Posts Tagged ‘Verlag’

Mandalas für Erwachsene als verpasste Geschäftschance

18. Juli 2016

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Vor längerer Zeit durfte ich ein Seminar für Medienkaufleute halten. In geselliger Runde kamen wir abends beim Bier ins Gespräch über das eine oder andere Verlagsprojekt. Die Situation in Verlagen ist angespannt und neue Ideen sind gefragt. Hier wird an die Belegschaft appelliert, neue Geschäftsfelder vorzuschlagen. Und es kann aber folgendes passieren: Werden Ideen vorgeschlagen, dann werden sie oftmals vom Management abgewiesen. Das entmutigt Mitarbeiter. Die Stimmung in manchem Verlagshaus wird noch schlechter. Ein Teufelskreis entsteht.
Ähnliches ist hier passiert. Eine Teilnehmerin berichtete mir von ihren Erlebnissen. Sie arbeitet in einem Buchverlag, der Name tut nichts zur Sache. Sie hatte eine Bekannte mit kleinen Kindern, die stundenlang mit Begeisterung Mandalas ausmalen. Das sind schwarz-weiß-Ausdrucke von Formen und Mustern, die dann in Farbe mit Stiften ausgemalt werden müssen. Kinder lernen sich so zu konzentrieren und exakt zu arbeiten. Als Kind habe ich so etwas mit klassischen Malbüchern gemacht. Ich habe meine Malbücher geliebt und auch ich habe meinen Kindern Malbücher und Mandalas gegeben.
Sie schlug eine Art Mandala für Erwachsene vor. Der Verlag lehnte dies als blödsinnige Idee ab. Warum sollen Erwachsene Bilder ausmalen? Die Mitarbeiterin war frustriert, schade.


Und heute? Heute gehe ich in Buchhandlungen und sehe reihenweise Mandalas für Erwachsene – nur der betroffene Verlag ist nicht dabei. Er hat die Chance verpasst, obwohl es in sein Geschäftsmodell gepasst hätte. Der Verlag hat nicht auf seine Mitarbeiterin gehört, das Management wusste es besser – oder glaubte es zu wissen.
Als ich in meiner Familie und bei meinen Freunden herumgefragt hatte, stellte sich heraus, dass einige Mandalas für Erwachsene ausmalen. Es beruhigt ungemein, war die Antwort. Das Leben ins stressig genug. Mandalas dienen zum Runterkommen, zur Konzentration, zum Zeitvertreib. Ich probierte es aus und es stimmt. Als digitale Nomade habe ich mir freilich Mandala-Apps für das iPad Pro gekauft – so eine Art indische und indianische Muster. Mit dem Pencil vom iPad Pro male ich auf langen Zugfahrten zu meinen Seminaren meine Mandalas aus. Und immer wenn ich die Mandalas sehe, dann denke ich mir wieder, hätte der Verlag nur auf seine Mitarbeiterin gehört.

insideAR: Wie Verlage von augmented reality profitieren können

30. Oktober 2014
Timon von Bargen von appear2media

Timon von Bargen von appear2media

Unter augmented reality (AR) wird die erweitere Realität verstanden, also zusätzliche Informationen, die im Netz hinterlegt sind. Das können Texte, Videos, Grafiken oder Animationen sein. Auf der insideAR, der wichtigsten Konferenz für AR von metaio, ergeben sich gerade für klassische Zeitungs- und Zeitschriftenverlage interessante Möglichkeiten. Einige Verlage experimentieren bereits mit der Technik, wie mir Timon von Bargen von appear2media erklärte. Die Agentur mit Sitz in Hamburg und Berlin unterstützt Verlage mit Schritt in die virtuelle Realität. Die Ergebnisse sind meines Erachtens faszinierend.


Dennoch vermute ich, dass AR in der Print-Verlagswelt auf massive Vorbehalte stößt. Viele meine Journalistenkollegen sehen sich als Inhalte-Produzent oder besser noch als klassische Redakteure. Da geht es in erster Linie um Texte. AR ist für viele bunte Bilder, eine Spielerei. Ich vermute, dass sich viele Journalisen in ihrem Selbstverständnis mit AR schwer tun und AR eher ablehnen werden. Zudem haben wir oft in Deutschland mittelständische Verleger, die es über Jahre gewohnt waren, richtig großes Geld zu verdienen. Sie sind jetzt beleidigt, dass sie in neue Formen der Kommunikation investieren sollen. Viele von den Damen und Herren Verleger wollen die Zeit zurückdrehen.
Und wir haben das Problem mit der Grafik. Grafik in Print bedeutet klassische DTP also beispielsweise InDesign, Qurak XPress und Photoshop. Zwar kann der neue Adobe Photoshop schon 3D, aber wird es von den klassischen Mediengestaltern eingesetzt? Und oftmals ist die Grafik nur noch externer Dienstleister in den Verlagshäusern. Material für AR aufzubereiten, kostet wiederum Geld für die Verlagshäuser, nachdem sie ja vorher Knebelverträge mit ihren Dienstleistern ausgehandelt haben.
Und ich glaube, dass viele Mediaberater immernoch gerne in Millimeter verkaufen. Sie taten sich mit Online-Kampagnen schon schwer und der TKP für online ist ein Witz. Viele Mediaberater machen sich nicht die Mühe, die digitalen Pennys zu verdienen, wenn sie immernoch auf den analogen Dollar hoffen. Wie soll man AR dem Kunden verkaufen, wenn man es selbst nicht daran glaubt.
Ich bin also pessimistisch und lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Das Team von Timon von Bargen von appear2media macht mir einen kompetenzen Eindruck und steht sicher mit Rat und Tat zur Seite. Jetzt gilt es durchzustarten und Marken in neuen Märkten zu festigen.

eBooks: Neue Zahlen rund ums elektronische Buch

16. Oktober 2014

Die Frankfurter Buchmesse ist zu Ende und ich werde das Gefühl nicht los, dass die digitale Spaltung die Branche weiterhin durchzieht. Noch immer kenne ich Autoren, die Bücher veröffentlichen wollen, aber bitteschön nur auf Papier. Denn für sie ist ein Buch nur ein Buch, wenn es auf Papier gedruckt ist. Die Herrschaften sollten sich mit den aktuellen Zahlen beschäftigen, bevor sie diese aussichtlslose Schwarz-Weiß-Malerei weiter praktizieren. Ich muss für mich zugeben, dass mich der Inhalt/Content des Buches interessiert, nicht das Trägermaterial.

Was passiert derzeit? Amazon startete seine Bücherflat, genannt Kindle Unlimited. Für zehn Euro im Monat kann der Kindle-Leser aus mehr als 650.000 Kindle-Bücher auswählen und lesen, lesen, lesen. Natürlich sind die Neuerscheinungen aus den Bücherbestenlisten nicht enthalten, aber für Leseratte eine sehr interessante Möglichkeit viel neues zu entdecken. Im Bestand sind sehr viele englische Bücher. Es können übrigens bis zu zehn Bücher gleichzeitig ausgeliehen werden. Gleichzeitig gibt es bei Amazon die nächste Generation von Lesegeräte Kindle Voyage.

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Aber wie sehen die neuen Zahlen aus? Fast jeder vierte (24 Prozent) Bundesbürger liest elektronische Bücher. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Hightech-Verbands BITKOM unter 2.300 Personen hervor. Im Vorjahr lag der Anteil der eBook-Leser noch bei 21 Prozent. Da nur drei Viertel aller Deutschen Bücher lesen, liegt der Anteil der E-Book-Nutzer an der Bücher lesenden Bevölkerung sogar bei 33 Prozent (Vorjahr: 29 Prozent). „E-Books haben sich als feste Größe im digitalen Medienmix etabliert“, sagte BITKOM-Präsidiumsmitglied Dr. Christian Illek. „Immer mehr Leser schätzen die Vorteile digitaler Literatur.“ Neben dem großen Angebot an verfügbaren Titeln zählen dazu die interaktiven Funktionen von eBooks. IE-Book-Leser haben jederzeit Zugriff auf zahllose Bücher, erhalten Zusatzinformationen zum Text und können ihre Leseerfahrungen im Internet mit anderen teilen. Die Studie zeige, dass immer mehr Nutzer ihre digitalen Bücher auf mehreren Geräten parallel lesen. Darüber hinaus etablierten sich alternative Nutzungsmodelle wie monatliche eBooks-Flatrates. Amazon Kindle Unlimited lässt grüßen.

Nach den Ergebnissen der Umfrage sind E-Books über die verschiedenen Altersgruppen hinweg gleichermaßen beliebt. 31 Prozent aller 14- bis 29-Jährigen und 30 Prozent der 30- bis 49-Jährigen lesen eBooks. Unter den 50- bis 64-Jährigen sind es 27 Prozent. Erst in der Altersgruppe ab 65 Jahren liegt die Nutzung mit 10 Prozent deutlich niedriger. Fast ein Drittel (32 Prozent) der Nicht-Nutzer von eBooks kann sich vorstellen, in Zukunft digitale Bücher zu lesen. „Das Marktpotenzial von eBooks ist gewaltig“, betonte Illek. Dazu trage auch die wachsende Gerätebasis bei. Nach BITKOM-Prognosen werden im laufenden Jahr 9,2 Millionen Tablet Computer (plus 15 Prozent) und 1,2 Millionen reine E-Reader (plus 12 Prozent) verkauft.

Allerdings sind die am weitesten verbreiteten Lesegeräte immer noch Laptops bzw. Netbooks, die 56 Prozent der eBooks-Nutzer verwenden. 44 Prozent lesen eBooks auf dem Smartphone und 32 Prozent auf einem stationären Computer. 30 Prozent der befragten eBooks-Nutzer lesen auf dem Tablet Computer und 27 Prozent mit dem E-Reader. „eBooks-Leser sind nicht auf ein Gerät festgelegt. Ein Fünftel liest parallel auf unterschiedlichen Geräten wie Tablet, Smartphone und eReader“, sagte Illek. Die Synchronisierung erfolgt durch die Speicherung der Bücher in der Cloud, die dann entweder direkt auf dem eReader oder über spezielle Apps auf Smartphones und Tablets abgerufen werden können. Damit haben Nutzer an jedem Ort mit Internetzugang Zugriff auf ihre Bücher.

Die beliebteste technische Funktion von eBooks ist das digitale Lesezeichen. Gut zwei Drittel (69 Prozent) der befragten E-Book-Leser nutzen sie. Gleichauf liegt mit 68 Prozent die Veränderung der Schrift: Größe, Zeilenabstand oder Schrifttyp können angepasst werden. Ein gutes Drittel (38 Prozent) verwendet die Stichwortsuche, ein Viertel (26 Prozent) macht sich Notizen und ein Fünftel markiert Textstellen. 17 Prozent nutzen die Übersetzungsfunktion. Illek: „eBooks bieten hier einen echten Mehrwert gegenüber gedruckten Büchern.“

Die wichtigsten Bezugsquellen für eBooks sind mit 63 Prozent Online-Buchshops wie Amazon, Buch.de, Ebook.de oder Thalia.de. Gut ein Viertel (27 Prozent) der Befragten kauft Bücher in den vorinstallierten Shops der Lesegeräte. Immerhin 14 Prozent kaufen direkt bei den Autoren und 9 Prozent auf den Webseiten der Buchverlage. Immer mehr Autoren und Verlage erkennen die Chancen des Internets für die Selbstvermarktung und den Direktverkauf. 15 Prozent der Befragten sagen, dass sie kein Geld für eBooks ausgeben.

Neben dem Erwerb einzelner eBooks etablieren sich alternative Formen der Nutzung. Insbesondere das Ausleihen digitaler Bücher entwickelt sich zu einem wichtigen Trend. Ein Viertel der Befragten leiht eBooks über öffentliche Bibliotheken aus. Im vergangenen Jahr waren es erst 17 Prozent. Das Ausleihen bei kommerziellen Anbietern wächst leicht auf 16 Prozent (Vorjahr: 15 Prozent). Entsprechende Dienste bieten monatliche Pauschaltarife für die Nutzung einer bestimmten Anzahl von eBooks. 25 Prozent der eBook-Nutzer lesen frei verfügbare elektronische Bücher, zum Beispiel aus dem „Project Gutenberg“ – im Vorjahr waren es erst 15 Prozent. 6 Prozent zahlen pro Seite, was vor allem bei wissenschaftlichen Publikationen von Bedeutung ist. In der Summe nutzt gut die Hälfte (52 Prozent) der eBook-Leser Alternativen zum Kauf einzelner Dateien.

Ein Viertel (26 Prozent) der eBooks-Nutzer teilt Leseerfahrungen im Internet mit anderen. Mit Abstand am beliebtesten ist das Schreiben von Rezensionen in Online-Shops: 14 Prozent der Leser machen davon Gebrauch. Immerhin 8 Prozent nutzen Apps, mit denen man Textstellen markieren und diese mit anderen teilen kann. Weitere 3 Prozent machen das freihändig, in dem sie den Text kopieren und die Inhalte zum Beispiel in sozialen Netzwerken teilen.

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Tesla oder das wichigste Buch des Jahres: The Innovators Dilemma

26. Juni 2014

Das wichtigste Buch, das in den vergangenen Monaten gelesen habe, war für mich The Innovators Dilemma von Clayton M. Christensen. Es beschreibt, warum etablierte Unternehmen den Wettbewerb um bahnbrechende Innovationen verlieren. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich glaube, dass wir am Beispiel von Tesla wieder in so einer Umbruchphase sind.

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Ich habe lange in Verlagen gearbeitet und wir haben Print immer weiter optimiert, Befragung um Befragung durchgeführt und hat es was genutzt? Kaum etwas – als Chefredakteur habe ich vor allem eingespart, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Online hat den Print-Verlagen mehr und mehr das Wasser abgegraben, aber wir hatten nicht die Manpower, um dem etwas entgegen zu stellen. Investitionen in Apps oder Online waren von den meisten Verlagen halbherzig. Solche Innovationen wurden nach außen gegeben, weil man es intern nicht mehr leisten kann.

Die Frage ist doch: Warum versagen großartige Unternehmen im Wettbewerb um Innovationen, obwohl sie alles richtig machen? Sie beobachten ihren Wettbewerb, befragen ihre Kunden oder verfügen über stattliche F&E-Budgets. Trotzdem verlieren sie ihre Marktführerschaft, sobald bahnbrechende Veränderungen bei Technologien oder Marktstrukturen auftreten. Als Beispiel werden in dem Buch Mobiltelefonie, Musikindustrie oder Verlage genannt, weil sie nur nach den vorherrschenden Managementmethoden handeln. Unternehmen mit ausgeprägtem Kundenfokus werden z.B. Schwierigkeiten haben, neue Produkte für neue Märkte oder Kunden zu finden. Überspitzt ausgedrückt: Fragten die Pferdestall-Betreiber ihre Pferdebesitzer, was sie sich wünschen, dann antworteten sie: Ein schnelleres Pferd. Auf ein Auto kam niemand.

Diese Firmen sind zu sehr damit beschäftigt, bestehende Kunden zu pflegen, die in der Regel von Innovationen nichts hören wollen. Autor Clayton M. Christensen gibt in diesem lesenwerten Buch ein paar Regeln für einen erfolgreichen Umgang mit bahnbrechenden Innovationen. Diese Regeln werden Managern helfen zu entscheiden, wann es sinnvoll ist, nicht auf bestehende Kunden zu hören, in weniger leistungsfähige Produkte mit geringen Margen zu investieren oder in noch kleine, aber wachstumsstarke Marktsegmente einzusteigen.

Ist Tesla, hier in Gatwick, eine disruptive Technologie?

Ist Tesla, hier in Gatwick, eine disruptive Technologie?

Wenn disruptive Technologien auftauchen, dann sind bestehende Industrien in Gefahr. Und ich denke, wir haben im Moment wieder so eine Umwälzung, Am Flughafen London Gatwick habe ich mich lange mit einem Vertreter von Tesla unterhalten. Tesla stellt Elektroautos her und hat vor kurzem seine Patente verschenkt. Ich habe immer wieder für die Automotive-Industrie gearbeitet und da war das oberste Gebot die Geheimhaltung. Es besteht eine regelrechte Hexenjagd, dass ja keine Informationen nach außen gehen.

Und was macht Tesla? Tesla verschenkt seine Patente. Ich hätte gerne die Gesichter der deutschen Automobilvorstände bei VW, Audi, Mercedes oder BMW gesehen.

Was passiert jetzt? Zerstört Tesla den bestehenden Automobilmarkt mit seinen Open Source-Patenten? Teslas Chef, der Milliardär Elon Musk, könnte mit dieser Entscheidung eine disruptive Technologie vorantreiben und den fest aufgeteilten Automarkt aufbrechen.

Ich empfehle das ausgezeichnete Buch The Innovators Dilemma jedem, der sich Gedanken über seine Zukunft machen will – egal in jeder Branche. Es bringt einen zum Nachdenken.

 

Fehlanzeige: App-Abteilungen in Verlagen

2. Oktober 2013

Wann werden es Verlage lernen, dass der Medienwandel kommt? Und zwar mit Riesenschritten. Muss die Auflage noch mehr in den Keller krachen? Ich hatte neulich mehrere Gespräche mit Verlagsmitarbeitern und durfte auch wieder eine Führung durch einen Verlag mitmachen. Stolz zeigte man mir Redaktionen, Anzeigen & Dispo, Grafik und auch die Druckerei. Ich war mächtig beeindruckt – das war ich übrigens vor einem Besuch in einem Dino-Park mit meinen Kindern auch.

Beim Kaffee kamen wir dann ins Gespräch. Ich wollte mehr über den aktuellen Stand der Content-Produktion wissen. Ich fragte in der Grafik und Layout nach, wo denn die Abteilung für App-Produktion sei. Schlagartig verfinsterte sich das Gesicht meines Gesprächspartners. So etwas wie eine App-Produktion habe man nicht. Es gibt zwar einen Leiter von elektronischen Medien, aber zu sagen habe er nix. Wenn an Apps gedacht werde, dann werde so etwas von einem externen Dienstleister erledigt. Um die Kosten zu senken, werde der Copypreis des Heftes erhöht oder die Redaktion weiter beschnitten. App Produktion – wie bitte? Ihr gebt die Zukunft des Verlages an einen externen Dienstleister?

Warum bauen Verlage (ich spreche hier ausdrücklich nicht von allen) nicht Know how im eigenen Haus auf? Solche Abteilungen gehören für mich dazu wie Redaktion oder klassische Grafik. Leider zeigte sich in den Gesprächen, dass die Verantwortlichen immer noch in einer klassischen Print-Welt leben. Und auch ihr Workflow ist noch in der alten Print-Denke verhaftet. Da wird gerne von Online-First gesprochen, doch im Grunde will man dieses elektronische Zeug nicht.

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Gerade lese ich, dass ein alter Mitbewerber konsequent den neuen Weg geht: IDG. Zu meinen Zeiten bei der PC Professionell und der MACup waren wir immer im Wettbewerb mit IDG. Jetzt lese ich, dass die US-Ausgabe des PC World im August die letzte Papierausgabe gedruckt hat. Seit September erhalten die 119000 Abonnenten die elektronische Ausgabe. Und dabei meine ich nicht, eine PDF-Ausgabe des Printtitels, sondern ein neues Medium – ein komplettes digitales Magazin. 200 Seiten mit Interaktivität, 360 Grad-Fotos, Videos und interaktiven Grafiken.

Für mich persönlich steht fest, ich werde mich künftig mehr mit App-Produktion beschäftigen. Der Weg für Verlage ist für mich hier offensichtlich und meine Kunden werden sich freuen.

Gedanken zum media coffee: Kommunikation 2020

9. Juni 2010

Social Media wird eine Ernüchterung erfahren, wie es auch Second Life erging – Dieser Meinung war Prof Peter Wippermann vom Trendbüro. Auf einer Veranstaltung des media coffee bat Veranstalter newsaktuell über 300 Zuhörer zum Thema „Kommunikation 2020 – Aufbruch in ein neues Informationszeitalter“ zur IBW nach München.

Eine rundum gute Figur machte Jochen Wegner, Chefredakteur von Focus online. „SL fand ich schräg, doch das iPad elektrisiert mich.“ Das Gerät zeige komplette neue Möglichkeiten, „wie man mit neuen digitalen Inhalten umgeht“. Verlage lernten jetzt erst, die neuen digitalen Inhalte aufzubereiten. Bei Focus werden die kostenlosen Apps von Werbung finanziert, bei den Verlagskollegen kosten die Apps gleich Geld. Wegner sah künftig neue hochwertige Inhalte durch das iPad. Als Vorzeigebeispiel nannte er „Wired“.

Falsch halte ich die Aussage von Wippermann, der die Wirkung des iPads bei älteren Usern überschätzt sah. Ein Achtzigjähriger ist mit dem ABC groß geworden und nicht mit Fingergesten.“ Ich glaube dagegen, ein Achtzigjähriger beherrscht seine Finger noch ganz gut. Der Praxistest mit meinen Dad verlief hervorragend.

Interessant für mich waren am Rande der Veranstaltung manche Aussagen über Arbeitszeit. So manchen Teilnehmer aus der PR-Szene stieß es übel auf, als Wippermann eine weitere Vermischung zwischen Arbeit und Freizeit ankündigte. Diese Vermischung werde eine echte Herausforderung. Hier stimme ich Helmut Freiherr von Fricks, Geschäftsführer von F&H Public Relations, zu: „Wir haben nur eine Zeit und nicht Arbeitszeit und Freizeit. Wir so denkt, sollte sein Zeitmodell überprüfen.“ Es gelte, die Zeit richtig zu nutzen. In Publikum gab es nicken und Kopfschütteln gleichermaßen. „Ich bin doch nicht bereit, für meinen Laden noch mehr zu schuften“, war eine Aussage neben mir. Ich glaube, die Dame hat es nicht verstanden.

Vielleicht war mit meiner Provokation auch etwas daran, als ich via iPhone über die Twitterwall live twitterte: „ Im Jahr 2020 gibt es mindestens 45 Prozent von denen nicht mehr und müssen mal richtig arbeiten #mediacoffee“ und allen sei noch auf den Weg gegeben: „Web 2.0 wurde nicht erfunden, damit Verlage und PR automatisch Geld verdienen 🙂 #mediacoffee“.

Es hätte ein schöner Abend werden können, doch leider war das Podium falsch besetzt: Moderator Klaus Eck mühte sich redlich ab und versuchte die Diskussion in Gang zu bekommen bzw. in Gang zu halten, doch mindestens zwei Podiumsteilnehmer waren noch nicht mal richtig im modernen Zeitalter angekommen. Wie sollen sie dann überhaupt Aussagen über die Zukunft 2020 treffen?

Der Veranstalter newsaktuell gab sich modern und richtete hinter dem Podium eine Twitterwall ein. Besucher und Interessierte im Saal der IBW und außerhalb sollten Fragen stellen und sich unter dem Hashtag #mediacoffee beteiligen. Das wurde auch gemacht und ein paar Übermutige nutzten die Wall auch für die Selbstdarstellung oder Provokation, der Autor dieser Zeilen mit eingeschlossen. Leider konnten die Diskutanten die Tweets der Wall nicht lesen, ohne sich den Kopf zu verrenken. Nachdenken und dann die neue Präsentationstechnik einsetzen, das erwarte ich bei einem Veranstalter wie einer dpa-Tochter.

Neue Rahmenbedingungen für Printverlage

22. Januar 2010
Kollegen und ich haben uns ein paar Gedanken gemacht, in welcher Situation sich Printverlage befinden. Diese Gedanken sind eine Sammlung von verschiedenen Thesen und Folgerungen, die ich gerne zur Diskussion stellen würde.
Die wichtigste Rahmenbedingung ist natürlich die derzeitige Weltwirtschaftskrise zu nennen. Es kommt einfach weniger Geld hinein. Die Verkäufe, die Abos und die Anzeigeneinnahmen sinken. Die nächsten Schritte sind klar. Die Verantwortlichen in der Medienindustrie schrauben auch dann an den Personal-, Druck- und Marketingkosten.
Der zweite große Herausforderung ist sicher die Globalisierung. Wir haben es mit einer Konzentration von Budgets bei gleichzeitiger Vergrößerung von Märkten zu tun. Die Kunden müssen nicht mehr die Printanzeige in einer lokalen Printpublikation schalten. Sie haben Alternativen im internationalen Printbereich und natürlich im Internet. Hohe deutsche Anzeigenpreise müssen mit niedrigen ausländischen konkurrieren. Es kommen neue Anbieter im Spiel, die um die knappen Marketingbudgets kämpfen. Marketingentscheider haben wesentlich mehr Möglichkeiten ihr Geld auszugeben.
Ihr klares Ziel ist es, Leads zu generieren, statt klassische Markenarbeit in Form von Branding zu leisten. Verkäufe und Umsätze sind die Währung. Google spielt in diesem Spiel groß mit und kassiert. Google bündelt durch seine Angebote die Verkaufskontakte. Das System von AdWords ist genial. Das gilt mehr denn je, kleiner die Nischen für die Verlage sind.
Verlage greifen in den Kampf um Marktanteile direkt ein und kaufen in Krisenzeiten zu oder werden gekauft. Die großen kaufen die Kleinen. Eine Verlagskonzentration ist die Folge. Die konkrete Folgen für die Verlage sind: neue stärkere Konkurrenten und internationale Konkurrenz. Nationale Verlage haben mit geringerem Marketingbudgets in der Heimat zu kämpfen. Gleichzeitig beginnen die Rabattschlachten mit den Anzeigenkunden. Sie wollen mehr fürs Geld, mehr Service und es werden neue Angebotsformen gewünscht.
Neben den Folgen für die Verlage gibt es natürlich auch Folgen für die Leser. Der Leser steht einer enormen Informationsüberflutung gegenüber. Der Leser steht unter den Zwang der Entscheidung. Seine Finanzen und noch viel wichtiger, das zur Verfügung stehende Zeitbudget sind begrenzt. Die Verlage müssen künftig noch mehr darauf achten, dass ihre Publikationen im Lesestapel beim Leser ganz oben liegen. Der Leser stellt sich immer die Frage: Lohnt es sich diese Zeitschrift zu lesen?
Die Zapping-Kultur des Fernsehens überträgt sich auf das Lesen. Wir haben heute neue Gewohnheiten, eine neue Lesekultur. Fachleute sprechen hier von einem szenischen Lesen. Texte müssen modular aufgebaut werden, damit ein Einstieg an verschiedenen Stellen möglich ist. Mancher Leser hat schließlich Schwierigkeiten lange Texte zu lesen. Gekauft wird eine Zeitschrift nur deren Nutzen.
Klare Folgen für ein Printprodukt. Es braucht ein klares Alleinstellungsmerkmal, einen USP. Ist kein USP vorhanden, dann hat die Marke keine Überlebenschancen.
Durch das Internet geht der Trend zur Kostenloskultur mithin. Informationen gelten als kostenlos. Für nur Informationen sind immer weniger Leser bereit zu bezahlen, außer die Informationen sind hochexklusiv.
Die Folge ist der Trend zu User generted Content. Dieser ist kostenlos und scheinbar objektiv. Dies hat natürlich auch Folgen für die Journalisten. Journalisten der nahen Zukunft werden Organisatoren und Moderatoren vom Content. Sie werden Wissenshersteller. Die Aufgabe der Zukunft ist es, Inhalte zu konzentrieren. Das reine Schreiben von Artikeln wird weniger, obwohl es Edelfedern immer geben wird.
Diese Gedanken haben auch Folgen für das Management in Verlagen. Wir müssen uns einerseits mit einem verschärften Konkurrenzkampf abfinden. Andererseits werden höhere Leistungsanforderungen an Mitarbeiter gestellt. Klar ist auch, dass die Umsätze zurückgehen werden. Für den gleichen oder für weniger Erfolg als bisher, muss mehr aufgewendet werden. Die Folge sind in der Regel weniger Erfolgserlebnisse. Interne Verteilungskämpfe in Verlage und der Veränderungsdruck von oben und von unten werden ebenfalls zunehmen. Die Verlage holen jetzt die Erfahrungen der Industrie nach. Einem Automobilzulieferer geht es ähnlich wie einen Verlag für Cooperate Publishing. Direkte Abhängigkeit von Kunden werden eine große Rolle spielen. Damit wächst die Unzufriedenheit in den Verlagen.
Viele Redaktionen müssen ihre internen Prozesse ändern, ihren Workflow den neuen Gegebenheiten anpassen. Es kommt zu einer neuen Standardisierung von Prozessen. Verfahren und neue Methoden der Redaktionsarbeit müssen etabliert werden. Am  Ende der Planung steht natürlich die Operationalisierung.