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis. Schließlich erklärte die Schriftstellerin gegenüber dem Bayerischen Fernsehen, dass ausschließlich Christine Kehrer das Porträt drehen dürfe.

Für Christine Kehrer ist diese Geschichte ein Beispiel dafür, wie wichtig Vorbereitung, Einfühlungsvermögen und die richtige Interviewtechnik sind. „Es lebt für meine Begriffe immer von den Protagonisten und auch von einer guten Interviewtechnik“, erklärte sie. Nicht allein die Antworten seien entscheidend, sondern vor allem die Fähigkeit des Interviewers, Vertrauen aufzubauen und Menschen zum Erzählen zu bringen. „Das ist schon eine Kunst des Interviewens.“

Diese Haltung prägt auch ihren Blick auf den technischen Wandel der Medien. Smartphones ermöglichen heute hochwertige Videoaufnahmen und die unmittelbare Veröffentlichung von Nachrichten aus nahezu jedem Winkel der Welt. Kehrer sieht darin durchaus Chancen, warnt aber davor, technische Möglichkeiten mit journalistischer Qualität gleichzusetzen. „Was es aber nicht ersetzt, ist ein gutes journalistisches Handwerk.“ Quellen müssten überprüft, Informationen eingeordnet und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden werden. Einfach nur eine Kamera auf ein Ereignis zu richten, reiche nicht aus.

Dabei macht sie keinen grundsätzlichen Qualitätsunterschied zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen. Die Formate, Zielgruppen und Erzählgeschwindigkeiten seien unterschiedlich, das journalistische Handwerk bleibe jedoch dasselbe. Während manche öffentlich-rechtlichen Produktionen mehr Raum für Hintergründe ließen, arbeiteten private Sender häufig mit kürzeren Schnitten, anderer Musik und stärker verdichteten Texten. Entscheidend sei, die jeweilige journalistische Form zu beherrschen.

Eine besondere Anerkennung ihrer Arbeit erhielt Kehrer 2003 mit dem Caritas-Journalistenpreis für ihren Beitrag „Freudentanz“. Darin porträtierte sie eine engagierte Frau, die mit einem interkulturellen Tanzprojekt Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte neue Perspektiven eröffnete. Auch hier stand nicht das spektakuläre Ereignis, sondern eine Persönlichkeit mit ihrer Motivation und ihrem gesellschaftlichen Engagement im Mittelpunkt. „Ich mag Menschen“, brachte Kehrer ihre journalistische Grundhaltung auf den Punkt.

Seit 2011 arbeitet sie für die SOS-Kinderdörfer und verantwortet dort den Bereich TV- und Video-Marketing. Der Wechsel vom klassischen Journalismus in die Kommunikation einer internationalen Hilfsorganisation hatte mehrere Gründe. Neben dem beruflichen Angebot spielte die familiäre Situation eine entscheidende Rolle. Mit zwei schulpflichtigen Kindern und einem ebenfalls beruflich viel reisenden Ehemann wurde die Planbarkeit des Alltags zunehmend wichtiger. Gleichzeitig eröffnete die neue Tätigkeit die Möglichkeit, weiterhin internationale Geschichten zu erzählen und Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu begegnen.

Besonders wichtig ist Christine Kehrer dabei der Schutz der Kinder. Während in der klassischen Kriegsberichterstattung früher häufig drastische Bilder von Leid und Elend gezeigt wurden, gelten bei den SOS-Kinderdörfern strenge Kinderschutzrichtlinien. „Kinderschutz ist die oberste Priorität“, stellte sie unmissverständlich klar. Kinder dürften nicht auf ihre Not reduziert oder durch Filmaufnahmen bloßgestellt werden. Ihre Geschichten müssten in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden, der auch Perspektiven und Hilfsmöglichkeiten sichtbar macht.

Die Kinder selbst werden deshalb nicht zu ihren traumatischen Erlebnissen befragt. Stattdessen kommen beispielsweise Eltern, Betreuungspersonen oder Sozialarbeiter zu Wort. Für Kehrer ist das keine Einschränkung journalistischer Qualität, sondern Ausdruck einer besonderen Verantwortung. „Kinder in ihrer Not, in ihrem Elend, also singulär darzustellen, ist jetzt bei der Marke der SOS-Kinderdörfer absolutes Tabu“, betonte sie.

Auch ihr Engagement im Vorstand des PresseClubs München versteht Kehrer als Ausdruck dieser Verantwortung. Der PresseClub sei für sie weit mehr als ein berufliches Netzwerk. „Der Presseclub ist für mich eigentlich ein Forum, wo ich auch Leute treffe, die meine Geisteshaltung teilen, mit denen man sich auf Augenhöhe austauschen kann.“ Besonders wichtig seien ihr demokratische Werte, journalistische Glaubwürdigkeit und der Austausch unterschiedlicher Perspektiven.

Im Vorstand möchte sie ihre langjährigen Kontakte, ihre internationale Erfahrung und ihre Kenntnisse der Medienbranche einbringen. Dabei sieht sie sich auch als Unterstützerin und Mentorin, die andere Menschen ermutigen möchte, sich zu engagieren. Zugleich gehe es darum, die Bekanntheit und Reichweite des PresseClubs zu stärken und neue Kooperationen zu ermöglichen.

Zum Abschluss des Gesprächs fragte Matthias J. Lange nach jener Geschichte, die Kehrer verwirklichen würde, wenn Geld, Personal und Sendeplätze keine Rolle spielten. Ihre Antwort führte zurück zu den gesellschaftlichen Fragen, die sie seit Jahrzehnten beschäftigen. Sie würde sich mit den Veränderungen durch Cyberkriminalität, digitale Manipulation und Deepfakes auseinandersetzen und untersuchen, wie Glaubwürdigkeit und humanitäre Werte in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft bewahrt werden können.

Dabei interessieren sie nicht nur prominente Persönlichkeiten, sondern gerade jene Menschen, die abseits der großen Öffentlichkeit ihren eigenen Weg durch gesellschaftliche Umbrüche finden. Wie können Werte vermittelt werden, wenn Informationen zunehmend manipulierbar sind? Welche Bedeutung haben Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit in einer Welt, die sich technologisch immer schneller verändert?

Das Gespräch im PresseClub München machte deutlich, dass Christine Kehrer trotz jahrzehntelanger Berufserfahrung ihre journalistische Neugier nicht verloren hat. Wenige Tage nach der Podcastaufzeichnung sollte sie erneut nach Somaliland reisen, um für die SOS-Kinderdörfer zu arbeiten. Ihr beruflicher Weg führte sie von den politischen Umbrüchen Osteuropas über die Schrecken des Krieges bis zur humanitären Kommunikation. Geblieben ist ihre Überzeugung, dass gute Geschichten von Menschen leben und Journalismus mehr bedeutet als das bloße Vermitteln von Informationen.

Oder, wie Christine Kehrer es selbst formulierte: „Ich mag Menschen.“

50 Jahre Münchner Geschichten – München zwischen Tradition und Fortschritt: Ois Chicago

21. November 2024

Lassen Sie uns auf eine Zeitreise gehen – in eine Zeit, die ich selbst nur als kleiner Bub erlebt habe und erst später richtig genießen konnte. Heute jährt sich der 50. Geburtstag der Münchner Geschichten.

Die Serie Münchner Geschichten, die erstmals 1974 im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, ist eine Hommage an das Leben in München und gilt als eines der herausragenden Beispiele der deutschen Fernsehlandschaft der 1970er Jahre. Unter der Regie von Helmut Dietl, der später mit Serien wie Monaco Franze und Kir Royal weitere Kultklassiker schuf, zeichnet die Serie ein liebevolles, aber auch kritisches Bild des Münchner Alltags.

Ich bin in dieses München als Kind hineingewachsen, ohne es wirklich zu realisieren. Erst durch verschiedene TV-Wiederholungen konnte ich später den Wert dieser famosen Serie schätzen. Der Ausdruck Ois Chicago ist sogar in meinen Wortschatz übergegangen. Je nach Situation bedeutet er so etwas wie „alles Risiko“, „alles Witz“ oder „alles ist möglich“.
Die Serie erzählt Geschichten rund um Karl „Tscharlie“ Häusler (gespielt von Günther Maria Halmer), einen charmanten, aber oft ziellosen Lebemann, der sich durch das Leben im München der Nachkriegszeit schlägt. Mit Witz und Leichtigkeit beleuchten die Münchner Geschichten die kleinen und großen Sorgen der „kleinen Leute“ – von finanziellen Nöten bis hin zu familiären Konflikten.

Regiestar Helmut Dietl gelingt es, ein authentisches Bild seiner Stadt und ihrer Bewohner zu zeichnen, das weit über die Klischees der „Schickeria“ hinausgeht. Die Serie spielt vor allem in den Arbeitervierteln, an Stammtischen und in den Wirtshäusern der Stadt und fängt den Charme des „alten Münchens“ ein.

Als ich mir zum Jubiläum die neunteilige Serie auf Blu-ray ansah, fielen mir die Stärken der Serie wieder auf – und es sind die Stärken von Helmut Dietl. Die Dialoge, Figuren und Schauplätze wirken lebensnah und unverfälscht. Die Charaktere sprechen im bayerischen Dialekt, was der Serie einen unverwechselbaren Charme verleiht. Neben humorvollen Szenen zeigt die Serie auch die Schattenseiten des Lebens – etwa die Probleme der Mittelschicht oder die Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne. Die Serie fängt den Geist der 1970er Jahre ein und gibt Einblicke in eine Ära, in der München sich zwischen Tradition und Fortschritt befand.

Und dann sind da noch die Darsteller: Günther Maria Halmer brilliert in der Rolle des Tscharlie Häusler. Seine Darstellung ist einfühlsam, witzig und facettenreich. Auch die Nebenfiguren sind liebevoll gestaltet und von starken Schauspielern verkörpert.

Die Serie bietet nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Fenster in eine vergangene Zeit – und lässt den Zuschauer mit einem Schmunzeln zurück. Nach 50 Jahren ist es höchste Zeit, sich die Münchner Geschichten wieder anzusehen. Ich empfehle außerdem das Buch Helmut Dietl – Der Mann im weißen Anzug von Claudius Seidl.

Karnevalist aus Unterfranken: Peter Kuhn

20. Juli 2022
Peter Kuhn

Die erfolgreichste Sendung im Bayerischen Fernsehen ist nicht der Nockherberg und kommt nicht aus Oberbayern. Der Zuschauermagnet kommt aus Unterfranken mit der Sendung Fastnacht in Franken. Das Quotenhighlight ist wichtig für die bayerische Politik und Gesellschaft. Der Marktanteil Bayern liegt bei 40,6 Prozent, bundesweit 10,4 Prozent.
Ich geb es zu, dass mir dieser Humor nicht liegt und ich die Star der Fastnacht nicht so richtig auf dem Schirm habe. Daher war es sehr schön, dass mir der Münchener Verein bei einer Sitzung in Würzburg einen Karnevalisten näher gebracht hat: Peter Kuhn

Der Karnevalist steht recht.

Peter Kuhn tritt seit 1991 als Büttenredner bei der Fastnachtsgesellschaft „Schwarze Elf Schweinfurt“ auf. Überregional bekannt wurde er durch seine alljährliche Mitwirkung in der Sendung „Fastnacht in Franken“ des Bayerischen Rundfunks. Seine Büttenreden sind politischer und gesellschaftskritischer Art und zeichnen sich durch ein gehobenes Niveau, viele Anspielungen und Doppeldeutigkeiten in den stets gereimten Vorträgen aus.

Bei seinem Auftritt bei der Veranstaltung des Münchener Verein zeigte er rund 15 Minuten eine hervorragende Kostprobe seiner Kunst, die auf den Versicherungskonzern zugeschnitten war. Dabei sprach Kuhn die Probleme im Handwerk sehr deutlich an und nahm seinen Kunden die Versicherungsgruppe kritisch auf dem Arm.

Ich bin Retrogamer – und war im Fernsehen

10. September 2018

Das Bayerische Fernsehen drehte einen Beitrag über mich zum Thema Retrogames.

Das Bayerische Fernsehen drehte einen Beitrag über mich zum Thema Retrogames.

Hui, das Bayerische Fernsehen war bei mir zu Hause und ich war dann im Fernsehen. Nicht, weil ich so berühmt bin, sondern weil ich ein interessantes Hobby habe: Retrogames.
Wer meinen Blog kennt, der weiß, dass ich die alten Videospiele meiner Jugend liebe. In erster Linie ist es die Atari 2600-Videokonsole aus dem Jahr 1977 und die Hunderten von Spiele von damals. Der 8 Bit-Sound und die Pixelgrafik fasziniert mich und erinnert mich an meine Jugend. In den Spielen werden tolle Geschichten erzählt, die sich dann in meinem Kopf abspielten.
Diese Blogposts in meinem Blog haben nicht nur meine Follower gelesen, sondern auch eine Reporterin vom Bayerischen Fernsehen. Die Dame nahm telefonisch Kontakt mit mir auf und bat um Infos zum Thema alte Videospiele. Hab ich gerne der Kollegin gegeben und wir kamen tiefer ins Gespräch. Irgendwann wurde ich von der BR-Kollegin gefragt, ob sie mit ihrem Team einen Beitrag über mich und mein Hobby machen dürfe. Der Beitrag soll in der BR-Sendung „Aus Schwaben aus Altbayern“ erscheinen.
Klar bin ich dazu bereit. Zum einen kann es Werbung für meine Person sein (das freut mein Unternehmerherz) und zum anderen kann ich auf den Verein VideoSpielKultur (VSK) hinweisen, bei dem ich Mitglied bin. VSK führt verschiedene Veranstaltungen durch, die sich mit Videospiele als Kulturgut beschäftigt.

In Absprache mit dem Verein lud ich das BR-Team zu den Veranstaltungen von VSK nach München ins Werk 1 ein. Dort gibt es zweimal im Monat Spieleabende. Jung und alt und Gamer mit unterschiedlichem Interesse kommen zusammen, um gemeinsam zu zocken. Ab und zu bin ich dort mit K1 und wir spielen. Die Termine werden in der Facebook-Gruppe des Vereins bekanntgeben. Also kam ein Kameramann, ein Kameraassistent und die besagte Reporterin zu dem Termin und wir drehten einen Beitrag. Es wurden schöne Bilder gedreht, Interviews mit Spielern und VSK-Verantwortlichen geführt. Ich musste auch ein wenig schauspielerisch tätig werden und laufen, posen, cool schauen – hat alles viel Spaß gemacht.

Dann kam es zu einem zweiten Drehtermin bei mir zu Hause. Ich zeigte meine Gamer-Klamotten, meine Retro-Konsolen, einen Acrade-Automaten und viel Merch. Die Sache war ganz schön anstrengend. Leider wurden die Aufnahmen aus dem Drehtag bei mir zu Hause nicht in dem Beitrag verwendet. Warum, weiß ich nicht.
Mir war es wichtig, meine Botschaft im Fernsehen an den Mann und die Frau zu bringen: Retrogames machen Spaß, ein Kulturgut und sind ein tolles Hobby. Es gibt nicht nur Spiele, sondern auch Filme, Bücher, Musik, Klamotten und mehr zum Thema.

Tja und dann kam der große Tag. In der Woche der gamescom 2018 in Köln war der Ausstrahlungstermin. Die ganze Familie saß vor der Glotze und wir schauten die Sendung „Aus Schwaben und Altbayern“ an – gefühlt habe ich die Sendung vor 100 Jahren das letzte Mal angeschaut. K1/2 waren sichtlich nervös: Der Papa im Fernsehen und hoffentlich ist es nicht peinlich. Aber ich macht mich nicht zum Deppen. Hier ist übrigens der TV-Beitrag:

Kurz nach der Sendungen kamen Mails und Nachrichten. Ein paar Leute gratulierten. Am nächsten Tag wurde meine Frau angesprochen, dass ihr Mann im Fernsehen gewesen sei. Vielen Dank für die guten Wünsche. Auch meine Eltern waren stolz auf ihren Sohn, schließlich hatten sie mir damals das Atari 2600 gekauft.
Was ist mir klargeworden: Mein Atari 2600 gehört nicht mehr nur ins Arbeitszimmer, sondern ins Wohnzimmer. Dann will ich mich bei VideoSpielKultur mehr engagieren und auch mehr Vorträge für diesen Themenbereich anbieten.

Filmtipp: Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

2. September 2018

Grüner wird’s nicht - samt Filmgespräch mit Regisseur Florian Gallenberger und Darstellerin Monika Baumgartner (r) sowie Marketingsdame Andrea Hailer (l.)

Grüner wird’s nicht – samt Filmgespräch mit Regisseur Florian Gallenberger und Darstellerin Monika Baumgartner (r) sowie Marketingsdame Andrea Hailer (l.)

Oscar-Prominenz bei uns in der Region. Zu einem Kinogespräch zum neuen Film von Florian Gallenberger kam es in meinem Lieblingskino Scala in bayerischen Fürstenfeldbruck. Ich habe über ein Facebook-Gewinnspiel zwei Eintrittskarten gewonnen. So besuchten meine Frau und ich die Vorstellung des Films mit anschließendem Kinogespräch mit Regisseur Florian Gallenberger und Hauptdarstellerin Monika Baumgartner, die beide aus der Region stammen. 

Vielen Dank für die Autogramme - Danke Florian Gallenberger und Monika Baumgartner.

Vielen Dank für die Autogramme – Danke Florian Gallenberger und Monika Baumgartner.

Schön zu sehen, dass der große Saal des Scala Kinos fast komplett gefüllt war. Das Interesse an dem Film und dem anschließenden Gespräch samt Autogramm und/oder Selfie war groß. Und es war auch eine ältere Generation, die nach langer Zeit mal wieder ins Kino ging, wie eine Zuschauerin berichtete. Und diesen Zuspruch braucht Grüner wird’s nicht auch, denn er kann es nicht mit dem Marketing der Blockbuster aufnehmen. Hier haben es die Betreiber das Scala Kino richtig gemacht und setzen auf Mundpropaganda und soziale Netzwerke. „Sagt es weiter, dass euch der Film gefallen hat“, beschwor auch Andrea Hailer von der Marketingagentur Soulkino die Zuschauerinnen und Zuschauer. 

Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon ist für mich eine Art fliegendes Roadmovie, der die Geschichte des mürrischen Gärtners Schorsch (Elmar Wepper) schön erzählt. Er steht an einem Scheideweg im Beruf und Ehe und macht sich rücksichtslos auf den Weg, sich selbst zu finden. Also eine klassische Geschichte eines Roadmovies, wie es Regisseur Florian Gallenberger mir gegenüber im Gespräch bestätigte. Wunderschöne Luftaufnahmen mit einem roten Doppeldecker – nicht wie beim Roten Baron von Pixomondo als VFX entstanden, sondern als Realfilm, zum Teil natürlich auf einer Studiobühne. Der kauzige Elmar Wepper saß selbst in der Maschine, flog freilich nicht. Mit allerlei Studiotricks sah es in dem Greenscreen-Studio so aus, als ob sich das Flugzeug bewegt und sich der Sonnenstand ändert. 

Apropos Elmar Wepper: Er heute in Planegg lebende 74jährige TV-Star spielt sich in die Herzen seiner bayerischen Zuschauer. Ich muss zugeben, dass ich Elmar Wepper als erstes immer mit Pabel Chekov identifiziere, dessen Synchronrolle er in Star Trek sprach. Im gesetzten Alter löste sich Wepper von den TV-Rollen und kann ernsthafte Schauspieler zur Schau stellen: Kirschblüten von Doris Dörries war für mich der Beweis, ebenso Grüner wird’s nicht. Der Film ist auf Wepper aufgebaut und er macht seine Rolle hervorragend. Nicht so perfekt klappte übrigens das Baggerfahren, wie der Regisseur in dem Filmgespräch verriet. Schöne Geschichte, die im Video erzählt wird. 

Gärtners Schorsch, eben gespielt von Elmar Wepper, ist ein autoritärer Patriarch, der an seinen Träumen vorbeilebt. Ehe kaputt, entfremdet von Tochter und Frau, Betrieb ruiniert – und er lässt seine Frau mit den Schulden sitzen und macht sich auf der Suche nach seinen Träumen. Zurückgelassen vom egoistischen Ehemann steht Monika, wunderbar gespielt von Monika Baumgartner, ihre Frau und ordnet die Verhältnisse zu Hause, während Schorsch sein Leben sucht. Naja, aber Monika hat es auch faustdick hinter den Ohren. Kind vom fremden Mann und eine Affäre mit dem Golfplatzbetreiber, der den Familienbetrieb ruiniert hat. Nach Herzschmerz und vielen skurrilen Personen, die zu einem Roadmovie dazugehören, findet jeder seinen Weg. Die Familie bricht auseinander und jeder verwirklicht sich selbst. Schorsch allerdings, so hatte ich den Eindruck, zockt seine Familie gegen Ende nocheinmal ab und bleibt ein Egoist. 

Handwerklich ist der Film sehr schön gemacht. Und die Zielgruppe ist auch ein älteres Publikum, das vielleicht selbst in die Midlife-Crisis geraten war und sich durch Kalendersprüche wie Lebe deinen Traum identifizieren kann. Dazu passt die Machart des Film: Lange Einstellungen, langsamer Schnittrhythmus, großes Schauspielkino – mal dachte ich an das Bayerische Fernsehen. Drei Bundesländer haben den Film übrigens durch ihre Filmförderung finanziert. Und es ist ein unterhaltsamer Film geworden, der zu gefallen weiß. Oscarpreisträger Florian Gallenberger versteht sein Geschäft. Der Planegger ist Professor an der HFF und kann in jungen Jahren schon auf allerhand Kinoerfahrung zurückblicken. Bisher hat mich immer John Rabe von 2009 von ihm fasziniert. Ich freue mich, dass es Leute wie Florian Gallenberger auf dem Regiestuhl gibt. Bitte weiter so – und Scala bitte weiter solche Abende.

Fotoreporter Günter Reger von der örtlichen SZ war auch da und bringt den Abend in die klassischen Massenmedien.

Fotoreporter Günter Reger von der örtlichen SZ war auch da und bringt den Abend in die klassischen Massenmedien.

Anforderungen an den Journalisten von heute – Dietmar Gaiser im Interview

8. Dezember 2014

Dietmar Gaiser (r) im Gespräch mit Matthias J. Lange von redaktion42.

Dietmar Gaiser (r) im Gespräch mit Matthias J. Lange von redaktion42.

Wie muss der Journalist der Gegenwart und Zukunft aussehen? Diese Frage stellte ich einen alten Hasen der Zunft: Dietmar Gaiser.
Gaiser ist gelernter Tageszeitungsjournalist, arbeitete im Lokalen im Allgäu, berichtete ein Jahr als Korrespondent aus Vietnam und schrieb später für die tz München. Später wechselte er zum Bayerischen Fernsehen und wurde richtig bekannt als Moderator verschiedener Sendungen wie Kunst und Krempel oder Bürgersendungen wie Jetzt red i. Hier zeigte sich vor allem seine Schlagfertigkeit. Noch heute arbeitet Dietmar Gaiser als Coach und Trainer.
Gaiser gibt dem Journalisten eine Chance, aber das Berufsbild hat sich dramatisch verändert. Ein Journalist müsse alle Kanäle ausnützen und seine Geschichten in den verschiedenen Formen erzählen. Jemand, der für eine Tageszeitung nur die schönen Geschichten schreiben will, der werde keine Chance am Arbeitsmarkt haben. Der Journalist von heute müsse in der Flut von Meldungen und Nachrichten Orientierung geben. Das werde mehr denn je benötigt.
Ich führte mit Dietmar Gaiser dieses Interview:

Bob Dylan: Hard Rain als DVD

21. Februar 2011

Irgendwann in meiner Jugend habe ich im Bayerischen Fernsehen ein seltenes Dylan-Konzert von 1976 gesehen, dass mir auf seine ungewöhnliche Art in Erinnerung geblieben ist: Hard Rain von der Rolling Thunder Tour. Jetzt habe ich bei Amazon zufällig das Konzert Rolling Thunder Revue auf DVD wiederentdeckt, veröffentlicht von einer Firma mit dem ominösen Namen Woodstock Tapes. Also so richtig legal dürfte es bei den Aufnahmen nicht zugehen, aber als Dylan-Fan muss ich die Aufnahme haben. Selbstverständlich.

Und ich wurde nicht enttäuscht: Zu sehen ist eine Art Punk-Dylan mit seiner legendären Rolling Thunder-Besetzung sowie natürlich die unvermeidliche Joan Baez an seiner Seite. Mit dabei auch Ramblin´ Jack Elliot und Roger McGuinn. Ort des Geschehens Fort Collins und wie der LP-/CD-Titel Hard Rain sagte, bei fettem Regen.

Die Band stolziert umher wie die Mannschaft eines Piratenschiffs um ihren wahnsinnigen Kapitän. Fast alle Bandmitglieder haben sich Kopftücher oder sonstige Fetzen über den Kopf gezogen. Von einem geordneten Konzert mit einstudierter Bühnenshow kann keine Rede sein. Es ist Punk pur. Selten habe ich Dylan so aggressiv, aber dennoch engagiert singen gehört. Rolling Thunder war einer der kreativen Höhepunkte des Meisters. Aber Warnung: die Aufnahmen sind nur für Dylan Hartgesottene ein Genuss. Der Freund des Mainstreams, der ene Best of-Show erwartet, wird irritiert den ruppigen Songs lauschen und sich über die Figuren auf der Bühne seine Gedanken machen. Sonnenbrille und Cowboyhüte bei Regen, was haben die Musikanten denn alles eingeworfen? Aber wenigstens tragen sie keine Masken, wie in einem Teil des Rolling Thunder-Zirkuses. Auch der Griff in den Farbeimer ist reduziert, nur Frau Baez hat ein wenig Rouge aufgetragen. An alle Musiker unter den Lesern: Schaut euch den Bassisten Rob Stoner und dann entscheidet, ob ihr Bass spielen könnt oder nicht – genial.

Als das Konzert damals auf Langspielplatte herauskam, blieb es in den Schallplattenläden wie Blei liegen. Von der Elegant der Studioalben Desire oder Blood on the Tracks war nicht viel zu hören. Hard Rain provozierte, eckte an, war auf keinen Fall gefällig. Die hat sich mit der später veröffentlichten CD und jetzt mit der DVD Gott sei Dank nicht geändert. Es ist Rock´n Roll und Punk pur, selbst wenn Dylan und Baez an einem Mikro Klassiker der Folk-Szene herunterschrappeln. Schön sind dabei die Szenen, wenn Goldkelchen Baez in die Ferne beim Singen schaut. während Ex-Lover Dylan sie von der Seite beobachtet. In dem leider noch nicht veröffentlichten Dylan-Film Renaldo & Clara kommt die Heiratsdiskussion zwischen ihnen nochmals auf – Fans erinnern sich.

Nun die schlechte Nachricht. Die technische Qualität der DVD ist grottenschlecht. Die Aufnahmen sind in NTSC vom US-Fernsehen gemacht und NTSC bedeutet auch Never The Same Color. Alle Kritikpunkte am NTSC-Format treten hier in voller Form zu Tage. Und zudem haben die (Schwarz-)Kopierer von Woodstock Tapes die Aufnahmen der Asia-TV-Ausstrahlung vervielfältigt. Das bedeutet, es gibt störende Untertitel und Bauchbinden mit asiatischen Übersetzungen. Leider verdecken diese zeitweise das gesamte Bild. Das nervt erheblich. Aber das Cover der DVD brauche ich kein Wort zu verlieren. Es ist sch…

Aber wer den Meister in einer seiner Hochphasen erleben will, sollte die paar Euro für Rolling Thunder Revue riskieren. Wann und ob Sony Music irgendwann die Originalshows auf den Markt bringt, ist zweifelhaft. Daher zugreifen, über die Fehler hinwegsehen, und genießen.