Große Lücke zwischen Schule und Wirtschaft muss geschlossen werden

18. August 2023

Ich bin kein unbedingter Freund von Andrea Nahles, aber ich würdige es als Demokrat, wenn sie oder andere sinnvolle Beiträge abgeben, die ich unterschreiben kann. Wie unlängst wieder geschehen. Ich halte meinen Blog in der Regel frei von Politik und Religion, aber melde mich dann und wann zu Wort, wenn ich es für richtig halte.

So wie jetzt: Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, fordert eine bessere Vorbereitung von Schülerinnen und Schülern auf die Arbeitswelt. Sie sagte, dass in den Schulen die Berufsorientierung und Berufsvorbereitung der Kinder und Jugendlichen früher beginnen müsse. Damit hat die Frau absolut recht. Ich bin beruflich viel an Schulen, meine beiden Kinder haben Schulen durchlaufen und ich arbeite viel, sehr viel für Mittelstandskunden. Und hier gibt es eine große Lücke zwischen Schule und Wirtschaft.

Für mich steht fest: Schule hat sich von dem Wirtschaftsleben und der wirtschaftlichen Realität sehr weit entfernt, die eine Schulart mehr, die andere weniger. Schüler wissen oftmals gar nicht, wie Wirtschaft funktioniert. Das Produkte und Dienstleistungen erarbeitet werden müssen und das Geld nicht einfach so vom Staat kommt. Viele Jugendliche sind völlig überrascht und überfordert, wenn sie mit dem Wirtschaftsleben konfrontiert werden. Das fängt mit klassisch Rechnen und Schreiben an und endet bei einfachen wirtschaftlichen Zusammenhängen.

Ich arbeite unter anderem für das bayerische Friseurhandwerk und auch für eine lokale Bäckerei und betreue dort die Social Media Kanäle in Instagram, Facebook und YouTube. Und dort habe ich viel mit Nachwuchswerbung zu tun. Mein engagierter Bäckermeister und seine Frau arbeiten mit ihrer Familie Tag und Nacht und sind ein hervorragender Ausbilungsbetrieb. Immer wieder gehe ich auf Termine in Schulen mit und bin mit der Ahnungslosigkeit von Jugendlichen konfrontiert.

Die Lehrerschaft muss den Stoff ihres Lehrplans durchbekommen unter zum Teil schwierigen Verhältnissen und jede Interessengruppe fordert, dass ihr Anliegen berücksichtigt wird. In meiner Kindheit gab es in der Grundschule Handarbeit und Werken. Ich hätte gerne am Gymnasium auch Sachen wir Hauswirtschaft gelernt, aber es gab eher Latein oder Altgriechisch. Wichtig für die Wissenschaft (vielleicht).
Auffallend ist nach den Worten von Nahles beispielsweise, dass in Gymnasien und Förderschulen die Berufsvorbereitung oft nur eine geringe Rolle spiele. So sei ein obligatorisches Praktikum zu wenig. Nahes wünsche sich mehr Verbindlichkeit in den Lehrplänen der Länder. Ein Tag des Handwerks im Jahr bei uns in Bayern ist ja nett, aber eigentlich nur ein Feigenblättchen.
Ich will keine Schuldzuweisungen, aber ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit. Viele Bürojobs – irgendwas mit dem Computer – wird künftig mehr und mehr von der KI erledigt.

Ganz wichtig ist aber Ehrlichkeit: Kinder sind unsere Zukunft und wir müssen an dieser Zukunft ehrlich arbeiten. Hier ein paar Gedanken als Anregung: Die Vorbereitung von Schülern auf das Berufsleben ist für mich ein wichtiger Aspekt der Bildung. Es ist wichtig, dass diese Maßnahmen auf die Bedürfnisse der Schüler und die Anforderungen der sich wandelnden Arbeitswelt abgestimmt sind. Eine umfassende und ganzheitliche Herangehensweise an die Berufsvorbereitung kann dazu beitragen, dass Schüler besser auf ihre zukünftigen beruflichen Herausforderungen vorbereitet sind. Hier sind einige Möglichkeiten, wie man Schüler besser darauf vorbereiten kann:

Berufsberatung und -orientierung
Frühzeitige Berufsberatung kann Schülern helfen, ihre Interessen, Stärken und Fähigkeiten zu erkennen. Schulen können Berufsberater einbeziehen, um Schülern bei der Erkundung verschiedener Berufsfelder zu helfen.

Praktika und Jobshadowing
Praktika und Jobshadowing ermöglichen es Schülern, Einblicke in verschiedene Berufe zu gewinnen, indem sie direkt am Arbeitsplatz Erfahrungen sammeln. Dies hilft ihnen, die praktische Seite von Berufen zu verstehen. Jobshadowing, auch als „Schattenarbeit“ oder „Jobbegleitung“ bekannt, bezieht sich auf eine Methode der beruflichen Vorbereitung, bei der ein Schüler die Möglichkeit hat, einen Tag oder eine bestimmte Zeitperiode mit einem erfahrenen Fachmann in einem bestimmten Berufsfeld zu verbringen. Während dieser Zeit „schattet“ die Person praktisch den Berufstätigen, indem sie ihm oder ihr bei der Arbeit folgt, Fragen stellt und Einblicke in den Alltag und die Verantwortlichkeiten des Berufs erhält.
Das Hauptziel des Jobshadowings besteht darin, aus erster Hand zu erleben, wie die Arbeitswelt eines bestimmten Berufs aussieht. Dies kann eine wertvolle Gelegenheit bieten, die praktischen Aspekte, die Herausforderungen und die Dynamik eines Berufs kennenzulernen, bevor man sich für eine bestimmte Karriereentscheidung entscheidet.

Berufsausbildung
Schulen können Berufsausbildungsprogramme in Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen anbieten. Diese Programme können Schülern praktische Fähigkeiten und Fachwissen vermitteln, die in bestimmten Berufsfeldern benötigt werden.

Projektbasiertes Lernen
Durch projektorientiertes Lernen können Schüler Fähigkeiten wie Teamarbeit, Problemlösung und Kommunikation entwickeln. Solche Fähigkeiten sind im Berufsleben äußerst wichtig. Meine Kinder haben davon kaum etwas in der Schule gemacht.

Finanzkompetenz
Schüler sollten grundlegende Finanzkenntnisse erwerben, wie z.B. Budgetierung, Steuern, Sparen und Investieren. Diese Fähigkeiten sind für eine erfolgreiche finanzielle Zukunft unerlässlich.

Soft Skills
Neben Fachwissen sind Soft Skills wie Kommunikation, Zusammenarbeit, kritisches Denken und emotionale Intelligenz entscheidend für den Erfolg im Berufsleben. Schulen können diese Fähigkeiten durch interaktive Aktivitäten und Gruppenprojekte fördern.

Digitale Kompetenz
In der heutigen digitalen Welt sind grundlegende Kenntnisse in der Nutzung von Computern, Software und digitalen Tools unerlässlich. Schüler sollten in diesen Bereichen geschult werden.

Entrepreneurship-Erziehung
Die Förderung unternehmerischer Denkweise kann Schülern helfen, kreativ zu denken, Chancen zu erkennen und Lösungen für Probleme zu finden. Schulen könnten Workshops oder Kurse zum Thema Unternehmertum anbieten.

Berufsvorbereitende Kurse
Schulen könnten spezifische Kurse anbieten, die Schüler auf bestimmte Berufsfelder vorbereiten, sei es in den Bereichen Technik, Medizin, Kunst oder Handwerk.

Mentoring
Die Einbindung von Fachleuten aus verschiedenen Berufsfeldern als Mentoren kann den Schülern wertvolle Einblicke und Anleitung bieten.

Kommunikation mit Eltern
Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Eltern ist wichtig, um sicherzustellen, dass Schüler sowohl in der Schule als auch zu Hause auf das Berufsleben vorbereitet werden.

Flexibles Lernen
Angesichts sich ständig verändernder Berufsanforderungen ist es wichtig, Schülern beizubringen, wie sie kontinuierlich lernen und sich anpassen können.

Musiktipp: Tangerine Dream – „Firestarter“ (1990) – Die Faszination der elektronischen Klanglandschaften

17. August 2023

Das Album „Firestarter“ von Tangerine Dream, das 1990 veröffentlicht wurde, markiert eine weitere bedeutende Etappe in der langen und beeindruckenden Karriere dieser Pioniere der elektronischen Musik. Inspiriert von Stephen Kings gleichnamigem Roman und der darauf basierenden Verfilmung von 1990, gelingt es der Band auf interessante Weise, die düstere und verstörende Atmosphäre des Stoffes in ein musikalisches Werk zu verwandeln. Ich habe noch die Vinyl und in einer Sammelbox eine CD-Ausgabe. Auch der Score von John Carpenter der Neuverfilmung kann sich hören lassen, aber mein Herz schlägt für TD. Über die Neuverfilmung habe ich hier gebloggt.

Schon der erste Track zieht den Hörer mit seinen kraftvollen, repetitiven Sequenzen in den Bann. Die Synthesizer bilden einen hypnotischen Sog, der den Zuhörer sofort in eine Welt voller Geheimnisse und Gefahren entführt. Die markanten elektronischen Klänge erzeugen eine unheimliche Stimmung, die perfekt zum Thema des Films passt und das Hörerlebnis in eine emotionale Achterbahnfahrt verwandelt.

Die Musik ist geschickt arrangiert und lässt den Hörer mitten in die Verfolgungsjagden und Verschwörungen eintauchen. Hier zeigt sich die außergewöhnliche Fähigkeit der Band, mit ihren Klängen eine lebhafte und bildhafte Erzählung zu schaffen.
Manches Mal kommt es einen vor, als ob man selbst in die Rolle des Protagonisten schlüpft und die unbändige Macht des Feuers spürt. Die Band beweist ihre Vielseitigkeit, indem sie auch ruhigere und melancholischere Töne erklingen lässt.
Insgesamt ist Tangerine Dreams Firestarter ein starkes Album, das die ikonischen Klänge und die einzigartige Atmosphäre der Band in ihrer späteren Blütezeit einfängt. Die Musik ist zeitlos und beweist, dass Tangerine Dream auch in den 1990er Jahren immer noch frische und innovative Ideen hatten. Für Fans elektronischer Musik ist dieses Album ein absolutes Muss und zeigt, warum Tangerine Dream als eine der einflussreichsten Bands im Genre gilt.

Kulturalarm: Alte Videospiele verschwinden

15. August 2023

Ja, ich bin ein Retrogamer und ich liebe diese alten Videospiele meiner Jugend. Und das zum Leidwesen meiner Ehefrau, denn Konsolen gibt es viele und Spiele noch viel mehr.

Im Zentrum meiner kleinen Sammlung steht aber das Atari 2600-System mit seine 8-Bit-Grafik und Sound in den schwarten Cartridges. Aber auch andere viele Retrokonsolen wohnen bei uns zu Hause und wollen bespielt werden. Im Moment zocke ich viel auf der PS1. Ich passe auf die Spiele gut auf. Ich lese viel über die Retrogames in Zeitschriften wie Retrogamer oder Return, dort erfahre ich viel über vergangenes.

ABER: Und jetzt lese ich alarmierende Zahlen: Rund 87 % der Videospiele, die vor 2010 in den USA herausgekommen sind, gibt es nicht mehr im Handel zu kaufen, sagt eine Studie der Video Game History Foundation. Klassiker des Commodore 64 sind nur noch zu 4,5 %, des Nintendo Game Boy zu 5,8 % und der PlayStation 2 zu 12 % erhältlich. Ich muss mir die Studie genauer ansehen, aber sie scheint mir richtig und erschreckend zugleich.

Natürlich gibt es Retrosysteme im neuen Gewand oder Emulatoren auf Konsolen wie die Evercade oder Retron77, die ich beide sehr schätze. Gerade Evercade hat es sich zur Aufgabe gemacht viele Retrospiele auf die Handheld-Konsole zu Portieren. Das ist löblich, aber natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, dann Hunderte, wenn nicht gar Tausende Spiele erblicken nicht mehr das Tageslicht und der Schatten des Vergessens legt sich über die Veröffentlichungen.

Ziehen wir mal einen Vergleich zu einem anderen Kulturgut, das ich sehr schätze. Nehmen wir den Film. Vieles hat sich für den Heimanwender erhalten, nur die Dareichungsform hat sich bei mir geändert. Super 8, VHS/Beta/Video2000, Laserdisc, DVD, Bluray, 4K UDH, Streaming und was es noch so gibt. Der Inhalt hat Bestand, nur die Vetriebsform hat sich geändert.
„Stellt euch vor, die einzige Möglichkeit, Titanic zu sehen, bestünde darin, eine gebrauchte VHS-Kassette zu finden und euer eigenes altes Equipment zu pflegen, um den Film trotzdem ansehen zu können“, heißt es im Fazit der Studie. „Es klingt verrückt, aber das ist die Realität, in der wir mit Videospielen leben, einer 180 Milliarden Dollar schweren Industrie, während die Spiele und ihre Geschichte verschwinden.“

Habt ihr eine Lösung für das Problem? Ist es überhaupt für euch ein Problem? Meinung gerne in die Kommentare.

Vielleicht aktuelle Zahlen, wie es um den Stand der Industrie in Deutschland steht. Insgesamt 908 deutsche Unter­nehmen sind in die Entwicklung oder den Vertrieb von Video­spielen involviert, sagt der Branchen­verband Game. Das sind 15,5 % mehr als bei der jüngsten Erhebung. Die Zahl der Beschäftigten steigt um 7 % auf 11.992. Grund für das Wachstum sind demnach Förder­mittel des Bundes­wirtschafts­ministerums.

Das Cabinet des Dr. Caligari – Rückblick auf meine Matinee

14. August 2023

Es gibt Filme, die haben aus dem Stand heraus Filmgeschichte geschrieben und die Zeit überdauert. Dazu gehört der das Meisterwerk Das Cabinet des Dr. Caligari. Ich durfte im Scala Kino Fürstenfeldbruck meine monatliche Matinee zu diesem Klassiker durchführen.

Der Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ aus dem Jahr 1920 gilt als ein Meilenstein der Filmgeschichte und des deutschen Expressionismus. Der Film zählt zu den wichtigsten Filmen der Kinogeschichte. Seine ungewöhnliche expressionistische Ausstattung war ein Novum weltweit – und legte den Grundstein für den international erfolgreichen deutschen Film des Weimarer Kinos.

egisseur Robert Wiene und das Drehbuch von Hans Janowitz und Carl Mayer präsentierten dem Publikum eine bahnbrechende visuelle und erzählerische Ästhetik, die den Film nachhaltig prägte. Am nächsten Sonntag, 20. August zeige ich in der Matinee den 1974 gedrehten Terrorfilm The Texas Chainsaw Massacre in der angeschnittenen Fassung. Karten gibt es hier.
Im Video hier meinen Vortrag zu Das Cabinet des Dr. Caligari. Die Bedeutung von Das Cabinet des Dr. Caligaril iegt in mehreren Aspekten:

Expressionistische Ästhetik
„Das Cabinet des Dr. Caligari“ war einer der ersten Filme, der den Expressionismus im Film etablierte. Die expressionistische Bewegung, die in der Kunst und Literatur der Zeit aufkam, betonte verzerrte Formen, starke Kontraste und surreale Darstellungen, um die psychologischen Zustände der Charaktere zu verdeutlichen. Der Film nutzte expressionistische Sets mit schiefen Linien, schattigen Ecken und abstrakten Designs, um eine unheimliche und verstörende Atmosphäre zu schaffen.

Handlung und Erzählstruktur
„Das Cabinet des Dr. Caligari“ beeinflusste die Entwicklung des filmischen Erzählens. Der Film wird aus der Perspektive eines Ich-Erzählers erzählt, der die Geschichte rückblickend präsentiert. Zudem enthält der Film eine Rahmenhandlung, die die Interpretation der Ereignisse in Frage stellt und das Publikum dazu anregt, über die Natur der Realität nachzudenken. Diese nicht-lineare Erzählstruktur und die Manipulation der Wahrnehmung des Zuschauers hatten einen nachhaltigen Einfluss auf spätere Filme.

Psychologischer Horror
„Das Cabinet des Dr. Caligari“ gilt als einer der ersten bedeutenden Horrorfilme der Geschichte. Die Geschichte dreht sich um einen unheimlichen Jahrmarktsdirektor, der einen schlafenden Somnambulen dazu bringt, Morde zu begehen. Der Film erkundet Themen wie Wahnsinn, Manipulation und die Verbindung zwischen Traum und Realität. Er legte den Grundstein für das Genre des psychologischen Horrors und inspirierte zahlreiche Regisseure, darunter Alfred Hitchcock.

Einfluss auf die internationale Filmindustrie
„Das Cabinet des Dr. Caligari“ wurde zu einem großen Erfolg im In- und Ausland. Durch seine einzigartige Ästhetik und Erzählweise erregte er Aufmerksamkeit und wurde zum Vorbild für viele Regisseure weltweit. Der Film hatte einen besonders starken Einfluss auf den deutschen Expressionismus und prägte die Entstehung einer eigenständigen deutschen Filmtradition. Darüber hinaus beeinflusste er die Entwicklung des Horrorfilms und des filmischen Erzählens insgesamt.

Dracula im Film (35): Die letzte Fahrt der Demeter

11. August 2023

Endlich, endlich wieder ein Dracula, den wir als Fan ernst nehmen können: atmosphärisch dicht, schonungslos brutal – ein Film, der den Fürst der Finsternis viel Ehre macht. Die letzte Fahrt der Demeter ist ein gelungenes Kammerspiel, ein Spiel mit Beklemmung und Angst. Vielleicht eine Art Alien auf einem Segelschiff, nur dass das Alien Dracula ist und das Schiff Demeter statt Nostromo heißt.

Und ab jetzt kommen Spoiler.
Der Film von André Øvredal hält sich im großen und ganzen an die literarische Vorlage von Bram Stoker. Er beschreibt die Reise Draculas von Transsilvanien nach London. 24 Kisten mit Erde werden im Bauch der Demeter verladen, darunter auch eine Kiste mit dem Drachen-Symbol des Grafen. Das Schiff nimmt die Reise auf und die Besatzung wird Zug um Zug dezimiert. Das Logbuch des Captains zeugt vom verzweifelten Kampf gegen das blutrünstige Monster, gegen die Vorurteile der Seemänner und deren Ängste. Es ist auch ein Kampf der Wissenschaft in Person des Arztes mit dem religiösen Glauben und Aberglaube – wunderbar eingefangen, ohne dass eine Partei bloßgestellt oder gar lächerlich gemacht wird.

Es ist ein ernsthafter Film ohne den üblichen überflüssigen Comic-Relief-Jokes. Vielleicht ein wenig zuviel Jump Scares zu Beginn, aber erträglich um die Atmosphäre nicht zu zerstören. Bei Erfolg des Films wird eine Fortsetzung in der Carfax Abbey angedeutet- zu wünschen wäre es der Produktion. Der Graf mit Wolfstock und Fledermaus-Ohren.

Dracula selbst ist kein Gentleman wie Bela Lugosi, Christopher Lee oder gar Frank Lagalla. Dracula ist eine erschreckende Hommage an die Nosferatu-Darstellungen von Friedrich Wilhelm Murnau oder Werner Herzog – Max Schreck und Klaus Kinski sind gegenwärtig, aber ohne deren romantischen Leidenschaft.

Vielleicht zeigt sich hier mehr der erbarmungslose Vampir aus Brennen muss Salem gemischt mit einer Fledermaus. Der Spanier Javier Botet spielt Dracula. Auch die Opfer des Grafen werden zu Dienern gemacht. Ihre Vernichtung durch die Sonne tut dem Zuschauer richtig weh und ist eindrucksvoll gemacht.

Interessant ist, dass der Film die Regel bringt, dass sympathische Kinder und treue Tiere in einem Film immer davonkommen. Da hilft ihnen auch ein Kreuz als christliches Symbol gegen Vampire nichts. Sehr schön ist die Szene als ein Diener des Grafen die Tür zur Kabine des Kapitäns mit dem Kopf einschlägt und den Kopf hereinsteckt. Hier habe ich nur noch den Ausruf „Here’s Johnny“ erwartet, dann wäre die Hommage an Shining perfekt gewesen. Solche Anspielungen finden sich im ganzen Film, der meines Erachtens zu sehr mit der geringen Tiefenschärfe spielt, so dass der Hintergrund unscharf wird und Dracula dort herumwandern kann. Toll ist aber die expressionistische Atmosphäre, der Einsatz von Schatten und Wolken. Hier kommt ganz der alte Murnau durch und ich hab es genossen. 1922 noch in schwarzweiß, heute in blassen Farben, als ob Herzog daran beteiligt war.

Aus der literarischen Vorlage, Diener ein paar Seiten umfasst, wurde ein ganzer Spielfilm. Ich hab mir die Geschichte vor dem Filmbesuch noch einmal in der Coppenrath-Schmuckausgabe nachgelesen. Hier das Video zu dieser Dracula-Ausgabe.

Da haben Drehbuchautor Bragi F. Schut und Regisseur André Øvredal noch einiges an Stoff gebraucht, um die Geschichte aufzublasen. Neu hinzu kommen beispielsweise der Held des Films, der Schiffsarzt Clemens (Corey Hawkins) sowie die Frau Anna (Aisling Franciosi) an seiner Seite. Sie ist eine Art Reiseproviant für Dracula, der gleich mal in die Kisten von Dracula dazu gepackt wurde.

Der Score wurde von Bear McCreary beigesteuert. Er ersetzte Thomas Newman, aus welchem Grund auch immer. Ich bin kein so richtiger Fan von McCreary, der sich einen Namen durch TV-Produktionen gemacht hat. Aber vielleicht muss ich mich noch reinhören. Den Score habe ich bisher nur als Stream entdeckt ud hoffe auf eine Vinyl-Veröffentlichung.

Für mich ist der Film ein absoluter Muss für Fans des Grafens. Endlich mal ein Horrorfilm, der ernsthaft daherkommt.

Erinnerungen an Robbie Robertson

10. August 2023

Und wieder ist einer meiner musikalischen Helden verstorben. Mit 80. Jahren verschied der Sänger, Komponist und Gitarrist Robbie Robertson. Der Name wird nur Insidern bekannt sein, für mich war er einer der Großen im Musikzirkus.

Richtig bekannt wurde er als Mitglied von The Band, die einst die Begleitband von Bob Dylan war, aber sich auch für die US-amerikanische Musikgeschichte einen großen Namen gemacht haben. Das Abschiedskonzert The Last Walz ist bis heute legendär und ich habe bereits darüber gebloggt.

Aber auch als Solo-Künstler habe ich Robbie Robertson zu schätzen gelernt. 1987 kam sein ersten Solo-Album Robbie Robertson auf den Markt, darunter der Song Fallen Angel. Dieser Song ist eine Erinnerung an Richard Manuel, der zusammen mit Robbie Robertson zu den Gründungsmitgliedern von The Band gehörte. Manuel, der Pianist und manchmal auch Sänger der Band war, wurde am 4. März 1986 erhängt im Badezimmer eines Motelzimmers in Winter Park, Florida, gefunden. Immer wenn ich den Song höre, komme ich ins Grübeln.

Sein zweites Solo-Album Storyville aus dem Jahr 1991 hat mich während einer Dienstreise nach New Orleans begleitet. Ich hatte 2002 meinen ersten iPod erworben und durfte später nach New Orleans auf die Siggraph. Auf der Festplatte des MP3-Players waren zwei Künstler, die ich in dieser interessanten Stadt ausschließlich gehört habe: Voodoo-Meister Dr. John und das Album Storyville von Robbie Robertson. Es dreht sich teilweise um den Rotlichtbezirk der Stadt. Die weiteren Alben von Robertson habe ich mir zwar gekauft, aber immer weniger gehört. Er hat noch einige Soundtracks komponiert.

Zur Erinnerung an den Tod von Robbie Robertson höre ich das legendäre Album Musik from Big Pink von 1968, ein Klassiker der Rockmusik. Es wurde im Keller eines rosagestrichenen Hauses in Woodstock aufgenommen in dem die Band mit Bob Dylan musizierte. Und ich höre die legendären Basement Tapes von 1967, die revolutionären Kelleraufnahmen von Dylan und Band aus Big Pink, die eigentlich nie veröffentlicht werden sollten und als Bootleg auf den Markt kamen. 1975 kam die erste offizielle Veröffentlichung und 2014 kamen The Basement Tapes Complete und dann The Basement Tapes RAW endlich auf den Markt.

Das große Buh bei Sinéad O’Connor

9. August 2023

Die Sängerin Sinéad Marie Bernadette O’Connor ist tot und begraben. Ich komme jetzt erst dazu mir Gedanken über diese Frau zu machen. Die irische Sängerin starb im Alter von 56 Jahren in London. Wie ich lese, hat die Frau viel Leid in ihrem Leben erlebt. Ihr größter Hit war sicherlich die Prince-Komposition Nothing Compares 2 U aus dem Jahre 1990. Wenn ich ehrlich bin, habe ich sie aus den Augen verloren bis die Todesmeldung und jetzt das Begräbnis mir ins Mailpostfach flatterte.

Ich hatte ihre Karriere nicht auf den Schirm. Nur an einen Auftritt von Sinéad O’Connor erinnere ich mich genau. Es war das Jahr 1992 und Bob Dylan feierte am 16. Oktober 1992 sein 30jähriges Jubiläum bei seiner Plattenfirma Columbia mit vielen Stars. Ein Stelldichein der Superstars der Szene. Auch Sinéad O’Connor war dabei und sollte den Dylan-Song „I Believe In You“ singen.

Aber dazu kam es nicht. Ein paar Tage zuvor zerriss sie in der US-Satiresendung Saturday Night Live ein Bild vom Papst Johannes Paul II vor laufenden Kameras. Wie ich später gelesen habe: Als Protest gegen die schleppende Aufklärung in Sachen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Hier das Video und die Berichterstattung.

Dann sollte sie bei Dylan singen. Live und fassungslos verfolgte ich damals den Auftritt der Sängerin am Fernsehschirm. Das Konzert wurde live im Fernsehen übertragen. Ich war auf einem Seminar und machte es mir vor der Glotze bequem. Die Sängerin wurde von Kris Kristofferson vollmundig angekündigt: „Ich bin sehr stolz darauf, die nächsten Künstlerin vorzustellen, deren Name zum Synonym für Mut und Integrität wurde.“ Die junge Frau mit kahlgeschorenen Kopf trat vor das Mikrofon und wollte zu singen beginnen. Doch die US-Zuschauer im Madison Square Garden buhten, sie pfiffen sie gnadenlos aus. Sie hatten keinerlei Verständnis für die Aktion mit dem Papstfoto.

Das Buh und Geschrei war riesig. Sinéad O’Connor wartete ab, dann gab sie auf und riss sich die Kopfhörer aus den Ohren. Kris Kristofferson kam und tröstete sie mit den Worten „Lass dich von den Bastarden nicht unterkriegen“. Aber ein Singen war nicht möglich.

Nun, die streitbare Sinéad O’Connor sang nicht, sondern sie zitierte den Bob Marley Song „War“ voller Wut und Traurigkeit. Trotzig und voller Zorn schleuderte sie die Worte dem pfeifenden Publikum entgegen und ging stolz mit erhobenen Hauptes ab. Dann brach sie in Tränen aus und Kris Kristofferson nahm sie in den Arm. Das Video ist erschütternd.

In den ersten offiziellen Aufnahmen des Konzerts war Sinéad O’Connor nicht zu sehen und zu hören. Columbia veröffentlichte ein Doppelalbum ohne sie. Auch beim Bootleg des Konzerts war sie nicht dabei, aber dafür eine seltene Dylan-Aufnahme von Song to Woody, die Columbia aus technischen Gründen nicht veröffentlich hatte.

Auch bei der Doppel-VHS-Cassetten gibt es nichts von Sinéad O’Connor zu sehen. Die Gründe weiß ich nicht. Vielleicht wollte sich Columbia nicht mit den Fans anlegen.

Erst Jahre später wurde das Konzert auf CD und Bluray wiederveröffentlicht. Technisch deutlich optimiert und siehe da: Jetzt sind auf CD und Bluray die Probeaufnahmen von Sinéad O’Connor enthalten. Und wie wunderbar diese Frau singt. Es ist eine Schande, dass sie bei der Live-Übetrtagung nicht singen durfte aufgrund der Engstirnigkeit des Publikums.

Und damit sind wir bei einem sensiblen Punkt. Das ach so aufgeschlossene und progressive Publikum von Bob Dylan. Auch ich bin ein Fan, ein ziemlich großer Fan und ich muss mich natürlich auch an meine eigene Nase fassen.

Beim Nachdenken reflektierte ich als Dylan-Fan die Ereignisse von damals nochmals. Nicht nur Sinéad O’Connor bekam den Zorn der doch so aufgeklärten Dylan-Fans zu spüren. Wir erinnern uns: Der Meister selbst wurde von seinen eigenen Fans ausgebuht. Ich nenne nur Newport 1965 als Dylan elektrisch auf einem Folk-Festival spielte und dann nach einem riesigen Buh nochmals akustisch auf die Bühne zurückkam. Er will, brüllt er heraus, nicht mehr auf dieser Farm arbeiten. Klare Ansage des Künstlers an die Welt

Und dann kam die 1966-Tour mit Teilen der Band. Jeden Dylan Fan ist der Auftritt von 1966 in Gedächtnis. „Judas!“ war der berühmteste Zwischenruf der Musikgeschichte. Am 17. Mai 1966 in der Manchester Free Trade Hall kam es zum Vorfall, doch Dylan wies seine Begleitband an: „Fucking Loud“ zu spielen.
Dylan kennt sich also aus mit seinem Publikum. Es heißt, beim Auftritt von Sinéad O’Connor war er in der Garderobe und hat von dem Skandal nichts mitbekommen. Ich weiß es nicht. Dylan war in dieser Zeit eher abwesend als anwesend.

Ich nehm mir auf jeden Fall vor, ein paar Alben von Sinéad O’Connor mal anzuhören, denn eigentlich kenne ich nichts von dieser irischen Sängerin.

Erinnerungen an William Friedkin

8. August 2023

Mit 87 Jahren verstarb Regisseur William Friedkin. Die Medien und viele Filmfans haben über diesen Verlust geschrieben und auch ich war ein Fan dieses Ausnahmeregisseurs.

Vor kurzem habe ich zwei Präsenzseminare über William Friedkins Meisterwerk Der Exorzist durchgeführt. Dieser Film von 1973, der mittlerweile 50 Jahre auf dem Rücken hat, fasziniert mich noch immer durch seine Religiosität. Wenn die Wissenschaft versagt, dann hilft nur noch der Glaube. Diese Aussage war in den aufgeklärten Siebzigern und auch noch heute so revolutionär, so radikal, so einschneidend, so dass damals und heute ein wahrer Kulturkampf um diesen Film entbrannte. Der Horror in dem Film Exorzist war nur eine Seite, tiefer sitzt der unheilvolle Konflikt zwischen Glaube und Naturwissenschaft. Ich habe den Film als Wiederaufführung im Kino und auf Laserdisc das erste Mal gesehen und hatte Angst.

Mein Kollege Stefan Preis empfahl mir das Buch Besessen – In den Klausen des Bösen, dass sich um die drei Teile des Exorzisten und Friedkin selbst dreht.

Hier der Vortrag den ich auf der Matinee im Scala-Kino Fürstenfeldbruck über den Film der Exorzist gehalten habe als Aufzeichnung.

William Friedkin drehte auch andere Meisterwerke. Immer wieder muss ich auf French Connection zurückkommen. Ein Film, der Polizei in den USA anders zeigte, als ich sie bisher aus Filmen kannte. Seine Helden waren nicht der freundliche Helfer mit Herz in Uniform. Sie leiteten das zerrissene Amerika ein, das die Filmen der siebziger Jahre beherrschend würde. Nach French Connection war alles anders. Die ermittelnden Beamten waren heruntergekommene menschliche Wracks ohne Illusionen, die den Kriminellen es mit gleicher Härte heimzahlen. Und der Film wies eine enorme dokumentarische Dichte auf, kein Wunder, denn William Friedkin war gelernter Dokumentarfilmer. Und Friedkin wird für viele weitere Filme in der Erinnerung bleiben: Atemlos vor Angst (Sorcerer mit genialem Soundtrack von Tangerine Dream), Cruising oder auch Leben und Sterben in L.A. Lieber William Friedkin, vielen Dank für Ihr Werk. Wir Filmfreunde werden dieses Werk immer in Ehren halten.

Filmriss online – August 2023 – Infos und Meinung aus der Welt des Scala-Kinos

7. August 2023

Hier die neueste Folge meines Herzensprojekts Filmriss online. Jeden Monat spreche ich mit meinem Kumpel Markus Schmölz über neue Kinofilme und werfen einen Blick hinter die Kulissen des Kinos.

Dieses Mal ist der dritte Teil von The Equalizer, Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem und natürlich der neue Eberhofer Rehragout-Rendezvous im Mittelpunkt unseres Interesses. Ich darf ein wenig über den Soundtrack zu Firestarter von Tangerime Dream erzählen und wir freuen schon sehr auf die August-Matinee am 20. August im Scala Kino. Ich bespreche und zeige den Klassiker des modernen Terror-Films Blutgericht in Texas (Originaltitel: The Texas Chain Saw Massacre. Karten gibt es hier.

Eine Unsitte: Anmelden und reservieren und dann nicht erscheinen

6. August 2023

Natürlich kann es mal vorkommen, dass wegen Krankheit oder Schicksalsschlag jemand nicht zu einer Veranstaltung erscheint zu der er angemeldet ist. Aber ich habe das Gefühl, dass das Fernbleiben von einem Termin trotz verbindlicher Anmeldung und Zusage mehr und mehr einreißt.

Ich bemerke diese Unart immer mehr in meinem Umfeld und auch bei meinen eigenen Veranstaltungen. Die Plätze bei Präsenz-Veranstaltungen sind begrenzt und begehrt. Oft habe ich eine hohe Nachfrage und mehr Anmeldungen als Plätze. Und am Tage der Veranstaltung muss ich feststellen, dass einige der angemeldeten Personen nicht zu dem Termin erscheinen. Sie nehmen anderen Interessierten die Plätze weg und auch als Veranstalter sehe ich gegenüber Kooperationspartner nicht gerade vorbildlich aus. Das ärgert mich, denn es ist unkollegial und unsozial. Das sind so genannte No-shows.

No-show bezeichnet vor allem im Tourismus das Nichterscheinen Reisender trotz getätigter Buchung und ohne Ankündigung gegenüber dem Reiseveranstalter, der Fluggesellschaft, dem Beherbergungsbetrieb oder ähnlichen Unternehmungen.

Ich habe mal bei meinen Unternehmerfreunden herumgefragt. Sie bestätigen mir diesen Trend. Vor allem habe ich dieses Feedback aus der Gastronomie und dem Friseurhandwerk erhalten, bei letzteren zum Beispiel wenn es um hochwertige Brautfrisuren geht. Bei Gastronomen höhenwertiger Gastronomie ist es mir schon vorgekommen, dass bei der Reservierung meine Kreditkarten angeben musste und bei Nichterscheinen eine Summe eingezogen wird. Das ist vielleicht nicht kundenfreundlich, aber nur konsequent. Und: Es ist rechtlich nicht ganz einfach, wenn man es dann vor Gericht durchsetzen will. Besser vorher kassieren also später klagen. Durch eine Tischreservierung kommt kein Vertrag zustande. Bei dehoga-Bayern habe ich eine sehr gute Anleitung gefunden, die ich hier mal hinterlegt habe.

Und was mich überrascht: Auch bei Arztpraxen reißt die Unsitte ein. 70 Prozent der Arztpraxen in Deutschland haben Probleme mit Terminen, die nicht abgesagt werden. Das geht aus einer Online-Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hervor. Es sei mehr als ärgerlich, wenn Patienten Termine in Praxen buchen und diese einfach verstreichen lassen, beklagte KBV-Chef Gassen. Die Termine seien dann geblockt und stünden für andere Patienten nicht zur Verfügung. Um den Schaden für die Praxen zu begrenzen, forderte Gassen eine von den Kassen zu entrichtende Ausfallgebühr, wenn deren Versicherte Termine vereinbaren und dann nicht wahrnehmen.