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Der Sound der Gamescom 2026: Wenn aus Spielen Musik und aus Musik Erinnerung wird

5. September 2026

Eine Gamescom hört man, lange bevor man alles gesehen hat. Aus den Hallen dröhnen Trailer, an den Ständen laufen Soundtracks, irgendwo erklingen die typischen Geräusche alter Arcade-Automaten – und dazwischen wird live musiziert. Für mich gehört Musik deshalb genauso zur Gamescom wie Controller, Konsolen, Computer und Games.

Gerade die Gamescom 2026 in Köln zeigt eindrucksvoll, welchen Stellenwert Videospielmusik inzwischen besitzt. Was in den frühen Tagen der Computerspiele aus wenigen elektronischen Stimmen und stark begrenzten Soundchips herausgeholt werden musste, ist heute eine eigenständige Musikkultur. Chiptunes stehen dabei ganz selbstverständlich neben orchestralen Soundtracks, elektronischer Musik und klassischen Instrumenten.

Ich habe lange mit dem legendären Chris Huelsbeck gesprochen, dessen Musik ich sehr verehre und gerade den Sound von Turrican gerne mag. Die ersten Generationen von Spielekomponisten mussten darum kämpfen, aus wenigen Kilobyte Speicher und einer Handvoll Soundkanälen etwas Musikalisches herauszuholen. Komponisten wie Chris Huelsbeck bewiesen schon damals, dass diese technischen Grenzen kein Hindernis für große Melodien sein mussten. Heute werden Game-Soundtracks von Orchestern gespielt, auf Vinyl veröffentlicht und in Konzertsälen gefeiert.

Aber es gab mehr, viel mehr auf der Gamescom zu hören. Besonders deutlich wurde das in der Retro & Family Area. Dort brachten Critical Bow bekannte Videospielmusik mit zwei Celli auf die Bühne. Plötzlich bekommen Melodien aus Games einen vollkommen anderen Charakter. Sie klingen emotional, melancholisch oder dramatisch und zeigen, dass gute Spielemusik auch dann funktioniert, wenn Bildschirm und Controller fehlen. Critical Bow waren während der Gamescom gleich mehrfach mit ihrem Programm „Spielemusik live“ vertreten.

Zwei Celli, große Gefühle: Critical Bow
Dass großartige Videospielmusik keine riesigen Orchester braucht, bewies das Duo Critical Bow bei seinem Auftritt auf der Gamescom 2026 in Köln. Mit lediglich zwei Celli brachten die Musiker bekannte Melodien aus der Welt der Games auf die Bühne und sorgten damit für einen wunderbaren Kontrast zum lauten Messetrubel.


Critical Bow haben sich auf Musik aus Videospielen und Anime spezialisiert und arrangieren viele ihrer Stücke selbst. Dabei zeigten sie eindrucksvoll, wie viel Emotion in Game Music steckt. Melodien aus Spielewelten wie The Witcher, Skyrim, Baldur’s Gate oder Genshin Impact bekommen durch die beiden Celli einen ganz eigenen Charakter – mal kraftvoll und dramatisch, mal ruhig und melancholisch.


Gerade auf der Gamescom passt das hervorragend. Denn Videospielmusik ist längst ein eigenständiger Teil unserer Musikkultur geworden. Critical Bow machten diese Musik nicht nur hörbar, sondern auf der Bühne unmittelbar erlebbar. Ein schöner Auftritt und für mich einer dieser kleinen Gamescom-Momente, bei denen man gerne stehen bleibt und einfach zuhört. Hier ein Stück als VR 360

8-Bit unter Strom: Vault Kid bringt den Game Boy auf die Gamescom-Bühne
Was andere zum Spielen benutzen, macht Vault Kid zum Musikinstrument. Bei seinem Auftritt auf der Gamescom 2026 verwandelte der Chiptune-Musiker die Retro & Family Area in Halle 10.2 in einen kleinen elektronischen Club.
Vault Kid verbindet die charakteristischen 8-Bit-Klänge alter Spielkonsolen mit moderner elektronischer Dance Music. Bekannt wurde er mit Musik, die er auf modifizierten Game Boys produziert – eine wunderbare Verbindung von Retro-Gaming und Clubkultur. Zu seinen Arbeiten gehört auch „Thousand Little Voices“, das für die virtuelle Miku Expo 2021 entstand.
Für mich ist Vault Kid inzwischen fast schon ein alter Bekannter der Gamescom: Bereits 2019 hatte mich sein ungewöhnlicher Game-Boy-Sound begeistert. Auch 2026 zeigt sich wieder, was Chiptune so faszinierend macht: Aus den vermeintlich primitiven Klängen alter Gaming-Hardware entsteht energiegeladene elektronische Musik. Der Game Boy ist eben nicht nur eine Spielkonsole – in den richtigen Händen wird er zum Musikinstrument.

Und vielleicht ist Musik sogar eines der stärksten Bindeglieder zwischen den verschiedenen Generationen von Gamern. Grafik altert, Hardware verschwindet und aus technischen Sensationen werden irgendwann Museumsstücke. Eine gute Melodie dagegen kann Jahrzehnte überstehen. Manchmal reichen nur ein paar Töne und ich weiß sofort wieder, welches Spiel ich vor vielen Jahren gespielt habe. Hier ein Auftritt in Köln:

Genau diese Mischung machte für mich den musikalischen Reiz der Gamescom 2026 aus: Die Gamescom ist eben nicht nur eine Messe, die man spielt und sieht. Man kann sie auch hören.

Commodore ist wieder da: Zwischen C64-Nostalgie, Cyberpunk und einem Telefon gegen den digitalen Wahnsinn

4. September 2026

Für Menschen meiner Generation ist der Name Commodore weit mehr als eine alte Computermarke. Commodore steht für den Einstieg in die digitale Welt, für BASIC-Programme, Disketten, Joysticks und lange Nächte vor dem Bildschirm. Der C64 war für Millionen Menschen der erste eigene Computer. Später zeigte der Amiga eindrucksvoll, was Grafik, Sound und Multitasking auf einem Heimcomputer leisten konnten. Dann verschwand Commodore Mitte der neunziger Jahre – und mit dem Unternehmen scheinbar auch eine ganze Ära. Umso bemerkenswerter war für mich das Bild auf der Gamescom 2026 in Köln: Commodore ist wieder da. Nicht nur als nostalgische Erinnerung in der Retro-Ecke, sondern mit einem eigenen Auftritt und mit dem Anspruch, aus der großen Vergangenheit der Marke etwas Neues entstehen zu lassen.

Natürlich spielt der C64 dabei weiterhin eine entscheidende Rolle. Moderne Neuinterpretationen der klassischen Hardware verbinden das alte Spielgefühl mit zeitgemäßer Technik. Doch besonders zwei Produkte haben meine Aufmerksamkeit geweckt, weil sie zeigen, wie unterschiedlich die neue Marke Commodore ihre Zukunft interpretiert: der Commodore 77 und das Commodore Callback 8020, ein neues Klapptelefon.

Der Commodore 77 dürfte dabei eines der ungewöhnlichsten Retro-Produkte der Gamescom 2026 sein. Commodore hat sich dafür mit CD Projekt Red zusammengetan und den C64 in die Welt von „Cyberpunk 2077“ geschickt. Schon der Name ist ein schöner kleiner Gag: Aus dem Commodore 64 wird der Commodore 77. Technisch basiert das Gerät auf der modernen FPGA-Umsetzung des C64 Ultimate, optisch sieht es jedoch aus, als hätte jemand einen Heimcomputer aus den achtziger Jahren in eine Zeitmaschine gesteckt und ihn anschließend irgendwo in Night City wiedergefunden.

Das typische Gelb von „Cyberpunk 2077“, spezielle Tasten, grafische Elemente und eine auffällige Beleuchtung geben dem Rechner einen vollkommen neuen Charakter. Gleichzeitig bleibt er im Kern ein Commodore. Klassische Software und Peripherie treffen auf moderne Anschlüsse und Funktionen wie HDMI, USB, WLAN und Bluetooth. Damit schlägt das Gerät genau jene Brücke, die für mich beim neuen Commodore entscheidend sein könnte: Die Vergangenheit wird nicht einfach kopiert, sondern mit der Gegenwart verbunden.

Besonders sympathisch finde ich, dass bei der Zusammenarbeit nicht einfach nur ein „Cyberpunk 2077“-Logo auf ein vorhandenes Gehäuse geklebt wurde. Zum Commodore 77 gehört auch eine eigens entwickelte 8-Bit-Demo im Cyberpunk-Universum. Damit treffen zwei Welten aufeinander, die eigentlich Jahrzehnte auseinanderliegen: auf der einen Seite der C64 als Symbol der Heimcomputerrevolution der achtziger Jahre, auf der anderen Seite eine moderne, gigantische Spielwelt wie „Cyberpunk 2077“. Und plötzlich läuft Night City zumindest in einer eigens geschaffenen Form auf einer Architektur, deren Wurzeln mehr als vier Jahrzehnte zurückreichen. Genau solche ein wenig verrückten Ideen braucht eine wiederbelebte Marke wie Commodore.

Fast noch spannender finde ich allerdings das Commodore Callback 8020. Ein neues Commodore-Telefon im Jahr 2026 klingt zunächst nach einer klassischen Lizenzidee: Man nimmt irgendein Smartphone, klebt ein berühmtes Logo darauf und hofft, dass die Nostalgie den Rest erledigt. Doch genau das soll beim Callback nicht passieren. Commodore betont, dass für das Gerät eigene Hardware und ein eigenes Gehäuse entwickelt wurden. Noch interessanter als die Technik ist jedoch die Philosophie dahinter.

Das Callback 8020 will nämlich bewusst kein gewöhnliches Smartphone sein. Es ist ein Klapphandy und erinnert damit schon äußerlich an die Mobiltelefone der späten neunziger und frühen 2000er Jahre. Aufklappen, telefonieren, zuklappen – allein diese Bewegung stammt aus einer Zeit, bevor wir permanent auf große Glasflächen blickten und jede freie Sekunde mit irgendwelchen Apps füllten. Hinter dieser Retro-Optik steckt allerdings ein ausgesprochen aktuelles Thema: digitaler Minimalismus.

Commodore will mit dem Callback bewusst Grenzen setzen. Soziale Netzwerke sollen auf Systemebene blockiert werden. Kein endloses Scrollen, keine permanente Jagd nach dem nächsten Beitrag, keine ununterbrochene Flut aus Benachrichtigungen. Gleichzeitig soll das Gerät moderne Kommunikationsmöglichkeiten nicht grundsätzlich verweigern. Ausgewählte Android-Anwendungen und Messenger können weiterhin genutzt werden. Das Telefon bewegt sich damit irgendwo zwischen Smartphone und Dumbphone.

Ich finde diesen Gedanken ausgesprochen interessant. Jahrelang bestand der Fortschritt beim Smartphone darin, immer mehr Funktionen in ein einziges Gerät zu packen: bessere Kameras, schnellere Prozessoren, größere Displays, mehr Apps, mehr Dienste und noch mehr Benachrichtigungen. Heute tragen wir Computer in der Hosentasche, deren Leistung alles übersteigt, was wir uns zu Zeiten des C64 hätten vorstellen können. Aber vielleicht haben wir einen Punkt erreicht, an dem technischer Luxus auch darin bestehen kann, bewusst weniger zu können – oder zumindest weniger zu müssen.

Ausgerechnet Commodore könnte mit dieser Idee einen Nerv treffen. Die Marke stand in ihrer großen Zeit dafür, Computertechnik für normale Menschen zugänglich zu machen. Jetzt könnte sie versuchen, Technik wieder überschaubarer zu machen. Statt zu fragen, welche Funktion man einem Smartphone noch hinzufügen kann, lautet die Frage plötzlich: Was können wir weglassen, damit uns das Gerät weniger beherrscht?

Natürlich muss sich erst zeigen, wie gut das Callback 8020 in der Praxis funktioniert. Auf der Gamescom war klar, dass das Projekt noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Gerade die Software muss am Ende beweisen, ob das Konzept tatsächlich aufgeht. Aber allein die Idee gefällt mir. Commodore versucht nicht, ein weiteres gewöhnliches Smartphone gegen Apple, Samsung und Google ins Rennen zu schicken. Das wäre vermutlich ein aussichtsloser Kampf. Stattdessen sucht sich die Marke eine Nische und verbindet Retro-Design mit einer sehr aktuellen Diskussion über unseren Umgang mit digitaler Technik.

Genau hier entscheidet sich für mich auch die Zukunft von Commodore. Natürlich kann man mit diesem Namen hervorragend Nostalgie verkaufen. Der Commodore 64 besitzt einen enormen emotionalen Wert. Wer in den achtziger Jahren mit ihm aufgewachsen ist, erinnert sich an das blaue BASIC-Startbild, an Disketten, Datasette, Joysticks und die unverwechselbare Musik des SID-Chips. Viele von uns lernten auf diesen Maschinen nicht nur das Spielen, sondern machten ihre ersten Schritte beim Programmieren. Der Computer war keine versiegelte schwarze Kiste, sondern eine Einladung zum Experimentieren.

Doch Nostalgie allein wird auf Dauer nicht reichen. Commodore muss etwas mit seinem Erbe anfangen. Der Commodore 77 zeigt einen möglichen Weg. Die historische Technik und ihre Software werden ernst genommen und gleichzeitig mit einer modernen Popkulturmarke wie „Cyberpunk 2077“ verbunden. Das Callback 8020 geht noch einen Schritt weiter. Hier versucht Commodore nicht, einfach ein historisches Produkt wiederzubeleben, sondern eine alte Vorstellung von Technik in die Gegenwart zu übertragen: Ein Gerät soll dem Menschen dienen – und nicht der Mensch dem Gerät.

Genau deshalb fand ich den Commodore-Auftritt auf der Gamescom 2026 so interessant. Zwischen gigantischen Publisher-Ständen, High-End-PCs, Virtual Reality und Spielen mit beinahe fotorealistischer Grafik taucht plötzlich wieder dieser berühmte Commodore-Schriftzug auf. Für ältere Besucher ist das unweigerlich eine Zeitreise. Für jüngere Besucher dagegen könnte es die erste Begegnung mit einer Marke sein, die sie bislang vielleicht nur aus Retro-Videos oder den Erzählungen ihrer Eltern kennen.

Commodore sollte deshalb gar nicht versuchen, das Jahr 1985 zurückzubringen. Das funktioniert nicht und wäre auch langweilig. Viel interessanter ist die Frage, was von der damaligen Philosophie in unsere Zeit übertragen werden kann. Commodore faszinierte, weil diese Computer Menschen neugierig machten. Man konnte spielen, programmieren, Musik machen, Grafiken erstellen, Hardware erweitern und Dinge ausprobieren. Die Maschine wollte entdeckt werden.

Auf der Gamescom 2026 habe ich deshalb nicht einfach nur eine alte Computermarke gesehen, die wieder auf ihren historischen Namen setzt. Ich habe eine Marke erlebt, die offenbar noch herausfinden möchte, was Commodore im Jahr 2026 überhaupt bedeuten kann.

Der Commodore 77 gibt darauf eine wunderbar verspielte Antwort: Ein C64 darf nach mehr als vier Jahrzehnten plötzlich Cyberpunk sein.

Das Callback 8020 liefert dagegen eine wesentlich grundsätzlichere Idee: Fortschritt muss nicht zwangsläufig bedeuten, immer mehr Technik und immer mehr digitale Ablenkung in unser Leben zu holen. Manchmal könnte Fortschritt auch bedeuten, wieder etwas abzuschalten.

Ob daraus langfristig ein erfolgreiches neues Commodore entsteht, muss sich erst noch zeigen. Die Marke wird beweisen müssen, dass auf spannende Ideen und große Ankündigungen auch überzeugende Produkte folgen.

Aber eines hat der Auftritt auf der Gamescom 2026 bei mir bereits geschafft: Der Name Commodore fühlt sich plötzlich nicht mehr ausschließlich nach Vergangenheit an.

Wenn Pixel zu Musik werden: Chris Huelsbeck und der Soundtrack einer ganzen Gamer-Generation

3. September 2026

Manchmal reichen wenige Takte, und eine ganze Jugend ist wieder da. Der Commodore 64 vor dem Röhrenmonitor, der Amiga 500 auf dem Schreibtisch, Diskettenboxen daneben – und aus den Lautsprechern erklingt eine Melodie, die sich tiefer ins Gedächtnis eingebrannt hat als so mancher Popsong jener Zeit. Für viele Spieler tragen diese Erinnerungen einen Namen: Chris Huelsbeck.

Auf der Gamescom 2026 in Köln traf ich den legendären deutschen Spielekomponisten wieder einmal zu einem kurzen Gespräch. Für mich ist der Mann eine Legende. Und während sich wenige Hallen weiter die internationale Gamesbranche mit gigantischen LED-Wänden, neuen Blockbustern und aufwendigen Messeständen präsentiert, sitzt Huelsbeck dort, wo er sich sichtbar wohlfühlt: in der Retro-Area am Stand von Faktor 5. Hier geht es um C64 und Amiga, um Module und Disketten – und um die Menschen, die mit dieser Technik groß geworden sind.

Für Huelsbeck ist die Gamescom allerdings auch körperliche Arbeit. „Das schlaucht schon ganz schön, so diese fünf Tage“, gibt er zu. Gerade die Publikumstage seien lang und anstrengend. Trotzdem ist er da, spricht mit seinen Fans, signiert Platten, CDs und Spiele und lässt sich fotografieren. Ein wenig erinnert das tatsächlich an Hofhalten – nur ohne jede Starallüren.

„Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Fans noch kommen und sich an die guten alten Zeiten erinnern“, sagt Huelsbeck. Und 2026 gibt es für ihn einen besonderen Grund zum Feiern: „Ich feiere dieses Jahr mein 40-jähriges Jubiläum.“

Vier Jahrzehnte Chris Huelsbeck bedeuten zugleich vier Jahrzehnte Geschichte der Computerspielmusik. Seine Karriere begann Mitte der achtziger Jahre mit dem Commodore 64. Mit seinem Stück „Shades“ gewann er einen Musikwettbewerb der Computerzeitschrift 64’er – und aus dem talentierten Jugendlichen wurde ein professioneller Spielekomponist. Es folgten Soundtracks, die heute zum kulturellen Gedächtnis der C64- und Amiga-Generation gehören: „The Great Giana Sisters“, „Katakis“, „R-Type“, „Apidya“ und vor allem die „Turrican“-Reihe. Später arbeitete Huelsbeck auch an internationalen Produktionen wie der „Star Wars: Rogue Squadron“-Serie. Seine eigene Biografie nennt mehr als 80 Projekte; Datenbanken führen inzwischen mehr als 100 Spiele mit entsprechenden Credits.

Seine Bedeutung liegt jedoch nicht allein in der Zahl seiner Arbeiten. Huelsbeck gehört zu jener Generation von Komponisten, die bewiesen hat, dass Computerspielmusik mehr sein kann als akustische Begleitung für springende Figuren und explodierende Raumschiffe. Seine Melodien funktionierten innerhalb der technischen Grenzen von SID-Chip und Amiga-Soundhardware – und zugleich außerhalb der Spiele. Man konnte sie hören, ohne dabei einen Controller oder Joystick in der Hand zu halten.

Gerade „Turrican“ wurde dafür zum Paradebeispiel. Die Musik trug entscheidend zur Atmosphäre der Serie bei und entwickelte über Jahrzehnte ein bemerkenswertes Eigenleben. Huelsbecks später über Crowdfunding finanzierte „Turrican Soundtrack Anthology“-Projekt zeigte, wie stark die Bindung seiner Fans geblieben ist. Natürlich war ich auch mit dabei.

Wie groß seine Bedeutung für die Musikszene über Computerspiele hinaus geworden ist, zeigte sich spätestens 2008 in Köln. Bei „Symphonic Shades – Hülsbeck in Concert“ wurden seine Kompositionen vom WDR Rundfunkorchester und Chor aufgeführt. Das Konzert war vollständig seinem Werk gewidmet und wurde als erstes Computerspielmusikkonzert weltweit live im Radio übertragen. Beide Aufführungen waren ausverkauft. Der damalige Orchestermanager Winfried Fechner erklärte später sogar, der Erfolg von „Symphonic Shades“ habe den WDR darin bestärkt, weitere große Konzerte mit Computerspielmusik zu veranstalten. Damit steht Huelsbeck auch für einen entscheidenden Moment der Emanzipation von Game Music: Musik aus Computerspielen hatte endgültig den Weg vom Soundchip in den Konzertsaal gefunden.

Doch Huelsbeck lebt nicht ausschließlich von seiner Vergangenheit. Auf der Gamescom spricht er begeistert über „Kaboomania“ von Fancy Factory, ein neues Spiel, für das er wieder einen Soundtrack geschrieben hat. Das Retro-Spiel ist unter anderem für klassische Amiga-Systeme erschienen; Huelsbecks Musik wurde für die Amiga-Version von seinem langjährigen Weggefährten Fabian Del Priore ins ProTracker-MOD-Format übertragen. APC&TCP veröffentlichte im August 2026 sowohl die Box-Version als auch eine Soundtrack-CD.

Für Huelsbeck bedeutet das eine Rückkehr zu den Wurzeln. „Ich freue mich ja, dass ich eher wieder so bei Spielen mitmachen kann, wie sie damals gemacht wurden. Eher kleinere Produktionen“, erzählt er. Bei großen modernen Games sei die Arbeit inzwischen durchaus mit einer Filmproduktion vergleichbar. Musik werde professionell im Studio produziert, teilweise mit kompletten Orchestern aufgenommen. Früher dagegen habe man „wirklich gewerkelt mit den Soundchips“.

Und genau dieses Werkeln scheint ihm bis heute Freude zu bereiten. Bei einem Amiga-Projekt gehe es wieder darum, Instrumente und Samples in einen extrem begrenzten Speicher zu bekommen: „Das macht dann auch wieder Spaß.“

Dieser Satz erklärt vielleicht einen Teil von Huelsbecks anhaltender Bedeutung. Die technischen Einschränkungen der achtziger und frühen neunziger Jahre waren für ihn nicht nur Hindernisse. Sie wurden zum kreativen Werkzeug. Wenn Speicherplatz, Stimmenzahl und Rechenleistung knapp waren, musste eine Melodie umso stärker sein. Vielleicht haben gerade deshalb so viele seiner Themen Jahrzehnte überlebt.

Dabei verbindet Huelsbeck die alten und neuen Welten inzwischen ganz selbstverständlich. Für die Amiga-Produktion arbeitete er auch mit einem Emulator. Gleichzeitig reizt ihn weiterhin echte Retro-Hardware: „Es macht schon Spaß, da wieder auch rumzutüfteln auf den Dingern.“

Bemerkenswert ist auch die Renaissance physischer Musikmedien in seiner Fangemeinde. Während Streaming längst den Massenmarkt beherrscht, beobachtet Huelsbeck eine Gegenbewegung. „Ich produziere jetzt seit ein paar Jahren auch wieder CDs“, erzählt er. Eine Zeit lang habe er gedacht, dass sich CDs kaum noch lohnten. Inzwischen sei das anders: „Die Leute [sind] doch jetzt ein bisschen müde, da nur irgendwie zu streamen oder einen MP3 oder so. Die wollen dann auch wieder CDs in den Händen halten.“ Und nicht nur CDs. Auf meine Frage nach Vinyl kommt die Antwort ohne Zögern: „Mach ich auch, ja.“

Das passt perfekt zu seiner Fangemeinde. Wer mit C64, Amiga und Disketten aufgewachsen ist, hat häufig eine besondere Beziehung zum physischen Objekt behalten. Musik ist dann eben nicht nur eine Datei auf einem Server, sondern ein Album mit Cover, Booklet und Platte oder CD – etwas, das man sammeln, signieren lassen und ins Regal stellen kann.

Für sein 40-jähriges Jubiläum plant Huelsbeck deshalb erneut ein Kickstarter-Projekt. „Da wird es dann auch wieder CDs und Vinyl und alle möglichen Goodies geben“, kündigt er auf der Gamescom an. Crowdfunding ist für ihn längst kein Experiment mehr: Mehrere seiner Musikprojekte wurden erfolgreich auf diese Weise finanziert, darunter die „Turrican Soundtrack Anthology“ und orchestrale Projekte.

Dass diese Modelle funktionieren, zeigt auch, welchen Stellenwert Huelsbeck innerhalb der Gamer- und Game-Music-Szene besitzt. Er ist nicht einfach ein Komponist, dessen alte Stücke nostalgisch verklärt werden. Seine Fans finanzieren neue Einspielungen, kaufen physische Veröffentlichungen, besuchen Konzerte und stehen Jahrzehnte später auf der Gamescom für ein Autogramm an. Gleichzeitig veröffentlicht er weiterhin neue Musik und arbeitet an aktuellen Spielen. Noch 2025 war er beispielsweise an „Boulder Dash: 40th Anniversary“, „X-Out: Resurfaced“ und einer neuen Fassung von „R-Type Delta“ beteiligt.

Und wie erlebt er selbst den Starstatus auf der Gamescom? Erkennt man ihn auf den Gängen? „Ein bisschen“, sagt Huelsbeck beinahe bescheiden. „Aber ich bin auf jeden Fall immer zugänglich hier und gebe dann Autogramme und es macht Spaß, mit den Fans sich zu treffen.“

Von den gigantischen Präsentationen der großen Publisher hält er sich dagegen eher fern. Morgens habe er einen kurzen Abstecher in die großen Hallen gemacht, erzählt er. Doch wenn die Gamescom richtig voll wird, zieht es ihn zurück in die Retro-Area. „Das ist nicht so meine Welt“, sagt er über den großen Messetrubel.

Vielleicht ist genau das ein schönes Bild für Chris Huelsbeck im Jahr 2026. Draußen rast die Gamesindustrie mit Milliardenbudgets, fotorealistischer Grafik, riesigen Open Worlds und immer neuen Geschäftsmodellen in die Zukunft. Ein paar Hallen weiter sitzt ein Mann, der einst aus wenigen Kilobyte Speicher Musik herausholte, die Menschen vierzig Jahre später noch mitsummen können.

Chris Huelsbeck hat Computerspiele nicht nur vertont. Er hat einer Epoche ihren Klang gegeben. Und solange auf der Gamescom Menschen mit leuchtenden Augen vor ihm stehen, ihre alten Erinnerungen hervorholen und um eine Unterschrift bitten, wird deutlich: Manche Soundtracks enden eben nicht mit dem Game Over.

Retrobörse Rosenheim: Wo alte Spiele wieder Kindheit werden

27. April 2026

Das Groschengrab war in Rosenheim. Die Retrobörse für klassische Videospiele und natürlich war ich mit dabei.
Der Reiz von Retrobörsen für Videospiele liegt vor allem in der Mischung aus Nostalgie, Sammelleidenschaft und Gemeinschaft. Viele Besucher suchen dort nicht nur alte Spiele oder Konsolen, sondern Erinnerungen: das erste Game-Boy-Spiel, den Super Nintendo aus der Kindheit, ein bestimmtes Cover, einen Sound, ein Spielgefühl, das moderne Downloads kaum ersetzen können. Ich war auf der Suche nach Atari 2600- und PSP-Spielen.

Dazu kommt der Jagdtrieb. Auf Retrobörsen kann man stöbern, vergleichen, handeln und vielleicht genau das seltene Modul finden, das online entweder zu teuer ist oder nur auf Fotos existiert. Der physische Moment spielt eine große Rolle: Hülle in die Hand nehmen, Anleitung durchblättern, Zustand prüfen, mit Händlern sprechen. Die Preise in Rosenheim waren zivil bis exorbitant. Und ich stellte fest: Vieles hab ich schon im Archiv und bin stolz darauf.

Wichtig ist auch die Szene selbst. Retrobörsen sind Treffpunkte für Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilen – Sammler, Spieler, Technikbastler, Nostalgiker. Man tauscht Tipps aus, spricht über alte Konsolen, erfährt etwas über Reparaturen, Umbauten oder regionale Besonderheiten. Dadurch wird aus dem Einkauf ein Erlebnis.

Und schließlich haben alte Videospiele einen kulturellen Wert. Sie zeigen, wie sich Technik, Grafik, Design und Erzählweisen entwickelt haben. Eine Retrobörse ist deshalb auch ein kleines Stück Popkultur-Geschichte zum Anfassen. Hier ein paar Eindrücke von der Veranstaltung.

Ich habe auf der Retrobörse Rosenheim mit Andy Brenner gesprochen, dem Organisator der Veranstaltung. Brenner zeigte sich mit dem Verlauf sehr zufrieden: Nach seinem ersten Eindruck sei die Börse in diesem Jahr wohl die besucherstärkste Ausgabe der vergangenen Jahre in dieser Location gewesen. Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, sei der größte Andrang vor allem am Vormittag zu spüren gewesen. Nach 13 Uhr hätten viele Besucher ihre „große Beute“ bereits gemacht und seien zum Essen gegangen oder hätten die Börse verlassen. Gegen Ende kämen erfahrungsgemäß noch einmal einige Schnäppchenjäger.

Der Reiz von Retro-Games liegt für Brenner vor allem in der Erinnerung an frühere Zeiten. Viele Sammler verbänden mit den alten Spielen persönliche Erinnerungen an ihre Jugend. Früher habe man sich vieles nicht leisten können, heute könne man es kaufen – auch wenn es dann oft eher gesammelt als tatsächlich gespielt werde. Retro-Gaming sei eine eigene Szene mit sehr leidenschaftlichen Sammlern, von denen manche sogar komplette Spielesammlungen besitzen. Brenner selbst ist seit vielen Jahren in der Szene aktiv und organisiert die Börse bereits seit rund 15 Jahren. Anfangs habe er als Veranstalter noch die Gelegenheit genutzt, vorab nach besonderen Stücken zu suchen, inzwischen habe er die meisten Dinge, die er selbst haben wollte.

Sein persönlicher Einstieg in die Welt der Computer und Spiele war der Commodore 64, später folgten der Amiga, der PC und zahlreiche Konsolen wie PlayStation und Super Nintendo. Viele Geräte besitzt er bis heute, auch wenn sie inzwischen meist gut verstaut oder präsentiert im Regal stehen. Gespielt werde deutlich weniger als früher, weil im Alltag oft die Zeit fehle. Trotzdem gehe es für viele Sammler darum, die Originale zu besitzen. Gerade das Spielen auf echter Hardware, mit Originalmodul, Controller und Röhrenmonitor, sei ein besonderes Gefühl, das sich von moderner Emulation unterscheide.

Auch das Publikum der Retrobörse ist laut Brenner international geprägt. Neben vielen bayerischen Besuchern kämen regelmäßig zahlreiche Gäste aus Österreich nach Rosenheim. Die Börsen in Rosenheim und Wien seien eng miteinander verbunden, auch terminlich lägen sie weit genug auseinander. Brenner schätzt, dass das Publikum inzwischen fast zur Hälfte aus Deutschland und Österreich besteht.

Ein besonderes Herz hat Brenner für Pixelgrafik. Mit dem Wechsel zu frühen 3D-Grafiken, etwa beim Nintendo 64, habe er persönlich weniger anfangen können. Ihn faszinieren vor allem klassische, handgemachte Pixelanimationen, etwa bei Spielen wie Metal Slug auf dem Neo Geo. Moderne Spiele spiele er zwar auch gelegentlich, vor allem Rennspiele wegen der beeindruckenden Grafik, doch viele aktuelle Shooter und große 3D-Titel seien an ihm eher vorbeigegangen. Mobile Gaming spielte für ihn persönlich ebenfalls keine große Rolle. Zwar besitzt er Geräte wie Game Boy und Game Boy Advance, genutzt habe er sie aber kaum. Unterwegs habe er früher eher Musik gehört, gelesen oder Zeit mit Freunden verbracht.

VR sieht Brenner nicht als zentrales Thema des Retro-Gamings. Er habe Virtual Reality zwar ausprobiert, etwa mit der PlayStation, vertrage es aber selbst nicht besonders gut und bekomme davon Kopfschmerzen. Die technischen Möglichkeiten seien zwar spannend, für ihn persönlich habe VR jedoch wenig mit Retro-Gaming zu tun. Kritisch sieht er die teils stark gestiegenen Preise in der Sammlerszene. Manche Spiele in gutem Zustand oder mit Originalverpackung seien inzwischen extrem teuer. Für ihn selbst kämen solche Preise nicht infrage, aber es gebe Sammler, die bereit seien, für fehlende Stücke in ihrer Sammlung hohe Summen auszugeben. Letztlich regelten Angebot und Nachfrage den Markt.

Neben Spielen und Konsolen spielen für Brenner auch Magazine und gedruckte Hefte eine wichtige Rolle. Gerade das Blättern, die Haptik und das Gefühl eines echten Magazins seien durch digitale Medien nicht zu ersetzen. Aus der großen deutschsprachigen Facebook-Gruppe „Amiga Germany“ sei deshalb ein eigenes Magazin entstanden, das inzwischen seit mehreren Jahren erscheint. Die Auflage sei regelmäßig ausverkauft, mit rund 700 Abonnenten. Besonders in der Amiga-Szene gebe es dafür eine treue Zielgruppe.

Als persönliches Lieblingsspiel nennt Brenner ohne Zögern OutRun. Schon in den 1980er-Jahren habe er das Spiel in der Spielhalle gespielt, unter anderem in Italien. Auch später auf der Xbox sei OutRun für ihn eines der meistgespielten Spiele geblieben. Die Retrobörse Rosenheim soll auch 2027 wieder stattfinden. Einen genauen Termin gibt es laut Brenner noch nicht, da Überschneidungen mit anderen Veranstaltungen geprüft werden müssen. Informationen dazu sollen rechtzeitig über die Facebook-Seite der Retrobörse bekanntgegeben werden.