Filmkritik: Der Hexentöter von Blackmoor

24. März 2022

Mit Jess Franco habe ich Zeit seines Lebens ein Problem gehabt. Die meisten seiner 160 Filme (oder waren es mehr) fand ich belangloses, schnell heruntergekurbeltes Zeug: Brutal, sexistisch, billig, aber immer wieder findet sich in der Flut von Franco-Filmen eine Perle. So wie ich einst Dr. Ortloff entdeckte oder den großartigen Nachts, wenn Dracula erwacht, so sehr hoffte ich auf eine Perle bei Der Hexentöter von Blackmoor, wobei der Titel extrem nach Edgar Wallace klingt.

Nun, es war nicht gerade ein Reinfall, aber eine Perle der Filmkunst war Der Hexentöter von Blackmoor sicherlich nicht. Nachdem ich bereits von Hexenjägerfilmen wie Hexen bis auf Blut gequält (1969) mir den Magen verdorben und die Abartigkeiten des menschlichen Geistes entdecken konnte, lag ich beim Hexentöter nicht weit daneben. Eine Zeitlang hatte der Film auch seine liebe Not mit der Zensur.

Koch Film hat eine exzellente Box vom Der Hexentöter von Blackmoor herausgebracht mit allen Versionen dieses blutigen Films, der nicht weiß, was er eigentlich sein wollte: Vielleicht ein Historiendrama, vielleicht ein Kostümfilm, sicherlich ein Softsexfilm, aber ganz gewissen ein sadistischer Folterfilm, eine Art Fortbildung für angehende Folterknechte. Den Voyeur gefällt die Szene, wie einer gequälten Seele das Blut vom wohlgeformten weiblichen Körper abgeleckt wird. Dabei entstand der Film schon 1970 und es spielten aufgrund des etwas größeren Budgets ein paar Stars mit, vor allem Christopher Lee und Maria Schell. Aber wahrscheinlich haben die Miemen nicht gewusst, dass noch schnell ein paar Sex-, SM- und Folterszenen in den Film geschnitten wurden, wenn man den Gerüchten glauben schenken darf.

Wer auf Jess Franco steht, wird von der Box Der Hexentöter von Blackmoor von Koch Film begeistert sein. Technisch ist die Abtastung hervorragend und auch die Super-8-Fassung ist dabei sowie Dokumentationen und weiteres Bonusmaterial. Was mich als Score-Fan besonders gefreut hat, dass auch der Soundtrack als extra CD dabei ist. Die Musik schrieb Bruno Nicolai, der viel für Franco gearbeitet hat. Er dirigierte übrigens nach 1974 alle Soundtracks von Ennio Morricone. Der Score gefällt mir genauso wie ein ausführliches Booklet von Oliver Nöding. Er versucht erst gar nicht mich von der Qualität von Jess Franco zu überzeugen. Was ich Franco aber zugute schreiben möchte: Er liebte den Film, er war ein Filmfanatiker und drehte und drehte und drehte. Er war dem Medium verfallen und das spricht eindeutig für den Spanier. Bei seinem brutalen Crash-Zooms drehte es mir aber den Magen um – so erzählt man keine Geschichten.

Der Januskopf Telegram

21. März 2022

So schnell kann es gehen. Mal wird Telegram verflucht, dann wieder als Retter gepriesen. Es ist interessant, welche wechselvolle Rolle der undurchsichtige Messengerdienst Telegram im Moment spielt.

Erinnern wir uns: In der Corona-Phase (die ja noch nicht vorbei ist), wird der Messengerdienst von Wirrköpfen, Schwurbler und Corona-Leugner genutzt, um gegen Impfungen aufzuwiegeln oder Spaziergänge zu organisieren. Der antisemitische Hetzer Attila Hildmann, die Schwurbler Xavier Naidoo oder Michael Wendler und viele andere nutzen Telegram für ihre gefährlichen Botschaften. Zudem wird gegen gewählte Vertreter des Rechtsstaates gehetzt, so dass über ein Verbot von Telegram in Deutschland nachgedacht wurde. Die Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) drohte den Dienst in Deutschland zu blockieren. Brasilien, nicht gerade eine Vorzeigedemokratie unter dem Populisten Jair Bolsonaro, hat es gerade vorgemacht. Mit dem brasilianischen Rechtsstaat sei der Messengerdienst Telegram nicht vereinbar und daher haben die Behörden den umstrittenen Dienst kurzerhand vom Netz genommen. Telegram weigerte sich wiederholt, Urteile und Anfragen der Polizei, der Landeswahlleitung und des Obersten Gerichtshofs zu befolgen.

Schon 2015 nutze der IS den Dienst zur Kommunikation und Rekrutierung für verwirrte Kämpfer. Auch der unmenschliche Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt war 2016 in Telegram aktiv und auch beim Sturm aufs as Kapitol spielte der Dienst eine Rolle.

In Deutschland wollte man Strafanträge die Telegram-Besitzern Nikolai und Pawel Durow zustellen, scheiterte aber an einer ladungsfähigen Adresse von Pawel Durow in Dubai. Telegram weist keine Adresse im Impressum aus, was in Deutschland aber vorgeschrieben ist. Da half wohl Apple aus und verriet den bundesdeutschen Behörden eben diese Adresse.

Und die Welt ändert sich
Und dann änderte sich am 24. Februar 2022 die Welt. Putin ließ seine Truppen völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschieren. Und nun kommunizieren der ukrainische Präsident und seine Regierungsmitglieder nun über Telegram und koordinieren die Verteidigung des überfallenen Landes. In der Ukraine sendet Präsident Selenskyj täglich Updates in seine Gruppe, die 1,5 Millionen Menschen umfasst. Auch in Russland ist Telegram ein beliebter Dienst, um nichtstaatliche Informationen zu erhalten. Terminator Arnold Schwarzenegger schickte sein gut gemachtes Video auch über Telegram als Teil seiner hybriden Kriegsführung und Aufklärung.

Rund 500 Millionen Nutzer soll Telegram inzwischen haben mit steigender Tendenz. Mit dem Dienst lassen sich per kostenlosen Abo Informationen schnell verbreiten. Zahlreiche Medienhäuser wie die New York Times oder die Washington Post veröffentlichen Berichte ihrer Journalisten aus dem Kriegsgebiet und aus den Newsrooms direkt auf dem Messengerdienst Telegram. Telegram-User sollen in dem Propaganda-Krieg journalistische Marken finden, bei denen sie sich verlässlich informieren können. Jetzt ist auch die BILD mit einem Angebot dabei, die noch vor kurzem massiv gegen Telegram gewettert hat.

So schnell ändern sich die Zeiten. Ich weiß nicht, ob die Bundesregierung ihre Ladungen bereits nach Dubai zugestellt hat. Im Moment ist Ruhe angesagt, wenn es um Telegram als antidemokratischen und intransparenten Dienst geht.

Ukraine-Krieg: Mein Dilemma mit Kaspersky

17. März 2022

„Ich hab ein ganz mieses Gefühl“, so heißt der running Gag bei Star Wars, der in jeden Film einmal auftaucht. Aber nun mal ernsthaft. Mit Sorge und Überraschung vernahm ich die Warnung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik vor den Antivirenprodukten des russischen Herstellers Kaspersky. Ich selbst setzte bei meinen Kunden und empfahl in meinen Seminaren die Produkte von Kaspersky, Bitdefender und F-Secure.

Es hat vor allem technische Gründe. Ich habe mich dabei immer auf die Test von AV-Test verlassen, da ich unter anderem dort Leute kenne und weiß, dass sie ihr Handwerk verstehen. Nach früherer Tätigkeit und Erfahrungen bei dem wichtigsten deutschen Windows-Testmagazin der PC Professionell PCpro ist für mich AV-Test ein seriöses Testzentrum in Sachen Antiviren-Software. Ich greife gerne auf die Studien von Kaspersky zurück, zuletzt beim Safer Internet Day.

Nun riet das BSI vor kurzem, dass die Kaspersky durch andere Produkte anderer Hersteller ersetzt werden sollten. Auch der Fußballverein Eintracht Frankfurt beendete mit sofortiger Wirkung den Sponsoringvertrag mit dem russischen Softwareunternehmen Kaspersky. Als Grund nannten die Hessen die Warnung des BSI. So ein Aufruf kann den wirtschaftlichen Ruin eines privatwirtschaftlichen Unternehmens bedeuten.

Beim BSI heißt es in der Stellungnahme: „Das Vorgehen militärischer und/oder nachrichtendienstlicher Kräfte in Russland sowie die im Zuge des aktuellen kriegerischen Konflikts von russischer Seite ausgesprochenen Drohungen gegen die EU, die NATO und die Bundesrepublik Deutschland sind mit einem erheblichen Risiko eines erfolgreichen IT-Angriffs verbunden. Ein russischer IT-Hersteller kann selbst offensive Operationen durchführen, gegen seinen Willen gezwungen werden, Zielsysteme anzugreifen, oder selbst als Opfer einer Cyber-Operation ohne seine Kenntnis ausspioniert oder als Werkzeug für Angriffe gegen seine eigenen Kunden missbraucht werden.“ Also kurz und überspitzt gesagt, auch wenn Kaspersky keine böse Absicht hat, könnte das Unternehmen von russischen Regierung/Geheimdienst/Putin himeself gezwungen werden, gegen den Westen vorzugehen. „Betreiber Kritischer Infrastrukturen sind in besonderem Maße gefährdet“, so das BSI. Ich könnte jetzt argumentieren, dass bei US-Firmen die NSA eine Backdoor hat oder bei TikTok die Kommunistische Partei das Sagen hat (darum weigere ich mich, diesen Dienst zu nutzen), aber das wäre eine klassische Whataboutism-Diskussion, die unseriös ist.

Vorgefallen ist noch nichts, aber das BSI sprach aufgrund des Angriffskrieges Putin diese Warnung aus.
Hören wir einmal die andere Seite, um uns ein Bild zu machen. Audiatur et altera pars hab ich in meiner Journalismusausbildung gehört.

Und das sagt Kaspersky
Über die deutsche PR-Agentur verbreitete Kaspersky eine Stellungnahme in der es heißt: „Wir sind der Meinung, dass diese Entscheidung nicht auf einer technischen Bewertung der Kaspersky-Produkte beruht – für die wir uns beim BSI und in ganz Europa immer wieder eingesetzt haben –, sondern dass sie aus politischen Gründen getroffen wurde. Wir werden unsere Partner und Kunden weiterhin von der Qualität und Integrität unserer Produkte überzeugen und mit dem BSI zusammenarbeiten, um die Entscheidung zu klären und die Bedenken des BSI und anderer Regulierungsbehörden auszuräumen.“ Im Grunde ist die Aussage, dass BSI handle aus politischen und nicht aus technischen Gründen.

Kaspersky ist ein privates russisches Unternehmen, das weltweit agiert. In Ingolstadt ist die deutsche Niederlassung, den deutschen Chef Marco Preuss habe ich mehrmals interviewt und einen kompetenten Eindruck bekommen. die Rechenzentren zur Virenerfassung stehen in Zürich und wurden mehrfach zertifiziert.

Und das sagte der Chef selbst
Eugene Kaspersky selbst lebt in der Regel in Moskau, ist Unternehmer und hat eine schillernde Biografie. Eugene Kaspersky hatte als Jugendlicher die technische Fakultät einer KGB-Schule besucht, seine erste Frau lernte er in einem Feriencamp des Geheimdienstes kennen. Naja, muss alles nichts heißen. Ich habe auf einer der alten CeBit-Partys nur seine Frau einstmals gesprochen, ihn selbst kenne ich nur über Videoschaltungen von IT-Sicherheitsmessen.

In einem offenen Brief hat er nun Stellung genommen: „Ohne auf Details einzugehen kann ich sagen, dass diese Behauptungen reine Spekulationen sind, die durch keine objektiven Beweise oder technischen Details gestützt werden. Der Grund dafür ist einfach. In der fünfundzwanzigjährigen Geschichte Kasperskys gab es nie einen Beweis für einen Missbrauch unserer Software zu schädlichen Zwecken. Und das trotz unzähliger Versuche, einen Beweis dafür zu finden. Ohne Beweise kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass die Entscheidung des BSI allein aus politischen Gründen getroffen wurde.“ Der ganze Brief auf Deutsch ist hier abgedruckt.

Und nun?
Zurück bleibe ich in Ratlosigkeit. Meine Kunden und Seminarteilnehmer rufen bei mir an und fragen nach, was ich ihnen raten soll. Ich gebe ihnen beide Stellungnahmen und drücke mich im Grunde vor einer klaren Entscheidung und dieses Dilemma gefällt mir absolut nicht. Einfacher wäre es, wenn man Kaspersky technische Mängel vorwerfen kann.

Ich will aber nicht vor den Karren Putins gespannt werden. Im Lokalen sehe ich ein Misstrauen in der deutschen Bevölkerung gegenüber russischsprachigen Menschen oder deutschsprachige Russen. Ich höre von Mobbing und Anfeindungen. Hier wird ein Keil in unsere Gesellschaft getrieben. Es muss klar sein: Nicht das russische Volk führt Krieg gegen uns, sondern der aggressive Diktator Putin und seine gewissenlosen Schergen.

Im Falle Kaspersky bezeichnet der Unternehmer Eugene Kaspersky den Ukraine-Krieg als das was er ist, nämlich als Krieg und wird es wohl nach russischer Gesetzgebung auch mit dem Staat zu tun bekommen. Oder ist alles ein großes Manöver der Desinformation und hybriden Kriegsführung? Ich weiß es nicht. Ich bin ratlos und werde die Geschichte genau beobachten.
In meinem wöchentlichen Newsletter greife ich das Thema Cyberwar seit drei Wochen auf. Hier geht zum kostenlosen Abo.

Der Hamster ist wieder ausgebrochen – ich fass es nicht

16. März 2022

Ich hab es nicht glauben wollen, dass es schon wieder losgeht. Als erstes berichtete mir meine Frau, dass die Regale mit Mehl und Sonnenblumenöl im örtlichen Supermarkt leer seien. Wir erinnerten uns an den Corona-Lockdown, als fast genau vor zwei Jahren Toilettenpapier und Hefe gehamstert wurde. Ich habe darüber gebloggt. Jetzt geht das Hamstern wieder los, die Hamster sind überall, wohin ich auch schaue.

Dann hab ich in den örtlichen Facebook-Gruppen darüber gelesen. Da ich aufgrund von Corona nur einmal die Woche einkaufe, hab ich von dem Trubel nicht viel mitgekommen. Aber ich wollte es selbst prüfen und habe nach einem Arztbesuch bei einem Drogeriemarkt vorbeigeschaut. Siehe da: Toilettenpapier war knapp und der Betreiber der Drogerie wies die Kunden darauf hin, dass das kostbare Papier nur in handelsüblichen Mengen abgegeben werde.

Tags darauf erledigten wir unserem Großeinkauf in der Metro in München-Pasing. Leider hab ich erst nach meiner Rückkehr gelesen, dass sich die Metro nicht an den Sanktionen gegen Russland aufgrund des verbrecherischen Angriffskriegs beteiligt. Das ist gelinde gesagt unschön.

Und was konnte ich in diesem Großhandel feststellen: Die Regale für das preiswerte Sonnenblumenöl waren leergeräumt. Teures Olivenöl gab es noch, aber auf billig stehen die Käufer und die Regale waren komplett leergeräumt. Auch Frittierfett war ausverkauft. Mehrere Schilder wiesen uns daraufhin, dass durch die Ukraine-Krise verursachte internationale Warenverknappung bei Pflanzen-/Sonnenblumen-/Raps-/Soja- & Frittierölen eingetreten sei und „um möglichst viele Kunden mit Ware zu versorgen, haben wir die Abgabemenge bei Speiseölen in unseren Kassensystemen auf technisch begrenzt.“ Bei Nudeln und dem Toilettenpapier sah es ähnlich mager aus.

Dient die Berichterstattung über das Thema (wie auch dieser Blogbeitrag) nicht dazu, dass sich mehr Leute aufmachen und hamstern, was das Zeug hält? Ein Dilemma jeder Berichterstattung.

Und was sagen die offiziellen Stellen: Der Lebensmittel-Verband appelliert an die Verbraucher, Hamsterkäufe wegen der Sorgen über den Ukraine-Krieg zu unterlassen. Sein Appell hat wohl nichts genutzt, vielleicht sogar das Hamstern verstärkt. Beim Verband heißt es, bereits zu Beginn der Corona-Krise habe übermäßiges Einkaufen auf Vorrat die Lieferketten unter Druck gesetzt. Laut Verbandssprecher gibt es noch keine Engpässe bei einzelnen Nahrungsmitteln wie etwa Sonnenblumenöl und Mehl. Der Verbandsvertreter bezeichnete die Ukraine allerdings als wichtigen Rohstofflieferanten für Sonnenblumenöl. Ein Krieg könne deshalb durchaus Auswirkungen auf den deutschen Markt haben. Und ich hoffe, dass die Hamster den Kopf einschalten. Vielleicht beginnt ja wieder ein reger Tauschhandel, wer weiß?

Über das Thema Benzin will ich erst gar nicht sprechen. Speditionen haben mit anderen Preisen kalkuliert. Mein Kollege Thomas Gerlach und ich haben in unserer jüngsten Folge von Der Lange und der Gerlach uns dieser Situation angenommen.

Storytelling aus Augsburg: Der steinerne Mann

15. März 2022

Zum ersten Mal stieß ich auf die seltsame Figur bei einem Besuch der Hofmetzgerei Franz Ottillinger in Augsburg: Ein Arm fehlte und in der anderen Hand hält die Figur ein Laib Brot. Es ist eine Kopie des steinernen Mannes zu Augsburg, ein Wahrzeichen des Bäckerhandwerks, auch „D‘ Stoinerne Ma“ genannt.

Das Original befindet sich in einem Turm in der Augsburger Stadtmauer oberhalb vom unteren Graben. Die Sage vom steinernen Mannes stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und geht auf den Dreißigjährigen Krieg zurück, als sich Katholiken und Protestanten für den wahren Glauben die Köpfe einschlugen. Im Jahr 1632 hatten die protestantischen Schweden Augsburg besetzt und die kaiserlichen Truppen belagerten die Stadt und wollten die Bewohner aushungern.

Da kam der Augsburger Bäcker Konrad Hacker mit einer Idee auf den Plan. Er backte Brote aus Sägemehl, erklomm die Stadtmauer und zog durch einen Schuss seiner Pistole die Aufmerksamkeit der kaiserlichen Truppen auf sich. Dann warf er die fingierten Brote die Stadtmauer in den Stadtgraben hinunter nach dem Motto „wir haben so viel Brot in Augsburg, dass die Belagerung nutzlos ist.“

Die Wirkung war enorm. Zum einen schoss man den Bäcker einen Arm ab, zum anderen waren die kaiserlichen Truppen durch die Täuschung so demoralisiert. Die Augsburger haben noch so viel Brot in der Stadt, dass sie es noch von der Mauer werfen können. Eine Belagerung ist nutzlos und die Soldaten zogen ab. Konrad Hacker erlag derweil seiner Verwundung und drei Jahre später nahmen die Kaiserlichen Truppen wieder Augsburg ein. Also im Grunde hat die Aktion nur wenig gebracht, aber drei Jahre war Augsburg protestantisch.
Das ist doch ein wunderbares Storytelling. Ob der Bäcker wirklich existierte, konnte ich nicht klären. Aber die Geschichte ist einfach wunderbar, so dass ich mich aufmachte, den steinernen Mann zu besuchen und in Google Maps zwei 360 Grad Fotos von ihm anzulegen – hier und hier.
Mir hat eine Augsburgerin erklärt, dass man die Nase der Figur anfassen muss. Bei einem jungen Hochzeitspaar werde dies für Kindersegen sorgen. Ich hab zwar schon zwei Kinder, bin seit 21 Jahren glücklich verheiratet, aber man kann ja nie wissen.

Zwölf Uhr mittags – Meisterwerk von Fred Zinnemann

14. März 2022

Das erste Mal sah ich den Film bei meinem Onkel, der sich einen frühen Betamax-Videorekorder gekauft hatte. Ich fieberte vor dem Röhrenfernseher mit, weil mich die Handlung des Schwarzweißfilms so packte. Mein Onkel schenkte mir dann noch ein schwarz-rotes Kinoplakat aus der Bravo, das eine Zeitlang in meinem Jugendzimmer hin – neben Sean Connery. Und all die Jahre habe ich diesem Klassiker die Treue gehalten: Gemeint ist Zwölf Uhr mittags von Fred Zinnemann, der heute vor 25 Jahren verstarb.

Zinnemann wird unter Filmfreunden als Synonym für Zivilcourage genannt und Zwölf Uhr mittags ist das beste Beispiel dafür. Genial mit Gary Cooper und Grace Kelly besetzt, ist der Film ein grandioses Beispiel für diese Zivilcourage. Ein Mann tritt dem Bösen entgegen, wird nur von seiner Frau unterstützt, während ihn Freunde und Mitbürger der Stadt alleine lassen. Er hätte fliehen können, doch er hätte niemals zur Ruhe kommen können, daher tritt er gegen das Böse an.

Ich habe den Film auf DVD, dann auf Bluray und hab mir vor kurzem die Super 8-Version geholt, leider hab ich die Laserdisc Version bisher verpasst. 1952 kam High Noon, wie der Film im Original hieß, in die Kinos und veränderte den Western schlagartig.

Zinnemann, der in Österreich-Ungarn geboren war und 1929 nach Hollywood emigrierte, setzte bei High Noon auf ein interessantes filmisches Mittel – und ich glaube, das war es, was mir als Jugendlicher und mich noch heute faszinierte. Von der Ästhetik des Fotos des Bürgerkriegsfotografen Mathew Brady wusste ich damals nichts, aber die Erzählweise faszinierte mich. Die knapp 90 Minuten Filmzeit (eigentlich waren es 85 Minuten) sind in Echtzeit gedreht. Das bedeutet, die Uhr läuft in Realzeit ab. Es gibt keine Rückblenden. So wird die Spannung erhöht. Die vergebliche Suche des Sheriffs nach Mitstreitern unter den Bürgern von Hadleyville, der Streit mit seiner Ehefrau und der Mitbewohner, die ihn zur Flucht überreden wollen, das Eintreffen des Bösen Frank Miller mit der Bahn und schließlich das Duell in den verlassenen Straßen von Hadleyville.

Was mir imponiert hat, war auch das Ende: Die Mitbürger gratulieren zum Sieg, aber unser Sheriff wirft seinen Stern in den Dreck und reitet mit seiner Frau davon. Es ist getan, was getan werden musste.
Und die Musik von Dimitri Tiomkin ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Zeile „Do Not Forsake Me“ von Ned Washington, gesungen von Tex Ritter, summe ich noch heute dann und wann. Großes Kino, ganz großes Kino und toller Score.
Ausdrücklicher Dank geht an David Dietrich, mein Kollege der Facebook-Gruppe Erdbeben 1974, der mich an den Todestag von Fred Zinnemann erinnerte und einen hervorragend Beitrag schrieb.

Filmkritik Frogs – die Frösche (1972)

10. März 2022

Als ich als Jugendlicher Frogs das erste Mal 1981 im deutschen Fernsehen sah, da war ich erstaunt, welche Tiere die findigen Filmleute alles auf die Leinwand zaubern konnten. Ich kannte den weißen Hai von 1974, ich kannte Grizzly von 1976, den alten Jack Arnold-Heuler mit der großen Tarantel oder atomverseuchte Armeisen (1954), ich hatte mich sogar an den Killerwal Orca gewöhnt und musste bei bösartigen Regenwürmern in Squirm (1976) den Kopf schütteln – und so kam zum Genre des Tierhorrors noch Frogs von 1972 dazu.

Der Film folgt dem Schema-F. Ein Familientyrann feiert mit seiner Familie eine Party in den Sümpfen, wo er seine noble Hütte hat. Einer nach dem anderen werden von der Tierwelt abgemurkst, wobei neben Frösche noch allerhand Amphibien zum Einsatz kommen. Die glitschigen Tiere erheben sich, weil ihr Lebensraum durch Chemie bedroht wird – also die Natur schlägt zurück. Das haben wir bei der Prophezeiung von 1979 schon besser gesehen. Held und Heldin retten sich, der Haustyrann im Rollstuhl wird am Ende von Fröschen eingekreist und erleidet einen Herzanfall – Quark und Ende. Was aber bei der Produktion wohl niemanden aufgefallen ist, die meisten Tierchen sind Kröten und keine Frösche, aber wen interessieren schon solche Details? Und auch den Riesenkameraden mit Hand im Mund, wie es uns das Plakat verspricht, muss ich als Zuschauer vergeblich warten.

Im Grunde ist der Film Frösche ein rechter Quark und ich hab ihn mir nur aus Erinnerung an vergangene Zeiten angeschaut und weil er am 10. März 1972 in die US-Kinos kam, vor genau 50 Jahren. Am 15. März 1973 flimmerte er dann in den deutschen Kinosälen. Beim Wiederbetrachten war es unterhaltsam, wenn man die Ansprüche nicht zu hoch schraubt. Das Thema der Umweltzerstörung ist aktueller denn je und wer weiß, vielleicht wehren sich die Frösche wirklich. Der Film ist mit einem gewissen Nostalgiebonus zu ertragen. Ray Milland in der Hauptrolle als böser weißer Mann ist köstlich.

Dieser Beitrag war für die Facebook Gruppe Erdbeben 1974 geschrieben, wozu ich alle Freunde des Films der 70er einlade.

Buchtipp: the Atlas of Beauty von Mihaela Noroc

9. März 2022

Der Frauentag am 8. März setzt sich seit 1911 für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein. Ich habe an diesem Tag ein für mich besonderes Fotobuch von Mihaela Noroc aus dem Archiv geholt the Atlas of Beauty von dem ich euch heute bloggen will.

Mihaela Noroc bereiste seit 2013 die Welt, um ihr Fotoprojekt The Atlas of Beauty zu verwirklichen. Das Buch ist 2017 in Deutsch bei Riva erschienen und passt für mich ideal zu diesem wichtigen Tag. Mihaela Noroc hat dafür Hunderte von Frauen aus verschiedenen Kulturen getroffen und sich ihre Geschichten angehört. Ihre Porträts sind eindrucksvoll. Schönheit kennt weder Alter noch Trends noch Herkunft. Schönheit ist überall und zeigt sich in den unterschiedlichsten Facetten – beim Betrachten der Bilder war ich berührt.
Mihaela Noroc stammt aus Rumänien und ist in Bukarest geboren und aufgewachsen. Sie studierte Fotografie, obwohl ihre Professoren sie nicht gerade ermutigt hatten. Der Wechsel von analog auf digital stand an.
Aber die Frau biss sich durch. 2013 entschied sie sich, ihren Job zu kündigen und ihre Ersparnisse in zwei Leidenschaften zu stecken, das Reisen und die Fotografie. Dafür großen Respekt und noch größeren Respekt kam auf, als ich mich näher mit den Geschichten beschäftigte. Mihaela Noroc ist eine Geschichtenerzählerin in Wort und Bild, wobei ich aber zugeben muss, dass mir die Fotos noch besser gefallen als ihre Texte.

Ihr Buch The Atlas of the Beauty enthält 500 Porträts von Frauen aus mehr als 55 Ländern. Die Frauen strahlen eine Kraft aus, wenn sie in die Linse von Mihaela Noroc blicken. Es sind keine Reportagefotos, sondern gestellte Porträts, die Persönlichkeit ausstrahlen und vor allem eine tiefe Menschlichkeit gemeinsam haben. In der Regel nutze sie ein leichtes Tele und eine kleine Blendenzahl, um sich auf den Vordergrund mit ihren Modellen des Alltags zu fokussieren.

Mein Vortrtag über Nosferatu – Kino ist mehr als Filme abspielen

8. März 2022

In zweifacher Hinsicht war ich etwas angespannt als ich einen Einführungsvortrag zum Meisterwerk Nosferatu – eine Symphonie des Grauens als Matinee halten durfte. Zum einen bin ich es als Dozent und Rampensau zwar gewöhnt vor Publikum zu sprechen, aber dies war das erste Mal in meinem Lieblingskino dem Scala Fürstenfeldbruck. Zum anderen spreche ich über ein 100jähriges Meisterwerk der Filmkunst, wie es kein zweites gibt.

Im Großen und Ganzen verlief mein Vortrag zu meiner Zufriedenheit, ein paar kleine Zahlendreher waren aufgrund der Nervosität dennoch enthalten, die man mir verzeihen möge. Das Publikum und der Veranstalter waren sehr zufrieden und jetzt geht es daran, weitere Filme dort vorzustellen, wohin sie gehören: Ins Kino – denn auch Kino muss sich nach Corona verändern. Ich habe euch meinen Vortrag als Video angefügt.

Bei der Bewerbung des Vortrags testeten wir verschiedene Wege aus: Klassisch analog und digital. Markus Schmölz, der engagierte Geschäftsführer des Scala-Kino nahm die Matinee in die Plakatvorschau des Kinos auf und hängte sie im Kino und an verschiedenen Plätzen in de Umgebung auf. Er nahm ein paar Euro in die Hand und schaltete Instagram-Werbung, setzte den Vortrag auf die Website des Kinos und postete die Matinee in soziale Netzwerke. Ich nahm den 100. Geburtstag von Nosferatu zum Anlass und bloggte über den Film, berichtete viral in verschiedenen Facebook-Gruppen und verschickte einen Newsletter, der einmal wöchentlich erscheint.

In der Kombination waren unsere Bemühungen ein schöner Erfolg. Das Publikum kam und der Saal 5 des Scala-Kinos füllte sich. Uns wurde klar: Es gibt ein Publikum abseits vom Mainstream-Kino, das wir erreichen können. Und ich hab selbst viel gelernt über Kinotechnik, nachdem ich aus einer Zeit stamme, als es noch klassische Filmprojektoren im Kino gab und nicht Hochleistungsbeamer, die via Computer gesteuert wurden.
Wenn das Kino zustimmt, dann mache ich gerne weiter. Im Moment arbeite ich an einer Verfeinerung des Formats. Ideen hab ich so einige, denn für mich ist es wichtig, dass Kino weiterlebt, sich verändert und ein Ort der Community wird. Vielleicht irgendwann eine Convention, vielleicht eine Ausstellung – da geht noch mehr. Der Anfang ist gemacht, jetzt gehen wir (hoffentlich) den nächsten Schritt.

Titanic – Lego Nummer 10294

7. März 2022

Gleich vorweg: Meine Frau hat mir den Flirt ausdrücklich untersagt, dabei sieht sie doch so wunderschön aus. Nein, ich werde nicht untreu, aber (m)ein Auge habe ich schon mal riskiert. Einfach göttlich.

Gemeint ist die Titanic aus Lego. Das Set trägt die Lego Nummer 10294. Ich hab den legendären Ozeandampfer im Lego Store in München-Pasing entdeckt und mich sofort verliebt. Die Vernunft sagt Finger weg, doch schauen darf ich ja mal.

Das majestätische Schiff ist das zweitgrößte Lego-Set überhaupt und besteht aus 9090 Teilen. Die Lego Titanic ist 135 cm lang, 44 cm hoch und 16 cm breit. Fast 13 Kilogramm bringt Schiff samt Verpackung auf die Waage, ist also wie in echt kein Leichtgewicht.
Dieses Modell im Maßstab 1:200 ist in drei Segmente unterteilt und bildet die Merkmale der Titanic originalgetreu nach. Im Inneren sind der Speisesaal der 1. Klasse, die große Treppe, einer der Kesselräume und viele Kabinen der unterschiedlichen Passagierklassen untergebracht. Details wie die Brücke, das Promenadendeck, den Lesesalon und das Schwimmbecken gibt es zu entdecken. Schiffschaube und Anker lassen sich bewegen und auch die Kolben im Kesselraum sind bewegbar. Mehr als 300 Bullaugen, die legendäre Brücke, die Rettungsboote, die Bänke und ein Frachtkran zählen zu den authentischen Details.

Im Store kostet das Schiff etwa 630 Euro, einige Händler bieten das Sammlerstück bereits für 1000 Euro an. Eine Wertsteigerung ist also gewiss. Und nein, ein Eisberg liegt diesem wunderbaren Modell nicht dabei.