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Verschwindet das Mathäser-Kino in München?

29. Januar 2026

Das Mathäser-Kino in München wird wohl wieder einmal umgebaut und verkleinert. Das ist schade, aber ist wohl der Lauf der Dinge. Kino ist ein emotionales, aber schweres Geschäft.

Es ist nicht der erste Umbau. Der ursprüngliche Mathäser-Komplex wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Im Jahr 1957 entstand nach dem Wiederaufbau die sogenannte Mathäser Bierstadt – gleichzeitig wurde der Mathäser Filmpalast neu eröffnet. Das gilt als der erste grundlegende Umbau bzw. Neuaufbau in der Kino-Geschichte des Standorts. Der Betrieb von Bierstadt und Kino wurde 1996 eingestellt und das Kino umgebaut. Daran kann ich mich noch erinnern als die gemalten riesigen Plakate im Hof des Komplexes verschwanden.

2003 wurde das heutige seelenlose Multiplex-Kinos wiedereröffnet und ist bis heute ein Zentrum des Münchner Filmwesens mit Premieren und Veranstaltungen. Ich bin oft zu Gast.


Jetzt geht es dem Kino wieder an den Kragen. Die Zurich Immobilien Deutschland AG & Co. KG, der das Gebäude gehört, hat bei der Stadt eine Bauvoranfrage gestellt, um anstelle des Kinokomplexes ein „Mixed-Use“-Quartier mit Büros, Wohnungen, Handel und Kulturflächen zu errichten. Der Kinobau würde in diesem Szenario abgerissen und durch mehrere neue Bauteile mit variabler Höhe, offenen Passagen und Grünflächen ersetzt. Auch ein kleineres Kino soll dann wieder kommen.

Was das für das Kino bedeutet
Der Mathäser-Filmpalast dürfte voraussichtlich bis mindestens 2033 weiterlaufen, weil der Mietvertrag des Betreibers Kinopolis bis dahin läuft.
In den Planungen ist zwar prinzipiell auch künftig wieder ein Kino vorgesehen, dieses wäre aber deutlich kleiner, sodass ein Großteil der heutigen knapp 4000 Sitzplätze in 14 Sälen verloren ginge.

Offiziell argumentiert der Eigentümer mit der „Weiterentwicklung“ des Standorts zu einem modernen Stadtquartier mit mehr Wohnraum und Arbeitsplätzen in zentraler Lage. Hintergründig spielen die hohe Wertschöpfung eines gemischt genutzten Neubaus und die deutlich besseren Renditechancen im Vergleich zu einem reinen Kinokomplex eine zentrale Rolle. Also es geht ums Geld.

Traurige Gegend
Im Moment macht die Gegend um das Kino keinen guten Eindruck. Nach der Karstadt-Pleite verfällt das Areal. Die Einkaufsmöglichkeiten im Mathäser-Komplex reizen mich überhaupt nicht. Auch der Zugang vom Stachus Untergeschoss ist nicht attraktiv. Die riesige Baustelle des Münchner Hauptbahnhofes in der Nähe macht die Sache auch nicht besser. Auf gut deutsch: die Gegend macht keinen Spaß und wahrscheinlich ist die Rendite zu an dieser Stelle ausbaufähig.

Folgen für Münchens Kinolandschaft
Stadträte und Vertreter der Filmbranche warnen, dass der Verlust des größten und besucherstärksten Kinos Deutschlands ein erheblicher Rückschlag für den Filmstandort München und die Attraktivität der Innenstadt wäre. Allerdings: Der Zustand heute ist kein Aushängeschild für München und es tut mir weh, wenn ich dieses Filmtheater besuche.

Neben der reinen Zahl der Kinositze ginge auch ein wichtiger Ort für Premieren, Branchenveranstaltungen und für große Leinwände mit spezieller Bild‑ und Tontechnik verloren. Das Mathäser beherbergt das erste Dolby Cinema Deutschland mit Duale 4K Laserprojektion (Dolby Vision HDR) mit hohem Kontrast und sehr tiefen Schwarztönen. Auch der Klang mit Dolby Atmos, ein 3D-Raumklang mit Deckenlautsprechern, faszinierte mich. Bei Action-Filmen ist dieser Saal ein Genuss.

Kinosterben in München
Ich habe das Sterben des Kinos über Jahre verfolgt. Das James-Bond-Kino am Karstor, in dem ich meine Jugend verbrachte, wurde am 29. Februar 2004 geschlossen. Nach 54 Jahren Betrieb liefen an diesem Tag die letzten Vorstellungen in den vier Sälen des Traditionskinos am Stachus/Karlstor. Hintergrund waren unter anderem der zunehmende Druck durch neue Multiplex-Kinos (wie das Mathäser) sowie wirtschaftliche Gründe.
Nur ein paar Meter weiter schloss das Tivoli. Das Tivoli Kino in München (Neuhauser Straße 3) wurde am 16. Januar 2011 endgültig geschlossen. Ich traf dort einen griesgrämigen Heinz Rühmann in Begleitung eines gut gebauten und fröhlichen Loriot.

Das Gabriel Filmtheater in München wurde im April 2019 endgültig geschlossen. Es galt bis dahin als eines der ältesten durchgehend betriebenen Kinos der Welt (Eröffnung 1907 in der Dachauer Straße 16). Die Schließung erfolgte aus wirtschaftlichen Gründen, vor allem wegen sinkender Besucherzahlen und des hohen Immobilienwerts. Ich war bei der Schließung dabei.

Und dann traf es das Kino am Sendlinger Tor. Das Filmtheater am Sendlinger Tor in München wurde am 15. Januar 2025 offiziell geschlossen. Der letzte Spieltag war ebenfalls der 15. Januar 2025. Grund für die Schließung war ein langjähriger Pachtstreit mit den Hauseigentümern, der letztlich zur Aufgabe des Kinobetriebs durch die Betreiberfamilie Preßmar führte. Das Kino bestand seit 1913 und war eines der traditionsreichsten Lichtspielhäuser der Stadt.

Wenn der Jahreswechsel zur Nacht der Angst wird – warum das Böllern endlich ein Ende haben muss

27. Dezember 2025

Wenn sich das Jahr seinem Ende zuneigt und der Kalender die letzten Stunden zählt, liegt über vielen Städten längst keine unbeschwerte Vorfreude mehr. Der Jahreswechsel, einst Sinnbild für Aufbruch und Hoffnung, ist für Kommunen, Einsatzkräfte und Tiere zu einem Moment der Anspannung geworden. Der grelle Lärm der Böller, das Zischen der Raketen und der beißende Rauch erzählen inzwischen eine andere Geschichte – eine von Überforderung, Angst und wachsendem Zweifel an einem Brauch, der nicht mehr in die Zeit zu passen scheint. Daher fordere ich endlich ein Böllerverbot. Die Politik eiert herum, man hat Angst vor dem Wähler.

Ich bin mir sicher, im Dorf bei uns wird wieder geballert. Allerdings: In Bayern wird diese Entwicklung immer deutlicher spürbar. München und Nürnberg gehören zu den Städten, die offen darüber sprechen, dass sie mehr Handlungsspielraum brauchen. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter fordert seit Jahren eine Änderung des Bundessprengstoffgesetzes. Sein Anliegen ist klar: Die Kommunen sollen selbst entscheiden dürfen, wo Feuerwerk erlaubt ist und wo nicht. Nicht aus Prinzip, sondern aus Verantwortung. In München steht etwa ein Böller- und Raketenverbot rund um den Tierpark Hellabrunn zur Diskussion – ein Ort, an dem Tiere in der Silvesternacht unter Stress, Panik und Orientierungslosigkeit leiden. Reiter betont dabei immer wieder, dass solche Entscheidungen nicht über die Köpfe der Menschen hinweg getroffen werden sollten.

Auch Nürnberg signalisiert Zustimmung zu diesem Kurs. Die Stadt zeigt sich offen für eine Gesetzesänderung, die Kommunen mehr Mitsprache einräumt. Dahinter steht die Erkenntnis, dass jede Stadt ihre eigenen Herausforderungen kennt – enge Altstädte, sensible Wohngebiete, Krankenhäuser, Altenheime oder eben Orte, an denen Tiere besonderen Schutz brauchen. Ein starres Bundesrecht wird diesen Realitäten immer weniger gerecht.

Ich gehe einen Schritt weiter: Feuerwerker sind für mich Tierquäler. Hunde, Katzen, Vögel haben Todesangst.
Was in der Silvesternacht passiert: 5.000+ Vögel sterben durch Kollisionen (Gebäude/Autos), Winterschläfer wachen auf und erfrieren (Igel, Siebenschläfer), 70% aller Haustier-Vermisstenanzeigen kommen am 1. Januar.
Ein einziges Feuerwerk bedeutet sechs Stunden Todesangst für Wildtiere. Bei Hunden gibt es eine Umfrage der Hunde-Community-App Dogorama. „In unserer Community hören wir immer wieder, wie sehr die Tiere unter der Knallerei leiden. An den Tagen rund um Silvester können viele Hunde kaum noch das Haus verlassen. Für zahlreiche Halter bleibt nur ein regelrechter Spießrutenlauf, um den Hund kurz vor die Tür zu bringen und sofort wieder in die ’sichere‘ Wohnung zu flüchten. Die Böller sind eine enorme Belastung für Tiere, die die Geräusche nicht einordnen können und aufgrund dessen in Panik den Fluchtreflex aktivieren. Ein eingeschränktes oder stärker reguliertes Böllern würde vielen Hunden enorm helfen“ mahnt Jan Wittmann, Gründer und Geschäftsführer von Dogorama. Meine beiden Kater drehten in den vergangenen Jahren durch und die armen Tiere hatten Angst.
Das Leid der Tiere, für die die Detonationen nicht ein Spektakel, bedeutet Böllern blanke Angst. Panik, Fluchtreaktionen, teils tödliche Verletzungen – all das gehört für Haustiere wie für Wildtiere zur bitteren Realität der Silvesternacht.
Jedes Aufschrecken kann lebensbedrohlich sein, wenn sie in Städten über Straßen flüchten. Füchse, die nachts in Siedlungen auf der Suche nach Nahrung sind, kehren unter Umständen nicht in ihr gewohntes Versteck zurück, sondern suchen Zuflucht in Gärten und Garagen. Igel und Bilche wie die Haselmaus oder der Gartenschläfer liegen zwar im Winterschlaf, aber störanfällig sind sie trotzdem.

In Bremen berieten die Innenminister von Bund und Ländern über ein mögliches Böllerverbot an Silvester. Der Gastgeber, Bremens Innensenator Ulrich Mäurer, fand deutliche Worte. Für Polizei und Feuerwehr sei das private Feuerwerk ein Albtraum, sagt er. Eine Nacht voller Notrufe, Brände, Verletzungen – und immer häufiger auch Angriffe auf diejenigen, die helfen wollen. Was für manche wenige Minuten Spaß bedeutet, wird für Einsatzkräfte zu Stunden am Rand der Belastungsgrenze. Die Gewerkschaft der Polizei unterstützt ein Ende des privaten Feuerwerks ebenso wie zahlreiche Umweltverbände. Sie verweisen auf die massive Feinstaubbelastung, den Müll auf Straßen und Plätzen, die Verletzungen und Traumatisierungen – und auf eine Gesellschaft, die sich fragen muss, ob diese Form des Feierns noch zeitgemäß ist.

So verdichtet sich die Debatte zu einer grundsätzlichen Frage: Wie wollen wir das neue Jahr beginnen? Mit Lärm, Chaos und Angst – oder mit Rücksicht, Verantwortung und neuen Formen des gemeinsamen Feierns? Die Stimmen aus München, Nürnberg und Bremen zeigen, dass sich etwas bewegt. Dass Kommunen nicht länger nur zuschauen wollen, sondern Gestaltungsspielraum einfordern. Nicht um Traditionen zu verbieten, sondern um sie weiterzuentwickeln.

Allerdings: Die Forderung privates Silvesterfeuerwerk zu verbieten, um Ausschreitungen oder gar Anschläge auf Personen, Polizei und Sachgüter zu verhindern, wird von immerhin der Hälfte der Bevölkerung (50%) als unwirksam eingestuft. Diese sind der Auffassung, dazu wären andere Maßnahmen wie zum Beispiel mehr Polizeikontrollen nötig. Es soll dieses Jahr mehr Feuerwerk verkauft werden als die Jahre zuvor. Eine schlimme Entwicklung. Hier eine VR 360 Aufnahme bei uns im Dorf.

Die schweren und tödlichen Verletzungen der letzten Silvestersaison sind, wie in den Medien berichtet wurde, ausschließlich auf illegales Feuerwerk zurückzuführen. Daher muss vielmehr die Einfuhr von illegalem Feuerwerk aus dem Ausland stärker kontrolliert und verfolgt werden, argumentiert die Röder Feuerwerk Handelsgesellschaft mbH mit Sitz in Schlüsselfeld, einer von Deutschlands größten Online-Shops für Konsumentenfeuerwerk zu Silvester. Naja, die Verletzungen entstanden meiner Meinung nach durch Leichtsinn und unsachgemäße Handhabung. Feuerwerk in Kinderhände oder in die Hände von Besoffenen hat Folgen.

„Der Lärm von Böllern und Raketen ist zwar nur kurz, aber dennoch kann dieser sogenannte Impulslärm das Gehör nachhaltig schädigen. Schon ein einziger, nah am Ohr abgefeuerter oder explodierender Feuerwerkskörper kann zu viel sein. Das wird oft unterschätzt“, warnt Hörakustiker-Meister Eberhard Schmidt vom Hörakustiker-Verband. Jeder Mensch nimmt Lautstärke etwas unterschiedlich wahr. Was von einer Person als zu laut empfunden wird, ist für eine andere Person vollkommen in Ordnung. Aber ganz unabhängig von der eigenen Wahrnehmung gilt, dass das Gehör bei einer anhaltenden Lärmeinwirkung von 85 Dezibel Schaden nehmen kann.

Vom Feinstaub will ich gar nicht reden. Es gibt Menschen mit Lungenkrankheit. Für die wird der Feinstaub zur Tortur.

Vielleicht liegt die Zukunft des Jahreswechsels nicht mehr im lauten Knall, sondern in leuchtenden Ideen: organisierte Feuerwerke, Lichtinstallationen, gemeinschaftliche Rituale, die verbinden statt zu verletzen. Der Wunsch nach Veränderung ist da – leise vielleicht, aber beharrlich. Und genau darin liegt die Hoffnung auf einen Jahresanfang, der wirklich ein Neuanfang sein kann. Also verbietet endlich diese Drecks-Böller.

Konzertkritik: Kraftwerk in München 2025

21. Dezember 2025

Kraftwerk in München und es ist für mich eine Selbstverständlichkeit hier dabei zu sein. Begleitet wurde ich von einer begeisterten Tochter, die Ehefrau blieb navh verschiedenen Kraftwerk-Konzerte zu Hause beim Plätzchenbacken.

Der Sound im Zenit war großartig, ebenso wie bei meinem letzten Konzert von Kraftwerk in Stuttgart. Kraftwerk gelten seit Jahrzehnten als Pioniere der elektronischen Musik, die Klang und Technologie zu Kunst verschmolzen haben. Gegründet 1970 in Düsseldorf, schuf das Kollektiv um Ralf Hütter und (bis zu seinem Austritt) Florian Schneider visionäre elektronische Klangwelten in ihrem legendären Kling-Klang-Studio. Bereits Mitte der 1970er erlangten sie internationale Anerkennung für ihren revolutionären Sound und ihre Experimente mit Robotik und neuen technischen Innovationen. Alben wie Autobahn (1974) brachten deutsche Elektronik-Klänge unerhört in die internationalen Charts, Radio-Aktivität (1975) thematisierte das Thema Kernkraft, Trans Europa Express (1977) feierte futuristische Mobilität, und Die Mensch-Maschine (1978) definierte das Bild der Symbiose von Mensch und Technik in der Popkultur. Mit Computerwelt (1981) antizipierten Kraftwerk die digitale Gesellschaft und übten subtile Kritik an der Datenüberwachung – lange bevor diese Themen Mainstream wurden.

Jeder dieser musikalischen Meilensteine transportierte Ideen ihrer Zeit und prägte künftige Musikergenerationen. So wurde etwa der treibende Beat von „Trans Europa Express“ zur Blaupause für Afrika Bambaataas Hip-Hop-Klassiker Planet Rock, und sogar Coldplay entlehnten sich eine Melodie von Kraftwerk für ihren Hit „Talk“. Diese Beispiele verdeutlichen, wie musikalische Ideen von Kraftwerk weit über ihr eigenes Schaffen hinaus weitergetragen wurden – ein direkter Beleg für das Motto „Musik als Träger von Ideen“.

„Musik als Träger von Ideen“
Und es erwischte mich am Konzertende wieder voll. Die Zeile „Es wird immer weitergehn: Musik als Träger von Ideen“ stammt ursprünglich aus dem Song „Techno Pop“ (1986) und ist weit mehr als ein Liedtext – sie ist zu einem Leitsatz des Kraftwerk’schen Schaffens geworden. Wie der Musikjournalist Michael Döringer anmerkt, „sagt diese Textzeile alles aus über das Musikverständnis der Düsseldorfer Elektronikpioniere“.

Ich stehe in der Halle und mir wieder schlagartig wieder bewusst, welche enorme künstlicherische Kraft von Kraftwerk ausgeht. Kraftwerk wussten genau um die gesellschaftliche Kraft der Musik und darum, „was Kunst alles sein kann“. In ihrer Vision ist Musik kein bloßer Hintergrundklang, sondern ein Medium für Ideen, Botschaften und Visionen. Der Ausspruch impliziert, dass musikalische Innovation und Inspiration niemals stagnieren – Ideen werden immer weitergetragen, von einer Generation zur nächsten, von einem Genre ins nächste.

Diese Haltung spiegelt sich im Werk der Band wider. Kraftwerk haben konsequent den Zeitgeist reflektiert und in ihren Stücken verarbeitet. Oft wirkten ihre Songs wie klangliche Essays zu Themen der modernen Zivilisation: „Radioaktivität“ etwa beleuchtete 1975 wissenschaftlich-neutral die Wunder der Kernenergie, wurde aber später – nach Tschernobyl und Fukushima – live in einen eindringlichen Appell gegen radioaktive Gefahren umgewandelt (“Stoppt die Radioaktivität!”). Hier zeigt sich Musik als Träger einer sich wandelnden Idee: von naiver Faszination hin zu mahnender Verantwortung.
Ähnlich verknüpfte „Trans Europa Express“ Fortschrittseuphorie mit kultureller Reflexion, wenn Europas neue Verbundenheit im Hochgeschwindigkeitszug besungen und zugleich der Bogen zu Kunstikonen wie Iggy Pop und David Bowie geschlagen wird. Kraftwerk demonstrieren damit, dass Musik Bedeutung transportiert – sei es als Feier technologischer Utopien, als Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen oder als Bewahrer kultureller Erinnerungen.

Philosophisch knüpft diese Sichtweise an den Gedanken an, dass Kunst eine transformative Kraft besitzt. Seit jeher haben Denker Musik eine besondere Fähigkeit zugeschrieben, Ideen auszudrücken und Menschen innerlich zu bewegen. Kraftwerk führen dies im Kontext des elektronischen Zeitalters fort: Ihre Musik, so minimalistisch die Texte oft sind, vermittelt Konzepte von Fortschritt und Mensch-Maschine-Beziehung, von Urbanität und Natur, von Euphorie und Nachdenklichkeit. Die Textzeile „Musik als Träger von Ideen“ unterstreicht, dass jeder Klang, jeder Beat mehr bedeuten kann – nämlich eine Idee transportieren, die beim Hörer resoniert und einen Denkprozess auslöst. Gerade in der heutigen digitalen Welt – der Welt, die Kraftwerk mit ihren „Zukunfts-Visionen“ gewissermaßen den Soundtrack geliefert haben – behält diese Maxime ihre Gültigkeit.

Musik bleibt ein Vehikel, um Ideen in die Zukunft zu tragen. Und Kraftwerk selbst sind der lebende Beweis: Noch 50 Jahre nach Bandgründung lässt ihr Gesamtkunstwerk keinen Zweifel daran, dass diese Überzeugung Bestand hat. Ihre Klänge und Botschaften haben Generationen von Künstlern beeinflusst und ganze Genres hervorgebracht, von Synth-Pop über Techno bis Industrial und Hip-Hop .

Technologie, Kunst und kulturelle Entwicklung in Einklang
Schon früh erhoben Kraftwerk Technologie und moderne Ästhetik zur Kunstform. In einer Zeit, als Rock und Jazz dominierten, suchten sie bewusst nach einer neuen, deutschen Klangsprache jenseits angloamerikanischer Vorbilder. Sie integrierten technische Geräte – Synthesizer, Drum-Computer, Vocoder – als gleichberechtigte kreative Instrumente und gestalteten damit einen völlig neuartigen, minimalistisch-präzisen Sound. Damit wurden sie nicht nur Musiker, sondern Ingenieure einer audiovisuellen Zukunftsvision. Die Verbindung von elektronischer Musik mit visueller Kunst ist ihnen inhärent: Kraftwerk-Konzerte sind legendär für ihre streng durchgestalteten Projektionen, Computeranimationen und die ikonische Roboter-Ästhetik. Jede Show wird zum Gesamtkunstwerk aus Klang und Bild, in dem die Grenzen zwischen Konzert und Kunstinstallation verschwimmen. Diese multimediale Präsentation knüpft an das Konzept der Gesamtkunstwerk-Idee an, wie sie in der europäischen Kunsttradition (etwa bei Wagner) formuliert wurde, und übersetzt es ins digitale Zeitalter.

Damit schlagen Kraftwerk eine Brücke von der Popkultur zur Hochkultur. Längst werden sie in einem Atemzug mit bildenden Künstlern genannt – ihre minimalistische, konstruktivistische Gestaltung von Klang und Auftreten brachte ihnen Ausstellungen in Museen und Kunsthallen weltweit ein . Vom New Yorker MoMA (2012) über die Tate Modern bis zur Neuen Nationalgalerie Berlin haben Kraftwerk ihre Werke in renommierten Kunststätten präsentiert  – Anerkennung dafür, dass ihre audiovisuelle Performance als kulturelles Erbe und Kunstform anerkannt ist. Die Band selbst inszeniert sich dabei als Teil ihrer Kunst: anonymisierte Akteure in identischen Anzügen, die Idee der „Mensch-Maschine“ verkörpernd. Ralf Hütter und seine Kollegen sprechen oft von sich als Musik-Arbeiter; der individuelle Künstler tritt zurück hinter die Konzeptfigur des avancierenden Technikers-Musikers. Hier manifestiert sich der philosophische Gedanke, dass in einer technologischen Welt die traditionelle Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt – ein Leitmotiv, das Kraftwerk künstlerisch durchdekliniert haben.

Die kulturelle Entwicklung, die Kraftwerk angestoßen haben, ist kaum zu überschätzen. Indem sie elektronische Klänge salonfähig machten und deren ästhetische Tiefe aufzeigten, ebneten sie den Weg für ganze Subkulturen. Ihre Musik war Träger einer Idee von Zukunft, die in unterschiedlichen Regionen auf fruchtbaren Boden fiel – Detroit etwa empfing via Radio Kraftwerks maschinelle Rhythmen als Inspirationsquelle und gebar daraus den Techno der zweiten Generation. In Europa wie in den USA veränderten junge Künstler ihr Schaffen, nachdem sie Kraftwerk gehört hatten – viele nennen es bis heute ein Erweckungserlebnis. So gesehen, fungierte Kraftwerks Œuvre selbst als Träger von Ideen, die andere weiterführten. Technologie, Kunst und Kultur sind in ihrem Werk untrennbar verwoben: Jedes Kraftwerk-Album reflektiert technische Errungenschaften und deren Einfluss auf den Menschen, präsentiert in künstlerischer Form, und beeinflusst wiederum die Kultur, indem es neue Denkanstöße liefert. Im Zeitalter von KI wäre ein weiteres Statement von Kraftwerk wünschenswert.

Live-Performance als Vision
Besonders deutlich erfahrbar wird Kraftwerks Motto im Live-Konzerterlebnis – etwa beim jüngsten Auftritt der Band in München im Zenith. Wenn die vier Musiker in ihren futuristischen Anzügen hinter Pulten stehen und die ersten elektronischen Klänge ertönen, verwandelt sich der Ort in einen anderen Raum: Als die Lichter erlöschen, ist es, als würde eine Zeitmaschine anspringen. Das Publikum taucht ein in eine digitale Kathedrale aus Klang und Licht. Die Bühne erweckt den Eindruck einer Zeitreise durch Kraftwerks Gesamtkatalog und darüber hinaus – eine Reise durch Vergangenheit und Zukunft, in der nostalgische Elemente nahtlos in eine immerwährende Gegenwart übergehen. Hier wird keine müde Nostalgie gefeiert; stattdessen entfaltet sich eine musikalische Vision, „die nie an Aktualität verloren hat“. Die Beats kommen glasklar und präzise aus den Boxen, doch trotz aller elektronischen Kühle schwingt eine gewisse Wärme und Menschlichkeit mit, die Kraftwerks Sound zeitlos faszinierend macht.

Kraftwerks Live-Performance ist streng durchchoreografiert und doch emotional mitreißend. Die Musiker selbst agieren betont statisch – Interaktion in klassischem Rock-’n’-Roll-Sinn findet kaum statt; die wenigen gesprochenen Worte (etwa die Begrüßung oder eine Widmung) kommen verzerrt aus dem Vocoder. Weil es Weihnachten ist, gab es eine Widmung an Ryūichi Sakamoto mit Merry Christmas Mr. Lawrence. Sakamoto lieferte auch den japanischen Text zu Radioaktivität. Was für eine Verbeugung von dem 2003 verstorbenen Sakamoto, den Kraftwerk 1981 bei ihrem ersten Tokyo-Konzert trafen.

Diese demonstrative Unnahbarkeit lenkt den Fokus ganz auf die Inhalte, die visuell und akustisch vermittelt werden. Über riesige Projektionsflächen laufen synchronisierte 3D-Animationen: leuchtend grüne Zahlenkolonnen bei „Nummern“, eine endlose Autobahn bei „Autobahn“, DNA-Helices bei „Vitamin“ oder Geigerzähler-Symbole bei „Radioaktivität“. Zu letzterem Song etwa wechseln die Warnzeichen auf den Bildschirmen bedrohlich von Gelb auf Rot und mahnen vor atomarer Gefahr, während die Musik düster und eindringlich wird – ein Gänsehautmoment der Reflexion über Verantwortung in der Technikwelt. Man spürt, wie politisch und relevant Kraftwerk immer noch sind, wenn plötzlich inmitten der mitreißenden Elektronik solche nachdenklichen Töne angeschlagen werden. Das Publikum verstummt in diesen Augenblicken spürbar, bevor es im nächsten Moment von hypnotischen Rhythmen wieder mitgerissen wird.

Auffällig ist die generationenübergreifende Wirkung der Show. Im Zenith stehen bei einem Kraftwerk-Konzert Menschen jeden Alters nebeneinander: grauhaarige Ersthörer der 70er neben jungen Techno-Fans, Familienväter neben ihren staunenden Kindern (so einer war ich). Diese Vielfalt im Publikum – „von jung bis alt, von Nerd bis Tänzer“ – zeigt, wie zeitlos und verbindend Musik sein kann. Für die Dauer des Konzerts verschwinden die Unterschiede: Musik als universeller Träger verbindet die Menschen direkt. Man beobachtet, wie bei Klassikern wie „Computerwelt“ oder „Autobahn“ die Menge unwillkürlich im Takt schwingt – die Menge wiegt sich im Takt, von den ersten Reihen bis zu den hinteren Stehplätzen. Es ist, als verschmelze der Puls der Stadt mit dem der Musik: Die Live-Elektronik wird zum kollektiven Herzschlag aller Anwesenden. Hier erfüllt sich spürbar, was der Kraftwerk-Slogan verheißt – eine Idee vereint durch Musik.

In den ekstatischen Momenten, etwa wenn in der Zugabe „Die Roboter“ ertönt, steigert sich dieses Gemeinschaftsgefühl weiter. Obwohl die Musiker selbst fast regungslos bleiben, ist plötzlich alles in Bewegung: „Visuals, Musik, Publikum – für einen Moment scheint es, als wären wir alle Teil einer großen Choreografie – Mensch und Maschine, vereint im Rhythmus“ . Diese Szene lässt erahnen, was Kraftwerk mit der Mensch-Maschine-Idee künstlerisch intendieren: Die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen Performer und Publikum, verschwimmt. Im Gleichschritt mit den Maschinenrhythmen tanzen alle als Einheit – ein symbolischer Augenblick, in dem Musik buchstäblich zur gemeinsamen Sprache wird, welche die Trennung zwischen Mensch und Technologie aufhebt. Man kann hier von einer fast rituellen Erfahrung sprechen, in der die Transformation unmittelbar erlebt wird: Musik transformiert die Menschenmenge zu einem Kollektiv, die Konzerthalle zum visionären Raum.

Am Ende des Abends schließlich wird das Motto „Es wird immer weitergehen…“ in einer letzten Geste greifbar. Nach rund zwei Stunden verabschieden sich die Musiker nämlich während noch der Sequencer pulsiert: Bei „Musique Non Stop“ verlässt einer nach dem anderen mit einer Verneigung die Bühne, doch die Musik läuft weiter. Die Maschine spielt unbeirrt alleine weiter, als hätte sie ein Eigenleben: Die Maschine spielt weiter, auch wenn der Mensch die Bühne verlässt. Dieser Schlussmoment, in dem die letzten Projektionen flimmern und Kraftwerk im Dunkel verschwinden, lässt das Publikum mit einem tiefen Eindruck zurück. Viele Zuschauer bleiben noch eine Weile stehen, benommen und erfüllt von dem Erlebten. Die Botschaft ist klar spürbar: Die Ideen, die Kraftwerk durch ihre Musik in die Welt gesetzt haben, klingen über den Auftritt der physischen Personen hinaus fort. Die Musik als Träger von Ideen setzt ihren Weg fort – zeit- und ortsunabhängig.

Visionäres Vermächtnis im Konzertformat
Der Auftritt von Kraftwerk – sei es im Münchner Zenith 2025 oder an einem anderen Ort – erweist sich als weit mehr als nostalgische Konzertreise. Er gleicht eher einer kulturellen Reflexion in Echtzeit, einem Nachdenken über Technik, Kunst und Menschlichkeit, verpackt in mitreißende audiovisuelle Performance. Kraftwerk demonstrieren mit jedem Track, dass ihre Maxime „Musik als Träger von Ideen“ gelebte Realität ist: Musik kann unterhalten und zugleich tiefgründige Ideen vermitteln, sie kann Vergangenheit und Zukunft verknüpfen und Menschen jeden Hintergrunds zusammenbringen. Die philosophische Tiefe des Kraftwerk-Zitats zeigt sich nicht nur in ihren Studioalben, sondern intensiv auf der Live-Bühne – dort, wo das Publikum Teil des Gesamtkunstwerks wird und am eigenen Leib erfährt, was die Mensch-Maschine-Symbiose bedeutet.

Noch heute, nach über fünf Jahrzehnten, wirkt Kraftwerks Kunstvision frisch und zukunftsgewandt. Ihr Konzertabend in München führte das eindrücklich vor Augen: Hier stand ein Stück Musikgeschichte in Form von vier regungslosen Gestalten auf der Bühne – doch was aus den Lautsprechern und Leinwänden strömte, war lebendige Gegenwart und vorweggenommene Zukunft zugleich. Es ging immer weiter: von den experimentellen Anfängen bis in die digitale Gegenwart hat Kraftwerks Musik Ideen transportiert und Transformation bewirkt. Und es wird immer weitergehen – denn die Ideen leben in der Musik weiter, ob auf Vinyl, in digitalen Samples oder in den Köpfen und Herzen eines begeisterten Publikums. Kraftwerk haben der Welt eine Philosophie des Klangs hinterlassen, die in jedem Konzert neu aufblüht: Musik als Träger von Ideen, gestern, heute und morgen.

Ein neuer Genussort erwacht – das Conti strahlt wieder im Herzen Münchens

7. Dezember 2025

Nach der Umbaupause wurde das Conti feierlich wiedereröffnet. Mitten in München — in der Max-Joseph-Straße 5, im Gebäude der Haus der Bayerischen Wirtschaft — liegt das Conti Restaurant, ein Ort, der auf charmante Weise viel mehr verbindet als bloß gutes Essen: Gastronomie, Geselligkeit und urbanen Stil – und ein Ort für den wirtschaftlichen Austausch.

Zahlreiche Wirtschaftsvertreter der vbw sowie Lieferanten wurden eingeladen.
Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw, und Jürgen Weingarten, Maitre bei Conti Gastronomie, begrüßten.

Schon beim Betreten merkt man: Conti ist flexibel — tagsüber Bistro und Lunch-Spot, abends ein elegantes Restaurant mit Bistro- und Lounge-Atmosphäre. Die Küche unter Leitung von Jürgen Weingarten reicht von klassisch-mediterranen bis hin zu modernen europäischen Gerichten und überzeugt durch frische, saisonale Zutaten — oft mit kreativem Touch, der selbst gehobene Ansprüche erfüllt. Das neugestaltete Conti Restaurant bietet Platz für bis zu 80 Gäste und lädt zu entspannten Stunden in stilvollem Ambiente ein. Durch regelmäßig wechselnde Gerichte bietet es ein stets frisches und abwechslungsreiches Angebot. Wie gewohnt können die Gäste zwischen Menü oder á-la-carte wählen.

Wer das Conti besucht, kann zwischen verschiedenen Stimmungen wählen: Die lichtdurchflutete Innen­gastronomie lädt zum entspannten Dinner ein, und im Keller wartet eine rustikale, heimelige Tiroler Stube — ein „Geheimtipp“ für alle, die Atmosphäre mit Alpen-Charme schätzen.

Nicht zu unterschätzen: Mit diesem Angebot ergänzt das Conti ideal die Veranstaltungen, die im Haus der Bayerischen Wirtschaft stattfinden. Die Gäste profitierten von kurzen Wegen, abgestimmten Abläufen und einer zuverlässigen gastronomischen Betreuung – sei es im Rahmen einer Konferenz, eines Workshops, einer Pressekonferenz oder einer Hauptversammlung.

Besonders beliebt sind die wechselnden Mittagsmenüs, die sich ideal für einen schnellen, aber qualitativ hochwertigen Business-Lunch eignen. Am Abend bieten ausgewählte Menüs, manchmal begleitet von Live-Musik, den perfekten Rahmen für gemütliche Abende mit Freunden, Familien oder Dinner zu zweit.

Trotz der zentralen Lage und der urbane Dynamik bleibt das Conti preislich vergleichsweise fair — ein Aspekt, der es auch für Besucher interessant macht, die gute Küche zu annehmbaren Preisen suchen.

In seiner Gesamtheit ist das Conti Restaurant ein Ort des guten Geschmacks und der Vielfalt: Ob lunch in Eile, entspanntes Dinner oder geselliges Get-together — wer in München ein Stück kulinarisches Wohlfühlambiente sucht, findet hier eine Adresse, die Qualität, Vielseitigkeit und Herzlichkeit verbindet.

Das Menü zur Wiedereröffnung:
Vorspeisen:

Schinken von Rind, Wild, Ente, Schwein

Sushi von der Meisterin Nga: Avocado, Saibling, Garnele, Thunfisch, Melone

Ceviche vom Gemüse im Weck-Glas

Mini-Brezn, Obatzda vom Blauschimmelkäse

Hauptgerichte:
Heimischer Hirschrücken mit Wacholderschrot


Spanferkelrücken mit Weißwurstbrät im Hendl gebraten


Bayerische Seeforelle mit Kartoffelschuppen


Feine Pasta mit schwarzem Wintertrüffel und Parmesan
Blaukrautrisotto „Ripasso“ Gemüsebunt

Dessert:
100% Kakao Mousse, Glühweinbirne, Sabayon, Crumble

Wenn Autos zu Erde werden – ein Abschied von Münchens Blechträumen

6. Dezember 2025

Ich war bei einem Vortrag in München und stieß auf Kunst von Folke Köbberling im öffentlichen Raum. ‌Erst schüttelte ich den Kopf, dann begann das Nachdenken, denn ich war vom Autoverkehr in München genervt.

Die Künstlerin Folke Köbberling hatte im September 2024 drei SUVs aus organischen Materialien im Münchner Stadtraum platziert, die sich über einen Zeitraum von einem Jahr zersetzten. Als kritischer Kommentar zur Dominanz des Automobils und der Flächenversiegelung der Stadt fungierten die Skulpturen als Gradmesser für die Nutzung des öffentlichen Raums in München. An den drei Standorten – Europaplatz, Herzog-Wilhelm-Straße / Kreuzstraße und Schleißheimerstraße / Dach-auer Straße – wurden sie unterschiedlich genutzt: Sie dienten als Behausung, erlebten Vandalismus oder wurden von Nachbarn gepflegt und bewahrt.

Noch vor der IAA Mobility 2025 – und der Enthüllung des neuesten BMW-SUV – endete das Kunstprojekt mit einem besonderen Schlusspunkt: Zwei der Fahrzeug-Imitate wurden in einer Prozession durch München getragen und dort mit dem dritten Automobil an der Schleißheimer Straße zusammengeführt – einem symbolischen Begräbnis gleich. Dort wird nun die letzte SUV-Skulptur über zwei weitere Jahre kompostieren und sich schließlich in eine grüne Skulptur verwandeln.

Ich sehe darin ein Statement zu Mobilität, Urbanismus und Nachhaltigkeit in der Stadt München. „Mash & Heal“ nimmt das allgegenwärtige Symbol des SUVs — ein Auto als Zeichen von Mobilität, Status und individueller Freiheit — und transformiert es in etwas Vergängliches, Organisches: Drei Großskulpturen in Originalgröße, gefertigt aus kompostierbaren Materialien wie Lehm, Holz, Wolle, Erde und Samen.

Indem Folke Köbberling die Skulpturen an prominenten und stark frequentierten innerstädtischen Orten wie dem Europaplatz, der Ecke Herzog‑Wilhelm‑Straße / Kreuzstraße und der Ecke Schleißheimerstraße / Dachauer Straße platziert wurden, brachten sie den Konflikt um Raum – wer darf ihn nutzen, wer beansprucht ihn – buchstäblich ins Gesicht der Stadt.

Die Stadt wird dabei als materielles und soziales Geflecht verstanden: Nicht nur als Verkehrsraum, sondern als Ort des Lebens, der Öffentlichkeit, der Gemeinschaft — und nicht als Parkplatz oder Asphaltwüste. Köbberling stellt die richtigen Fragen: Wem gehört der städtische Raum? Wem gehört die Stadt?

München gilt als eine der am stärksten versiegelten Städte Deutschlands — viel Fläche ist durch Straßen, Parkplätze und Bebauung überdeckt. Mit „Mash & Heal“ lenkt Köbberling den Blick auf die Folgen dieser Versiegelung: weniger unbehandelter Boden, weniger Raum für Pflanzen, weniger Raum für andere Formen des Lebens.

Die SUVs aus natürlichen Materialien sind ein Kommentar auf das wachsende Phänomen der SUV-Flut in Städten: große, häufig überdimensionierte Fahrzeuge, die viel Raum beanspruchen – nicht zuletzt Parkraum, Straßen und städtischen Platz. Durch die Verwandlung dieser SUV-Nachbildungen in Erde wird diese ressourcenintensive Spitze des Individualverkehrs symbolisch „zur Erde zurückgeführt“.

Der Begriff „automobiles Wettrüsten“ taucht explizit in der öffentlichen Wahrnehmung dieses Projekts auf: Die Kunstwerke entlarven die SUV als Statussymbol und zeigen auf, dass hinter der glatten Karosse etwas Rohes, Vergängliches und Ressourcenverbrauchendes steckt — eine Einladung zur Reflexion über Konsum, Umwelt und Stadtentwicklung.

Die Materialien der Skulpturen sind biologisch und kompostierbar. Über rund zwölf Monate sollen sie verrotten, ihre Struktur aufgeben und sich in Erde zurückverwandeln — idealerweise mit Pflanzenbewuchs. Damit schlägt Köbberling einen Bogen von Konsum und Überdimensionierung hin zu Kreislauf, Natur und Regeneration.

Die Vergänglichkeit wird bewusst inszeniert — als künstlerisches Mittel, das Zeit, Wandel und Entsiegelung spürbar macht. Die SUV bleiben nicht starr, sondern unterliegen einem Prozess: Aus Symbolen des Luxus werden Reste des Ursprungs — Erde. Das wirkt wie ein Ritual der Rückkehr: eine Umkehr von Wegwerfmentalität und Betonierung hin zu Natürlichkeit und Verwurzelung.

Das Projekt fordert die Betrachter der Stadt dazu auf, ihr Verhältnis zu Mobilität, Besitz und öffentlichem Raum zu überdenken: Was bedeutet es, wenn Autos zu dominierenden Objekten im Stadtbild werden? Wen verdrängen sie? Wer hat Zugang zu städtischem Raum — und wer nicht? Diese Fragen werden nicht theoretisch gestellt, sondern visuell und räumlich erlebbar gemacht.

Ästhetisch provoziert „Mash & Heal“ mit der unheimlichen Mischung aus vertrauter Form (SUV) und ungewohnter Materialität (Erde, Lehm, Wolle). Die Fahrzeuge wirken echt — erst bei genauerem Hinsehen erkennt man ihre Fragilität. Dieser Kontrast öffnet einen Raum für Reflexion: Schönheit vs. Zerbrechlichkeit; Luxus vs. Vergänglichkeit.
Gleichzeitig verbindet die Arbeit künstlerisches Gestalten mit sozialer und ökologischer Verantwortung: Kunst als Intervention, nicht als (nur) ästhetische Ergänzung des öffentlichen Raums, sondern als aktiver Beitrag zu Debatten über Stadt, Umwelt und Zukunft.

Ein stilles Mahnmal im Herzen Münchens – der Hofgarten erinnert an Opfer, Verlust und Hoffnung

2. November 2025

Irgendwie kennt es kaum ein Besucher meiner Geburtsstadt München, obwohl es eigentlich zentral liegt und eindrucksvoll ist.Das Kriegerdenkmal im Hofgarten in München liegt am östlichen, tiefer gelegenen Ende des Gartens direkt vor der Bayerischen Staatskanzlei und erinnert ursprünglich an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Münchner. Die Masse der Besucher strömt in den Hofgarten und besucht den Pavillon, das Denkmal wird kaum besucht.

Die Anlage wurde 1924 in Anwesenheit Kronprinz Rupprechts von Bayern eingeweiht und bis 1928 in allen Details vollendet. Gestaltet wurde sie als versunkene, rechteckige Anlage aus Muschelkalk mit einer begehbaren Gruft in ihrem Zentrum. Vier abgewinkelte Treppen führen von den Längsseiten hinab in einen Vorraum, dessen Reliefs marschierende Soldaten sowie ein Gräberfeld zeigen.

In der Mitte liegt die offene Gruft aus Travertinblöcken: Zwölf massive Steinblöcke tragen eine rund zwei Meter starke, etwa 250 Tonnen schwere Deckenplatte; an ihren Schmalseiten führen Stufen zur überlebensgroßen Figur eines gefallenen Soldaten hinab. Diese eindringliche Skulptur schuf Bernhard Bleeker; der Gesamtentwurf des Denkmals entstand in Zusammenarbeit des Bildhauers Karl Knappe mit den Architekten Thomas Wechs und Eberhard Finsterwalder.

Die Inschriften fassen Sinn und Widmung des Ortes zusammen: An der Westseite der Deckenplatte steht „Sie werden auferstehen“, an der Ostseite „Unseren Gefallenen“. Im Innenraum findet sich die Widmung des Bayerischen Kriegerbundes „den 13.000 gefallenen Heldensöhnen der Stadt München 1914–1918“. Nach Kriegsbeschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal in vereinfachter Form ohne die ursprünglich angebrachten Namen der Gefallenen wiederhergerichtet; die Namenslisten gingen verloren. Zugleich ergänzte man im Innenraum eine zusätzliche Widmung für die Opfer der Jahre 1939–1945 (Gefallene, Vermisste und Luftkriegsopfer Münchens). Damit wurde der Gedenkort in der Nachkriegszeit bewusst auf beide Weltkriege bezogen.

Ein prägnantes Detail der Rezeptionsgeschichte betrifft die Materialgeschichte der Skulptur: Bleekers Figur des toten Soldaten war ursprünglich aus rotem Marmor gearbeitet. 1972 ersetzte man sie aus konservatorischen und sicherheitlichen Gründen durch einen Bronzeabguss, das Marmoralter befindet sich seitdem im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt. Diese Maßnahme bewahrte das künstlerische Erscheinungsbild am Ort und schützte zugleich das empfindlichere Original.

Städtebaulich und erinnerungskulturell wirkt das Kriegerdenkmal als stiller Gegenpol zur repräsentativen Architektur ringsum: Der Besucher steigt von der offenen Gartenfläche in eine vertiefte, kühle Gedenkarchitektur hinab, die bewusst Konzentration und Innenschau fördert. Durch seine klare Formensprache und die liegende Figur fand das Münchner Denkmal in der Zwischenkriegszeit weite Beachtung; Motive wurden in zahlreichen Kriegerdenkmälern im süddeutschen Raum aufgegriffen – oft sogar mit der Münchner Inschrift „Sie werden auferstehen“. Bis heute steht die Anlage unter Denkmalschutz und bildet, unmittelbar hinter der Staatskanzlei gelegen, einen der eindrucksvollsten Gedenkorte der Stadt, an dem künstlerische Qualität, architektonische Strenge und die Mahnung gegen das Vergessen zusammenkommen.

München verdient die Olympischen Spiele – Ein Plädoyer aus meinem Herzen

26. Oktober 2025

Nein, ich kann am Sonntag als Nicht-Münchner nicht abstimmen, habe aber eine klare Meinung zu den möglichen Olympischen Spielen in der bayerischen Landeshauptstadt. Meine Geburtstadt war voller Werbung, die um Zustimmung werben. Am Schönsten fand ich eine Neufassung des Olympia-Waldis auf dem Marienplatz. Otl Aicher wäre beim Neudesign seines Waldis zwar wohl nicht erfreut gewesen, aber der Waldi ist für mich das Symbol für Olympia in München 1972.

Es gibt Momente im Leben einer Stadt, in denen sich die Gelegenheit bietet, über sich hinauszuwachsen, der Welt etwas Besonderes zu zeigen und gleichzeitig sich selbst neu zu erfinden. Für München ist die Bewerbung um die Olympischen Spiele genau so ein Moment, und ich stehe mit ganzem Herzen hinter diesem Vorhaben. Natürlich darf man das Hirn nicht außer Acht lassen, aber ich spreche hier erst mal mit dem Herzen.

München hat bereits 1972 bewiesen, dass es Olympia kann – und zwar mit einer Leichtigkeit und Lebensfreude, die bis heute nachhallt. Die damals geschaffene Infrastruktur, vom ikonischen Olympiapark bis zu den Sportstätten, wird noch immer intensiv genutzt und geliebt. Das ist kein museales Relikt, sondern lebendiges Erbe, das zeigt, wie nachhaltig diese Stadt denkt. Wenn München heute erneut die olympische Fackel tragen möchte, dann nicht aus Nostalgie, sondern mit dem Selbstbewusstsein einer weltoffenen, modernen Metropole, die weiß, wie man große Ereignisse mit Herz und Verstand umsetzt. Aber bitte mit besseren Sicherheitskonzept.

Was mich besonders begeistert, ist die Vision hinter dieser Bewerbung. Es geht nicht darum, gigantische neue Arenen aus dem Boden zu stampfen, die später leer stehen. München will zeigen, dass Olympische Spiele im 21. Jahrhundert anders funktionieren können – nachhaltig, bürgernah und mit Respekt vor den vorhandenen Ressourcen. Die Stadt würde auf bestehende Sportstätten setzen, sie klug modernisieren und damit ein Zeichen setzen für eine neue, verantwortungsvolle Art, solche Großereignisse zu gestalten.

Und dann ist da dieser olympische Geist, der Menschen aus aller Welt zusammenbringt. Ich stelle mir vor, wie München zu einem Treffpunkt der Nationen wird, wie die Isar zur Flaniermeile für Athleten und Gäste aus allen Kontinenten, wie in den Biergärten nicht nur Bayerisch, sondern Dutzende Sprachen zu hören sind. Diese Stadt, die bereits so international und weltoffen ist, würde für ein paar Wochen zum Herzen der Welt schlagen. Was für eine wunderbare Vorstellung! Ich bin bei einer möglichen Austragung bereits ein alter Mann, werde mich aber in die Stadt begeben und die ganze Sache genießen, so wie meine Eltern die Spiele von 1972 genossen haben.

Für die Menschen hier würde es eine Zeit der Inspiration bedeuten. Kinder würden mit leuchtenden Augen zu Wettkämpfen gehen und davon träumen, selbst einmal auf dieser Bühne zu stehen. Familien würden gemeinsam die unterschiedlichsten Sportarten entdecken. Die ganze Stadt würde in einem positiven Taumel vereint sein, über alle sozialen und kulturellen Grenzen hinweg. Solche Momente prägen Generationen und genau das brauchen wir.

Auch wirtschaftlich und infrastrukturell würde München profitieren, ohne dass wir uns dabei in unverantwortliche Abenteuer stürzen müssten. Verbesserte Verkehrsanbindungen, modernisierte Sportstätten, neue Impulse für Tourismus und Wirtschaft – all das würde nachhaltig in der Stadt bleiben und den Menschen hier langfristig zugutekommen.

Deshalb sage ich Ja zu Olympia in München. Weil diese Stadt es kann, weil sie es mit Verantwortung tun würde, und weil wir alle verdient haben, noch einmal Teil von etwas so Großem, Verbindendem und zutiefst Menschlichem zu sein. Olympia in München wäre nicht nur ein Sportfest – es wäre eine Feier dessen, was uns als Menschen ausmacht: der Wunsch nach Exzellenz, nach friedlichem Miteinander und nach gemeinsamer Freude. Darauf freue ich mich von ganzem Herzen.

Wo der Wind Geschichten trägt – Mountain Son und die Seele des Folk – Privatkonzert in München

16. Oktober 2025

Mountain Son ist einer jener Musiker, bei denen man spürt, dass Musik kein Handwerk, sondern eine innere Stimme ist. Schon beim ersten Ton bei einem Privatkonzert in München legte sich eine warme Erdigkeit über die Klänge, als würde jemand die Seele der Landschaft greifen – Berge, Wälder, ferne Täler – und sie in Melodien verwandeln.

Seine Songs haben nichts Lautes, nichts Aufdringliches. Sie atmen vielmehr eine stille Kraft, wie ein Lagerfeuer in der Dämmerung oder der Moment, wenn Nebel vom Hang aufsteigt und das Tal langsam seine Konturen verliert.

Was Mountain Son auszeichnet, ist diese tiefe Ehrlichkeit im Ausdruck. Er spielt nicht, um zu beeindrucken – er spielt, um zu erzählen. Man hört in seinen Tönen die Spuren vergangener Wege, den Wind, der Geschichten trägt, und manchmal auch den Schmerz, der sich in leisen Gitarrenakkorden versteckt. Seine Musik verbindet Folk mit Blues und einem Hauch Country, doch sie ist mehr als ein Stilgemisch: Sie ist Bekenntnis, Meditation, Erinnerung.

Mountain Son ist ein Singer-Songwriter mit Wurzeln in den USA, der heute zwischen Nashville, Tennessee, und seiner musikalischen Heimat pendelt. Er schöpft aus dem reichen Erbe der amerikanischen Roots-, Blues- und Countrymusik und übersetzt diese Traditionen in eine sehr persönliche, zeitlose Stimme.

Seine musikalische Reise begann früh: Geboren am Fuße der Rocky Mountains, wuchs er zunächst klassisch auf – bereits mit neun Jahren spielte er Werke von Mozart, Beethoven und Brahms in Jugendorchestern. Doch ein Baseballunfall mit Verletzung am rechten Arm brachte eine Wende: Er legte die Bratsche zur Seite und entdeckte in der Zeit eine Akustikgitarre im Keller seiner Familie. Mit ihr begann seine Reise in die Welt des Songwritings.

Heute steht Mountain Son für Reduktion und Echtheit: Kein Showeffekt, kein überbordender Arrangement-Schnickschnack – seine Musik lebt von Stimme, Gitarre (oft mit Slide oder Resonator) und dem klaren Blick auf das Songwriting selbst. Im Münchner Privatkonzert spielte er auf der Resonator. Seine Einflüsse sind dabei vielfältig: Legenden wie Robert Johnson, Mississippi John Hurt, Willie Nelson, Bob Dylan oder Bonnie Raitt fließen in seinen Stil ein.

Seit 2019 hat er über 500 Konzerte in Nordamerika und Europa gegeben und Bühnen mit Künstlern wie Ramblin’ Jack Elliott und Willie Watson geteilt. Seine Tourneen führten ihn durch die USA, Kanada, Dänemark, Schweden, Belgien, die Niederlande, Deutschland, die Schweiz, Italien und Österreich. Ich habe ihn auf einem Privatkonzert in München gesehen und war begeistert.

Neben seiner Soloarbeit ist Mountain Son auch Mitbegründer der Bluegrass-Band The Muddy Souls, in der er als Sänger, Banjo-Spieler, Gitarrist, Produzent und Toningenieur mitwirkt. Sein gemeinschaftlicher Ansatz mit der Band zeigt seine Verbindung zu Roots, Gemeinschaft und musikalischer Zusammenarbeit.

Seine Diskografie umfasst mehrere Alben mit eigenem Material – stets getragen von dem Motto: drei Akkorde, Groove und Wahrheit. Er plant kontinuierlich neue Veröffentlichungen und überarbeitet ältere Werke, um sie neu aufzubereiten und noch lebendiger zu machen.

Mit seiner Musik stellt Mountain Son eine Brücke her: Zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Nordamerika und Europa, zwischen musikalischer Tiefe und unmittelbarer Nähe. Wer ihn live erlebt, spürt schnell, dass hier kein Künstler Konzepte ausbreitet, sondern seine eigenen Empfindungen, sein Herz und seine Geschichten einsetzt – ganz schlicht, aber mit großer Wirkung.

Oktoberfest 2025: Innungsschießen im Armbrustschützenzelt

4. Oktober 2025

Mein persönlicher Abschluss des diesjährigen Oktoberfestes war am Tag der Deutschen Einheit und mein Besuch des Innungsschießens im Armbrustschützenzelt.

Ich arbeite als PR-Fuzzi für Handwerksorganisationen und konnte gleich zwei Kunden zum Highlight begleiten. Das Innungsschießen auf dem Münchner Oktoberfest gehört zu den traditionsreichsten Wettbewerben, die sich mitten im bunten Festbetrieb erhalten haben. Während ringsum Maßkrüge klingen, Kapellen aufspielen und die Wiesn von Volksfeststimmung erfüllt ist, herrscht im großen Holzbau der Schützenarena konzentrierte Ruhe und sportliche Spannung.

Organisiert wird dieses Ereignis vom traditionsreichen Schützenverein Finzerer Fändl, einer Münchner Institution, die seit Jahrhunderten eng mit der Pflege des Armbrustschützensports verbunden ist. Das Fändl, dessen Wurzeln bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, hält mit dem Innungsschießen einen lebendigen Bezug zu seiner historischen Bedeutung: Damals wie heute steht hier Kameradschaft, Präzision und Traditionspflege im Mittelpunkt. Seit 57 Jahren findet dieser Wettbewerb mit dem Schlachtruf „Gut Bolz“ statt.

Das Innungsschießen selbst versammelt alljährlich Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Münchner Handwerks-Innungen, die sich im Armbrustschützenzelt miteinander messen. Dieses Jahr waren es über 200 Handwerker. Es ist weit mehr als ein reiner Sportwettbewerb: Der Wettstreit spiegelt die Verbundenheit zwischen Handwerk, Brauchtum und der Münchner Stadtkultur wider. Jede Innung tritt mit eigenen Mannschaften an, deren Mitglieder nicht selten Schützen in mehreren Generationen stellen. Mit großer Ernsthaftigkeit wird dabei um Ringe und Plätze geschossen, doch der gesellige Austausch, die Pflege der Freundschaften zwischen den Innungen und die gemeinsame Feier im Anschluss machen mindestens genauso viel vom Reiz dieses besonderen Ereignisses aus.

Das Armbrustschützenzelt bietet dafür die perfekte Kulisse. In dem festlich geschmückten Zelt herrscht eine einzigartige Doppelatmosphäre: Auf der einen Seite der Trubel des Festzelts mit Musik, Bier und bayerischer Küche, auf der anderen Seite der Bereich, in dem Wettkampfordnung, absolute Ruhe und Konzentration gelten.

Besucher können so die besondere Spannung miterleben, die entsteht, wenn mitten auf der größten Volkswiese der Welt auf höchstem Niveau geschossen wird.

Dass das Finzerer Fändl Ausrichter des Innungsschießens ist, verleiht der Veranstaltung noch eine tiefere historische Dimension. Der Verein, dessen Mitglieder in kunstvoller historischer Tracht auftreten und der selbst noch immer eng mit Münchner Stadtgeschichte verbunden ist, versteht es, das Innungsschießen zwischen Sport und historischer Erinnerung zu verankern. Für viele Schützen ist es eine Ehre, im Oktoberfesttrubel um die begehrten Innungs-Ehrenpreise anzutreten.

Auf diese Weise hat sich das Innungsschießen zu einem festen Baustein im vielschichtigen Geflecht der „Wiesn“ entwickelt. Es steht für eine eher stille, traditionsbewusste Facette des Oktoberfestes, die im Schatten der großen Fahrgeschäfte und Bierpaläste oftmals leicht übersehen wird, aber zu den tiefsten Schichten des Münchner Brauchtums gehört. Wer im Armbrustschützenzelt beim Innungsschießen verweilt, spürt, dass das Oktoberfest eben nicht nur ausgelassene Feier, sondern immer auch Spiegel der kulturellen Wurzeln Münchens ist – und dass es gerade diese lebendigen Traditionen sind, die das Fest so unverwechselbar machen.

Meine Kunden und ich hatten ihren Spaß, kamen aber nicht unter den Siegern. Aber nach dem olympischen Motto war die Teilnahme schon eine Ehre. Übrigens, da ich kein Handwerker bin, habe ich natürlich nicht mitgeschossen.

Damit endet für mich das Oktoberfest 2025, das auch von einem möglichen Attentat und von einer überfüllten Theresienwiese geprägt war. Ich erinnerte mich immer an das schreckliche Wiesn-Attentat von 1980 und werde dieses Jahr dazu ein Seminar dazu machen. Infos über meinen Newsletter.
Während das Oktoberfest noch zwei Tage weitergeht, widme ich mich anderen Dingen, sortiere die Wiesnfotos und schwöre dem Alkohol ab.

Oktoberfest 2025: Die Wiesn ist kein Fasching – wenn Münchens Herz im Karnevalslärm zu ersticken droht

29. September 2025

Es ist jedes Jahr das gleiche Trauerspiel, kaum öffnet die Wiesn ihre Tore, kommen sie aus allen Ecken, aus den Großstädten und dem Flachland, und verwandeln Münchens traditionsreichstes Fest in einen Kostüm- und Mottoparty-Wettbewerb, als hätten sie den letzten Rosenmontag verpasst. Statt Respekt vor dem Kulturgut zu zeigen, werfen sich manche Besucher in billige Faschings-Dirndl, Neonperücken und Plüschhüte, die eher nach Karneval im Rheinland aussehen – als wäre die Theresienwiese bloß die Vorhut zum Kölner Umzug.

Masken, Tierkostüme, grell geschminkte Gesichter und alberne Accessoires bestimmen das Bild am Tisch – und nach der dritten Maß mutiert die Feierlaune endgültig zur Narrenfreiheit. Was in den Augen der einen „witzig“ erscheint, sorgt am Nachbartisch für mitleidiges Kopfschütteln und schnelles Zusammenrücken: Münchens Stolz auf gepflegte Brauchtumskultur wird übertüncht von einer Karnevalslaune, die weder zur Tradition noch zum Charakter des Oktoberfests passt.

Die Wiesn ist eben nicht Fasching! Während beim Karneval die Narren das Regiment übernehmen, ist das Oktoberfest ein Volksfest mit jahrhundertealter Geschichte, in dem Tracht nicht bloß Verkleidung, sondern Ausdruck regionaler Identität und Respekt vor der eigenen Herkunft ist. Wer meint, mit quietschebunten Dirndln, Pseudo-Bauern-Outfits und blinkenden Plastikaccessoires die Atmosphäre aufzupeppen, beleidigt alle, die Tracht bewusst und mit Stolz tragen.

Es ist bezeichnend, dass sich der Liedgut-Mix inzwischen angleicht: Wo früher noch Blasmusik und ehrliche Volkslieder erklangen, tobt nun die Polonäse, und der Partyhit-Soundtrack treibt die Massen zum Mitgrölen wie auf jedem beliebigen Karneval. Das eigentliche Lebensgefühl des Oktoberfests droht dabei, unter einer Schicht aus Faschingsmummenschanz und Travestie zu verschwinden – und das größte Traditionsfest Bayerns wirkt zunehmend wie ein übergroßer Ballermann für Maskenliebhaber.

Und zu den Schuhen sag ich besser gar nichts mehr. Ich kann die Sneakers nicht mehr sehen. Und sagt jetzt nicht, ich sei alt und engstirnig. Ich bin es in diesem Fall.