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Dracula im Film (39): Nadja (1995)

22. August 2026

Als Dracula-Fan musste ich mit unbedingt Michael Almereydas „Nadja“ anschauen. Leider habe ich nur eine DVD gefunden. Der Film gehört zu den ungewöhnlichsten Vampirfilmen der 1990er Jahre. Der 1994 produzierte und 1995 regulär veröffentlichte Film nimmt zwar Figuren und Motive aus Bram Stokers Dracula-Kosmos auf, interessiert sich aber nur am Rande für klassischen Horror. Und dennoch steht er in der Tradition des bluntrünstigen Graden.

Almereyda verwandelt den Vampirmythos in einen melancholischen, ironischen und ausgesprochen kunstvollen Independentfilm über Einsamkeit, Familie, Begehren und die Schwierigkeit, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen. Vor allem aber ist „Nadja“ ein Film über Bilder. Seine radikale Schwarz-Weiß-Fotografie und der Wechsel zwischen elegantem 35-mm-Material und grobkörnigem Pixelvision-Video machen die Filmästhetik selbst zu einem wesentlichen Bestandteil der Erzählung. Leider ist es mir bisher nicht gelungen eine The PXL2000 Pixelvision zu finden, es war eine Spielzeug-SW-Kamera von by Fisher-Price aus dem 1987.

Die Ausgangssituation des Films klingt zunächst erstaunlich konventionell. Dracula ist tot, getötet von Van Helsing. Seine Tochter Nadja, gespielt von Elina Löwensohn, kommt nach New York und versucht, sich mit dem Tod des übermächtigen Vaters und ihrer eigenen Existenz auseinanderzusetzen. Gleichzeitig sucht sie ihren Zwillingsbruder Edgar. Van Helsing wiederum setzt die Jagd auf Draculas Nachkommen fort. Doch Almereyda erzählt daraus keinen traditionellen Kampf zwischen Vampiren und Vampirjägern. Die Figuren bewegen sich vielmehr wie Schlafwandler durch ein nächtliches New York. Beziehungen entstehen, zerfallen oder verändern sich, Menschen und Vampire verlieben sich ineinander, Familienstrukturen lösen sich auf und setzen sich neu zusammen.

Schon darin unterscheidet sich „Nadja“ deutlich vom großen Vampirkino seiner Zeit. Nur wenige Jahre zuvor hatte Francis Ford Coppola mit „Bram Stoker’s Dracula“ einen opulenten, farbgesättigten Bilderrausch geschaffen. Almereyda geht genau den entgegengesetzten Weg. Sein Film ist klein, spröde, urban und bewusst künstlich. Das New York der frühen 1990er Jahre ersetzt die gotischen Schlösser Transsilvaniens. Bars, Wohnungen, Straßen und verlassene Gebäude werden zu den neuen Orten des Vampirismus. Dadurch entsteht eine Art Downtown-Gotik: Der Vampir ist kein aristokratisches Monster mehr, sondern ein Außenseiter der modernen Großstadt.

Schwarz-Weiß als ästhetisches Programm
Das entscheidende Gestaltungsmittel ist die Schwarz-Weiß-Fotografie von Kameramann Jim Denault. Sie ist keineswegs nur nostalgische Verbeugung vor den klassischen Universal-Horrorfilmen. Vielmehr erzeugt sie eine Zwischenwelt. New York wirkt gleichzeitig real und unwirklich, modern und zeitlos.

Die Bilder sind üppig und schimmernd erwecken eine traumhafte Stimmung.
Für mich liegt genau darin eine der großen Qualitäten des Films, der mich gepackt und hineingezogen hat. Das Schwarz-Weiß entzieht New York einen Teil seiner alltäglichen Realität. Die Stadt wird zum seelischen Raum. Dunkle Straßenzüge, helle Gesichter, schwarze Kleidung, Rauch, kahle Räume und nächtliche Lichtquellen bilden eine moderne Variante des klassischen expressionistischen Horrorkinos.

Dabei arbeitet Denault immer wieder mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten. Gesichter scheinen aus der Dunkelheit hervorzutreten und wieder darin zu verschwinden. Besonders Nadja wird dadurch zu einer fast körperlosen Erscheinung. Elina Löwensohns blasses Gesicht, ihre dunklen Augen und ihre meist schwarze Kleidung verschmelzen mit dieser Ästhetik. Das Licht macht sie zum übernatürlichen Wesen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum konventionellen Genrekino: Der Vampirismus wird weniger durch Spezialeffekte als durch Fotografie sichtbar.

Die Schönheit der Unschärfe
Noch radikaler wird „Nadja“, wenn Almereyda plötzlich die Bildsprache wechselt. Neben dem klassischen 35-mm-Material verwendet der Film Aufnahmen einer Fisher-Price PXL 2000, einer ursprünglich für Kinder entwickelten Videokamera. Die technischen Angaben zum Film bestätigen diesen bewussten Wechsel zwischen 35-mm-Film und Pixelvision. Das erinnert mich immer wieder an Oliver Stone. Das Ergebnis sieht nach konventionellen Maßstäben geradezu „schlecht“ aus: extrem niedrige Auflösung, grobe Pixel, verschwommene Konturen, kaum erkennbare Gesichter. Aber gerade dieses technisch minderwertige Bild wird von Almereyda zu einer eigenen ästhetischen Ebene erhoben. Mal schauen, ob ich ein Plugin mit dieser Form bekommen.
Der Regisseur erklärte später, diese Pixelvision-Sequenzen sollten die körperliche beziehungsweise sinnliche Perspektive seiner Vampirin wiedergeben: Rausch, Erregung, Angst und vampirischen Hunger. Das Pixelbild habe für ihn selbst etwas „Vampirisches“, weil es Farbe und sichtbare Grenzen gleichsam auffresse. Damit wird die Kamera subjektiv. Wir Zuschauer sehen nicht einfach Nadja – wir sehen zeitweise wie Nadja.

Und genau hier wird der Film besonders interessant. Das klassische 35-mm-Bild besitzt Tiefe, Abstufungen und eine beinahe erotische Schönheit. Das Pixelvision-Bild dagegen zerstört diese Schönheit. Räume verlieren ihre Tiefe. Gesichter zerfallen in abstrakte Flächen. Menschen werden zu Schemen.

Vampirismus wird damit als Wahrnehmungsstörung dargestellt.
Nadja lebt zwar in derselben Welt wie die Menschen, nimmt sie aber offenbar anders wahr. Ihre Existenz befindet sich zwischen Körperlichkeit und Auflösung. Das Pixelbild visualisiert diesen Zustand. Was damals wie eine technische Spielerei wirken konnte, erscheint heute erstaunlich modern. Jahrzehnte bevor digitale Bildstörungen, Glitches und absichtlich reduzierte Videoästhetiken selbstverständlich wurden, benutzt Almereyda technische Fehler als Ausdrucksmittel.

Zwei Bildwelten kämpfen gegeneinander
Besonders reizvoll ist deshalb der Kontrast zwischen den beiden Bildsystemen. Das 35-mm-Bild steht für die sichtbare Welt: elegant, fotografisch, sinnlich, beinahe klassisch. Pixelvision steht dagegen für die innere Welt: fragmentiert, nervös, körperlich, subjektiv.
„Nadja“ entwickelt daraus eine visuelle Dialektik. Das Kino zeigt zunächst eine schöne Welt und zerstört anschließend sein eigenes Bild. Die Vampire bedrohen also nicht nur die Menschen innerhalb der Handlung. Sie scheinen sogar das Medium Film selbst zu infizieren. Das ist vielleicht die spannendste ästhetische Idee des gesamten Films.

New York wird zu Transsilvanien
Almereyda braucht kaum klassische Gothic-Kulissen. Sein New York übernimmt deren Funktion. Tatsächlich wurde sogar ein verlassenes Krankenhaus am Central Park West genutzt, um ein transsilvanisches Schloss darzustellen.
Doch wichtiger als einzelne Schauplätze ist die Art, wie die Stadt fotografiert wird. Das urbane Nachtleben besitzt etwas Geisterhaftes. Bars und Wohnungen erscheinen häufig leer oder merkwürdig entrückt. Die Figuren wirken isoliert, selbst wenn sie gemeinsam im Raum stehen.

Elina Löwensöhn als Zentrum der Bildkomposition
Ohne Elina Löwensöhn würde diese Ästhetik vermutlich nicht funktionieren. Ihre Nadja ist keine aggressive femme fatale und auch kein klassisches Horrorwesen. Sie bewegt sich langsam und kontrolliert, spricht mit schwer greifbarer Distanz und scheint häufig eher durch die Welt zu gleiten als tatsächlich an ihr teilzunehmen.

Die Kamera unterstützt diese Wirkung. Sie beobachtet Nadja weniger psychologisch als ikonografisch. Ihr Gesicht wird zur Landschaft. Haare, Haut, Augen und schwarze Kleidung bilden grafische Elemente innerhalb der Schwarz-Weiß-Komposition.
Dadurch entsteht eine interessante Spannung: Nadja wirkt gleichzeitig körperlich äußerst präsent und emotional unerreichbar. Ihre Erotik entsteht gerade aus dieser Distanz.
Der Film verwandelt den traditionellen erotischen Vampir deshalb in eine Figur der Entfremdung. Nadja begehrt Menschen, aber Nähe scheint für sie letztlich unmöglich. Sie kann andere Menschen berühren, verführen oder beißen – aber wirkliche Verbindung bleibt schwierig. Das macht den Vampirismus zur Metapher für Beziehungen: Man braucht den anderen und zerstört ihn möglicherweise gerade dadurch.

David Lynch und die Ästhetik des Unwirklichen
Dass David Lynch als Produzent beteiligt war und einen kleinen Auftritt im Film hat, ist mehr als eine hübsche Randnotiz. Lynch half bei der Finanzierung des Projekts. „Nadja“ ist dennoch kein Lynch-Imitat. Aber es gibt eine deutliche geistige Verwandtschaft. Beide Filmemacher interessieren sich für Räume, in denen die Realität leicht verrutscht. Das Unheimliche entsteht nicht unbedingt dadurch, dass plötzlich ein Monster erscheint. Es entsteht dadurch, dass eine eigentlich vertraute Situation minimal falsch wirkt.

Zwischen Horror, Kunstfilm und ironischer Komödie
Auch tonal verweigert „Nadja“ eindeutige Kategorien. Der Film kann innerhalb weniger Minuten melancholisch, erotisch, grotesk und komisch sein. Peter Fondas Van Helsing ist dafür das beste Beispiel. Die traditionelle Autoritätsfigur des Vampirjägers wird zu einem exzentrischen, beinahe absurden Charakter.
Dadurch verhindert Almereyda, dass die wunderschöne Schwarz-Weiß-Fotografie in selbstgefälligen Gothic-Kitsch kippt. Immer wenn der Film Gefahr läuft, sich zu ernst zu nehmen, durchbricht ein trockener Dialog oder eine absurde Situation die Atmosphäre.

„Nadja“ besitzt eine sehr spezifische Neunzigerjahre-Atmosphäre. Der Film ist postmodern, ohne seine Vorbilder zu verachten. Er kennt die Dracula-Tradition genau, nimmt sie auseinander und setzt sie neu zusammen.
So steht „Nadja“ an einem faszinierenden Schnittpunkt: zwischen dem expressionistischen Schwarz-Weiß-Horror der Filmgeschichte, dem lakonischen New Yorker Independentkino der frühen 1990er Jahre und einer experimentellen digitalen Bildästhetik, die ihrer Zeit voraus war. Jonathan Rosenbaums Einschätzung, dass der Film stärker als traumhaftes Stimmungsstück mit poetischen Bildern denn als geradlinige Erzählung funktioniert, bringt seine besondere Qualität deshalb sehr gut auf den Punkt.

Vergleich zu Dracula Tochter
Ein Vergleich von Michael Almereydas „Nadja“ (1995) mit „Draculas Tochter“ („Dracula’s Daughter“, 1936) ist besonders reizvoll, denn beide Filme stellen eine weibliche Vampirfigur ins Zentrum und erzählen vom Versuch, sich vom übermächtigen Erbe Draculas zu lösen.

In Lambert Hillyers „Draculas Tochter“ möchte Gräfin Marya Zaleska nach dem Tod ihres Vaters eigentlich von ihrem Vampirdasein befreit werden. Der Vampirismus erscheint dabei beinahe wie eine Krankheit oder ein innerer Zwang. Gerade die unterschwellige erotische Anziehung zwischen Zaleska und anderen Frauen machte den Film für seine Zeit bemerkenswert. Seine Ästhetik bleibt jedoch fest im klassischen Universal-Horror verwurzelt: expressionistische Lichtsetzung, tiefe Schatten, neblige Räume und eine elegante, gotische Inszenierung.

„Nadja“ greift fast 60 Jahre später erstaunlich ähnliche Motive auf, überführt sie aber in die amerikanische Independent-Ästhetik der 1990er Jahre. Auch Nadja muss nach Draculas Tod herausfinden, wer sie ohne ihren Vater eigentlich ist. Während „Draculas Tochter“ jedoch noch von der Hoffnung auf Heilung und Normalität geprägt ist, wirkt Nadja wesentlich selbstbewusster in ihrer Andersartigkeit. Ihr Vampirismus ist weniger Krankheit als Identität – wenn auch eine Identität, die Einsamkeit und Entfremdung mit sich bringt.

Besonders deutlich wird der Unterschied in der Bildsprache. „Draculas Tochter“ verwendet Schwarz-Weiß, um eine klassische gotische Welt zu erschaffen; „Nadja“ benutzt Schwarz-Weiß, um diese Welt zu zerlegen und neu zu interpretieren. Almereyda ersetzt Schlösser und Nebellandschaften durch das nächtliche New York und kombiniert die elegante 35-mm-Fotografie mit den extrem grobkörnigen Pixelvision-Aufnahmen. Wo „Draculas Tochter“ noch die Tradition des klassischen Horrorfilms fortführt, reflektiert „Nadja“ diese Tradition bereits aus postmoderner Distanz.
Man könnte deshalb „Nadja“ beinahe als Independent-Film-Antwort der 1990er Jahre auf „Draculas Tochter“ betrachten. Beide Filme handeln letztlich weniger von Dracula selbst als von seinen Töchtern, die versuchen, aus seinem Schatten herauszutreten. 1936 wird daraus eine tragische Geschichte über die Unmöglichkeit, dem Vampirismus zu entkommen; 1995 eine melancholische Geschichte über Identität, Begehren und die Frage, ob man der eigenen Herkunft überhaupt entkommen kann.

Dracula Musical im Deutschen Theater

24. Oktober 2022
Foto: Susanne Brill/Deutsches Theater München

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann findige Produzenten nach dem Erfolgsmusical Tanz der Vampir das Originalbuch Dracula des Iren Bram Stokers auf die Musical-Bühnen bringen würden. Und genau dieses Dracula-Musical hatte jetzt im Deutschen Theater München seine umjubelte Münchner Premiere. Ich war als Fan des Grafen eingeladen, um dieser Premiere beizuwohnen – vielen Dank dafür.

Alex Balgas Inszenierung des Musicals von Frank Wildhorn wurde nach der Premiere auf der Ulmer Wilhelmsburg von Publikum und Presse gefeiert. In München ist der starke Thomas Borchert in der Titelrolle zu erleben. Den Part seines Gegenspielers van Helsing übernimmt Patrick Stanke. Bevor allerdings in den bequemen Theaterstühlen des Deutschen Theaters Platzgenommen wurde, gab es ein Schaulaufen auf dem Roten Teppich mit Prominenz, Stars und Sternchen. Darüber habe ich ein Video gedreht:

Mich hat es vor allem interessiert, wie man den komplizierten Tagebuchroman von Bram Stoker auf eine Musicalbühne bringen kann. Bei der Theateradaption von Dracula wurden ja Änderungen vorgenommen – und so auch bei der Musicalinszenierung. Mich faszinierte es, was man durch Projektion, Licht, Nebel und Effekte die Handlung in nur einem Bühnenbild darstellen kann. Keine aufwendigen Umbauten, sondern ein Set, aber unterschiedlich bespielt – das war wirklich großartig. Auch die komplizierte Schiffspassage auf der Demeter von Transsilvanien nach England wurde geschickt erzählt. Und mein Herz als Dracula-Fan jubelte, als die Bühne für einen kurzen Moment in Schwarzweiß gehüllt wurde – Friedrich Wilhelm Murnau und Max Schreck ließen grüßen (meinen lauten Aufschrei im Publikum wurde von meinen Nachbar irritiert zur Kenntnis genommen). Als relativ neue Inszenierung hielt sich die Produktion aber eher an die erfolgreiche Francis Ford Coppola-Verfilmung von Dracula. Im Grunde war das Musical damit kein Kammerspiel, sondern ein MTV-Video auf der Bühne des Deutschen Theaters: Schrill, laut, bunt und in großen Teilen unterhaltsam.

Kreisch, wenn es Schwarzweiß wird.

Der amerikanische Komponist Frank Wildhorn, bekannt geworden durch seine Bühnenwerke „Jekyll & Hyde“, „Der Graf von Monte Christo“ und „Bonnie and Clyde“, lässt in seinem Dracula den Kampf zwischen Hell und Dunkel auch musikalisch spannungsreich austragen, mit Gitarrenriffs und Beats als rockiges Musical. Und die Songs gehen ins Ohr – die CD hab ich gleich bestellt. Für den mächtigen Sound sorgt ein 17-köpfiges Orchester unter der Leitung des Dirigenten Andreas Kowalewitz (Ex-Gärtnerplatz-Kapellmeister).

Foto: Susanne Brill/Deutsches Theater München

Auch mehr im Dunkel fand der Tod des Texaners Quincey Morris (Daniel Rakasz) statt als im hellen Licht. Das Ableben des Grafen geschieht nicht durch Professor Abraham van Helsing (Patrick Stanke), sondern erinnert an Murnaus und Herzogs Nosferatu-Version durch die Opferung von Mina Murray (großartig Roberta Valentini). Der Graf selbst wurde von einem Vampirprofi gespielt. Thomas Borchert beißt sich durch das Stück auf der Suche nach Erlösung. Borchert spielte einstmals den Grafen Krolock in der Musical-Version von Tanz der Vampire – so schließt sich der Kreis.

Persönlich hätte ich gerne mehr von Renfield (John Davies) gesehen, der durch seine Darstellung absolut überzeugen sollte – ich mochte seine Interpretation von Tom Waits Renfield sehr.

Aber nach all meinen Begeisterungsstürmen kam auch der kritische Vampir-Fan in mir aus dem Sarg. Stoker schrieb Dracula im viktorianischen Zeitalter, was zu großen Teilen von den Musical-Machern geflissenlich ignoriert wurde. Van Helsing war so of beschäftigt, seinen coolen Ledermantel an- und dann gleich wieder auszuziehen, so oft, dass es fast schon nervte.
Aber wirklich nervig war, dass man die Kostümierung von Lucy und den drei Bräuten Draculas eher in eine Rocky Horror Picture Show gepasst hätten. Viel Bein mit Strapse sorgten für die entsprechende Aufmerksamkeit beim männlichen Musicalpublikum. Ob der alte Bram Stoker damit einverstanden gewesen wäre?

Foto: Susanne Brill/Deutsches Theater München


Draculas Kostümierung war fein, orientierte sich Gary Oldman in Francis Ford Coppolas Filmversion, wobei Eiko Ishioka wunderbare Kostüme nicht im Ansatz erreicht wurden, dafür ist die Produktion zu preiswert.

Leider wurde auch die Sexualität der viktorianischen Zeit fast völlig aus dem Stück gestrichen, wahrscheinlich weil die Anspielungen von Stoker einem modernen Publikum sowieso entgangen wären. Die jungfräuliche Lucy hat symbolisch mit vier Männern sexuellen Kontakt. Oder der bisexuelle Auftritt des Grafen mit Harker als Dracula seine attraktiven Bräute in die Schranken weist mit den Worten „Dieser Mann gehört mir.“ Diese Szene ist zwar enthalten, bringt aber die revolutionäre Dramatik von Stokers Stoff nicht rüber.

Egal, was soll es: Dracula als Musical ist eine schöne Unterhaltung für zwei Stunden. Und wer in München Karten bekommt, kann eine schöne Inszenierung im Deutschen Theater bis 13. November 2022 genießen.

Dracula im Film 3: Dracula 1979

11. Juni 2012

Dieser Dracula ist anders. Nach den Hammer-Produkten in Primärfarben war lange Zeit Ruhe um den Beißer aus Transsilvanien bis sich Star-Regisseur John Badham an den Stoff erinnerte und neu interpretiert in Szene setzte. Badham orientierte sich dabei mehr am Theaterstück von Hamilton Deane und John L. Balderston als an den Schauerroman von Bram Stoker. Das Wichtigste: Er interpretierte die Rolle des Grafen anders. Nicht die Bestie wie in den Hammer-Filmen stand im Mittelpunkt, sondern der verführerische, gnadenlose Graf.

Die Schauspieler waren perfekt: Der junge Frank Langella spielt den Grafen, schön, zielstrebig und ohne Gnade. Vor allem sein Spiel mit den Händen ist verführerisch. Zur Schauspielleistung von Sir Laurence Oliver braucht man nichts zu verlieren außer WUNDERBAR. Und dass obwohl die Zeit von Sir Laurence abgelaufen war und er sterbenskrank war. Auch dem Spiel des ewigen Dr. Loomis aus Halloween Donald Pleasence ist es ein Genuss anzusehen. Große Schauspielkunst der Truppe.

Trotz preiswerter Produktion ist die Ausstattung wunderbar. Hauptsächlich in Cornwall gedreht hat Dracula eindrucksvolle Locations: Die Irrenanstalt ist das Camelot Castle Hotel in Tintagel, Draculas Schloss ist St. Michael Berg, eine halbe Meile vor der Küste – es ist durch einen Damm verbunden – von Marazion an der Südwestspitze von Cornwall. Ungewöhnlich ist in einem Dracula-Film der Einsatz von Strom und sogar eines schnittigen Automobils. Hier bricht der Film wohltuend aus der Tradition der klassischen Filme aus, zeigt aber auch, dass Technik einen Grafen nicht zur Strecke bringen kann.

Die Innenausstattung orientiert sich derweil am Gothic Horror der alten Lugosi-Filme. Und auch wie bei Lugosi sieht der Zuschauer bei Langella keine Vampirzähne. Dennoch ist der Film keineswegs unblutig. Immer wieder schockieren den Zuschauer der Liebesgeschichte brutale Szenen, wie das Durchtrennen von Hälsen oder ein Genickbruch. Richtig angsteinflößend ist die lebende Tote Lucy. Hier hat später Francis Ford Coppola genau hingeschaut als er seine Dracula-Version drehte. Badhams Tote war nicht anmutig oder gar schön, sondern ihr zerfetztes Totenhemd mit zerfetzten bleichem Gesicht ist wahrlich erschreckend. Hier wurde die Maske von Linda Blair aus Exorzist von 1973 wieder aufgenommen. Der lebende Tote wird nicht romantisiert oder verkitscht, sondern es ist ein kalter, bleicher, muffiger Tod in nassen Gräbern. Der wahrhaftige Teufel ist in den Leib von Lucy gefahren – übrigens werden bei Badham die Rollen von Lucy und Mina vertauscht und auch die Familienverhältnisse geändert.

Ich hatte den Dracula-Film einstmals im Fernsehen gesehen und war damals enttäuscht. Es war mir als Jugendlicher zuviel Gefühl, zuviel Tragik im Film. Ich wollte Action, wie ich sie aus den Hammer-Filmen kannte. Vor allem Frauen erliegen der Faszination des dunklen Fürsten. Der bissige Gentleman als Herzensbrecher, der aber nur seine Interessen durchsetzen will. Der alte gierige Mann sucht sich junge Frauen aus, die er verführen und beherrschen kann. Und sie verfallen dem Manipulator willenlos. Der Liebesakt in Rot bedient gängige Klischees. Heute kann ich die vermittelte Tragik mit dem Leid besser verstehen und die 2009 veröffentlichte DVD-Fassung unterstützt die traurige Stimmung des Films noch mehr. Durch geschicktes Color-Grading wurde die Farbe im Film reduziert, so dass Dracula dunkel, leblos wirkt. Der Blutverlust des Films wirkt sich auf das Bild aus. Aus dem Film entweicht die Farbe, das Leben, die Freude. Die Stimmung der Szenerien überträgt sich auf den Zuschauer durch eine eindrucksvolle Kameraleistung von Gilbert Taylor, der schon mit Regiegenie Stanley Kubrick Dr. Seltsam, mit Polanski Macbeth und mit Hitchcock Familiengrab gedreht hat.

Aber den absoluten Kick des Films bringt der Score von John Williams. Der Soundtrack Dracula wird zu Höchstpreisen unter Sammlern gehandelt und wer ihn gehört hat, der weiß warum. Williams liefert einen Höhepunkt seines Schaffens ab. Star Wars, Indiana Jones, Superman und Jaws sind großartig – Dracula reiht sich in dieses Werk ein.

Für mich ist Dracula ein reifer Film für gereifte Zuschauer. Wer Trashkino braucht, der greift zu Wes Craven. Wer aber schaudern will, der greift zu John Badhams Dracula.

Dracula im Film 1: Bram Stoker´s Dracula 1992

10. März 2012

Durch das Lesen einer BA-Arbeit einer Bekannten zum Thema Vampire entdeckte ich meine alte Liebe zu Dracula-Filmen wieder. Sicherlich habe ich mindestens 50 verschiedene Verfilmungen des Stoffes von Bram Stoker auf DVD oder Blu ray. Künftig will ich in diesem Blog Zug um Zug über meine Dracula-Filmsammlung berichten. Ich loser Reihenfolge schaue ich mir immer wieder die Verfilmungen an und blogge darüber. Den Beginn macht die Francis Ford Coppola-Verfilmung Bram Stoker’s Dracula aus dem Jahr 1992.

Aus heutiger Sicht mutet der Film wie ein großer Videoclip an, damals hatte er mir im Kino gefallen, weil er sich zum einen relativ eng an die Vorlage von Bram Stoker hielt, zum anderem bildgewaltig dargestellt wurde. Nach wiederholten Ansehen bleibt die Faszination für das Set. Wer Kostüme liebt, wird diesen Film lieben und sieht über die Schwächen einiger Darsteller hinweg. Vor allem die Kostüme der japanischen Designerin Eiko Ishioka hatten und haben es mir bis heute angetan. Durch Coppola bekam ich Zugang zu dieser Designerin und verehre ihre Arbeit bis heute.

Der Film lebt von den Kostümen, die auch mit dem Oscar ausgezeichnet wurden. Viele bleiben mir in Erinnerung: Die rote Rüstung von Dracula, die Insektenähnlichen Klauen von Renfield, das echsenhafte Hochzeitskleid von Lucy oder das hochgeschlossene gedämpfte Kleid von Mina als die das erste Mal ihren Prinzen trifft. Farben spielen in diesem Film einer große Rolle. Das dunkle Rot der Rüstung, das lüsterne Orange von Lucys Nachgewand oder ihr erotisches, eng anliegendes Schlangenkleid beim Abendempfang, Dieses Set schafft Atmosphäre und beherrscht den Film. Ein letzter optischer Höhepunkt des Films war das Ende des Grafen. Imposant war das Reisedress von Dracula am Ende des Films – als hätte Gustav Klimt die Darsteller eingekleidet. Jugendstil pur. Mit dem Filmset verbunden war auch eine extrem eindringliche Kameraarbeit von Michael Ballhaus, garniert mit visuellen Effekten aus dem Höhepunkt der MTV-Zeit. Der Film beginnt mit einem optischen Leckerbissen: Der Graf tritt gegen die Türken an und schlachtet seine Feinde ab. Fast erinnerten die Szenen an alte Scherenschnitten oder die Rotovisionstechnik von Ralph Bashki aus „Herr der Ringe“. Dracula pfählt seine Gegner grausam, bis dieser zu einer List greifen. Aus dem Verteidiger der Kirche, wird in einer dramatischen Sequenz ein Geschöpf der Nacht. Er schwört Gott ab und versinkt in Blut.

Coppola versteht es, einen eindringlichen Dracula als Oper für das Kinos zu inszenieren, griff aber leider bei manchen Darsteller voll daneben. Zunächst die guten Darsteller: Dazu gehört ganz klar mein Liebling Tom Waits als Irrer Renfield. Wunderbar, wie er den zerrissenen Insassen des Irrenhauses spielt, Spinnen und Würmer vertilgt und sich in der fabelhaften Gefängniskleidung von Eiko Ishioka mit überlangen Armen in die Schauspielgeschichte spielt. Großartig. Auch die Leistung von Gary Oldman als Dracula sucht seinesgleichen. Er gibt eine sehr emotionale Interpretation des Grafen, sehr eindringlich. Oldman zeigt die Zerrissenheit der Figur sehr glaubwürdig.

Ganz und gar nicht auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, aber nicht negativ spielt Anthony Hopkins den Retter Abraham van Helsing. Zwar gibt er dem Professor eine eigene Interpretation, aber den Holländer nehme ich ihm nicht immer ab. Aber zumindest kopiert Hopkings nicht die großen van Helsing-Vorbilder, sondern sucht seinen eigenen Weg, schießt aber über das Ziel hinaus. Herzhaft lachen musste ich über die Ankunft van Helsing bei Lucy. Die Szene ist ähnlich des Auftretens von Max von Sydow beim Exorzist 1973. Der Retter kommt als Schatten – schönes Filmzitat. Und damit komme ich zur den beiden absoluten Fehlbesetzungen des Films: Wionna Ryder als Mina und Keanu Reeves als Jonathan Harker. Beide waren zur Zeit des Films absolute Superstars, bringen aber in Bram Stoker´s Dracula kein besondere Leistung. Wahrscheinlich wurden sie aufgrund ihrer damaligen Popularität von Coppola gewählt. Heute zeigt sich, dass die Figuren blas sind und hölzern durch die Szenen agieren. Wie gut hätte Dracula werden können, wenn die beiden Hauptdarsteller besser besetzt wären. Zumindest Ryder versucht gegen Ende etwas von Schauspiel, während der junge Reeves, der seine Frau an den alten Vampir verlor, mehr Kampf, mehr Spannung hätte zeigen können. Dracula ist schließlich auch ein Liebesfilm. Hier bitte mehr Konflikte, mehr Tiefe der Darsteller und Emotionen, wenn sich Mina von ihrem Mann abwendet und sich dem alten Grafen hinwendet.

Natürlich ist der Film aufgrund seiner Geschichte hoch erotisch und zeigt für einen US-Film viel Haut und sogar Brüste. Wer bei den entsprechenden Szenen genau hinsieht, sieht eine schöne Monica Bellucci in ihrem ersten US-Film als eine von Draculas Bräuten, nackt, sehr erotisch und wunderschön.

Alles in allem ist Bram Stoker’s Dracula einer der besseren Dracula-Verfilmungen. Francis Ford Coppola zeigte wieder, dass der einst junge Wilde es immer noch drauf hat. Mir macht der Film nach fast 20 Jahren immer noch Spaß. Sicherlich liegt es daran, weil sich Coppola immer wieder an Murnau orientiert hat. Coppola bezeichnete Nosferatu als beste Dracula-Verfilmung aller Zeiten.