Posts Tagged ‘UNESCO’

Welttag des Buches und was er für mich bedeutet

23. April 2026

Der Welttag des Buches ist ein internationaler Aktionstag, der jedes Jahr am 23. April begangen wird. Er wurde von der UNESCO 1995 als „World Book and Copyright Day“ eingeführt und soll an die besondere Bedeutung von Büchern, Lesen, Autoren sowie des Urheberrechts erinnern.

Auch ich bin ein Buch-Fan zum Leidwesen meiner Frau, weil wir einfach zu viele Bücher haben und wöchentlich werden es mehr. Im Moment lese ich gerade das neue lesenswerte Buch von meinem Freund Tim Pröse: Doch noch ein neuer Tag.

Zudem widme ich dem Thema Lesen unter anderem mit meinem monatlichen Podcasts Seitensprung aus der Gemeindebücherei Maisach. Hier die ersten beiden Folgen. Im Mai geht es weiter.

Im Kern geht es darum, das Buch nicht nur als gedruckten Gegenstand zu feiern, sondern als kulturelles Medium, das Wissen weitergibt, Fantasie weckt und Menschen über Generationen, Sprachen und Länder hinweg miteinander verbindet. Die UNESCO beschreibt Bücher dabei ausdrücklich als eine Brücke zwischen Kulturen und Generationen.

Dass ausgerechnet der 23. April gewählt wurde, hat einen starken symbolischen Hintergrund. Das Datum gilt in der Weltliteratur als besonders bedeutend, weil es mit den Namen Miguel de Cervantes, William Shakespeare und Inca Garcilaso de la Vega verbunden ist. Deshalb entschied sich die UNESCO bewusst für diesen Tag, um Bücher und ihre Autorinnen und Autoren weltweit zu würdigen. Der Welttag des Buches ist damit nicht nur ein Lesefest, sondern auch ein kulturelles Signal: Literatur soll als Teil des gemeinsamen Menschheitserbes sichtbar gemacht werden.

Inhaltlich verfolgt der Welttag des Buches mehrere Ziele zugleich. Er soll die Freude am Lesen fördern, den Zugang zu Büchern verbessern und auf die Bedeutung von Bildung, Sprache und Lesekompetenz aufmerksam machen. Zugleich gehört auch das Urheberrecht ausdrücklich dazu. Das ist kein Nebenaspekt, sondern Teil der Grundidee: Wer Bücher feiert, soll auch die geistige Arbeit schützen, die hinter ihnen steht. Die UNESCO verbindet den Aktionstag deshalb mit größeren Themen wie kultureller Vielfalt, Kreativität, Mehrsprachigkeit und fairem Zugang zu Wissen. Bücher erscheinen hier nicht nur als Unterhaltungsmedium, sondern als Grundlage demokratischer Bildung und kultureller Teilhabe. Ich habe bei der langen Nacht der Bibliotheken einen Vortrag gehalten zum Thema Name der Rose

Weltweit wird der Tag mit sehr unterschiedlichen Aktionen begangen. Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken, Schulen, Kulturinstitutionen und Autorenverbände veranstalten rund um den 23. April Lesungen, Bücherfeste, Schulaktionen, Ausstellungen und Diskussionen. Die UNESCO weist außerdem darauf hin, dass jedes Jahr eine Welthauptstadt des Buches ausgewählt wird. Für 2026 ist Rabat diese UNESCO-Welthauptstadt des Buches; 2027 folgt Medellín. Damit soll die Idee des Welttags über einen einzelnen Kalendertag hinaus verlängert und in einer Stadt ein ganzjähriges Programm zur Leseförderung und Buchkultur angestoßen werden.

In Deutschland hat der Welttag des Buches einen besonders starken Platz in der Leseförderung. Auf der offiziellen deutschen Aktionsseite wird der 23. April als großes Lesefest mit vielfältigen Veranstaltungen beschrieben. Besonders bekannt ist die Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“, bei der Schulklassen Buchgutscheine erhalten und Kinder in großer Zahl ein eigenes Buch bekommen. Nach Angaben der Organisatorinnen und Organisatoren wurden 2025 erneut über 1,1 Millionen Schulkinder erreicht, beteiligt waren rund 49.400 Schulklassen und etwa 3.000 Buchhandlungen. Daran sieht man sehr deutlich, dass der Welttag des Buches in Deutschland nicht nur symbolisch begangen wird, sondern ganz praktisch Kindern Lust aufs Lesen machen soll.
Seine eigentliche Bedeutung entfaltet der Welttag des Buches aber vor allem auf einer tieferen kulturellen Ebene. Bücher eröffnen neue Perspektiven, sie bewahren Erfahrungen, sie schaffen Orientierung und ermöglichen es, andere Lebenswelten kennenzulernen. In einer Zeit, in der Informationen oft schnell, flüchtig und stark verkürzt verbreitet werden, steht der Welttag des Buches auch für eine Gegenidee: für Konzentration, vertieftes Verstehen und die Bereitschaft, sich auf längere Gedankenwege einzulassen. Gerade deshalb ist der Tag bis heute aktuell. Er erinnert daran, dass Lesen nicht bloß eine private Freizeitbeschäftigung ist, sondern eine Schlüsselkompetenz für Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und kulturelles Verständnis.

So ist der Welttag des Buches am Ende weit mehr als ein Kalenderdatum für Literaturfreunde. Er ist ein weltweiter Appell, Bücher als kulturellen Reichtum ernst zu nehmen, Lesen zu fördern und den Zugang zu Wissen offen zu halten. Wer an diesem Tag ein Buch verschenkt, eine Lesung besucht, mit Kindern liest oder selbst wieder einmal bewusst zu einem Roman, Sachbuch oder Gedichtband greift, beteiligt sich an genau dieser Idee. Der Welttag des Buches feiert also nicht nur das Buch selbst, sondern auch das, was Bücher in Gesellschaften möglich machen: Bildung, Erinnerung, Empathie und Freiheit des Denkens.

Estland (8): Sängerfeste in Estland – Ein kulturelles und nationales Symbol

12. Januar 2025

Im Baltikum wird viel gesungen. Es wurde auch von der singenden Revolution gesprochen und jedes der drei baltischen Ländern veranstalten eigene Sängerfestvials. In Estland wird diese nationale Großveranstaltung im Juli 2025 nach fünf Jahren wieder durchgeführt. Tausende Sänger aus dem ganzen Land kommen zusammen und singen estnische Volkslieder. Sie sind weit mehr als nur kulturelle Ereignisse – sie sind tief mit der estnischen Identität, Geschichte und dem Kampf um Unabhängigkeit verwurzelt.

Das erste Sängerfest
1869 fand das erste Sängerfest statt. Es entfaltete eine enorme nationale Kraft der Einigkeit. Deutsch war die Amtssprache, aber nun entdeckten die Esten ihre eigene Sprache. Bei so kleinen Nationen ist diese nationale Identität wichtig. So gibt es den Ausspruch: „Wenn du dein Lied in deiner Sprache nicht singst, dann singt es bald keiner mehr.“ Das erste Fest wurde in der Zeit der nationalen Erweckung Estlands abgehalten, als das estnische Volk nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft seine nationale Identität und Kultur stärkte.

Zu den Hauptorganisatoren des ersten Sängerfestes zählten Johann Voldemar Jannsen, ein bedeutender estnischer Journalist und Nationalist, sowie weitere Kulturschaffende, die das estnische Bewusstsein stärken wollten. Beim ersten Fest traten 46 Chöre mit etwa 800 männlichen Sängern sowie eine Blaskapelle auf. Obwohl die Teilnehmerzahl bescheiden war, legte dieses Ereignis den Grundstein für eine langjährige Tradition.

Während der sowjetischen Besatzung Estlands (1940–1941 und 1944–1991) gewannen die Sängerfeste besondere Bedeutung. Obwohl sie von den Besatzungsmächten kontrolliert und reglementiert wurden, blieben sie ein Ort, an dem die Esten ihre nationale Identität und Einheit ausdrücken konnten.
Ein berühmtes Beispiel ist das Sängerfest von 1947, bei dem trotz strenger Zensur estnische Volkslieder gesungen wurden, die heimlich patriotische Botschaften enthielten. Natürlich wurden auch Lieder gesungen, die die Besatzungsmacht hochleben ließ.

In den späten 1980er Jahren, während der singenden Revolution, spielten die Sängerfeste eine zentrale Rolle. Menschenmassen sangen gemeinsam nationale Lieder, um gegen die sowjetische Herrschaft zu protestieren und die Unabhängigkeit Estlands zu fordern. 1991 wurde Estland schließlich wieder ein unabhängiger Staat.

Die Sängerfeste finden alle fünf Jahre in der estnischen Hauptstadt Tallinn statt und ziehen Chöre und Besucher aus dem ganzen Land und darüber hinaus an. Sie werden von der Estonian Song and Dance Celebration Foundation organisiert.

Das Sängerfestgelände in Tallinn (Lauluväljak) ist ein beeindruckender Austragungsort. Es wurde 1960 gebaut und umfasst eine große Freilichtbühne mit einer charakteristischen Bögenstruktur, die für ihre exzellente Akustik bekannt ist. Viele sagen auch Muschel zum Veranstaltungsort.

Das Gelände bietet Platz für bis zu 25.000 Sänger auf der Bühne und etwa 100.000 Zuschauer im Publikum. Die Sängerfeste vereinen Chöre aus allen Teilen Estlands und aus verschiedenen Altersgruppen. Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchöre singen gemeinsam auf der Bühne. Die Gesamtzahl der Sänger kann bis zu 30.000 betragen.

Das musikalische Programm umfasst sowohl traditionelle estnische Volkslieder als auch moderne Chorwerke. Viele Lieder sind mit der nationalen Geschichte und Identität verbunden, darunter das bekannte Lied „Mu isamaa on minu arm“ („Mein Vaterland ist meine Liebe“), das während der sowjetischen Besatzung zu einer inoffiziellen Hymne wurde.

Tanzfeste
Parallel zu den Sängerfesten finden auch Tanzfeste (Tantsupidu) statt, die die estnische Tanztradition feiern. Diese Tanzfeste sind eng mit den Sängerfesten verbunden und ergänzen die musikalische Seite durch farbenfrohe, synchronisierte Aufführungen von Tänzern in traditionellen estnischen Trachten. 2003 wurden die estnischen Sänger- und Tanzfeste zusammen mit den ähnlichen Traditionen in Lettland und Litauen in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen. Diese Anerkennung unterstreicht die kulturelle und historische Bedeutung dieser Feste.

Der Schatz von Riga

23. Januar 2020

Der Schatz der Letten.

Der Schatz der Letten.

In Riga habe ich den größten Schatz der Letten gesehen. Nein, es geht nicht um Gold und Silber oder Juwelen oder Geschmeide. Es geht um Kultur in Form von Versen und Liedern, so genannte Dainas.
Ein Daina ist in der Regel vier Zeilen lang und kann Jahrhunderte alt sein und, was ganz wichtig ist, sie sind in lettischer Sprache verfasst. Sie beschreiben das Leben der einfachen Leute und die Daina-Verse gibt es zu allen Bereichen des Lebens.

Die einzigartige Sammlung dieses kulturellen Schatzes gibt es in der lettischen Nationalbibliothek zu bewundern. In dem eindrucksvollen Bau steht hinter dickem Glas der Daina-Schrank mit vielen, vielen Schubladen. Dort sind die Dainas katalogisiert und fein säuberlich abgelegt – heute sind die Verse freilich digitalisiert.
Warum sind die Dainas so wichtig? Nun, sie sind ein Symbol der lettischen Identität. Das Land war lange von der deutschen Oberschicht geprägt. Deutsch war Amtssprache und die Sprache der gehobenen Gesellschaft. Auf dem Land sprach man dagegen Lettisch. Eine lettische Hochkultur mit eigener Sprache war damit ausgeschlossen.
Die Dainas wurden mündlich von Generation zu Generation übergeben. Als der Nationalismus im 19.Jahrhundert auch in Lettland Fuß fasste, wurden sich die Letten ihrer Kultur mehr und mehr bewusst. Der lettische Schriftsteller Krišjānis Barons machte es sich zur Lebensaufgabe, die Dainas zu sammeln. Er gilt als „Vater der Dainas“. Er archivierte die Zettel, auf denen er je eine Daina notierte, in einem von ihm selbst für diesen Zweck entworfenen und von einem deutschen Schreiner in Moskau gefertigten Schrank. Er ist 160 cm hoch, 66 cm breit und 42 cm lang. Dieses Heiligtum hab ich in der lettischen Nationalbibliothek bewundert. 2001 nahm ihn die UNESCO in die Liste des Weltdokumentenerbes auf.
In den 70 Schubladen des Schranks befinden sich mehr als 350.000 handbeschriebene Zettel in einer Größe von 3 × 11 cm. Insgesamt gibt es 218.000 Dainas, die zwischen 1998 und 2006 digitalisiert wurden. Hier sind sie zu finden.

Eindrucksvoller Bau der lettischen Nationalbibliothek
Das Schränkchen ist in der neuen lettischen Nationalbibliothek. Sie ist optisch sehr eindrucksvoll und wurde nach einem Entwurf des 1925 in Riga geborenen US-amerikanischen Architekten Gunnar Birkerts gebaut. Baubeginn war im Jahre 2008. Die Bibliothek hat 13 Stockwerke und ist 68 Meter hoch. Die Kosten wurden mit 193 Millionen Euro angegeben, so eine Information in Shop des Gebäudes, das am 29. August 2014, dem 95. Gründungstag der Nationalbibliothek, eröffnet wurde.

Die Show zur Eröffnung hatte etwas ergreifendes, denn es wurden die Bewohner Rigas eingeladen, um mitzumachen. Bei einer Aktion im Rahmen des Programms der Stadt Riga als Kulturhauptstadt Europas wurden am 18. Januar 2014 ausgewählte Bestände aus dem derzeitigen Hauptgebäude der Nationalbibliothek durch eine Menschen- und Bücherkette symbolisch in den Neubau gebracht. Im Shop des Gebäudes gibt es umfangreiches Bildmaterial in Büchern, allerdings auf lettisch.