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Filmkritik: Corpus Delicti

16. September 2026

Es gibt Dystopien, die ihre Zukunft möglichst fremd aussehen lassen. Und es gibt Dystopien, deren eigentliche Stärke darin besteht, dass ihre Zukunft erschreckend vertraut wirkt. „Corpus Delicti“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Lena Stahls Verfilmung des gleichnamigen Romans von Juli Zeh erzählt von einer Gesellschaft, die auf den ersten Blick beinahe beneidenswert erscheint: Die Menschen sind gesund, der Staat sorgt für Sicherheit, Krankheiten werden bekämpft und wissenschaftliche Erkenntnisse bestimmen politische Entscheidungen. Vernunft scheint über Ideologie gesiegt zu haben. Und genau darin liegt der Schrecken.
Denn „Corpus Delicti“ erzählt nicht von einer klassischen Diktatur mit Uniformen, Aufmärschen und allgegenwärtiger sichtbarer Gewalt. Die Herrschaft trägt hier das freundliche Gesicht der Fürsorge. Sie verspricht Gesundheit, Sicherheit und ein langes Leben. Dafür verlangt sie Daten, Kontrolle, Disziplin und die Bereitschaft, das eigene Verhalten den Vorgaben des Systems unterzuordnen. Freiheit verschwindet nicht mit einem großen Knall, sondern wird Stück für Stück gegen vermeintliche Sicherheit eingetauscht.

Der Film basiert auf Juli Zehs 2009 erschienenem Roman, dessen gesellschaftspolitische Sprengkraft über die Jahre eher größer als kleiner geworden ist. Zeh entwarf darin eine Gesundheitsdiktatur des 21. Jahrhunderts, in der körperliches Wohlergehen zur höchsten Bürgerpflicht erhoben wird. Lena Stahl macht daraus einen dystopischen Thriller, der politische Fragen mit einer sehr persönlichen Geschichte verbindet.

Hinter der Kamera ist der Film prominent besetzt. Die Kamera führt Philipp Haberlandt, die Musik stammt von Volker Bertelmann und Lennart Saathoff. Bertelmann – international auch als Hauschka bekannt – gewann für „Im Westen nichts Neues“ den Oscar für die beste Filmmusik. Hoffe, dass der Score auf Vinyl erscheint.

Im Mittelpunkt steht Mia Holl, gespielt von Hannah Herzsprung. Mia ist Wissenschaftlerin und zunächst keineswegs eine Rebellin. Im Gegenteil: Sie gehört zu jener Gesellschaft, die auf Rationalität, Messbarkeit und wissenschaftliche Evidenz vertraut. Das macht die Figur so interessant. Sie kämpft nicht gegen das System, weil sie grundsätzlich gegen Regeln wäre. Sie beginnt erst dann zu zweifeln, als ihr Bruder Moritz des Mordes beschuldigt wird. Die Beweise scheinen eindeutig. Das System hat seine Daten, seine Analysen und seine wissenschaftlich abgesicherten Schlussfolgerungen. Für die sogenannte Methode ist der Fall damit praktisch erledigt. Doch Mia glaubt an die Unschuld ihres Bruders. Plötzlich kollidieren zwei Wahrheiten miteinander: die Wahrheit der Daten und die Wahrheit persönlicher Erfahrung.

Aus diesem Konflikt entwickelt „Corpus Delicti“ seine stärkste Idee. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Wissenschaft nicht mehr als Methode des Zweifelns begreift, sondern aus ihren Ergebnissen eine politische Unfehlbarkeit konstruiert? Wissenschaft lebt eigentlich davon, dass Erkenntnisse überprüfbar, Hypothesen widerlegbar und Ergebnisse diskutierbar bleiben.

Das System in „Corpus Delicti“ hat diesen Grundgedanken pervertiert. Es benutzt Wissenschaft nicht mehr ausschließlich als Werkzeug der Erkenntnis, sondern als Legitimation von Macht. Wer widerspricht, erscheint deshalb nicht einfach als politischer Gegner. Er wird zum Gegner der Vernunft erklärt. Das ist wesentlich gefährlicher. Hannah Herzsprung ist für diese Geschichte eine ausgezeichnete Besetzung, denn Mia Holl braucht keine klassische Actionheldin zu sein. Ihre eigentliche Bewegung findet im Denken statt. Aus einer Frau, die an die Rationalität des Systems glaubt, wird eine Zweiflerin. Und in einem System, das keinen Zweifel duldet, wird bereits das Stellen einer Frage zum revolutionären Akt. Ihr Bruder Moritz, gespielt von Damian Hardung, steht stärker für Individualität, Freiheit und die Möglichkeit, unvernünftig sein zu dürfen. Gerade darin steckt eine der faszinierendsten Fragen des Stoffes: Hat ein Mensch ein Recht darauf, ungesund zu leben? Darf er Risiken eingehen? Darf er seinem Körper schaden? Und wo endet die Verantwortung des Staates für seine Bürger?

„Corpus Delicti“ verweigert sich der einfachen Antwort. Natürlich ist Gesundheit etwas Positives. Natürlich wünschen wir uns Schutz vor Krankheiten, und selbstverständlich können wissenschaftliche Erkenntnisse Leben retten. Die Dystopie funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie nicht auf einem offensichtlich bösen Gedanken basiert. Die Methode beginnt mit einem Versprechen, dem kaum jemand widersprechen würde: Wir wollen, dass Menschen gesund sind. Das Problem entsteht erst durch den nächsten Schritt: Deshalb müssen sie gesund sein. Aus einem Recht wird eine Pflicht, aus Fürsorge wird Kontrolle, aus Prävention wird Überwachung und aus dem Menschen schließlich ein Datensatz.

Besonders interessant ist dabei Heinrich Kramer, verkörpert von Alexander Fehling. Kramer ist Journalist, aber keineswegs automatisch Vertreter einer freien, kritischen Öffentlichkeit. Gerade diese Figur zeigt, wie wichtig Sprache für autoritäre Systeme ist. Macht funktioniert nicht ausschließlich durch Polizei und Gerichte. Sie funktioniert über Begriffe, Erzählungen und öffentliche Deutung. Wer bestimmt, wer vernünftig ist? Wer entscheidet, wer radikal ist? Wann wird aus einem Zweifler ein Staatsfeind? Damit berührt „Corpus Delicti“ einen hochaktuellen Kern politischer Kommunikation. Ein System muss seine Gegner nicht unbedingt zum Schweigen bringen, wenn es ihm gelingt, ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Wer außerhalb des akzeptierten Meinungskorridors steht, kann als irrational, gefährlich oder gesellschaftsschädlich markiert werden.

Lena Stahl setzt dabei bewusst auf die Mechanismen eines Thrillers. Das ist für die Verfilmung eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Juli Zehs Roman ist stark von philosophischen und juristischen Auseinandersetzungen geprägt. Literatur kann lange Gedankenräume öffnen, Argumente gegeneinanderstellen und innere Widersprüche ausführlich untersuchen. Kino braucht dagegen Bilder, Konflikte und Bewegung. Die Suche nach der Wahrheit über Moritz wird deshalb zum dramaturgischen Motor. Mia gerät immer tiefer in einen Apparat hinein, dessen Macht sie zuvor selbst akzeptiert hat. Je mehr sie zweifelt, desto stärker wird sie vom System beobachtet. Schließlich wird aus der Wissenschaftlerin selbst eine Verdächtige. Darin besitzt die Geschichte eine beinahe kafkaeske Qualität. Mia muss nicht einmal etwas Spektakuläres tun. Schon ihre Abweichung wird zum Problem. Wer sich einem System verweigert, das behauptet, ausschließlich dem Wohl des Menschen zu dienen, muss in dessen Logik irgendwann entweder irrational oder gefährlich sein.

Besonders spannend ist „Corpus Delicti“ deshalb als politischer Film. Die Geschichte lässt sich nicht bequem einer einzigen politischen Richtung zuordnen. Sie handelt von einem grundsätzlichen Konflikt moderner Gesellschaften: Wie viel Freiheit sind wir bereit für Sicherheit aufzugeben? Diese Frage betrifft Gesundheitsdaten ebenso wie digitale Überwachung, biometrische Systeme, Algorithmen oder künstliche Intelligenz. Jede einzelne Technologie kann einen vernünftigen Nutzen besitzen. Problematisch wird es dort, wo aus vielen einzelnen Informationen ein nahezu vollständiges Bild des Menschen entsteht. Wer schläft wann? Wer bewegt sich wie viel? Welche Krankheiten hat jemand? Was isst er? Wo befindet er sich? Mit wem kommuniziert er? Welche Risiken geht er ein? Die technische Möglichkeit, all diese Informationen zu erfassen, führt zwangsläufig zur politischen Frage, wer sie verwenden darf und zu welchem Zweck. Genau hier entfaltet „Corpus Delicti“ seine beklemmende Aktualität. Der Film erzählt letztlich weniger von Gesundheit als von Daten. Gesundheit ist die moralische Legitimation für die Datenerfassung. Denn gegen Überwachung lässt sich protestieren. Gegen Gesundheit zu protestieren klingt dagegen absurd. Darin liegt die Raffinesse des Systems: Es definiert sein politisches Ziel so positiv, dass jeder Widerspruch automatisch verdächtig erscheint.

Der Film stellt damit eine Frage, die weit über seine Handlung hinausweist: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft keine Abweichung mehr erträgt? Demokratie besteht schließlich nicht nur aus Mehrheitsentscheidungen. Sie lebt auch vom Recht des Einzelnen, anders zu leben, anders zu denken und sogar Entscheidungen zu treffen, die andere für falsch halten. Eine vollkommen optimierte Gesellschaft müsste zwangsläufig einen Teil dieser Freiheit beseitigen, denn Freiheit produziert Unordnung. Menschen rauchen, trinken, essen zu viel, schlafen zu wenig, treiben keinen Sport, verlieben sich in die falschen Menschen, glauben Unsinn und treffen schlechte Entscheidungen. Das ist ineffizient, aber es ist menschlich. Die eigentliche Provokation von „Corpus Delicti“ besteht deshalb in dem Gedanken, dass eine vollkommen vernünftige Gesellschaft möglicherweise eine zutiefst unmenschliche Gesellschaft wäre.

Damit liegt „Corpus Delicti“ irgendwo zwischen Science-Fiction-Dystopie, Politthriller und Justizdrama. Die Geschichte erinnert in ihrer Grundidee an Orwell, „Gattaca“ oder auch „Minority Report“, verfolgt aber einen ausgesprochen deutschen, juristisch-politischen Ansatz: Nicht die Technik selbst ist der eigentliche Gegner, sondern die Vorstellung, aus Daten ließe sich eine objektive und unangreifbare Wahrheit ableiten. Wobei ich Gattaca deutlich eleganter und nicht so deutsch sperrig mit dem Zeigefinger empfang.
Es werden die Menschen im Film nicht ausschließlich durch Angst kontrolliert. Das System bietet ihnen etwas an: Gesundheit, Sicherheit, Ordnung und die Befreiung von vielen Risiken des Lebens. Auch Parallelen zu „Gattaca“ drängen sich auf. Dort entscheidet genetische Optimierung über gesellschaftliche Möglichkeiten, bei „Corpus Delicti“ ist es die körperliche und gesundheitliche Normierung. In beiden Fällen entsteht Unterdrückung aus dem Versprechen der Verbesserung. Gerade für das deutsche Kino ist dieser Stoff deshalb bemerkenswert. Science-Fiction wird hierzulande noch immer vergleichsweise selten als ernsthafte gesellschaftspolitische Kinogattung verstanden. „Corpus Delicti“ zeigt, welches Potenzial darin steckt. Man braucht keine gigantischen Raumschlachten, um über Zukunft zu erzählen. Manchmal genügt eine Gesellschaft, die beschlossen hat, nur noch das Beste für ihre Bürger zu wollen – und eine Frau, die plötzlich fragt, wer eigentlich bestimmt, was dieses Beste ist.

Vielleicht ist das die entscheidende Stärke von „Corpus Delicti“: Die Geschichte zwingt uns nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit zu wählen. Sie zwingt uns, über die Grenze zwischen Verantwortung und Bevormundung nachzudenken. Wann wird Schutz zur Kontrolle? Wann wird Wissenschaft zum Herrschaftsinstrument? Wann wird Datenerfassung zur Überwachung? Und wann verwandelt sich das Versprechen einer besseren Gesellschaft in die Forderung nach einem besseren Menschen? „Corpus Delicti“ ist deshalb keine Dystopie über eine ferne Zukunft. Es ist eine Warnung vor einem uralten politischen Reflex: dem Wunsch, Menschen zu ihrem eigenen Glück zwingen zu wollen. Der gefährlichste Staat ist vielleicht nicht jener, der offen verkündet, dass ihm der einzelne Mensch gleichgültig ist. Viel schwieriger ist ein Staat zu erkennen, der behauptet, alles nur zu unserem Besten zu tun. Genau deshalb besitzt Juli Zehs Geschichte eine solche Kraft – und genau deshalb ist ihre Verfilmung im Jahr 2026 so bemerkenswert aktuell. Am Ende bleibt eine Frage, die weit über den Kinosaal hinausreicht: Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben, wenn man uns dafür Sicherheit verspricht? Und vielleicht noch wichtiger: Merken wir überhaupt, wann wir sie aufgegeben haben?
Der Film läuft 103 Minuten, ist FSK 12 und startet am 1. Oktober 2026.

Filmkritik zu Konklave

26. November 2024

Für mich steht mein Oscar-Gewinner als bester Film schon heute fest: Es ist eindeutig Konklave, ein Thriller nach dem Roman von Robert Harris. Harris, den ich eigentlich als Autor eher überschätzt finde, liefert hier jedoch eine hervorragende Vorlage für einen noch besseren Film von Edward Berger. Der in Deutschland geborene Filmemacher hat daraus ein eindrucksvolles Stück Schauspielkino gemacht. Ich habe mir den Film in meinem Lieblingskino, dem Scala in Fürstenfeldbruck, angesehen.

Edward Berger hatte mich bereits 2022 mit seiner Regiearbeit zu Im Westen nichts Neues begeistert. Mit Konklave beweist er erneut sein Können, indem er Schauspieler ohne große Spezialeffekte eindrucksvoll in Szene setzt. Außerdem zeigt er, dass er eine Geschichte auch für Nicht-Katholiken spannend und zugänglich erzählen kann. Dennoch bleibt Berger seinem zentralen Thema aus Im Westen nichts Neues treu: Dieses Mal spielt der Krieg jedoch nicht auf den Schlachtfeldern der Westfront, sondern innerhalb der Mauern der Sixtinischen Kapelle. Besonders schmunzeln musste ich, als Richard Nixon und seine Tonbänder erwähnt wurden.

Im Film geht es um die Papstwahl – einen Entscheidungsprozess voller Intrigen und erbarmungsloser Wortgefechte unter den heiligen Männern. Von den Kardinälen lässt sich einiges darüber lernen, wie man Dreck und Schmutz unter dem Mantel des Glaubens wirft. Beeindruckend ist, wie Bescheidenheit und Machthunger hier inszeniert werden.

Alle Schauspieler liefern intensive Performances ab, allen voran Ralph Fiennes als Kardinal Lawrence. Der Roman von Robert Harris wurde von Peter Straughan für den Film adaptiert. Ich schätze Straughan sehr, da er auch das intelligente Drehbuch zu einem meiner Lieblingsfilme, Dame, König, As, Spion, geschrieben hat.

Die Musik von Volker Bertelmann enttäuscht ebenfalls nicht. Sie knüpft an den großartigen Score seiner Arbeit für Im Westen nichts Neues an. Bereits viermal hat Bertelmann, auch bekannt als Hauschka, mit Berger zusammengearbeitet, und Konklave ist ihre fünfte Zusammenarbeit. Dieses Mal ist die Musik noch vielschichtiger, da verschiedene Figuren eigene Leitmotive haben. Zudem ist sie sakraler, passend zur zentralen Rolle des Katholizismus. Bertelmann erklärt, dass er für den Film ein besonderes Instrument namens Cristal Baschet verwendet hat, das 1952 in Frankreich entwickelt wurde. „Man spielt es ähnlich wie ein Weinglas mit Wasser, bei dem man den Glasrand kreisen lässt. Hier sind es jedoch Stäbe, die man mit angefeuchteten Fingerkuppen reibt. Das erzeugt einen leicht verzerrten, fast schon Synthesizer-artigen Klang“, so Bertelmann im Interview mit dem NDR.

Natürlich ist klar, dass Konklave keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm ist. Auch als Nicht-Katholik habe ich dramaturgische Freiheiten erkannt, die es bei einer echten Papstwahl nicht geben würde. Für Interessierte hat die Website katholisch.de einen Faktencheck erstellt. Ich persönlich kann mit den künstlerischen Freiheiten des Regisseurs gut leben. Die Bilder sind großartig, die Schauspieler exzellent, die Musik passend – insgesamt ist Konklave ein grandioser Film.

Soundtracktipp: Im Westen nichts neues von Volker Bertelmann

22. Juni 2023

Volker Bertelmann alias Hauschka hat dieses Jahr den Soundtrack-Oscar zu Im Westen nichts Neues erhalten, absolut verdient wie ich meine. Das ist sein erster Oscar, nachdem es 2016 mit der Musik zu Lion – Der lange Weg nach Hause nicht geklappt hatte. Das ist also mein Soundtracktipp.

Es gibt verschiedene Ausgaben von Im Westen nichts Neues, bisher wohl alle nur auf Vinyl. Eine CD hab ich bisher noch nicht entdeckt. Ich habe die Nummer 436 der auf 2000 Exemplare veröffentlichten Smokey-Vinyl Version.

Der Soundtrack zum Antikriegsfilm hat mich beim Betrachen des Films tief getroffen. Die Musik basiert auf einem Harmonium, das Bertelmanns Uroma gehört hatte. Das dreitönige Motiv des Harmoniums durchzieht den kompletten Film. Der Klang des Instruments wurde durch einen Verzehrer und Gitarrenverstärker gejagt und wirkt nun kalt und brutal – aber dennoch lebendig. Das Holz und der Blasebalg des Harmonium haben einen emotionalen Klang, der eben nicht mit einem Synthesizer erzeugt wird. Bertelmann verwendet in seinen Hauschka-Alben sonst präparierte Klaviere. Ein minimalistischer Klang des Albums vor dem man Angst haben muss. Die Wirkung auf mich ist heftig. Für mich eine klare Empfehlung des Soundtüfters. Der Score wurde übrigens komponiert, nachdem die Dreharbeiten abgeschlossen waren.

Im Westen nicht Neues – Ultimate Edition und Netflix

7. November 2022

Der Antikriegsfilm „Im Westen nicht Neues“ gehört zu den schockierendsten Filmbeiträgen des Genres. Soeben ist eine absolut empfehlenswerte Ultimate Edition mit der restaurierten Version des Klassikers von 1930 und unterschiedlichen Fassungen bei Capelight auf 6-Discs erschienen. Jeder Filminteressierte hat nun die Chance, die unterschiedlichen Schnittfassungen zu vergleichen und ich freue mich sehr auf einen cineastischen Marathon mit einem Meisterwerk der Filmgeschichte. Ich nehme mir dazu extra ein Wochenende Zeit.

Zwei Oscars bekam die 1930 erschienene Verfilmung von Lewis Milestone nach dem Roman von Erich Maria Remarque. Das Buch sollte unbedingt Pflichtschullektüre in Deutschland werden.
Der Erste Weltkrieg hat begonnen, das Deutsche Reich befindet sich im Rausch. Angestachelt von ihrem nationalchauvinistischen Lehrer beschließen Paul Bäumer und seine Mitschüler, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Doch der Idealismus verfliegt schnell im Angesicht der harten Realität an der Westfront: ein zermürbender Stellungskrieg in den Schützengräben, permanentes Trommelfeuer und Maschinengewehrsalven. Statt Ruhm und Ehre wartet auf die jungen Kameraden ein dreckiges, sinnloses Sterben in einem mechanisierten Krieg.

Ein paar Tage zuvor veröffentlichte Netflix die deutsche Neuverfilmung des dramatischen Stoffes, der auch der deutsche Beitrag zu den Oscars sein wird. Technisch perfekt zeigt der Streifen das Schlachten und die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs in beeindruckenden Bildern. Die Geschichte wurde vom Regisseur um historische Beiträge ergänzt, wie die Kapitulation der deutschen Gesandtschaft im Eisenbahnwagon von Compiègne stattfand. Das ist gut für die historische Einordnung der Filmzuschauer. Wir erinnern uns: Zur Unterzeichnung des Waffenstillstands zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich am 22. Juni 1940 ließ Hitler das Fahrzeug wieder auf die Waldlichtung bei Compiègne stellen. Außerdem erklärt Regisseur die Entwicklung der so genannten Dolchstoßlegende, nachdem das Deutsche Heer im Feld nach Meinung der Offiziere nicht besiegt wurde.

Der Netflix-Film von Edward Berger legt weniger Wert auf die Schulszene und die Vorgeschichte. Das wird nur am Rande erwähnt. So wird der Zuschauer schnell in das Geschehen des ersten Weltenbrandes hineingeworfen. Sehr schön erzählt ist die Maschinerie des Krieges am Beispiel einer getragenen Uniform. Ein Soldat fällt, er wird entkleidet und begraben, seine Uniform wird gewaschen und geflickt und dann dem nächsten Rekruten überreicht. Die Maschinerie des Krieges ist ein brutaler Kreislauf.

Die Kameraarbeit von James Friend ist spektakulär. James Friend verbeugt sich in seinen Schlachten vor Kubricks Wege zum Ruhm, die ebenso den Irrsinn des ersten Weltkrieges eingefangen haben. Während Kubrick auf schwarzweiß setzt, dreht James Friend in Farbe, entzieht aber durch geschicktes Colour-Grading die Farbsättigkeit und verändert so die Stimmung der Bilder. Ganz hervorragend diese Arbeit.

Die Bilder der Grabenkämpfe, der sinnlosen Angriffe und Gegenangriffe ist heftig. Sie erinnern an die ersten Minuten von Saving Private Ryan von Steven Spielberg. Hier wird geopfert, zerfetzt, erschossen, aufgespießt, vernichtet. Die Schlachtenszenen sind enorm eindrucksvoll. Vor allem der Einsatz der Panzerwaffe im Grabenkrieg und das Verbrennen des Gegners durch Flammenwerfer samt Luftunterstützung beeindrucken.

Interessant ist auch die Musik von Volker Bertelmann. Ich kenne seine Musik unter dem Künstlernamen Hauschka. Zu Beginn und am Ende wirkt das düstere, dreitönige Motiv brutal und brachial. Ich bin beim ersten Hören zusammengezuckt. Das Motiv prägt sich ein und schreibt Musikgeschichte. Entstanden ist der wuchtige Klang durch ein Harmonium von Bertelmanns Urgroßmutter, verfremdet durch einen Gitarrenverstärker. Mir als Zuschauer läuft es eiskalt den Rücken herunter und die Musik und Klangfetzen unterstreichen die brutalen Bilder, die das Auge sieht. In den friedlichen Zeiten des Films, in Zeiten der Kameradschaft wechselt die Musik zu Harmonie, ergänzt durch den Einsatz von Streichern, sehr gut gemacht. Wenn der Score jemals auf Vinyl erscheint, werde ich ihn mir sofort kaufen. Derzeit gibt es ihn ausschließlich digital bei den Streamingdiensten.

Aber leider …

Leider habe ich aber auch meine Probleme mit der Neuverfilmung. Es stört mich ausdrücklich nicht, dass Regisseur Edward Berger neue Storyelemente eingefügt hat und auch das Ende des Films im Vergleich zum Buch verändert, wobei der Titel „Im Westen nichts Neues“ so richtig nicht mehr passt. Es stört mich, dass mich die gezeigten Rollen kaum emotional berühren. Sie sind für mich als Zuschauer zu weit entfernt, so dass mich trotz der grausamen Bilder ihr Schicksal kalt lässt. Dabei ist an der Schauspielerei nichts auszusetzen, für mich passt die Charakterzeichnung einfach nicht. Ich sehe opulente Bilder, aber das Schicksal der Personen im Film berühren mich nur sehr wenig. Anders bei dem Schauspiel der Darsteller von 1930.

Auf jeden Fall drücke ich Regisseur Edward Berger die Daumen bei der Oscar-Vergabe. Im Westen nicht Neues lief ja zum Netflix-Start in ein paar ausgewählten Kinos, damit er an der Oscar-Auswahl teilnehmen kann. Gerne hätte ich den Film im Kino gesehen, aber mir blieb nur das Heimkino mit Beamer und Soundanlage.