Archive for the ‘Musik’ Category

Yo-Yo Ma spielt Bach Suiten in Gasteig, München 2016

1. Februar 2016
Yo-Yo Ma im Gasteig, München mit den Cello Suiten von Bach.

Yo-Yo Ma im Gasteig, München mit den Cello Suiten von Bach.

Es gibt Kulturmomente, die ich nie vergessen werde – große, ganz intensive, persönliche Momente. Diese können beim Betrachten eines Films, eines Gemäldes, eines Fotos oder beim Abtauchen in die Musikwelt ganz unvermittelt geschehen. Als Yo-Yo Ma in München gastierte, war wieder so ein Moment gekommen. Ich habe diesen großartigen Cellisten noch nie live genießen können. Bisher kannte ich Yo-Yo Ma nur von CD. Wir haben die fette 30 Years Outside the Box mit 90 CDs von Yo-Yo Ma zu Hause und zu unseren Lieblingsaufnahmen gehören ganz sicher die Bach Suiten. Und genau diese Bach Suiten 1 bis 6 spielte Yo-Yo Ma im Münchner Gasteig – Himmel was für ein Genuss. Dank meiner Frau besuchten wir gemeinsam das Solo-Konzert von Yo-Yo Ma.


Die Bach-Freunde wissen ja, dass das Original der Suiten von Bach verloren gegangen ist und wir die Stücke von zwei Abschriften kennen. So war eine gute Rekonstruktion der Notentexte möglich. Heute kommt kein Cellist um diese Suiten herum, dabei waren sie wohl nicht so sehr als Konzertereignis, sondern vielmehr als Fingerübung von Bach gedacht. Bach fordert dem Cellist und seinem Instrument alles, aber wirklich alles ab. Und da ist Yo-Yo Ma der richtige Mann. In Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk legte der US-Amerikaner einen Konzertmarathon hin und spielte verschiedene Konzerte in München. Wir hatten Karten für die Bach Suiten und genau die sind für mich die musikalische Offenbarung.


Die Stücke entstanden zwischen 1715 bis 1723 und sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut. Die Stücke verlangen höchste Konzentration und die brachte Yo-Yo Ma sichtlich mit. Im dunklen Anzug mit roter Krawatte hielt er im Gasteig Hof. Yo-Yo Ma hat als Künstler absolute Persönlichkeit. Das wurde klar, als er die fast leere Bühne im Gasteig betrat. Ein Podest, ein Stuhl, ein Tischchen mit einem Glas Wasser – und dann dieser Ausnahmekünstler mit seinem Violoncello und der Musik von Bach. Die Anspannung war ihm anzumerken, doch ab der zweiten Suite wusste er und wir: Es wird ein unvergesslicher Abend. Yo-Yo Ma nahm einen Schluck Wasser und machte seine Scherze. Er begrüßte zwei Nachzügler in den vorderen Reihen (schämt euch). Yo-Yo Ma scheint kein abgehobener Künstler zu sein, denn er gab sich im Gasteig volksnah und kommunizierte entspannt. Er muss sich nicht anbiedern, sondern weiß um sein Können und muss nicht verkrampfen.
Und er legte sich beim Spielen voll ins Zeug. Der ganze Körper ging mit. Yo-Yo Ma wiegte sich, er streckte sich, beugte sich vor, drückte den Rücken durch, umarmte sein Instrument. Yo-Yo Ma riß am Ende einer Suite den Bogen nach oben wie ein Held sein Schwert nach oben streckt – geniale Show und geniale Musik. Bach ist Genie und Yo-Yo Ma ist der Verkünder dieser Genialität. Ich war zu weit weg und meine Augen sind zu schlecht, aber ich glaubte ein Feuer in den Augen Yo-Yo Mas zu sehen. Danke, dass ich diesen Abend erleben durfte und einen meiner persönlichen Kulturmomente hatte. Danke auch an meine Frau für die Konzertkarten.

Anmerkung: Ich will einen neune Konzertsaal in München, aber flott.

Konzertkritik: Steve Wilson in München

15. Januar 2016
Steve Wilson live in München im Gasteig.

Steve Wilson live in München im Gasteig.

Es begann mit der Musik von Blackstar von David Bowie. Bis alle Besucher des Steven Wilson Konzerts im Kulturzentrum Gasteig Platz genommen hatten und die Bühne eingenebelt war, lief das jüngste Werk von Bowie zur Untermalung. Sichtlich bewegt kam Steven Wilson dann auf die blau ausgeleuchtete Bühne und berichtete von einer der traurigsten Woche des Rock’n Roll seit langem. Durch die Tode von Lemmy und Bowie sind zwei Größen des Rock’n Roll-Zirkuses verschwunden.


Aber man sei auch gekommen um Spaß zu haben, sagte Wilson, und dann bretterte seine Band in voller Lautstärke los. Wilson stellte auch gleich klar, dass er lachen kann. Ihm werde immer vorgeworfen auf der Bühne so ernst zu sein. Dabei schneide er bei den Songs doch allerhand Grimassen – und damit hatte er die Lacher auf seiner Seite.
Steven Wilson ist der breiten Masse der Hitparadenhörer komplett unbekannt, aber er hat seine Fans, eine ganze Menge Fans. Und diese kamen auch ins Kulturzentrum am Gasteig. Wo ich vor Weihnachten noch das Weihnachtsoratorium von Bach gehört und am Sektglas genippt habe, hörte ich die progressive Rockmusik von Steven Wilson und trank das Bier aus der Flasche.
Steven Wilson spielte bei verschiedenen Progrock Bands wie seine eigene Porcupine Tree und ist seit einiger Zeit als Solo-Künstler unterwegs. Andere Musiker verehren ihn, weil er als Produzent und Tontüftler Material aufbereitet von Größen wie King Crimson oder Emerson, Lake & Palmer. In wenigen Tagen kommt sein neues Album 4 1/2, aus dem er auch Material in München zum Besten gab. Aber schön der Reihe nach.
Der erste Teil des Konzerts bestand aus Songs des aktuellen Albums Hand.Cannot.Erase. Unter den Fans ist dieses Werk etwas umstritten und auch ich finde so richtig den Zugang nicht. Es ist keinesfalls schlecht, aber der Hammer wie frühere Veröffentlichungen wie The Raven That Refused to Sing oder Grace for Drowning ist es nicht. Das merkte wohl auch der Meister, der bei seiner Einführung spöttisch anmerkte: Wer Hand.Cannot.Erase. nicht möge, der könne nach der Pause wieder kommen. Wieder ein Lacher und alle blieben sitzen. Die Videoelemente des ersten Teils drehten sich um Einsamkeit und Verlorenheit, irgendwie depri. Experimentalfilme wurden über die Köpfe der Band eingespielt.
Wilson hält immer wieder Kontakt zu seinen Fans. Er sagt die Songs an wie dass er Transience erstmals live spielen wolle. Und dass er seinen Song Lazarus dem großen David Bowie widme, der ja auch einen Song mit diesen Namen geschrieben habe. Er macht scherzhaft Werbung für seine Gitarrenedition. „Die Bestelladresse gibt es im Programmheft, das es zu kaufen gibt“, scherzt er. Und nach der Pause ging es lauter und deutlich kraftvoller zu. Wilson und Band spielten Prog Rock – hoch professionell und perfekt und es endete konsequent im Progressive Metal. Die Songliste des Münchner Konzerts gibt es hier als Foto.


Das Videomaterial nach der Pause war deutlich progressiver. Für mich am faszinierendsten waren die Filme mit Scherenschnitten. Eine schöne alte Technik in einer morbiden Erzählung. Gegen Ende der Show war die Verehrung von Steven Wilson für Pink Floyd nicht zu übersehen. Die moderne Lightshow war wie in alten Tagen, zudem wurde ein transparenter Vorhang zwischen Band und Publikum gespannt, auf dem eine weitere Lightshow projiziert wurde. Nach dem Fall des Vorhangs kamen noch die Zugaben und die große Verbeugung. Steven Wilson hält dabei immer Kontakt zu seinen Fans und das ist bei all seiner musikalischen Leistung wohl die größe Leistung von ihm.

Anmerkung zum Gasteig: München braucht für solche und andere Konzerte einen Konzertsaal, der den Namen verdient. Zum Teil war die Akustik grausam und das lag nicht an der PA der Wilson Crew.

Persönlicher Nachruf zum Tod von David Bowie

12. Januar 2016

Ich saß beim Augenarzt als mich die traugrige Nachricht erreichte. Gerade bereitete ich die Besprechung von Blackstar vor, surfte durchs Netz als ich auf der seiner Facebookseite den Tod von David Bowie vernahm. Ein Künstler, der mich mein ganzes Leben begleitete, ist tot: Musiker, Produzent, Schauspieler, Maler, Multitalent. Ich könnte heulen – verdammter Krebs.

Die Todesmeldung von David Bowie auf der Facebookseite.

Die Todesmeldung von David Bowie auf der Facebookseite.

David Bowie war immer da und er wird es immer sein. Der Thin White Duke hatte viele Phasen und durch die meisten folgte ich ihm. Es gibt ganz wenige musikalische Helden, die über alles stehen, die eine ganze Zeit geprägt haben. Da war der Musiker David Bowie und eine ganze Zeit kam nichts. David Bowie war einer dieser Heros und niemals nur für einen Tag. Er war für mich ein Chamäleon der Musikszene. Aber er passte sich nicht dem Geschmack der Musikszene an, er schuf Kultur, er setzte Trends. Er war so wichtig, so wegweisend, so visonär und dabei auch so unglaublich unterhaltend. Für mich begann Bowie bei Ziggy Stardust, holte Major Tom nach und ich hab den Thin White Duke seither bei seinen Rollenwechseln begleitet. Er war es, der mich mit der deutschen Elektronikszene durch seine Berliner Phase bekannt machte. Dieser Mann war so kreativ und er konnte inspirieren.

Viw Twitter bestätigte sein Sohn den Tod des Vaters.

Viw Twitter bestätigte sein Sohn den Tod des Vaters.

Als wir im Gymnasium Mitte der 80er Jahre unsere Klassenfahrt ins geteilte Berlin unternahmen, war Heros bei mir im Kopfhörer des Sony Walkmans. Wir wollten auch aufs Dach des Europa-Centers, liefen durch die Gänge und wir besuchten die Disco Sound von Christiane F., natürlich nicht mehr das Original der 70er Jahre, sondern nach der Neueröffnung in den 80ern. Durch Bowie kam ich auf Lou Reed, Mott the Hoople und Iggy Pop. Ohne Bowie hätte es nie Transformer gegeben. Mott the Hoople hätte ich nie gehört und nie die Kraft von Raw Power erleben dürfen. Und ich hätte nie Klaus Nomi wahrgenommen.

  
In den 80er Jahren stutze ich: Under Pressure und Let’s dance waren beim ersten Reinhören nicht mein Fall. An Bowie im Anzug, an den feinen Zwirn musste ich mich gewöhnen – Tonight (1984) und Never Let Me Down (1987) waren nicht so mein Fall. Zur Glasspider-Tour nach Berlin ließen mich meine Eltern nicht fahren – aber This Is Not America versöhnte mich wieder. Den nächsten Richtungswechsel zu Tin Machine nahm ich anfangs erst gar nicht wahr. Erst als ich die Musik mehrmals bei Freunden hörte, erkannte ich Bowie und akzeptierte seine Rolle als Musiker unter Musiker. Dann war Bowie nicht mehr groß aktiv für zehn Jahre.
Als The Next Day erschien jubilierte ich, bei Blackstar verneigte ich mich fanz tief und dann jetzt ein paar Tage nach Erscheinen von Blackstar die Todesnachricht.
Ich bin schockiert, ich bin wütend, ich bin betroffen – heute werde ich neben seiner Musik vor allem ein paar Bücher ansehen. Über den Katalog der Bowie-Ausstellung habe ich bereits hier geschrieben, über das hervorragende Buch vom Taschen-Verlag über die Ziggy-Tour hier ebenso. Vielleicht hänge ich heute ein Foto von Bowie auf, wenn ich einen passenden Rahmen gefunden habe. Es handelt sich um einen signierten Abzug von Mick Rock, der Bowie mit dem dritten Auge auf der Ziggy Stardust-Tour zeigt. Und dazu gibt es die Musik der jüngsten Bowie-Box.

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Via YouTube-Stream: Die Trauerfeier von Lemmy

11. Januar 2016

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Es war schon wieder ein komisches Gefühl. Es war die zweite Trauerfeier, die ich vom Bett aus verfolgte. Lemmy wurde zu Grabe getragen und ich war live via Stream dabei. Nach der Feier im Netz um Steve Jobs eben nun Lemmy. Allerdings waren die Voraussetzungen andere: Beim Apple-Chef Steve Jobs hab ich gelauscht und war nachdenklich, beim Heimgang von Lemmy hab ich getrunken und gelacht. Genau so wollte er es wohl.

Gegen 23:30 Uhr unserer Zeit sollte der Stream via YouTube starten. Aber es verspätete sich eine halbe Stunde. Zeit genug ein paar Motörhead-Songs in meinem Hotelzimmer zu hören und ein paar Bierchen zu zischen.

Als die Trauerfeier gegen 24 Uhr begann, wurde ich schlagartig nüchtern. Ich hörte die Trauerreden, sah wie ergriffen die Familie, die Mitarbeiter, die Crew, die Freunde, den Schuster und die Musikszene war. Lemmy ist gegangen. Viele weinen, hatten Tränen in den Augen. Die Trauer und Ergriffenheit übertrug sich auf mich. Viele der Redner erinnerten an die Geschichten, die sie mit Lemmy erlebt hatten. Jeder hatte seine eigene, persönliche Geschichte mit Lemmy. Und ich hörte immer wieder die Schlagworte: Ehrlich, gradlinig, unbeugsam, aufrecht, humorvoll – und natürlich trinkfest. Ich kannte Lemmy nicht, ich mochte nur seine Alben. Er war einer der letzten Rock’n Roller und ich glaube, er hatte das Herz am richtigen Fleck. Er war kein konstruiertes Kunstprodukt, kein Resultat von Marketingabteilungen, die nach Marktforschung einen Hampelmann für die Hitparade schufen. Er war einfach Lemmy – nicht mehr, nicht weniger. Er war Lemmy. Wir brauchen wieder mehr Lemmys – in der Musik, in der Gesellschaft, in der Politi. Und wir brauchen wieder mehr Rock’n Roll – das ist gewiss.

„We are Motörhead and we play Rock’n Roll“ – so begannen die Konzerte und damit war alles gesagt. Mensch Lemmy, wir vermissen dich. Bei all der Trauer musste ich über einige der Stories über ihn lachen. Scheinbar mochte der Motörhead-Chef die Komikergruppe Monty Pythons. Es hieß, dass er sich im Tourbus gerne Fawlty Towers ansah. Und er lachte über die gleichen Witze wie ich – gerade in Bezug auf seine deutschen Freunde. Don’t mention the war!

Irgenwann im Laufe er zweieinhalbstündigen Übertragung vergaß ich, dass ich in einem Hotelzimmer saß und am iPad Pro die Zeremonie ansah. Die Trauerredner im schwarzen Leder, mit Kavalleriehüte, mit langen Mäntel, mit Tattoos nahmen Abschied und nicht wenige leerten ein Glas Jack Daniels bei ihrer Rede. Würdig, humorvoll war der Abschied und feucht fröhlich. So auch bei mir. Ich machte mir noch ein paar Bier auf und prostete dem Verstorbenen zu. Wie hieß es doch im Vorfeld von Seiten des Motörhead-Managements: „Also wo immer ihr auch seid, trefft euch mit anderen Motörheadbangern und Freunden. Geht in eure Lieblingskneipe, in euren Lieblingsclub, stellt sicher, dass ihr Internetzugang habt und stoßt mit uns an. Oder besucht einfach eure Freunde und feiert Lemms Leben daheim.“ Das hab ich gemacht. Via Twitter chattete ich mit ein paar Lemmy-Anhängern weltweit.
Und auch meine Frau, nicht unbedingt ein klassischer Motörhead-Fan mit Kutte, ist bis nachts aufgeblieben und war dem Mythos von Lemmy erlegen. 300 Kilometer entfernt von mir verfolgte sie die Trauerfeier und wir stießen trotz Entfernung auf Lemmy an.
Leider fiel gegen Ende der Übertragung der Ton bei Dave Grohl aus.

Aber sein Beitrag muss witzig gewesen sein, wenn man die Gesichter ansah. Dann setzte der Ton wieder ein und die riesigen Marshall-Verstärker wurden eingeschaltet. Der Bass von Lemmy wurde mit Rückkopplung an die Boxen gelegt und das war es. Die Stiefel, der Hut, der Bass. Ein würdiges Ende eines Rock’n Rollers.

Das Schlussbild der Übertragung.

Das Schlussbild der Übertragung.

Musiktipp: King Crimson: Thrak Box

8. Januar 2016

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Ja, endlich kommen sie wieder und ich habe Karten für eines der beiden Konzerte: King Crimson besuchen einmal wieder Deutschland und geben 2016 in Stuttgart und Berlin Konzerte. Ich freue mich wahnsinnig, diese Supergruppe um Robert Fripp endlich mal live zu sehen. Ich habe es bisher nie geschafft. Zur Feier es Tages habe ich mir die Box des Albums Thrak gekauft und mir ein paar Tage reingezogen.
King Crimson, beziehungsweise ist es nur Robert Fripp, erfindet sich alle Jahre neu. Droht der kommerzielle Erfolg, löst Fripp seine Truppe einfach wieder auf und wartet ein paar Jahre, experimentiert und kommt dann wieder, um weiter Musikgeschichte zu schreiben. 1995 kam das Album Thrak auf den Markt und veränderte meine Hörgewohnheiten einmal wieder. King Crimson ist keine leichte Kost und Thrak ist alles andere als ein gefälliges Album. Und die fette Box zu Thrak ist es erst recht nicht. Thrak läutet die dritte Phase der King Crimson Werkschau ein. Die Aufnahmen des Albums Thrak-Limited Edition Boxed Set umfassen die Jahre 1994-1997. Insgesamt sind in der Box 12 CDs, 2 DVDs und 2 Blu-rays zu finden. Zudem gibt es wie in den Boxen üblich umfangreiches Hintergrundmaterial, Poster, Eintrittskarten und Setcards.

Da es King Crimson kaum online gibt – Fripp fährt hier eine eindeutige Strategie – muss der Fan zur Box greifen, um sich den Hörgenuss nicht entgehen zu lassen. Und jetzt das Problem: Die 5.1-Abmischung der Audio-DVD ist nicht gerade der Hammer. Das ist keine Kritik an der Musik, sondern an der Studiotechnik. Trotz Steve Wilson an der Konsole klingt die Sache hier nicht zufriedenstellend. Die Musik selbst ist tadellos und der Fan wird/muss zugreifen. Als ich das erste Mal das Thrak-Album gehört habe, das war in Fürstenfeldbruck bei meinem Schallplattendealer Sound, hat mich der Sound erdrückt. Und als ich die Box das erste Mal jetzt über meine Shure-Kopfhörer anhörte, erinnerte ich mich an das Gefühl von damals. Thrak und die Aufnahmen auf dem Album sind extrem druckvolle Aufnahme. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Sie erzeugen einen ganz besonderen druckvollen Sound. Das lag wohl daran, dass King Crimson zu dieser Zeit aus zwei Gitarristen (Fripp, Belew), zwei Bassisten (Levin und Trey Gunn) und zwei Schlagzeugern (Bill Bruford und Pat Mastelotto) bestand. Entsprechend wuchtig ist der Sound. Und da das Liedgut der Band nicht einfache Kost ist, kommen hier die komplexe Kompositionen voll zum Tragen.
Also, wer mal was anderes hören will und richtig gute Musik auf die Ohren braucht, der ist mit der Thrak Box gut bedient. Der Rest der Menschheit bleibt bei den geistlosen Hitparadengedudel.

Musiktipp: The Cutting Edge 1965-1966: The Bootleg Series, Vol.12 Deluxe von Bob Dylan

6. Januar 2016

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Endlich hatte ich Zeit, die neue Bob Dylan Bootleg Series, Ausgabe 12, ausführlich durchzuhören. Warum ich so lange brauchte? Ich hab mir die volle Dröhnung gegeben: Es gibt The Cutting Edge 1965-1966: The Bootleg Series, Vol.12 in drei verschiedenen Versionen: die preiswerte Doppel-CD fürs Volk, die teuere Deluxe-Version mit 6 CDs für ambitionierte Dylan-Freunde und die fette, teuere geniale Sammleredition mit 18 CDs für die Irren. Nun ratet mal, welche Version ich mir geleistet habe?

Ich habe die Nummer 1206 der auf 5000 Exemplaren bestehenden Sammleredition aus den USA.

Ich habe die Nummer 1206 der auf 5000 Exemplaren bestehenden Sammleredition aus den USA.

Ja, ich habe die Nummer 1206 der auf 5000 Exemplaren bestehenden Sammleredition aus den USA. So sagt es das Echtheits-Zertifikat der Plattenfirma. Die Musik ist schlichtweg eine Offenbarung für Dylan-Fans, nicht mehr, nicht weniger. Die beiden Jahren 1965 und 1966 waren für Dylan und die Musikwelt extrem bedeutend. Der Folkie Dylan wechselte auf die E-Gitarre und revolutionierte nebenbei die Musikwelt. Die Alben der Zeit lauteten Bringing It All Back Home, Highway 61 Revisited und Blonde on Blonde und die 12. Ausgabe der Bootleg-Serie bringt nun fast alle Studioaufnahmen dieser Zeit. Und wenn ich fast alle schreibe, dann meine ich auch fast alle. Sämtliche veröffentliche Aufnahmen wurden anhand der Original-Mehrspurbänder abgemischt. Und die Soundqualität der von Tom Wilson und dann von Bob Johnson produzierten Aufnahmen sind tadellos.
Die Sammleredition für den deutschen Endpreis von 780 Euro wird aufgewertet durch einen Filmstreifen von Don’t look back, zwei fette Fotobücher samt Datierung der Aufnahmesessions und zahlreichen Vinyl-Singles mit den Single-Ausgaben der damaligen Zeit. Das Ganze ist in einer edlen mit blauem Leinenstoff verkleideten Box untergebracht.


Für mich als Dylan-Fan ist es ein wahres Soundjuwel geworden, das ich immer wieder durchhören kann und immer wieder neues entdecke. 379 Songs insgesamt. Es reizt mich die einzelnen Songversionen zu vergleichen und persönliche Rückschlüsse zu ziehen. Seit November habe ich die Box und kann sagen: Es ist keine Musik für nebenbei. Natürlich kennt der Fan die Songs, aber ich kannte noch nicht alle Variationen und Interpretationen. Natürlich gab es den einen oder anderen Bootleg aus den Sessions, aber das Gesamtwerk in einer Mammutbox ist doch gewaltig. 18 CDs mit meisterhaften Material.


Mehrere Abende habe ich das 170seitige Fotobuch Mixing Up The Medicine betrachtet. Die Mehrzahl der Bilder ist in Farbe, viele bekannte Fotos sind enthalten, aber auch einige neue Schätze aus dem Studio, auf Tour, hinter den Kulissen. Das zweite Buch ist deutlich textlastiger. Die Herrschaften Bill Flanagan, Sean Wilentz und Ben Rollins erzählen Geschichten aus der Produktion der 60er Jahre Aufnahmen. Ergänzt werden die Berichte durch Anekdoten von Al Kooper. Viel Lesestoff war dies über die Weihnachtszeit.
Sehr nett waren die neun Singles, die in den besagten Jahren erschienen sind. Freilich sind es Nachpressungen. Es handelt sich dabei um US- und internationale Covers. Die Aufnahmen selbst sind in Mono. Ich habe sie einmal abgespielt und mir die Zeiten von damals vorgestellt, als sie auf den Markt kamen Am Boden der Box gibt es noch ein Single-Zwischenstück aus Plastik in Leopardenmuster.
Um nicht die 18 CDs zu rippen liegt zudem ein Download-Code bei, um sich die Sachen auf den heimischen Server zu laden. Über Weihnachten kam zudem eine Mail von Sony, dass es noch 200 Live-Songs als Geschenk gibt. Hab ich gleich geladen. Darunter sind 14 komplette Konzerte – allerdings nicht immer in Top Qualität. Aber geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
Auf jeden Fall ist diese Box eine Offenbarung für alle Bob Dylan-Fans. Einsteiger kommen sowieso nicht in die Verlegenheit, eine Box für 780 Euro zu kaufen, die irren Dylan-Fanatiker tun es auf jeden Fall – und die Box ist jeden Cent wert.
Wie ich von den entsprechenden einschlägigen Fanseiten lese, plant der Meister die Sessions zu Blood on the Tracks als nächstes auf den Markt zu bringen. Ok, ich bin bereit lieber Bob Dylan. Ich habe Blut geleckt und bei Blood on the Tracks bitte keine halben Sachen.

Persönlicher Nachruf auf Lemmy von Motörhead

29. Dezember 2015

Oh nein, nicht auch Lemmy. Eine Ikone des Rock’n Roll ist gegangen und es tut mir leid. Jetzt sehe ich nicht unbedingt so aus, als ob ich Motörhead-Fan bin, doch der dann doch überraschende Tod von Lemmy Kilmister hat mich getroffen. Lemmy war mein ganzes musikalisches Leben da und nun soll er weg sein? Es hieß doch, Lemmy würde ewig leben! In meinem musikalischen Herzen lebt der Rock’n Roller weiter.

Die Nachricht von Lemmy Tod auf der offiziellen Website. Hört seine Musik laut.

Die Nachricht von Lemmy Tod auf der offiziellen Website. Hört seine Musik laut.

Lemmy hatte Charakter. Lemmy war eine Konstante. Jedes Jahr wenn Lemmy Kilmister ein Motörhead-Album auf den Markt brachte, kaufte ich die Musik und hörte sie, ich sog sie auf. Musikalisch waren die Alben nie eine Überraschung, aber ich wollte Konstante und ich wollte Gradlinigkeit, wenn ich Motörhead auflegte. Ich wollte eine harte Form des Rock’n Roll, nicht gekünstelt, nicht geschönt.
Das erste Mal bewusst stieß ich auf Motörhead, als mir in der Schule die Schallplatte No Sleep ‚til Hammersmith in die Hände fiel. So eine Live-Platte hatte ich noch nie gehört: Das Zeug war hart, viel härter als die Mucke, die ich damals als Hardrock hörte: Härter als The Who, härter als Deep Purple und sogar härter als ACDC – und dabei war die Musik von Motörhead doch einfach nur Rock’n Roll. Und so hatte mich Lemmy mit seiner ehrlichen Musik überzeugt. Ich kaufte mir an einem Wochenende im Sound, dem örtlichen Musikladen in Fürstenfeldbruck, die Scheiben Studioalben Overkill (1979), Bomber (1979) und Ace Of Spades (1980). Und seitdem habe ich mir jedes Mal die neue Motörhead gekauft sobald ein Album erschien – erst auf Vinyl, später auf CD.
Lemmy war immer da. Lemmy wird immer sein. Zwar nicht in der ersten musikalischen Riege, aber ich hatte und habe meine Lemmy-Tage. Es gibt Zeiten, da musste Lemmy einfach sein. Vor Jahren sah ich mal eine Dokumentation über ihn. Mir imponierte irgendwie, dass er in dieser Doku die Mono-Sammlung der Beatles kaufen wollte. Der Rock’n Roller ging genau wie unsereins an die Kasse eines Musikladens und fragte nach den Beatles. Es ist einfach ein guter Mann, wenn er solche Musik mag und auch als harter Mann dazu steht.
Und jetzt Krebs! Auf der Facebook-Seite von Motörhead steht, dass er die Nachricht vor wenigen Tagen erhalten hat und nun ist er verstorben. An Weihnachten feierte er seinen 70. Geburtstag. Jetzt spielt Lemmy mit Elvis und John Lennon, er säuft mit Janis und Jim und er zeigt dort oben, was ein Mann mit Charakter ist. Auf der Website heißt es: „Bis dahin, bitte: Spielt Motörhead, spielt Hawkwind laut, spielt Lemmys Musik laut“. Das mach ich und ich geh jetzt was trinken.

Via Facebook wurde die Nachricht verbreitet.

Via Facebook wurde die Nachricht verbreitet.

Musiktipp: Soundtrack zu Star Wars The Force Awakens von Williams

20. Dezember 2015
John Williams hat wieder den Soundtrack zum neuen Star Wars VII komponiert.

John Williams hat wieder den Soundtrack zum neuen Star Wars VII komponiert.

Nur ein Takt von ihm und Hans Zimmer und Konsorten können einpacken. Der Meister des Soundtracks hat wieder zugeschlagen und dies mit 83 Jahren. Gemeint ist der legendäre John Williams und sein neuer Wurf ist der Soundtrack zu Star Wars The Force Awakens.
Meine Erwartungshaltung war gigantisch und natürlich muss auch ein John Williams daran scheitern. Der Soundtrack zu Star Wars: The Force Awakens – Das Erwachen der Macht ist hervorragend, reicht aber nicht an frühere Werke heran, die aus der Feder von Williams stammen. Das bedeutet nicht, dass der Score zu Star Wars The Force Awakens irgendwie schlecht ist. Er ist nur nicht so perfekt wie andere Kompositionen von ihm und bei weitem besser als was sonst so auf dem Markt ist.
John Williams ist sich in vielen Sachen treu geblieben. Er setzt wie bisher auf die bekannten Leitmotive, die er sich vom genialen Richard Wagner abgeschaut hat. Studiokopfhörer aufgesetzt, Augen geschlossen und schon erzeugt das orchestrale Werk Bilder in meinem Kopf. Ich erkenne die alten Leitmotive, die Fanfaren, die Klänge, die mich durch die vergangenen Jahre immer begleitet haben. Motive, die zum Kulturgut der Menschheit geworden sind. Sie sind so unheimlich schön.
Und die neuen Motive? Rey’s Theme ist sehr gut geworden, aber es ist kein Imperial March. Es ist leicht, beschwingt und geht schön ins Ohr. Generell habe ich mehr Leitmotive erwartet, die ich den handelnden Personen zuordnen kann. Das war ein absoluter Pluspunkt bei den Star Wars-Soundtracks von John Williams. Hier hat sich der Meister dieses Mal zurückgehalten und einen soliden Soundtrack abgeliefert. Als Pedant stört es mich übrigens, dass John Williams die Musik nicht wie sonst mit dem London Symphony Orchestra eingespielt hat, sondern die Musik wurde in LA von Musikern aus Williams Umfeld aufgenommen. Auf dem Cover der CD wird kein Orchester vermerkt, nur über die Star Wars Website wurde darüber berichtet.
Williams stand beim Komponieren vor einem Dilemma. Im YouTube-Channel von Star Wars sagte er sinngemäß: „Ich kann mir das ohne Bezüge zu den Filmen, die wir schon kennen, gar nicht vorstellen, und da ist es angemessen, ja notwendig, einige der früheren Themen zu verarbeiten. Und das war ja das, was mir immer so Spaß gemacht an der Arbeit, an jedem einzelnen dieser Filme, denn jedes Mal konnte ich auf altes Material zurückgreifen und neues entwickeln, so dass beide Seite an Seite funktionieren und sich dann anfühlen wie ein Teil des ganzen Film-Gefüges.“ Und so erfreue ich mich an verschiedenen Anklängen aus der Vergangenheit. So wie Jeffrey Jacob Abrams mich mit Star Wars VII in meine Jugend zurückversetzt hat, so hat mich auch John Williams an die Hand genommen und mich mit der Zeitmaschine gesetzt. Ich weiß noch, wie ich die Doppel-LP zu Krieg der Sterne in meinem Kinderzimmer wieder und wieder abgespielt habe.
So viel symphonische Soundtracks mit Klasse gibt es nicht mehr. Im Olymp sind Williams, gefolgt von Jerry Goldsmith. Dann gibt es viele gute Leute – die Maschinerie von Hans Zimmer gehört nicht dazu. Leider habe ich es nicht geschafft, John Williams zu treffen, bzw ihn live zu hören. Der Mann ist 83 Jahre, ich muss mich also beeilen.
Es wird wohl der letzte Star Wars Soundtrack von John Williams sein. Den Teil VIII Rogue One komponiert Alexandre Desplat. Ihm traue ich sehr viel zu, spätestens mit Godzilla hat er einen starken Score geliefert.
Zur Veröffentlichung selbst: Ich erwarte übrigens, dass es in den nächsten Monaten noch eine Fassung mit dem kompletten Score gibt. Die Musik aus dem ersten Trailer ist bisher nicht erschienen. Universal hat zum Start des Films zwei Fassungen des Werks herausgebracht – eine Standard-Version und eine Deluxe-Version. Als Sammler habe ich freilich beide gekauft. Der Unterschied liegt ausschließlich in der Verpackung. Bei der Deluxe-Version Star Wars: The Force Awakens – Das Erwachen der Macht gibt es ein Cover aus Pappe mit Bildchen, während die Standard-Version von Star Wars: The Force Awakens – Das Erwachen der Macht in der Plastikhülle daher kommt. Mehr Musik ist auf der Deluxe-Version nicht enthalten. Also klassische Geldmacherei des Disney-Konzerns.

Rockgeschichte in Bildern von Mick Rock

16. Dezember 2015
Blondie und Lou Reed - fotografiert von Mick Rock.

Blondie und Lou Reed – fotografiert von Mick Rock.

Dieses Mal werde ich ganz ruhig dasitzen und mir einfach nur die Bilder ansehen. Aber kaufen werde ich nichts, gar nichts. Aber darüber schreiben will ich allemal. Es handelt sich um eine Sammlung von streng limitierten Artprints aus der Ausstellung Mick Rock: Shooting for Stardust.
Über den Künstler Mick Rock habe ich bereits im Blog geschrieben. Er hat ein sensationelles Fotobuch über David Bowie im Taschen-Verlag herausgegeben. Mick Rock ist einer der wichtigsten Fotografen der Rockgeschichte. Er gilt als „the Man who shot the 1970s“. Nun gibt es die Fotos seiner Wanderausstellung zum Vorzugspreis – der mich allerdings zu hoch ist. Nicht weil es mir die Bilder nicht wert wären, aber das Geld ist einfach nicht da. Die Wanderausstellung eröffnete im Herbst in der Taschen Gallery in LA und ist derzeit nach einem Zwischenstopp bei der Paris Photo auf der Art Basel in Miami zu bewundern. Alles Reiseziele, die ich leider im Moment nicht auf meiner Route habe.


Um mein Interesse zu wecken, hat der Taschen Verlag mir eine Auswahl der Fotos als klassischen Papierabzug geschickt. Und ich bin begeistert. Die Fotos von David Bowie in der Ziggy Stardust-Phase kannte ich ja bereits. Aber mir war nicht bewusst, welche Ikonen Mick Rock geschaffen hat. Es sind beispielsweise DIE Aufnahmen von Lou Reed oder Iggy Pop dabei.

Die drei von der Tankstelle.

Die drei von der Tankstelle.

Ich kann schon verstehen, dass die Aufnahmen von Fotokunstsammlern heiß begehrt sind. Nun werden die Artprints in limitierter Auflage direkt in Rocks Archiv und unter dessen Aufsicht produziert. Die signierten und nummerierten Fotos sind auf alterungsbeständigen Archivpapier gedruckt und in unterschiedlichen Formen (und Preisen) erhältlich. Die Fotos im Format 16×20 kommen auf 2000 US-Dollar pro Bild. Die Bilder im Format 20×24 liegen bei 2500 US-Dollar, 24×30 bei 4000 US-Dollar, 30×40 bei 7000 US-Dollar und 40×60 bei 12000 US-Dollar. Wer also ein Weihnachtsgeschenk sucht, das im Wert steigt, ist beim Taschen-Verlag an der richtigen Adresse.

Wahnsinn, der Wahnsinnige Iggy.

Wahnsinn, der Wahnsinnige Iggy.

Meine Erinnerungen an 100 Jahre Frank Sinatra

12. Dezember 2015

Heute wäre Frank Sinatra 100 Jahre alt geworden. Noch immer höre ich die Songs von Ol‘ Blue Eyes gerne und heute ganz besonders. Die große Zeit des Sängers habe ich nie mitbekommen, dazu bin ich einfach zu jung. Aber die Coolness seiner Musik hat mich immer beeindruckt. Frank Sinatra war der erste Pop-Star der Geschichte und ist bis heute ein Star für mich geblieben.

Auch Amazon gedenkt Frank Sinatra.

Auch Amazon gedenkt Frank Sinatra.

Vor einigen Jahren bemühte sich Robbie Williams und brachte ein paar Swing-Aufnahmen im Stile von Sinatra heraus. Stimmlich waren deutliche Unterschiede zu bemerken – wie kann man sich mit The Voice messen wollen? Aber Williams ist es zu verdanken, dass Sinatra bei einer jungen Generation nicht in Vergessenheit geraten ist.
Persönlich begleitet mich Sinatra heute noch durch mein Leben. Nicht zuletzt habe ich einen meiner beiden Wellensittiche nach Sinatra benannt, das Geburtstagskind im Himmel möge es mir verzeihen. Dein gefiederter Kollege Elvis ist übrigens seit langem verstorben, aber das ist eine andere Geschichte.
Leider habe ich Frank Sinatra nie live auf der Bühne gesehen. Aber ich bin ihn einmal begegnet. Es war am 29. April 1989. Frank Sinatra gab mit seinen Kollegen Liza Minnelli und Sammy Davis, Jr. in der Münchner Olympiahalle das Ultimate Event. Karten dafür habe ich keine mehr bekommen. Aber nachts flog Sintra mit (s)einer Gulfstream vom damaligen Militärflugplatz Fürstenfeldbruck zum nächsten Termin weiter. Ich war damals freier Mitarbeiter des Fürstenfeldbrucker Tagblatts, der Lokalausgabe des Münchner Merkurs. Da ich öfters als Militärberichterstatter in Fursty tätig war, schaute ich mir den Abflug von Sinatra an. Ein Kollege war zum Schreiben da, ich wollte nur neugierig schauen. Natürlich hoffte ich auf ein Autogramm des Stars, hatte ich extra eine Schallplatte zum Unterschreiben in meinem Gepäck dabei. Aber der ganz Bereich war militärisch abgeriegelt. Wir kamen nicht richtig heran. Sinatra und seine Entourage fuhren in einer Limo vor, stiegen aus und wurden vom damaligen Brigadegeneral mit militärischen Gruß empfangen. Sinatra nickte dem Militär zu und das war es. Unserer damaligen Fotografin Vera Flügel, später Vera Greif, gelang ein schönes Foto von Sinatra, wie er die Gangway hinaufstieg und den Brigadegeneral grüßte. Kein Blick für uns Lokalreporter und Fans. Innerhalb von Sekunden war der Termin vorbei. Heute fällt mir ein, dass Vera – sie ist heute eine extrem ambitionierte Filmemacherin – mir nie einen versprochenen Abzug des Fotos gegeben hat.

Frankie führt de Gang an. Foto: Taschen Verlag

Frankie führt de Gang an. Foto: Taschen Verlag

Auf jeden Fall wünsche ich Frank Sinatra alles Gute zum Geburtstag. Vielleicht gönne ich mir zur Feier des Tages vom Taschen-Verlag das neue Werk über Sinatra. Es ist Gay Taleses schillerndes Porträt über Frank Sinatra – es heißt Frank Sinatra Has a Cold. Es gilt als Glanzstück des „New Journalism“: Die 1966 erstmals veröffentlichte Reportage verbindet sorgfältige Recherche mit lebendiger Darstellung und erzählt dabei ebenso viel über Prominenz im Allgemeinen wie über Frank Sinatra selbst. In dieser Collector’s Edition erscheint Frank Sinatra Has a Cold im traditionellen Hochdruckverfahren, veredelt mit Fotos von Phil Stern, dem einzigen Fotografen, der über vier Jahrzehnte Zugang zu Sinatra hatte. Was ich online gesehen habe, fasziniert mich. Die Collector’s Edition erschien in einer Auflage von 5.000 nummerierten Exemplaren und ist signiert von Gay Talese.


Im Winter 1965 brach der Journalist Gay Talese im Auftrag der Zeitschrift Esquire nach Los Angeles auf, um ein umfangreiches Porträt von Frank Sinatra anzufertigen. Als er ankam, verhielten sich der Sänger und sein wachsames Gefolge abweisend: Sinatra hatte sich erkältet und wollte nicht interviewt werden. Unbeirrt blieb Talese in L.A., in der Hoffnung, Sinatra werde sich erholen und seine Meinung ändern. Er nutzte die Zeit, um den Star mit der nötigen Distanz zu beobachten und dessen Entourage, Freunde, Kollegen und Angehörige zu interviewen. Sinatra gewährte ihm nie das erhoffte Einzelinterview, doch Taleses Beharrlichkeit zahlte sich aus: Sein Porträt „Frank Sinatra Has a Cold“ ging als Glanzstück literarischer Non-Fiction und als Pionierleistung des „New Journalism“ in die Geschichte ein. Die prägnante Darstellung von Sinatra im Aufnahmestudio, bei Dreharbeiten, im Nachtleben und mit der titelgebenden Erkältung offenbart ebenso viel über diese einzigartige Starpersönlichkeit wie über die ganze Hollywood-Maschinerie.

Phil Stern schuf wunderbare Bilder von Sinatra. Foto: Taschen

Phil Stern schuf wunderbare Bilder von Sinatra. Foto: Taschen

Immer wieder überlege ich, was mir an dem Gesamtwerk von Frank Sinatra am besten gefällt. Es gibt die Klassiker, die über alles erhaben sind. Aber als Gesamtaufnahme der Coolness steht für mich The Rat Pack live at The Sands klar ganz oben auf meiner Lieblingsliste. Tagsüber drehte das Rattenpack den Film Frankie und seine Spießgesellen und nachts traten Sinatra und Dean Martin und Sammy Davis jr. im Nachtclub The Sands auf. Atmosphäre, Spontanität und Power kommen hier ideal herüber. Starke Aufnahme und klarer Tipp am heutigen Tag. Und ich schaue mir Frankie und seine Spießgesellen zur Feier des Tages an. Happy Birthday Frank Sinatra.

Aufnahme der Coolness. Rat Pack at the Sands

Aufnahme der Coolness. Rat Pack at the Sands