Filmkritik: Toxic Avenger

24. September 2025

Nun ist er da, nachdem der Streifen TOXIC AVENGER lange unter Gore-Fans heiß diskutiert wurde. Er lief erfolgreich auf speziellen Festivals und nun ist der Kinostart für ein gewisses Publikum.

Die Neuverfilmung von „The Toxic Avenger“ aus dem Jahr 2023, inszeniert von Macon Blair, bringt das Kultobjekt der 1980er Jahre in die Gegenwart, verliert dabei jedoch einiges von dem anarchischen Charme des Originals. Die Geschichte des Außenseiters und Hausmeisters Winston Gooze, der durch einen radioaktiven Unfall zum toxic Avenger wird und gegen die korrupten Machenschaften seines ehemaligen Arbeitgebers kämpft, wurde behutsam modernisiert, um aktuelle Themen wie die Verstrickungen von Politik und Pharmaindustrie zu bedienen.

Mit einer hochkarätigen Besetzung um Peter Dinklage, Elijah Wood und Kevin Bacon präsentiert der Film eine professionelle und optisch ansprechende Version, die jedoch vieles von der rohen Energie und Selbstironie des trashigen Originals vermissen lässt. Ich vermisse die spöttischen Seitenhiebe und die derbe Kombination aus Sex und Crime, die für das Original charakteristisch waren. Stattdessen wirkt die Neuauflage oft zu dunkel, ernst und teilweise bemüht – was den Film zwar reifer erscheinen lässt, aber auch ein Stück weit unnahbar macht.

Zudem setzt die Produktion verstärkt auf CGI-Effekte, anstatt die praktischen Effekte zu nutzen, die dem Original seinen authentischen DIY-Look und Charme verliehen haben. Trotz aller Schwächen bietet das Reboot für Fans von Splatter und blutiger Unterhaltung durchaus einiges, wenngleich es sich eher wie ein Versuch anfühlt, den Kultfilm neu zu interpretieren, ohne wirklich seinen Geist einzufangen. In Deutschland erscheint der Film uncut.
Insgesamt ist das „The Toxic Avenger“-Remake eine moderne Hommage mit Promistars, die inhaltlich und stilistisch neu justiert wurde, aber schmerzlich zeigt, wie schwer es ist, den anarchischen Charme eines Kulttrashfilms der 80er Jahre in zeitgemäßer Form wiederzubeleben.

Das Original Atomic Hero (1984)
Für mich ist das Original „Atomic Hero“ aus dem Jahr 1984 ist weit mehr als nur ein Trash-Horrorfilm – er ist ein Kultphänomen, das mit seiner derben Mischung aus grellem Humor, brutalen Splatter-Effekten und einer gehörigen Portion Selbstironie die Grenzen des damals Üblichen sprengte und bis heute Fans begeistert. Regie führten Michael Herz und Lloyd Kaufman, die mit ihrem Studio Troma eine Marke schufen, die für Absurdität, Provokation und eine anarchische Haltung steht.

Die Handlung war 1984 simpel und bewusst überdreht, mit Figuren, die teilweise grotesker als Karikaturen wirken und einem Humor, der vor schwarzer Komik und übertriebener Gewalt nur so sprüht. Dabei verpackt der Film eine eigentlich ernsthafte Botschaft über Machtmissbrauch, soziale Außenseiter und Selbstjustiz in eine schroffen, fast absurden Filmstil, der genau das Faszinosum des Originals ausmacht.

Das Original lebt von einem rohen Charme: Die billigen Effekte, die wackelige Kameraarbeit und das oft hölzerne Schauspiel wirken, als wäre alles ein Produkt jugendlicher Kreativität und Enthusiasmus. Doch gerade diese Amateurhaftigkeit zieht den Zuschauer in ihren Bann und macht den Film zu einer Art liebevollem Pamphlet gegen das Establishment und die herrschenden Verhältnisse. „Atomic Hero“ ist Trash mit Herz, eine anarchistische Hymne auf den Underdog, die mit viel Wut, Blut und Klamauk dennoch eine einzigartige, fast schon poetische Figur erschafft.

Vergleicht man das Original mit neueren Adaptionen oder Remakes, wird schnell klar, dass diese den einzigartigen Charme nicht immer transportieren können. Neuere Fassungen versuchen oft, die Story komplexer und polierter zu machen, verlieren dabei aber die rohe Energie und den anarchischen Geist, der das Original zu einem Kultklassiker macht. Die Mischung aus Slapstick, sozialkritischer Satire und ungebremster Fantasie macht das 1984er Werk zum unvergesslichen Erlebnis, das man entweder liebt oder nicht versteht, aber nie ignorieren kann.

Insgesamt ist „Atomic Hero“ ein Film, der mit seiner Kombination aus Groteske, nostalgischem Trash-Flair und einem Helden wider Willen tiefer geht, als man beim ersten Blick meinen könnte. Seine anarchische Kraft und sein unerschütterlicher Wille für Gerechtigkeit machen ihn zu einem Stück Filmgeschichte, das trotz oder gerade wegen seiner Extrovertiertheit und Unglattheit immer wieder aufs Neue fasziniert.

Die Welt von Mittelerde, Herr der Ringe und Tolkien in der Maisacher Gemeindebücherei

23. September 2025

Ein weiterer Vortrag zur MGP Maisacher Gespräche zur Popkultur steht an: Dieses Mal geht es um die Welt von Mittelerde, Herr der Ringe und Tolkien.

Mittelerde ist ein Reich der Fantasie, das sich anfühlt, als wäre es schon immer Teil unserer Welt gewesen. Wenn wir in die Geschichten eintauchen, betreten wir Landschaften voller Magie und Schönheit: die stillen Wälder Lothlóriens, die gewaltigen Berge des Nebelgebirges, die grünen Hügel des Auenlandes. Jeder Ort trägt eine eigene Stimmung, ein Echo von Geschichte und Erinnerung, das Tolkien mit einzigartiger Sprachkraft und Liebe zum Detail gezeichnet hat. Es ist eine Welt, die lebt, weil sie bis ins Kleinste durchdacht ist – von den Sprachen und Kulturen bis zu Legenden, Liedern und Geschichten in der Geschichte. Ich werde einen Vortrag über die Welt von Mittelerde, Herr der Ringe und Tolkien in der Maisacher Gemeindebücherei am Mittwoch, 24. September um 18 Uhr halten. Der Eintritt ist kostenlos.

Ich spreche über den Autor, die Bücher und auch über die Filme und ein bisschen mehr. Und es gibt eine Überraschung.

Doch das Besondere an Der Herr der Ringe ist nicht nur die epische Weite, sondern die Menschlichkeit, die in jeder Zeile steckt. Es sind nicht die mächtigen Könige oder Zauberer allein, die den Lauf der Dinge bestimmen, sondern vor allem die kleinen Gestalten – die Hobbits. In Frodo, Sam, Merry und Pippin erkennen wir den Mut des Alltäglichen, die Kraft von Freundschaft und Treue, die selbst in der größten Dunkelheit standhält. Sie lehren uns, dass Heldenmut nicht im Glanz des Schwertes liegt, sondern in der Entschlossenheit, das Richtige zu tun, auch wenn die Welt dagegensteht.

Der Autor J.R.R. Tolkien selbst, geprägt durch seine Jugend in England, die Schrecken des Ersten Weltkriegs und seine Liebe zu Sprachen und Mythen, hat diese Welt nicht einfach erfunden – er hat sie erschaffen wie ein lebendiger Organismus. Er verband germanische und nordische Legenden mit christlichen Werten, persönliche Erfahrungen mit universalen Fragen: Was bedeutet Macht? Wie weit darf man gehen, um sie zu erlangen? Wo liegen die Grenzen von Opfer und Hoffnung? Dadurch spricht Mittelerde nicht nur Fans von Fantasy an, sondern jeden, der sich mit der Suche nach Sinn, Mut und Menschlichkeit auseinandersetzt.

Der Herr der Ringe ist deshalb mehr als ein Abenteuerroman. Es ist eine Geschichte über Verlust und Wiederaufstehen, über Versuchung und Verzicht, über das Erkennen des Werts von Freundschaft und Heimat. Und es ist eine Geschichte darüber, dass auch in den dunkelsten Zeiten ein kleines Licht nicht verlöscht. Tolkien hat mit Mittelerde ein zeitloses Vermächtnis geschaffen – eine Welt, die uns lehrt, dass selbst der Kleinste das Schicksal der Welt verändern kann.

Ich freue mich auf einen weiteren Teil der MGP Maisacher Gespräche zur Popkultur am Mittwoch, 24. September um 18 Uhr in der Gemeindebücherei Maisach. Der Eintritt ist kostenlos.

Überall in der Gemeinde Maisach wurde plakatiert und ich bedanke mich für die Werbung.

Und wer wissen will, wie so etwas abläuft. Hier eine Aufzeichnung von meinem Vortrag zu Science Fiction:

Wo Barmherzigkeit aus Backstein spricht – das Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck

22. September 2025

Ein Ort, der mich bei meinen Besuch in Lübeck beeindruckt hat, ist das Heiligen-Geist-Hospital. Ich habe diese Geschichte des Hauses nicht erwartet, Das Heiligen-Geist-Hospitalist nicht nur ein architektonisches Wahrzeichen der Hansestadt, sondern auch ein kulturhistorisches Dokument von beinahe beispielloser Tiefe. Wer seinen hohen Giebel, die filigranen Backsteinbögen und die langgestreckten Dachsilhouetten betrachtet, erkennt sofort die Handschrift norddeutscher Backsteingotik, doch dahinter verbirgt sich weit mehr als nur Baukunst: ein Zeugnis gelebter Nächstenliebe, städtischer Macht und mittelalterlicher Sozialgeschichte.

Ein Ort der Barmherzigkeit und Repräsentation
Das um 1280 gegründete Heiligen-Geist-Hospital war eines der ältesten Spitäler Europas, entstanden im Kontext einer städtischen Elite, die ihr Ansehen durch Stiftungen sicherte und zugleich einen Akt christlicher Fürsorge demonstrierte. Die reichen Kaufleute Lübecks wollten nicht nur im Handel glänzen, sondern auch ihrem Seelenheil Vorschub leisten. So wurde das Hospital ein Ort, an dem Arme, Kranke, Alte und Pilger Aufnahme fanden – kein kaltes Armenhaus, sondern ein geistlich durchdrungener Raum der Versorgung, getragen von der Idee der Caritas.

Architektur als Spiegel des Glaubens
Die gewaltige Hallenkirche mit ihren vier charakteristischen Türmen, die zugleich die Silhouette der Lübecker Altstadt prägt, hatte dabei eine doppelte Funktion: Sie war Ort des Gebets, aber zugleich auch Kern einer Sozialarchitektur. Im Inneren schuf man ein beeindruckendes Zusammenspiel von Weite und Intimität. Die großen Hallenschiffe dienten als Bet- und Versammlungsräume, während die angrenzenden Bereiche in Krankensäle und Wohnkammern der Bedürftigen unterteilt waren. Seit dem 17. Jahrhundert lebten die Bewohner in kleinen hölzernen Kammern, die wie winzige Häuschen wirken und bis heute an den langen Mittelschiffen zu sehen sind – ein visuelles Sinnbild für Geborgenheit inmitten monumentaler Erhabenheit. Hier ein VR 360 Grad Rundgang durch die Hallenkirche.

Lübecks humanistisches Fundament
Das Hospital gehört in den Kontext der Lübecker Kulturpolitik, die sich zwischen frömmelnder Demut und stolzer Weltgeltung bewegte. Hier zeigt sich die Ambivalenz einer Stadt, die einerseits im Fernhandel ungeheure Profite erwirtschaftete und andererseits in solchen Bauwerken ihre soziale Verantwortung öffentlich ausstellte. Das Heiligen-Geist-Hospital war damit ein „Buch aus Backstein“, in dem der Anspruch der Hanseatischen Bürgergesellschaft niedergeschrieben steht: die Gemeinschaft durch Fürsorge zu sichern, aber auch durch monumentales Bauen Macht und Ordnung zu verkörpern.

Emotionale Resonanz bis heute
Wenn man das Hospital heute betritt, wirkt die Atmosphäre fast wie ein Flüstern vergangener Jahrhunderte. Die Patina des Holzes in den Kammern, die gedämpften Lichtstrahlen, die durch die farbigen Fensterkronen in den Kirchenraum fallen, rufen eine Melancholie hervor, die zwischen Trost und Ehrfurcht oszilliert. Die Vorstellung, dass hier einst Menschen ihr letztes Obdach fanden, dass hier Krankenpflege und spirituelle Begleitung Hand in Hand gingen, verleiht dem Ort eine tiefe Emotionalität.

Noch immer dient das Heiligen-Geist-Hospital als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Zwar wird es längst nicht mehr im ursprünglichen Sinne als Hospital genutzt, doch lebt sein Geist in kulturellen Veranstaltungen, Ausstellungen und als Erinnerungsort fort. Es ist ein Denkmal, das mehr als Mauern bewahrt: Es erinnert daran, dass Barmherzigkeit, geistige Weite und soziale Verantwortung keine abstrakten Begriffe sind, sondern mit Architektur, mit Alltag und mit Menschenschicksalen verwoben.

Das Heiligen-Geist-Hospital von Lübeck ist damit mehr als eine Sehenswürdigkeit. Es ist ein emotionales Geflecht aus Caritas, Macht, Glaube und Gemeinschaft, in dem die Stadtgeschichte gleichsam atmet – ein Resonanzraum menschlicher Würde, der sich bei mir als Besucher unauslöschlich einprägt.

Oktoberfest 2025: Der Einzug der Wiesnwirte

21. September 2025

Mit der feierlichen Eröffnung des Oktoberfestes beginnt in München jedes Jahr ein Schauspiel, das mehr ist als bloße Folklore – es ist ein lebendiges Ritual, eine Mischung aus Prachtzug, Volkskultur und einem Schuss ausgelassener Vorfreude. Der Wiesn-Einzug der Festwirte markiert dabei den großen Auftakt. Meine Frau war eingeladen beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda), die ein Büro im Hochparterre direkt an der Ecke Schwanthaler Straße/Hermann-Lingg-Straße haben. An den Fenster zog der gesamte Festzug vorbei und für uns gab es Weißwurst, Brezn und Bier.

Wenn die Brauereiwagen, schwer beladen mit kunstvoll gezirkelten Holzfässern, von kräftigen Rössern durch die Straßen gezogen werden, wenn die Kapellen die typischen Märsche anstimmen und sich die Fahnen der einzelnen Wirtshäuser heben, dann liegt eine feierliche Spannung in der Luft. Die erste Kapelle des Festzuges stammt aus meinem Wohnortdorf: Der Fanfarenzug Gernlinden


Die Bierkutschen wirken wie rollende Kathedralen des Hopfens, strahlend verziert und doch bodenständig im Ausdruck. Familien säumen die Straßen, Kinder recken die Hälse, und vor allem Touristen reiben sich verwundert die Augen, wie viel Hingabe und stolze Gelassenheit in diesem Auftakt steckt. Hier der (fast) komplette Einzug als Film:

Und wem es zu lange dauert, hier eine Zeitrafferaufnahme:

Es ist das große „O’zapft is“ zum Zuschauen – noch ohne Bierkrüge, aber voller Geist. Die Gespanne haben in der Regel sechs Pferde, dahinter in der offenen Kutsche die Promis. Ich habe den Oberbürgermeister Dieter Reiter und Landtagspräsidentin Ilse Aigner gesehen. Reiter brauchte später trotz Schulterverletzung zwei Schläge beim Bieranstich, den ich via iPhone verfolgt habe. Die erste Maß bekam traditionell der bayerische Ministerpräsident. Der Franke Söder hatte im zweiten Jahr eine Lederhose an. Ist das kulturelle Aneignung?

Und genau in dieser Stunde, in der die Tradition in ihrer reinsten Form glänzt, geschieht zugleich das skurrile Schauspiel der Nebenschauplätze: das große Defilee der Fantasie-Dirndel. Da blitzt Neonpink im Sonnenlicht, begleitet von blinkenden Pailletten, tief ausgeschnittenen „Kleidchen“, die eher an einen Diskoabend in Ibiza erinnern als an bayerische Festkultur. Man meint fast, die Trägerinnen müssten gleich in die Manege, um Jonglierbälle oder Leuchtschwerter hervorzuholen.

Da werden knielange Polyester-Schürzchen getragen, die mit heißer Nadel gestrickt scheinen und eher den Eindruck erwecken, man sei auf dem Weg zur Apres-Ski-Party, nicht zum festlichen Bieranstich. Und nicht selten huscht einem ein amüsiertes Schmunzeln über die Lippen, wenn ausländische Besucher selbstbewusst in Fantasie-Dirndeln erscheinen, die aussähen, als wären sie vom Faschingsstand Restposten: Trachten-Couture auf Speed.

Auf dem Weg zur Wiesn gibt es allerhand Pop Up-Läden, die den Wiesnbesucher noch mit Billig-Outfit versorgen. 50 Euro für eine Lederhosen (Stretch) oder Dirndl wahlweise. Dazu Federn auf dem Hut.

Doch wer die echte Eleganz kennt, weiß den Unterschied sofort. Ein authentisches bayerisches Dirndl strahlt Würde und zugleich Schlichtheit aus. Es lebt von Stoffen, die schmeicheln, von Farbkombinationen, die Tradition und Stil verbinden. Ein Dirndl betont Figur und Haltung, ohne seine Trägerin zu verkleiden – es verleiht einen Hofstaat an Haltung und Heimatgefühl, ob es nun schlicht für den Alltag oder festlich zur Wiesn gefertigt ist. Die Schürze, sorgfältig gebunden, spricht ihre ganz eigene Sprache, die Farben tragen symbolische Tiefe, und die feinen Verzierungen oder Stickereien sind Ausdruck von Handwerkskunst, nicht von Karnevalsstimmung. Ein solches Kleid ist gelebte Kultur: generationsübergreifend, zeitlos, voller Würde, und doch lebendig, weil es immer wieder neu interpretiert werden darf – aber eingepasst in ein Rahmenwerk, das Respekt trägt. Meine Frau besitzt zahlreiche Dirndl, mal als Alltags- mal als Festgewand, aber niemals als Verkleidung. Ich habe keine Tracht, das ist nicht so mein Ding. Ich bin in Tweed gekleidet, da fühle ich mich wohler. Aber es gilt die Liberalitas Bavariae – leben und leben lassen.

Das Oktoberfest lebt genau von diesem Spannungsfeld: dem ehrwürdigen Einzug der Wirte auf prachtvollen Wagen, der Blasmusik, den Fahnen, dem kollektiven Jubel – und zugleich dem bunten, manchmal bizarren Treiben auf den Seitenwegen. Der Spott über Plastik-Dirndel im Barbie-Look gehört fast schon zum Fest dazu, wie eine satirische Randnotiz im Oktoberfest-Kontrastprogramm. Aber gerade dieser Gegensatz führt einem die Schönheit des Echten noch deutlicher vor Augen. Denn am Ende, wenn das erste Fass angestochen wird, die Kapellen den „Prosit der Gemütlichkeit“ anstimmen und das große Volksfest offiziell beginnt, bleibt ein Gefühl zurück, das jedes Jahr aufs Neue Herzen bewegt: dass diese Mischung aus Tradition, Stolz und feinsinnigem Humor das eigentliche Geheimnis der Wiesn ist. Ein Fest, das die Welt einlädt – und das zugleich immer wieder zeigt, dass Heimat und Eleganz ihren festen Platz haben, mitten zwischen Lachen, Maßkrug und Musik.

Die Preise sind so eine Sache
Auf der Wiesn 2025 müssen Besucher erneut tiefer in die Tasche greifen: Der Preis für eine Maß Bier liegt heuer zwischen rund 14,70 und 15,90 Euro, je nach Festzelt. Auch bei den Speisen sind die Kosten weiter gestiegen – ein halbes Hendl kostet im Schnitt über 15 Euro, weitere typische Schmankerl wie Brezn, Radi oder Schweinshaxn schlagen ebenfalls spürbar teurer zu Buche. Damit setzt sich der seit Jahren anhaltende Preistrend auf dem Oktoberfest fort. Die Zelte sind voll, rappelvoll.

Woher kommt es?
Die Wiesn, das heute weltberühmte Oktoberfest, hat ihren Ursprung im Jahr 1810. Anlass war die Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig, des späteren Königs Ludwig I., mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Zur Feier ließ man vor den Toren Münchens, auf der später nach der Braut benannten Theresienwiese, ein großes Volksfest veranstalten – mit Pferderennen, Musik und ausgelassener Stimmung. Die Begeisterung der Bevölkerung war so groß, dass man dieses Fest Jahr für Jahr wiederholte und es allmählich zu einer festen Tradition wurde. Aus dem einstigen Hochzeitsfest entwickelte sich ein Volksfest von internationalem Rang, das heute Millionen Menschen anzieht – immer noch auf derselben Wiese, die damals den Grundstein legte.

Dank für die Einladung
Meine Frau wurde von der kda eingeladen. Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (kda) Bayern ist eine Einrichtung der evangelischen Kirche, die seit Jahrzehnten Brücken zwischen Glaube und Arbeitswelt schlägt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie christliche Werte in Berufsleben, Wirtschaft und Gesellschaft erfahrbar werden können. Der kda begleitet Arbeitnehmer ebenso wie Betriebe durch Beratung, Bildungsangebote und ethische Orientierung. Dabei geht es nicht nur um Fragen von Arbeitsrecht oder Mitbestimmung, sondern auch um Sinn, Fairness und Verantwortung im Umgang miteinander. Mit Tagungen, Gottesdiensten am Arbeitsplatz und Projekten zur sozialen Gerechtigkeit setzt der kda Bayern wichtige Impulse, die zeigen: Kirche ist nicht nur im Gotteshaus präsent, sondern mitten in den Werkhallen, Büros und Betrieben des Alltags. Peter Lysy, Pfarrer und Leiter kda Bayern, hielt eine kurze Begrüßung.

Dank an die Polizei
Mein herzlicher Dank gilt der Münchner Polizei und Feuerwehr und die ganze Blaulichtfamilie, die mit großem Einsatz und hoher Professionalität den Wiesn-Einzug der Festwirte begleitet und abgesichert hat. Durch sorgfältige Vorbereitung, sichtbare Präsenz und das besonnene Eingreifen, wo es nötig war, haben die Beamten dafür gesorgt, dass dieser festliche Auftakt nicht nur reibungslos, sondern auch in entspannter und fröhlicher Atmosphäre stattfinden konnte. Ihr Engagement schafft Vertrauen und vermittelt das Gefühl von Sicherheit, damit Besucher aus aller Welt unbeschwert die Tradition und Gastfreundschaft Münchens genießen können.

Hinter diesen Mauern in Lübeck: Stille Zeugen von Leid, Unrecht und Erinnerung

20. September 2025

Die Klosterburg in Lübeck, auch als Burgkloster bekannt, zählt zu den bedeutendsten erhaltenen mittelalterlichen Klosteranlagen Norddeutschlands und steht auf dem historischen Burgberg unweit des Burgtors. Das Kloster ist über dem Europäischen Hansemuseum.

Ursprünglich 1229 auf den Resten der ehemaligen Lübecker Burg als Dominikanerkloster gegründet, spielte sie eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Hansestadt. Die Anlage beeindruckt durch ihren vierflügeligen gotischen Backsteinbau mit Kreuzgang, Kapitelsaal, Refektorien und zahlreichen Wandmalereien, Kapitellen und Schlusssteinen. Ich habe es genossen, durch den Kreuzgang zu gehen.

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert wurde das Kloster aufgelöst und in ein Armen- und Krankenhaus umgewandelt. Ihre Funktion wandelte sich erneut Ende des 19. Jahrhunderts, als die Klosterburg zum Gerichts- und Gefängniskomplex umgebaut wurde. Dabei entstanden die historischen Gefängniszellen, von denen heute noch zwei erhalten sind. Der Eindruck ist deprimierend. Wie müssen die Insassen, gerade zur Zeit des Nationalsozialismus gelitten haben. Hier eine 360 Grad Video der Zelle.

Die Gefängniszellen
Die Gefängniszellen im Burgkloster Lübeck waren äußerst schlicht und zweckmäßig eingerichtet, ganz im Sinne des damaligen Strafvollzugs. Sie bestanden in der Regel aus kleinen, kargen Räumen mit robusten Betten, einem einfachen Tisch und Stuhl sowie einer Waschgelegenheit. Die Wände waren unverziert und die Fenster vergittert, um maximale Sicherheit und Isolation zu gewährleisten.

Diese Zellen wurden von der Stadt Lübeck ab dem späten 19. Jahrhundert als Untersuchungs- und Strafhaft genutzt, nachdem das Kloster zum Gerichts- und Gefängniskomplex umgewandelt worden war. Sie dienten nicht nur der Inhaftierung gewöhnlicher Straftäter, sondern in Zeiten politischer Unruhen auch als Haftorte für politisch Verfolgte – besonders während des Nationalsozialismus wurde ihre Funktion für politische Haft prägend.

Zur Nutzung gehörten daher neben der bloßen Verwahrung auch regelmäßige Kontrollen sowie strenge Reglementierungen hinsichtlich Bewegung, Besuch und Versorgung der Insassen. Die sparsamen, beinahe asketischen Bedingungen in den Zellen spiegelten das Prinzip des Freiheitsentzugs wider und verdeutlichten die abschreckende wie disziplinierende Funktion solcher Haftanstalten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Während der NS-Zeit wurde das Burgkloster in Lübeck als Untersuchungsgefängnis und Gerichtsgebäude genutzt und erhielt dadurch eine düstere und belastete Bedeutung. Nach 1933 wurden politische Gegner, Juden, Widerstandskämpfer und andere Verfolgte des NS-Regimes an diesem Ort inhaftiert und oftmals verurteilt. Die Gefängniszellen im Kloster sind heute stille Zeugnisse jener Zeit; sie veranschaulichen eindrucksvoll die Bedingungen, unter denen die Häftlinge – oft unter menschenunwürdigen Umständen – festgehalten wurden.

Der Gerichtssaal
Ein weiteres bedeutendes Relikt dieser Zeit ist der erhaltene Gerichtssaal im Obergeschoss. Der Schöffengerichtssaal wurde ebenfalls im Zuge der Umnutzung im 19. Jahrhundert eingerichtet und veranschaulicht bis heute die Justizgeschichte Lübecks: Hier fanden Verhandlungen und Urteilsverkündungen statt, was dem Raum eine besondere historische Atmosphäre verleiht. Im Rahmen moderner Museumsführungen dient der Gerichtssaal heute als Ort des Innehaltens und Erinnerns an die Opfer des Unrechts, das im 20. Jahrhundert an diesem historischen Ort geschehen ist. Persönlich finde ich Gerichte immer als unangenehm. Dieser Raum ist schön, hat aber auch eine schlimme Geschichte während des Dritten Reiches. Hier ein 360 Grad Video des Gerichtssaals.

Besonders während der NS-Herrschaft diente das Burgkloster der Durchsetzung und Aufrechterhaltung der nationalsozialistischen Justiz. Prozesse gegen politische und religiöse Gegner, oder solche, die nach den rassistischen Gesetzen als „unerwünscht“ galten, fanden im Gerichtssaal statt.

Die Klosterburg versteht sich somit als architektonisches und kulturhistorisches Denkmal, dessen Mauern die vielen Schichten Lübecker Geschichte lebendig machen – vom mittelalterlichen Kloster über karitative Einrichtungen bis hin zur Justiz im 19. und 20. Jahrhundert. Heute ist das Burgkloster Teil des Europäischen Hansemuseums und lädt als authentischer Ort dazu ein, sich mit den Höhen und Tiefen der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen.

Shaun of the Dead – phantastische Matinee am 21. September im Scala Fürstenfeldbruck

19. September 2025

“Shaun of the Dead” ist eine brillante britische Horrorkomödie von Edgar Wright, die das Zombie-Genre liebevoll mit anarchischem Witz parodiert und zugleich mit originellen Einfällen bereichert. Der Film und Vortrag ist meine phantastische Matinee am 21. September im Scala Fürstenfeldbruck um 10:45 Uhr. Karten gibt es hier.

Der Film erzählt die Geschichte des sympathischen, lebensuntüchtigen Shaun, der plötzlich mitten in eine Zombie-Apokalypse stolpert und mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe seine Freundin und Mutter retten will – ausgerechnet im Stamm-Pub “Winchester”.

Der Humor ist pointiert und schwarzhumorig, die Inszenierung temporeich und voller Bildwitz: Schräge Schnittfolgen, irre Gags wie die Plattenwurf-Szene und zahlreiche Zitate an Klassiker wie “Dawn of the Dead” sorgen für Schau- und Wiedererkennungswert auch bei Genrefans. Trotz allem bleibt Platz für emotionale Momente und eine augenzwinkernde Milieustudie britischer “Lads”, die zwischen Beziehungskummer, Freundschaft und Alltagsverdruss auf ihre Weise den Weltuntergang meistern.

“Shaun of the Dead” zitiert und parodiert zahlreiche klassische Werke des Zombie-Genres, insbesondere die Filme von George A. Romero wie “Night of the Living Dead” und “Dawn of the Dead”. Schon der Titel verweist als Wortspiel auf “Dawn of the Dead”, und das Pub “Winchester” dient als britisches Pendant zur Einkaufs-Mall aus Romeros Vorlage: Ein gewöhnlicher Fluchtpunkt, in dem sich die Überlebenden verbarrikadieren.

Ich freu mich auf den Vortrag und den Film am 21. September im Scala Fürstenfeldbruck um 10:45 Uhr. Karten gibt es hier.

Ein Ort der Stille und des ewigen Erinnerns: Die Waldruh Mammendorf

18. September 2025

Der Waldfriedhof Waldruh Mammendorf ist ein einzigartiger Bestattungsort, der sich in einer idyllischen Waldlandschaft nahe des Ortsteils Nannhofen und unweit des historischen Schlossparks von Schloss Nannhofen befindet. Dieser Friedwald erstreckt sich über etwa zwei Hektar eines insgesamt rund 16 Hektar großen, naturbelassenen Forsts, der im Besitz der Familie von Spreti ist und zum landschaftlichen Kulturerbe der Region zählt. Ich war bei der feierlichen Erföffnung dabei.

Hier erleben Besucher eine besondere Atmosphäre der Ruhe und Geborgenheit, getragen von dem alten Baumbestand aus Eichen, Buchen, Linden, Fichten, Lärchen, Ahorn und Kirschbäumen, deren teils uralte Exemplare dem Wald einen ehrwürdigen Charakter verleihen. Ich habe mit Besitzerin Gräfin Christiane von Spreti ein kurzes Gespräch geführt.

Konzept und Gestaltung
Die Waldruh Mammendorf wurde als naturnahe Alternative zum klassischen Friedhof konzipiert und bietet die Möglichkeit der Urnenbestattung direkt unter einem Baum in moos- und laubbedeckter Erde. Grabsteine und herkömmlicher Grabschmuck sind hier nicht vorgesehen; stattdessen erinnern kleine Namenstafeln an den Baumstämmen an die Verstorbenen, während die Natur die Grabpflege übernimmt und Pflanzen, Moose und Laub für ein authentisches Erscheinungsbild sorgen. Ich habe dazu einen Podcast angefertigt.

Die Fläche ist in neun Quartiere mit nummerierten Bäumen unterteilt, wobei markierte Familienbäume bis zu zwölf Urnen aufnehmen können und Einzelbäume für maximal 18 Gräber vorgesehen sind. Ich bin ein wenig umhergegangen.

Ein großzügiges Wanderwegenetz mit sand- und rindenmulchbedeckten Pfaden durchzieht den Wald und lädt zu stillen Spaziergängen sowie zum Verweilen auf den zahlreichen Ruhebänken ein. Ein hölzerner Andachtsplatz, eine Art offene Kapelle mit Holzkreuz, bietet Raum für Trauerfeiern, ist aber bewusst dezent gestaltet und steht konfessionsübergreifend allen Glaubensrichtungen offen. Insgesamt bietet der Bestattungswald Platz für rund 1.800 Urnen, wobei die Mindest-Ruhezeit 20 Jahre beträgt und das Gelände für mindestens 75 Jahre – also voraussichtlich bis zum Jahr 2100 – als Friedhof genutzt werden kann. Hier die offiziellen Ansprachen der Eröffnungsfeier von Besitzer Graf von Spreti, Bürgermeister Josef Heckl, Landrat Thomas Kamarsin sowie Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche.

Trägerschaft
Die Gemeinde Mammendorf führt die rechtliche Trägerschaft, übernimmt die Verwaltung und garantiert damit die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen sowie die langfristige Sicherung des Friedwaldes. Die operative Pflege, Organisation der Beisetzungen und das Waldmanagement obliegen der Familie von Spreti. Das Areal ist gut erreichbar: Der Parkplatz und ein WC befinden sich direkt am Eingang, zudem liegt die Waldruh in fußläufiger Entfernung zur S-Bahn-Haltestelle Mammendorf sowie zu den angrenzenden Wanderwegen. Zur Eröffnung gab es zudem Gospelgesang.

Wandel der Bestattungskultur
Waldruh Mammendorf spiegelt den Wandel in der Bestattungskultur wider, wobei der Trend zu Urnenbestattungen und dem Wunsch nach naturnaher, pflegefreier Ruhe immer weiter zunimmt. Mit der Eröffnung des ersten Bestattungswaldes im Landkreis Fürstenfeldbruck steht den Bürgern und Menschen der Region eine moderne, würdige und ökologische Alternative zu den bestehenden konventionellen Friedhöfen zur Verfügung. Die Nachfrage ist hoch, und die Waldruh Mammendorf gilt als zeitgemäße Bereicherung für Mammendorf und Umgebung, die nicht nur aus Gründen der Ökologie, sondern auch wegen ihrer einzigartigen Atmosphäre geschätzt wird.

Der Friedwald ist ganztägig geöffnet und für Spaziergänger ebenso zugänglich wie für Trauernde. Hier ist der Tod eingebettet in das natürliche Leben des Waldes, ein Ort der Erinnerung, Stille und des Friedens – für Mensch und Natur gleichermaßen.

Feinschmeckerträume unter Lübecker Sternen

17. September 2025

Wenn ich schon mal in Lübeck bin, muss ich auch die Sternegastronomie testen. Und da gibt es in der Hansestadt nur das Restaurant Wullenwever mit seiner Michelin-Auszeichnung.

Das Restaurant Wullenwever in Lübeck ist ein kulinarisches Juwel, das in einem denkmalgeschützten Kaufmannshaus aus der Hansezeit mitten in der Lübecker Altstadt residiert. Geführt wird es von Roy Petermann, der das Restaurant 1990 eröffnete und gemeinsam mit seiner Frau Manuela für eine gastliche und zugleich elegante Atmosphäre sorgt. Wie mir Manuela Petermann verraten hat, wird das Ehepaar nächstes Jahr an ihren Sohn übergeben. Die Location selbst strahlt hanseatische Historie aus und vermittelt dennoch eine moderne, entspannte Leichtigkeit – ein Rahmen, der dem Anspruch der Küche bestens entspricht.

Kulinarisch setzt das Wullenwever auf moderne, kreative Interpretationen klassischer Gourmetküche, häufig mit mediterranen oder japanischen Einflüssen, die sich in raffinierten Menüs und liebevoll inszenierten Gängen wiederfinden. Frische, hochwertige Zutaten stehen stets im Fokus, die Präsentation ist detailverliebt und oftmals überraschend, ohne in Exzentrik zu verfallen. Das Restaurant bietet ausschließlich ein Menü mit kleinen Wahlmöglichkeiten, sodass der Genuss und die Sorgfalt für jede einzelne Kreation im Mittelpunkt stehen.

Der Innenhof des Wullenwever gilt in Lübeck als einer der schönsten, die historischen Gemäuer sind Teil des UNESCO-Welterbes und bieten in den Sommermonaten ein besonders stimmungsvolles Freiluftambiente. Der Service ist aufmerksam, professionell und herzlich – mit einer feinen Balance aus hanseatischer Distanziertheit und echter Gastfreundschaft.

In puncto Qualität, Kontinuität und Atmosphäre zählt das Wullenwever zu den festen Größen der norddeutschen Feinschmeckerszene. Ein Besuch im Wullenwever ist ein genussvolles Erlebnis für alle Sinne, für das man sich Zeit nehmen sollte: Hier trifft erlesene Kochkunst auf eine wohltuend entschleunigte Lübecker Lebensart, die sowohl Gourmets als auch Liebhaber besonderer Orte nachhaltig begeistert. Mein einziger Kritikpunkt war die ungewohnte Schnelligkeit. Wir wählten fünf Gänge und nach zwei Stunden war unser Besuch vorüber. So eine Schnelligkeit, fast Hektik kenne ich bei gastronomischen Betrieben dieser Klasse nicht.

Mein Menü:


Gruß aus der Küche

Mosaik vom gebeiztem Saibling mit Rettich und Wasabi

Rochenflügel mit Basilikum gebraten auf Olivenemulsion mit Tomate

Garnelenpraline in grünen Reis gebacken auf Karotten-Dattelchutney

Rehrücken aus der Sommerjagd auf Pfifferlingen in Cassisjus

Käseauswahl vom Maitre Affineur Waltmann

Lübeck – meine Suche nach dem Grab von Marianne und Anna Bachmeier

16. September 2025

Bei einem entspannten Abendessen in Lübeck mit meiner Redakteurskollegin Susanne Peyronnet von Lübecker Nachrichten kamen wir auf den Lübecker Burgtorfriedhof zu sprechen. Im Volksmund gilt man als echter Lübecker, wenn man dort Vorfahren in dritter Generation zu Grabe getragen hat. Es ist ein schöner Friedhof mit zahlreichen alten Grabstellen.

In ihrem wunderbaren Blog schreibt Susanne, dass sie das Grab von Marianne und Anna Bachmeier nicht gefunden hat. Das reizte mein journalistisches Ego und die Spürnase meiner Gattin, eine routinierte Geocacherin. Wir machten uns auf, um diese Grabstelle zu finden.

Die Älteren kennen die Geschichte: In der Nacht nach dem Abendessen beschäftigte mich der Fall Bachmeier. Die Selbstjustiz von Marianne Bachmeier, die 1981 im Gerichtssaal in Lübeck den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter Anna erschoss, ist einer der spektakulärsten und bis heute kontrovers diskutierten Fälle in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Wir irrten bei der Suche nach dem Grab über den wunderschönen Burgtorfriedhof. Anhand von Bildern des Grabes orientierten wir uns, vergleichen Steine und Hecken. Die KI lieferte mir Geokoordinaten, die nicht schlecht waren. Meine Gattin befragte Google und zu guter Letzt sprachen wir mit Spaziergängern der Friedhofsanlage. Und siehe da: In Kombination mit allen Quellen fanden wir die Grabstätte.

Auf dem Burgtorfriedhof in Lübeck wurde Marianne Bachmeier im Grab ihrer Tochter Anna beigesetzt. Um 2014 wurde das Grab eingeebnet. 2017 wurde es mit einer neuen Grabplatte versehen, die die Vornamen und Lebensdaten von Mutter und Tochter trägt.

Wir stehen vor der Grabstelle. Der Grabstein ist rechteckig und aus hellem Stein gefertigt. Darauf sind die beiden Namen eingraviert: Anna (1972 – 1980) und Marianne (1950 – 1996). Rechts auf dem Stein befindet sich ein ovales Porzellanbild der beiden Frauen.

Vor dem Grabstein steht eine kleine Figur, ein kleiner Zwerg und ein kleines Schild in einer Hand mit der Aufschrift „Ich vermisse Dich“. Zudem gibt es eine kleine Igel-Figur. Links daneben befindet sich ein runder Blumentopf mit grünem Bewuchs. Im Hintergrund ist dichter Efeu zu sehen, der den oberen Rand des Grabes einrahmt.

Ich erinnere mich, dass meine Eltern und ich 1981 über den Fall beim gemeinsamen Abendessen sprachen. Meine Eltern verstanden die Selbstjustiz, ich plädierte für das Gewaltmonopol des Staates. Heute als Papa von zwei Kindern schwanke ich in meiner Meinung: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Erinnern wir uns: Am 5. Mai 1980 wurde Anna ermordet, und während des Prozesses gegen Klaus Grabowski, den Angeklagten, zog Marianne Bachmeier am dritten Verhandlungstag eine Pistole und schoss achtmal, sechs Schüsse trafen Grabowski. Die Tat war ein tiefgreifender Akt persönlicher Verzweiflung und Rache, der gesellschaftlich und juristisch auf großes Echo stieß.

Die öffentliche Meinung zu ihrer Tat war gespalten: Viele sahen in ihr das verzweifelte Handeln einer Mutter, die auf das Versagen des Rechtssystems reagierte, während andere die Notwendigkeit betonten, das staatliche Gewaltmonopol zu schützen und Selbstjustiz strikt abzulehnen. Das Gericht bewertete den Fall so, dass es die Tat nicht als Mord, sondern als Totschlag im Affekt ansah und verurteilte Marianne Bachmeier zu sechs Jahren Haft, von denen sie zwei Jahre verbüßte.

Für mich steht fest: Die Selbstjustiz hier steht exemplarisch für die tiefen Spannungen zwischen persönlichem Gerechtigkeitsempfinden und dem gesetzlichen Rechtssystem. Marianne Bachmeier agierte in einem moralisch höchst belasteten Kontext, in dem sie für viele Opfer von Gewalt symbolisch handelte, aber gleichzeitig ein Verstoß gegen rechtsstaatliche Prinzipien begangen wurde. Sie selbst bedauerte die Tat nicht, sondern betrachtete sie als letzten Ausdruck ihrer Trauer und ihres Schutzwillens für ihre Tochter. Der Fall löste intensive Debatten darüber aus, wie Gesellschaft und Rechtstaat mit extremen Fällen von Selbstjustiz umgehen sollten und reflektiert die Grenzen des Rechtsstaats in Momenten tiefster persönlicher Katastrophe.

Bei meiner Recherche als Journalist stelle ich fest: In der medialen und gesellschaftlichen Reflektion wird Marianne Bachmeier oft als eine Frau gesehen, die den archaischen Racheinstinkt zeigt, der mit staatlicher Rechtsprechung in Konflikt steht. Ihre Tat war ein Symbol für das Versagen der Institutionen, dem Verbrechen angemessen zu begegnen, und hat das Thema Selbstjustiz bis heute im kulturellen und juristischen Diskurs lebendig gehalten. Der Fall verdeutlicht die komplexen moralischen, rechtlichen und emotionalen Facetten von Selbstjustiz, die bis heute unterschiedliche Bewertungen und starke Emotionen hervorrufen.

Es gab auch 1984 zwei Spielfilme, die die Tat thematisierten: Der Fall Bachmeier – Keine Zeit für Tränen von Hark Bohm und Annas Mutter von Burkhard Driest.

Hier noch ein paar Bilder vom Friedhof:

Nosferatu – Phantom der Nacht – Rückblick auf meine phantastische Matinee

15. September 2025

Werner Herzog wurde mit Preisen überhäuft und feierte seinen 80. Geburtstag. Noch vor dem ganzen Trubel widmete ich ihm eine phantastische Matinee im Scala Kino Fürstenfeldbruck mit seinem Film Werner Herzogs Nosferatu – Phantom der Nacht. Die nächste phantastische Matinee ist am Sonntag, 21. September um 10:45 mit dem Film Shaun of the Dead. Karten gibt es hier.

Aber zurück zu Werner Herzogs Film. Die 1979 entstandene Hommage an F. W. Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu (1922) stellt eine atmosphärisch dichte Neuinterpretation dar, in der der Vampirmythos als kulturelles, psychologisches und existenzielles Motiv neu verhandelt wird. Hier die Aufzeichnung meines Vortrags.

Der Film verbindet expressionistische Bildsprache mit einer tiefen Melancholie und schafft dadurch ein Werk, das Fragen nach Tod, Zeit, Isolation und gesellschaftlichem Verfall stellt.

Zentral ist dabei die Figur des Vampirs, gespielt von Klaus Kinski. Anders als bei Murnau oder in späteren Dracula-Adaptionen ist dieser Nosferatu kein rein dämonisches Wesen, sondern eine tieftraurige, gequälte Kreatur, die unter ihrer Unsterblichkeit leidet. Er ist ein Außenseiter, der Nähe sucht, aber nur Tod bringt. Diese Ambivalenz macht ihn zur Projektionsfläche existenzieller Fragen: Was bedeutet es, ewig zu leben, aber von der Welt ausgeschlossen zu sein? Welche Form nimmt das Böse an, wenn es selbst leidet?

Herzogs filmische Gestaltung ist von großer formaler Strenge und visueller Kraft. Die Kameraführung von Jörg Schmidt-Reitwein setzt auf langsame Bewegungen, lange Einstellungen und eine fast meditative Ruhe. Die Musik von Popol Vuh verstärkt diesen Eindruck durch sphärische, sakral anmutende Klänge, die eine fast religiöse Tiefe evozieren.

Ein zentrales Thema des Films ist der bürgerliche Verfall. Herzog zeigt, wie eine scheinbar geordnete, wohlhabende Gesellschaft durch eine unsichtbare Bedrohung – die Pest – in kürzester Zeit zusammenbricht. Die Reaktion der Bürger auf das sich ausbreitende Grauen ist nicht Widerstand oder Rationalität, sondern Resignation, Wahnsinn oder blinder Hedonismus. So tanzen Menschen auf dem Marktplatz zwischen Särgen, essen noch einmal üppig und lassen alle sozialen Normen fallen. Diese Bilder sind nicht karikaturhaft überzeichnet, sondern erschütternd ruhig und nüchtern. Sie machen deutlich, dass die Ordnung der Gesellschaft eine dünne Fassade ist – und dass das Chaos jederzeit zurückkehren kann.

Die nächste phantastische Matinee im Scala Kino ist am Sonntag, 21. September um 10:45 mit dem Film Shaun of the Dead. Karten gibt es hier.