Posts Tagged ‘CD’

Wenn Pixel zu Musik werden: Chris Huelsbeck und der Soundtrack einer ganzen Gamer-Generation

3. September 2026

Manchmal reichen wenige Takte, und eine ganze Jugend ist wieder da. Der Commodore 64 vor dem Röhrenmonitor, der Amiga 500 auf dem Schreibtisch, Diskettenboxen daneben – und aus den Lautsprechern erklingt eine Melodie, die sich tiefer ins Gedächtnis eingebrannt hat als so mancher Popsong jener Zeit. Für viele Spieler tragen diese Erinnerungen einen Namen: Chris Huelsbeck.

Auf der Gamescom 2026 in Köln traf ich den legendären deutschen Spielekomponisten wieder einmal zu einem kurzen Gespräch. Für mich ist der Mann eine Legende. Und während sich wenige Hallen weiter die internationale Gamesbranche mit gigantischen LED-Wänden, neuen Blockbustern und aufwendigen Messeständen präsentiert, sitzt Huelsbeck dort, wo er sich sichtbar wohlfühlt: in der Retro-Area am Stand von Faktor 5. Hier geht es um C64 und Amiga, um Module und Disketten – und um die Menschen, die mit dieser Technik groß geworden sind.

Für Huelsbeck ist die Gamescom allerdings auch körperliche Arbeit. „Das schlaucht schon ganz schön, so diese fünf Tage“, gibt er zu. Gerade die Publikumstage seien lang und anstrengend. Trotzdem ist er da, spricht mit seinen Fans, signiert Platten, CDs und Spiele und lässt sich fotografieren. Ein wenig erinnert das tatsächlich an Hofhalten – nur ohne jede Starallüren.

„Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Fans noch kommen und sich an die guten alten Zeiten erinnern“, sagt Huelsbeck. Und 2026 gibt es für ihn einen besonderen Grund zum Feiern: „Ich feiere dieses Jahr mein 40-jähriges Jubiläum.“

Vier Jahrzehnte Chris Huelsbeck bedeuten zugleich vier Jahrzehnte Geschichte der Computerspielmusik. Seine Karriere begann Mitte der achtziger Jahre mit dem Commodore 64. Mit seinem Stück „Shades“ gewann er einen Musikwettbewerb der Computerzeitschrift 64’er – und aus dem talentierten Jugendlichen wurde ein professioneller Spielekomponist. Es folgten Soundtracks, die heute zum kulturellen Gedächtnis der C64- und Amiga-Generation gehören: „The Great Giana Sisters“, „Katakis“, „R-Type“, „Apidya“ und vor allem die „Turrican“-Reihe. Später arbeitete Huelsbeck auch an internationalen Produktionen wie der „Star Wars: Rogue Squadron“-Serie. Seine eigene Biografie nennt mehr als 80 Projekte; Datenbanken führen inzwischen mehr als 100 Spiele mit entsprechenden Credits.

Seine Bedeutung liegt jedoch nicht allein in der Zahl seiner Arbeiten. Huelsbeck gehört zu jener Generation von Komponisten, die bewiesen hat, dass Computerspielmusik mehr sein kann als akustische Begleitung für springende Figuren und explodierende Raumschiffe. Seine Melodien funktionierten innerhalb der technischen Grenzen von SID-Chip und Amiga-Soundhardware – und zugleich außerhalb der Spiele. Man konnte sie hören, ohne dabei einen Controller oder Joystick in der Hand zu halten.

Gerade „Turrican“ wurde dafür zum Paradebeispiel. Die Musik trug entscheidend zur Atmosphäre der Serie bei und entwickelte über Jahrzehnte ein bemerkenswertes Eigenleben. Huelsbecks später über Crowdfunding finanzierte „Turrican Soundtrack Anthology“-Projekt zeigte, wie stark die Bindung seiner Fans geblieben ist. Natürlich war ich auch mit dabei.

Wie groß seine Bedeutung für die Musikszene über Computerspiele hinaus geworden ist, zeigte sich spätestens 2008 in Köln. Bei „Symphonic Shades – Hülsbeck in Concert“ wurden seine Kompositionen vom WDR Rundfunkorchester und Chor aufgeführt. Das Konzert war vollständig seinem Werk gewidmet und wurde als erstes Computerspielmusikkonzert weltweit live im Radio übertragen. Beide Aufführungen waren ausverkauft. Der damalige Orchestermanager Winfried Fechner erklärte später sogar, der Erfolg von „Symphonic Shades“ habe den WDR darin bestärkt, weitere große Konzerte mit Computerspielmusik zu veranstalten. Damit steht Huelsbeck auch für einen entscheidenden Moment der Emanzipation von Game Music: Musik aus Computerspielen hatte endgültig den Weg vom Soundchip in den Konzertsaal gefunden.

Doch Huelsbeck lebt nicht ausschließlich von seiner Vergangenheit. Auf der Gamescom spricht er begeistert über „Kaboomania“ von Fancy Factory, ein neues Spiel, für das er wieder einen Soundtrack geschrieben hat. Das Retro-Spiel ist unter anderem für klassische Amiga-Systeme erschienen; Huelsbecks Musik wurde für die Amiga-Version von seinem langjährigen Weggefährten Fabian Del Priore ins ProTracker-MOD-Format übertragen. APC&TCP veröffentlichte im August 2026 sowohl die Box-Version als auch eine Soundtrack-CD.

Für Huelsbeck bedeutet das eine Rückkehr zu den Wurzeln. „Ich freue mich ja, dass ich eher wieder so bei Spielen mitmachen kann, wie sie damals gemacht wurden. Eher kleinere Produktionen“, erzählt er. Bei großen modernen Games sei die Arbeit inzwischen durchaus mit einer Filmproduktion vergleichbar. Musik werde professionell im Studio produziert, teilweise mit kompletten Orchestern aufgenommen. Früher dagegen habe man „wirklich gewerkelt mit den Soundchips“.

Und genau dieses Werkeln scheint ihm bis heute Freude zu bereiten. Bei einem Amiga-Projekt gehe es wieder darum, Instrumente und Samples in einen extrem begrenzten Speicher zu bekommen: „Das macht dann auch wieder Spaß.“

Dieser Satz erklärt vielleicht einen Teil von Huelsbecks anhaltender Bedeutung. Die technischen Einschränkungen der achtziger und frühen neunziger Jahre waren für ihn nicht nur Hindernisse. Sie wurden zum kreativen Werkzeug. Wenn Speicherplatz, Stimmenzahl und Rechenleistung knapp waren, musste eine Melodie umso stärker sein. Vielleicht haben gerade deshalb so viele seiner Themen Jahrzehnte überlebt.

Dabei verbindet Huelsbeck die alten und neuen Welten inzwischen ganz selbstverständlich. Für die Amiga-Produktion arbeitete er auch mit einem Emulator. Gleichzeitig reizt ihn weiterhin echte Retro-Hardware: „Es macht schon Spaß, da wieder auch rumzutüfteln auf den Dingern.“

Bemerkenswert ist auch die Renaissance physischer Musikmedien in seiner Fangemeinde. Während Streaming längst den Massenmarkt beherrscht, beobachtet Huelsbeck eine Gegenbewegung. „Ich produziere jetzt seit ein paar Jahren auch wieder CDs“, erzählt er. Eine Zeit lang habe er gedacht, dass sich CDs kaum noch lohnten. Inzwischen sei das anders: „Die Leute [sind] doch jetzt ein bisschen müde, da nur irgendwie zu streamen oder einen MP3 oder so. Die wollen dann auch wieder CDs in den Händen halten.“ Und nicht nur CDs. Auf meine Frage nach Vinyl kommt die Antwort ohne Zögern: „Mach ich auch, ja.“

Das passt perfekt zu seiner Fangemeinde. Wer mit C64, Amiga und Disketten aufgewachsen ist, hat häufig eine besondere Beziehung zum physischen Objekt behalten. Musik ist dann eben nicht nur eine Datei auf einem Server, sondern ein Album mit Cover, Booklet und Platte oder CD – etwas, das man sammeln, signieren lassen und ins Regal stellen kann.

Für sein 40-jähriges Jubiläum plant Huelsbeck deshalb erneut ein Kickstarter-Projekt. „Da wird es dann auch wieder CDs und Vinyl und alle möglichen Goodies geben“, kündigt er auf der Gamescom an. Crowdfunding ist für ihn längst kein Experiment mehr: Mehrere seiner Musikprojekte wurden erfolgreich auf diese Weise finanziert, darunter die „Turrican Soundtrack Anthology“ und orchestrale Projekte.

Dass diese Modelle funktionieren, zeigt auch, welchen Stellenwert Huelsbeck innerhalb der Gamer- und Game-Music-Szene besitzt. Er ist nicht einfach ein Komponist, dessen alte Stücke nostalgisch verklärt werden. Seine Fans finanzieren neue Einspielungen, kaufen physische Veröffentlichungen, besuchen Konzerte und stehen Jahrzehnte später auf der Gamescom für ein Autogramm an. Gleichzeitig veröffentlicht er weiterhin neue Musik und arbeitet an aktuellen Spielen. Noch 2025 war er beispielsweise an „Boulder Dash: 40th Anniversary“, „X-Out: Resurfaced“ und einer neuen Fassung von „R-Type Delta“ beteiligt.

Und wie erlebt er selbst den Starstatus auf der Gamescom? Erkennt man ihn auf den Gängen? „Ein bisschen“, sagt Huelsbeck beinahe bescheiden. „Aber ich bin auf jeden Fall immer zugänglich hier und gebe dann Autogramme und es macht Spaß, mit den Fans sich zu treffen.“

Von den gigantischen Präsentationen der großen Publisher hält er sich dagegen eher fern. Morgens habe er einen kurzen Abstecher in die großen Hallen gemacht, erzählt er. Doch wenn die Gamescom richtig voll wird, zieht es ihn zurück in die Retro-Area. „Das ist nicht so meine Welt“, sagt er über den großen Messetrubel.

Vielleicht ist genau das ein schönes Bild für Chris Huelsbeck im Jahr 2026. Draußen rast die Gamesindustrie mit Milliardenbudgets, fotorealistischer Grafik, riesigen Open Worlds und immer neuen Geschäftsmodellen in die Zukunft. Ein paar Hallen weiter sitzt ein Mann, der einst aus wenigen Kilobyte Speicher Musik herausholte, die Menschen vierzig Jahre später noch mitsummen können.

Chris Huelsbeck hat Computerspiele nicht nur vertont. Er hat einer Epoche ihren Klang gegeben. Und solange auf der Gamescom Menschen mit leuchtenden Augen vor ihm stehen, ihre alten Erinnerungen hervorholen und um eine Unterschrift bitten, wird deutlich: Manche Soundtracks enden eben nicht mit dem Game Over.

Meine Vinyl-Käufe im August

30. August 2026

Discipline von King Crimson

Als King Crimson 1981 mit Discipline zurückkehrten, war schnell klar: Das hier sollte keine nostalgische Wiederbelebung der großen Progressive-Rock-Jahre werden. Robert Fripp hatte King Crimson Mitte der Siebziger eigentlich beendet. Mit Adrian Belew, Tony Levin und Bill Bruford entstand nun eine Formation, die zwar den alten Namen trug, musikalisch aber fast wie eine völlig neue Band klang. Discipline ist deshalb weniger Comeback als Neugründung.

Das Faszinierende an diesem Album ist seine kontrollierte Nervosität. Fripp und Belew spielen Gitarrenlinien, die sich ineinander verschieben, kreuzen und wieder voneinander entfernen. Dazu liefert Tony Levin mit Bass und Chapman Stick ein gewaltiges rhythmisches Fundament, während Bill Bruford sein Schlagzeugspiel von vielen Rockkonventionen befreit. Hier geht es nicht um das klassische Schema von Gitarre, Bass und Schlagzeug, sondern um vier Musiker, die wie Zahnräder einer hochpräzisen, gelegentlich außer Kontrolle geratenen Maschine ineinandergreifen.

Schon „Elephant Talk“ ist eine Kampfansage. Belews Stimme, seine absurden Gitarrengeräusche und Levins Stick erzeugen einen Sound, der gleichzeitig Funk, New Wave, Art Rock und Avantgarde ist. Das Stück wirkt verspielt und humorvoll – Eigenschaften, die man mit den früheren King Crimson nicht unbedingt zuerst verbunden hätte.

Noch stärker ist „Frame by Frame“. Die ineinandergreifenden Gitarrenfiguren entwickeln einen hypnotischen Sog. Hier zeigt sich das eigentliche Prinzip von Discipline: Komplexität wird nicht demonstrativ ausgestellt, sondern in Bewegung verwandelt. Man muss die komplizierten Taktstrukturen nicht verstehen, um ihre Wirkung zu spüren.

Mit „Matte Kudasai“ erlaubt sich das Album einen Moment von beinahe schwebender Schönheit. Belews Gitarrenspiel klingt stellenweise wie der Ruf eines Vogels, während seine Stimme eine melancholische Ruhe verbreitet. Gerade dieser Kontrast macht deutlich, dass King Crimson 1981 weit mehr konnten als mathematisch anmutende Rhythmuskunst.

„Indiscipline“ ist dagegen pure kontrollierte Eskalation. Brufords Schlagzeugspiel scheint das Stück permanent auseinanderzureißen, während Belew zunehmend besessen seinen Text vorträgt. Sein wiederholtes „I like it!“ könnte fast als Kommentar zum gesamten Album verstanden werden. Das Stück klingt auch Jahrzehnte später gefährlich und unberechenbar.

Auf der zweiten Seite wird die Musik noch konsequenter. „Thela Hun Ginjeet“ verbindet einen nervösen Funk-Groove mit Belews beinahe dokumentarischer Erzählung einer bedrohlichen Begegnung auf der Straße. „The Sheltering Sky“ nimmt sich dagegen Zeit und entwickelt aus wenigen Elementen eine geheimnisvolle Atmosphäre. Das abschließende „Discipline“ schließlich bringt die ästhetische Idee des Albums auf den Punkt: Zwei Gitarren verweben unterschiedliche rhythmische Muster zu einer Musik, die gleichzeitig streng konstruiert und erstaunlich lebendig wirkt.

Bemerkenswert ist, wie wenig Discipline nach einem typischen Progressive-Rock-Album der frühen Achtziger klingt. King Crimson versuchten nicht, die Siebziger mit moderner Produktion fortzusetzen. Stattdessen nahmen sie Einflüsse von New Wave, Minimal Music, Funk und afrikanischen Rhythmuskonzepten auf und entwickelten daraus ihre eigene Sprache. Man hört stellenweise die musikalische Gegenwart von 1981 – und trotzdem klingt das Album bis heute eigenständig.

Discipline verlangt allerdings Aufmerksamkeit. Wer sich zurücklehnen und klassische Prog-Epen mit ausladenden Soli hören möchte, bekommt etwas völlig anderes. Die Musik ist kantig, repetitiv, intellektuell und manchmal geradezu anstrengend. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Mit jedem Durchlauf lassen sich neue rhythmische Verschiebungen, kleine Gitarrendetails und Wechselwirkungen zwischen den vier Musikern entdecken.

Für mich gehört Discipline zu den großen Neuerfindungen der Rockgeschichte. King Crimson bewiesen damit, dass eine etablierte Band ihre Vergangenheit nicht kopieren muss, um relevant zu bleiben. Statt In the Court of the Crimson King neu aufzulegen, erfanden Fripp, Belew, Levin und Bruford einen Sound für eine andere Zeit. Das Ergebnis ist kühl und emotional, mathematisch und verspielt, diszipliniert und vollkommen verrückt zugleich.

The Beach Boys – „Surfin’ Safari“ (1962)

Mit „Surfin’ Safari“ beginnt 1962 die Albumgeschichte der The Beach Boys – und rückblickend hört man hier eine Band, die ihre spätere Größe noch nicht erreicht hat, aber bereits ziemlich genau weiß, welches Lebensgefühl sie verkaufen möchte: Sonne, Strand, Surfbretter, Mädchen und kalifornische Freiheit.

Das Debüt erschien im Oktober 1962 bei Capitol Records. Brian Wilson, Mike Love, Carl Wilson, Dennis Wilson und David Marks präsentieren darauf einen Sound, der noch deutlich rauer und einfacher ist als die ausgefeilten Produktionen, für die die Beach Boys nur wenige Jahre später berühmt werden sollten. Gerade darin liegt heute ein großer Teil des Charmes von „Surfin’ Safari“.

Der Titelsong ist natürlich das Herzstück. „Surfin’ Safari“ besitzt bereits fast alles, was den frühen Beach-Boys-Sound ausmacht: den mehrstimmigen Gesang, eine unmittelbar einprägsame Melodie, treibenden Rhythmus und dieses beinahe naive Versprechen eines endlosen kalifornischen Sommers. Mit „409“ kommt ein weiteres Thema hinzu, das die nächsten Jahre prägen sollte: schnelle Autos. Strand, Mädchen und Hot Rods wurden zu den zentralen Bestandteilen der frühen Beach-Boys-Mythologie.

Doch als geschlossenes Album ist „Surfin’ Safari“ noch weit von späteren Meisterwerken entfernt. Neben starken Momenten stehen einige Stücke, die eher wie Füllmaterial wirken. Songs wie „County Fair“, „Ten Little Indians“ oder „Cuckoo Clock“ haben historischen Charme, zeigen aber auch, dass Brian Wilson als Komponist noch auf der Suche nach seiner eigenen Sprache war. Dazu kommen Coverversionen und Instrumentals, die das Album stärker als Produkt seiner Zeit erscheinen lassen.

Gerade deshalb ist es faszinierend, Brian Wilson hier zuzuhören. Die harmonische Raffinesse von „The Warmth of the Sun“, „Don’t Worry Baby“ oder „California Girls“ ist noch Zukunftsmusik, von der orchestralen Perfektion eines „Pet Sounds“ ganz zu schweigen. Aber erste Ansätze sind vorhanden. Wilson denkt bereits stärker in Harmonien und Gesangsarrangements als viele seiner Zeitgenossen. Noch fehlt ihm allerdings die künstlerische Kontrolle, die er sich in den folgenden Jahren erarbeiten sollte.

Auch klanglich darf man keine Wunder erwarten. Die Produktion ist vergleichsweise dünn und direkt. Gitarren, Schlagzeug und Stimmen stehen im Mittelpunkt. Wer von „Pet Sounds“ rückwärts zu diesem Debüt kommt, könnte geradezu erschrecken, wie konventionell manche Stücke wirken. Wer dagegen die Entwicklung der Beach Boys chronologisch verfolgt, erlebt etwas Spannendes: Man hört den Ausgangspunkt einer der bemerkenswertesten künstlerischen Entwicklungen der Popgeschichte.

Besonders interessant ist dabei der Gegensatz zwischen Oberfläche und dem, was später kommen sollte. 1962 präsentieren die Beach Boys eine scheinbar sorgenfreie Teenagerwelt. Nur wenige Jahre später wird Brian Wilson dieselbe Popmusik benutzen, um Einsamkeit, Unsicherheit, Sehnsucht und die Angst vor dem Erwachsenwerden auszudrücken. Auf „Surfin’ Safari“ ist davon erst wenig zu spüren. Hier scheint der Sommer tatsächlich noch ewig dauern zu können.

„Surfin’ Safari“ ist kein Meisterwerk und sicher nicht das Beach-Boys-Album, das ich einem Einsteiger als erstes empfehlen würde. Dafür gibt es zu viel Mittelmaß zwischen den Höhepunkten. Als historisches Dokument ist es jedoch ungemein reizvoll. Man hört eine junge Band am Anfang ihrer Karriere und einen gerade einmal 20-jährigen Brian Wilson, der noch nicht ahnt, wohin ihn seine musikalische Fantasie führen wird.
Dazu gab es noch die farbige Single Luau/Judy, auch kein Meisterwerk.

Come Back To The Valley – The Truffle Valley Boys

Mit Come Back To The Valley setzen The Truffle Valley Boys ihren konsequenten Weg fort, den ursprünglichen Bluegrass der 1940er- und 1950er-Jahre nicht nur zu zitieren, sondern ihn mit bemerkenswerter Hingabe wiederauferstehen zu lassen. Das italienische Quartett hat sich längst den Ruf erarbeitet, eine der authentischsten traditionellen Bluegrass-Bands Europas zu sein. Das neue Album bestätigt diesen Eindruck eindrucksvoll.

Schon die ersten Takte machen deutlich, dass hier keine nostalgische Kopie entstehen soll. Vielmehr vermitteln die Musiker das Gefühl, als wäre diese Aufnahme direkt aus einer längst verschwundenen Radiosendung der Nachkriegszeit erhalten geblieben. Die Produktion verzichtet bewusst auf moderne Effekte und übermäßige Klangbearbeitung. Stattdessen stehen Dynamik, Natürlichkeit und das Zusammenspiel der Musiker im Mittelpunkt – genau jene Qualitäten, die klassische Bluegrass-Aufnahmen einst auszeichneten. Die Band setzt erneut auf eine weitgehend analoge Herangehensweise und den charakteristischen One-Microphone-Stil, der auch ihre Live-Auftritte prägt.

Musikalisch bleibt sich die Gruppe treu. Matt Ringressis Mandoline und Gitarre führen sicher durch die Arrangements, während Germano Ciavones Banjo mit druckvollem, rhythmisch präzisem Spiel den Motor der Stücke bildet. Denny Rocchios Dobro verleiht vielen Songs eine warme, wehmütige Klangfarbe, während Emanuele Valentes unaufdringlicher, aber stets tragender Kontrabass das Fundament legt. Besonders beeindruckend ist das mehrstimmige Gesangsspiel. Die Harmonien wirken niemals geschniegelt oder geschniegelt-modern, sondern besitzen jene raue Natürlichkeit, die den frühen Aufnahmen von Bill Monroe, den Stanley Brothers oder Jimmy Martin ihren unverwechselbaren Charakter verlieh.

Inhaltlich konzentriert sich Come Back To The Valley erneut auf selten gespielte Perlen des klassischen Bluegrass und frühen Country. Statt ausschließlich bekannte Standards zu interpretieren, graben The Truffle Valley Boys tief im musikalischen Archiv und fördern Songs zutage, die selbst langjährige Bluegrass-Hörer teilweise erst durch diese Band kennenlernen. Gerade diese sorgfältige Auswahl macht den besonderen Reiz des Albums aus.

Der Titelsong “Come Back To The Valley”, ursprünglich von Carter Stanley, steht exemplarisch für das gesamte Konzept. Die Interpretation verzichtet auf jede Form moderner Dramatisierung. Stattdessen entfalten sich Melodie und Harmonie mit großer Selbstverständlichkeit, wodurch die emotionale Kraft des Songs besonders eindringlich wirkt. Auch bei ihren Konzerten zählt das Stück inzwischen zu den Höhepunkten des Programms.

Bemerkenswert ist außerdem, wie geschlossen das Album wirkt. Obwohl die einzelnen Titel aus unterschiedlichen Quellen und Epochen stammen, entsteht ein roter Faden. Die Band versteht es, traditionelle Bluegrass-, Honky-Tonk-, Gospel- und frühe Country-Einflüsse so miteinander zu verbinden, dass ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Dabei wird nie der Eindruck erweckt, historische Musik lediglich museal zu konservieren. Vielmehr wirkt jeder Titel lebendig, frisch und voller Spielfreude.

Gerade diese Authentizität unterscheidet The Truffle Valley Boys von vielen zeitgenössischen Bluegrass-Formationen. Während andere Bands das Genre modernisieren oder stilistisch erweitern, konzentrieren sich die Italiener vollständig auf die historische Klangästhetik. Das könnte manchen Hörern zunächst konservativ erscheinen. Tatsächlich entwickelt sich daraus jedoch die größte Stärke des Albums: Die Musiker versuchen nicht, die Vergangenheit neu zu interpretieren – sie lassen sie sprechen.

Come Back To The Valley richtet sich deshalb weniger an Hörer, die nach Innovation oder Crossover suchen. Wer dagegen klassischen Bluegrass in seiner ursprünglichsten Form schätzt oder entdecken möchte, erhält hier eine außergewöhnlich sorgfältig produzierte Aufnahme. Das Album beweist eindrucksvoll, dass musikalische Authentizität keineswegs altmodisch wirken muss. Im Gegenteil: Gerade die Reduktion auf das Wesentliche verleiht der Musik eine zeitlose Kraft.

Mit Come Back To The Valley liefern The Truffle Valley Boys eine Hommage an den klassischen Bluegrass, die weit über reine Nostalgie hinausgeht. Technische Perfektion steht nie im Vordergrund; entscheidend sind Gefühl, musikalische Ehrlichkeit und tiefes Stilverständnis. Genau deshalb zählt das Album zu den bemerkenswertesten traditionellen Bluegrass-Veröffentlichungen der letzten Jahre und unterstreicht eindrucksvoll die Sonderstellung der Band innerhalb der europäischen Szene. Das Album erschien 2026 als 10-Zoll-LP auf Tenbrooks Records.

Hackney Diamonds von The Rolling Stones

Nach 18 Jahren ohne neues Studioalbum mit eigenem Material schien die Frage berechtigt: Brauchen die Rolling Stones überhaupt noch ein weiteres Album? Hackney Diamonds liefert darauf eine überraschend klare Antwort: Ja – wenn es so viel Spielfreude, Energie und Selbstbewusstsein besitzt wie diese Platte.

Schon der Opener und die damalige Vorabsingle „Angry“ machen deutlich, dass Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood nicht in Nostalgie versinken wollen. Stattdessen präsentieren sie ein Album, das die klassische Stones-DNA mit einer modernen, druckvollen Produktion von Andrew Watt verbindet. Die Gitarren sind scharf konturiert, das Tempo hoch, Jaggers Gesang erstaunlich kraftvoll.

Dabei versucht Hackney Diamonds gar nicht erst, Klassiker wie Exile on Main St., Sticky Fingers oder Let It Bleed zu kopieren. Vielmehr greift die Band die unterschiedlichsten Facetten ihrer langen Karriere auf. Blues, Rock’n’Roll, Soul, Country und sogar tanzbare Grooves stehen selbstverständlich nebeneinander, ohne beliebig zu wirken. Gerade diese stilistische Vielfalt erinnert daran, weshalb die Rolling Stones über Jahrzehnte eine der wandlungsfähigsten Rockbands geblieben sind.

Zu den Höhepunkten gehört zweifellos „Sweet Sounds of Heaven“, das gemeinsam mit Lady Gaga aufgenommen wurde. Der fast siebenminütige Gospel-Rocker entwickelt eine Wucht, die an die großen Momente der Band in den frühen Siebzigern erinnert. Gaga tritt dabei nicht als prominenter Gast auf, sondern wird zum gleichberechtigten Gegenpart von Mick Jagger. Gemeinsam erzeugen beide eine Intensität, die weit über den üblichen Starbonus hinausgeht.

Ebenso überzeugend ist das aggressive „Bite My Head Off“, bei dem Paul McCartney am Bass zu hören ist. Der Song besitzt den rotzigen Biss, der den Stones in den letzten Jahrzehnten gelegentlich fehlte. Dem gegenüber stehen ruhige, melancholische Stücke wie „Depending on You“ oder „Dreamy Skies“, die beweisen, dass die Band auch im hohen Alter nicht ausschließlich auf Lautstärke setzt.

Eine besondere emotionale Bedeutung erhält das Album durch Charlie Watts. Der 2021 verstorbene Schlagzeuger ist auf zwei Titeln noch zu hören. Sein charakteristisch zurückhaltendes, swingendes Spiel verleiht diesen Songs eine zusätzliche Tiefe und macht Hackney Diamonds zugleich zu einem würdigen Abschied von einem der größten Schlagzeuger der Rockgeschichte.

Natürlich ist nicht jeder Titel ein Volltreffer. Einige Songs orientieren sich stark an bekannten Stones-Mustern, und gelegentlich wirkt die Produktion fast etwas zu geschniegelt. Gerade dieser moderne Hochglanzklang empfinde ich als Verlust der früheren Rauheit.

Dennoch überwiegt der positive Eindruck deutlich. Hackney Diamonds ist kein nostalgisches Alterswerk, sondern ein erstaunlich vitales Rockalbum. Die Rolling Stones klingen nicht wie eine Band, die lediglich ihr Denkmal verwaltet. Sie wirken hungrig, konzentriert und mit hörbarer Freude am gemeinsamen Musizieren.

Das vielleicht größte Kompliment lautet deshalb: Hackney Diamonds ist nicht deshalb bemerkenswert, weil die Musiker über 80 Jahre alt sind. Es ist bemerkenswert, weil es schlicht ein gutes Rolling-Stones-Album ist – das stärkste seit vielen Jahren und ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass große Rockmusik kein Verfallsdatum kennt. Viele Kritiker bewerteten es entsprechend als ihr bestes Studioalbum seit Jahrzehnten.

Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 von Tangerine Dream

Über fünf Jahrzehnte lag dieses Konzert nur als begehrtes Sammlerstück und inoffizielle Aufnahme vor. Mit Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 wird nun eines der eindrucksvollsten Dokumente der klassischen Tangerine-Dream-Ära erstmals offiziell veröffentlicht

Am 9. Februar 1976 gastierte Tangerine Dream im Paul-Emile-Janson-Auditorium in Brüssel. Die Band bestand zu dieser Zeit aus Edgar Froese, Christopher Franke und Peter Baumann – jener Besetzung, die von vielen Fans als kreative Hochphase der Berliner Elektronik-Pioniere angesehen wird. Das Konzert entstand während der Winter-Europatour, nur wenige Monate nach dem Erfolg des Albums Ricochet, und zeigt das Trio auf dem Höhepunkt seiner improvisatorischen Fähigkeiten.

Charakteristisch für den Auftritt sind ausgedehnte Klanglandschaften, hypnotische Sequencer-Läufe, mächtige Mellotron-Flächen und Edgar Froeses markante Gitarrenpassagen. Anstelle klassischer Songstrukturen entwickelt sich die Musik organisch über lange Zeiträume. Themen entstehen spontan, verändern sich kontinuierlich und münden in dichte, atmosphärische Klangwelten, die den unverwechselbaren Stil von Tangerine Dream in den 1970er Jahren eindrucksvoll dokumentieren.

Innerhalb der Bandgeschichte nimmt das Konzert eine besondere Stellung ein. Es markiert die Übergangsphase zwischen den eher schwebenden Klangwelten von Rubycon und der zunehmend rhythmisch geprägten Ausrichtung späterer Live-Auftritte. Gerade diese Mischung aus freier Improvisation und präzise eingesetzten elektronischen Sequenzen macht den Mitschnitt bis heute zu einem außergewöhnlichen Zeitdokument.

Über viele Jahre war das Brüsseler Konzert ausschließlich über Bootlegs und Fanveröffentlichungen bekannt. Teile der Aufnahme erschienen Anfang der 1990er Jahre auf dem inoffiziellen Album Danger Live, später veröffentlichte das Fanprojekt Tangerine Tree eine restaurierte Fassung. Erst 2026 erfolgte die offizielle Veröffentlichung auf CD und Doppel-LP. Damit steht einer breiteren Hörerschaft erstmals eine autorisierte Edition dieses historischen Konzerts zur Verfügung.

Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 zählt zu den bedeutendsten Archivveröffentlichungen von Tangerine Dream der vergangenen Jahre. Das Album dokumentiert eindrucksvoll die Kreativität, Spontaneität und klangliche Innovationskraft der klassischen Besetzung und vermittelt authentisch, warum die Live-Konzerte der Band Mitte der 1970er Jahre bis heute als Meilensteine der elektronischen Musik gelten.

Rückschau: Online-Seminar zum 81. Geburtstag von Bob Dylan

2. Juni 2022

Jedes Jahr feiere ich den Geburtstag eines meiner musikalischen Helden Bob Dylan. Dieses Jahr hatte ich an seinem 81. Geburtstag am 24. Mai eine besondere Ehre. Ich durfte zusammen mit meinem Kollegen Stefan Preis ein Online-Seminar zu Bob Dylan halten.

Bereit für Dylans Geburtstag – neben mir ein Stapel CDs.

Ich habe meinen Vortrag mit einer externen Kamera aufgezeichnet, damit es zu keinen Problemen wegen Persönlichkeitsrechte-Verletzungen kommen konnte. Auch neu war dieses Mal, dass ich keine Keynote-Präsentation erstellt habe, sondern nur mit ein paar Notizen bewaffnet meinen Vortrag hielt. Freies Reden war angesagt. Ich wollte mal schauen, ob ich das genauso kann und bei einem Thema wie Bob Dylan fühlte ich mich sicher (obwohl sich der eine oder andere kleine Fehler eingeschlichen hat).

Nach einer allgemeinen Einführung zum Thema Dylan mit entsprechender Würdigung und persönlicher Herangehensweise stellte ich das Werk des Meisters anhand seiner veröffentlichen Alben vor. Ich habe die meisten offiziellen Bob Dylan-Alben auf CD dabei und zeigte sie mit einer Dokumentenkamera dem Publikum. Das Switchen zwischen den Hauptkameras und der Dokumentenkamera erfolgte über das ATEM von Blackmagic.

Ich bewertete und bezog Stellung in dem Vortrag, ließ zumeist die Bootlegs aber weg. Zwar vorbereitet, aber aus Zeitgründen weggelassen habe ich Literatur wie die Autobiografie oder die Zeichnungen sowie die Sammelbände mit Songtexten. Eigentlich wollte ich als Schlussgag noch eine Flasche Whisky von Dylan öffnen und auf den Geburtstag vor laufender Kamera anstoßen, entschied mich aber am Ende doch dagegen.

Für einen Kunden darf ich immer wieder verschiedene Online-Seminare zur Populärkultur halten. Wer darüber informiert sein möchte, dem bitte ich, meinen kostenlosen E-Mail-Newsletter zu abonnieren.

Autogramm-Jagd auf John Williams und Anne-Sophie Mutter im Musikverein Wien

20. Januar 2020

Ein Traum geht in Erfüllung: John Williams, Anne-Anne Sophie Mutter und die Wiener Philharmoniker im Musikverein Wien.. Foto: Lange

Ein Traum geht in Erfüllung: John Williams, Anne-Anne Sophie Mutter und die Wiener Philharmoniker im Musikverein Wien.. Foto: Lange

Ja, ich verehre John Williams als den besten lebenden Filmkomponisten und ich wäre stolz, wenn ich ein Autogramm vom Meister bekommen würde. Ich weiß nicht warum, aber es würde mich stolz machen. Bei seinem Konzert in Wien hab ich vielleicht die Chance. Doch wie sollte ich das anstellen? Wie sollte ich sein Autogramm bekommen? Ich stand auf keiner Gästeliste, Meet and Greet-Karten gab es für mich auch nicht, was sollte ein einfacher Fan also machen? Ich habe meine Eindrücke in diesem Video zusammengefasst:

Auswahl an Scores – was nehme ich mit?
Im Vorfeld meiner Wien-Reise zum Konzert im Goldenen Saal des Musikvereins sichtete ich erst einmal meine Scores von John Williams, unter auch meine verschiedenen Star Wars-Ausgaben. Eine LP mitzunehmen schied aus Platzgründen aus, so blieben die gleich im Archiv. Also nur CDs hervorgesucht. Ich entschied mich für Jaws, Empire Strikes Back, Nixon und natürlich Across the Stars, falls mir Anne-Sophie Mutter über den Weg laufen sollte. Dazu einen Edding mit silberner Farbe zum Unterschreiben.

Warten vor dem Hotel Imperial
Wo ist Williams am besten anzutreffen? Aus Facebook wusste ich, dass er im Hotel Imperial nächtigt (wo er wahrscheinlich den Imperial March hört – Sparwitz). Das Hotel befindet sich genau gegenüber des Künstlereingangs des Musikvereins. Williams und Gefolge mussten nur durch die Türe des Hotels raus, die Straße überqueren und zur Türe des Musikvereins rein. Und da würde ich ihn abpassen. So war mein Plan.

Auf die Idee kamen rund 50 andere John Williams Fans übrigens auch. Also warteten wir geduldig vor dem Konzerthaus. In Wien begann es derweil zu schneien. Das Konzert begann um 15:30 Uhr. Ich war mit meiner Familie gegen 14 Uhr vor dem Musikverein und postierte mich strategisch. K2 stattete ich mit dem Stift und den Covers meiner Scores aus. Wenn Williams Autogramme gibt, dann eher meiner Tochter als mir alten Mann. Der Rest der Familie wartete mit ihren Smartphone auf den großen Moment.
Wir Fans brachten uns in Stimmung und in Stellung. Viele hatten schöne LP-Covers dabei. Ich habe seltene Star Wars-Aufnahmen gesehen. Es wurde in allen Sprachen gefachsimpelt und dabei die Tür des Imperial im Auge behalten. Immer wieder fuhren Taxis vor und die Musikerinnen und Musiker der Wiener Philharmoniker steigen aus und bahnten sich den Weg durch die wachsende Fanmenge in der ich auch ganz vorne stand.
Wenn sich die Tür des Hotel Imperial öffnete, dann ging ein Raunen durch die Menge. Ist er es? Aber es waren in der Regel nur Hotelgäste, die über den Rummel etwas verwundert waren. Dann gab es auch Menschen aus dem Umfeld der Künstler, die ich nicht kannte, aber die wichtig zu sein schienen. Und dann kam auch noch die Security, darunter ein freundlicher Österreicher und ein finster dreinblickender US-Sicherheitsmann mit Knopf im Ohr.
Die Uhr rückte vor und meine Familie wurde langsam nervös. Wann erscheint der Meister und würden wir ein Autogramm bekommen? Und würden wir es dann noch rechtzeitig in den Goldenen Saal schaffen? Wir mussten schließlich unsere nassen Mäntel an der Garderobe abgeben und den Platz suchen. Meiner Gattin wurde es schließlich zu kalt und zu bunt und zog mit K1 ab. K2 und ich harrten noch aus.
Gegen 15:15 Uhr trat dann die Security auf den Plan. Der Eingang vom Hotel wurde geräumt und eine Gasse gebildet. Auch vor dem Künstlereingang wurde der Weg freigemacht. Wir Fans wussten: Es geht gleich los. Fotoapparate wurden gezückt, Smartphones eingeschaltet, Stifte bereit gehalten – es würde schnell gehen, doch wir waren bereit.
Und dann kam es anders. Ein BMW kam mit hohem Tempo um die Ecke gefahren. Aufgrund des Schneefalls hatte der Meister beschlossen mit dem Auto die paar Meter zu fahren. Das Tor des Künstlereingangs öffnete sich, der BMW fuhr hinein und darin wohl John Williams – gesehen hab ich ihn nicht. So eine Pleite: Kein Autogramm, kein Blick, dafür komplett nass und durchgefroren. Also ab in den Musikverein – wir hatten nur noch 15 Minuten bis Konzertstart.

Goldener Saal des Musikvereins Wien

Über das Konzert blogge ich noch separat. Nur soviel: Es war schlichtweg genial und hat mich tief berührt. Es gab fünf Zugaben. Nach dem Konzert traf sich die John Williams Facebook-Fangruppe noch in einem Restaurant zum Meinungsaustausch. Da es noch ein wenig Zeit bis dahin war, schaute ich mit meiner Frau den wunderbaren Goldenen Saal des Musikvereins an. Wir genossen die Atmosphäre, während sich der Saal immer mehr leerte. Hier finden die Neujahrskonzerte statt, zu denen wir eigentlich immer mal wollten, aber nie Karten bekommen hatten. Nun, bei John Williams hat es geklappt und ich war dankbar.

Backstage bei Anne-Sophie Mutter
Beim Hinausgehen ging meine Frau zur Garderobe und traf sich mit den Kindern. Ich wollte nochmal mein Glück versuchen und hinter die Bühne kommen. Ich wollte schließlich mein Autogramm von John Williams. Also suchte ich den Backstage-Bereich, wo ein paar Fans warteten. Die Security versperrte uns den Weg. Eintritt nur, wer auf der Gästeliste stand. Wenn die Tür aufging, konnten wir einen Blick erhaschen. Aber für mich gilt die umgedrehte Regel von Herbert Wehner. Wer reingeht, der kommt auch wieder raus. Also warten war angesagt.

Nun, John Williams wurde abgeschirmt und nahm einen anderen Ausgang – wohl wieder zum Auto. Aber Anne-Sophie Mutter stand auf einmal mit ihrem Geigenkoffer da und wollte nach getaner Arbeit nach Hause. Da musste sie an ein paar Fans und damit mir vorbei. Ich hatte ja das Cover zu Across the Stars dabei, bat sie um ein Autogramm. Zunächst war die Geigerin genervt, aber dann sofort wieder Profi und unterschrieb. Ihr Sohn schaute zu und grinste, wie Mama Mutter sich den Weg durch uns Fans bahnte. Der junge Mann hatte das Glück, sich lange mit John Williams zu unterhalten – ich bin neidisch und sagte es ihm auch. Ich wünschte ihm viel Erfolg, machte ein Selfie mit seiner Mutter. Anne-Sophie Mutter unterschrieb noch ein paar LP-Cover und ging ab durch die Mitte mit ihrem Gefolge.

Wunderbarer Abend mit John WIlliams und Anne-Sophie Mutter

Nun, von John Williams habe kein Autogramm und das ist sehr, sehr schade. Von Anne-Sophie Mutter habe ich eines und das freut mich sehr. Das nächste Konzert von John Williams ist in Pittsburgh im Juni. Aber nein, das ist wohl zu weit. Zurück bleibt die Erinnerung an einen wunderbaren Abend im Musikverein Wien mit John Williams, Anne-Sophie Mutter und den Wiener Philharmonikern.

Vielen Dank für das geniale Konzert. Foto: Lange

Vielen Dank für das geniale Konzert. Foto: Lange

Brauchen wir den Nachfolger der Blu ray?

4. April 2014

SonyPro_Archival Discs_1

Es ist klar, optische Datenträger sind endliche Medien. Die CD stirbt, die DVD ist am Ende und wir haben gerade das letzte optische Medium am Start, die Blu ray. Ich bin der Meinung, dass durch Cloud optische Datenträger keine Zukunft haben. Die HD-DVD ist ja massiv gescheitert. Aber sollte ich mich irren?

Sony und Panasonic haben vor kurzem die „Archival Disc“ vorgestellt, einen neuen Standard für professionelle optische Discs der nächsten Generation mit sehr hohen Speicherkapazitäten. Wichtig ist, wir sprechen von professionellen Kunden und nicht für den Privathaushalt. Beide Unternehmen wollen den Markt für die Langzeitspeicherung digitaler Daten weiter ausbauen.

Optische Discs haben laut Sony den Vorteil, dass sie effektiv Staub und Wasser abweisen und gleichzeitig Temperaturschwankungen und Änderungen der Luftfeuchtigkeit während ihrer Lagerung standhalten. Sie sind generationsübergreifend kompatibel zwischen unterschiedlichen Formaten, sodass sie auch lesbar bleiben, wenn sich die Formate ändern. Dies macht sie zu einem robusten und zuverlässigen Medium für die langfristige Datensicherung. Vor dem Hintergrund steigender Datenmengen und eines wachsenden Archivierungsmarktes, haben sich Sony und Panasonic dazu entschlossen, gemeinsam einen Standard für professionelle optische Discs der nächsten Generation zu entwickeln: die „Archival Disc“.

SonyPro_Archival Discs_2

Ab Sommer 2015 wollen Sony und Panasonic Systeme mit einer Aufnahmekapazität von 300 GB pro Disc auf den Markt bringen. Des Weiteren planen beide Unternehmen, ihre jeweiligen Technologien auf eine Aufnahmekapazität von 500 GB pro Disc und dann auf 1 TB zu erhöhen.

Besonders in der Filmindustrie ist die Nachfrage an Archivierungslösungen mit hoher Kapazität enorm gestiegen. In Cloud-Datencentern haben Verbesserungen der Netzwerkdienste das Datenvolumen ebenfalls in die Höhe schießen lassen. Ich muss sagen, ich bin skeptisch.

Technische Daten der Archival Disc:

Disc-Größe (Art) 300 GB (einmal beschreibbar)

Optische Parameter Wellenlänge λ = 405 nm (Nanometer), numerische Apertur NA = 0,85

Disc-Struktur Doppelseitige Disc (3 Schichten/Seite), Steg und Nut

Spurabstand 0,225 μm (Mikrometer)

Datenbitlänge 79,5 nm (Nanometer)

Fehlerkorrektur Reed-Solomon-Code

Urlaub in Südtirol (8/10): Trip ins Mittelalter auf die Churburg

2. September 2009

Eingang zur Hofkapelle

Eine Reise ins Mittelalter verspricht ein Besuch der Churburg in Schluderns in Südtirol. Im 13. Jahrhundert errichtet, vom Grafen Trapp im 16. Jahrhundert zur schönsten Renaissance-Residenz Südtirols ausgebaut, gilt sie heute als eine der besterhaltenen Schlossanlagen. Leider gilt in der Burg ein Fotografier- und Filmverbot, denn die Familie des Grafen will noch ein paar Euro im Souvenirshop verdienen. Besonders sehenswert ist die bedeutendste private Rüstungssammlung der Welt. Die Rüstungen, Kettenhemden, Helme und Schilde sind sehr eindrucksvoll. Bis zu 60 Kilogramm wiegt eine Turnierrüstung. Eine Kinderrüstung liegt bei 20 Kilogramm. Daneben gab wenige Waffen des Mittelalters: Hellebarden, Schwerter, Armbrüste, Speere – was das Kriegsherz so begehrt. Eindrucksvoll: Ein zehn Kilogramm schweres Zweihänderschwert mit denen die Beine der edlen Ritterpferden abgeschlagen wurden, um so die schweren Panzerungen der stürzenden Ritter zu knacken.

Kanonenkugeln aus Lehm und Ton richten sich gegen Truppen, Kugeln aus Stein sollen Mauern beschädigen. Viele Stich- und Hiebwaffen sowie Feuerwaffen sind in der Burg nicht zu finden. Zu Zeiten der Freiheitskriege um Napoleon und Andreas Hofer wurden sie an die Landbevölkerung verteilt und kamen nie mehr in die Churburg zurück.

Mich haben neben den Wehrgängen und Räumen vor allem zwei Dinge nachhaltig beeindruckt: Der Büßermantel aus dem 16. Jahrhundert des Hausherren und eine Baldachin Orgel von 1559. Ritter Jakob VII Trapp hatte eine Pilgerfahrt gegen 1560 ins Heilige Land unternommen. Geblieben ist ein grauer Filzmantel. Darauf gestickt ein weißer Kreis und ein rotes Kreuz, das Zeichen der Kreuzritter. Sechs Monate war der edle Ritter unterwegs, um ins Heilige Land zu kommen. Ob er sein Seelenheil fand, ist nicht bekannt. Der Aufwand muss aber gewaltig gewesen sein, aus Südtirol ins Heilige Land zu pilgern. Welchen Kulturschock muss es für den Ritter Trapp gegeben haben?

Einen Wahnsinnsklang gibt die Baldachin Orgel aus dem Jahre 1559 von sich.1996 spielte Peter Waldner für den ORF eine sehr hörenswerte CD ein. Die CD gibt es im schlosseigenen Souvenirshop oder direkt beim ORF. Es ist eine nahezu vollständig erhaltene Kleinorgel aus dem 16. Jahrhundert, die weltweit einzigartig ist. Cooler Sound und wahre Klänge des Mittelalters, anders als das pseudo Mittelaltergeklimpere von Mittelalterbands der Neuzeit.

Lobenswert ist übrigens die Führung durch das Schloss, das 1253 von den Bischöfe von Chur errichtet wurde. Eine Familie bezahlt 17 Euro und bekommt die Räume, Bilder, Statuen und Möbel zu sehen. Dazu gibt es allerhand Anekdoten und Geschichten. Leider weiß ich den Namen unseres Fremdenführers nicht mehr, aber er machte es toll. Er ging besonders auf die Kinder in der Gruppe ein. Er übergab ihnen einen schweren Schlüsselbund des Schlosses. Damit die drängelnden Senioren charmant in die Schranken gewiesen wurden, holte er immer wieder die Kinder nach vorne und bezog sie in die Führung mit ein. Am Schluss gab es für die Kinder ein Bild zum Ausmalen. Großartig – so stelle ich mir Tourismus für die ganze Familie heute vor.

Ippen weckt Ängste

17. März 2009

Der Münchner Merkur ist eine konservative Heimatzeitung in Oberbayern, die ihre Auflage vor allem in den Landkreisen um München macht. Verleger dieser Zeitung ist Dirk Ippen, ein Verleger aus Westfalen, der den Merkur von einem verschlafenen Blatt nach vorne gebracht hat. „Tippen für Ippen“ hieß es immer wieder unter Journalistenkreisen. Der Herr Verleger hat auch eine Kolumne in der Zeitung, die er früher auch im Web publizierte. In seiner jüngsten Samstagskolumne setzt sich Ippen mit einer schönen, neuen Welt ohne Bücher auseinander. Er betrauert eine Welt ohne Papierbücher, die durch Amazons Kindle und Sony E-Book-Reader entstehen wird. Man könne künftig keine Fragen beantworten in der Art: Welche drei Bücher nehme ich auf eine einsame Insel mit.

Ippen ist geschickt und appelliert an die Ängste seines älteren Zielpublikums, das eine Welt ohne Bücher auf sich zukommen sieht, nach dem Motto: Früher war alles besser. Sicherlich, der Zeitungsmann Ippen muss so argumentieren, denn auch eine Zeitung ist im modernen Zeitalter in Gefahr. Die Kosten laufen davon, denn Werbeeinnahmen gehen zurück: Der Ippen-Konzern hat den Weg Richtung neuer Medien besser in Angriff genommen als so mancher andere verschlafene Zeitungsverlag. Trauer.de und andere Plattformen sind dazu Beispiele. Daher muss Ippen in seiner Kolumne kein falsches Spiel führen und Ängste wecken. Das hat er eigentlich nicht nötig.

Er weiß, dann kein Medium ein anderes komplett ersetzt hat: Theater gibt es trotz Kino weiterhin, Kino weiterhin trotz DVD. Das Trägermedium wechselt, heiß es Schellack, Schallplatte, CD oder mp3 – die Musik bleibt die gleiche. Genauso ist es mit der Information. Nachrichten will der Leser, sei es in dem Flugblatt des Mittelalters, der Zeitung oder der Website. Das gilt für Bücher ebenso. eBooks werden das gedruckte Buch nicht ersetzen, aber der Vertrieb von Büchern wird sich ändern.

Auch Ippen muss den Klassiker (als Buch) kennen von Nikolas Negroponte: Total digital. Darin beschreibt der ehemalige Leiter des MIT, dass alles was digital vertrieben wird, auch künftig so vertrieben wird. Ich habe dazu bereits gebloggt. Und Ippen wäre kein guter Geschäftsmann (was er zweifelsohne ist), wenn er nicht nach neuen preiswerteren Distributionswegen sucht. Also lieber Dr. Ippen, vielleicht weniger zurückschauen, also vielmehr nach vorne und nehmen Sie hier Ihre älteren Leser auf die spannende Reise mit. 

Der Tod meiner ersten CD-ROM

31. Dezember 2008

cdrom

Heute ist es mir zum ersten Mal in meiner gesamten IT-Geschichte passiert: Eine CD-ROM mit Fotos darauf war nicht mehr lesbar. Es handelte sich um Fotos von der Hochzeit einer Bekannten und Fotos vom Geburtstag meines Schwiegervaters.

Die Bilder stammten aus dem Jahr 2001 und im gleichen Jahr wurde auch der Rohling gebrannt. Es handelt sich um einen Billig-Rohling der Marke Platinum. Es ist ein 700 MByte Rohling. Die Silberscheibe ist ganz gelblich geworden. Ich lagere meine Rohlinge im Dunkeln und im Trockenen. Aber der Zahn der Zeit hat an den Rohlingen genagt. Ich habe den Import der CD auf mehreren Rechnern versucht. Immer mit dem gleichen negativen Ergebnis. Mist. Jetzt werde ich Zug um Zug die Datensicherungs-CDs der alten Zeit überprüfen und ggf. kopieren.

Wahrscheinlich hätte ich es gar nicht so schnell bemerkt. Aber ich sichere derzeit meine kompletten digitalen Fotos auf einer 1 TByte LaCie-Festplatte und mache von dieser Festplatte gleich noch einmal ein Backup. Ich will auf Nummer sicher gehen. Die Daten sind mir zu wertvoll.

In meinem Urlaub beginne ich mit meinem digitalen Fotoarchiv. Bisher sind die digitalen Bilder auf CDs und DVDs gesichert. Jetzt führe ich alle Daten zusammen. Der Datenimport auf die externe HD dauerte alleine zwei Tage. Eine Arbeit für Blöde. CD einlegen, Verzeichnis kopieren, CD auswerfen, CD in einen Pappkarton und ab in den Keller.

Anschließend werden die Bilder komplett verschlagwortet. Das wird nochmal ein Megaaufwand, aber ich werde es Ordner für Ordner machen, während irgendwelche Filme vor sich hin rendern. Ich nutze dazu den Nachfolger von iView Media Pro. Das Ding heißt Expression Media 2 und stammt nun von Microsoft. Die Software ist logisch aufgebaut und ich finde so meine Bilder über die Jahre hinweg wieder. Ich hatte auch Portfolio von Extensis und Portfolio von Cato ausprobiert, doch das eine war mir zu unflexibel, das andere zu mächtig. Ich brauche keine Webanbindung an meine Bilddatenbank. So wichtig bin ich dann doch nicht. Der Rest, wie iPhoto oder Adobe Bridge scheidet aus. 

Web zwingt die Stars auf Tour

28. Juli 2008

Viele Musikantenstars gehen wieder auf Tour und müssen vor Publikum auftreten. Das gibt mir Gelegenheit, sie noch einmal oder zum ersten Mal live zu sehen. Kris Kristofferson war neulich in München, Erich (God) Clapton, Deep Purple, Tina Turner kommen noch in die bayerische Landeshauptstadt. Die Damen und Herren werden vom Internet gezwungen auf Tour zu gehen. Der Grund ist einfach. Sie müssen für ihr Geld mal wieder richtig arbeiten. Die Verkäufe von CDs gehen seit Jahren in den Keller, die Künstler verdienen keine fette Kohle mehr wie früher als die Herrschaften sich Schlösser (Deep Purple) oder Flugzeuge (Sinatra) kaufen konnten. Musik ist heute digital und damit wird sie von den Konsumenten kopiert, gesaugt, getauscht. Die legalen Börsen wie iTunes sind zwar höchst erfolgreich, doch die Plattenbosse verdienen nicht mehr so viel wie in der Vergangenheit. Alternativen wie lizensierte Guitar Heros & Co wie Aerosmith bringen zwar Knete, aber nicht in den Maßen, um den gewohnten Lebensstil halten zu können. Deshalb müssen Musiker wieder das machen, was sie gelernt haben. Raus aus dem Landsitz und rauf die Bühne und Lala vor Publikum machen. Mir gefällt es. So komme ich zu Stars, die ich lange vermisst habe. Und darauf freue ich mich.