Posts Tagged ‘Goldener Löwe’

Filmkritik: Joker von Todd Phillips

16. November 2019

Endlich hab ich es geschafft, mir den Joker im Kino anzuschauen und ich frag mich, warum ich das nicht früher gemacht habe. Ich hatte Befürchtungen, dass es eine Comicverfilmung im Sinne der schrecklichen Marvel- oder DC-Filme wird. Nix da: Joker ist großes Schauspielkino und ist absolut lohnenswert. Es hat mit Superhelden nix zu tun.
Natürlich bewegen wir uns in der Tradition der Comicwelt, aber es wird eben nur wenig auf Superhelden Bezug genommen. Im Grunde ist es nur eine Szene, in der die Eltern von Bruce Wayne erschossen wird – die Geburtsstunde von Batman wie Comicfans wissen. Aber wer das Batman-Universum nicht kennt, hat absolut keine Probleme sich den Joker anzusehen. Der Film hat sich zum Kassenschlager entwickelt. Dies liegt an der Regie von (Pokerspieler) Todd Phillips und der schauspielerischen Leistung von Joaquin Phoenix. Und so bekam dieser Film den Goldenen Löwen in Venedig und geriet so in mein Interesse.

Eskalation auf der Leinwand
Ein Joker steckt in jedem von uns. Jeder hat mit Rückschlägen und Niederlagen zu kämpfen. Doch in dem Solofilm Joker verliert der Hauptdarsteller komplett den Halt. Und der Film zeigt das Abgleiten des Jokers in den Wahnsinn. Es ist verstörend, richtig unangenehm, als Zuschauer diesen Verfall zu beobachten. Die Hänseleien, der Spott, die Kälte der Gesellschaft schnürt mir als Zuschauer die Luft ab. Und so eskaliert die blutige Schau auf der Leinwand. Zunächst fühlte ich mich an Falling Down erinnert, aber Joker befreit sich schnell aus diesem Vorbild und geht konsequent seinen eigenen Weg.

Der Verfall des Jokers
Joker, der eigentlich Arthur Fleck heißt, leidet unter eine Lachstörung in der fiktiven Stadt Gotham City des Jahres 1981. Das Setdesign ist runtergekommen und spiegelt den Verfall des Charakters. Der Müll wird nicht abgeholt, die Ratten kommen hervor. Arthur Fleck will nichts Schlechtes, kümmert sich um seine Mutter, geht einen Beruf als Clown nach, doch er scheitert an den Umständen. Er wird geschlagen, er wird hereingelegt, er wird gedemütigt, er wird von seiner eigenen Mutter betrogen. Er versucht soziale Nähe, wird aber zurückgewiesen und flüchtet sich in Traumwelten. Die geistige Situation von Arthur Fleck verschlimmert sich. Und als er erfährt, dass er als Kind missbraucht wird, ist die Grenze überschritten. Sein Auftritt als Standup-Comedian misslingt, aber er wird gefilmt und in YouTube veröffentlicht. Das Netz macht sich lustig über ihn. Er tötet, schminkt sich zur Comicfigur Joker für einen Auftritt in einer Talkshow im klassischen Fernsehen, wo er wieder das Gespött der Leute sein soll. Er plante seinen Selbstmord, erfährt in der Show nur Schadenfreude pur. Der Joker wehrt sich, bricht aus, wendet sich gegen seine Peiniger und ruft zum Terror mit einer solidarischen Maskenbewegung auf. In der letzten Szene mordet der Joker in einer psychiatrischen Anstalt – oder ist es nur Einbildung?

Großartig Joaquin Phoenix als Joker
Ich war begeistert über das schauspielerische Talent von Joaquin Phoenix. Vor allem das unterschiedliche, gesteigerte Lachen ist sehr gut inszeniert. Es ist kein Lachen der Freude und zeigt dem Zuschauer die Leere von Fleck. Bisher war Heath Ledger für mich der beste Joker, doch Joaquin Phoenix kommt der Interpretation sehr nahe und gibt ihm aber mehr Raum, weil er eine Figur zeigen kann, die sich entwickelt. Heath Ledger in der Batman-Verfilmung The Dark Knight war das geniale Endprodukt dieser Entwicklung zum Schurken Joker.

Der Score zu Joker
Schwer tat ich mich mit dem Score. Die Filmmusik wurde von Hildur Guðnadóttir komponiert. Der Soundtrack, der insgesamt 17 Musikstücke mit 37 Minuten umfasst, bietet für mich keine größere Tiefe und ist eine Enttäuschung.

Filmtipp: Das wandelnde Schloss von Hayao Miyazaki

4. März 2012
Das wandelnde Schloss - ein toller Film vom japanischen Walt Disney.

Das wandelnde Schloss - ein toller Film vom japanischen Walt Disney.

Im Moment schaue ich immer wieder die Filme von Oscar-Preisträger Hayao Miyazaki an. Nach „Chihiros Reise ins Zauberland“ steht bei mir „Das wandelnde Schloss“ auf dem Programm. Ich habe ihm im September 2005 im Kino gesehen, mir später auf DVD gekauft und entdecke ihn jetzt wieder. Dieser magischer Film für die ganze Familie erzählt die Geschichte der Hutmacherin Sophie aus Kinderaugen. Nach Irrwegen und Verwandlungen findet Sophie sich in dem wandelnden Schloss wieder einem gigantischen mechanischen Ungetüm, das sich auf insektenähnlichen Beinen bewegt, aus allen Löchern pfeift und seine Türen in vier verschiedenen Welten und Zeiten öffnen kann. Aber im Mittelpunkt steht die wachsende Liebe des Mädchens zu einem Zauberer, die die Welt am Ende vor der Zerstörung bewahrt.

Also eher eine fantasievolle Geschichte, die mit genialen Einfällen gespickt ist. Daher war es für mich wichtig, auch hinter die Kulissen des Filmes zu schauen. Den Blick bekam ich beim Lesen der spannenden Lektüre „The Art of Howl’s Moving Castle“ Schließlich basiert der Film auf den Roman „Sophie im Schloss des Zauberers“ der britischen Schriftstellerin Diana Wynme.

Hayao Miyazaki genießt in seiner Heimat absoluten Kultstatus und ist dort eine Art japanischer Walt Disney. Er bekam im September bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Die märchenhafte, romantische, von atemberaubenden Fantasie-Kreaturen bevölkerte Welt des wandelnden Schlosses entstand in Miyazakis Ghibli-Studios. John Lasseter, Cheffe von Pixar, berichtete einmal, dass er die Struktur des Studio Ghibli als Modell für den Aufbau von Pixar übernommen hat. „Jetzt ist es ganz einfach, wenn sich en Problem mit einer Pixar-Produktion ergibt, schauen wir uns einfach einen Miyazaki-Film an. Und nach und nach finden wir dann darin die Lösung für unser Problem“, so Lasseter.

Blick in das schön gestaltete Buch.

Blick in das schön gestaltete Buch.

Das Buch „The Art of Howl’s Moving Castle“ ist ein optischer Leckerbissen. Es enthält Skizzen, Storyboards und fertige Filmbilder. Die japanischen Anweisungen wurden – Gottlob – ins Englische übersetzt. Anders als klassische Art of-Bücher gibt es ausführliche Texte, wie die einzelnen Szenen produziert wurde. Die Künstler verraten, welche Techniken und warum sie eingesetzt wurden. Animation oder CG, welche Werkzeuge für die Hintergründe wurden geschaffen – das Buch verrät kleine und große Geheimnisse der Optisch Großartiges ist in dem Buch herausgekommen. Ein Bilderbuch für die Sinne. Und was mir besonders gefällt, die Welt der Geschichte wurde der Optik elsässischer Städte und Landschaften nachempfunden. Es ist der Hammer, wie Asiaten unsere Architektur und Kultur sehen. Hier bekommen wir von einem Japaner einen animierten Spiegel vorgehalten. Auch mal sehr heilsam.