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Filmkritik: Corpus Delicti

16. September 2026

Es gibt Dystopien, die ihre Zukunft möglichst fremd aussehen lassen. Und es gibt Dystopien, deren eigentliche Stärke darin besteht, dass ihre Zukunft erschreckend vertraut wirkt. „Corpus Delicti“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Lena Stahls Verfilmung des gleichnamigen Romans von Juli Zeh erzählt von einer Gesellschaft, die auf den ersten Blick beinahe beneidenswert erscheint: Die Menschen sind gesund, der Staat sorgt für Sicherheit, Krankheiten werden bekämpft und wissenschaftliche Erkenntnisse bestimmen politische Entscheidungen. Vernunft scheint über Ideologie gesiegt zu haben. Und genau darin liegt der Schrecken.
Denn „Corpus Delicti“ erzählt nicht von einer klassischen Diktatur mit Uniformen, Aufmärschen und allgegenwärtiger sichtbarer Gewalt. Die Herrschaft trägt hier das freundliche Gesicht der Fürsorge. Sie verspricht Gesundheit, Sicherheit und ein langes Leben. Dafür verlangt sie Daten, Kontrolle, Disziplin und die Bereitschaft, das eigene Verhalten den Vorgaben des Systems unterzuordnen. Freiheit verschwindet nicht mit einem großen Knall, sondern wird Stück für Stück gegen vermeintliche Sicherheit eingetauscht.

Der Film basiert auf Juli Zehs 2009 erschienenem Roman, dessen gesellschaftspolitische Sprengkraft über die Jahre eher größer als kleiner geworden ist. Zeh entwarf darin eine Gesundheitsdiktatur des 21. Jahrhunderts, in der körperliches Wohlergehen zur höchsten Bürgerpflicht erhoben wird. Lena Stahl macht daraus einen dystopischen Thriller, der politische Fragen mit einer sehr persönlichen Geschichte verbindet.

Hinter der Kamera ist der Film prominent besetzt. Die Kamera führt Philipp Haberlandt, die Musik stammt von Volker Bertelmann und Lennart Saathoff. Bertelmann – international auch als Hauschka bekannt – gewann für „Im Westen nichts Neues“ den Oscar für die beste Filmmusik. Hoffe, dass der Score auf Vinyl erscheint.

Im Mittelpunkt steht Mia Holl, gespielt von Hannah Herzsprung. Mia ist Wissenschaftlerin und zunächst keineswegs eine Rebellin. Im Gegenteil: Sie gehört zu jener Gesellschaft, die auf Rationalität, Messbarkeit und wissenschaftliche Evidenz vertraut. Das macht die Figur so interessant. Sie kämpft nicht gegen das System, weil sie grundsätzlich gegen Regeln wäre. Sie beginnt erst dann zu zweifeln, als ihr Bruder Moritz des Mordes beschuldigt wird. Die Beweise scheinen eindeutig. Das System hat seine Daten, seine Analysen und seine wissenschaftlich abgesicherten Schlussfolgerungen. Für die sogenannte Methode ist der Fall damit praktisch erledigt. Doch Mia glaubt an die Unschuld ihres Bruders. Plötzlich kollidieren zwei Wahrheiten miteinander: die Wahrheit der Daten und die Wahrheit persönlicher Erfahrung.

Aus diesem Konflikt entwickelt „Corpus Delicti“ seine stärkste Idee. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Wissenschaft nicht mehr als Methode des Zweifelns begreift, sondern aus ihren Ergebnissen eine politische Unfehlbarkeit konstruiert? Wissenschaft lebt eigentlich davon, dass Erkenntnisse überprüfbar, Hypothesen widerlegbar und Ergebnisse diskutierbar bleiben.

Das System in „Corpus Delicti“ hat diesen Grundgedanken pervertiert. Es benutzt Wissenschaft nicht mehr ausschließlich als Werkzeug der Erkenntnis, sondern als Legitimation von Macht. Wer widerspricht, erscheint deshalb nicht einfach als politischer Gegner. Er wird zum Gegner der Vernunft erklärt. Das ist wesentlich gefährlicher. Hannah Herzsprung ist für diese Geschichte eine ausgezeichnete Besetzung, denn Mia Holl braucht keine klassische Actionheldin zu sein. Ihre eigentliche Bewegung findet im Denken statt. Aus einer Frau, die an die Rationalität des Systems glaubt, wird eine Zweiflerin. Und in einem System, das keinen Zweifel duldet, wird bereits das Stellen einer Frage zum revolutionären Akt. Ihr Bruder Moritz, gespielt von Damian Hardung, steht stärker für Individualität, Freiheit und die Möglichkeit, unvernünftig sein zu dürfen. Gerade darin steckt eine der faszinierendsten Fragen des Stoffes: Hat ein Mensch ein Recht darauf, ungesund zu leben? Darf er Risiken eingehen? Darf er seinem Körper schaden? Und wo endet die Verantwortung des Staates für seine Bürger?

„Corpus Delicti“ verweigert sich der einfachen Antwort. Natürlich ist Gesundheit etwas Positives. Natürlich wünschen wir uns Schutz vor Krankheiten, und selbstverständlich können wissenschaftliche Erkenntnisse Leben retten. Die Dystopie funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie nicht auf einem offensichtlich bösen Gedanken basiert. Die Methode beginnt mit einem Versprechen, dem kaum jemand widersprechen würde: Wir wollen, dass Menschen gesund sind. Das Problem entsteht erst durch den nächsten Schritt: Deshalb müssen sie gesund sein. Aus einem Recht wird eine Pflicht, aus Fürsorge wird Kontrolle, aus Prävention wird Überwachung und aus dem Menschen schließlich ein Datensatz.

Besonders interessant ist dabei Heinrich Kramer, verkörpert von Alexander Fehling. Kramer ist Journalist, aber keineswegs automatisch Vertreter einer freien, kritischen Öffentlichkeit. Gerade diese Figur zeigt, wie wichtig Sprache für autoritäre Systeme ist. Macht funktioniert nicht ausschließlich durch Polizei und Gerichte. Sie funktioniert über Begriffe, Erzählungen und öffentliche Deutung. Wer bestimmt, wer vernünftig ist? Wer entscheidet, wer radikal ist? Wann wird aus einem Zweifler ein Staatsfeind? Damit berührt „Corpus Delicti“ einen hochaktuellen Kern politischer Kommunikation. Ein System muss seine Gegner nicht unbedingt zum Schweigen bringen, wenn es ihm gelingt, ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Wer außerhalb des akzeptierten Meinungskorridors steht, kann als irrational, gefährlich oder gesellschaftsschädlich markiert werden.

Lena Stahl setzt dabei bewusst auf die Mechanismen eines Thrillers. Das ist für die Verfilmung eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Juli Zehs Roman ist stark von philosophischen und juristischen Auseinandersetzungen geprägt. Literatur kann lange Gedankenräume öffnen, Argumente gegeneinanderstellen und innere Widersprüche ausführlich untersuchen. Kino braucht dagegen Bilder, Konflikte und Bewegung. Die Suche nach der Wahrheit über Moritz wird deshalb zum dramaturgischen Motor. Mia gerät immer tiefer in einen Apparat hinein, dessen Macht sie zuvor selbst akzeptiert hat. Je mehr sie zweifelt, desto stärker wird sie vom System beobachtet. Schließlich wird aus der Wissenschaftlerin selbst eine Verdächtige. Darin besitzt die Geschichte eine beinahe kafkaeske Qualität. Mia muss nicht einmal etwas Spektakuläres tun. Schon ihre Abweichung wird zum Problem. Wer sich einem System verweigert, das behauptet, ausschließlich dem Wohl des Menschen zu dienen, muss in dessen Logik irgendwann entweder irrational oder gefährlich sein.

Besonders spannend ist „Corpus Delicti“ deshalb als politischer Film. Die Geschichte lässt sich nicht bequem einer einzigen politischen Richtung zuordnen. Sie handelt von einem grundsätzlichen Konflikt moderner Gesellschaften: Wie viel Freiheit sind wir bereit für Sicherheit aufzugeben? Diese Frage betrifft Gesundheitsdaten ebenso wie digitale Überwachung, biometrische Systeme, Algorithmen oder künstliche Intelligenz. Jede einzelne Technologie kann einen vernünftigen Nutzen besitzen. Problematisch wird es dort, wo aus vielen einzelnen Informationen ein nahezu vollständiges Bild des Menschen entsteht. Wer schläft wann? Wer bewegt sich wie viel? Welche Krankheiten hat jemand? Was isst er? Wo befindet er sich? Mit wem kommuniziert er? Welche Risiken geht er ein? Die technische Möglichkeit, all diese Informationen zu erfassen, führt zwangsläufig zur politischen Frage, wer sie verwenden darf und zu welchem Zweck. Genau hier entfaltet „Corpus Delicti“ seine beklemmende Aktualität. Der Film erzählt letztlich weniger von Gesundheit als von Daten. Gesundheit ist die moralische Legitimation für die Datenerfassung. Denn gegen Überwachung lässt sich protestieren. Gegen Gesundheit zu protestieren klingt dagegen absurd. Darin liegt die Raffinesse des Systems: Es definiert sein politisches Ziel so positiv, dass jeder Widerspruch automatisch verdächtig erscheint.

Der Film stellt damit eine Frage, die weit über seine Handlung hinausweist: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft keine Abweichung mehr erträgt? Demokratie besteht schließlich nicht nur aus Mehrheitsentscheidungen. Sie lebt auch vom Recht des Einzelnen, anders zu leben, anders zu denken und sogar Entscheidungen zu treffen, die andere für falsch halten. Eine vollkommen optimierte Gesellschaft müsste zwangsläufig einen Teil dieser Freiheit beseitigen, denn Freiheit produziert Unordnung. Menschen rauchen, trinken, essen zu viel, schlafen zu wenig, treiben keinen Sport, verlieben sich in die falschen Menschen, glauben Unsinn und treffen schlechte Entscheidungen. Das ist ineffizient, aber es ist menschlich. Die eigentliche Provokation von „Corpus Delicti“ besteht deshalb in dem Gedanken, dass eine vollkommen vernünftige Gesellschaft möglicherweise eine zutiefst unmenschliche Gesellschaft wäre.

Damit liegt „Corpus Delicti“ irgendwo zwischen Science-Fiction-Dystopie, Politthriller und Justizdrama. Die Geschichte erinnert in ihrer Grundidee an Orwell, „Gattaca“ oder auch „Minority Report“, verfolgt aber einen ausgesprochen deutschen, juristisch-politischen Ansatz: Nicht die Technik selbst ist der eigentliche Gegner, sondern die Vorstellung, aus Daten ließe sich eine objektive und unangreifbare Wahrheit ableiten. Wobei ich Gattaca deutlich eleganter und nicht so deutsch sperrig mit dem Zeigefinger empfang.
Es werden die Menschen im Film nicht ausschließlich durch Angst kontrolliert. Das System bietet ihnen etwas an: Gesundheit, Sicherheit, Ordnung und die Befreiung von vielen Risiken des Lebens. Auch Parallelen zu „Gattaca“ drängen sich auf. Dort entscheidet genetische Optimierung über gesellschaftliche Möglichkeiten, bei „Corpus Delicti“ ist es die körperliche und gesundheitliche Normierung. In beiden Fällen entsteht Unterdrückung aus dem Versprechen der Verbesserung. Gerade für das deutsche Kino ist dieser Stoff deshalb bemerkenswert. Science-Fiction wird hierzulande noch immer vergleichsweise selten als ernsthafte gesellschaftspolitische Kinogattung verstanden. „Corpus Delicti“ zeigt, welches Potenzial darin steckt. Man braucht keine gigantischen Raumschlachten, um über Zukunft zu erzählen. Manchmal genügt eine Gesellschaft, die beschlossen hat, nur noch das Beste für ihre Bürger zu wollen – und eine Frau, die plötzlich fragt, wer eigentlich bestimmt, was dieses Beste ist.

Vielleicht ist das die entscheidende Stärke von „Corpus Delicti“: Die Geschichte zwingt uns nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit zu wählen. Sie zwingt uns, über die Grenze zwischen Verantwortung und Bevormundung nachzudenken. Wann wird Schutz zur Kontrolle? Wann wird Wissenschaft zum Herrschaftsinstrument? Wann wird Datenerfassung zur Überwachung? Und wann verwandelt sich das Versprechen einer besseren Gesellschaft in die Forderung nach einem besseren Menschen? „Corpus Delicti“ ist deshalb keine Dystopie über eine ferne Zukunft. Es ist eine Warnung vor einem uralten politischen Reflex: dem Wunsch, Menschen zu ihrem eigenen Glück zwingen zu wollen. Der gefährlichste Staat ist vielleicht nicht jener, der offen verkündet, dass ihm der einzelne Mensch gleichgültig ist. Viel schwieriger ist ein Staat zu erkennen, der behauptet, alles nur zu unserem Besten zu tun. Genau deshalb besitzt Juli Zehs Geschichte eine solche Kraft – und genau deshalb ist ihre Verfilmung im Jahr 2026 so bemerkenswert aktuell. Am Ende bleibt eine Frage, die weit über den Kinosaal hinausreicht: Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben, wenn man uns dafür Sicherheit verspricht? Und vielleicht noch wichtiger: Merken wir überhaupt, wann wir sie aufgegeben haben?
Der Film läuft 103 Minuten, ist FSK 12 und startet am 1. Oktober 2026.

Filmkritik: Steckerlfischfiasko – Kein Fiasko, aber das bewährte Erfolgsrezept stößt ohne neue Ideen an seine Grenzen

13. August 2026

Zehn Teile Niederkaltenkirchen: Wenn das Erfolgsrezept schal schmeckt, dann ist es auch mal gut. Variation des ewig Gleichen legen ein baldiges Ende der Krimireihe nahe.
Mit Steckerlfischfiasko schlägt der bayerische Kult-Dorfpolizist Franz Eberhofer bereits zum zehnten Mal auf der Kinoleinwand auf. Nach den heftigen kreativen Querelen und öffentlichen Dissonanzen rund um den Vorgänger war man gespannt, ob die Jubiläums-Adaption nach den Romanen von Rita Falk zu alter Stärke findet oder endgültig im Leerlauf versauert. Das Ergebnis ist eine zweischneidige Angelegenheit: Der Film funktioniert als verlässliche Wohlfühl-Komödie für eingefleischte Fans – enttäuscht jedoch cineastisch auf ganzer Linie durch kreative Ermüdungserscheinungen.

Der Krimi als lästiges Pflichtprogramm
Inhaltlich dreht sich im beschaulichen Niederkaltenkirchen diesmal alles um den gewaltsamen Tod des lokalen „Steckerlfischkönigs“, dessen Leiche im exklusiven Wellness-Bereich eines neu errichteten Golfclubs gefunden wird. Zusammen mit seinem dauerleidenden Kumpel Rudi Birkenberger (Simon Schwarz) stürzt sich Franz in die Ermittlungen, die sie tief in eine verfahrene Familienfehde verfeindeter Volksfest-Clans führen.
Wer hier jedoch einen packenden Whodunit-Krimi erwartet, wird bitter enttäuscht. Wie so oft in der Reihe dient der Mordfall lediglich als fadenscheiniges Konstrukt, um die Figuren von einer skurrilen Situation zur nächsten zu scheuchen. Das Miträseln wird dem Publikum durch mangelnde Indizien und erzählerische Beliebigkeit nahezu unmöglich gemacht. Stattdessen dominieren die altbekannten Nebenbaustellen: Susi (Lisa Maria Potthoff) treibt ihre politischen Ambitionen als Bürgermeisterkandidatin voran, während der private Alltag auf dem Eberhofer-Hof im gewohnten Chaos versinkt.

Das Ensemble-Dilemma: Wenn Kult zur Pflichtübung wird
Das größte Problem von Steckerlfischfiasko ist sein mittlerweile gewaltiges Figurenarsenal. Regisseur Ed Herzog steht vor der unlösbaren Aufgabe, jeder noch so kleinen Kult-Nebenfigur (von der Oma bis zum Flötzinger) ihre obligatorische Leinwand-Präsenz und den dazugehörigen Schenkelklopfer-Gag einzuräumen.
Da folgt leider der Autopilot-Effekt: Die Gags wirken dadurch oft erzwungen und wie im Autopiloten abgespult.
Fehlende Ecken und Kanten: Die Figuren haben sich im Laufe der Jahre zu reinen Karikaturen ihrer selbst entwickelt, deren Macken allzu berechenbar geworden sind.
Für mich ist der Film kein völliges Fiasko, aber das bewährte Erfolgsrezept stößt ohne neue Ideen spürbar an seine Grenzen.

Steckerlfischfiasko krankt vor allem daran, dass sich das Franchise im Kreis dreht. Die filmische Umsetzung verlässt sich zu stark darauf, dass die bloße Anwesenheit der vertrauten Gesichter und die malerische bayerische Provinzidylle ausreichen, um ein abendfüllendes Kinoerlebnis zu rechtfertigen. Es mangelt an inszenatorischem Mut, an bissigem Humor, der über platten Lokalkolorit hinausgeht, und an echten erzählerischen Risiken.

Getreu dem Motto „Ein neuer Eberhofer ist wie ein Essen bei der Oma – man weiß genau, was man kriegt“ werden Fans des Franchise vermutlich auch diesmal bestens unterhalten. Wer jedoch anspruchsvolles deutsches Kino oder einen auch nur halbwegs ernstzunehmenden Kriminalfilm sucht, wird hier vor eine schwere Geduldsprobe gestellt. Es ist an der Zeit, dass Niederkaltenkirchen bald in den wohlverdienten Ruhestand geht, bevor der Kult endgültig zur Karikatur verkommt.

Little Big Man (USA 1970) – Matinee am 17. Mai im Scala Fürstenfeldbruck

15. Mai 2026

Little Big Man, der epische Western von Arthur Penn aus dem Jahr 1970, ist eines jener seltenen Meisterwerke des amerikanischen Kinos, das seinen Zuschauer von der ersten Minute an in einen Sog zieht, aus dem es kein Entkommen gibt – und aus dem man auch gar nicht entkommen möchte. Ich bespreche und zeige diesen Western in meiner Matinee am 17. Mai im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Der Film erzählt die Geschichte des 121-jährigen Jack Crabb, gespielt von Dustin Hoffman in einer seiner eindringlichsten Rollen, der als angeblich einziger weißer Überlebender der Schlacht am Little Bighorn seine unglaubliche Lebensgeschichte zu Protokoll gibt. Was folgt, ist kein gewöhnlicher Western, sondern ein schillerndes, vielschichtiges Panorama amerikanischer Geschichte, das die Mythen des Wilden Westens mit schonungsloser Ironie demontiert und gleichzeitig ein zutiefst menschliches Portrait zeichnet.

Die eigentliche Faszination des Films beginnt mit seiner erzählerischen Kühnheit. Penn und Drehbuchautor Calder Willingham, der den gleichnamigen Roman von Thomas Berger adaptierte, wählen die Form der Rahmenerzählung – der greise Crabb erinnert sich, und mit ihm stürzen wir uns in ein Leben, das schier unglaublich erscheint. Jack war Adoptivkind der Cheyenne, Schützling eines frommen Betrügers, Kleinstadtladenbesitzer, Gewehrschütze, Trapper, Alkoholiker, Soldat unter General Custer und immer wieder Zeuge historischer Schlüsselmomente. Diese episodische Struktur könnte fragmentiert wirken, doch Penn beherrscht die Kunst, aus diesen disparaten Lebensabschnitten ein kohärentes, atembenehmendes Ganzes zu weben. Jede Episode besitzt ihr eigenes Gewicht, ihren eigenen Ton, ihre eigene emotionale Wahrheit.

Besonders revolutionär war der Film in seiner Darstellung der amerikanischen Ureinwohner. Während Hollywood jahrzehntelang die Indigenous Peoples als anonyme, bedrohliche Masse oder bestenfalls als edle Wilde inszeniert hatte, zeigt Little Big Man die Cheyenne als vollständige Menschen mit einer komplexen Gesellschaft, mit Humor, Trauer, Würde und individuellen Charakteren. Der Häuptling Kleines Pferd, gespielt vom unvergesslichen Chief Dan George, ist eine der liebevollsten und weisesten Figuren der Filmgeschichte – ein Mann von tiefer Spiritualität und trockenem Witz, dessen Lebensphilosophie den ganzen Film hindurch wie ein ruhender Pol wirkt. Die Szene, in der er sich feierlich zum Sterben begibt, dann aber feststellt, dass der Tod ihn offenbar noch nicht haben möchte, und sich kommentarlos wieder erhebt, gehört zu den schönsten und berührendsten Momenten des amerikanischen Kinos überhaupt.

Der Film ist auch ein Kind seiner Zeit, und das auf die bestmögliche Weise. Im Jahr 1970, inmitten des Vietnamkrieges und der gesellschaftlichen Erschütterungen der Bürgerrechtsbewegung, war Little Big Man eine unmissverständliche Allegorie. Das Massaker am Washita River, bei dem Custers Kavallerie ein schlafendes Cheyenne-Dorf niedermetzelt, ist nicht nur historische Rekonstruktion, sondern direkter Kommentar zum Massaker von My Lai, das ein Jahr zuvor publik geworden war. Penn zeigt das Gemetzel ohne Beschönigung – als sinnlose, bürokratische Vernichtung unschuldiger Menschen, angeordnet von einem narzisstischen, realitätsfernen Militärführer. Custers Darstellung durch Richard Mulligan ist dabei von bitterer satirischer Schärfe: ein eitel-wahnsinniger Despot, der seine eigene Legende für bedeutsamer hält als Menschenleben, ein Archetyp militärischer Hybris für alle Zeiten.

Und doch wäre es ungerecht, den Film auf seine politische Dimension zu reduzieren. Was Little Big Man letztlich so unwiderstehlich macht, ist seine emotionale Breite, sein Mut zur Zärtlichkeit neben der Grausamkeit, zur Komödie neben der Tragödie. Jack Crabb ist eine zutiefst tragische Figur, ein Mann ohne feste Identität, der zwischen zwei Welten pendelt und in keiner wirklich Heimat findet. Hoffman spielt diese innere Zerrissenheit mit einer Natürlichkeit, die es dem Zuschauer unmöglich macht, Distanz zu wahren. Man leidet mit Jack, lacht mit ihm, schämt sich mit ihm. Das Alter-Make-up, das Hoffman zum greisen Erzähler transformiert, ist für die damalige Zeit erstaunlich überzeugend, doch es ist die Performance, die trägt – die Art, wie die Augen des jungen Mannes noch immer hinter dem faltenreichen Gesicht des Alten leuchten.

Die Kameraarbeit von Harry Stradling Jr. verdient ebenfalls besondere Erwähnung. Die Landschaft des amerikanischen Westens wird in ihrer ganzen Weite und Unwirtlichkeit eingefangen, doch Stradling weiß auch, die Kamera dicht heranzuführen, Gesichter zu lesen, Emotionen zu dokumentieren, ohne je in Sentimentalität zu verfallen. Die Schlachtszenen besitzen eine chaotische, fast dokumentarische Qualität, die dem Krieg jede Romantik raubt, während ruhigere Momente im Cheyenne-Lager von fast malerischer Schönheit sind.

Fünfundfünfzig Jahre nach seiner Entstehung hat Little Big Man nichts von seiner Kraft verloren. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der die Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte und den Mythen nationaler Identität dringlicher denn je erscheint, wirkt der Film erschreckend aktuell. Er ist eine Liebeserklärung an die Verlierer der Geschichte, an die Unsichtbaren und Vergessenen, an alle, die zwischen den Welten leben. Er ist ein Requiem für eine zerstörte Zivilisation und zugleich eine bitterkomische Abrechnung mit dem amerikanischen Selbstbild. Und er ist, am Ende, schlicht und ergreifend großes Kino – das Werk eines Regisseurs auf dem Höhepunkt seines Könnens, das die Grenzen eines Genres sprengt und zu universeller Menschheitserzählung wird. Ich freue mich auf diesen Western in meiner Matinee am 17. Mai im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Die verbotene Seite des Wissens – Eine filmische Reise durch Bibliotheken mit der Name der Rose

9. April 2025

Im Rahmen der Veranstaltungen zur langen Nacht der Bibliotheken durfte ich im Scala Kino Fürstenfeldbruck einen Vortrag zum Thema Zwischen Regal und Leinwand – Bibliotheken im Film halten. Als Beispiel diente mir die Jean-Jacques Annauds Verfilmung des Romans Der Name der Rose von Umberto Eco aus dem Jahr 1986. Der Film verbindet eine spannende Handlung mit tiefgründigen Themen wie Macht, Wissen und Glauben.

Hier die Aufzeichnung meines Vortrags auch mit Beispielen aus anderen Filmen, die einen Bezug zur Bibliothek haben.

Die Geschichte Der Name der Rose spielt im Jahr 1327 in einer abgelegenen Benediktinerabtei, in der mehrere Mönche unter mysteriösen Umständen sterben. Der Franziskanermönch William von Baskerville (Sean Connery) und sein Novize Adson von Melk (Christian Slater) untersuchen die Morde. Die Handlung entfaltet sich als Detektivgeschichte, die gleichzeitig philosophische Fragen nach Wahrheit, Freiheit und der Kontrolle von Wissen aufwirft.

Wissen und Macht
Die Bibliothek symbolisiert das kontrollierte Wissen der Kirche. Das verbotene Buch „Aristoteles‘ Zweites Buch der Poetik“ steht für Freiheit des Denkens.

Philosophie und Religion
Der Konflikt zwischen rationalem Denken und kirchlichem Dogma wird durch die Figuren und ihre Handlungen verkörpert.

Wahrheit
William hinterfragt absolute Wahrheiten und sucht produktiv nach Erkenntnis, was im Gegensatz zur destruktiven Haltung der Kirche steht.

Unzugänglichkeit des Wissens
Die verwirrenden und verschlungenen Wege der Bibliothek symbolisieren die Komplexität und die bewusste Kontrolle über Wissen durch die Kirche. Der Zugang ist nur wenigen vorbehalten, was Macht und Geheimhaltung unterstreicht.

Metapher für das kulturelle Gedächtnis
Die labyrinthische Struktur repräsentiert das Gedächtnis und die systematische Ordnung von Wissen. Sie zeigt, wie Erinnerungen und Erkenntnisse verschlüsselt und schwer zugänglich gemacht werden können.

Gefahr und Orientierungslosigkeit
Das Labyrinth erzeugt eine Atmosphäre der Unsicherheit und Bedrohung. Es ist nicht nur räumlich schwierig zu durchqueren, sondern birgt auch Gefahren wie optische Täuschungen und Fallen, was die Risiken des Wissens metaphorisch darstellt.

Unterschiede zum Roman
Während Umberto Ecos Roman komplexere philosophische Diskussionen bietet, konzentriert sich der Film stärker auf die Kriminalgeschichte. Einige Handlungsebenen werden vereinfacht oder ausgelassen, um die Spannung zu fokussieren.

Zwischen Regal und Leinwand – Bibliotheken im Film – der Name der Rose bei der ersten Nacht der Bibliotheken am 4. April

30. März 2025

Ich liebe Bücher, seien sie analog und digital und so ist es für mich als Filmfan eine Selbstverständlichkeit mich an der bundesweiten ersten Nacht der Bibliotheken am 4. April zu beteiligen.

Ich darf an diesem Abend um 20 Uhr im Scala Kino Fürstenfeldbruck einen Vortrag halten und anschließend zeigt das Kino den Film Der Name der Rose. Karten gibt es hier.

Bibliotheken spielen in Filmen immer eine große Rolle und dies werde ich in meinem Vortrag würdigen. Beispielsweise in Indiana Jones and the Last Crusade“ (1989) gilt die Bibliothek als Rätselort für die Suche nach dem Heiligen Gral. Die Bibliothek gilt auch als als magischer Ort wie in „Harry Potter“-Reihe – Die Verbotene Abteilung in der Hogwarts-Bibliothek als Ort der Geheimnisse oder in der „Die Schöne und das Biest“ (1991, 2017) ist die riesige Schlossbibliothek als Symbol für Bildung und Liebe zu Büchern.

Bibliotheken können Orte der Veränderung und Inspiration sein, wie in „Die Verurteilten“ (1994) mit Brooks‘ Bibliothek im Gefängnis als Hoffnungsschimmer. Oder die Schulbibliothek als Quelle rebellischer Gedanken, wie in „Der Club der toten Dichter“ (1989). Es geht aber auch unheimlich, wenn die Bibliotheken als Orte der Gefahr und Spannung stehen wie in „Ghostbusters“ (1984) – Die New York Public Library und der legendäre Geisterschreckmoment oder in „Sieben“ (1995), wenn Detektiv Mills die Bibliothek zur Recherche über die Todsünden nutzt.

Aber schwerpunktmäßig will ich mich um die mittelalterliche Klosterbibliothek als Schauplatz eines Krimis in „The Name of the Rose“ (1986) widmen. Jean-Jacques Annauds Verfilmung des Romans von Umberto Eco aus dem Jahr 1986 ist eine meisterhafte Mischung aus mittelalterlichem Krimi, philosophischem Diskurs und historischer Fiktion. Der Film verbindet eine spannende Handlung mit tiefgründigen Themen wie Macht, Wissen und Glauben.

Der Film greift zentrale Themen des Romans auf. Dazu gehören Wissen und Macht: Die Bibliothek symbolisiert das kontrollierte Wissen der Kirche. Das verbotene Buch „Aristoteles‘ Zweites Buch der Poetik“ steht für Freiheit des Denkens.

Es wird diskutiert über Philosophie und Religion: Der Konflikt zwischen rationalem Denken und kirchlichem Dogma wird durch die Figuren und ihre Handlungen verkörpert. Im Mittelpunkt steht die Wahrheit: William hinterfragt absolute Wahrheiten und sucht produktiv nach Erkenntnis, was im Gegensatz zur destruktiven Haltung der Kirche steht. Lassen Sie sich überraschend und genießen Sie meinen Ausführungen und einen schönen Kinoabend im Scala bei der ersten Nacht der Bibliotheken. Karten gibt es hier