Storytelling aus Augsburg: Der steinerne Mann

Zum ersten Mal stieß ich auf die seltsame Figur bei einem Besuch der Hofmetzgerei Franz Ottillinger in Augsburg: Ein Arm fehlte und in der anderen Hand hält die Figur ein Laib Brot. Es ist eine Kopie des steinernen Mannes zu Augsburg, ein Wahrzeichen des Bäckerhandwerks, auch „D‘ Stoinerne Ma“ genannt.

Das Original befindet sich in einem Turm in der Augsburger Stadtmauer oberhalb vom unteren Graben. Die Sage vom steinernen Mannes stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und geht auf den Dreißigjährigen Krieg zurück, als sich Katholiken und Protestanten für den wahren Glauben die Köpfe einschlugen. Im Jahr 1632 hatten die protestantischen Schweden Augsburg besetzt und die kaiserlichen Truppen belagerten die Stadt und wollten die Bewohner aushungern.

Da kam der Augsburger Bäcker Konrad Hacker mit einer Idee auf den Plan. Er backte Brote aus Sägemehl, erklomm die Stadtmauer und zog durch einen Schuss seiner Pistole die Aufmerksamkeit der kaiserlichen Truppen auf sich. Dann warf er die fingierten Brote die Stadtmauer in den Stadtgraben hinunter nach dem Motto „wir haben so viel Brot in Augsburg, dass die Belagerung nutzlos ist.“

Die Wirkung war enorm. Zum einen schoss man den Bäcker einen Arm ab, zum anderen waren die kaiserlichen Truppen durch die Täuschung so demoralisiert. Die Augsburger haben noch so viel Brot in der Stadt, dass sie es noch von der Mauer werfen können. Eine Belagerung ist nutzlos und die Soldaten zogen ab. Konrad Hacker erlag derweil seiner Verwundung und drei Jahre später nahmen die Kaiserlichen Truppen wieder Augsburg ein. Also im Grunde hat die Aktion nur wenig gebracht, aber drei Jahre war Augsburg protestantisch.
Das ist doch ein wunderbares Storytelling. Ob der Bäcker wirklich existierte, konnte ich nicht klären. Aber die Geschichte ist einfach wunderbar, so dass ich mich aufmachte, den steinernen Mann zu besuchen und in Google Maps zwei 360 Grad Fotos von ihm anzulegen – hier und hier.
Mir hat eine Augsburgerin erklärt, dass man die Nase der Figur anfassen muss. Bei einem jungen Hochzeitspaar werde dies für Kindersegen sorgen. Ich hab zwar schon zwei Kinder, bin seit 21 Jahren glücklich verheiratet, aber man kann ja nie wissen.

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