Posts Tagged ‘Journalismus’

Anforderungen an den Journalisten von heute – Dietmar Gaiser im Interview

8. Dezember 2014
Dietmar Gaiser (r) im Gespräch mit Matthias J. Lange von redaktion42.

Dietmar Gaiser (r) im Gespräch mit Matthias J. Lange von redaktion42.

Wie muss der Journalist der Gegenwart und Zukunft aussehen? Diese Frage stellte ich einen alten Hasen der Zunft: Dietmar Gaiser.
Gaiser ist gelernter Tageszeitungsjournalist, arbeitete im Lokalen im Allgäu, berichtete ein Jahr als Korrespondent aus Vietnam und schrieb später für die tz München. Später wechselte er zum Bayerischen Fernsehen und wurde richtig bekannt als Moderator verschiedener Sendungen wie Kunst und Krempel oder Bürgersendungen wie Jetzt red i. Hier zeigte sich vor allem seine Schlagfertigkeit. Noch heute arbeitet Dietmar Gaiser als Coach und Trainer.
Gaiser gibt dem Journalisten eine Chance, aber das Berufsbild hat sich dramatisch verändert. Ein Journalist müsse alle Kanäle ausnützen und seine Geschichten in den verschiedenen Formen erzählen. Jemand, der für eine Tageszeitung nur die schönen Geschichten schreiben will, der werde keine Chance am Arbeitsmarkt haben. Der Journalist von heute müsse in der Flut von Meldungen und Nachrichten Orientierung geben. Das werde mehr denn je benötigt.
Ich führte mit Dietmar Gaiser dieses Interview:

Mein Besuch bei FOCUS Online

27. August 2014

Bei den Print-Magazinen geht es wieder rund. Der Spiegel ist mit sich selbst beschäftigt und die Print-Garde mag kein Online. Beim Stern und beim Focus – beide Print – müssen die Chefredakteure gehen. Der Medienwandel wird auch durch einen Wechsel der Chefredaktion nicht aufgehalten.
Daher blicke ich einmal auf den Reichweitenprimus FOCUS Online. Im Rahmen meines Lehrauftrags bei der Macromedia Akademie organisierte ich für meine Studenten einen Besuch bei FOCUS Online. Angesiedelt bei TOMORROW Focus, einem Burda-Unternehmen, bekam ich als langjähriger Zeitungs- und Zeitschriftenjournalist einen kleinen Eindruck von der Arbeit eines Online-Journalisten. Vielen Dank dafür.

Chefredakteur Daniel Steil und seinem Stellvertreter Florian Fest

Chefredakteur Daniel Steil und seinem Stellvertreter Florian Fest

Selbst bezeichnet sich FOCUS Online als Portal für Qualitätsjournalismus, dies wurde von Chefredakteur Daniel Steil und seinem Stellvertreter Florian Festl in den Gesprächen immer wieder betont. Die Reichweite von FOCUS Online sei enorm. Im Moment steht die Newsportal an der Spitze vor Spiegel online und der Absatz zwischen München und Hamburg wird größer. Kein Wunder, wenn sich Hamburg nur um sich selbst dreht. Schnelligkeit ist eine absolute Stärke des Mediums.

Der erste Action Room bei der Besichtigung.

Der erste Action Room bei der Besichtigung.

Bei meinem Besuch in München hatte ich das Gefühl, dass in der Online-Welt nur der Schnellste auch gewinnt. Klicks zählen, Reichweite zählt, dann fließt das Werbebudget. Und diese Klicks werden mit unterschiedlichen Zielen erreicht, sei es durch klassische Bilderklickstrecken, sei es aber auch durch unterschiedliche Aufmachungen eines und des selben Themas. Bei meinem Besuch konnte ich feststellen, dass einzelne Themen unterschiedlich angepackt und immer wieder neu aufgemacht und verpackt werden. Kein großer Artikel, lieber viele kleine zum Thema mit unterschiedlichen Ansprachen. Überschriften gewechselt, Einstiege und Leads geändert, doch der Nachrichtenwert hat sich kaum verändert – nur die Perspektive auf die Nachricht selbst. Das habe ich in Print noch anders gelernt, aber ich bin ja lernfähig.

Der Action Room der Redaktion.

Der Action Room der Redaktion.

Als ich die beiden Redaktionsräume besuchte, die bei FOCUS Online als Action-Rooms bezeichnet werden, erreichte gerade eine Eilmeldung die Redaktion. Der mutmaßliche Dieb der Schumacher-Krankenakte habe sich in der Schweiz erhängt. Diese News-Meldung musste für ein führendes Nachrichtenmedium natürlich so schnell als möglich online gehen. Ich stand hinter dem Desk des CvD (Chef vom Dienst) und sah ihn bei seiner Arbeit zu.

Über die Schulter geschaut: Die Arbeit des CvD

Über die Schulter geschaut: Die Arbeit des CvD

Gleichzeitig verfolgte ich über das iPhone die relevanten Websites wie Bild, Spiegel und Kollegen. Twitter hatte die Nachricht als erstes – und dann folgte FOCUS Online. Ob die Meldung gegengecheckt wurde, kann ich nicht sagen. Als Quelle wurde die Schweizer Boulevardzeitung Blick genannt. Ob der Blick.ch eine seriöse Quelle ist, muss jeder für sich selbst beurteilen. Reicht es für ein Portal des Qualitätsjournalismus nur eine Quelle zu nennen und diese ist noch eine reißerische dazu? Ob mit der Staatsanwaltschaft in der Schweiz gesprochen wurde, bevor die Meldung in München online ging, weiß ich nicht. Gesehen habe ich keinen bei der Gegenrecherche, so dass mein Eindruck rein subjektiv ist.
Eindrucksvoll war auf alle Fälle das Monitoring in der Redaktion. So etwas hätte ich mir als Print-Redakteur auch gerne gewünscht. Als Papiermann musste ich auf die Scannerkassen und später auf die IVW-Zahlen warten, um zu wissen, ob eine Geschichte beim Leser ankommt oder nicht. Mein persönliches Monitoring damals war meine langjährige Erfahrung, oftmals mein Bauchgefühl. Heute sind es harte Zahlen im Online-Geschäft.

Eilmeldung - der Online-Dienst hat gewonnen.

Eilmeldung – der Online-Dienst hat gewonnen.

Im Online-Zeitalter ist es schließlich anders: Die Klickzahlen und andere KPIs werden laufend erfasst und in die Redaktion gegeben. So kann jeder sehen, wie sein Artikel läuft und ob er erfolgreich ist. Und erfolgreich heiß, wenn er geklickt wird. Wahrscheinlich haben die festangestellten Mitarbeiter auch vereinbarte KPI-Ziele, um Unternehmensprämien zu erhalten. Nur so kommt die enorme Reichweite zustande.

Die Kommando-Brücke - die KPI-Zahlen links habe ich unkenntlich gemacht.

Die Kommando-Brücke – die KPI-Zahlen links habe ich unkenntlich gemacht.

Traffic kommt auch über die zahlreichen Social Media Kanäle und die Push-Meldungen auf Smartphones. Hier muss im Fall einer Einmeldung, die Technik stimmen und die Server nicht in die Knie gehen. Zudem werden zahlreiche Artikel mit PDFs verknüpft, um ein Zusatzgeschäft zu generieren. Das kommt mir in vielen Fällen sinnvoll vor, aber manches Mal ist es nur krampfhaft, eine Meldung mit einem kostenpflichtigen PDF zu verbinden. Aber der Erfolg gibt dem Unternehmen recht. So werden als den digitalen Pennys wieder analoge Dollars, in Anlehnung an Hubert Burdas berühmten Ausspruch.
Mit den arbeitenden Online-Journalisten konnte ich mich nicht unterhalten. Ich wollte nicht bei der Arbeit stören. Mir fiel nur auf, dass die Mannschaft sehr jung ist und wahrscheinlich dadurch auch sehr preiswert. Alte Zeitschriftenhasen (und damit teuer) habe ich nicht entdeckt. Daniel Steil, Chefredakteur FOCUS Online, erklärte, dass er freilich auch auf die Kostenstruktur achten müsse. Obwohl man Teil von Burda sei, fühle man sich bei TOMORROW Focus als junges Start-up, ergänzte der stellvertretende Chefredakteur Florian Festl.
Was aber auch klar ist: FOCUS Online setzt klar auf mobile Kommunikation. Smartphones sind die neuen Klickbringer und natürlich müssten die Journalisten für einen künftigen Smartphone-Journalismus anders schreiben als für klassischen Desktop-Journalismus am Rechner. Diesen Trend haben die beiden Chefredakteure klar erkannt und sie werden darauf reagieren. Dies sei sicher, versicherten sie mir. Ich bin also gespannt, wohin sich der Journalismus weiter entwickelt. Bei den Klicks scheint FOCUS Online die Nase vorn zu haben. Ich regte an, What’s App-Redakteure einzustellen und über diesen Kanal auch Klicks zu generieren. Und Roboterjournalismus für Sport und Wirtschaft seien auch nicht ausgeschlossen.
Nachdenklich verließ ich die Redaktion. Der Einblick war faszinierend und ich weiß nicht, ob er mir gefallen hat. Ich bin in der Tradition der Geschichtenerzähler groß geworden. Aber Geschichten zu erzählen, ist wohl in einem Newsportal nicht so wichtig. Ich werde die Sache weiter beobachten.

Berliner Gast- und Lesestube: Joseph Roth Diele

22. Mai 2014
Schöne Atmo in der Joseph Roth Diele zu Berlin.

Schöne Atmo in der Joseph Roth Diele zu Berlin.

Obwohl ich ein digitaler Mensch bin, liebe ich die Klassiker des Journalismus – was ja kein Widerspruch sein muss. Man muss seine Wurzeln kennen, um die seine Zukunft zu gestalten. Ich lese gerne die Geschichten von großen Journalisten der Vergangenheit, von Heinrich Heine, dem rasenden Reporter Egon Erwin Kisch und Joseph Roth. Letzterer ist mir bei meinem jüngsten Besuch in Berlin wieder in den Sinn gekommen.

Schwäbisches Essen in Berlin.

Schwäbisches Essen in Berlin.

Zusammen mit meinem Kollegen Thomas Gerlach besuchte ich die Joseph Roth Diele an der Potsdamer Straße 75. Bei einem deftigen Abendessen mit schwäbischer Hausmannskost – ich hatte Schweinebraten mit Spätzle – diskutierten wir über den Journalismus.

Die Reporter der damaligen Zeit nutzten die neuen Techniken, die ihnen zur Verfügung standen. Wir waren uns einig: Heute werden es sicher Techniken wie Blogs, YouTube und soziale Netzwerke gewesen.

Dabei war der Ort der Diskussion historisch: Der Filmemacher Peter Funke und seine Frau Ulrike Schuster haben der Joseph Roth Diele neues Leben eingehaucht. Beide sind sehr katholisch und betreiben nebenan den einzigen Berliner Devotionalienhandel. Und, für mich viel wichtiger, sie betreiben die Joseph Roth Diele. Hier ist der Wiener seiner Zunft nachgegangen. Ich soll er hier seinen Roman Spinnennetz geschrieben haben. Das Ehepaar Funke/Schuster haben daraufhin eine Gast- und Lesestube wieder belebt. Das Lokal ist wunderbar und eine Augenweide. Lasst euch bei einem Glas Bier nieder und genießt das schwäbische Essen. Lasst eure Augen über die Hunderte von Fotografien wandern oder greift zu einem Buch von Joseph Roth. Im hektischen Berlin ist die Joseph Roth Diele eine wunderbare Oase der Inspiration. Ein Besuch der Gast- und Lesestube lohnt sich.

 

Peter Scholl-Latour: Nachträglich alles Gute zum 90.

15. März 2014

Im Grunde ist er heute ein störrischer alter Mann, aber ich bin immernoch ein Fan von ihm. Ich meine den Journalisten Peter Scholl-Latour, der vor kurzem seinen 90. Geburtstag feierte. Er war mit seinen Büchern jemand, der mir den Beruf Journalist schmackhaft gemacht hat.

Im Wohnzimmer meiner Eltern lag eines Tages die Ausgabe seinen Klassikers Der Tod im Reisfeld herum. Als Jugendlicher habe ich den Vietnam-Krieg mitbekommen, aber von Indochina wusste ich eigentlich nichts. Das änderte sich, als ich das Buch von Scholl-Latour zu lesen begann. Es fesselte mich und schlagartig war ich ein Fan dieses Mannes.

Ich habe ein Autogramm von dem jungen Peter Scholl-Latour im Arbeitszimmer.

Ich habe ein Autogramm von dem jungen Peter Scholl-Latour im Arbeitszimmer.

Ich kaufte mir weitere Bücher, war begeistert über die Afrika-Bücher wie Mord am großen Fluß und merkte auch, dass er zeitweise sogar Chefredakteur vom Stern war – nach der Hitler Tagebücheraffäre. Aber Scholl-Latour war wohl weniger der Blattmacher und Verwalter, sondern vielmehr aktiver Journalist und warf beim Stern hin. Als die islamische Revolution stattfand, sah ich ihn immer wieder im Interview mit Ayatollah Khomein. Ich sagte immer meinen Kollegen: Schaut mal, der Typ geht raus und kennt die Leute. Er redigiert nicht nur dpa und ap, sondern schafft Nachrichten und Reportagen. Diese Art von Geschichten liebe ich und finde es einen großartigen Journalismus: Raus zu den Leuten und Augen auf.

Und das ist sicherlich eine der Stärken von Peter Scholl-Latour. Er geht raus und spricht mit Menschen. So bekommen seine Artikel, Bücher und Filme natürlich eine subjektive Sichtweise, die andere ihm natürlich vorwerfen. Aber damit steht er für mich in der Tradition von Peter von Zahn oder Gerd Ruge, die ich beide auch sehr bewundere. Heute wird Reportage-Journalismus nicht mehr bezahlt. Billig muss es heute sein, aber ich glaube, ein junger Scholl-Latour wäre ein starker Blogger geworden.

Im heutigen Medienzeitalter ist Peter Scholl-Latour wahrscheinlich überfordert. Seine Welt ist nicht Google und Blogs, Tags und SEO. Er muss sich aber mit 90. Jahren nicht mehr beweisen. Obwohl ich gerne einen Scholl-Latour des 21. Jahrhunderts begegnen würde.

Immer wieder sehe ich ihn im Fernsehen bei Talkshows, wo er junge Grünschnäbel die Leviten liest. Mir gefällt sein barscher Ton, wenn er dem Moderator über den Mund fährt oder von alten Zeiten schwadroiniert. Der alte Mann hat heute sogar einen YouTube-Kanal und ich schau mir seine alten Sendungen gerne an. Der Scholl-Latour ist ein Original und das ist er auch mit 90 Jahren. Ich gratuliere von ganzem Herzen nachträglich.

Zeitenwende Abendzeitung – es geht vorbei

6. März 2014

Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Das kam mir als erstes in den Sinn, als ich vom Insolvenzantrag der Abendzeitung München im Netz hörte. Wieder eine weniger, kam mir dann in den Sinn. Um fast alle Kollegen tut es mir leid. Aber ich denke, die Zeitenwende ist nicht aufzuhalten. Von einer Götterdämmerung hab ich sogar gelesen. Na, na, na. Auch wenn sich noch ein Investor findet, ich glaube nicht an die Zukunft des Traditionsblattes, wenn nur der Geldgeber ausgewechselt wird.

Die Abendzeitung ist eine Lokalzeitung und das bedeutet hohe Kosten in der Redaktion und im Anzeigenbereich. Die Abendzeitung nennt gegenüber der großen Schwester SZ als Gründe: “sinkende Anzeigenerlöse, sinkende Leserzahlen, immense Druckkosten.” Und diese Kosten sind der Eigentümerfamilie davon gelaufen. Von bis zu 70 Millionen Euro Verlust seit 2001 spricht man in den Gazetten. 2013 machte die Familie 10 Millionen Miese. Eine Auflage von rund 100.000 Exemplaren reichen nicht aus, um die Kosten zu decken und neue Geschäftsfelder wurden wohl nicht gefunden. Jetzt wurde die Reißleine gezogen und Insolvenzantrag gestellt.

Damit wird es in München wieder eine Zeitung weniger geben und das Sterben im Blätterwald wird damit nicht zu Ende sein. Weitere Zeitungen werden folgen, die vielbeschworene Qualität im Journalismus wird bei diesem Geschäftsmodell weiter abnehmen, weil kein Geld mehr da ist, um gute Arbeit zu bezahlen. Bei der Abendzeitung arbeiten im Moment 40 Redakteure. Mal sehen, wieviele noch bleiben dürfen, falls ein neuer Investor gefunden wird, der sein Geld verbrennen will.

Ich gestehe: Ich war kein Leser der Abendzeitung. Aber ich lese kaum noch Holzmedien und der Online-Auftritt mag vielleicht auf dem richtigen Weg gewesen sein, hat aber wohl nicht eine relevante Reichweite als lokales Medium, die für eine Werbevermarktung ausreicht.

Abendzeitung war für mich immer Michael Graeter.

Abendzeitung war für mich immer Michael Graeter.

Abendzeitung München bedeutet für mich immer Michael Graeter alias Baby Schimmerlos. Seine Kolumnen habe gerne gelesen und mein Onkel vermachte mir ein paar Sammelbände von Graeter. Den Rest kaufte ich bei eBay nach. Doch wie die Promi-Berichterstattung ist auch die Berichterstattung der Abendzeitung für mich erst einmal Geschichte. “Wer reinkomt, das bestimm ich”, so war es beim Baby in Kir Royal. Übrigens, der Graeter liegt mit Schlaganfall im Krankenhaus – auf diesem Wege gute Besserung.

Und wohin geht es? Ich bin davon überzeugt, dass etwas Neues kommt. Und Zeitungen wird es immer geben. Aber ich denke nicht, zu diesem Preismodell. Ich glaube, dass es einen Markt für gut recherchierten Journalismus gibt. Es gibt eine Art von Elite (doofes Wort), die bereit ist, für sauber aufbereitetes Material richtig Geld zu bezahlen, sicherlich bis zu 100 Euro im Monat. Hohe Auflagen wird es nicht geben. Und es wird der Markt an billig produzierten, reichweitenstarken und anzeigenfinanzierten Blätter geben. Dazwischen wird der Markt sich radikal verändern und es wird zu weiteren Schließungen von Traditionsblättern kommen. Die Abendzeitung wird nicht das letzte Blatt sein.

 

Silke Wettach – Arbeit als EU-Korrespondentin

6. Januar 2014
Ein nettes Interview mit einer alten Kollegin: Silke Wettach von der WiWo.

Ein nettes Interview mit einer alten Kollegin: Silke Wettach von der WiWo.

Dieses Jahr finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Das ist wichtig. Daher traf ich mich mit einer Kennerin der europäischen Szene, In einem Cafe in München plauderte ich mit Silke Wettach, EU-Korrespondentin der WirtschaftsWoche über ihre Arbeit.

Silke und ich verbindet eine gemeinsame Zeit in einer Lokalredaktion des Münchner Merkurs. Dort absolvierten wir beide unsere Ausbildung zum Redakteur. Anschließend trennten sich unsere Wege, dennoch hielten wir über die Jahre losen Kontakt. Bei ihrem Besuch in München drehte ich ein kleines Interview über ihre Arbeit.

Journalismus habe sich verändert. Für ein Magazin wie die WirtschaftsWoche ist klassischer Terminjournalismus eher Nebensache. Bis das Heft an den Kiosk kommt, sind die News längst über Agenturen gelaufen. Daher müssen die Geschichten aus Brüssel exklusiv und außergewöhnlich sein. Genau dies ist die Herausforderung: Im europäischen Dschungel die guten Geschichten zu finden, die ankommen und vermittelbar sind. Dabei muss Silke Wettach als EU-Korrespondentin ihre Kontakte pflegen. In Hintergrundgesprächen mit Kommissaren, Abgeordneten, Beamten und Lobbyisten bekommt sie den Stoff für ihre Geschichten. Daneben wird sie immer wieder als Moderatorin für Diskussionsrunden engagiert. Für mich war es einmal eine Überraschung, als ich den PresseClub in der ARD anschaltete und meine ehemalige Kollegin erblickte. Irgendwie war ich schon stolz, dass ich sie kannte und sie den anwesenden Herren mit ihrem reichhaltigen Faktenwissen deutlich Paroli bot.

Ich habe auch einen Auftritt von ihr bei der Deutschen Welle gefunden, in dem sie im fließenden Spanisch sich der Diskussion stellt. Also, ein Sprachentalent zu sein, wäre auch von Vorteil, wenn man als Korrespondent arbeitet. Silke Wettach spricht unter anderem fließend Englisch, Französisch, Spanisch, ach ja und natürlich Deutsch. Also ideal für einen EU-Korrespondenten.

Hier habe ich den offiziellen Lebenslauf von der WiWo-Seite: Silke Wettach berichtet seit 2002 als EU-Korrespondentin für die WirtschaftsWoche aus Brüssel. Aufgewachsen in Deutschland, Griechenland und Irland hat die Halbösterreicherin schon früh erfahren, dass Europa laut, bunt und widersprüchlich ist. Nach dem Volkswirtschaftsstudium am Trinity College Dublin und an der Université Catholique de Louvain (Belgien) entschied sie sich für den genauen Blick auf Politik im Kleinen und volontierte in der Redaktion Fürstenfeldbruck des Münchner Merkur. Das Nachrichtengeschäft lernte sie im Anschluss als Redakteurin bei der Nachrichtenagentur vwd. Während ihrer Zeit in der Düsseldorfer Zentralredaktion der WirtschaftsWoche wurde sie mit dem Nachwuchspreis der Ludwig-Erhard-Stiftung ausgezeichnet. 2000 verbrachte sie zwei Monate als Stipendiatin des Internationalen Journalisten Programms bei der mexikanischen Tageszeitung El Financiero.

Persönlicher Nachruf: Herbert Mair ist tot

23. September 2013

Gerade erfuhr ich, dass am 13. September 2013 mein langjähriger Kollege Herbert Mair verstorben ist. Herbert Mair war lange Zeit ARD-Korrespondent in Wien und arbeite später für andere Häuser. Ich habe ihn immer wieder bei Veranstaltungen getroffen, als er über sein Steckepferd, den Nahen Osten, referierte.

Herbert Mair im Jahre 2006 bei einem Vortrag über den Nahen Osten.

Herbert Mair im Jahre 2006 bei einem Vortrag über den Nahen Osten.

Der Kontakt zu ihm war zunächst rein geschäftlich. Er trat unter anderem als Referent bei meinen Schülerzeitungsseminaren der Hanns Seidel Stiftung auf. Er referierte vor Schülern sehr anschaulich über die Entwicklungen im Nahen Osten. Und seine Art kam bei den Schülern sehr gut an, denn er verband sein Fachwissen mit allerhand persönlichen Geschichten und Eindrücken. Er konnte sehr leidenschaflich und engagiert bei seinen Ausführungen sein, dann wieder hoch professionell analytisch – ein Journalist der alten Schule.

Schüler aus Niederbayern erstellten mit den Infos von Herbert Mair eine Seminarzeitung.

Schüler aus Niederbayern erstellten mit den Infos von Herbert Mair eine Seminarzeitung.

Die Schüler durften dann aus den Ausführungen von Herbert Mair eine Seminarzeitung schreiben und layouten. Durch diese Arbeit lernten wir uns näher kennen. Herbert Mair konnte faszinierend erzählen und lieferte auch so manchen unkonventionellen Blick auf die Entwicklungen im Nahen Osten. Gerade diese andere Sichtweise war für mich persönlich sehr interessant. Ich durfte Herbert Mair in Sachen Soziale Netzwerke beraten, denn in dieser Welt des Journalismus war er noch unsicher. Aber er erkannte als Profi den Medienwandel und wollte sich beruflich neu aufstellen.

Nach einem Aufenthalt in der Intensivstation wechselte er vor kurzem in die Reha und war auch zuversichtlich. Überraschend für mich verstarb er am 13. September 2013.

 

Journalismus: Die Nachtschicht arbeitet in Sydney

12. Juli 2013
Woher kommen die Nachrichten für die Zeitungen aus aller Welt?

Woher kommen die Nachrichten für die Zeitungen aus aller Welt?

Medienproduktion wird internationaler. Eigentlich ist das eine Binsenweisheit. Schon immer gab es Korrespondenten in aller Welt ,die in die Heimatredaktion ihre Artikel, Beiträge oder Sendungen funken. Aber der Journalismus verändert sich weiter. Das zeigen auch die Nachrichtenagenturen, am Beispiel der Schweiz.

Ich kenne noch aus eigener Erfahrung, wie interessant und stressig Nachtdienste bei einer Tageszeitung sein können. In meinen Seminaren erzähle ich Nachwuchsjournalisten gerne, wie die Arbeit in der Nachtschicht war. Aber diese Geschichten gehören ab jetzt der Vergangenheit an.

Es gibt neue Entwicklungen, die bei der schweizerischen Depeschenagentur sda in Angriff genommen werden. Da Nachtschichten und besonders die Nachtzuschläge für Mitarbeiter teuer sind, produziert die sda künftig nachts aus Sydney. Ab Januar 2014 bezieht die Agentur Schreibtische bei der Australian Associated Press AAP. Wenn die Schweizer in Zürich nach Hause gehen, nimmt das Büro down under die Arbeit auf..

Auf der Zahlenseite spart die Agentur damit jährlich 100.000 Franken. Das Geld kommt vor allem durch die nicht mehr zu bezahlende Nachtzuschläge (43 Prozent) zusammen. Und die Fehlzeiten der Nachtschicht in der Schweiz müssen nicht mehr durch Tagesdienste ausgeglichen werden.

Laut Agenturen sind bereits vier Schweizer Redakteure für Sydney gefunden. Es wird in Deutsch und Französisch produziert. Und wer hat‘s erfunden? Die Schweizer. Auch der große Springer-Konzern überlegt derzeit Redakteure nach Australien auszulagern. Bestätigt ist freilich noch nichts, aber wir können uns auf neue Arbeitsbedingungen in den Medien einstellen.

 

Hochwasser und das Versagen des Journalismus in den Massenmedien

5. Juni 2013

Gott sei Dank hat mich das Hochwasser nicht stark getroffen. Ein paar Pfützen im Keller, aber kein Vergleich zu den Horrormeldungen aus Bayern, Sachsen und Thüringen. Dort heißt es „Land unter“ und die Leute haben Hab und Gut verloren.

Ich hatte mich mit den High-Tech-Säcken von Floodsax ausgestattet, falls das Wasser uns treffen sollte. Aber wir blieben im großen und ganzen verschont. Dennoch klare Empfehlung für das System von meiner Seite.

Im Netz und in den klassischen Massenmedien verfolge ich den Verlauf des Hochwassers.  Und ich stelle fest: Die klassischen Massenmedien haben zum Teil versagt. Den ganzen Tag rauf und runter Meldungen über Evakuierungen. Kamerateams fahren zum Teil mit dem Schlauchboot durch überflutete Städte und Dörfer. Dann wird darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, dass Seehofer und Merkel die Stätte des Geschehens besuchen und warum Ude dem ganzen fern bleibt. Entschuldigung, wo bleiben die Menschen?

Daniel Wildfeuer aus Schönberg hat mit seiner Agentur Wildfeuer diese Seite aus dem Boden gestampft.

Daniel Wildfeuer aus Schönberg hat mit seiner Agentur Wildfeuer diese Seite aus dem Boden gestampft.

Ich stelle fest, dass Privatleute die relevanten Seiten in Facebook eröffnet haben, die in kurzer Zeit zigtausend Freunde bekommen haben, weil sie bürgernahe und relevante Informationen liefern. Ich nenne die beiden Seiten Infoseite – Hochwasser 2013 Bayern (132.347 Freunde) und Hochwasser Sachsen-Anhalt (76.929 Freunde). Daniel Wildfeuer aus Schönberg hat mit seiner Agentur Wildfeuer die bayerische Seite aus dem Boden gestampft und zeigt, wie es geht.

Überall entwickeln sich Bürgerprojekte - hier im deutschen Osten.

Überall entwickeln sich Bürgerprojekte – hier im deutschen Osten.

Landratsämter platzieren in Facebook relevante Informationen, nutzen YouTube als Kommunikation. Journalisten engagierten sich in eigenen Projekten wie Regensburg digital und zeigen den etablierten Massenmedien, wie es geht. Open Data-Projekte berichten, wie der Stand des Hochwassers ist oder in Google Maps wird angegeben, wo Helfer für Dämme benötigt werden. Eine neue Form von Journalisten wird benötigt: Journalisten, die mit Daten umgehen können.

Landratsämer wie hier Pfaffenhofen an der Ilm informieren über Facebook und YouTube.

Landratsämer wie hier Pfaffenhofen an der Ilm informieren über Facebook und YouTube.

Ich will nicht alle Massenmedien über einen Kamm scheren, aber ich bin enttäuscht von der Berichterstattung. In der Mainpost online lese ich: „Unsere Volontärinnen waren heute in Würzburg unterwegs und haben Impressionen vom Hochwasser mit der Videokamera eingefangen. Das Ergebnis gibt es hier zu begutachten.“ Das ist nichts anderes als eine sanfte Variante von Sensationsjournalismus.

Um die Berichterstattung aufzupeppen, werden Twitter-Feeds mit dem Hashtag Hochwasser in die Berichterstattung integriert. So zeigt man wohl Bürgernähe.

Die Krise wäre eine richtig große Chance für Verlage gewesen, ihre Kompetenz und Bürgernähe zu beweisen. Hier Manpower zu investieren, wäre sicher sinnvoll gewesen und würde sich am Ende auch auszahlen.

 

Buchtipp: Extrablatt von Michael Graeter

3. Januar 2013

Extrablatt

Klatsch gehört zu den Medien einfach dazu. Jeder Zeitungsmacher weiß um die richtige Mischung aus Klatsch, Sex, Gesundheit und Geld. Wer das richtige Verhältnis kennt, der hatte zumindest früher eine Goldgrube. Und der Klatschreporter schlechthin war für mich immer Michael Graeter.

Sein Buch und Autobiografie Extrablatt ist für mich ein Lehrbuch für angehende Klatschkolumnisten oder Dekolleté-Detektive wie sich Graeter selbst bezeichnet. Das Lesen des unterhaltsamen Buches war für mich wie eine Reise in die Vergangenheit. Graeter berichtet von seinen Anfängen als Volontär bei der Mindelheimer Zeitung. Richtig, im Lokaljournalismus lernte man das Schreiben, das Produzieren und Recherchieren. Immer wieder erinnerte mich die Ausführungen von Graeter an meine eigene Zeit bei der Lokalzeitung. Es war eine harte Schule, aber es hat unglaublich Spaß gemacht. Und das scheint es Graeter auch gemacht zu haben. Er wechselte dann zum Boulevard und durfte nach dem Verleger Curt Frenzl nun mit Werner Friedmann und Schreiberlegende Sigi Sommer zusammenarbeiten. Es war eine schöne Zeit, das liest man aus jeder Zeile heraus.

Die Münchner Zeit war auch die Vorlage für die Helmut Dietl-Serie Kir Royal, die ich damals im TV und später auf DVD verschlungen haben. In seinem Buch Extrablatt  berichtete Graeter viele schlüpfrige Details aus der Welt der Reichen und Schönen und begeht immer wieder Streifzüge in die Politik (soweit sie das Thema Klatsch betrifft). Vielleicht liegt darin auch ein Fehler des Buches: Es sind zu viele Namen, es ist eine Marathon der damaligen Größen. Auch wenn der eine oder andere in der Versenkung verschwunden ist, der Graeter-Stil ist gut zu lesen.

Graeter berichtet stolz in seinem Buch, dass er bei seinen Verträgen darauf achtete, dass ein Graeter nicht redigiert wird. Ja, aus seiner Sicht verstehe ich das. Dennoch kann ich aus meiner Erfahrung als Textchef für zahlreiche Publikationen sagen: Besser wäre es gewesen, wenn das Buch besser lektoriert gewesen wäre. Es schleichen sich einfach Fehler ein, die nicht sein müssten. Beispiel gefällig? So behauptet Graeter, dass der legendäre Steve McQueen zu Beginn seiner Karriere mit dem Film „Gesprengte Ketten“ in der Münchner Bavaria mit dem Regisseur Stanley Kubrick gearbeitet habe. Das ist definitiv falsch. Regisseur von „Gesprengte Ketten“ war John Sturges und nicht Kubrick. Der McQueen-Film wurde 1963 in Bayern gedreht. Kubrick drehte 1957 zum letzten Mal in München seinen Wege zum Ruhm. Solche Fehler müssen nicht sein. Wenn man aber solche Sachen bemerkt, wirft das kein gutes Licht auf das Buch. Könnte es vielleicht sein, dass die eine oder andere Geschichte auch nicht stimmt?

Viel erfahren wir von seiner Cafe-Kette „Extrablatt“. In der Leopoldstraße saß ich auch als Student und war von der Atmosphäre des französischen Cafes begeistert. Endlich erfahre ich die Hintergründe, wie es zu dem Cafe kam und warum die heutige Gattin von Christian Ude, die SPD-Stadträtin Edith von Welser, nie eine Freundin von Graeter wurde. Von seinen Knast-Erfahrungen und Problemen mit der bayerischen Justiz handelt das Buch ebenso.

Aber das Wichtigste sind für einen Journalisten doch die sieben W-Fragen: Wer, was, wann, wo, wie, wie und warum gemacht und welche Quelle haben wir. Die Quelle war immer Michael Graeter selbst, der sich in der Society wunderbar bewegt, die Durchwahlnummern seiner Kontakte hat. Herrlich, wie er das Verhältnis von Caroline mit Ernst August von Hannover aufdeckt. Und auch interessant zu lesen, wie Graeter so manchen Promi auf die Füße tritt und Verhältnisse aufdeckt, sei es Edmund Stoiber, Franz Beckenbauer usw. Endlich weiß ich die Graeter-Variante, warum der Stoiber nicht nach Berlin wollte/durfte.

Graeter ist auch ein Medienmensch. Er kopierte die Idee einer täglichen TV-Seite. Aber noch besser: Seine Idee, das Format Seitenblicke vom ORF in abgewandelter Form in die ARD vor der Tagesschau zu bringen, wäre revolutionierend gewesen. Stattdessen wählte die ARD einen Quatsch wie die Börse im Ersten. Dabei habe ich die Seitenblicke oder der bayerische Ableger Leo‘s Magazin mit Leo Lukoschik geliebt. Die Saat wurde damals von Graeter gelegt, die Ernte fahren aber andere ein. Heute haben wir Boulevard-Magazine wie Brisant, Leute heute oder private Ableger Exklusiv. Ich denke, ein Graeter hätte mehr daraus gemacht.

Und heute? Graeter ist noch immer im Geschäft. Allerdings haben sich die Zeiten für Journalisten geändert. Promis twittern selbst, Whistleblower verraten Geheimnisse. Eher halbherzig betreut Michael Greater einen WordPress-Blog. Es wäre viel Potenzial mit Klatsch auch im Web 2.0. Aber Graeter tut sich wohl mit Technik schwer, wie sich am fälschlichen Ausdruck Fotoshop in seinem Buch zeigt. Ein Extrablatt  im Web wäre ein interessanter Format, vielleicht wäre Michael Graeter der richtige Mann dafür.