Archive for the ‘Musik’ Category

Zwei Stimmen, ein Herz – Tom & Flo und der Sound der 60er

23. Mai 2025

Was waren die sechziger Jahre wichtig für Populärmusik? Das wurde einem schlagartig wieder bewusst, wenn man der Musik des Augsburger Lokalduos Tom & Flo lauschte. Auf Einladung der Loge Augusta 1872 spielten die beiden sympathischen Musiker ein Privatkonzert in den exklusiven Räumen der Loge.

Wenn Tom & Flo die Bühne betreten, spürt man sofort diese besondere Magie, die nur entsteht, wenn zwei Seelen im Einklang musizieren. Was als Straßenmusik in Augsburg begann, ist heute weit mehr als ein Geheimtipp: Tom Prestele und Florian Laske – Gitarre, Kontrabass, zwei Stimmen, ein Herzschlag – lassen den Sound der 60er Jahre mit einer solchen Leidenschaft und Authentizität aufleben, dass jedes Konzert zur musikalischen Zeitreise in die sechziger Jahre wird.

Ihre Musik ist ehrlich, handgemacht und voller Gefühl. Tom & Flo schaffen es, mit wenigen Mitteln große Emotionen zu wecken: Ein Blick, ein Lächeln, ein perfekt harmonierender Gesang – und schon sind die Zuhörer mitten in einer Welt aus Nostalgie, Wärme und Lebensfreude. Es ist diese Nähe zum Publikum, die ihre Auftritte so besonders macht. Ob auf der Straße, kleinen Bühnen oder vor größerem Publikum – sie berühren, weil sie sich selbst treu bleiben und ihre Liebe zur Musik mit jedem Ton teilen. Auch in den edlen Räumen der Augsburger Loge kam sofort Stimmung auf. Immer wieder Rufe nach Zugabe um Zugabe.

Tom & Flo sind nicht nur Musiker, sondern Geschichtenerzähler. Sie holen die Sehnsucht und den Zeitgeist der 60er ins Heute, schenken Erinnerungen und schaffen neue. Ihr Zusammenspiel ist geprägt von Freundschaft, Humor und einer tiefen Verbundenheit – das spürt man in jedem Moment. Wer sie live erlebt, nimmt ein Stück Leichtigkeit und Glück mit nach Hause. Das Duo Tom & Flo wird besonders emotional durch mehrere Faktoren, die sich in ihrer Musik und ihrem Auftreten widerspiegeln

Gefühlvoll harmonierende Stimmen
Ihre Stimmen verschmelzen auf eine Weise, die sofort unter die Haut geht und Emotionen beim Publikum weckt. Diese Harmonie ist ein zentrales Markenzeichen und sorgt für Gänsehautmomente. Mir kam in den Sinn, wie wichtig Simon & Garfunkel sind, deren Lieder vom Duo immer wieder dargebracht wurden.

Reduzierte, aber ausdrucksstarke Instrumentierung
Mit nur Kontrabass und Gitarre schaffen Tom & Flo es, eine intime und warme Atmosphäre zu erzeugen, die den Fokus ganz auf die Emotionen der Songs und die Authentizität ihres Vortrags legt. Und wenn man zur Ukulele greift, hat das Duo die Lacher auf seiner Seite.

Ehrliche Interpretation zeitloser Musik
Sie interpretieren Klassiker der 60er-Jahre – von den Beatles bis Simon & Garfunkel – mit einer solchen Leidenschaft und Liebe zum Detail, dass sowohl Nostalgie als auch echte Gefühle transportiert werden. Nebenbei streuten sie auch ein paar Eigenkompositionen ein und warben für ihr Album Tom & Flo.

Langjährige Freundschaft und Bühnenpräsenz
Die beiden verbindet eine tiefe, über zwanzigjährige Freundschaft, die sich in ihrem Zusammenspiel widerspiegelt. Diese Vertrautheit und Freude am gemeinsamen Musizieren überträgt sich unmittelbar auf das Publikum und schafft eine emotionale Verbindung. Ob als Straßenmusiker oder auf großen Bühnen – Tom & Flo bleiben bodenständig und nahbar. Ihre Auftritte sind geprägt von Herzlichkeit und einer Offenheit, die das Publikum emotional mitnimmt.

Gerade diese Mischung aus musikalischer Qualität, authentischer Darbietung und persönlicher Verbundenheit macht Tom & Flo zu einem besonders emotionalen Duo, das Menschen berührt und in den Bann zieht. Ich bin der Loge Augusta 1872 dankbar für die Einladung zu diesem Privatkonzert. Habe mich sehr darüber gefreut.

Ein Abend voller Swing, Sehnsucht und Saitenzauber – wie Monsieur Pompadour mein Herz für Django Reinhardt neu entfachte

18. Mai 2025

Früher hab ich seine Musik viel gehört und dann lange Zeit nicht mehr. Aber als ich auf einem Privatkonzert der Berliner Band Monsieur Pompadour war, kramte ich wieder meine alten Django Reinhardt Schallplatten hervor.

Monsieur Pompadour ist eine Berliner Band, die seit ihrer Gründung im Jahr 2014 mit einer einzigartigen Mischung aus heiterem Swing, ambitionierter Wildheit und einer Prise Melancholie auftritt. Die vier Musiker – ein belgischer Sänger und Gitarrist, ein ungarischer Geiger, ein adeliger Gitarrenvirtuose und ein schweigsamer finnischer Bassist – vereinen in ihrem Spiel Einflüsse aus verschiedenen Ländern und Kulturen, was sich auch in ihrer Musik widerspiegelt. In dem Münchner Privatkonzert schafften die Musikanten eine wunderbare Stimmung.

Swing Manouche
Stilistisch orientiert sich Monsieur Pompadour am Swing Manouche, auch bekannt als Sinti-Jazz, der in den 1930er-Jahren durch das legendäre „Quintette du Hot Club de France“ mit Django Reinhardt und Stéphane Grappelli in Paris entstand. Charakteristisch für dieses Genre ist die perkussive Gitarrenbegleitung, genannt „La Pomp“, die dem Sound einen unverwechselbaren Swing-Drive verleiht. Während im klassischen Swing Manouche der Gesang eher eine untergeordnete Rolle spielt, setzt Monsieur Pompadour auf mehrstimmigen Chorgesang – ein Novum in diesem Genre und ein zentrales Merkmal ihres Bandsounds. Und diesen Gesang konnten die Gäste aus vollen Zügen genießen.

Das Repertoire der Band besteht aus Chansons und Songs über das Leben und die Liebe, die in bis zu sieben Sprachen interpretiert werden. Die Lieder sind geprägt von französischer Leichtigkeit, mitreißender Lebensfreude und gelegentlicher Melancholie. Die Musik lädt gleichermaßen zum Träumen wie zum Tanzen ein und schafft es, das Publikum sowohl mit bekannten Melodien als auch mit neuen, eigenen Stücken zu begeistern. Für mich steht diese Band für Virtuosität, für Witz und für ihre Lebendigkeit.

Album Moustaches
Wie ich höre ist Monsieur Pompadour heute ein fester Bestandteil der Berliner Swing-Manouche-Szene und hat sich mit über 500 Konzerten einen Namen gemacht. Ich muss zugeben, dass ich vor ihrem Münchner Konzert nichts von der Band, geschweige die Band kannte. Aber ich hab mir gleich das aktuelle Album „Moustaches“ gekauft und unterschreiben lassen. Es zeigt sowohl die Wurzeln der Band als auch ihre Offenheit für neue Ideen und musikalische Experimente. Mit ihrer Musik schlagen sie eine Brücke zwischen Tradition und Moderne.

Im Kern der Musik stand aber der legendäre Django Reinhardt. Ich schäme mich, dass ich diesen begnadeten Gitarristen lange nicht mehr gehört habe. Er spielt eine zentrale Rolle in der Musik von Monsieur Pompadour. Die Band bringt Reinhardts Musik auf ihre eigene, moderne Weise auf die Bühne und verleiht ihr mit eigenen Arrangements, Instrumentierungen und Gesang einen individuellen Stempel, ohne den Bezug zu ihrem Vorbild zu verlieren.

Ein Klang wie aus einer anderen Welt: Pink Floyd neu erlebt: Live at Pompeii – MCMLXXII

3. Mai 2025

Geschickt mit viel Marketing-Power angekündigt und jetzt – endlich – erschienen. Pink Floyd Live at Pompeii – MCMLXXII. Eigentlich war von den Aufnahmen ja vieles schon bekannt, aber Steven Wilson hat nochmal an den Reglern gedreht und aus den Aufnahmen von 1971 Details herausgeholt. Ich habe mir die Vinyl-Ausgabe und den Konzertfilm auf Bluray geholt und schon in der Nacht der Veröffentlichung den Stream via Apple Music geladen.

Wie gesagt: Eigentlich bekannt, aber wieder eine deutliche Steigerung des bekannten Konzerts ohne Zuschauer in der antiken Stadt. Für so einen Sound legt man gerne seine Euro auf den Tisch, damit die lebenden Bandmitglieder Waters, Gilmour und Mason noch ein karges Auskommen haben.
Über meine bisherigen Ausgaben Laserdisc, DVD und Bluray habe ich ja bereits ausführlich gebloggt und den Wert des Konzerts für die Musikgeschichte eingeordnet.

Wenn das Album Stunde um Stunde von mir abgespielt wurde, begreife ich wieder, welch faszinierende Band dies einst war und welches Potenzial in ihr steckte. Der Sound von Pink Floyd zur Zeit von „Live at Pompeii“ (1971) war atmosphärisch, experimentell und von einer intensiven Klangarchitektur geprägt, die weit über konventionelle Rockmusik hinausging. In dieser Phase – zwischen den Alben Meddle (1971) und dem noch in Arbeit befindlichen The Dark Side of the Moon (1973) – präsentierte sich die Band auf dem Höhepunkt ihres psychedelischen und avantgardistischen Schaffens. Man hört sichtlich die Kreativität, die am explodieren ist. Der Übergang von einer psychodelischen Band zu einer Supergroup wurde hier als Zeitdokument eingefangen.

Raumwirkung
Typisch für diese Ära ist ein weiträumiger, fast cineastischer Sound, der durch den bewussten Einsatz von Hall, Echo und Raumwirkung verstärkt wird. In Live at Pompeii ist das besonders eindrucksvoll, da die Band ohne Publikum in einem antiken Amphitheater spielte, was die Musik zusätzlich mit einer gewissen Erhabenheit und Entrücktheit auflädt.

David Gilmours Gitarrenarbeit ist in dieser Zeit geprägt von langgezogenen, singenden Soli, häufig mit viel Reverb und Delay versehen, was dem Klang eine schwebende, fast außerweltliche Qualität verleiht. Seine Spielweise ist melodisch, zurückhaltend virtuos und stets atmosphärisch. Richard Wrights Keyboards – insbesondere die Orgel und der frühe Synthesizer – erzeugen dichte Klangflächen, die den Songs Tiefe und Weite verleihen. Roger Waters’ Bassspiel ist treibend und strukturell, während Nick Mason am Schlagzeug für mich der Star der Aufnahme ist, der mit wirkungsvollen Rhythmen und perkussiven Akzenten arbeitet. Auch der verlorene Drumstick ist in der überarbeiteten Filmaufnahme noch dabei. Mason, ein absoluter Profi und optisch ein wilder Mann.

Der Gesang ist oft fragmentarisch eingesetzt oder wird durch Geräuschcollagen, Klangexperimente und instrumentale Passagen ergänzt oder ersetzt. Auch der Hund in Paris ist wieder dabei. Die Kompositionen bauen sich langsam auf, steigern sich in Wellen und wirken wie musikalische Reisen. Stücke wie Echoes zeigen diese organische Struktur in Reinform – ein Klanggemälde mit psychologischer Tiefe und spiritueller Offenheit.

Für mich ist der Sound von Pink Floyd zur Zeit von Live at Pompeii ein Zwischenraum aus Rock, psychedelischer Musik, klassischer Klangarchitektur und frühem Ambient – introspektiv, hypnotisch und künstlerisch radikal. Es ist Musik, die nicht nur gehört, sondern erlebt wird. Der Kauf der Neuaufnahme Pink Floyd Live at Pompeii – MCMLXXII auf Vinyl und Bluray hat sich für mich gelohnt.

Zwischen Vergangenheit und Vision – Tangerine Dream live in der Isarphilharmonie in München 2025

29. April 2025

Es gab für mich immer drei Highlights im Bereich der elektronischen Musik in Deutschland. Meine absoluten Helden sind Kraftwerk und dann kommen Klaus Schulze und Tangerine Dream.

Jetzt konnte ich mal wieder Tangerine Dream in München sehen, nachdem die Pioniere der elektronischen Musik in der Isarphilharmonie gastierten. Die aktuelle Besetzung Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Paul Frick. Ich war neugierig, denn mein zurückliegendes Konzert war noch mit Edgar W. Froese, der aber 2015 verstarb.

Mit TD ist es so eine Sache. Mal ist die Musik bahnbrechend innovativ, mal ist es austauschbare Massenware, die mich eher langweilt als berührt. Bei über 80 Alben sind Perlen und Nieten für mich dabei.

Also war ich auf München gespannt und mir fiel ein Stein vom Herzen als Thorsten Quaeschning zu Konzertbeginn ankündigte: „Wir spielen alte Sachen, neue Sachen und ganz alte Sachen.“ Und der ganze Auftritt dauerte rund 2,5 Stunden.

Tangerine Dream gehört zu den einflussreichsten und stilprägendsten Formationen der elektronischen Musikgeschichte. Seit ihrer Gründung 1967 durch Edgar Froese hat die Band zahllose Wandlungen durchlebt – künstlerisch wie personell. Vom aktuellen Line-up habe ich auf Vinyl viel Gutes gehört, jetzt wollte ich die Band mal wieder live hören. TD tritt in eine neue Phase ein, die gleichermaßen respektvoll mit dem Erbe umgeht wie zukunftsgewandt neue Wege beschreitet.

Thorsten Quaeschning, seit vielen Jahren musikalischer Leiter der Band und einst persönlich von Froese ausgewählt, verkörpert die Brücke zwischen den klassischen Tangerine-Dream-Phasen der Berliner Schule und einer postmodernen, improvisatorischen Klangauffassung. Sein Gespür für Struktur, Dynamik und Klangfarbe ist prägend für die heutige Identität der Band. Er führt die Handschrift der Gruppe weiter, ohne sie zu imitieren – mit einem tiefen Verständnis für die Philosophie, die hinter dem Klang von Tangerine Dream steht. Hinter seinen Keyboard sah er aus meiner Perspektive der zweiten Reihe ein wenig aus wie „Kilroy was here“, aber er dirigierte seine beiden musikalischen Partner perfekt.

Sehr neugierig war ich auf Hoshiko Yamane, die Geigerin und Klangkünstlerin aus Japan. Sie bringt seit 2011 eine neue emotionale und organische Dimension in das klangliche Gefüge. Ihr Spiel auf der elektrischen und akustischen Violine öffnet Räume zwischen elektronischer Präzision und menschlicher Verletzlichkeit. Sie ergänzt das elektronische Fundament durch eine subtile, fast poetische Intimität, die der Musik Tiefe und Seele verleiht.Die Akustik in der Isarphilharmonie war gut, doch leider ging die Geige an meinem Platz ein wenig unter. Vielleicht kommt ja mal ein Live-Mitschnitt der Tour, damit ich ihr Spiel mehr genießen kann. Sie zeigte auch Humor, denn sie brachte einen Pläuschpapagei auf die Bühne.

Paul Frick, bekannt aus dem Trio Brandt Brauer Frick, bringt eine ganz eigene Sprache mit: als klassisch geschulter Komponist und klangexperimentierender Produzent ist er Bindeglied zwischen Minimal, Clubkultur und akademischer Avantgarde. Mit ihm wird der kreative Rahmen noch weiter geöffnet, ohne den typischen Sound von Tangerine Dream zu verwässern. Seine rhythmische und strukturelle Komplexität bringt frischen Atem – ohne Effekthascherei, dafür mit enormer klanglicher Raffinesse.

Gemeinsam gelang es dem Trio in München, das Erbe Edgar Froeses zu bewahren und dennoch etwas Eigenständiges, Gegenwärtiges zu schaffen. Gleich nach dem Konzert habe ich mir das jüngste Werk „Raum“ (2022) angeschafft, das eindrucksvoll belegt, wie diese Besetzung die ursprüngliche DNA von Tangerine Dream aufgreift und in die Gegenwart transportiert – mit langen, hypnotischen Sequenzen, präzisem Sounddesign und einer meditativen Tiefe, wie man sie lange nicht mehr gehört hat. Und ich war wirklich froh ein paar wirklich alte Stücke, so wie versprochen, gehört zu haben.

Für mich steht nach dem Münchner Konzert fest: Tangerine Dream unter Quaeschning, Yamane und Frick ist mehr als ein nostalgisches Weiterleben der Vergangenheit. Es ist eine künstlerische Behauptung im Hier und Jetzt – voller Respekt, voller Vision und frei von befürchteten Retro-Kitsch. Sie zeigen, dass elektronische Musik auch 50 Jahre nach ihrer Entstehung noch immer etwas über unsere Zeit erzählen kann – mit Spannung, Eleganz und Tiefe. Es hat sich für mich gelohnt.

John Lensing live in München – Musik, die Herz und Seele berührt

26. April 2025

Ich habe für mich eine außergewöhnliche musikalische Entdeckung bei einem Privatkonzert in München gemacht: John Lensing

John Lensing ist ein US-amerikanischer Singer-Songwriter, der seine musikalische Laufbahn als Straßenkünstler begann. Ursprünglich aus den USA stammend und heute in Portland lebend, schrieb er zunächst Lieder und reiste umher, um sie fremden Menschen vorzuspielen. Diese Erfahrungen prägten seinen Stil und seine Haltung: Lensing sieht Musik als Mittel, Menschen miteinander zu verbinden und sie dazu zu bewegen, sich mit sich selbst, anderen und auch mit schmerzhaften Themen auseinanderzusetzen. Seine Songs sind geprägt von emotionaler Ehrlichkeit und Verletzlichkeit, was sich in seinen intimen Auftritten widerspiegelt. Das hat mich bei seinem akustischen Privatkonzert in München direkt angesprochen.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich seine Karriere von Straßenauftritten hin zu Shows und Festivals auf beiden Seiten des Atlantiks, so erzählte er. Lensing tourte durch Nordamerika und Europa, trat unter anderem beim Sommer in Altona Festival in Hamburg sowie beim Underground Music Showcase in Denver auf und teilte die Bühne mit Künstlern wie Matthew Fowler und Corey Kilgannon. Das Folk-Magazin No Depression bezeichnete ihn als „einen Künstler, den man im Auge behalten sollte“. Dem kann ich auf jeden Fall zustimmen.

Seine Musik wurde allein auf Spotify über 500.000 Mal gestreamt. Anfang 2024 veröffentlichte der damals 27-Jährige sein Debütalbum The Weight of the Love. Das Album thematisiert Liebe, Männlichkeit, Queerness und somatische Heilung. Produziert wurde es von Andy D. Park (Noah Gundersen) und William IV Smith (Corey Kilgannon). Die Produktion reicht von aufwendig arrangierten Songs bis hin zu reduzierten Klavier- und Gesangsstücken, wobei Lensings Ehrlichkeit und emotionale Tiefe stets im Mittelpunkt stehen.

In München erwarb ich von ihm sein Vinyl-Album „The Weight of the Love“ und ließ es mir gleich signieren. Ich hörte es am nächsten Tag sehr intensiv, auch während ich diese Zeilen schreibe.

Queerness spielt in John Lensings Liedern eine zentrale Rolle und gehört zu den Hauptthemen seines Debütalbums „The Weight of the Love“. Das Album setzt sich explizit mit Ideen von Liebe, Männlichkeit, Queerness und somatischer Heilung auseinander. Lensing nutzt seine Musik, um persönliche Erfahrungen und Identitätsfragen zu reflektieren und schafft damit einen Raum für Ehrlichkeit und emotionale Verletzlichkeit. Queerness wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern steht im Zusammenhang mit anderen Aspekten von Identität und zwischenmenschlichen Beziehungen, die Lensing in seinen Songs thematisiert. Die Auseinandersetzung mit queeren Perspektiven ist somit ein integraler Bestandteil seines künstlerischen Ausdrucks und trägt zur Authentizität und Tiefe seiner Musik bei.

Lensings Musik zeichnte sich in München durch einfühlsames Storytelling und eine besondere Nähe zum Publikum aus. Seine Lieder spiegeln die Kraft der Verletzlichkeit wider und laden die Zuhörer ein, sich auf persönliche und gesellschaftliche Themen einzulassen. Dabei erforscht er die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere, die im menschlichen Erleben liegt, und nutzt seine Texte, um intime Einblicke und persönliche Erfahrungen zu vermitteln.

Warten auf Pink Floyd: Live at Pompeii – MCMLXXII

21. April 2025

Am 2. Mai 2025 hat das Warten ein Ende. Die neue Version des Konzerts „Pink Floyd: Live at Pompeii MCMLXXII“ aus dem Jahr 1971 erscheint in aufgepäppelter Form als CD-Album, Vinyl und Film.

Das Konzert von 4. bis 7. Oktober 1971 ist ein Höhepunkt der Musik- und Filmgeschichte. Es war nicht nur ein Musikerlebnis, sondern auch ein innovatives audiovisuelles Experiment, das die Grenzen traditioneller Konzertfilme sprengte. Gerade das gefällt mir an dem Film und im Grunde ist es ein frühes MTV-Video. Die Erstveröffentlichung war am 2. September 1972.

Unter der Regie von Adrian Maben wurde das Konzert ohne Publikum in den Ruinen des antiken römischen Amphitheaters von Pompeji aufgezeichnet – ein Schauplatz, der sowohl visuell als auch symbolisch eine einzigartige Atmosphäre schuf.

Ein Konzert ohne Publikum
Eines der interessantesten Elemente des Konzerts war das Fehlen eines Publikums. Pink Floyd spielte allein in der monumentalen Kulisse von Pompeji, wodurch die Musik und die Umgebung in den Vordergrund rückten. Diese Entscheidung hob sich deutlich von anderen Live-Aufnahmen ab, die oft auf die Energie und Interaktion mit einem Publikum setzten. Stattdessen entstand ein intimes und fast meditatives Erlebnis, bei dem die Klänge der Band mit der zeitlosen Stille der antiken Ruinen verschmolzen.

Technologische Innovation
Die Produktion des Films war für die damalige Zeit technisch anspruchsvoll. Pink Floyd bestand darauf, ausschließlich live zu spielen, ohne Playback. Dies erforderte den Einsatz leistungsstarker Aufnahmegeräte und Technik, darunter lange Stromkabel, die quer durch Pompeji verlegt wurden, um das Equipment zu versorgen. Natürlich gab es mit der Stromversorgung Pannen, aber zum Glück gelang es schließlich doch. Die Aufnahmen fanden sowohl bei Tageslicht als auch nachts statt, was visuell beeindruckende Kontraste schuf. Besonders möchte ich ist das Stück „Echoes“ hervorheben, das mit seinen hypnotischen Klängen und dynamischen Kamerafahrten eine perfekte Symbiose aus Bild und Ton darstellt.

Symbolik und Atmosphäre
Die Wahl von Pompeji als Ort des Konzerts war nicht zufällig. Die Ruinenstadt, die durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. zerstört wurde, symbolisiert Vergänglichkeit und Ewigkeit zugleich. Diese Themen spiegeln sich auch in Pink Floyds Musik wider, die oft existenzielle Fragen und kosmische Dimensionen behandelt. Die leeren Tribünen des Amphitheaters und die monumentalen Steine verstärkten den Eindruck einer zeitlosen Performance, während die Band selbst wie eine Art musikalischer Chronist wirkte.

Musikalische Höhepunkte
Der Film enthält einige der bekanntesten Stücke der Band, darunter „Echoes“, „A Saucerful of Secrets“ und „Careful with That Axe, Eugene“. Diese Songs zeigen Pink Floyd auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Phase, bevor sie mit „The Dark Side of the Moon“ weltweiten Ruhm erlangten. Besonders „Echoes“ wird oft als Meisterwerk betrachtet: Mit seiner Länge von über 20 Minuten entfaltet es eine epische Struktur, die perfekt zur majestätischen Kulisse passt. Eigentlich ist es ja ein Film über die Band, aber die meiste Screenzeit hat wohl Drummer Nick Mason, der mit langem Haar seine Schießbude bearbeitet und dabei auch mal den Drumstick verliert und ihn professionell durch einen neuen ersetzt ohne aus dem Rhythmus zu kommen.

Einfluss auf spätere Werke
„Live at Pompeii“ war nicht nur ein künstlerisches Experiment, sondern auch ein Vorbote für zukünftige audiovisuelle Produktionen. Der Film beeinflusste zahlreiche Künstler und setzte neue Maßstäbe für Konzertfilme. Jahrzehnte später kehrte David Gilmour, Gitarrist von Pink Floyd, nach Pompeji zurück und spielte dort allerdings vor Publikum – eine Hommage an das ursprüngliche Projekt.

Verschiedene Versionen
Meine erste Version des Konzerts hatte ich auf Laserdisc von 1982. Die PAL-Bildplatte hatte 58 Minuten und lief im Player früher rauf und runter.

Im Jahre 2003 kaufte ich mir den Directors Cut auf DVD, wobei das Konzert auch 58 Minuten Dauerte und mit einem Interview mit Regisseur Adrian Maben von 20 Minuten ergänzt wurde, der sich auch zu Dark Side äußerte.

Richtig überarbeitet wurde das Konzert dann für die Pink Floyd Box The early years 1965-1972. Hier gab es 2016 den Film mit fünf Songs überarbeitet und der Ton war ein 5.1 Audio Mix.

Auf die neue Version bin ich sehr gespannt, denn eigentlich war ich mit dem Klang der Version von 2016 sehr zufrieden. Die 5.1 Surround Sound Mischung für den Konzertfilm „Pink Floyd: Live at Pompeii“ wurde mit modernsten Techniken erstellt, um die ursprüngliche Atmosphäre des Films zu bewahren und gleichzeitig die Klangqualität erheblich zu verbessern. Ursprünglich wurde der Ton des Films mit einem 8-Kanal-Mischpult aufgenommen, was für die damalige Zeit eine fortschrittliche Methode darstellte. Die Mehrspurmischung wurde später im Studio de Boulogne in Paris überarbeitet, wobei zusätzliche Spuren hinzugefügt wurden, um die Klangtiefe zu erhöhen. Toningenieure wie Charles B. Raucher arbeiteten daran, die Musik und Soundeffekte auf der Original-Tonspur zu optimieren. Für die jüngste Restaurierung des Films wurde Steven Wilson beauftragt, den Soundtrack in 5.1 Surround Sound und Dolby Atmos neu zu mischen. Sein Ziel war es, den Klang so authentisch wie möglich zu gestalten und dabei die Tiefe und Klarheit der Aufnahme zu maximieren. Wilson nutzte fortschrittliche Technologien, um die räumliche Dimension der Musik hervorzuheben und eine immersive Hörerfahrung zu schaffen, die den Eindruck vermittelt, direkt bei der Aufnahme in Pompeji dabei zu sein. Der neue Mix kombiniert präzise direktionale Effekte mit einem kräftigen Bassfundament, wodurch die Musik lebendig und dynamisch wirkt.

Die restaurierte Version des Films „Pink Floyd: Live at Pompeii“ in 4K wurde durch eine hochpräzise Abtastung der originalen analogen Filmrollen erstellt. Dieser Prozess beginnt mit der Digitalisierung des Original-Kameranegativs, das die höchstmögliche Bildqualität und feine Details enthält. Mithilfe 4K-Scanner wird das Filmmaterial Bild für Bild mit extrem hoher Auflösung erfasst, wodurch die ursprünglichen Farben, Kontraste und Texturen erhalten bleiben und gleichzeitig digitale Artefakte vermieden werden. Im Netz gibt es bereits Farbvergleiche beispielsweise beim Keyboardspiel von Richard Wright.

Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass analoge Filmnegative oft mehr Details bieten, als frühere digitale Formate wie SD oder HD darstellen konnten. Durch die Abtastung in 4K wird die Qualität des Originalmaterials optimal genutzt, was zu einer deutlich verbesserten Bildschärfe und Farbgenauigkeit führt. Nach der Digitalisierung wird das Material sorgfältig restauriert, um Schäden wie Kratzer oder Verfärbungen zu beheben. Anschließend erfolgt die Farbkorrektur und das Mastering für moderne Wiedergabeformate wie Blu-ray oder Streaming-Plattformen.

Dieser Prozess stellt sicher, dass selbst ältere Filme wie „Live at Pompeii“ in einer Qualität präsentiert werden können, die den aktuellen Standards entspricht und die ursprüngliche visuelle Ästhetik bewahrt.

Martin Kohlstedt live in München: Klangarchitekt zwischen Intuition und Innovation

16. April 2025

Es war wieder einmal soweit. Zusammen mit meiner Frau besuchte ich das Münchner Konzert von Martin Kohlstedt im Münchner Werk 7, dem ehemaligen Kartoffelkeller der Pfanniwerke. Der Künstler aus dem thüringischen Breitenworbis zählt für mich zu den herausragenden Komponisten und Pianisten der zeitgenössischen Musikszene.

Nach einem Konzert in eindrucksvollen Konzerthaus in Göggingen sollte ich ihn nun in der nüchternen Industrieatmosphäre in München sehen. Dieses Jahr treffe ich ihn noch bei den Jazz Open in Stuttgart und fiebere einer möglichen Zusammenarbeit mit Jean-MichelJarre entgegen.#Kohlstedt Werke zeichnen sich durch eine einzigartige Verbindung von klassischem Klavierspiel und elektronischen Elementen aus, wodurch er eine eigene musikalische Sprache entwickelt hat.

Kohlstedts Ansatz des “modularen Komponierens” bedeutet, dass seine Kompositionen nicht als abgeschlossene Werke betrachtet werden, sondern als flexible Module, die je nach Kontext neu kombiniert und interpretiert werden können. Diese Herangehensweise erlaubt es ihm, seine Musik in Live-Auftritten stets neu zu gestalten und auf das Publikum sowie die Atmosphäre des Raumes einzugehen. Improvisation spielt dabei eine zentrale Rolle und macht jedes Konzert zu einem einzigartigen Erlebnis. Das machen Konzerte von Martin Kohlstedt für mich zu einem besonderen Erlebnis.

Kohlstedts Live-Auftritte sind bekannt für ihre emotionale Tiefe und die direkte Interaktion mit dem Publikum, so auch in München. Seine Konzerte bieten den Zuhörern ein intensives und persönliches Musikerlebnis.

Zwischen klassischer Komposition und elektronischer Improvisation bewegt sich sein Werk – immer im Wandel, nie abgeschlossen. Doch wer ihn wirklich verstehen will, muss ihn live erleben – und dass tat ich wieder in München.

Eine Klangsprache, die sich im Raum entfaltet
Was Martin Kohlstedts Musik so besonders macht, ist nicht allein ihr Klang, sondern das, was zwischen den Tönen entsteht. Sein Konzert in München war keine klassische Darbietung, bei denen ein vorgefertigtes Programm abgespult wird – sie war eine Begegnung: Mit dem Raum, dem Publikum, dem Moment. Um einen Eindruck zu bekommen, hier das letzte Stück des Münchner Konzerts.

Die Atmosphäre bei seinem Auftritt war andächtig. Es ist still – nicht aus Höflichkeit, sondern aus Spannung. Jeder Ton, jedes Echo, jede Pause bekam eine Bedeutung. Das Publikum lauschte, als würde es selbst Teil des Stücks werden. Und tatsächlich: Kohlstedt lädt das Publikum ein, mitzuschwingen, zu atmen, zu hören.

Improvisation als Haltung
Seine modular aufgebauten Kompositionen gaben ihm die Freiheit, sich ganz auf den Moment einzulassen. Ein Stück, das am Vorabend ganz ruhig dahinfloss, kann an einem anderen Ort eruptiv und kantig klingen. München war sehr experimentell. Diese Unvorhersehbarkeit ist gewollt – Kohlstedt vertraut auf seine Intuition, auf die Energie des Raums und auf die Reaktion des Publikums.

Das Ergebnis: Musik, die sich lebendig anfühlt. Keine sterile Studioarbeit, sondern ein lebendiger Prozess. Besonders eindrucksvoll ist dies, wenn er während des Spiels zwischen Flügel und Synthesizer wechselte, eigene Soundschleifen kreierte und dabei doch nie die emotionale Tiefe verlor, die sein Spiel prägte.

Ein Konzert wie eine Reise – nach innen
Wer ein Konzert von Martin Kohlstedt besucht, kommt selten so wieder heraus, wie er hineingegangen ist. Es ist eine Reise – keine laute, spektakuläre, sondern eine stille, eindringliche. Seine Musik schafft Räume für Gedanken, Erinnerungen, Sehnsüchte. Sie fordert nicht, sie begleitet. Und genau das macht sie so kraftvoll.Alben als musikalische Reisen
Seine Diskografie umfasst mehrere Alben, die jeweils unterschiedliche Facetten seines Schaffens beleuchten. Das Debütalbum “Tag” (2012) und das Nachfolgewerk “Nacht” (2014) präsentieren seine frühen Solo-Klavierkompositionen. Mit “Strom” (2017) integrierte er erstmals elektronische Klänge in seine Musik. Das Album “Ströme” (2019), eine Zusammenarbeit mit dem GewandhausChor Leipzig, verbindet Chormusik mit seinen modularen Kompositionen. Während der Pandemie entstand “Flur” (2020), ein introspektives Solo-Klavieralbum, das in seinem Wohnzimmer in Weimar aufgenommen wurde. Sein jüngstes Werk “Feld” (2023) kombiniert elektronische Produktion mit akustischen und klassischen Elementen und reflektiert die Herausforderungen und Veränderungen der vergangenen Jahre. Ich denke, nach all den Touren wird in nächster Zeit ein Live-Album herauskommen.

Engagement für Umwelt und Gemeinschaft
Neben seiner musikalischen Tätigkeit engagiert sich Kohlstedt für Umweltprojekte. Als Sohn eines Försters hat er eine enge Verbindung zur Natur und nutzt Einnahmen aus seiner Musik, um Brachflächen im Thüringer Wald aufzukaufen und aufzuforsten. Dieses Projekt unterstreicht sein Bestreben, Kunst und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verbinden.

Persönliche Bemerkung
Nach dem Münchner Konzert holte ich mir ein Autogramm auf seiner Strom-Platte. Was mich erfreute, dass Martin Kohlstedt mich als Blogger noch erkannte. Ich hatte in Göggingen ein Interview mit ihm geführt. Das Interview hat heute noch Gültigkeit.

Filmkritik: Like A Complete Unknown

3. März 2025

BioPics von lebenden und verstorbenen Musikern gehören zum Filmgeschäft dazu. Sei es Spielfilme mit biografischen Hintergrund wie von Freddie Mercury, Elvis Presley, Elton John oder Johnny Cash. Nun kommt mit Like A Complete Unknown eine weitere verfilmte Biografie hinzu: Sie dreht sich um die Anfangsjahre von Bob Dylan bis zu seinem Auftritt in Newport 1965, als Dylan seine Gitarre an einen Verstärker anschloss.

Und anders als viele andere Biopics wird Dylan von Starregisseur James Mangold durchgehend als egoistischer Eigenbrödler gezeigt, der konsequent seinen Weg geht, wohl als Künstler seinen Weg gehen muss und seine Umwelt damit oftmals vor den Kopf stößt. Freunde, Freundinnen und Förderer werden oft beiseite gestoßen. Dylan will sich nicht vereinnahmen lassen und bricht mit ehemaligen Wegbereitern. Immer wieder wird im Film klar, dass sich Dylan nicht vor den Karren anderer spannen lassen will, nicht vor die US-Bürgerrechtswegung, den Folktraditionalisten, der Herzdame Joan Baez, die ihn den Weg auf die großen Bühnen bereitet hatte und Dankbarkeit erwartete. Die einzigen denen Dylan im Film treu ergeben sind, sind sein Idol Woody Guthrie und Country-Outlaw Johnny Cash.

Dylan bleibt der A Complete Unknown, wie der weitaus bessere Originaltitel des Films heißt. Der deutsche Verleih hatte wohl ein wenig zu viel Like a Rolling Stone gehört und führt den Zuschauer auf die falsche Fährte. Dylan ist ein Künstler mit tausend Masken, tausend Gesichtern, die nicht fassbar sind. Das zeigt der Film hervorragend, geht dabei einen anderen Weg als das Biopic I’m Not There von 2007. Sympathisch ist das nicht, aber so ist der Mann nun eben mal und trägt damit seine eigene Bürde. Das wird dem Zuschauer, der sich mit dem Phänomen Dylan nicht so auskennt oder gar ein hardcore Dylanolge ist, nicht gefallen: Kein PR Märchen mit versöhnlichen Abschluss. Dylan zerlegt das Folkfestival in Newport, wendet sich elektrisch gegen die Puristen und streut noch mit Songs wie I don’t work on Maggies Farm noch Salz in die Wunde.

Freunde wie der linke Liedermacher Pete Seeger oder Folkqueen Joan Baez oder der US-amerikanischer Folklore- und Musikforscher Alan Lomax bleiben mit Tränen und geplatzten Illusionen zurück. Der einzige, der sich wirklich freut ist Dylans Manager Albert Grossman (wunderbar dargestellt von Dan Fogler), der das Talent von Dylan erkennt und auch das große Geld darin.

Im Film selbst spielt sich Hauptdarsteller Timothée Chalamet die Seele aus dem Leib. Er hat jahrelang Studien über Dylan vorgenommen und er singt – wie die anderen Darsteller auch – die Songs selbst. Der Soundtrack ist hervorragend. Der 29-Jährige brilliert in der Rolle und es ist ein Genuss sich seinem Schauspiel hinzugeben. Ganze fünf Jahre bereitete er sich auf die Rolle des Bob Dylan vor, nahm Musikunterricht und zehn Kilo zu.
Um Timothée Chalamet versammelt Erfolgsregisseur James Mangold („Indiana Jones und das Rad des Schicksals“, „Walk the Line“, „Cop Land“) einen kreativen Cast: Edward Norton spielt Pete Seeger, Elle Fanning als Sylvie Russo, Monica Barbaro als Joan Baez, Boyd Holbrook als Johnny Cash und Scoot McNairy als Woody Guthrie.

Bei den Oscars 2025 fiel der Film (unverständlicherweise) durch und auch im Kino wird dem Film in Deutschland auch kein großer Erfolg beschert sein. Und dennoch sollte man sich ihn unbedingt ansehen. Ich hab den Genuss in meinem Lieblingskino Scala Fürstenfeldbruck erlebt und kann den Film auch den Nicht-Dylan-Fans absolut empfehlen.

We Mavericks – wunderbares australisch-neuseeländisches Duo

20. Februar 2025

Irgendwie habe ich ein Fable für Folkmusik aus aller Herren Länder. Und ich freue mich, wenn ich Musikanten live genießen kann. Und diesen Genuss hatte ich bei einem Münchner Privatkonzert bei dem Folk-Duo We Mavericks.

We Mavericks sind ein zeitgenössisches Folk-Duo, bestehend aus der Neuseeländerin Victoria Vigenser und dem Australier Lindsay Martin. Seit ihrer Gründung im Jahr 2018 haben sie sich durch ihre musikalische Verbindung einen Namen gemacht. Jetzt waren sie in Europa und zum ersten Mal in Deutschland. Das Konzert war in drei Teilen gegliedert und in den Pausen konnte ich mit dem sympathischen Musikern quatschen.

Victoria Vigenser
Victoria Vigenser, geboren in Auckland, Neuseeland, fand schon früh ihre Leidenschaft für die Musik. Obwohl sie ursprünglich eine Affinität zur Oper hatte, entdeckte sie in ihren Teenagerjahren die Welt der Folk-Festivals und ließ sich von der traditionellen Musik verschiedener Kulturen inspirieren. Ihre kraftvolle Stimme und ihr lyrisches Geschick zeichnen sie aus. Sie sagte die meisten Lieder an und erzählte persönlichen Geschichten dazu.

Lindsay Martin
Lindsay Martin stammt aus der Riverina-Region in New South Wales, Australien. Seit seiner Kindheit spielt er Violine und hat sich zu einem vielseitigen Musiker entwickelt, der mühelos zwischen verschiedenen Genres wechselt. Neben seiner Tätigkeit als Multiinstrumentalist ist er auch als Produzent und Toningenieur tätig. Leider hatten die beiden nur noch fünf CDs dabei – und ich kam zu spät. Über Apple Musik konnte ich zumindest das Album Grief’s a Gardener genießen.

Zusammenarbeit
Die beiden Musiker trafen erstmals 2018 aufeinander, als Martin an der Produktion von Vigensers Album “The Gap” beteiligt war. Aus dieser Zusammenarbeit entstand eine musikalische Partnerschaft, die zur Gründung von We Mavericks führte. Ihr Debütalbum “Grief’s a Gardener” veröffentlichten sie 2022, gefolgt von ihrem zweiten Album “Heart of Silver” im Jahr 2024.

Was ich nicht wusste: We Mavericks wurden mehrfach ausgezeichnet, darunter Nominierungen als “Best Folk Artist” bei den neuseeländischen Musikpreisen und als “Best Contemporary Duo/Group/Ensemble” bei den Australian Folk Music Awards. Ihre Musik, die Elemente von Folk, Alt-Country und Akustik-Pop vereint, zeichnet sich durch harmonische Gesänge, einfühlsame Streicherarrangements und treibende Rhythmen aus. Sie sind bekannt für ihre Fähigkeit, emotionale Geschichten zu erzählen und eine tiefe Verbindung zu ihrem Publikum herzustellen.

Mit ihrer authentischen Art und ihrem musikalischen Können haben We Mavericks in München eine Fangemeinde gewonnen. Für mich ist klar: Die beiden elten als aufstrebende Größe in der internationalen Folk-Szene.

Konzertkritik: Das Cabinet des Dr. Caligari im Prinzregententheater München, 2025

17. Februar 2025

Es war das vorerst letzte Konzert der Caligari-Tour von Karl Bartos. Zum zweiten Mal gastierte das ehemalige-Kraftwerk-Mitglied mit Mathias Black im Münchner Prinzregententheater und genoss sichtlich den Applaus des Publikums.

Im vergangenen Jahr absolvierte Bartos die ausgiebige Tour und zeigte seine musikalische Version des Robert Wiene Stummfilm-Klassikers das Cabinet des Dr. Caligari. Nun wurden 2025 die letzten Konzerte absolviert und weil Münchner im Herbst 2024 so gut lief, wiederholte Bartos sein Engagement im Prinzregententheater gleich nochmal.

Ich genoss Musik und den Film in seiner 4K-Version außerordentlich. Bartos und Black standen auf der Bühne hinter ihrem technischen Equipment. Keine Techniktürme wie bei TD, sondern minimalistisch wie man es von Kraftwerk kennt. Im Grunde hätte die Mensch-Maschine das Konzert ohne menschliche Beteiligung geben können, aber das Duo Bartos/Black spielten live. Das das Duo harmonierte perfekt, so dass ein perfekter Sound bei uns im Publikum ankam. Die Musik drückt den Irrsinn von Caligari aus, der einst als expressionistisches Meisterwerk in der Weimarer Republik entstanden ist. Bartos hat schon Humor, dieses Chaos von Weimar vor der Bundestagswahl aufzuführen, aber die Terminüberschneidung kommt wohl eher überraschend und ohne Vorsehung.

Ich habe bei Erscheinen das Album samt DVD angeschafft. Die Musik habe ich genossen, die Version des Films nicht, trotz 4K-Umsetzung. Ich hatte die DVD zweimal angeschaut und dann genervt in der Verpackung verschwinden lassen. Nicht weil der Film schlecht war, sondern die Interpretation. Ich bevorzuge die offizielle Version der Murnau-Stiftung auf Bluray oder die geniale Version in 4K

Zumutung
Was ich schon auf den DVD vom vergangenen Jahr schrecklich fand und in München live es auch als Zumutung empfand, war die Soundkulisse von Stimmen, Effekten und Schritten, die das Ensemble of Sounds dazu gemischt hat. Das ist ein Verbrechen an einem Meisterwerk des deutschen Expressionismus. Herr Bartos, Sie haben ein Sakrileg gegangen.

Zur Klarstellung: Bartos Musik und Wienes Film sind jeder auf ihre Art ein Meisterwerk, aber auf die beigesteuerten Effekte konnte ich getrost verzichten. Es gab schon in der Filmgeschichte immer wieder Versuche den Caligari durch Effekte zugänglicher zu machen – alle sind gescheitert und auch Bartos ist der Versuchung erlegen und musste einfach scheitern. Finger weg von dem Meisterwerk Caligari als Stummfilm. Da bin ich absoluter Purist.

Mord und Wahnsinn
Das Cabinet des Dr. Caligari ist ein legendärer, vielleicht der berühmteste deutsche Stummfilm. Entstanden kurz nach dem Ersten Weltkrieg, erzählt er eine doppelbödige Geschichte über Mord und Wahnsinn. Seine außergewöhnliche Gestaltung in schrägen, expressionistischen Kulissen machte ihn zum Kunstwerk – und zur Sensation des Jahres 1920. Die Filmkritik damals: „Es gilt, eine neue Seite in der Geschichte des Films zu beginnen: ‚Das Cabinet des Dr. Caligari‘ hat sich als eine künstlerische Einheit und ein Aufwärts in der Entwicklung des Filmspiels erwiesen; es stellt zum ersten Male die bildende Kunst ebenbürtig neben die darstellende.“

Aus dem Kaiserreich der Ordnung, ein Reich aus Eisen und Feuer, kam die deutsche Demokratie. Caligari bedeutete Aufbruch: Männer sind wie Künstler, die Krawatten waren schief, die Hüte saßen schief.

Die Geschichte ist in eine Rahmenhandlung gebettet, in der am Ende alles auf den Kopf gestellt wird. Dabei ist die Binnengeschichte schon aufregend genug: Franzis ermittelt wie ein Detektiv der populären Kriminalliteratur. Er observiert den Verdächtigen, entdeckt Geheimnisse in uralten Büchern. Der Film präsentiert seine Geschichte in einer unwirklichen, expressionistisch verzerrten Welt, geschaffen durch drei Kulissenmaler der Decla-Film-Gesellschaft: Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig. Die expressionistische Gestaltung ist es, die den Film berühmt gemacht hat. Und die Musik von Karl Bartos passt hervorragend dazu. Sie zieht den Zuschauer in den Bann.

Vor der Bundestagswahl kamen mir Gedanken: Caligari der Verführer – er warf einen Blick in die Tiefen der deutschen Seele. Später wurde das ganze deutsche Volk verführt durch den Verführer Hitler. Die Tyrannenfigur Caligari, der Unheil über den Ort und Hitler der Unheil über die Welt verbreitete.

Der Autogrammjäger
Ich hatte im Vorfeld bei der Agentur von Bartos angefragt, ob der Meister dieses Mal auch Autogramme geben würde. Es wurde verneigt und trotzdem harrte ich mit ein paar Hardcore-Fans am Künstlerausgang des Prinzregententheater aus. Über eineinhalb Stunden in der eisigen Kälte, während im Inneren wohl der Tourabschluss gefeiert wurde, was ja auch sein musste. Doch die Feierrunde hatte nicht mit der Münchner Bürokratie gerechnet. Der Pförtner machte das Prinzregententheater um 23 Uhr dicht, Überstunden werden nicht in der derzeitigen Haushaltslage nicht bezahlt. Also kam der Künstlertross um Karl Bartos heraus und gab vereinzelt Autogramme. Selfies waren untersagt. Freundlich, aber bestimmt ging dann das Ehepaar Bartos seiner Wege. Zurück blieben eine Handvoll Fans mit ihren signierten musikalischen Schätzen. Ich sag ganz artig danke.