Archive for the ‘Musik’ Category

Konzert von Dominik Plangger im Wirtshaus im Schlachthof 2023

13. Februar 2023

Es tat gut, Dominik Plangger wieder mal Live und in Farbe zu sehen. Der Südtiroler Liedermacher präsentierte zusammen mit seiner Frau Claudia Fenzl im Münchner Wirtshaus im Schlachthof sein jüngstes Album ansichtshalber vor ausverkauften Plätzen. Es war nach zwei Jahren Corona ein Wiedersehen mit Freunden und es tat gut.

Ich kenne Dominik seit einigen Jahren. Auf der Wiese vor Kloster Banz war er 2011 Musiker bei den Songs an einem Sommerabend und ich durfte die Veranstaltung fotografisch dokumentieren. Der geniale Netzwerker Hans-Peter Niedermeier hatte den Kontakt hergestellt. Wir freundeten uns an und der Kontakt hat über die Jahre gehalten. Wenn es mir terminlich möglich war, dann besuche ich seine Konzerte und kann dies auch jedem anderen empfehlen, der ehrliche Musik mag: Ehrliche Musik von einem ehrlichen Typen. Ich habe später von der Hochzeit mit Claudia Fenzl gehört, habe nach der Geburt seiner bezaubernden Tochter ein langes Interview mit ihm geführt und auch während Corona ist meine Begeisterung für die Musik von Dominik Plangger nicht verloren gegangen.

In Corona-Zeiten gab er wie viele andere Musiker Wohnzimmerkonzerte. Das brachte zwar wenig Geld in die Familienkasse, dafür wuchs die Familie enger zusammen.

Aber jetzt ist Dominik Plangger wieder hungrig auf Tour zu gehen und wir als Publikum sind hungrig auf seine Lieder und seine Geschichten. Und nicht nur mir ging es so. Das Konzert im Münchner Schlachthof war restlos ausverkauft – ein Zeichen, dass trotz Pandemie die handgemachte Livemusik mit Gitarre und Geige einen enormen Stellenwert hat.

Ich mag das Wort Liedermacher nicht, weil es für mich zu sperrig klingt. Die Bezeichnungen Singer und Songwriter gefallen mir deutlich besser. Planggers Lieder handeln von Beziehungen, von Sehnsüchten, von seiner Heimat Südtirol, von Menschlichkeit und aktueller denn je: vom wertvollen Gut des Friedens.

So sitzt er auf der Bühne des Schlachthofs. Statt Mütze hat er einen Rolling Thunder Hut samt Feder auf dem Kopf. Blaue Jeans mit Hosenträger, Hemd mit Weste – er sieht den amerikanischen Folk-Sängern sehr ähnlich. Musikalisch ist er reifer geworden, vielleicht hat Corona sein Gitarrenspiel gefördert. Ich sitze in der ersten Reihe, schließe die Augen und genieße die Songs.

Zwischen den Liedern immer wieder kleine Geschichten, das Publikum hängt an seinen Lippen. Geschichten von Reisen nach Kanada wo es genauso aussieht wie in Südtirol, Geschichten von der Alm auf er drei Monate im Jahr Zeit verbringt oder eine nette Episode mit Wolfgang Ambros. Und wir können die Verliebtheit des Musikerpaares erleben. Immer wieder halten Dominik und Claudia Blickkontakt, er wirft ihr Komplimente zu und sie harmonieren auf der Schlachthof-Bühne wunderbar miteinander – menschlich und musikalisch.

Die Musiker spielen nicht nur die eigenen Songs. Die Lieder großer Vorbilder und Kollegen kommen auch zu Gehör: Georg Danzer, Warren Zevon und immer wieder Townes Van Zandt.

Und so gab es auch bei den Zugaben einen Überraschungsgast in Form von Mr Jones alias Jürgen Bichlmeier. Er ist meine persönliche Neuentdeckung des Abends. Plangger und Mr Jones trafen sich beim Townes Van Zandt International Festival in der Nähe von Mailand und harmonierten perfekt. Mal sehen, vielleicht fahre ich Pfingsten zu diesem Festival, denn die Musik von Townes Van Zandt darf nicht vergessen werden.

Musiktipp: Bootleg Series 17 Fragments von Bob Dylan

31. Januar 2023

Nunmehr die 17 Ausgabe der Bootleg Series des heute 81jährigen Bob Dylan ist soeben mit dem Zusatz Fragments erschienen. Dieses Mal handelt es sich um Songs aus der Zeit von 1996/97 als Dylan sein 30. Studioalbum Time Out of Mind veröffentlichte. Es sind in der Deluxe Version fünf CDs des neu abgemischten Albums und Alternativ- und Liveversionen, also genau das Richtige für Dylan-Fans auf Entzug.

Mit Time Out of Mind kam Dylan aus einer tiefen, ganz tiefen Schaffenskrise. Das mit drei Grammy Awards ausgezeichnete Album ist ein düsteres Werk des großen Musikers. Vergangenheit, das Alter und der bevorstehende Tod sind die Themen des großartigen Albums, die nun in der Bootleg Series nochmals erweitert werden.

Das Album hatte keiner von dem damals 56-Jährigen Dylan erwartet. Nur noch wir Hardcore-Fans hielten zu ihm, die Musikwelt hatte den Künstler fast schon vergessen. Die Alben dieser Zeit waren – sagen wir mal so – gewöhnungsbedürftig. Sieben Jahre hatte er keine eigene Songs zu Papier gebracht. Die Kreativität und das Selbstvertrauen waren einfach weg. Er selbst wäre auch fast an einer Herzbeutelentzündung verstorben.
Aber Dylan erholte sich und legte mit Time Out of Mind einen Paukenschlag hin, der die vergessliche Musikindustrie erschütterte und aufrüttelte. Der Meister ist zurück und mit gewaltiger bedrohlicher Kraft. Er dachte an die Bibel und machte sich auf, ein Meisterwerk zu komponieren. „Wir müssen die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.“ Diese Zeilen hat sich Dylan wohl aus seiner christlichen Phase zu Herzen genommen und dank Produzent Daniel Lanios seine musikalischen Gedanken geordnet.

Nun nach mehrmaligen Anhören von Fragments lässt mich die Bootleg Series 17 erschöpft zurück. Ich versinke in die düsteren Gedanken, ich fühle mich bedrückt. Es ist kein hurra ich bin ein Poet-Gefühl, sondern es sind reife Gedanken eines abgeklärten Mannes. Wenn man die weiteren Alben von Dylan betrachtet, geht er konsequent diesen Weg. Sein jüngstes offizielles Werk Rough and Rowdy Ways und die Welttournee sind wohl der Abschluss dieser dunklen Phase des Meisters, die mit Time out of Mind begann.

Anspieltipps sind für mich die Alternativen Versionen von Highlands (bis dahin der längste Dylan-Song) und Love Stick und auf jeden Fall der alte Folk-Heuler The Water is Wide. Aber Dylan Fans werden die Aufnahmen sowieso kaufen und der Rest gehört eben nicht zu den Eingeweihten.

These Kids were allright – The Who Bandgeschichte

16. Januar 2023

Sie galten einst als eine der lautesten Bands der Rockmusik und am 15. Januar 1965 hatten die Band mit „I Can’t Explain“ ihre erste Single und auch den ersten Nummer 1 Hit in Großbritannien. Gemein sind natürlich The Who.

Ich mag diese Art von rauer Arbeitermusik als Vorläufer von Punk und hab mal wieder zur offiziellen Bandgeschichte 50 Jahre the Who als Buch gegriffen, das 2015 erschien. Ich habe mir die deutsche Fassung gekauft, die bei Prestel erschienen ist. Reich bebildert und mit viel Anekdoten macht das Coffee-table Buch richtig Spaß. Pete Townshend und Roger Daltery steuerten Geschichten bei. Dabei erinnere ich mich, dass ich mal einen Who-Aufnäher auf meiner Jeansjacke (Kutte) hatte, den ich stolz getragen habe. Die Jeansjacke habe ich heute mit dem Tweedjacket getauscht, die Musikvorliebe bleibt aber. Es waren schon schlimme Jungs die Herren Pete Townshend, Roger Daltery, John Entwistle und vor allem Keith Moon, aber These Kids were allright, wie ein Album- und Filmtitel hieß.

Zu Beginn waren die Who eine Hitparaden-Single-Band aus England. Sie klangen ein wenig nach den lauten Kinks, waren modisch nach Mods-Mode gekleidet und brachten einige erfolgreiche 3 Minuten Songs: I Can’t Explain, My Generation, Supstiude. Aber die Who waren mehr, vor allem eine Live-Band. Ich muss immer grinsen, wenn ich ihre Auftritte bei den Hippies beim Monterey Pop Festival oder bei Woodstock sah. Für mich hatten diese Musiker mit ihrer rauen, gewalttätigen Musik wenig gemeinsam mit dem Flower-Power-Movement der Blumenkinder. Sehr eindrucksvoll, war der Auftritt in Monterey 1967 als die Who die Bühne verwüsteten und Hendrix danach noch einen draufsetze und seine Gitarre anzündete. Who verloren gegen Hendrix wer als letzter auftreten durfte und setzen auf das Prinzip verbrannte Erde, um Hendrix keine Chance zu bieten – so kann man sich täuschen.

Was viele vergessen: The Who gehörten auch zur British Invasion, waren aber deutlich härter und lauter als Beatles oder Rolling Stones. Live waren und sind The Who immer eine Show. I Can’t Explain meist als Opener. Was sicherlich Eindruck machte, war das Zusammenspiel der Musiker. Der ruhige Part war Bassspieler John Entwistle. Aber Pete Townshend malträtierte windmühlenartig seine Gitarre und zerschlug oft sein Instrument. Roger Daltrey wirbelte sein Mikro wie ein Lasso durch die Gegend und Keith Moon war das Vorbild für die Bestie aus der Muppet Show hinter seinem Schlagzeug. Daher auch Moon The Loon (der Lümmel).

Es gibt die absoluten genialen Alben wie Leeds oder Hyde Park als Beispiel. Aus der Single-Band wurde eine erstzunehmende Konzeptband. Pete Townshend drücke der Musikgeschichte die Alben Tommy und Quadrophenia auf. Und natürlich war dann der spektakuläre Tod von Keith Moon 1978, der alles ausprobieren musste und über die Strenge schlug. 2002 folgte dann John Entwistle mit Herzversagen mit zuviel Kokain im Blut.
Townshend und Daltrey machten weiter. Der Name The Who war einfach zu wertvoll, um einfach ausschließlich solo weiterzumachen.

Aber zurück zum wunderbaren Buch 50 Jahre the Who. Es gibt viele kleine und große Episoden, eingeordnet in die Entwicklung der Rockmusik. Diese Geschichte zeigt den Stellenwert der Band und das Ganze ist garniert mit schmucken Fotos aus den Privatarchiven der Musiker.

Persönlicher Nachruf auf einen Gott: Jeff Beck verstorben

12. Januar 2023

Und wieder ist einer der musikalischen Größen abgetreten: Der Gitarrengott Jeff Beck ist im Alter von 78 Jahren an bakteriellen Meningitis verstorben – was für ein Verlust.

Ich bin traurig und ich ärgere mich zugleich. Traurig über den Tod des musikalisch hochtalentierten Musikers, aber ich ärgere mich über mich selbst. Eigentlich wollte ich Jeff Beck zusammen mit Johnny Depp im Juli 2022 auf dem Münchner Tollwood ansehen, aber die beste Ehefrau von allen zog nicht so richtig, alleine wollte ich nicht gehen. Nun werde ich Beck nicht mehr live sehen können. Es wäre sicherlich ein Erlebnis gewesen.

Ich kannte Jeff Beck nur von Aufnahmen: Das erste Mal hörte ich Jeff Beck als ich musikalisch in meiner britischen Bluesphase war. Und da waren für mich die Yardbirds das Maß aller Dinge. Bei den Vögeln spielte Eric Slowhand Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page in dieser Reihenfolge die Leadgitarre und jeder dieser Ausnahmegitaristen prägte die Musikgeschichte. Die Yardbirds sind heute bei der breiten Masse der Bevölkerung in Vergessenheit geraten, die Musikbegeisterten lieben und schätzen sie.

Gerne sehe ich auch den Clip aus Michelangelo Antonioni Klassiker Blow Up mit einem Auftritt der Yardbirds – hier mit Jeff Beck und Jimmy Page:

Ich habe noch die beiden empfehlenswerten Alben Truth (1968) und Beck-Ola (1969) der Jeff Beck Group, damals mit Rod Stewart und Ron Wood, der bald zu den Rolling Stones wechselte. Aber Beck war wohl ein schwieriger Mensch, wie sich auch in den späteren Jahren zeigte. Die Band brach auseinander und aus den Pink Floyd-Biografien lese ich heraus, war Beck als Ersatz für den Pink Floyd-Gitarristen und Gründer Syd Barrett vorgesehen, der wegen LSD abdrehte. Die Wahl bei Floyd fiel dann auf David Gilmour. Vielleicht tauchen ja mal Probeaufnahmen Beck und Pink Floyd auf.

Nachdem Clapton die Supergroup Cream mit den Herren Baker und Bruce gegründet hatte, versuchte es Jeff Beck mit dem Bluestrio Beck, Bogert & Appice. Sie wurden nicht so berühmt wie Cream, aber ich liebte das gleichnamige Album von 1973 und vor allem das Live-Doppelalbum Beck, Bogert & Appice live vom Oktober 1973. Die Herren des Powertrios zerstritten sich natürlich bei der schwierigen Persönlichkeit des Gitarristen. Drummer Carmine Appice arbeite noch bei Becks ersten Soloalbum Blow by Blow mit, tauchte aber bei der Veröffentlichung nicht auf, nachdem es Differenzen bei der Bezahlung von Appice gab – schade, ich hätte auch diese Bänder gerne gehört.

Jeff Beck veröffentlichte noch zahlreiche Solo-Alben, unterstützte zahlreiche Musiker mit seinem exzellenten Gitarrenspiel. Als Beispiele seien nur Tina Turner oder Roger Waters genannt.

Danke Jeff Beck für die Musik, für hervorragende Musik, die gerne gehört habe und immer noch hören werde. Den Tag über werde ich mit der Musik der Yardbirds verbringen.

Picture Discs von ELP und Asia

6. Dezember 2022

Musikalisch bin ich im Grunde in den Siebzigern stehen geblieben und eine meiner Lieblingsbands waren Emerson, Lake and Palmer, die großen Prog-Rocker. ELP existieren nicht mehr, Keith Emerson hat sich umgebracht, Greg Lake ist an Krebs verstorben – nur noch Carl Palmer tourt durch die Weltgeschichte. Gleich vorweg das Unboxing meiner folgenden Vinyl-Käufe:/

Als persönliches Weihnachtsgeschenk habe ich mir vier Vinyl-Platten der alten Zeit gekauft, obwohl ich die Aufnahmen als CD und auch auf Vinyl natürlich schon längst hatte. Und weil es bald Weihnachten ist, machte I Believe in Father Christmas von Greg Lake den Anfang. Eine EP auf rotem Vinyl mit einem der schönsten Weihnachtslieder. Der Song stammt aus dem ELP-Doppelalbum Works 1 bei dem jeder der Musiker eine Seite nach eigenem Gutdünken aufnehmen durfte. Seite 4 von Works 1 war wieder ein Gemeinschaftswerk. Greg Lake steuerte Balladen, unter anderem dieses Weihnachtslied bei. Ich mag es.

Nun folgen drei Picture Discs, also Vinyl-Schallplatten mit Aufdruck, oftmals durch den Druck mit verminderter Tonqualität, aber nett anzusehen. Ich habe die Alben für die Wand gekauft und sie sollen Weihnachten aufgehängt werden, wenn die beste Ehefrau von allen mitspielt und mithilft.
Den Anfang macht Asia mit dem 2012 Studioalbum XXX zum 30jährigen Bandjubiläum. Es war das neunte Studioalbum der Band mit wechselvoller Besetzung. Dieses Mal waren die Originalbesetzung Geoff Downes, Steve Howe, Carl Palmer und John Wetton mit von der Partie. Nicht das ganz große Ding, aber durchaus hörbar. Das Cover gestaltete Roger Dean. Progressive Rock wobei der Schwerpunkt eher auf Rock liegt.

ELP pur gab es 1972 mit Trilogy. Ich habe die 2022 Version zum Record Store Day als Picture Disc. Der Zugang zu dieser Art von Musik ist sicherlich nicht ganz einfach, aber ELP waren in ihrer kreativen Hochphase. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen.

1992 kamen ELP nochmal zusammen und versuchten es nochmal. Das Album hieß Black Moon und war dem Zeitgeist angepasst, machte mir aber dennoch zu großen Teilen Spaß. Das Cover war ein Kettenkarussell und sieht auf der Picture Disc gut aus.

Musiktipp: OXYMORE von Jean-Michel Jarre

15. November 2022

Mit Spannung habe ich dieses Album OXYMORE des 74jährigen Jean-Michel Jarre erwartet und ich wurde nicht enttäuscht. Es steht in der Tradition von Pierre Schaeffer, dem Begründer der Musique concrète. Und für viele Fans der alten Musik von Jarre ist wohl genau dies das Problem. Der Meister schreitet voran.

Das neue Album OXYMORE basiert auf Hinterlassenschaften von Pierre Henry, einem Schüler von Schaeffer und Freund von Jarre. Pierre Henry verstarb im Juli 2017.
Und daher ist OXYMORE eine Hommage an die Wurzeln der französischen elektronischen und elektroakustischen Musik – und als Bestandteil der Musique concrète ist es ungewohnt für Hörer, die Hitparadenmusik oder die alten elektronischen Werke von Jarre gewohnt sind. OXYMORE geht weit über die alltagstaugliche Musik hinaus und man muss sich auf dieses musikalische Experiment mit offenen Ohren und offenen Geist einlassen. Musique concrète sind Alltagsgeräusche, die zu einer Komposition zusammengefügt werden – für die Ohren ungewohnt.

Pierre Henry hinterließ Jean-Michel Jarre einige Geräusche für ein zukünftiges Projekt. „Pierre Henry hat mich dazu inspiriert, ein Album mit den alten analogen Techniken zu erstellen“, schreibt Jarre in seinem Facebook-Account.

Die Musik und die Geräusche brechen über den Zuhörer herein, dessen Anlage bestenfalls mit Dolby Atmos ausgestattet ist, um das komplette Klangspektrum zu erfassen. Ich bin kein Audiotechniker, aber erahne, was Jarre hier geleistet hat, denn OXYMORE nimmt mich akustisch gefangen und die Welle, der Schall, der Druck trägt mich hinfort.
Ein paar Tage nach der Veröffentlichung gab Jarre ein VR-Konzert im Netz, wie er es schon zweimal gemacht hat. Während Notre Dame in Farbe strahlte, war OXYMORE meist in Schwarzweiß, aber nicht ebenso packend. Mir hat es gefallen, obwohl ich nur die schlichte 2D-Version in YouTube gesehen hatte.

Und wer den alten Jean-Michel Jarre hören will, dem empfehle ich das Album Concert in China, das zum 40. Jubiläum remastered in wenigen Tagen neu aufgelegt wird.

Der große Kürbis zu Halloween auf Vinyl

31. Oktober 2022

Normalerweise überlege ich mir am 31. Oktober welchen Horrorfilm ich mir an diesem Abend ansehen werde. Darauf werde ich dieses Jahr verzichten. Ich mache stattdessen eine musikalische Reise in meine Jugend und gedenke dem großen Kürbis zu Halloween.

Der große Kürbis war ein Film der Peanuts aus dem Jahre 1966. Linus glaubt an den großen Kürbis, eine Kürbis-Gestalt, die zu Halloween den Kindern erscheint und ihnen Geschenke bringt. Wie jedes Jahr schreibt er einen Brief an den großen Kürbis, was seine Freunde nicht wirklich nachvollziehen können. Ich mag den Film und die Figuren des Zeichners Charles M. Schulz. Mit vielen Figuren kann ich mich identifizieren.
Noch mehr mag ich die Musik von Vince Guaraldi. Der Soundtrack It’s The Great Pumpkin, Charlie Brown zum großen Kürbis ist als oranges Vinyl-Album erschienen – in Form eines Kürbisses und sieht etwas ungewöhnlich auf dem Plattenteller aus. Vorsicht beim Aufsetzen der Nadel.

Vincent Anthony Guaraldi war Jazzer, aber für mich ist er das musikalische Genie hinter den Peanuts. Für die Figuren um Charlie Brown lieferte er 1965 die Musik zu A Charlie Brown Christmas und dann zu jeder weiteren Peanuts-Folge. It’s The Great Pumpkin, Charlie Brown ist eine Wiederveröffentlichung mit guten Klang und informativen Liner Notes. Was wir auf den meisten Tracks dieser neuen und verbesserten „besten“ Version des Soundtracks hören, sind die musikalischen Einsätze, wie sie von Vince und der Crew aufgenommen wurden, bevor sie für das Fernsehspecial bearbeitet wurden, in der Reihenfolge der Sendung, sowie eine Auswahl alternativer Takes. Mehr braucht es zu Halloween 2022 dieses Mal nicht.

Der Killer ist tot – Jerry Lee Lewis bestes Album

29. Oktober 2022

Der Killer ist nicht mehr. Mit 87 Jahren verstarb Jerry Lee Lewis. Der Rebell ist tot und das letzte Mitglied des Million Dollar Quartet ist nach Elvis Presley, Carl Perkins und Johnny Cash von uns gegangen.

Die alte Star Club Aufnahme.

Ich habe den umstrittenen Musiker nie live gesehen, aber ich mochte seine Musik, sei es Rock’n Roll oder Country. Ich wurde gestern als die Todesnachricht gefragt, was ich für des Killers bestes Album hielt. Nun es gibt viele einzelne Kracher wie Great Balls of Fire oder Whole Lotta Shakin‘ Goin, die ich mag, aber das beste Album für mich ist Live at The Star Club, Hamburg. Es war eine Sternstunde des Rock’n Roll, der eigentlich schon abgeschrieben war. Aber der Killer zündete an diesem Abend des 5. April 1964 eine musikalische Bombe. Ich empfehle ausdrücklich die restaurierte Aufnahme von Bears.

Er rockte wie der Teufel, er zeigte was aus den Tasten herauszuholen ist: Er spielte, er hämmerte, er beschwor die glorreichen Zeiten der musikalischen Revolution. Die britische Begleitband Nashville Teens, die noch nie mit ihm gespielt hatte, unterstützte dem wilden Mann am Klavier. Wer die Aufnahme von Bear Records hört und die Power des Rock’n Roll nicht spürt, er muss tot sein. Ich kenne kaum ein Album, was so ein musikalisches Erdbeben auslöst, wenn man es hört, genießt, in der energiegeladenen Musik aufgeht. Lee sagte immer: „Elvis ist der Größte, aber ich bin der Beste!“ Wenn das kein gesundes Selbstbewusstsein ist. Danke Jerry Lee Lewis für deine Musik.

Dracula Musical im Deutschen Theater

24. Oktober 2022
Foto: Susanne Brill/Deutsches Theater München

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann findige Produzenten nach dem Erfolgsmusical Tanz der Vampir das Originalbuch Dracula des Iren Bram Stokers auf die Musical-Bühnen bringen würden. Und genau dieses Dracula-Musical hatte jetzt im Deutschen Theater München seine umjubelte Münchner Premiere. Ich war als Fan des Grafen eingeladen, um dieser Premiere beizuwohnen – vielen Dank dafür.

Alex Balgas Inszenierung des Musicals von Frank Wildhorn wurde nach der Premiere auf der Ulmer Wilhelmsburg von Publikum und Presse gefeiert. In München ist der starke Thomas Borchert in der Titelrolle zu erleben. Den Part seines Gegenspielers van Helsing übernimmt Patrick Stanke. Bevor allerdings in den bequemen Theaterstühlen des Deutschen Theaters Platzgenommen wurde, gab es ein Schaulaufen auf dem Roten Teppich mit Prominenz, Stars und Sternchen. Darüber habe ich ein Video gedreht:

Mich hat es vor allem interessiert, wie man den komplizierten Tagebuchroman von Bram Stoker auf eine Musicalbühne bringen kann. Bei der Theateradaption von Dracula wurden ja Änderungen vorgenommen – und so auch bei der Musicalinszenierung. Mich faszinierte es, was man durch Projektion, Licht, Nebel und Effekte die Handlung in nur einem Bühnenbild darstellen kann. Keine aufwendigen Umbauten, sondern ein Set, aber unterschiedlich bespielt – das war wirklich großartig. Auch die komplizierte Schiffspassage auf der Demeter von Transsilvanien nach England wurde geschickt erzählt. Und mein Herz als Dracula-Fan jubelte, als die Bühne für einen kurzen Moment in Schwarzweiß gehüllt wurde – Friedrich Wilhelm Murnau und Max Schreck ließen grüßen (meinen lauten Aufschrei im Publikum wurde von meinen Nachbar irritiert zur Kenntnis genommen). Als relativ neue Inszenierung hielt sich die Produktion aber eher an die erfolgreiche Francis Ford Coppola-Verfilmung von Dracula. Im Grunde war das Musical damit kein Kammerspiel, sondern ein MTV-Video auf der Bühne des Deutschen Theaters: Schrill, laut, bunt und in großen Teilen unterhaltsam.

Kreisch, wenn es Schwarzweiß wird.

Der amerikanische Komponist Frank Wildhorn, bekannt geworden durch seine Bühnenwerke „Jekyll & Hyde“, „Der Graf von Monte Christo“ und „Bonnie and Clyde“, lässt in seinem Dracula den Kampf zwischen Hell und Dunkel auch musikalisch spannungsreich austragen, mit Gitarrenriffs und Beats als rockiges Musical. Und die Songs gehen ins Ohr – die CD hab ich gleich bestellt. Für den mächtigen Sound sorgt ein 17-köpfiges Orchester unter der Leitung des Dirigenten Andreas Kowalewitz (Ex-Gärtnerplatz-Kapellmeister).

Foto: Susanne Brill/Deutsches Theater München

Auch mehr im Dunkel fand der Tod des Texaners Quincey Morris (Daniel Rakasz) statt als im hellen Licht. Das Ableben des Grafen geschieht nicht durch Professor Abraham van Helsing (Patrick Stanke), sondern erinnert an Murnaus und Herzogs Nosferatu-Version durch die Opferung von Mina Murray (großartig Roberta Valentini). Der Graf selbst wurde von einem Vampirprofi gespielt. Thomas Borchert beißt sich durch das Stück auf der Suche nach Erlösung. Borchert spielte einstmals den Grafen Krolock in der Musical-Version von Tanz der Vampire – so schließt sich der Kreis.

Persönlich hätte ich gerne mehr von Renfield (John Davies) gesehen, der durch seine Darstellung absolut überzeugen sollte – ich mochte seine Interpretation von Tom Waits Renfield sehr.

Aber nach all meinen Begeisterungsstürmen kam auch der kritische Vampir-Fan in mir aus dem Sarg. Stoker schrieb Dracula im viktorianischen Zeitalter, was zu großen Teilen von den Musical-Machern geflissenlich ignoriert wurde. Van Helsing war so of beschäftigt, seinen coolen Ledermantel an- und dann gleich wieder auszuziehen, so oft, dass es fast schon nervte.
Aber wirklich nervig war, dass man die Kostümierung von Lucy und den drei Bräuten Draculas eher in eine Rocky Horror Picture Show gepasst hätten. Viel Bein mit Strapse sorgten für die entsprechende Aufmerksamkeit beim männlichen Musicalpublikum. Ob der alte Bram Stoker damit einverstanden gewesen wäre?

Foto: Susanne Brill/Deutsches Theater München


Draculas Kostümierung war fein, orientierte sich Gary Oldman in Francis Ford Coppolas Filmversion, wobei Eiko Ishioka wunderbare Kostüme nicht im Ansatz erreicht wurden, dafür ist die Produktion zu preiswert.

Leider wurde auch die Sexualität der viktorianischen Zeit fast völlig aus dem Stück gestrichen, wahrscheinlich weil die Anspielungen von Stoker einem modernen Publikum sowieso entgangen wären. Die jungfräuliche Lucy hat symbolisch mit vier Männern sexuellen Kontakt. Oder der bisexuelle Auftritt des Grafen mit Harker als Dracula seine attraktiven Bräute in die Schranken weist mit den Worten „Dieser Mann gehört mir.“ Diese Szene ist zwar enthalten, bringt aber die revolutionäre Dramatik von Stokers Stoff nicht rüber.

Egal, was soll es: Dracula als Musical ist eine schöne Unterhaltung für zwei Stunden. Und wer in München Karten bekommt, kann eine schöne Inszenierung im Deutschen Theater bis 13. November 2022 genießen.

Musiktipp: Animals 2018-Mix von Pink Floyd

13. Oktober 2022

Natürlich hab ich sie gekauft, die neue, alte Aufnahme von Pink Floyd, einer meiner Lieblingsbands. Vor kurzem wurde Animals aus dem Jahre 1977 in dem Remix von 2018 im Jahre 2022 veröffentlicht.

Warum erst jetzt? Weil die Herren Waters und Gilmore seit Jahren streiten und der 2018-Mix des unterschätzten Albums Jahr für Jahr verschoben wurde. Nun haben die Streithälse sich wohl geeinigt und wir Fans können die Aufnahme in den Händen halten. Ich habe mir die Deluxe-Ausgabe mit Vinyl, CD, Bluray und DVD gegönnt und ein Booklet gab es auch dazu.

Äußerlich hat sich das Cover verändert. Natürlich ist noch das Battersea Kraftwerk zu sehen, aber die Aufnahme ist intensiver als auf dem Original von 1977. Das fliegende Schwein ist immer noch der zentrale Punkt der Aufnahme.

1977 ist das aufblasbare fliegende Schwein ja mal davon geflogen und der Flugverkehr über Heathrow musste eingestellt werden. Wir Floyd-Fans kennen die Geschichte zur genüge. Sie wird nochmal in dem Booklet nacherzählt, aber wer 2019 die Ausstellung Their Mortal Remains in Dortmund gesehen hat, der kennt die Details: Hier mein Post von damals.

Zur Wiedereröffnung des Albums flog dieses Mal kein Schwein, aber das Battersea Kraftwerk wurde schön beleuchtet. Die vier Schlote von Battersea wurden angestrahlt.

Zur Musik muss ich wohl nicht viel sagen. Animals nimmt eine Sonderrolle im Werk der Band ein. Wir haben auf der einen Seite die großartigen Bandwürfe Dark Side of the Moon und Wish you were here und dann die Waters-Alben The Wall und The Final Cut. Animals stand dazwischen, war ursprünglicher in der Musik, rockiger zum Teil und eine wunderbare Parabel auf George Orwells Farm der Tiere. Schon das Cover mit dem fliegende Schwein und die vier Schlote des Kraftwerks waren ein Hinweis. Ich sah in den Schloten immer die Beine von einem Tier das auf dem Rücken lag und die Beine nach oben streckte. Der 2018 Remix ist dichter. Vor allem die 5.1 Aufnahme auf er Bluray hat es in sich. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied der bisherigen Stereo-Aufnahme mit der ich aufgewachsen bin.
Animals war das zehnte Studioalbum und wurde in den Britannia Row Studios der Band in London, also nicht in den technisch ausgereifteren Abbey Road-Studios.

Ich habe gelesen, dass Fans mit der Vinyl-Ausgabe nicht zufrieden sind. Das kann ich nicht bestätigen. Meine Schallplatte ist in Ordnung. Das ganze Deluxe-Angebot ist in Ordnung.

Kritik möchte ich als Fan dennoch anbringen. Im Booklet sind zwar schöne Aufnahmen von der Animals-Tour. Leider findet sich keine Aufnahme von der Tour auf dem Deluxe-Album. Ich muss auf alte Bootlegs zurückgreifen und hätte hier von Pink Floyd mehr für die Hardcore-Fans erwartet. Vielleicht bringt man diese Aufnahmen später auf den Markt, um ums Fans nochmals zu melken.