Gestern jährte sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum 15. Mal und dieses Ereignis hat die Welt verändert. Ich habe diesen Tag besonders gedacht und Manga zu diesem Ereignis gelesen. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 bildet den Hintergrund der Manga‑Reihe „Faktor 1F“ („Ichi‑F“). Am 11. März 2011 löste ein schweres Erdbeben einen Tsunami aus, der die Anlage Fukushima I überschwemmte; die Wellen zerstörten die Stromversorgung der Reaktoren, die Kühlung fiel aus, Brennstäbe überhitzten und es kam zu Kernschmelzen mit Wasserstoffexplosionen. Die Region wurde radioaktiv verseucht, rund 160 000 Menschen mussten evakuiert werden, und die Aufräumarbeiten werden voraussichtlich noch Jahrzehnte dauern. In diesem Zusammenhang erschien zwischen 2013 und 2015 in Japan der dokumentarische Manga „Ichi Efu: Fukushima Daiichi Genshiryoku Hatsudensho Rōdōki“, der im Deutschen als „Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima“ veröffentlicht wurde. Die Serie gewann 2013 den Manga‑Open‑New‑Face‑Preis, wurde in der Zeitschrift Morning serialisiert und später in drei Bänden herausgebracht; das erste Buch verkaufte sich in Japan innerhalb von zwei Wochen etwa 170 000 Mal. Die Teile in Deutsch gibt es hier, hier und hier
Der Autor Kazuto Tatsuta ist ein Pseudonym. Er hatte vor der Katastrophe Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen, nahm dann eine Stelle als Aufräumarbeiter im Reaktor F1 an und dokumentierte seine Eindrücke. Um seine erneute Anstellung nicht zu gefährden, verbarg er seine Identität; auch die deutsche Ausgabe enthält ein Vorwort, in dem er erklärt, dass er weder die Regierung noch den Betreiber TEPCO kritisieren will, sondern nur erzählen möchte, was er erlebt hat – ähnlich wie ein Soldat nach dem Krieg. Diese Haltung macht seine Erzählung ungewöhnlich nüchtern. Hier ein Podcast von Google NotebookLM.
Die Handlung beginnt gut ein Jahr nach der Dreifachkatastrophe. Tatsuta führt die Leser in das geisterhaft verlassene Sperrgebiet und die monströsen Ruinen des zerstörten Kraftwerks; Lagepläne und Legenden der einzelnen Räume wirken wie technische Zeichnungen. Das dreibändige Werk ist keine dramatisierte Thriller‑Story, sondern eine Aneinanderreihung von Vignetten, in denen Tatsuta seine Arbeitswelt schildert. Er beschreibt akribisch, wie schwierig es war, überhaupt eine Stelle zu bekommen, wie irritiert sein Umfeld reagierte und welche Hürden die Bürokratie und das mehrstufige System aus Subunternehmen aufstellten. Die Zeichnungen entstanden während der Pausen direkt in Fukushima, was dem Manga eine dokumentarische Authentizität verleiht.
Den Schwerpunkt legt Tatsuta auf die alltägliche Arbeit, nicht auf spektakuläre Szenen. Er schildert, wie Arbeiter ihre Zeit in kleinen, überfüllten Zimmern verbringen und oft tagelang warten müssen, bis sie überhaupt eingesetzt werden können; erst nach der Hälfte des Bandes wird er als Arbeiter eingesetzt und soll lediglich Aufenthaltsräume herrichten. Er beschreibt die Hitze und den Schweiß unter den Schutzanzügen, die eingeschränkte Beweglichkeit und die ständige Wiederholung von An‑ und Ausziehen, Strahlenmessung und Pausen. Der eigentliche Schrecken liegt für ihn nicht in der Radioaktivität, sondern in banalen, körperlich quälenden Problemen: Durst, Hitzeschläge, juckende Haut. Tatsuta hält die Strahlung für „ehrlich“ – ein berechenbares, mathematisch quantifizierbares Risiko . Gefährlicher seien menschliche Faktoren wie Missmanagement, Medienpanik und das mafiöse Subunternehmersystem. Diese Einstellung unterscheidet sein Werk von vielen kritischen Fukushima‑Narrativen; manche Leser sehen darin Naivität oder regierungsnahe Propaganda, andere schätzen den Einblick in die reale Arbeitswelt ohne ideologische Schlagseite. So hab ich es auch gesehen.
Die grafische Umsetzung ist unspektakulär. Der Zeichenstil entspricht dem zurückhaltenden Realismus eines Seinen‑Mangas; Diagramme und erklärende Texte wirken wie eine Bedienungsanleitung und verdeutlichen Tatsutas Liebe zum Detail. Dieser sachliche Ton lässt Emotionen weitgehend außen vor, vermittelt aber ein Gefühl für die Monotonie und den „endlosen Alltag“ im verseuchten Kraftwerk. Kritiker loben die genaue Darstellung der Ausrüstung, der Sicherheitsprozeduren und der Schutzmaßnahmen, bemängeln aber die fehlende narrative Spannung und die Abwesenheit politischer Einordnung. Das Buch ist eher „Arbeitsplatz‑Slice‑of‑Life“ als Katastrophendrama.
Gleichwohl bietet „Faktor 1F“ einen einzigartigen Blick auf den Schrecken der Atomkatastrophe. Durch die Nüchternheit seiner Darstellung wird der Horror der verlassenen Ruinen, der verstrahlten Umwelt und der entwurzelten Menschen umso eindringlicher. Die Ghost Town, in die Tatsuta den Leser führt, ruft die Bilder des Super‑GAUs wach, bei dem Reaktorgebäude explodierten und riesige Stahlbetonskelette zurückblieben. Gleichzeitig erinnert er daran, dass hinter den Katastrophenmeldungen Menschen stehen, die in unwürdigen Verhältnissen arbeiten, sich gegenseitig stützen und versuchen, eine gewisse Normalität zu finden. Seine neutrale Haltung – er dokumentiert den Glauben vieler Japaner, dass Atomkraft beherrschbar sei  – fordert europäische Leser heraus, ihre eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. Heute haben wir in Bayern wieder die Forderung des Ministerpräsidenten nach der Rückkehr zur vermeindlich sicheren Atomkraft, nachdem man noch vor Jahren den Ausstieg propagierte. Gerade weil der Manga keine klaren Botschaften liefert, sondern Beobachtungen, eröffnet er einen Raum für Reflexion über Technikgläubigkeit, Arbeitsausbeutung und die menschlichen Konsequenzen von Atomkatastrophen.
Insgesamt empfand ich „Faktor 1F“ als keine leichte Lektüre. Der Manga verlangt Geduld und Interesse an technischen Details, bietet dafür aber ein dichtes Dokument der Nachsorge in Fukushima. Wer einen spannungsreichen Katastrophen‑Comic erwartet, wird enttäuscht sein; wer hingegen eine authentische, ungeschönte Sicht auf den Alltag der Arbeiter sucht, wird reich belohnt. Die Serie zeigt, dass der Schrecken der Atomkatastrophe nicht nur in Explosionen und Strahlenwerten liegt, sondern auch in der Monotonie, der hitzebedingten Ohnmacht und der Perspektivlosigkeit der Menschen vor Ort – und sie macht deutlich, wie wichtig es ist, diese individuellen Geschichten neben den statistischen Angaben zu hören. Und der Manga hat mich wieder zum Nachdenken gebracht und brachte mir die schrecklichen Bilder von damals vor Augen. Japan stand damit einige Jahre nicht mehr auf meinem Reiseprogramm.
Gerne lese ich als Journalist Bücher von Kollegen. Die Klassiker haben es mir angetan: Peter von Zahn, Lothar Loewe, Gerd Ruge, Peter Scholl-Latour. Und natürlich auch moderne Reportagenbücher, weil sie mir auf einen Land oder Konflikt anders näher bringen als klassische Sachbücher. Und als ich hörte, dass die Zeit-Kollegin Ronja von Wurmb‑Seibel bei uns im Landkreis als Land- und Kreisrätin antritt, holte ich ein Buch von ihr aus dem Archiv und ließ es mir in meinem zweiten Wohnzimmer im Bistro Sixtyfour signieren. Dabei habe ich ihr Buch „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ wieder gelesen.
Ronja von Wurmb‑Seibel legte mit „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ ein erzählerisch starkes, politisch kluges und formal sehr zugängliches Buch vor, das sich bewusst gegen die gewohnten Afghanistan‑Bilder von Anschlägen, Burka und Bundeswehr stellt. Es war 2015 weniger Kriegsreportage als dichte Alltagschronik, die den Blick auf Afghanistan leiser, persönlicher und zugleich politisch schärfer justiert.
Die Autorin zog 2013 mit 27 Jahren für rund anderthalb Jahre nach Kabul, um als Reporterin für deutsche Medien über das Land zu berichten, in dem zeitgleich Tausende Zivilisten durch Anschläge sterben und westliche Soldaten im Einsatz waren. Statt einer linearen Frontberichterstattung gliederte sie ihre Erfahrungen in 13 Episoden, die jeweils um eine Begegnung, einen Ort oder eine Situation kreisen – vom Yoga‑Kurs über den Holzofenkauf bis hin zum Frauengefängnis.
Die Texte kombinieren atmosphärische Szenen mit Hintergrundinformationen zum deutschen Afghanistan‑Einsatz, zu Sicherheitslage und Alltag der Bevölkerung. Dadurch entstand ein Mosaik, das den Krieg permanent im Hintergrund präsent hält, aber konsequent über die Perspektive der Menschen vor Ort erzählt.
Für mich ist die Stärke des Buchs der konsequente Fokus auf das normale Leben im Ausnahmezustand: Gespräche über Pesto‑Rezepte, Yoga‑Stunden, private Einladungen und berufliche Routinen stehen neben Alarmzustand und latentem Bedrohungsgefühl. Gerade diese Reibung zwischen Alltagsbanalität und abstrakter Gefahr – Anschläge als Statistik in einer Vier‑Millionen‑Stadt – gibt dem Buch seine Spannung.
Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen von Wurmb‑Seibel die Lebensrealität von Frauen beschreibt, etwa beim Besuch eines Frauengefängnisses, in dem Insassinnen in pinken Kleidern mit offenen Haaren auftreten. Sie kritisiert die westliche Fixierung auf Burka und Kopftuch als Verkürzung und betont, dass strukturelle Gewalt, fehlende Rechte und ökonomische Abhängigkeit die eigentlichen Konfliktlinien sind – auch, wenn viele der von ihr porträtierten Frauen selbstverständlich Kopftuch tragen. Das Buch erschien 2015 und ich denke nach der erneuten Machtübernahme der Taliban wird es heute anders aussehen. Heute wäre so ein Einblick in das Land nicht mehr so möglich. Daher ist das Buch auch eine Art Geschichtsbuch.
Sprachlich arbeitet die Autorin mit einer nahen Ich‑Perspektive, die ihre eigene Angst, Überforderung und Faszination nicht ausblendet. Sie reflektiert offen, wie negative Geschichten sie „leer“ machen und ihr die Lebenskraft entziehen, und wie sie gelernt hat, gezielt nach Momenten der Zuversicht zu suchen, ohne die Gewalt zu beschönigen.
Der Ton ist reportagehaft, aber nicht nüchtern; Szenen werden präzise beobachtet und dialogisch zugespitzt, jedoch ohne literarische Überinszenierung. Man merkt, dass die Texte aus journalistischer Praxis kommen: klar strukturierte Episoden, pointierte Beobachtungen, kluge Verdichtungen – und immer wieder klare, aber unpathetische Wertungen zum Sinn und Unsinn der westlichen Intervention.
„Ausgerechnet Kabul“ ist explizit als Gegenbild zur stereotypen Kriegsberichterstattung angelegt: Die Autorin formuliert als Ziel, nicht „noch mehr von Anschlägen zu berichten“, sondern die Wahrnehmung Afghanistans in Deutschland zu verändern. Darin steckt ein sehr bewusstes politisches Projekt: Sie will zeigen, dass Afghanistan nicht nur Kulisse für sicherheitspolitische Debatten ist, sondern ein komplexes gesellschaftliches Gefüge mit eigenen Dynamiken, Hoffnungen und Widersprüchen. Nun, die Geschichte hat gezeigt, dass die Entwicklung in diesem Land anders verlaufen ist.
Gleichzeitig blendet das Buch die Verantwortung des Westens nicht aus; etwa wenn von Wurmb‑Seibel Recherchen zu von der NATO hinterlassenen Blindgängern beschreibt, die schließlich dazu beitragen, dass die Bundesregierung zumindest ein Minenfeld räumen lässt. Die politische Analyse tritt nie als trockenes Essay auf, sondern ist immer in Szenen eingelassen – das macht die Lektüre zugänglich, birgt aber auch das Risiko, dass strukturelle Zusammenhänge eher angedeutet als systematisch ausgeführt werden.
Das Buch ist sehr gelungen mit dem Perspektivwechsel weg von der Front hin zu Alltagsmikroszenen, die den Leser in Ambivalenzen halten: Sicherheitsappelle, Normalität, Angst, schwarzer Humor und Hoffnung liegen dicht beieinander. Seine Stärke liegt im Konkreten – Figuren, Orte, Situationen – geht mit einer gewissen Zurückhaltung bei der großen geopolitischen Analyse einher; wer einen umfassenden Überblick über Geschichte und Politik Afghanistans erwartet, wird eher punktuell als systematisch bedient. Heute ist die Situation sowieso komplett anders. Interessant für mich: Die selbstreflexive Haltung der Autorin, inklusive Zweifel an der Wirksamkeit des eigenen Journalismus, ist ein großes Plus, weil sie das übliche Heroen‑Narrativ des Kriegsreporters unterläuft. Auch hier hat sich gezeigt, dass die Geschichte eine andere Entwicklung eingeschlagen hat. Formal ist das Buch zugänglich, gut lesbar und für ein breites Publikum geeignet; literarisch ambitionierte Leser könnten sich gelegentlich mehr formale Experimentierfreude oder essayistische Tiefenbohrungen wünschen, aber für mich ist es ein prima Reportagebuch und Zeitdokument.
Insgesamt ist „Ausgerechnet Kabul“ ein eindringliches Stück erzählter Zeitgeschichte, das Afghanistan nicht erklärt, sondern erfahrbar macht – über Gesichter, Stimmen und Körper in einer Stadt im Ausnahmezustand. Für Leser, die kriegsmüde sind und doch verstehen wollen, was Krieg mit einer Gesellschaft macht, ist dieses Buch eine sehr empfehlenswerte Lektüre.
Das Dokumentationszentrum Obersalzberg ist eine zentrale Einrichtung der politischen Bildung und Erinnerungskultur in Deutschland. Ich habe es besucht und kann den Besuch ausdrücklich empfehlen. Ich habe bereits mehrere Blogpost dazu verfasst, wie zum Kampfhäusl, zur geraubten Madonna und das Bunkersystem.
Das Dokumentationszentrum befindet sich an einem historisch hoch belasteten Ort: dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, der in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem wichtigen Machtzentrum des NS-Regimes ausgebaut wurde. Hier befanden sich unter anderem der Berghof Adolf Hitlers sowie weitere repräsentative und strategische Bauten der nationalsozialistischen Führung. Hier ein paar Eindrücke als Video.
Das Dokumentationszentrum wurde mit dem Ziel eingerichtet, diesen Ort nicht unkommentiert der Geschichte oder gar einer romantisierenden Betrachtung zu überlassen, sondern ihn kritisch einzuordnen und historisch aufzuarbeiten. Die Dauerausstellung informiert umfassend über die nationalsozialistische Diktatur, ihre Ideologie, ihre Machtstrukturen sowie über die Verbrechen des Regimes. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Rolle des Obersalzbergs als Rückzugs- und Inszenierungsort der NS-Führung und auf der bewussten Propagandawirkung, die von diesem Ort ausging.
Die sachliche, quellengestützte Darstellung richtet sich an ein breites Publikum und verbindet historische Dokumente, Fotografien, Texte und audiovisuelle Medien. Ziel ist es nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern auch zur kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte anzuregen. Dabei wird deutlich gemacht, wie eng persönliche Machtansprüche, ideologische Verblendung und staatlich organisierte Gewalt miteinander verknüpft waren.
Die Bedeutung des Dokumentationszentrums liegt vor allem darin, dass es hilft, historische Verantwortung wachzuhalten. Gerade an authentischen Orten wird erfahrbar, dass der Nationalsozialismus kein abstraktes Phänomen war, sondern konkrete Orte, Akteure und Entscheidungen hatte, deren Folgen millionenfaches Leid verursachten. Das Zentrum leistet damit einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Bildung, zur Prävention von Geschichtsverfälschung und zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Antisemitismus in der Gegenwart.
In einer Zeit, in der Zeitzeugen zunehmend fehlen und historische Zusammenhänge vereinfacht oder relativiert werden, kommt Einrichtungen wie dem Dokumentationszentrum Obersalzberg eine besondere Verantwortung zu. Sie bieten Orientierung, fördern kritisches Denken und erinnern daran, wie fragil demokratische Strukturen sein können. Damit ist das Dokumentationszentrum nicht nur ein Ort der Information, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil der aktiven Erinnerungskultur und der politischen Bildung in Deutschland. Gerne würde ich ein Seminar zur politischen Bildung dort machen.
Unterhalb des als “Führersperrgebiet” deklarierten Areals auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden entstand ab Sommer 1943 ein weit verzweigtes Netz von Bunkertunneln. Insgesamt wurden über sechs Kilometer Stollen und Kavernen tief in den Fels gesprengt. Durch das Dokumentationszentrum Obersalzberg lässt sich ein Teil des Bunkerssystems besichtigen. Ich habe mir ausführlich die Bunkeranlagen angeschaut und mich im hervorragenden Dokumentationszentrum informiert. Klare und ausdrückliche Empfehlung von meiner Seite.
Bei meiner Besichtigung mitten im Winter war nicht viel los und ich konnte die meiste Zeit die Anlage alleine besichtigen und mir meine Gedanken dazu machen. Es war interessant und bedrückend durch dieses Bauwerk zu gehen. Ich habe einen VR 360 Grad Film gedreht, der die Atmosphäre in diesem Bunkersystem einfängt.
Die Anlage lag bis zu etwa 60 Meter unter der Oberfläche und verband zahlreiche zentrale Bauten der NS-Führungsriege: So führten Tunnel vom Berghof (Hitlers Wohnsitz) hinab in das Hauptstollensystem, weitere Abzweigungen führten etwa zu Martin Bormanns Haus und zur SS-Kaserne. Aus Sicherheitsgründen hielt Bormann allerdings die Bunker seiner Rivalen strikt getrennt – insbesondere Görings eigenen Luftschutzstollen ließ er nicht an Hitlers Tunnelsystem anbinden. Alle wichtigen Eingänge – etwa beim Hotel Platterhof oder dem Hotel Zum Türken – wurden mit massiven Stahltüren, Schleusen und MG-Nischen gesichert, um bei Bombenangriffen Druckwellen und Giftgas abfangen zu können. Vom Platterhof-Eingang beispielsweise führten 190 Stufen hinab in die Tiefe, an deren Ende sich eine unterirdische „Hauptstraße“ durch den Fels zog. Insgesamt umfasste der Komplex Dutzende Räume – darunter Wohn- und Büroräume, Führungszentralen, Telefonvermittlung, Lagerräume und sogar Hundezwinger und sanitäre Anlagen für Hitlers Personal .
Technisch war der Tiefbunker hochmodern ausgestattet: Eigene Notstrom-Dieselaggregate, Lüftungs- und Heizsysteme, Brunnen und Wasserreservoirs sowie Pumpen für Abwasser sicherten im Ernstfall eine autarke Versorgung unter Tage. Die Tunnelwände wurden mit 30–60 cm dickem Beton ausgekleidet, mit Abdichtungen gegen eindringendes Wasser versehen und teils weiß verputzt. Einige Bereiche waren aufwendig ausgebaut – Hitlers und Bormanns private Suiten erhielten Parkettböden, teure Teppiche und holzgetäfelte Wände. Außenposten wie einfache Wachmannschaften mussten sich hingegen mit nacktem Fels und provisorischen Bänken in feuchten Seitentunneln begnügen. Die Mehrheit der Stollen war bis Kriegsende im April 1945 fertiggestellt, wenngleich laufend Erweiterungswünsche (etwa nach zusätzlichen Bunkerräumen für Flak- und Stabsabteilungen) zu neuen Baustellen führten.
Den Bau dieses unterirdischen Festungswerks ermöglichten erst Zwangsarbeiter in großer Zahl: Bis zu 6.000 Männer, zumeist aus der Tschechoslowakei, Italien und Polen, mussten unter hohem Zeitdruck am Obersalzberg schuften. Noch bis Kriegsende wurde hier gearbeitet. Ihnen oblag die harte Spreng- und Betonarbeit im Berg; deutsche Fachleute überwachten lediglich die Arbeiten. Die Arbeitsbedingungen im Berg galten zwar als etwas besser als in manchen Rüstungsfabriken oder Konzentrationslagern, doch standen die Arbeiter unter rigider Kontrolle und hatten keine Wahl – bei „Fehlverhalten“ drohten drakonische Strafen. Gearbeitet wurde in zwei Schichten rund um die Uhr, und die Pausen fanden aus Zeitersparnisgründen ebenfalls unter Tage statt. Zweimal täglich bekamen die Zwangsarbeiter lediglich dünne Suppe zu essen, die in Milchkannen in die Stollen geliefert wurde  – eine dieser Milchkannen fand sich Jahrzehnte später noch im Bunker wieder und zeugt von den einstigen Bedingungen.
Vom Luftschutz zum alpinen Befehlsstand Die Bunker unter dem Obersalzberg wurden primär als Luftschutzbunker konzipiert, doch Bormann plante mehr als bloße Schutzräume. Er sah den Obersalzberg als potentiellen Führungsbunker einer „Alpenfestung“, falls Berlin unhaltbar würde. So integrierte man in die weitläufigen Stollen auch eine Befehlszentrale mit Fernmeldeanlage, Büroräume für die NSDAP-Kanzlei und Unterkünfte für Führungsstäbe.
Tatsächlich verbrachte Adolf Hitler vor 1944 einen beträchtlichen Teil seiner Regierungszeit auf dem Obersalzberg und führte von dort aus Regierungsgeschäfte – nahezu ein Drittel seiner Amtszeit, insgesamt fast vier Jahre, hielt er sich in seinem Berghof auf . In den ersten Kriegsjahren fanden dort sogar wichtige diplomatische Treffen und Entscheidungsrunden statt (etwa 1938 die Unterredung mit Österreichs Kanzler Schuschnigg, die zum „Anschluss“ führte). Hermann Göring, Martin Bormann und andere NS-Größen nutzten ihre Obersalzberg-Villen gleichfalls als Zweitquartiere neben Berlin, so dass der Obersalzberg als „zweiter Regierungssitz“ des NS-Staates gelten kann. In Erwartung zunehmender Luftangriffe sollten die Bunker diesem NS-Machtzentrum ab 1943 nun endlich einen dauerhaften Schutz und die Möglichkeit ungestörter Weiterarbeit im Berg bieten.
Allerdings kam es kaum zu regulären „Bunker-Alltagsszenarien“, da sich die Kriegslage schnell verschlechterte. Hitler selbst nutzte die Obersalzberg-Bunker nie als permanentes Führerhauptquartier – nach dem D-Day 1944 verließ er den Obersalzberg endgültig und zog die Führung der Wehrmacht in Berlin bzw. Ostpreußen zusammen. Zwar hatte es bis dahin Probealarme gegeben, bei denen Hitler angeblich mit seinem Stab in den Bunker hinabstieg, doch im Ernstfall blieb er aus Propagandagründen lieber „über Tage“. So soll Hitler bei einzelnen Fliegeralarmen demonstrativ im Freien geblieben sein, um sich als unerschütterlich zu inszenieren.
Göring hingegen bezog spätestens im Frühjahr 1945 regelmäßig seinen persönlichen Bunkertrakt. Als am 25. April 1945 ein großer britischer Bomberangriff den Obersalzberg traf, hielt sich Göring vor Ort auf und begab sich mit dem übrigen Personal in die Stollenanlagen. Rund 3.000 Personen – von SS-Wachen über Dienstpersonal bis zu Zivilisten der Umgebung – suchten während des Bombardements in den Bunkern Schutz. Dank der stabilen Bauweise überstanden die meisten den Angriff: Obwohl die Royal Air Force mit über 350 Bombern insgesamt 1200 Tonnen Bomben abwarf (darunter riesige „Tallboy“-Bunkerbrecher), kamen nur etwa 30 Menschen ums Leben. Sämtliche Gebäude des Führersperrgebiets – bis auf das hoch gelegene Kehlsteinhaus – wurden dagegen schwer beschädigt oder zerstört. Noch am selben Tag legten abziehende SS-Truppen Feuer in den Ruinen, was Plünderungen durch Anwohner jedoch nicht verhinderte. Hitler selbst weilte zu diesem Zeitpunkt im Führerbunker in Berlin und erlebte das Ende seines „Dritten Reiches“ dort – fünf Tage später nahm er sich das Leben .
In den letzten Kriegstagen dienten die Obersalzberg-Bunker v.a. der Vernichtung von Beweismaterial. Beispielsweise ließ Martin Bormann aus seinem Berliner Exil seiner Ehefrau auf dem Obersalzberg den Befehl zukommen, belastende Akten im Bunker zu verbrennen . Noch heute finden sich in manchen Stollen rußgeschwärzte Wände, wo in jenen Apriltagen 1945 große Feuer mit Dokumenten loderten. Diese Rußschichten machten es späteren Besuchern leicht, ihren eigenen Namen in die Wände zu kratzen – die Rußpartikel kontrastieren weiß, sobald man sie mit einem Schlüssel oder Stein abreibt. Auf diese Weise hinterließen in den Jahrzehnten nach Kriegsende zahllose Menschen Inschriften in den Bunkergängen – von einfachen Soldaten und Einheimischen bis hin zu Gruseltouristen und Neonazis, die heimlich in die zeitweise unbewachten Stollen eindrangen.
Als in den ersten Maitagen 1945 amerikanische und französische Truppen Berchtesgaden erreichten, fanden sie auf dem Obersalzberg kein aktives „Alpenfestungs“-Personal mehr vor – die Tunnel waren leer, es kam zu keinen Kämpfen. Dennoch entwickelte sich zwischen der US-Armee und der französischen 2e DB-Panzerdivision ein Wettlauf um das Prestige, Hitlers Bergresidenz als Erste zu besetzen. Schließlich hissen Amerikaner und Franzosen am 5. Mai 1945 gemeinsam ihre Flaggen über den rauchenden Trümmern auf dem Obersalzberg. In den Bunkern hinterließen drei französische Soldaten ihre Initialen („AG PS DA“) und ritzten zur Erinnerung an den Sieg ihre Einheit – „2e Division Blindée“ – sowie das Datum 5.5.1945 in eine Betonwand ein. Flankiert wurde diese Inschrift von zwei eingeritzten Lothringer Kreuzen, dem Symbol der französischen Streitkräfte im Krieg. Solche Graffiti der Alliierten markierten buchstäblich das Ende der NS-Herrschaft am Obersalzberg.
Dokumentationszentrum und museale Zugänglichkeit der Bunker Unmittelbar nach der kampflosen Übergabe des Obersalzbergs am 4. Mai 1945 übernahm die US-Armee die Kontrolle über das Gebiet. Die Amerikaner erklärten das gesamte Areal zunächst zum Sperrgebiet und verhinderten so eine ungeregelte Besichtigung durch die lokale Bevölkerung oder gar Alt-Nazis. Plünderungen ließen sich dennoch nicht völlig eindämmen: Bereits in den ersten Tagen nach Einmarsch bedienten sich sowohl Einheimische als auch alliierte Soldaten großzügig an den Überresten. Aus den Bunkern verschwanden in den Nachkriegsjahren nahezu alle technischen Einrichtungen, Einbauten und Wertgegenstände – die weitläufigen Tunnel standen bald leer und waren verwahrlost.
Wie Zeitzeugen berichten, wurde buchstäblich „alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest“ war, von Holzvertäfelungen über Mobiliar bis zu Rohrleitungen. Übrig blieb schließlich fast nur der nackte Fels und Beton. Einzige Relikte waren etwa ein riesiger Stahlschrank, der von GIs mit einer Panzerfaust aufgeschossen worden war (einer Legende nach war er leer) – oder die eingangs erwähnte rostige Milchkanne, die Jahrzehnte unbemerkt in einem Seitentunnel lag.
Nach Kriegsende nutzte die US-Armee das Obersalzberg-Areal über 50 Jahre lang als Erholungszentrum für amerikanische Soldaten (Armed Forces Recreation Center). Für die deutsche Öffentlichkeit blieb das Gelände damit bis in die 1990er Jahre weitgehend unzugänglich. Lediglich das Kehlsteinhaus und seine Bergstraße wurden früh für den zivilen Tourismus freigegeben – sie entwickelten sich ab den 1950ern zu einem regelrechten Besuchermagneten, während der eigentliche Obersalzberg darunter nahezu entzogen war . Um zu verhindern, dass die Ruinen von Hitlers Berghof zu einer Wallfahrtsstätte für Neonazis werden könnten, sprengten die US-Besatzer und bayerischen Behörden 1952 fast alle stehengebliebenen NS-Gebäudereste, einschließlich der ausgebrannten Berghof-Ruine. Auch oberirdische Spuren der Bunkereingänge wurden teils eingeebnet.
Dennoch pilgerten weiterhin Neugierige und Alt-Nazis auf den Berg – viele Jahre lang teils begünstigt durch dubiose Touristenführer und trivialisierende Broschüren, die vor Ort verkauft wurden. Erst nachdem die US-Truppen 1996 den Obersalzberg endgültig räumten, konnte sich Bayern der aktiven Erinnerungsarbeit annehmen. Man beschloss ein „Zwei-Säulen-Konzept“: Einerseits sollte das Areal behutsam touristisch entwickelt werden (etwa durch ein Hotel), andererseits aber eine historische Bildungsstätte entstehen . So eröffnete am 20. Oktober 1999 das Dokumentationszentrum Obersalzberg als moderner Lern- und Erinnerungsort.
Von Anfang an bezog die Dokumentation die originalen Bunker in ihr Museumskonzept ein. Ein Teil der weitläufigen Untergrundanlage – insbesondere die Stollen unter dem ehemaligen Hotel Platterhof bzw. Gästehaus Hoher Göll, auf dessen Fundament der Museumsbau errichtet wurde  – ist für Besucher seither zugänglich. Über das Museumsgebäude gelangt man in einen rund 200 Meter langen Bunkerabschnitt, der heute als authentisches Ausstellungsobjekt dient. Dieser Bereich umfasst u.a. die ehemaligen Büroräume der NSDAP-Kanzlei am Obersalzberg (teils mit originalen Einbauten) sowie Verbindungsstollen mit einigen Nebenräumen wie Vorratskellern. Schon 1999 stieß diese Bunker-Teilausstellung auf großes Interesse, so dass 2006 ein zusätzlicher Ausstellungsraum im Bunker für Wechselausstellungen ausgebaut wurde. Von 2017 bis 2023 war die Anlage wegen umfangreicher Erweiterungsarbeiten geschlossen, doch seit der Wiedereröffnung der Dokumentation (neue Dauerausstellung “Idyll und Verbrechen”) ist der Bunker wieder im Rahmen des Rundgangs zugänglich . Besucher passieren originale engen Gänge, sehen Gerätschaften und Relikte und stoßen auf erklärende Tafeln, die die Funktion jedes Abschnitts erläutern. So wird der historische Tiefbunker selbst zum Exponat, das die Geschichte des Ortes greifbar macht.
Um die Sicherheit und den pädagogischen Mehrwert zu gewährleisten, bleibt freilich nur ein begrenzter Teil der Gesamtanlage begehbar – viele Stollen sind aus statischen Gründen versiegelt oder liegen auf privatem Gelände (etwa unter dem Hotel Zum Türken, das eigene Führungen durch seinen Bunkerabschnitt anbietet). Der für die Öffentlichkeit geöffnete Sektor im Dokumentationszentrum ist dagegen gut gesichert, beleuchtet und mit einem Audioguide sowie Führungen erschlossen. Besucher erhalten so einen Eindruck der beklemmenden Enge und Kälte im Berg und lernen gleichzeitig die historischen Zusammenhänge kennen. In Vitrinen sind Funde ausgestellt, etwa originale Baupläne, Werkzeug oder Fundstücke wie die erwähnte Milchkanne oder Lebensmittelmarken der Kriegszeit, die im Bunker gefunden wurden. Zusätzlich vermitteln Medienstationen Interviews mit Zeitzeugen, die vom Alltag am Obersalzberg oder der Zwangsarbeit im Bergbau berichten. Die Kombination aus originalem Schauplatz und kritischer Einordnung soll einen verantwortungsvollen Umgang mit dem schwierigen Erbe ermöglichen.
Heutiger Umgang mit dem NS-Erbe Die Bunker unter dem Obersalzberg verkörpern einen historischen Täterort, der bis heute sensibel behandelt werden muss. Bereits kurz nach Kriegsende zeigte sich, wie ambivalent das Erbe ist: Einerseits hatten die Alliierten – insbesondere die Franzosen – ihre Spuren stolz hinterlassen. Andererseits zog die Anlage früh auch nostalgische Anhänger des NS-Regimes an. So kam es schon in den 1950ern zu regelrechten “Sensationstouren” ehemals Verfolgter, Neugieriger, aber auch Ewiggestriger, die teils illegal in die gesperrten Bunker vordrangen . In den dunklen Tunneln fanden sich mit der Zeit beschmierte Hakenkreuze und Parolen wie „Heil Adolf“ – ein Hinweis darauf, dass manche Besucher den Ort zu glorifizieren versuchten. Diesem unerwünschten Umgang setzt man heute aktive Aufarbeitung entgegen.
Die Dokumentation Obersalzberg versteht sich ausdrücklich als Lernort, der die Verbrechen des NS-Regimes aufarbeitet und Entmystifizierung betreibt. So wird z.B. an den Bunkerwänden nicht nur die militärische Funktion erläutert, sondern auch an die Ausbeutung der Zwangsarbeiter erinnert, die diese „Alpenfestung“ unter unmenschlichen Bedingungen errichten mussten.
Das Gelände selbst wird ebenfalls bewusst unspektakulär gehalten, um keinen Heldenmythos zu befördern. Vom früheren Berghof steht heute fast nichts mehr – lediglich eine überwachsene Stützmauer und eine Hinweistafel erinnern an den Ort . Dennoch erscheinen nach wie vor vereinzelt Neonazis, die dort Kerzen oder Botschaften als Verehrung platzieren . Die Mitarbeiter der Dokumentation sammeln solche Relikte (über 50 teils mit Hakenkreuzen versehene Grablichter wurden seit 2015 entfernt) und nutzen sie als mahnende Exponate in der Ausstellung. Damit wird offensiv gezeigt, dass der Kampf um die Deutungshoheit über Orte wie den Obersalzberg bis in die Gegenwart reicht.
Insgesamt gilt die Einbindung der Bunker ins pädagogische Konzept als gelungen. Das Dokumentationszentrum Obersalzberg – getragen vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin – wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2025 mit dem europäischen Luigi Micheletti Award für seine innovative Dauerausstellung „Idyll und Verbrechen“. Diese Ausstellung kontrastiert bewusst die idyllische Alpenlandschaft (die von den Nazis propagandistisch als heile Welt inszeniert wurde) mit den Verbrechen, die hinter den Kulissen geplant wurden.
Die Bunkeranlagen spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie sind das greifbare Symbol dafür, wie aus dem friedlichen Bergbauerndorf Obersalzberg ein hermetisch abgeriegelter Unrechtsort und schließlich ein Endzeit-Zufluchtsort der NS-Elite wurde. Indem man die unterirdischen Räume für Besucher öffnet, entzaubert man zugleich manche Legende – etwa den Mythos der „unbesiegbaren Alpenfestung“, die sich in Wahrheit als überdimensioniertes und letztlich nutzloses Bauprojekt entpuppte. Die Bunker werden so nicht ehrfürchtig verherrlicht, sondern kritisch kontextualisiert: als Teil der Infrastruktur eines verbrecherischen Regimes, das am Ende trotz aller Betonwände in Trümmern versank.
Die heutige Erinnerungsarbeit am Obersalzberg zeigt, dass ein solch belastetes Erbe produktiv genutzt werden kann, um Geschichte aufzuarbeiten statt zu verdrängen. Durch behutsame architektonische Integration, wissenschaftliche Begleitung und offensives pädagogisches Konzept gelingt es, die Bunker weder zum Wallfahrtsort für Rechtsradikale noch zum reißerischen Gruselkabinett verkommen zu lassen. Vielmehr dienen sie als mahnendes Anschauungsobjekt, das tausenden Besuchern jährlich die Abgründe der NS-Herrschaft vor Augen führt – an dem Ort, wo einst Macht und Idylle auf verhängnisvolle Weise zusammentrafen.
Wer meinen Blog kennt, der weiß: Ich liebe das Kino. Meine Liebe zum Kino beginnt oft im Dunkeln – in dem Moment, wenn das Licht ausgeht und der Alltag leise hinter einem die Tür schließt. Auf der Leinwand öffnet sich eine andere Welt, und für zwei Stunden darf man jemand anders sein, an anderen Orten leben, andere Leben fühlen.
Viele Kinos sterben heute aus den unterschiedlichsten Gründen und wenn ich die Gelegenheit habe, dann fotografiere Kinos. Zwei schmerzhafte Erfahrungen waren die Schließungen des Gabriels und des Sendlinger Tor Filmtheaters – beides in München. Ich habe darüber gebloggt. Immer wieder schwebst es mir vor, einen Buch zum Thema Kinos zu produzieren.
Schon vor langer Zeit traf ich eine Leidensgenossin in Sachen Kino. Die Fotografin Margarete Freudenstadt. Bei einer Ausstellung in Gauting stellte sie ihrem Bildband Cinemas – From Babylon Berlin to La Rampa Havana vor, der von Christoph Wagner herausgegeben wurde. Das Buch zeigt auf eindrucksvolle Weise eine nostalgische Reise durch Lichtspielhäuser zwischen Ostdeutschland und Kuba – und erzählt damit zugleich von Zeiten, Träumen und Verfallserscheinungen.
Der Band beginnt im Osten Deutschlands, in den frühen 1990er Jahren. Freudenstadt lässt alte DDR-Kinos auftreten: Gebäude wie das „Filmtheater Kosmos“ oder „Fortschritt-Lichtspiele“, einst Symbol für moderne Unterhaltung im Sozialismus, erscheinen nun ruhig, teilweise leer und von der Zeit gezeichnet. Die Fotografin dokumentiert Architektur, Foyers, Fassaden und Straßenzüge, oft mit einem Blick, der Ruhe, Leere und Erinnerung zugleich einfängt – als würde jedes Foto eine Art Nachklang einer Epoche sein, die bereits durch Umbruch und Wandel erschüttert wurde.
Im zweiten großen Kapitel führt das Buch nach Kuba – nach Havanna und Umgebung –, wo die filmische Begeisterung der 1950er Jahre unter US-Einfluss in prachtvollen Kinopalästen wie „Riviera“, „Acapulco“ oder „Florida“ gipfelte. Doch auch hier hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen: Die einst glanzvollen Säle sind heute in vielen Fällen verfallen, verwittert, überzeichnet von Patina und Geschichte. Kubanische Kinos erscheinen im Bildband als stille Mahnmale einer Träumerei von Unterhaltung und Illusion, die einst pulsierte und nun – vielfach – ihre Zuschauer verloren hat.
Was das Buch und ihre Bilder so stark macht, ist nicht nur die gegensätzliche geografische wie historische Gegenüberstellung – Ostdeutschland nach der Wende versus Kuba im Wandel –, sondern der emotionale Eindruck, den diese Räume hinterlassen. Wir Leser spüren eine Mischung aus Vergänglichkeit und Faszination: Die Magie des Kinos, die einst in diesen Sälen lebte, klingt nach. Auch im Zustand des Verfalls bewahren die Bilder eine Präsenz – das Lichtspielhaus wird zur Metapher für Zeit, Erinnerung und Wandel.
Freudenstadts Fotografien sind großformatig, hochwertig gedruckt auf mattiertem, festen Papier. Jede Aufnahme zeigt detailreich Fassaden, Interieurs, Straßenraumeindrücke – Menschen sind teilweise präsent, doch nie Hauptmotiv; das Kino als Ort steht im Vordergrund.
Begleitet werden die Bilder von einführenden Essays verschiedener Autoren, die über die Geschichte der Kinos in Kuba sowie in der DDR reflektieren – etwa zur Architektur, zur Film- und Kinokultur oder zur Rolle der Technik- und Sozialgeschichte.
Die Wirkung des Buches liegt in seiner stillen Kraft: Es lädt ein zu verweilen, zu schauen, zu erinnern. Man könnte sagen: Die vergessenen Lichtspielhäuser sprechen – über Vergangenes, über Wandel, über das, was aus dem Glanz wurde. Für Kinoliebhaber, Architektur- und Fotografie-Begeisterte ist der Band ein visuell wie inhaltlich beeindruckendes Werk.
Mit seinen 96 Seiten, einem Format von ca. 26 × 29 cm und rund 80 farbigen Abbildungen ist der Bildband hochwertig ausgestattet und ein Kunstwerk für sich.
Ich geb es nicht auf und fotografiere selbst weiter. Unlängst konnte ich in Estland ein sozialistisches Kino fotografieren, das auf dem Grundstück des Nazis Alfred Rosenberg erbaut wurde.
Ab und zu lese ich Werke von renommierten Journalisten wie beispielsweise Peter von Zahn, Peter Scholl-Latour und Kollegen aus alten Zeiten, um mich für meinen Job zu motivieren und auch Ideen zu bekommen. Jetzt griff ich wieder zu Rolf Seelmann-Eggebert, der unlängst verstorben ist. Hier mein Nachruf von damals.
Er blickt in seinem autobiografischen Werk „In Hütten und Palästen – Ein Reporterleben“ auf ein Leben zurück, das in der journalistischen Landschaft Deutschlands kaum seinesgleichen hat. Erstmals wird deutlich, wie vielseitig sein Werdegang war: Vom Auslandskorrespondenten in Afrika über Hör- und Fernfunk beim Norddeutscher Rundfunk (NDR) bis hin zum gefeierten „Adelsexperten“ im europäischen Königshaus-Milieu.
Das Buch beginnt mit den frühen Jahren des Autors, seinen Anfängen beim NWDR/NDR als freier Mitarbeiter für Hörfunk und Fernsehen, schildert dann die Jahre als Korrespondent in Westafrika (ab 1968) und später in Nairobi, Kenia (1972–1976) für den Hörfunk beziehungsweise das Fernsehen. Diese Phase ist besonders bedeutsam, weil Seelmann-Eggebert nicht nur über Ereignisse berichtete, sondern in einem ganz anderen Medienumfeld arbeitete – mit Begrenzungen, improvisierten Bedingungen und unmittelbarer Nähe zu den Reportage-Realitäten vor Ort. Das eröffnet dem Leser einen Blick auf eine journalistische Form, die heute selten geworden ist.
Parallel schildert er seine spätere Tätigkeit beim Fernsehen, insbesondere seine Berichterstattung über Königshäuser, royale Großereignisse und Staatenbesuche. Diese Kapitel sind reich an Anekdoten: etwa der Ausfall des Tons bei der Trauung von Charles III. (damals noch Prinz Charles) und Diana, Princess of Wales, bei der er dank seiner Vorbereitung den Predigttext live ins Deutsche übertrug.
Dabei wird deutlich: Seelmann-Eggebert verstand sich nicht allein als Boulevard-Kommentator, sondern als Journalist mit Anspruch. Er ordnete gesellschaftliche Entwicklungen ein, reflektierte Medien- und Adelshistorie und vermied nach eigenen Aussagen Pathos: „Wenn du mit einem König auf dem Sofa sitzt, dann glauben alle, ich sei nah dran. Aber das täuscht.“
Ein besonders gelungener Teil des Buches ist der Wechsel zwischen den Extremen – von „Hütten“ zu „Palästen“, wie der Titel treffend formuliert. Die „Hütte“ steht metaphorisch für Reportage-Alltag in Afrika – unter schwierigeren Bedingungen, aber mit direkter Begegnung und menschlicher Nähe. Die „Paläste“ stehen für die glanzvolle Welt der Monarchien – elegant, protokollarisch, aber eben auch geerdet durch seine Perspektive. Dieses Spannungsverhältnis macht die Stärke des Buches aus: Es sind nicht nur die royalen Anlässe, die faszinieren, sondern gerade die Schnittstellen zwischen Macht und Alltag, zwischen den privilegierten Sphären und den realen Lebenswelten.
Stilistisch überzeugt Seelmann-Eggebert durch einen klaren, persönlichen Ton. Er nimmt den Leser mit auf seine Reisen, lässt kurze Reportage-Momente, Begegnungen mit Königinnen und Königen, aber auch Gespräche mit Einheimischen in Afrika Revue passieren. Dabei spart er nicht mit kleinen Selbstreflexionen – etwa über die Rolle des Journalisten, die Verantwortung, aber auch die Grenzen. Die Co-Autorschaft mit seiner Tochter Adele bringt weiteren Gewinn: Dialoge, Briefausschnitte und Interviewmaterial verleihen dem Text Authentizität und Tiefe.
Auch kritisch zeigt sich das Buch: Seelmann-Eggebert überrascht nicht mit einer groß angelegten Medien- oder Adelskritik, doch er thematisiert etwa die Diskrepanz zwischen Glamour und Machtlosigkeit, zwischen Repräsentation und Lebenswirklichkeit – insbesondere in den Auslandsreportagen Afrikas. Er schreibt über die „menschenunwürdigen Zustände“ dort im Vergleich zur deutschen Wohlstandsgesellschaft – und wie ihn diese Erfahrung immer wieder einholte.
Ein paar Anmerkungen zur Bewertung: Wer sich vorrangig für royale Themen interessiert, findet hier zahlreiche Insider-Momente, Interviews, historische Wegmarken – vom Buckingham Palace bis zu anderen europäischen Königshäusern. Wer hingegen mehr an Journalismusgeschichte, Medienwandel oder Reportagereisen interessiert ist, wird ebenfalls fündig sein – gerade die Afrika-Jahre verleihen dem Buch eine Tiefe, die über glänzendes Protokoll hinausgeht. Manchmal fehlt dem Text eine stärkere Struktur oder kritische Distanz gegenüber dem eigenen Wirken – aber das lässt sich bei einer Lebenserinnerung verzeihen.
„In Hütten und Palästen“ ist eine eindrucksvolle Biografie, die zeigt, wie ein Journalist zwischen zwei Welten lebte – zwischen Afrika und den Königshäusern Europas –, wie er Begegnungen mit Macht, Repräsentation und Alltag meisterte und gleichzeitig seine Neugier bewahrte. Für Leserinnen und Leser, die mehr wollen als reine Adelschroniken, bietet das Buch Horizont, Menschlichkeit und spannende Einblicke in ein außergewöhnliches (Reporter-)Leben.
Ich habe noch ein Autogramm von ihm, das in meiner Heldengalerie in meinem Arbeitszimmer hängt. Auch eine Art der Motivation für mich.
Einmal im Jahr verwandelt sich die Gemeindebücherei Maisach in einen lebendigen Erinnerungsraum: Der Arbeitskreis Geschichte der Gemeinde lädt zur Lesung aus den „Meisaha“-Heften ein, der jährlich erscheinenden Publikation, die sich mit der Vergangenheit und den Geschichten der Gemeinde und ihrer Ortsteile befasst. Die Veranstaltung ist mehr als eine Vortragsreihe – sie ist ein atmosphärisches Zeitfenster, das die Vergangenheit eindrucksvoll gegenwärtig macht.
Die jüngste Lesung bot ein besonders breites Spektrum an Themen und Schicksalen, die allesamt tief mit Maisach und Umgebung verbunden sind. Sie zeigte auf eindrucksvolle Weise, wie reich, bewegend und manchmal auch kurios die lokale Geschichte ist. Hier die komplette Lesung in einem Stück.
Von Ziegeln und Schicksalen: Die Ziegelei in Rottbach Den Auftakt machte Stefan Pfannes mit einem detaillierten und lebendig erzählten Beitrag zur Geschichte der Ziegelei in Rottbach. Die Wurzeln der Ziegelherstellung in der Region reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Besonders im Fokus stand das Lebenswerk des Landwirts und späteren Bürgermeisters Michael Pschor, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine moderne Ziegelei mit Ringofen errichtete. Trotz großer Investitionen und anfänglicher Erfolge endete das Unterfangen tragisch – mit einem Großbrand, wirtschaftlichem Niedergang und dem vollständigen Verlust des Familienbesitzes.
Die Erzählung wurde ergänzt durch Anekdoten, persönliche Erinnerungen und sogar einen Einblick in das damalige Personalwesen: Maria Riesenberger, eine ledige Bauerntochter, fuhr als erste Frau die Elektrolok der Ziegelei – eine Leistung, die ihr männliches Umfeld laut ihren Worten schlicht nicht zustande brachte. Hier der Vortrag von Stefan Pfannes.
Der Einmarsch der Amerikaner: Kriegsende in Maisach Helga Rueskäfer zeichnete anhand zeitgenössischer Pfarrberichte und kommunaler Dokumente das Kriegsende 1945 nach. Sie las aus den Aufzeichnungen des Pfarrers von Maisach, der den Einmarsch der amerikanischen Truppen als Befreiung beschrieb.
Neben Sachberichten über Plünderungen, Beschlagnahmungen und provisorische Verwaltungsstrukturen fanden auch persönliche Schicksale Erwähnung – etwa der eines russischen Wachmanns, der auf der Flucht erschossen wurde. Der Bericht verdeutlichte, wie abrupt der Zusammenbruch der alten Ordnung kam – und wie schwierig der Weg in eine neue, friedliche Zeit war. Hier der Vortrag von Helga Rueskäfer.
Kindheit im Exil: Ein Flüchtlingsmädchen in Gernlinden Cornelia Schader gewährte mit ihrem Beitrag einen sehr persönlichen Einblick in das Leben ihrer Mutter Brigitte Mann, die 1945 als sechsjähriges Kind mit ihrer Familie aus Ostpreußen nach Gernlinden kam. Die detaillierte Schilderung der Flucht, der ersten Wohnsituation, der Integration in Schule und Alltag rührte das Publikum spürbar.
Mit plastischen Bildern – wie einer aus Fallschirmseide selbstgenähten roten Bluse – wurde deutlich, wie knapp und zugleich hoffnungsvoll das Leben nach der Flucht war. Besonders bewegend: die Erinnerung an die Schulspeisung mit Rosinengrütze und an die Freundlichkeit der amerikanischen Besatzungssoldaten, die Donuts und Schokolade an die Kinder verteilten. Hier der Vortrag von Cornelia Schader.
Bahnunfälle und der Ruf nach Sicherheit Karl Muth las mehrere Abschnitte aus seinem Artikel zu dramatischen Zugunglücken in Maisach und Gernlinden. Besonders eindrücklich war die Geschichte eines tragischen Unfalls im Jahr 1969, bei dem eine junge Frau auf einem ungesicherten Bahnübergang ums Leben kam.
Der ehemalige Bahnbeamte Ludwig Paternoster berichtete aus erster Hand über die Ereignisse, was dem Beitrag emotionale Tiefe verlieh. Die Schilderungen machten zugleich deutlich, wie lange in Maisach für die ersehnte Bahnunterführung gekämpft wurde – ein Mahnmal für die Bedeutung von Verkehrssicherheit. Hier der Vortrag von Karl Muth.
Industrielle Spuren: Das Kalksandsteinwerk in Überacker Stefan Schader präsentierte seinen Text über das heute fast vergessene Kalksandsteinwerk in Überacker. Die Geschichte begann 1960 mit dem Abbau eines Sandhügels, der sich als wirtschaftlicher Rohstoff erwies. Die Fabrik bot neue Arbeitsplätze, lockte Gastarbeiter aus Spanien und Marokko an und veränderte die Sozialstruktur des Dorfes.
Nach der Wirtschaftskrise Mitte der 1970er Jahre wurde das Werk stillgelegt. Heute erinnert nur noch eine Halle an diesen Abschnitt Industriegeschichte. Mit viel Detailreichtum erzählte Schader von Technik, Alltag und Wandel in einem kleinen Ort. Hier der Vortrag von Stefan Schader.
Vom Herzen Maisachs nach Togo Matthias J. Lange las aus seinem Artikel über die Entstehung der „Aktion PIT – Togohilfe“. Aus einer privaten Initiative entwickelte sich in den 1980er Jahren eine der bedeutendsten Togo-Hilfsorganisationen Deutschlands – ihren Ursprung hatte sie in einem Maisacher Wohnhaus. Mit anschaulichen Geschichten von Schulranzen, Feuerwehrbussen und ehrenamtlicher Hilfe bis hin zu globalem Engagement vermittelte der Beitrag eindrucksvoll, wie eine Gemeinde über sich hinauswachsen kann. Besonders berührend war das Erinnern an Elisabeth, das erste Patenkind mit der Startnummer 100, und an die kleinen Erfolge, die in Summe große Wirkung entfalten. Hier der Vortrag von Matthias J. Lange.
Eine legendäre Rauferei Zum Abschluss trug Stefan Schader noch eine amüsante Anekdote vor: eine legendäre Wirtshausschlägerei aus den Nachkriegsjahren, bei der Maisacher Burschen und Mitglieder des Boxclubs Fürstenfeldbruck aneinandergerieten. Der Vater der Müllersöhne rief per Telefon zum Kampf auf und versprach, alle Schäden zu bezahlen – was er später auch tat.
Die Geschichte, längst zu einer Art Dorflegende geworden, sorgte für Schmunzeln und erinnerte an eine Zeit, in der Konflikte oft noch mit Fäusten, aber auch mit Ehre ausgetragen wurden. Hier der Vortrag von Stefan Schader .
Die Lesung des Arbeitskreises Geschichte war ein eindrucksvolles Beispiel für gelebte Erinnerungskultur auf kommunaler Ebene. Die Beiträge reichten von bewegender Familiengeschichte über Industrie- und Verkehrsgeschichte bis hin zu humorvollen Anekdoten – stets fundiert recherchiert, persönlich erzählt und mit dem Herzen bei der Sache.
Die Meisaha-Hefte sind nicht nur eine Chronik der Vergangenheit, sondern auch ein Fenster in das kollektive Gedächtnis der Gemeinde. Die Veranstaltung in der Gemeindebücherei Maisach zeigte: Geschichte lebt, wenn man sie erzählt. Und Maisach hat viel zu erzählen.
Die Fotografin ist weit mehr als ein klassisches Biopic. Der Film zeichnet das bewegende Porträt einer außergewöhnlichen Frau – Lee Miller –, die als Kriegsfotografin, Künstlerin und Kämpferin gegen das Vergessen in die Geschichte einging. Im Amerika-Haus München fand vor kurzem eine Vorführung des Films statt. Anthony Penrose, der Sohn der berühmten Kriegsfotografin, wurde live zu einem Filmgespräch zugeschaltet.
Mit großer Sensibilität und visueller Kraft erzählt der Film nicht nur von den historischen Ereignissen, die Miller dokumentierte, sondern auch von den inneren Narben, die sie davontrug. Kate Winslet verkörpert die widersprüchliche, brillante und verletzliche Lee Miller mit beeindruckender Tiefe und Authentizität.
Im Amerika-Haus ist noch bis 31. Juli eine Ausstellung über das Werk von Lee Miller zu sehen ist. Ich habe hier darüber gebloggt. Im Zentrum des Abends stand jedoch für mich nicht nur der Film selbst, sondern das Gespräch zwischen Anthony Penrose und Julia Weigel, Co-Direktorin des Filmfests München. Penrose, der auch Ko-Direktor des Lee Miller Archivs ist, gab Einblicke in die Entstehung des Films, seine persönliche Beziehung zur Mutter – und wie beides auf unerwartete Weise zusammenfand.
Besonders spannend war die Entstehung des Fotobuchs, das die Grundlage für die Ausstellung im Amerikahaus bildet. Penrose erklärte, dass die Auswahl der Bilder bereits vor Fertigstellung des Films erfolgte: „Ich kannte das Drehbuch gut, weil ich eng mit den Autorinnen zusammenarbeitete, aber bei der Auswahl der Fotos war vieles auch einfach ein Ratespiel – und zum Glück lagen wir meistens richtig.“ Zudem sei es wichtig gewesen, gemeinsam mit dem Amerikahaus Motive auszuwählen, die einen Bezug zur Münchner Geschichte und zum lokalen Kontext haben.
Detailtreue als oberstes Prinzip Der Film selbst basiert auf einem sehr persönlichen Buch Penroses über das Leben seiner Mutter. Er erzählte, wie Kate Winslet, die nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Produzentin des Films ist, durch die Lektüre des Buches auf Lee Miller aufmerksam wurde.
Die Arbeit am Drehbuch sei von einem hohen Maß an historischer Genauigkeit geprägt gewesen. Penrose betonte: „Kate und unsere Drehbuchautorin Marion Hume ließen nichts im Film, was wir nicht auch beweisen konnten. Selbst Details wie: Können zwei Menschen nebeneinander die Treppe in Hitlers Wohnung hochgehen? mussten wir belegen.“
Eine Anekdote zur Datierung der Aufnahmen in Dachau veranschaulichte diese Sorgfalt eindrucksvoll. Da Lee Miller ihre Aufnahmen nicht datierte, halfen ihm die Schneeverhältnisse auf den Fotos sowie Archivmaterial aus Dachau, den exakten Tag – den 30. April 1945 – zu bestimmen.
Die Kraft der Fiktion: Gespräch mit der verstorbenen Mutter Eine besondere narrative Ebene des Films ist der fiktive Dialog zwischen Lee Miller und ihrem erwachsenen Sohn – dargestellt von Josh O’Connor.
Penrose sagte dazu: „Diese Gespräche hat es so nie gegeben – aber es sind die Fragen, die ich ihr gerne gestellt hätte, nachdem ich ihre Fotos und Manuskripte entdeckt habe. Fragen, die ich leider erst nach ihrem Tod hatte.“ Der Film wurde für ihn zu einem emotionalen Raum, in dem Versäumtes doch noch ausgesprochen werden konnte. „Es war sehr berührend für mich, diese Szenen zu sehen. Denn obwohl es Fiktion ist, spiegelte es meine inneren Prozesse wider.“
Kate Winslet als Lee Miller – mehr als Schauspiel Mit sichtbarer Bewunderung sprach Penrose über die Zusammenarbeit mit Kate Winslet: „Sie ist warmherzig, klug, absolut professionell – und sie wollte Lee wirklich verstehen. Dafür verbrachte sie Wochen im Archiv, las Briefe, Manuskripte, betrachtete Fotos. Sie hat sich nicht auf mein Urteil verlassen, sondern ist selbst zur Quelle gegangen.“
Der Moment, als Penrose sie zum ersten Mal als alte Lee Miller auf der Leinwand sah, war für ihn überwältigend: „Es war, als ob meine Mutter plötzlich vor mir stand. Die Stimme, die Mimik, die Gesten – alles stimmte. Ich war völlig verwirrt: Ist das meine Mutter? Nein, es ist Kate. Oder doch nicht?“ Diese Erfahrung beschrieb er als tief emotional – als eine Begegnung mit seiner Mutter, die er so zu Lebzeiten nie hatte.
Vom Konflikt zur Versöhnung Penrose schilderte auch die schwierige Beziehung, die er über viele Jahre zu seiner Mutter hatte. Lee Miller litt nach dem Krieg an posttraumatischer Belastungsstörung, Depressionen und Alkoholismus. „Die Frau, mit der ich aufwuchs, war eine ganz andere als die junge, kraftvolle Frau, die wir im Film sehen“, sagte er.
Die Beziehung war über lange Zeit von Konflikten geprägt – aber kurz vor ihrem Tod fanden Mutter und Sohn wieder zueinander. „Wir wurden keine klassische Mutter-Sohn-Beziehung, aber wir wurden Freunde.“ Erst durch das Schreiben ihrer Biografie, das Studium ihrer Werke – und letztlich durch Kate Winslets Darstellung – habe er seine Mutter wirklich verstehen und sogar lieben gelernt: „Ich hatte dieses Gefühl nie zuvor. Aber durch Kate habe ich meine Mutter bekommen. Und darauf bin ich sehr stolz.“
Eine Einladung zur Begegnung Zum Abschluss wandte sich Penrose direkt an das Publikum und stimmte auf den Film ein: „Sie werden vielleicht nicht mit einem Lächeln aus dem Film kommen – aber ich hoffe, Sie werden das Gefühl haben, meiner Mutter begegnet zu sein. Und dass sie in Ihrer Vorstellung weiterlebt. Denn sie ist es wert, gekannt zu werden.“
Auftritt als Komparse Penrose erklärte in dem Interview, dass er im Film als Komparse zu sehen ist. Er spielt einen Dachau-Häftling – in einer kurzen, aber für ihn sehr bedeutungsvollen Szene. Er hatte sich bewusst diese Rolle gewünscht: „Ich bin der erste Gefangene, den man sieht – in gestreifter Kleidung, an ein Fenster gelehnt, mit einem sehr traurigen Blick. Es war emotional überwältigend für mich.“ Diese Szene war für ihn besonders bewegend, da sie mit einem historischen Ort und mit den Fotografien seiner Mutter verbunden ist. Die Kulisse war so detailgetreu rekonstruiert, dass Penrose den Eindruck hatte, die Fotos seiner Mutter seien zum Leben erwacht.