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Filmkritik: Corpus Delicti

16. September 2026

Es gibt Dystopien, die ihre Zukunft möglichst fremd aussehen lassen. Und es gibt Dystopien, deren eigentliche Stärke darin besteht, dass ihre Zukunft erschreckend vertraut wirkt. „Corpus Delicti“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Lena Stahls Verfilmung des gleichnamigen Romans von Juli Zeh erzählt von einer Gesellschaft, die auf den ersten Blick beinahe beneidenswert erscheint: Die Menschen sind gesund, der Staat sorgt für Sicherheit, Krankheiten werden bekämpft und wissenschaftliche Erkenntnisse bestimmen politische Entscheidungen. Vernunft scheint über Ideologie gesiegt zu haben. Und genau darin liegt der Schrecken.
Denn „Corpus Delicti“ erzählt nicht von einer klassischen Diktatur mit Uniformen, Aufmärschen und allgegenwärtiger sichtbarer Gewalt. Die Herrschaft trägt hier das freundliche Gesicht der Fürsorge. Sie verspricht Gesundheit, Sicherheit und ein langes Leben. Dafür verlangt sie Daten, Kontrolle, Disziplin und die Bereitschaft, das eigene Verhalten den Vorgaben des Systems unterzuordnen. Freiheit verschwindet nicht mit einem großen Knall, sondern wird Stück für Stück gegen vermeintliche Sicherheit eingetauscht.

Der Film basiert auf Juli Zehs 2009 erschienenem Roman, dessen gesellschaftspolitische Sprengkraft über die Jahre eher größer als kleiner geworden ist. Zeh entwarf darin eine Gesundheitsdiktatur des 21. Jahrhunderts, in der körperliches Wohlergehen zur höchsten Bürgerpflicht erhoben wird. Lena Stahl macht daraus einen dystopischen Thriller, der politische Fragen mit einer sehr persönlichen Geschichte verbindet.

Hinter der Kamera ist der Film prominent besetzt. Die Kamera führt Philipp Haberlandt, die Musik stammt von Volker Bertelmann und Lennart Saathoff. Bertelmann – international auch als Hauschka bekannt – gewann für „Im Westen nichts Neues“ den Oscar für die beste Filmmusik. Hoffe, dass der Score auf Vinyl erscheint.

Im Mittelpunkt steht Mia Holl, gespielt von Hannah Herzsprung. Mia ist Wissenschaftlerin und zunächst keineswegs eine Rebellin. Im Gegenteil: Sie gehört zu jener Gesellschaft, die auf Rationalität, Messbarkeit und wissenschaftliche Evidenz vertraut. Das macht die Figur so interessant. Sie kämpft nicht gegen das System, weil sie grundsätzlich gegen Regeln wäre. Sie beginnt erst dann zu zweifeln, als ihr Bruder Moritz des Mordes beschuldigt wird. Die Beweise scheinen eindeutig. Das System hat seine Daten, seine Analysen und seine wissenschaftlich abgesicherten Schlussfolgerungen. Für die sogenannte Methode ist der Fall damit praktisch erledigt. Doch Mia glaubt an die Unschuld ihres Bruders. Plötzlich kollidieren zwei Wahrheiten miteinander: die Wahrheit der Daten und die Wahrheit persönlicher Erfahrung.

Aus diesem Konflikt entwickelt „Corpus Delicti“ seine stärkste Idee. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Wissenschaft nicht mehr als Methode des Zweifelns begreift, sondern aus ihren Ergebnissen eine politische Unfehlbarkeit konstruiert? Wissenschaft lebt eigentlich davon, dass Erkenntnisse überprüfbar, Hypothesen widerlegbar und Ergebnisse diskutierbar bleiben.

Das System in „Corpus Delicti“ hat diesen Grundgedanken pervertiert. Es benutzt Wissenschaft nicht mehr ausschließlich als Werkzeug der Erkenntnis, sondern als Legitimation von Macht. Wer widerspricht, erscheint deshalb nicht einfach als politischer Gegner. Er wird zum Gegner der Vernunft erklärt. Das ist wesentlich gefährlicher. Hannah Herzsprung ist für diese Geschichte eine ausgezeichnete Besetzung, denn Mia Holl braucht keine klassische Actionheldin zu sein. Ihre eigentliche Bewegung findet im Denken statt. Aus einer Frau, die an die Rationalität des Systems glaubt, wird eine Zweiflerin. Und in einem System, das keinen Zweifel duldet, wird bereits das Stellen einer Frage zum revolutionären Akt. Ihr Bruder Moritz, gespielt von Damian Hardung, steht stärker für Individualität, Freiheit und die Möglichkeit, unvernünftig sein zu dürfen. Gerade darin steckt eine der faszinierendsten Fragen des Stoffes: Hat ein Mensch ein Recht darauf, ungesund zu leben? Darf er Risiken eingehen? Darf er seinem Körper schaden? Und wo endet die Verantwortung des Staates für seine Bürger?

„Corpus Delicti“ verweigert sich der einfachen Antwort. Natürlich ist Gesundheit etwas Positives. Natürlich wünschen wir uns Schutz vor Krankheiten, und selbstverständlich können wissenschaftliche Erkenntnisse Leben retten. Die Dystopie funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie nicht auf einem offensichtlich bösen Gedanken basiert. Die Methode beginnt mit einem Versprechen, dem kaum jemand widersprechen würde: Wir wollen, dass Menschen gesund sind. Das Problem entsteht erst durch den nächsten Schritt: Deshalb müssen sie gesund sein. Aus einem Recht wird eine Pflicht, aus Fürsorge wird Kontrolle, aus Prävention wird Überwachung und aus dem Menschen schließlich ein Datensatz.

Besonders interessant ist dabei Heinrich Kramer, verkörpert von Alexander Fehling. Kramer ist Journalist, aber keineswegs automatisch Vertreter einer freien, kritischen Öffentlichkeit. Gerade diese Figur zeigt, wie wichtig Sprache für autoritäre Systeme ist. Macht funktioniert nicht ausschließlich durch Polizei und Gerichte. Sie funktioniert über Begriffe, Erzählungen und öffentliche Deutung. Wer bestimmt, wer vernünftig ist? Wer entscheidet, wer radikal ist? Wann wird aus einem Zweifler ein Staatsfeind? Damit berührt „Corpus Delicti“ einen hochaktuellen Kern politischer Kommunikation. Ein System muss seine Gegner nicht unbedingt zum Schweigen bringen, wenn es ihm gelingt, ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Wer außerhalb des akzeptierten Meinungskorridors steht, kann als irrational, gefährlich oder gesellschaftsschädlich markiert werden.

Lena Stahl setzt dabei bewusst auf die Mechanismen eines Thrillers. Das ist für die Verfilmung eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Juli Zehs Roman ist stark von philosophischen und juristischen Auseinandersetzungen geprägt. Literatur kann lange Gedankenräume öffnen, Argumente gegeneinanderstellen und innere Widersprüche ausführlich untersuchen. Kino braucht dagegen Bilder, Konflikte und Bewegung. Die Suche nach der Wahrheit über Moritz wird deshalb zum dramaturgischen Motor. Mia gerät immer tiefer in einen Apparat hinein, dessen Macht sie zuvor selbst akzeptiert hat. Je mehr sie zweifelt, desto stärker wird sie vom System beobachtet. Schließlich wird aus der Wissenschaftlerin selbst eine Verdächtige. Darin besitzt die Geschichte eine beinahe kafkaeske Qualität. Mia muss nicht einmal etwas Spektakuläres tun. Schon ihre Abweichung wird zum Problem. Wer sich einem System verweigert, das behauptet, ausschließlich dem Wohl des Menschen zu dienen, muss in dessen Logik irgendwann entweder irrational oder gefährlich sein.

Besonders spannend ist „Corpus Delicti“ deshalb als politischer Film. Die Geschichte lässt sich nicht bequem einer einzigen politischen Richtung zuordnen. Sie handelt von einem grundsätzlichen Konflikt moderner Gesellschaften: Wie viel Freiheit sind wir bereit für Sicherheit aufzugeben? Diese Frage betrifft Gesundheitsdaten ebenso wie digitale Überwachung, biometrische Systeme, Algorithmen oder künstliche Intelligenz. Jede einzelne Technologie kann einen vernünftigen Nutzen besitzen. Problematisch wird es dort, wo aus vielen einzelnen Informationen ein nahezu vollständiges Bild des Menschen entsteht. Wer schläft wann? Wer bewegt sich wie viel? Welche Krankheiten hat jemand? Was isst er? Wo befindet er sich? Mit wem kommuniziert er? Welche Risiken geht er ein? Die technische Möglichkeit, all diese Informationen zu erfassen, führt zwangsläufig zur politischen Frage, wer sie verwenden darf und zu welchem Zweck. Genau hier entfaltet „Corpus Delicti“ seine beklemmende Aktualität. Der Film erzählt letztlich weniger von Gesundheit als von Daten. Gesundheit ist die moralische Legitimation für die Datenerfassung. Denn gegen Überwachung lässt sich protestieren. Gegen Gesundheit zu protestieren klingt dagegen absurd. Darin liegt die Raffinesse des Systems: Es definiert sein politisches Ziel so positiv, dass jeder Widerspruch automatisch verdächtig erscheint.

Der Film stellt damit eine Frage, die weit über seine Handlung hinausweist: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft keine Abweichung mehr erträgt? Demokratie besteht schließlich nicht nur aus Mehrheitsentscheidungen. Sie lebt auch vom Recht des Einzelnen, anders zu leben, anders zu denken und sogar Entscheidungen zu treffen, die andere für falsch halten. Eine vollkommen optimierte Gesellschaft müsste zwangsläufig einen Teil dieser Freiheit beseitigen, denn Freiheit produziert Unordnung. Menschen rauchen, trinken, essen zu viel, schlafen zu wenig, treiben keinen Sport, verlieben sich in die falschen Menschen, glauben Unsinn und treffen schlechte Entscheidungen. Das ist ineffizient, aber es ist menschlich. Die eigentliche Provokation von „Corpus Delicti“ besteht deshalb in dem Gedanken, dass eine vollkommen vernünftige Gesellschaft möglicherweise eine zutiefst unmenschliche Gesellschaft wäre.

Damit liegt „Corpus Delicti“ irgendwo zwischen Science-Fiction-Dystopie, Politthriller und Justizdrama. Die Geschichte erinnert in ihrer Grundidee an Orwell, „Gattaca“ oder auch „Minority Report“, verfolgt aber einen ausgesprochen deutschen, juristisch-politischen Ansatz: Nicht die Technik selbst ist der eigentliche Gegner, sondern die Vorstellung, aus Daten ließe sich eine objektive und unangreifbare Wahrheit ableiten. Wobei ich Gattaca deutlich eleganter und nicht so deutsch sperrig mit dem Zeigefinger empfang.
Es werden die Menschen im Film nicht ausschließlich durch Angst kontrolliert. Das System bietet ihnen etwas an: Gesundheit, Sicherheit, Ordnung und die Befreiung von vielen Risiken des Lebens. Auch Parallelen zu „Gattaca“ drängen sich auf. Dort entscheidet genetische Optimierung über gesellschaftliche Möglichkeiten, bei „Corpus Delicti“ ist es die körperliche und gesundheitliche Normierung. In beiden Fällen entsteht Unterdrückung aus dem Versprechen der Verbesserung. Gerade für das deutsche Kino ist dieser Stoff deshalb bemerkenswert. Science-Fiction wird hierzulande noch immer vergleichsweise selten als ernsthafte gesellschaftspolitische Kinogattung verstanden. „Corpus Delicti“ zeigt, welches Potenzial darin steckt. Man braucht keine gigantischen Raumschlachten, um über Zukunft zu erzählen. Manchmal genügt eine Gesellschaft, die beschlossen hat, nur noch das Beste für ihre Bürger zu wollen – und eine Frau, die plötzlich fragt, wer eigentlich bestimmt, was dieses Beste ist.

Vielleicht ist das die entscheidende Stärke von „Corpus Delicti“: Die Geschichte zwingt uns nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit zu wählen. Sie zwingt uns, über die Grenze zwischen Verantwortung und Bevormundung nachzudenken. Wann wird Schutz zur Kontrolle? Wann wird Wissenschaft zum Herrschaftsinstrument? Wann wird Datenerfassung zur Überwachung? Und wann verwandelt sich das Versprechen einer besseren Gesellschaft in die Forderung nach einem besseren Menschen? „Corpus Delicti“ ist deshalb keine Dystopie über eine ferne Zukunft. Es ist eine Warnung vor einem uralten politischen Reflex: dem Wunsch, Menschen zu ihrem eigenen Glück zwingen zu wollen. Der gefährlichste Staat ist vielleicht nicht jener, der offen verkündet, dass ihm der einzelne Mensch gleichgültig ist. Viel schwieriger ist ein Staat zu erkennen, der behauptet, alles nur zu unserem Besten zu tun. Genau deshalb besitzt Juli Zehs Geschichte eine solche Kraft – und genau deshalb ist ihre Verfilmung im Jahr 2026 so bemerkenswert aktuell. Am Ende bleibt eine Frage, die weit über den Kinosaal hinausreicht: Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben, wenn man uns dafür Sicherheit verspricht? Und vielleicht noch wichtiger: Merken wir überhaupt, wann wir sie aufgegeben haben?
Der Film läuft 103 Minuten, ist FSK 12 und startet am 1. Oktober 2026.

BistroTalk: Vom Computerspiel zum räumlichen Computer: Pierre Kretschmer über die Zukunft von VR und AR

22. Juli 2026

Virtual Reality ist längst mehr als Achterbahnfahren, Zombie-Jagd und Computerspiele. Im jüngsten BistroTalk aus dem Bistro sixtyfour in Maisach sprach ich als Gastgeber mit Pierre Kretschmer aus Gernlinden über die Entwicklung virtueller Welten, neue Formen der Kommunikation und die Frage, wie smarte Brillen unseren Alltag verändern könnten. Kretschmer ist Gründer und Administrator der Facebook-Gruppe „VR Familie“, der mit mehr als 12.000 Mitgliedern nach eigenen Angaben die größte deutschsprachige Community in Facebook zu Virtual Reality, Augmented Reality und verwandten Technologien. Die Veranstaltung wurde live auf YouTube übertragen.

Gegründet hat Kretschmer die Gruppe im Jahr 2019. Damals habe er vor allem nach deutschsprachigen Technikbegeisterten gesucht, die sich nicht nur für Spiele, sondern auch für die Entwicklung eigener virtueller Räume interessierten. In den vorhandenen Foren und sozialen Netzwerken seien zu dieser Zeit vor allem englischsprachige Angebote zu finden gewesen. Hier ist die Aufzeichnung des Streams.

„Die Grundidee war, Menschen zu finden, die sich technisch mit dem Thema auseinandersetzen und gemeinsam virtuelle Räume erstellen“, erklärte Kretschmer. Ursprünglich sei die Plattform eher als Treffpunkt für eine kleine Gruppe von Technikfans gedacht gewesen. Doch die Community sei innerhalb kurzer Zeit stark gewachsen. „Das Ganze ist dann einfach explodiert.“

Einen wichtigen Schub habe die Veröffentlichung der Oculus Quest gebracht. Die eigenständig funktionierende VR-Brille benötigte im Gegensatz zu früheren Geräten weder einen leistungsstarken Gaming-Computer noch eine aufwendige Verkabelung. Damit sei die Technik erstmals für einen größeren Kreis von Verbraucherinnen und Verbrauchern zugänglich geworden.

Viele Menschen verbinden Virtual Reality nach Kretschmers Erfahrung allerdings weiterhin vor allem mit rasanten Achterbahnfahrten oder erschreckenden Zombie-Spielen. Gerade die frühen Anwendungen hätten bei manchen Nutzerinnen und Nutzern Übelkeit oder Unwohlsein ausgelöst. „Beim Achterbahnfahren wird es den Leuten häufig schlecht, und bei den Zombies bekommen sie Angst“, sagte Kretschmer. Solche Erfahrungen wirkten bis heute nach und prägten das Bild der Technologie.

Dabei reicht das Spektrum längst weit über Spiele hinaus. Kretschmer erläuterte im Gespräch die Unterschiede zwischen Virtual Reality, Augmented Reality und Mixed Reality. Bei Virtual Reality tauchten Nutzer vollständig in eine digitale Umgebung ein. Die reale Außenwelt werde durch eine geschlossene Brille ausgeblendet. Augmented Reality ergänze dagegen die sichtbare Wirklichkeit um digitale Informationen, etwa bei „Pokémon Go“ oder durch ein Head-up-Display im Auto.

Mixed Reality gehe noch einen Schritt weiter. Digitale Objekte würden nicht lediglich eingeblendet, sondern räumlich in die reale Umgebung integriert. Ein virtueller Ball könne beispielsweise hinter einem echten Stuhl verschwinden, weil Sensoren den Raum und seine Gegenstände erkennen. „Bei Mixed Reality integriert sich das Digitale in die Realität“, fasste Kretschmer zusammen.

Diese Verbindung von realer und digitaler Welt werde nach seiner Einschätzung künftig besonders wichtig. Viele Menschen wollten nicht vollständig von ihrer Umgebung abgeschottet sein, seien aber dennoch an digitalen Ergänzungen interessiert. Virtuelle Modelle könnten beispielsweise vor dem Kauf in der eigenen Wohnung oder Garage platziert werden. Auch in Industrie und Medizin gebe es bereits zahlreiche Spezialanwendungen. Konstrukteure könnten gemeinsam an dreidimensionalen Fahrzeugmodellen arbeiten, während bei medizinischen Eingriffen zusätzliche Informationen in das Sichtfeld eingeblendet werden könnten.

Unter dem Oberbegriff Extended Reality, kurz XR, werden die verschiedenen Formen digital erweiterter Realität zusammengefasst. Hinzu kommt das sogenannte Spatial Computing. Unternehmen wie Apple verfolgen damit das Ziel, klassische Computerbildschirme durch digitale Arbeitsflächen im Raum zu ersetzen.

„Wir haben eine Technologie, die immer weiter ausreift, aber wir wissen teilweise noch gar nicht, was wir alles damit machen können“, sagte Kretschmer. Die Situation erinnere ihn an die Einführung des Smartphones. Auch damals sei zunächst nicht absehbar gewesen, welche Anwendungen sich daraus entwickeln würden.

Sein persönliches Interesse an digitalen Welten reicht bis in die 1990er-Jahre zurück. Besonders beeindruckt habe ihn damals die Erfahrung, dass zwei Spieler über vernetzte Computer denselben digitalen Raum aus jeweils eigener Perspektive erkunden konnten. Ihn habe dabei weniger der Wettkampf als vielmehr die gemeinsame Bewegung durch dreidimensionale Landschaften fasziniert.

„Da habe ich verstanden, wie cool es ist, gemeinsam solche Räume zu erkunden“, erinnerte sich Kretschmer. Schon die frühen Computerspiele hätten bei ihm ein Gefühl von Immersion erzeugt – also den Eindruck, sich tatsächlich innerhalb einer digitalen Umgebung zu befinden. Später begann er, eigene Räume und sogenannte Maps zu bauen.

Die Vorstellung virtueller Welten sei allerdings wesentlich älter als moderne Computerspiele. Im Gespräch verwies Kretschmer auf literarische Vorläufer wie Neal Stephensons Roman „Snow Crash“, in dem der Begriff Metaverse geprägt wurde, sowie auf „Ready Player One“. Noch früher habe Stanley G. Weinbaum in seiner Kurzgeschichte „Pygmalion’s Spectacles“ bereits in den 1930er-Jahren ein Gerät beschrieben, mit dem Menschen vollständig in eine künstliche Welt eintauchen können.

Viele dieser Geschichten zeichneten allerdings ein dystopisches Bild. Menschen flüchteten in virtuelle Welten, weil die reale Gesellschaft kaum noch Lebensqualität biete. „Die Vorstellung ist häufig, dass die Welt im Eimer ist und die Menschen in digitale Welten ausweichen“, sagte Kretschmer. Gleichzeitig zeigten diese Erzählungen, wie alt der menschliche Wunsch sei, Fantasiewelten nicht nur zu betrachten, sondern unmittelbar zu erleben.

Auch das Engagement von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im VR-Bereich hält Kretschmer grundsätzlich für nachvollziehbar. Facebook habe Menschen zunächst über Texte und Bilder miteinander verbunden. Virtuelle Räume seien die nächste Stufe sozialer Medien. „Als ich mich zum ersten Mal mit jemandem, der weit entfernt war, in einem virtuellen Raum getroffen habe, war mir klar, warum Facebook sich dafür interessiert“, sagte er.

Im Unterschied zu einer Videokonferenz entstehe in virtuellen Räumen ein stärkeres Gefühl gemeinsamer Anwesenheit. Körperhaltung, Blickrichtung und räumliche Nähe vermittelten soziale Signale, die auf einem flachen Bildschirm nur eingeschränkt wahrnehmbar seien. „Es macht einen Unterschied, ob sich zwei Menschen einander zuwenden oder ob sich einer wegdreht“, erklärte Kretschmer.

Die Mitglieder der VR Familie nutzen die Community unter anderem, um Spielpartner zu finden, sich zu virtuellen Treffen zu verabreden oder gemeinsam Sport zu treiben. Virtuelles Tischtennis und Minigolf seien ebenso möglich wie Vorträge oder Diskussionsveranstaltungen in digitalen Räumen.

Eine besonders intensive Phase erlebte die Community während der Corona-Pandemie. In den Lockdowns suchten viele Menschen nach neuen Wegen, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. „Plötzlich mit 20 oder 30 Menschen in einem virtuellen Raum zu stehen, hat vielen das Gefühl genommen, allein zu sein“, berichtete Kretschmer. Die Technik habe dazu beigetragen, gesellschaftliches Beisammensein zu ermöglichen und für einige Zeit die Isolation zu vergessen.

Nach dem Ende der Kontaktbeschränkungen seien viele Menschen wieder stärker in die reale Welt zurückgekehrt. Kretschmer bewertet das positiv. Gleichzeitig habe ein Teil der Nutzer virtuelle Treffen dauerhaft schätzen gelernt.

Neue Möglichkeiten eröffnen sich auch für Kunst und Kultur. Als Beispiel nannte ich virtuelle Konzerte von Jean-Michel Jarre. In digitalen Welten könnten Künstler visuelle Erlebnisse schaffen, die auf einer realen Bühne kaum umsetzbar wären. Zuschauer könnten sich im Weltraum wiederfinden, über der Erde schweben oder durch surrealistische Landschaften gehen.

„In virtuellen Räumen gibt es keine drei Meter hohe Decke und keine Begrenzung durch eine Halle“, sagte Kretschmer. Künstler könnten mit Dimensionen, Perspektiven und Größenverhältnissen arbeiten, die in der Wirklichkeit nicht existierten. „Du hast allen Platz der Welt.“

Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Apple Vision Pro. Ich berichtete, dass er das Gerät regelmäßig zum Arbeiten und Zeitungslesen nutze. Kretschmer bezeichnete die Brille weniger als klassisches VR-Gerät, sondern als neue Form des Computers. „Was wir hier sehen, ist ein Blick in die Zukunft“, sagte er. Apple entwickle damit eine neue Benutzeroberfläche und eine räumliche Computerplattform.

Besonders bedeutsam sei die Bedienung mit Augen und Händen. Anders als viele andere Systeme benötige die Vision Pro keine zusätzlichen Controller. Fenster, Texte und Anwendungen würden im Raum platziert und durch Blickbewegungen sowie Gesten gesteuert.

„Das Gerät soll den Menschen ganz natürlich mit der digitalen Welt verbinden“, erklärte Kretschmer. Apple sammle derzeit Erfahrungen damit, wie Nutzer künftig räumliche Computersysteme bedienen könnten. Langfristig könnten solche Funktionen in wesentlich leichtere und unauffälligere Brillen einziehen.

Denn Gewicht, Größe und Tragekomfort seien weiterhin entscheidende Hindernisse. Eine heutige VR-Brille könne rund 500 Gramm wiegen und werde von vielen Menschen höchstens ein oder zwei Stunden getragen. Kretschmer ist dennoch überzeugt, dass die Technik kleiner und alltagstauglicher wird.

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist die smarte Ray-Ban-Brille von Meta, die Kretschmer im BistroTalk vorführte. Sie verfügt über eine Kamera, Mikrofone, Lautsprecher und eine Verbindung zu Künstlicher Intelligenz. Nutzer können damit Fotos und Videos aufnehmen, Informationen abrufen oder Texte übersetzen lassen. Äußerlich unterscheidet sie sich kaum von einer herkömmlichen Brille.

„Die Hersteller wollen, dass die Technik nicht mehr als Technik wahrgenommen wird, sondern sich ganz selbstverständlich in den Alltag integriert“, sagte Kretschmer. Künftig könnten solche Brillen zu persönlichen Assistenten werden. Sie könnten sich beispielsweise merken, wo ein Gegenstand abgelegt wurde. Wer seinen Autoschlüssel suche, könnte von der Brille an den richtigen Ort erinnert werden.

Diese Möglichkeiten haben jedoch ihren Preis. Kretschmer warnte davor, nur die Vorteile zu betrachten. „Die Frage ist nicht nur: Was machst du mit der Technik? Die Frage ist auch: Was machen die Unternehmen mit deinen Daten?“

Besonders kritisch ist die eingebaute Kamera. Zwar leuchtet bei einer Aufnahme eine LED, doch könne diese bei hellem Sonnenlicht übersehen werden. Erste Berichte über heimliche Aufnahmen zeigten, dass Missbrauch möglich sei. Werden smarte Brillen zum Massenprodukt, könnten sich Menschen künftig häufiger fragen, ob sie gerade gefilmt werden.

„Es wird auf Dauer etwas in der Gesellschaft auslösen“, sagte Kretschmer. Möglich seien Unsicherheit und Misstrauen, vielleicht aber auch ein vorsichtigeres Verhalten im öffentlichen Raum. Entscheidend seien Transparenz, klare Regeln und das Vertrauen in die Anbieter. Unternehmen müssten offenlegen, welche Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet werden.

Auch Schulen, Prüfungen und berufliche Weiterbildungen würden sich durch intelligente Brillen verändern. Wenn Informationen jederzeit direkt im Sichtfeld verfügbar seien, müsse neu festgelegt werden, wo solche Geräte getragen werden dürfen und wie Leistungen überprüft werden können.

Kretschmer sieht zudem eine neue Rolle für Optiker. Smarte Brillen können bereits heute mit individuellen Korrekturgläsern ausgestattet werden. Werden Displays und weitere digitale Funktionen in Zukunft fester Bestandteil von Alltagsbrillen, könnten Optiker zu wichtigen Ansprechpartnern für Auswahl, Anpassung und Beratung werden.

Trotz mancher Rückschläge hält Kretschmer die Entwicklung von Virtual und Mixed Reality nicht für beendet. Unternehmen wie Meta, Apple, Google und Samsung investierten weiterhin in neue Betriebssysteme, Brillen und Bedienkonzepte. Das klassische Smartphone werde nicht sofort verschwinden, könne langfristig aber durch neue Geräte ergänzt oder teilweise ersetzt werden.

„Das Smartphone wird irgendwann langweilig sein oder ausgedient haben“, sagte Kretschmer. Welche Technologie sich schließlich durchsetzt, sei derzeit noch offen. Es gebe keinen einheitlichen Metaverse-Standard und auch keine allgemein akzeptierte Vorstellung davon, wie eine digitale Parallelwelt aussehen solle. Der Markt befinde sich noch in einer Phase intensiven Experimentierens.

In der VR Familie sind Nutzer verschiedener Systeme willkommen. Am stärksten verbreitet seien derzeit die Geräte von Meta. Daneben spielten unter anderem Pico, die Apple Vision Pro und verschiedene Smart Glasses eine Rolle. Die Community wolle sich jedoch nicht auf einen Hersteller beschränken.

Am Ende des BistroTalks blieb vor allem der Eindruck, dass Virtual Reality und Augmented Reality noch am Beginn ihrer Entwicklung stehen. Die Geräte werden leichter, ihre Anwendungen vielfältiger und die Grenzen zwischen realem und digitalem Raum zunehmend durchlässig. Gleichzeitig wachsen die Herausforderungen für Datenschutz, Persönlichkeitsrechte und gesellschaftlichen Umgang.

Oder, wie Pierre Kretschmer es formulierte: „Die Geräte sind am Markt, sie sind da. Jetzt müssen wir schauen, wie wir damit umgehen.“
Der nächste BistroTalk findet am 1. August von 16-17 Uhr rein online statt. Ich spreche mit Ruby und Uwe Flügel zum 3. Geburtstag des Bistros SixtyFour.

Die verlorene Kindheit im Feed: Warum Social Media zur großen Bildungsfrage unserer Zeit geworden ist

23. Mai 2026

Die Studie „Social Media – Bildung – Integrität“ ist ein Gutachten des Aktionsrats Bildung, herausgegeben von der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Ihr Kernbegriff ist „mediale Integrität“: Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollen Social Media nicht nur technisch bedienen können, sondern verantwortungsvoll, werteorientiert, selbstreflektiert und sozial verträglich nutzen. Mein Gefühl nach der Veranstaltung und der Diskussion über Social Media und Ki: Es sprechen oftmals Blinde von der Farbe, aber das mit mahnenden Worten. 

Die Studie bewertet Social Media nicht pauschal als schlecht. Sie sieht Chancen für Kommunikation, Lernen, Kreativität, politische Teilhabe und Vernetzung. Zugleich warnt sie deutlich vor Risiken: Suchtverhalten, Cybermobbing, Desinformation, oberflächliche Informationsverarbeitung, sozialer Druck, problematische Körperbilder, Datenschutzprobleme, Manipulation durch Algorithmen und der Verlust von Empathie im digitalen Raum.

Der zentrale Gedanke lautet: Medienkompetenz reicht nicht mehr aus. Es geht nicht nur darum, Apps zu verstehen, sondern darum, im digitalen Raum integer zu handeln. Dazu gehören Respekt, Ehrlichkeit, Selbstkontrolle, Quellenkritik, Empathie und Verantwortung. Mein persönlicher Vorschlag: Schickt die Eltern und die Lehrer in die Schule. Oftmals wird über Sachen debattiert, die nicht nicht gelebte Realität der Vortragenden ist.

Empfehlungen
Die Studie fordert gesetzliche Altersgrenzen für Social-Media-Plattformen, eine wirksame Altersverifikation und altersgerechte Schutzmechanismen. Anbieter sollen Minderjährige besser vor suchtfördernden Designs, Werbung, manipulativen Mechanismen und übermäßiger Nutzung schützen. Für Bildungseinrichtungen sollen klare Nutzungs- und Datenschutzregeln geschaffen werden. Digitale Bildungsplattformen der Länder sollen so erweitert werden, dass Unterricht über Social Media möglich ist, ohne auf externe Plattformen ausweichen zu müssen.

Für Schulen empfiehlt das Gutachten, Integrität im Umgang mit Social Media als Bildungsziel systematisch zu verankern. Lehrkräfte sollen besser medienpädagogisch ausgebildet werden. Außerdem fordert die Studie Konzepte gegen Cybermobbing und problematische Nutzung. Eltern sollen stärker einbezogen werden, weil Medienerziehung nicht allein Aufgabe der Schule sein kann. 

Nach Bildungsphasen
In der frühen Bildung liegt der Schwerpunkt auf Familie, Kita und Kinderschutz. Besonders kritisch sieht die Studie hohe Bildschirmzeiten kleiner Kinder und das sogenannte Sharenting, also das Teilen von Kinderbildern durch Eltern. Hohe Bildschirmzeiten können laut Gutachten Entwicklungsprobleme verstärken und mit geringerem emotionalem Wohlbefinden zusammenhängen.

In der Primarstufe betont die Studie, dass Social Media bereits bei Grundschulkindern eine Rolle spielt, obwohl viele Angebote eigentlich erst ab 13 Jahren vorgesehen sind. Klare Familienregeln, feste Medienzeiten und Begleitung durch Eltern gelten als entscheidend. Grundschulen sollen Eltern beraten und Kinder auf einen späteren verantwortungsvollen Umgang vorbereiten. 

In der Sekundarstufe werden die Risiken besonders deutlich: FOMO, ständige Ablenkung, oberflächliche Informationsverarbeitung, sozialer Vergleich, Cybermobbing und psychische Belastungen. Die Studie hält fest, dass negative Auswirkungen besonders dann problematisch werden, wenn Social Media sehr früh, sehr intensiv und auf Kosten anderer Aktivitäten genutzt wird. 

In der beruflichen Bildung sieht das Gutachten Chancen für berufliche Orientierung, Netzwerke, Lerncommunities und digitale Kommunikation. Gleichzeitig entstehen neue Risiken: unprofessionelles Auftreten, Datenschutzprobleme, Vermischung von Privatem und Beruflichem sowie Unsicherheiten bei Betrieben und Berufsschulen.

In der Hochschule geht es um Social Media in Lehre, Forschung und Wissenschaftskommunikation. Chancen liegen in Austausch, Sichtbarkeit und kollaborativem Lernen. Risiken bestehen in Qualitätsproblemen, Reputationsdruck, Datenschutz, Desinformation und fehlenden Standards.

In der Weiterbildung sieht die Studie große Potenziale für informelles Lernen, berufliche Netzwerke und niedrigschwellige Bildungsangebote. Gleichzeitig warnt sie vor Ungleichheiten: Wer wenig digitale Kompetenzen besitzt, kann von diesen Angeboten ausgeschlossen werden.

Die Studie ist stark, weil sie Social Media nicht kulturpessimistisch verdammt, sondern differenziert betrachtet. Besonders überzeugend ist der Begriff der medialen Integrität, weil er über reine Technikkompetenz hinausgeht. Die Studie macht klar: Es reicht nicht, Jugendlichen zu erklären, wie TikTok, Instagram oder YouTube funktionieren. Sie müssen lernen, was ihr Handeln dort mit anderen Menschen, mit Demokratie, Wahrheit, Selbstbild und sozialem Zusammenleben macht.

Kritisch ist allerdings, dass die Studie stark regulierend denkt. Altersgrenzen, Verbote und technische Schutzmechanismen spielen eine große Rolle. Das ist nachvollziehbar, birgt aber die Gefahr, dass pädagogische Arbeit zu sehr auf Kontrolle und Einschränkung verengt wird. Entscheidend wird sein, Schutz und Befähigung zusammenzubringen: Kinder und Jugendliche brauchen Grenzen, aber auch geschützte Räume, in denen sie digitale Verantwortung praktisch einüben können.

Das Gutachten versteht Social Media als eine der zentralen Bildungsfragen unserer Zeit. Es fordert eine neue Stufe der Medienbildung: weg von bloßer Bedienkompetenz, hin zu Verantwortung, Haltung und Integrität. Für Schulen, Eltern, Politik und Bildungsanbieter ist die Studie ein deutlicher Auftrag: Social Media darf nicht nebenbei behandelt werden. Es muss fester Bestandteil von Bildung werden – kritisch, praktisch, altersgerecht und werteorientiert.
Die Studie gibt es hier zum Download. Dank an die vbw für die Organisation der Veranstaltung und den guten Willen auf diesem Feld Aufklärungsarbeit zu machen.

Wo Bayerns Wirtschaft ein Gedächtnis bekommt: Eine bewegende Begegnung mit der Geschichte im Wirtschaftsarchiv

19. April 2026

Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv in München wird bayerische Wirtschaftsgeschichte nicht nur bewahrt, sondern lebendig vermittelt. Beim Besuch des PresseClub München begrüßte Archivleiter Dr. Harald Müller die Gäste gemeinsam mit seinem kleinen Team und gab zunächst einen Einblick in Aufgaben, Geschichte und Selbstverständnis der Einrichtung, bevor es später in die Magazine ging, dorthin also, wo Wirtschaftsgeschichte buchstäblich greifbar wird. Das Archiv, so machte Müller gleich deutlich, ist eine vergleichsweise junge Institution innerhalb der deutschen Archivlandschaft. Während staatliche, kommunale oder kirchliche Archive auf jahrhundertelange Traditionen zurückblicken, entstanden Wirtschafts- und Unternehmensarchive erst mit dem tiefgreifenden Wandel durch die Industrialisierung. Als sich im 19. Jahrhundert Produktionsweisen, Arbeitswelt und gesellschaftliche Strukturen massiv veränderten, wurde deutlich, dass moderne Geschichte ohne die Quellen der Wirtschaft gar nicht mehr angemessen geschrieben werden kann. Hinzu kam das Interesse der Unternehmen an ihrer eigenen Vergangenheit: Jubiläen, Traditionspflege und die Darstellung des eigenen Werdegangs nach außen machten historische Dokumente plötzlich zu einem wichtigen Gut. Aus diesem Zusammenspiel von wissenschaftlichem Interesse und unternehmerischem Selbstverständnis gingen die ersten Wirtschaftsarchive hervor.

Das Bayerische Wirtschaftsarchiv selbst hat seine Wurzeln in einer 1986 gegründeten Einrichtung der IHK für München und Oberbayern. Schon damals war die Idee angelegt, ein gesamtbayerisches Archiv zu schaffen, doch zunächst hielten sich die übrigen Industrie- und Handelskammern zurück. Erst als sich das Archiv positiv entwickelte, wuchs die Unterstützung. Einen wichtigen Schub brachte früh die Übernahme des Löwenbräu-Archivs, ein spektakulärer Bestand mit großer Symbolkraft für München. 1994 wurde daraus schließlich offiziell das Bayerische Wirtschaftsarchiv als Gemeinschaftseinrichtung aller bayerischen Industrie- und Handelskammern. Bis heute, erläuterte Müller, ist genau das der entscheidende Rahmen: Das Archiv wird im Wesentlichen von den bayerischen IHKs finanziert und versteht sich als Einrichtung der wirtschaftlichen Selbstverwaltung. Staatliche oder kommunale Zuschüsse erhält es nicht. Gerade darin liegt seine Besonderheit, aber auch seine Fragilität, denn ein regionales Wirtschaftsarchiv ist rechtlich keineswegs zwingend vorgesehen.

Anders als öffentliche Archive kann das Bayerische Wirtschaftsarchiv nicht auf eine gesetzliche Ablieferungspflicht bauen. Unternehmen sind, abgesehen von bestimmten steuerrechtlichen Aufbewahrungsfristen, nicht verpflichtet, ihre Unterlagen dauerhaft archivieren zu lassen. Deshalb funktioniert Wirtschaftsarchivwesen in gewisser Weise umgekehrt: Das Archiv wartet nicht auf Akten, sondern geht aktiv auf Unternehmen zu. Gesucht werden traditionsreiche Firmen, bedeutende Arbeitgeber, branchentypische Betriebe oder wirtschaftshistorisch besonders interessante Sonderfälle. Dabei ist oft viel Überzeugungsarbeit nötig, denn viele Unternehmen wissen selbst nicht genau, was sich noch in Kellern, Dachböden oder alten Aktenschränken befindet. Vor allem aber braucht es Vertrauen. Müller schilderte eindrucksvoll, wie lang dieser Weg sein kann: Die längste Übernahme seiner Laufbahn dauerte vom ersten Kontakt bis zur tatsächlichen Abgabe ganze 17 Jahre. Das Archiv der Firma Conradi, ursprünglich eine Bleistiftfabrik, später Hersteller hitzebeständiger Kohlenstoffprodukte, konnte erst nach dem Tod des Eigentümers übernommen werden. Solche Geschichten zeigen, dass Archivarbeit nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch Geduld, Fingerspitzengefühl und strategisches Denken verlangt.

Die Bestände des Bayerischen Wirtschaftsarchivs sind daher oft fragmentarisch. Häufig handelt es sich nicht um vollständig erhaltene Firmenüberlieferungen, sondern um ausgewählte Dokumente, die sich retten ließen. Das gilt auch für prominente Bestände wie das Krauss-Maffei-Archiv. Dieses kam aus einer konkreten Gefährdungslage heraus ins Archiv, als die Zukunft des Unternehmens unsicher war und man wichtige Unterlagen und historische Objekte in Sicherheit bringen wollte. Doch auch hier handelt es sich nicht um eine geschlossene Unternehmensüberlieferung, sondern um eine über Jahre von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zusammengestellte Sammlung. Gerade solche Beispiele machen deutlich, dass Wirtschaftsarchive oft das bewahren, was andernfalls unwiederbringlich verloren wäre.

Bei der Auswahl der Unterlagen geht das Archiv mit großer Sorgfalt vor. Da Platz, Personal und Ressourcen begrenzt sind, kann nicht einfach alles übernommen werden. Ziel ist vielmehr, mit möglichst wenig Material möglichst viel wirtschaftshistorische Aussagekraft zu sichern. Besonders wichtig sind serielle Überlieferungen wie Jahresabschlüsse, Prüfberichte, Gesellschafterprotokolle, Werbemittel oder Produktinformationen, also Dokumente, aus denen sich Entwicklung, Struktur und Selbstverständnis eines Unternehmens nachvollziehen lassen. Gleichzeitig wird bewertet und reduziert: Nicht jede technische Detailzeichnung oder jede Einzelschraube eines Maschinenplans kann archiviert werden. Es geht darum, die wesentlichen Linien der Unternehmensgeschichte zu bewahren, ohne die Bestände unüberschaubar werden zu lassen.

Auch thematisch versucht das Archiv, die bayerische Wirtschaft in ihrer Breite abzubilden. Dabei spielen regionale und branchenspezifische Schwerpunkte eine große Rolle. In Oberfranken etwa sind Textilindustrie oder Spielwarenhersteller besonders relevant, in München Brauereien oder traditionsreiche Industriebetriebe. Zugleich wird darauf geachtet, Lücken in den Beständen gezielt zu schließen. Was bereits gut dokumentiert ist, muss nicht in derselben Dichte ein weiteres Mal gesammelt werden; dafür rücken andere Branchen oder Regionen stärker in den Fokus. So entsteht nach und nach ein facettenreiches Bild der bayerischen Wirtschaftsgeschichte.

Ein eigenes Kapitel ist die Zeit des Nationalsozialismus. Müller betonte, dass es in den Beständen des Bayerischen Wirtschaftsarchivs zwar durchaus kriegsbedingte Verluste gebe, etwa durch Bombenangriffe oder Zerstörungen wie in Bayreuth oder Würzburg, auffällige bewusste Säuberungslücken aber bislang kaum erkennbar seien. Zugleich verwies er darauf, dass die NS-Vergangenheit der großen Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten vielfach wissenschaftlich aufgearbeitet worden sei, nicht zuletzt im Zuge der Debatten um Zwangsarbeit und Entschädigung. Das habe auch das Wirtschaftsarchivwesen professionalisiert. Heute verschiebt sich das Interesse stärker hin zur Erforschung individueller Schicksale, etwa jüdischer Unternehmerfamilien oder arisierter Betriebe. Gerade hier können archivalische Splitter, einzelne Akten oder beschädigte Geschäftsbücher, die noch Brandspuren tragen, eine enorme historische Aussagekraft entfalten.

Ein zentrales Zukunftsthema ist die Digitalisierung. Dr. Müller machte dabei sehr deutlich, dass digitale Archivierung eine der größten Herausforderungen für Archive überhaupt darstellt. Einzelne digitale Unterlagen wie Fotosammlungen, Werbematerialien oder Gesellschafterprotokolle kann das Bayerische Wirtschaftsarchiv bereits übernehmen und systematisch erfassen. Schwieriger wird es jedoch bei komplexen digitalen Dokumentenmanagementsystemen, Datenbanken oder ganzen IT-Strukturen von Unternehmen, für deren dauerhafte Übernahme bislang oft die technischen Voraussetzungen fehlen. Hinzu kommen Fragen der Kompatibilität, der Datensicherheit und der langfristigen Lesbarkeit von Formaten. Auch die Erwartung, Archivgut umfassend im Internet verfügbar zu machen, sieht Müller kritisch. Zum einen sind viele Bestände Eigentum der Unternehmen, zum anderen wächst mit Künstlicher Intelligenz die Sorge vor Manipulation und Entstellung digitaler Quellen. Gerade deshalb, so sein zugespitztes Argument, gewinnen die Originale in Papierform eher wieder an Bedeutung. Digitalisiert wird dennoch, allerdings vor allem aus konservatorischen Gründen oder zur internen Nutzung. Ein möglicher nächster Schritt könnte ein geschützter digitaler Lesesaal sein, in dem Nutzer zeitlich begrenzten Zugriff auf ausgewählte Digitalisate erhalten. Eine vollständige Online-Stellung ganzer Archivbestände hält das Bayerische Wirtschaftsarchiv dagegen weder für realistisch noch für verantwortbar.

Neben der reinen Bewahrung historischer Quellen versteht sich das Archiv zunehmend auch als Dienstleister und Vermittler. Anfragen von Journalisten, Forschern oder Studierenden sind ausdrücklich willkommen und können unkompliziert per E-Mail gestellt werden. In den meisten Fällen, so betonten die Mitarbeiter, könne man weiterhelfen oder zumindest an andere Archive verweisen. Auch die Öffentlichkeitsarbeit wurde in den vergangenen Jahren ausgebaut, etwa über LinkedIn, Newsletter, Beiträge in IHK-Medien, Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Münchner Museen oder den Tag der Archive. So wird deutlich, dass das Bayerische Wirtschaftsarchiv kein abgeschlossener Ort für Spezialisten sein will, sondern ein offenes Haus, das Wirtschaftsgeschichte für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich macht.

Der Besuch des PresseClub München machte damit anschaulich, wie vielschichtig die Arbeit eines Wirtschaftsarchivs ist. Es geht um historische Forschung, um Rettung gefährdeter Quellen, um Vertrauen im Umgang mit Unternehmen und um die Frage, wie die Überlieferung der Wirtschaft in einer digitalen Welt gesichert werden kann. Vor allem aber wurde deutlich, dass das Bayerische Wirtschaftsarchiv mit seinem kleinen Team eine große Aufgabe erfüllt: Es bewahrt jene Spuren der Wirtschaft, ohne die sich die Geschichte Bayerns nicht vollständig erzählen ließe.

Zwischen Schutz und Wirklichkeit: Söder warnt vor vorschnellen Social-Media-Verboten

17. März 2026

Ein möglicher Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche sieht Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mit spürbarer Skepsis. Beim Auftritt im Internationalen PresseClub München machte er am Montag, 16. März 2026 deutlich, dass er zwar grundsätzlich Verständnis für mehr Kinder- und Jugendschutz im Netz habe, pauschale Verbotsforderungen aber für zu einfach halte. Alles, was derzeit diskutiert werde, müsse zunächst technisch sauber umsetzbar und in seinen Folgen durchdacht sein. Ich stellte ihm die Frage nach einem möglichen Social Media Verbot.

Söder verwies darauf, dass es bereits heute Altersbeschränkungen auf vielen Plattformen gebe, diese in der Praxis aber nur schwer kontrollierbar seien. Die entscheidende Frage sei deshalb, wie ein Verbot oder eine strengere Altersgrenze tatsächlich durchgesetzt werden solle. Wenn dafür etwa Personalausweise vorgezeigt oder digitale Identitäten hinterlegt werden müssten, stelle sich sofort die nächste Frage: Was geschehe dann mit den Daten von Kindern und Jugendlichen? Für Söder ist das ein Hinweis darauf, dass die Debatte komplizierter ist, als es manche politische Forderung vermuten lassen.

Zugleich warnte er davor, vorschnell mit starren Altersgrenzen oder Totalverboten zu arbeiten. Die Diskussion wirke auf ihn bislang „unterkomplex“, weil viele, die besonders laut über Social-Media-Verbote redeten, aus seiner Sicht selbst kaum in dieser digitalen Welt verankert seien. Söder kündigte an, mögliche Vorschläge in Ruhe prüfen zu wollen, verwies dabei aber auch auf internationale Erfahrungen. In Australien etwa zeige sich bereits, dass solche Regeln leicht umgangen werden könnten. Das könne am Ende sogar zu einem noch problematischeren Zustand führen, weil Verbote zwar auf dem Papier stünden, in der Lebenswirklichkeit junger Menschen aber kaum wirksam seien.

Besonders wichtig war Söder in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die gesellschaftliche Funktion sozialer Medien. Sie seien längst nicht nur Freizeitplattformen, sondern auch Orte der Kommunikation, der Vernetzung und des Engagements. Gerade im Ehrenamt und bei der Nachwuchsgewinnung spielten sie eine wichtige Rolle. Deshalb dürfe man Social Media nicht allein als Problem betrachten, sondern müsse auch sehen, welche Bedeutung diese Kanäle heute für Vereine, Jugendliche und die gesellschaftliche Teilhabe hätten.

Insgesamt plädierte Söder für einen pragmatischen statt symbolischen Umgang mit dem Thema. Kinder- und Jugendschutz müsse ernst genommen werden, aber einfache Verbotsdebatten reichten nicht aus. Aus seiner Sicht braucht es Lösungen, die sowohl technisch realistisch als auch datenschutzrechtlich tragfähig sind und die digitale Lebenswirklichkeit junger Menschen nicht ignorieren.

AR-Brille auf der Nase

10. Januar 2026

Technik auf der Nase statt in der Hand – was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klang, rückt leise, fast beiläufig, in unseren Alltag. Smarte Brillen, mit denen man Musik hört, telefoniert, fotografiert oder per Sprachbefehl durchs Netz streift, sind längst keine Zukunftsmusik mehr. Sie liegen in den Regalen, warten darauf, ausprobiert zu werden – und viele sind bereit dafür. Knapp vier von zehn Menschen in Deutschland können sich grundsätzlich vorstellen, solche Brillen zu tragen. Auch ich als Brillenträger bin diesen Smarten Brillen sehr aufgeschlossen, sobald Apple eine solche Brille auf den Markt bringen würde.

Ich habe die Zukunft auf der Nase - Google Glass
Ich habe die Zukunft auf der Nase – Google Glass


Vor Jahren hatte die erste Variante von Google Glas auf der Nase, die allerdings mehr versprochen hat, als sie halten konnte. Aber die Idee war genial.

Die Hololens macht Spaß und ich sehe enorme Möglichkeiten.
Die Hololens macht Spaß und ich sehe enorme Möglichkeiten.

Dann spielte ich mit der AR-Brille HoloLens von Microsoft herum, die auf mich einen starken Eindruck machte. Tolle Teil, aber MS verfolgte die Idee nicht weiter und stellte im Oktober 2024 die Produktion ein.
Im Moment bin ich von der Apple Vision Pro gefesselt. Derzeit arbeite ich mir einen Arbeitsworkflow auf diesem Gerät. Eine Smart Brille wird eine andere Ausrichtung und Anwendung haben. Ich hör schon das deutsche Geschrei um den Datenschutz.

Super interessant finde ich die Datenbrille von Meta, die zusammen mit RayBan entwickelt wurde. Ich durfte sie ausprobieren. Für mich der einzige und ausschlaggebende Nachteil: Mein RayBan Modell, die Clubmaster, gibt es nicht als Smarte Brille. Sie sieht mir zu massiv aus, aber der Weg ist das Ziel.

Aber die Entwicklung der Brillen geht weiter. Die nächste Stufe heißt Augmented Reality: Brillen, die nicht nur hören, sondern sehen lassen – die virtuelle Informationen direkt ins reale Sichtfeld einblenden. Wegweiser, Hinweise, Daten, Geschichten – alles schwebt plötzlich dort, wo man ohnehin hinschaut. Rund ein Viertel der Deutschen kann sich vorstellen, künftig eine solche AR-Brille zu nutzen. Auf Technikmessen wie der CES in Las Vegas zeigen Hersteller gerade, wie nah diese Zukunft bereits ist. Im Jahr 2026 wird einiges dazu geschehen.

Aus der Gerüchteküche ist zu hören, dass Apple auch an so einer Brille arbeitet, also eine intelligente Brille für den Massenmarkt. Die Apple Vision Pro ist nur etwas für ein kleines Marktsegment.

Vor allem Jüngere blicken neugierig durch diese neue Linse auf die Welt. Bei den 16- bis 29-Jährigen ist das Interesse besonders groß, auch Menschen bis 49 zeigen überdurchschnittliche Offenheit. Mit zunehmendem Alter wächst dagegen die Skepsis. Vielleicht, weil jede neue Technik nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Fragen mitbringt.

Denn der Reiz ist da: Informationen zu historischen Gebäuden, direkt beim Spaziergang eingeblendet. Navigation, die nicht mehr aufs Handy zwingt, sondern den Weg vor Augen legt. Fast die Hälfte der Bevölkerung erkennt in smarten Brillen schon heute einen echten Mehrwert. Gleichzeitig gibt es klare Grenzen. Die Vorstellung, dass eine Brille unbemerkt filmen oder fotografieren könnte, beunruhigt viele. Vertrauen will wachsen – und muss verdient werden. Sichtbare Signale wie kleine LEDs, die Aufnahmen anzeigen, sind erste Schritte, um Transparenz zu schaffen.

Vielleicht stehen wir an einem Punkt, an dem sich entscheidet, wie selbstverständlich diese Technik einmal wird. Wenn Komfort, Preis und Nutzen zusammenfinden, könnten AR-Brillen schon bald so alltäglich sein wie das Smartphone. Dann wandert die Technik endgültig dorthin, wo sie kaum auffällt – direkt vor unsere Augen. Und verändert leise, aber nachhaltig, wie wir die Welt sehen.

Wenn Worte keine Grenzen mehr kennen – Apples Live-Übersetzung lässt Europa miteinander sprechen

14. Dezember 2025

Seit dem 12. Dezember 2025 steht die Live-Übersetzung mit Apple AirPods nun auch Nutzerinnen und Nutzern in Europa offiziell zur Verfügung. Ich hab das Update gleich geladen und ausprobiert. Der Hammer!

Die Funktion, die zuvor in den USA getestet wurde, kombiniert fortschrittliche On-Device-Spracherkennung mit KI-gestützter Übersetzung in Echtzeit. Technisch basiert das System auf der Neural Engine der Apple H2- und H3-Chips, die Sprachsignale lokal verarbeiten und so Verzögerungen minimieren. Eine stabile Internetverbindung wird nur noch zur Synchronisierung komplexer Sprachmodelle benötigt, wodurch der Datenschutz auf hohem Niveau bleibt.

Apple analysiert das System Sprache in mehreren Verarbeitungsschritten:
1. Spracherkennung (ASR) – Umwandlung des Audiosignals in Text mittels neuronaler Netze.
2. Maschinelle Übersetzung (NMT) – Übersetzung des erkannten Textes über ein kontextsensitives Transformer-Modell.
3. Sprachausgabe (TTS) – Synthese der übersetzten Sprache in Echtzeit, abgestimmt auf die Stimmeinstellungen des Nutzers.
Apple setzt dabei auf On-Device Processing, um Latenzzeiten zu minimieren und Datenschutzstandards einzuhalten.

Im praktischen Einsatz aktivieren Nutzer die Übersetzung über Siri oder direkt in der Systemsteuerung der AirPods. Nach Auswahl der gewünschten Sprachen werden gesprochene Sätze in Echtzeit erkannt, übersetzt und über die Kopfhörer ausgegeben. In Kombination mit iPhone oder Vision Pro ermöglicht das System auch eine visuelle Transkription, die auf dem Display oder im Sichtfeld eingeblendet wird. Besonders bemerkenswert ist die niedrige Latenzzeit: Apple spricht von weniger als 300 Millisekunden zwischen gesprochener Eingabe und der übersetzten Wiedergabe, was eine natürliche Gesprächsdynamik erlaubt.

Die Übersetzung wird in über 40 Sprachen und Dialekten unterstützt, darunter Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch und Mandarin. Neu ist die adaptive Umgebungserkennung: Durch die Analyse von Hintergrundgeräuschen und Gesprächssituationen optimieren die AirPods Lautstärke, Betonung und Sprachebene der Übersetzung automatisch. Das macht die Funktion auch in lauten Umgebungen wie Bahnhöfen oder Konferenzsälen zuverlässig einsetzbar.

Mit dieser europäischen Einführung setzt Apple einen weiteren Schritt in Richtung kontextbewusster, KI-gestützter Kommunikation. Die Kombination aus mobiler Rechenleistung, Spracherkennung und maschinellem Lernen in Echtzeit hebt die AirPods damit über ihre ursprüngliche Audio-Funktion hinaus – hin zu intelligenten Schnittstellen zwischen Menschen unterschiedlicher Sprachen. Und als Tourist kann ich verstehen, was der französische Kellner mir an den Kopf wirft, wenn mein Schulfranzösisch versagt.

BistroTalk: Feuer im Herzen – wie die Freiwillige Feuerwehr Maisach Gemeinschaft, Mut und Leidenschaft lebt

22. Oktober 2025

Der Bistrotalk im „sixtyfour“ in Maisach – locker, nah dran, mit einem vollen Raum und viel Applaus – war diesmal eine Stunde gelebte Dorfgemeinschaft: Gastgeber Matthias J. Lange begrüßte sein Publikum im 64 und dankte Gastronom Uwe für die offene Bühne, bevor er mit seinem Gast auf Du umschaltete: Andreas Müller, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Maisach. Was folgte, war kein amtliches Statement, sondern eine persönliche Erzählung über Kameradschaft, Verantwortung – und einen „Feuerwehr-Virus“, der ein Leben prägt.

Müllers Weg beginnt Anfang der 1990er-Jahre mit Skepsis und Neugier: Freunde locken ihn zu den ersten Treffen der Jugendfeuerwehr, die Ausrüstung ist damals noch alt, die eigenen Rollen unklar. Doch aus Übungen werden Freundschaften, aus Neugierde Haltung. Später unterstützt er den Jugendwart, springt ein, als die Wehr nach einem tragischen Verlust führungslos dasteht – und wächst in Aufgaben hinein, die er „eigentlich nie“ wollte. 2013 folgt der nächste Schritt in die Führung, schließlich die Wahl zum Kommandanten. Diese Biografie erzählt nicht von Karriereschritten, sondern von Bindung: an Menschen, an den Ort, an eine Aufgabe, die man nicht allein leisten kann. Hier die Aufzeichnung des gesamten Gesprächs

Ein kompaktes Porträt der Wehr zeigt, worauf sich Maisach verlassen kann: rund 60 Aktive, gut gemischt, handwerklich breit aufgestellt, professionell ausgebildet. Der Fuhrpark ist sichtbar gewachsen – vom Mehrzweckfahrzeug (MZF) über das Löschgruppenfahrzeug und die neue Drehleiter bis zum Tanklöschfahrzeug, das gerade ersetzt wird, dazu Mannschaftstransporter und ein schneller Responder. Doch die Technik ist nur Mittel zum Zweck; entscheidend bleibt die Routine durch Übung – und die Bereitschaft, immer wieder mittwochs die eigene Freizeit gegen Training zu tauschen. „Üben, üben, üben“, sagt Müller, und man glaubt ihm sofort.

Wie jede Organisation kämpft auch die Feuerwehr um Nachwuchs. Müller verschweigt das nicht – und hat doch gute Nachrichten: Seit ein, zwei Jahren zeigt der Trend wieder nach oben. Schnuppern ist ausdrücklich erwünscht: mittwochs ab 18.30 Uhr kann jede und jeder vorbeischauen, ohne Verpflichtung, mit Paten, die erklären und begleiten. Nach einer kurzen Schnupperzeit folgt, wer dabeibleiben will, der modulare Weg in die Grundausbildung (Erste Hilfe, MTA), später Spezialisierungen wie Atemschutz oder Maschinist. Voraussetzungen? Lust, Zeit und ein bisschen Fitness. Alles andere lernt man – im Team.

Worum es im Einsatz wirklich geht, lässt Müller nüchtern und klar: Der romantische Großbrand ist selten geworden, das Tagesgeschäft sind technische Hilfeleistungen – von der Ölspur über Verkehrsunfälle bis zur Türöffnung und Tragehilfe für den Rettungsdienst, rund 80 Prozent aller Einsätze. Ja, die Katze auf dem Baum gibt es auch – und meist springt sie in dem Moment, in dem die Drehleiter anlegt. Über E-Autos spricht Müller entkrampfend: Brennt etwas, brennt es. Wichtig bleibt die Menschenrettung, alles andere ist Taktik und Technik.

Das Einsatzgebiet der Maisacher reicht vom Ort selbst bis zu überörtlichen Unterstützungen, wenn die Leitstelle spezielle Mittel anfordert – etwa die Drehleiter in Nachbarorte oder, selten, auf die Autobahn. Was nach außen hierarchisch wirkt, ist innen klare Verantwortungskette: Einsatzleitung bei der örtlichen Feuerwehr, Lagebesprechungen mit Polizei, Rettungsdienst, THW. Nachbesprechungen gehören dazu, besonders nach schweren Lagen – und wenn Eindrücke nachhallen, greift die psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte. Gewalt gegen Helfer? In Maisach zum Glück kein Thema.

Weil Sicherheit Redundanz braucht, funkt die Wehr digital – und hält den analogen Rückfallkanal bewusst vor. Weil Katastrophen Vorsorge brauchen, entsteht in Mammendorf ein Notfalllager für den Landkreis, das Material bereithält, das vor Ort nicht ständig verfügbar sein kann. Und weil Vertrauen Nähe braucht, gibt es Öffentlichkeitsarbeit aus der Mitte der Mannschaft: schnell, respektvoll, ohne Sensationslust, mit Sinn für Datenschutz und das berechtigte Interesse der Bevölkerung.

Feuerwehr ist Pflichtaufgabe – und Vereinsleben. Das spürt man, wenn Müller über Marktfest, Osterfeuer, die 150-Jahr-Feier und die anstehende Veranstaltungen spricht. Vielleicht ist das der Kernsatz des Abends: Feuerwehr ist Teamarbeit – und Teamarbeit ist gelebte Nachbarschaft. Andreas Müller erzählt ohne Pathos von Disziplin und Routine, und doch klingt hinter allem eine leise Wärme: die Freude, wenn eine Jugendgruppe zusammenwächst; der Respekt vor Technik, die schützt; die Erleichterung, wenn ein Einsatz gut endet; die Gelassenheit, wenn jemand an der Absperrung schimpft – und der Wille, ruhig zu bleiben, weil Sicherheit kein Kompromiss ist.

Am Ende dieses Bistrotalks im Sixtyfour blieb das Gefühl, einer unsichtbaren Infrastruktur des Vertrauens begegnet zu sein. Man sieht sie, wenn Blaulicht die Nacht streift; man spürt sie, wenn der Melder piept und Menschen loslaufen. Wer jetzt denkt: „Vielleicht wäre das auch was für mich“, hat am Mittwochabend eine offene Tür einfach ins Gespräch zu kommen.

Der nächste Bistrotalk vor Ort und in Youtube findet mit Norman Dombo, Zentrum für Gesundheit Maisach, im sixtyfour am Mittwoch, 29. Oktober, 18 Uhr Online und in Maisach https://www.youtube.com/@redaktion42/streams

Meine Daten sind kein KI-Futter – So habe ich LinkedIn die Zustimmung verweigert

6. Oktober 2025

Ich bin ein Fan der Künstlichen Intelligenz KI, aber nicht immer und überall. Nachdem ich Meta zum Sammeln hauseigenen KI bei Facebook und Instagram abgeschaltet habe (WA nutze ich nicht), ist jetzt das Microsoft-Netzwerk Linkedin an der Reihe. Microsoft setzt bei LinkedIn eine Kombination aus Nutzerdaten, Interaktionsmustern und maschinellem Lernen ein, um seine KI-Modelle zu trainieren. Vereinfacht gesagt fließen drei Hauptquellen ein:

Profildaten und Lebensläufe
LinkedIn verfügt über mehr als 1 Milliarde Nutzerprofile weltweit. Diese enthalten strukturierte Informationen wie Ausbildung, Berufserfahrung, Fähigkeiten oder Branchenzugehörigkeit. Daraus lassen sich Modelle für Karrierewege, Skill-Matching oder Empfehlungsalgorithmen trainieren.
Interaktionsdaten
Das Verhalten der Nutzer liefert wertvolle Signale: Welche Beiträge werden gelesen, geliked oder kommentiert? Welche Jobs werden gesucht oder aufgerufen? Welche Kontakte geknüpft? Solche Daten helfen der KI, Relevanz und Interessenprofile abzuleiten.
Texte und Inhalte
Beiträge, Artikel, Nachrichten und Stellenausschreibungen auf LinkedIn dienen als Trainingsmaterial für Sprachmodelle. Damit können KI-Systeme Themen erkennen, Texte zusammenfassen oder passende Inhalte empfehlen.

Alles schön und gut, aber ich habe die KI-Sammelwut bei Linkedin abgestellt. Wer dies auch will, gehe bitte zu Einstellungen Datenschutz. MS hat den Schieberegel für Daten zur Verbesserung generativer KI aktiviert.

Ich habe hier die Zustimmung verweigert. Ich möchte nicht, dass meine Daten zum Schulen von KI-Modellen verwendet werden, um Inhalte zu erstellen.

Sag Nein zu Metas KI – bevor deine Daten zur Trainingsmasse werden

6. Mai 2025

Ja, ich bin ein Fan von KI, aber was Meta vorhat, empfinde ich persönlich als Sauerei und ich fordere euch auf, jetzt zu handeln. Bis zum 27. Mai kann man den Meta-Plänen widersprechen. Unter Trump hat sich das politische Klima gedreht. Verbraucher bleiben auf der Strecke, die Gewinner sind die Tech-Firmen um Trump.

Für mich ist KI eine Revolution und wird unser aller Leben verändern, privat und beruflich. Wir dürfen das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich bin seit Jahren in Sachen Medienkompetenz unterwegs und es ist wieder an der Zeit auf die Pauke zu hauen.

Was ist los?
Meta, also Facebook, Instagram, WhatsApp, plant unsere Nutzerdaten wie Texte, Kommentare, Bilder zum Training der eigenen Künstlichen Intelligenz zu verwenden. Es sei denn, wir widersprechen aktiv. Also keine Wurst fotografieren, sondern aktiv handeln und nicht jammern.

Die Politik hat hier für mich versagt, jetzt muss jeder Einzelne ran, wenn er Metas KI-Weg nicht mitgehen will. Wer nach dem 27. Mai widerspricht, der hat Pech gehabt. Da hat die KI bereits die Daten gesaugt und verarbeitet.

Was ist zu tun?
Jeder, der mit den Plänen von Mark Zuckerberg nicht einverstanden ist, muss aktiv Wiedersprechen. Es reicht den Widerspruch bei einer der Plattformen einzureichen. Der Widerspruch gilt dann im kompletten Zuckerberg-Universum.

Ich zeige den Weg mal in Facebook in der Smartphone-App auf. Unter Einstellungen • Privatsphäre-Center aufrufen. Dort steht etwa in der Mitte: „Du kannst der Verwendung deiner Informationen zu diesen Zwecken widersprechen.“ Das Wörtchen widersprechen anklicken.

Dann kommt die Bestätigung von Facebook. Es dauert ein paar Minuten, dann wird der Widerspruch auch per Mail bestätigt.
Also: Widersprich! Denn Schweigen heißt Zustimmung zu Metas KI-Agenda. Natürlich darf dieser Beitrag geteilt werden.