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Rückblick auf meine Matinee: Little Big Man (USA 1970)

9. Oktober 2026

Arthur Penns Little Big Man von 1970 ist einer der wichtigsten Anti-Western des amerikanischen Kinos. Der Film nimmt die vertrauten Motive des klassischen Westerns – Indianer, Kavallerie, Siedler, Revolverhelden, Pioniere, Heldentum und Zivilisation – und dreht sie konsequent um. Was früher oft als Eroberungsgeschichte erzählt wurde, erscheint hier als Geschichte von Gewalt, Täuschung, kultureller Überheblichkeit und Identitätsverlust. Gleichzeitig ist Little Big Man aber kein trockenes Geschichtsdrama, sondern eine Mischung aus Satire, Abenteuerfilm, Tragödie, Schelmenroman und bitterer Abrechnung mit amerikanischen Mythen. Die nächste Matinee ist am Sonntag, 11. Oktober der Film Ein Fressen für die Geier. Karten gibt es hier.

Im Mittelpunkt steht Jack Crabb, gespielt von Dustin Hoffman. Zu Beginn ist er angeblich 121 Jahre alt und erzählt einem Historiker sein Leben. Diese Rahmenhandlung ist entscheidend: Der Film gibt sich als Erinnerung aus, aber diese Erinnerung ist brüchig, subjektiv und manchmal überhöht. Jack Crabb ist Zeuge, Opfer, Mitläufer und Überlebender zugleich. Durch seine Augen erlebt man die Geschichte des amerikanischen Westens nicht als klare Heldenerzählung, sondern als Kette absurder, brutaler und widersprüchlicher Erfahrungen. Hier meine Aufzeichnung meines Vortrags.

Als Kind wird Jack nach einem Überfall von Cheyenne aufgenommen und wächst bei ihnen auf. Dort erhält er den Namen „Little Big Man“, weil er klein ist, sich aber mutig zeigt. Die Cheyenne werden im Film nicht als primitive Bedrohung dargestellt, sondern als komplexe Gemeinschaft mit Humor, Würde, Spiritualität und sozialer Ordnung. Besonders Chief Old Lodge Skins, großartig gespielt von Chief Dan George, ist das moralische Zentrum des Films. Er ist weise, komisch, melancholisch und zutiefst menschlich. Seine Haltung zur Welt wirkt im Film oft klarer und zivilisierter als alles, was die sogenannte weiße Zivilisation hervorbringt.

Jack Crabb pendelt im Lauf seines Lebens immer wieder zwischen den Kulturen. Er lebt bei den Cheyenne, wird in eine weiße religiöse Familie aufgenommen, begegnet Predigern, Betrügern, Soldaten, Geschäftsleuten, Prostituierten und Revolverhelden. Diese ständigen Rollenwechsel machen ihn zu einer Art amerikanischem Chamäleon. Er ist nie ganz hier und nie ganz dort. Gerade dadurch kann der Film verschiedene Gesellschaftsformen gegeneinander spiegeln. Die weiße Welt erscheint dabei nicht als Ort von Ordnung und Fortschritt, sondern häufig als Ort von Heuchelei, Habgier, sexueller Verdrängung, Gewalt und Selbstbetrug.

Besonders scharf ist die Darstellung der US-Kavallerie. General George Armstrong Custer wird nicht als heroischer Militärführer gezeigt, sondern als eitler, größenwahnsinniger und gefährlich selbstverliebter Mann. Der Film demontiert damit eine der großen Figuren des Westernmythos. Custers militärischer Ehrgeiz und seine Verachtung für die indigenen Völker führen nicht zu Ruhm, sondern zu Massakern und schließlich zur eigenen Vernichtung. In Little Big Man ist die Kavallerie nicht die rettende Ordnungsmacht, sondern oft der eigentliche Schrecken.

Ein zentraler Bruch mit dem klassischen Western liegt in der Darstellung der Gewalt. Penn inszeniert Gewalt nicht als heroischen Showdown, sondern als traumatische Erfahrung. Besonders die Massaker an indigenen Familien gehören zu den erschütterndsten Szenen des Films. Hier wird sichtbar, dass der Westen nicht einfach „erschlossen“ wurde, sondern dass diese Erschließung mit Vertreibung, Mord und kultureller Zerstörung verbunden war. Der Film entstand zur Zeit des Vietnamkriegs, und diese historische Gegenwart ist deutlich spürbar. Die Angriffe auf indianische Dörfer wirken wie ein Kommentar auf moderne Kriegsverbrechen, auf militärische Sprache, auf Befehlsketten und auf die Entmenschlichung des Gegners.

Trotz seiner Härte ist Little Big Man auch ein sehr komischer Film. Die Komik entsteht aus Übertreibung, Rollenwechseln und absurden Begegnungen. Jack Crabb wird mal frommer Zögling, mal Revolverheld, mal Geschäftsmann, mal Trinker, mal Ehemann, mal Krieger. Diese episodische Struktur erinnert an einen Schelmenroman: Der Held stolpert durch die Geschichte, überlebt mehr durch Zufall als durch Größe und entlarvt dabei die Welt um sich herum. Dustin Hoffman spielt Jack nicht als klassischen Helden, sondern als Suchenden, der immer wieder versucht, sich anzupassen, und doch nirgends endgültig ankommt.

Gerade diese Mischung aus Komödie und Tragödie macht den Film so stark. Penn lässt das Publikum lachen, nur um kurz darauf die Grausamkeit der Geschichte umso härter wirken zu lassen. Diese Tonwechsel können irritieren, sind aber kein Fehler. Sie entsprechen Jacks Lebenserzählung: Erinnerung ist nicht sauber sortiert, sondern voller Widersprüche. Das Absurde und das Schreckliche liegen dicht nebeneinander.

Sehr wichtig ist auch die Figur von Old Lodge Skins. Er verkörpert nicht einfach den edlen Indianer als Klischee, sondern eine Lebenshaltung. Seine Weisheit ist humorvoll und erdverbunden. Er versteht die Lächerlichkeit der weißen Welt, ohne selbst verbittert zu erscheinen. Die berühmte Szene, in der er sich zum Sterben auf einen Hügel legt, dann aber feststellt, dass sein Tod noch nicht gekommen ist, verbindet Spiritualität und Komik auf wunderbare Weise. Der Film nimmt seine Figur ernst, ohne sie in falsche Feierlichkeit zu pressen.

Formal arbeitet Little Big Man mit einem starken Kontrast zwischen epischer Weite und satirischer Zuspitzung. Die Landschaften erinnern an den klassischen Western, doch die Erzählung unterläuft ständig dessen Gewissheiten. Die Kamera zeigt Prärien, Siedlungen, Lager und Schlachtfelder nicht als mythische Räume des Abenteuers, sondern als Schauplätze einer Identitätskrise. Der Westen ist kein Ort eindeutiger Helden, sondern ein moralisch verwüstetes Gebiet.

Auch die Erzählperspektive ist entscheidend. Weil alles aus Jacks Erinnerung kommt, bleibt die Frage offen, wie zuverlässig seine Darstellung ist. Ist er wirklich der letzte große Zeuge des Wilden Westens? Übertreibt er? Erfindet er? Der Film spielt mit dieser Unsicherheit. Aber gerade dadurch wirkt seine Wahrheit stärker: Es geht nicht um eine objektive Chronik, sondern um eine Gegenerzählung zum offiziellen Mythos.

Little Big Man ist außerdem ein Film über Identität. Jack Crabb ist weiß geboren, wächst aber indianisch auf. Später wird er in die weiße Gesellschaft zurückgeführt, doch dort bleibt er innerlich fremd. Er erlebt, dass Identität nicht nur Herkunft ist, sondern Erziehung, Erfahrung, Sprache, Zugehörigkeit und Erinnerung. Der Film zeigt, wie zerstörerisch eine Gesellschaft sein kann, die nur eine Form von Zugehörigkeit gelten lässt.

Aus heutiger Sicht kann man den Film auch kritisch betrachten. Obwohl er für seine Zeit ungewöhnlich sympathisch und respektvoll mit indigenen Figuren umgeht, bleibt die Geschichte dennoch um einen weißen Erzähler herum gebaut. Die Erfahrungen der Cheyenne werden durch Jack Crabb vermittelt. Das war 1970 ein wichtiger Perspektivwechsel gegenüber vielen älteren Western, ist aber aus heutiger Sicht nicht völlig frei von Vermittlungsproblemen. Dennoch bleibt der Film ein bedeutender Schritt in Richtung eines selbstkritischeren amerikanischen Kinos.

Das Finale am Little Bighorn vollendet die Entzauberung des Westernheldentums. Custer marschiert nicht in die Legende, sondern in die Katastrophe. Jack überlebt erneut, aber sein Überleben wirkt nicht triumphal. Es ist eher eine Last. Er trägt die Erinnerung an eine Welt, die vernichtet wurde, und an eine Geschichte, die viel grausamer war, als sie sich Amerika lange erzählen wollte. Die nächste Matinee ist am Sonntag, 11. Oktober der Film Ein Fressen für die Geier. Karten gibt es hier.

Little Big Man (USA 1970) – Matinee am 17. Mai im Scala Fürstenfeldbruck

15. Mai 2026

Little Big Man, der epische Western von Arthur Penn aus dem Jahr 1970, ist eines jener seltenen Meisterwerke des amerikanischen Kinos, das seinen Zuschauer von der ersten Minute an in einen Sog zieht, aus dem es kein Entkommen gibt – und aus dem man auch gar nicht entkommen möchte. Ich bespreche und zeige diesen Western in meiner Matinee am 17. Mai im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Der Film erzählt die Geschichte des 121-jährigen Jack Crabb, gespielt von Dustin Hoffman in einer seiner eindringlichsten Rollen, der als angeblich einziger weißer Überlebender der Schlacht am Little Bighorn seine unglaubliche Lebensgeschichte zu Protokoll gibt. Was folgt, ist kein gewöhnlicher Western, sondern ein schillerndes, vielschichtiges Panorama amerikanischer Geschichte, das die Mythen des Wilden Westens mit schonungsloser Ironie demontiert und gleichzeitig ein zutiefst menschliches Portrait zeichnet.

Die eigentliche Faszination des Films beginnt mit seiner erzählerischen Kühnheit. Penn und Drehbuchautor Calder Willingham, der den gleichnamigen Roman von Thomas Berger adaptierte, wählen die Form der Rahmenerzählung – der greise Crabb erinnert sich, und mit ihm stürzen wir uns in ein Leben, das schier unglaublich erscheint. Jack war Adoptivkind der Cheyenne, Schützling eines frommen Betrügers, Kleinstadtladenbesitzer, Gewehrschütze, Trapper, Alkoholiker, Soldat unter General Custer und immer wieder Zeuge historischer Schlüsselmomente. Diese episodische Struktur könnte fragmentiert wirken, doch Penn beherrscht die Kunst, aus diesen disparaten Lebensabschnitten ein kohärentes, atembenehmendes Ganzes zu weben. Jede Episode besitzt ihr eigenes Gewicht, ihren eigenen Ton, ihre eigene emotionale Wahrheit.

Besonders revolutionär war der Film in seiner Darstellung der amerikanischen Ureinwohner. Während Hollywood jahrzehntelang die Indigenous Peoples als anonyme, bedrohliche Masse oder bestenfalls als edle Wilde inszeniert hatte, zeigt Little Big Man die Cheyenne als vollständige Menschen mit einer komplexen Gesellschaft, mit Humor, Trauer, Würde und individuellen Charakteren. Der Häuptling Kleines Pferd, gespielt vom unvergesslichen Chief Dan George, ist eine der liebevollsten und weisesten Figuren der Filmgeschichte – ein Mann von tiefer Spiritualität und trockenem Witz, dessen Lebensphilosophie den ganzen Film hindurch wie ein ruhender Pol wirkt. Die Szene, in der er sich feierlich zum Sterben begibt, dann aber feststellt, dass der Tod ihn offenbar noch nicht haben möchte, und sich kommentarlos wieder erhebt, gehört zu den schönsten und berührendsten Momenten des amerikanischen Kinos überhaupt.

Der Film ist auch ein Kind seiner Zeit, und das auf die bestmögliche Weise. Im Jahr 1970, inmitten des Vietnamkrieges und der gesellschaftlichen Erschütterungen der Bürgerrechtsbewegung, war Little Big Man eine unmissverständliche Allegorie. Das Massaker am Washita River, bei dem Custers Kavallerie ein schlafendes Cheyenne-Dorf niedermetzelt, ist nicht nur historische Rekonstruktion, sondern direkter Kommentar zum Massaker von My Lai, das ein Jahr zuvor publik geworden war. Penn zeigt das Gemetzel ohne Beschönigung – als sinnlose, bürokratische Vernichtung unschuldiger Menschen, angeordnet von einem narzisstischen, realitätsfernen Militärführer. Custers Darstellung durch Richard Mulligan ist dabei von bitterer satirischer Schärfe: ein eitel-wahnsinniger Despot, der seine eigene Legende für bedeutsamer hält als Menschenleben, ein Archetyp militärischer Hybris für alle Zeiten.

Und doch wäre es ungerecht, den Film auf seine politische Dimension zu reduzieren. Was Little Big Man letztlich so unwiderstehlich macht, ist seine emotionale Breite, sein Mut zur Zärtlichkeit neben der Grausamkeit, zur Komödie neben der Tragödie. Jack Crabb ist eine zutiefst tragische Figur, ein Mann ohne feste Identität, der zwischen zwei Welten pendelt und in keiner wirklich Heimat findet. Hoffman spielt diese innere Zerrissenheit mit einer Natürlichkeit, die es dem Zuschauer unmöglich macht, Distanz zu wahren. Man leidet mit Jack, lacht mit ihm, schämt sich mit ihm. Das Alter-Make-up, das Hoffman zum greisen Erzähler transformiert, ist für die damalige Zeit erstaunlich überzeugend, doch es ist die Performance, die trägt – die Art, wie die Augen des jungen Mannes noch immer hinter dem faltenreichen Gesicht des Alten leuchten.

Die Kameraarbeit von Harry Stradling Jr. verdient ebenfalls besondere Erwähnung. Die Landschaft des amerikanischen Westens wird in ihrer ganzen Weite und Unwirtlichkeit eingefangen, doch Stradling weiß auch, die Kamera dicht heranzuführen, Gesichter zu lesen, Emotionen zu dokumentieren, ohne je in Sentimentalität zu verfallen. Die Schlachtszenen besitzen eine chaotische, fast dokumentarische Qualität, die dem Krieg jede Romantik raubt, während ruhigere Momente im Cheyenne-Lager von fast malerischer Schönheit sind.

Fünfundfünfzig Jahre nach seiner Entstehung hat Little Big Man nichts von seiner Kraft verloren. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der die Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte und den Mythen nationaler Identität dringlicher denn je erscheint, wirkt der Film erschreckend aktuell. Er ist eine Liebeserklärung an die Verlierer der Geschichte, an die Unsichtbaren und Vergessenen, an alle, die zwischen den Welten leben. Er ist ein Requiem für eine zerstörte Zivilisation und zugleich eine bitterkomische Abrechnung mit dem amerikanischen Selbstbild. Und er ist, am Ende, schlicht und ergreifend großes Kino – das Werk eines Regisseurs auf dem Höhepunkt seines Könnens, das die Grenzen eines Genres sprengt und zu universeller Menschheitserzählung wird. Ich freue mich auf diesen Western in meiner Matinee am 17. Mai im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.