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Privatkonzert in München: Addison Johnson – Wenn Country noch nach Leben, Sehnsucht und Wahrheit klingt

24. August 2026

Addison Johnson gehört zu jener Sorte von Country-Musikern, die daran erinnern, warum dieses Genre einmal so stark geworden ist: weil es Geschichten erzählt. Nicht Hochglanz, nicht kalkulierte Radioformeln und nicht das immer gleiche Spiel mit Trucks, Whiskey und großen Gesten stehen bei ihm im Mittelpunkt, sondern Menschen, Erfahrungen, Niederlagen, Sehnsüchte und die kleinen Wahrheiten des Alltags. Ich durfte diesen Sänger bei einem Privatkonzert in München erleben.

Johnson stammt aus North Carolina und lebt heute in Nashville. Seine musikalischen Wurzeln liegen tief im traditionellen Country, zugleich lässt er Americana, Bluegrass, Blues und Rock in seinen Sound einfließen. Gerade diese Mischung macht ihn interessant: Er passt nicht bequem in eine einzige Schublade. Seine eigene Beschreibung, er sei „zu Country für Americana und zu Americana für Country“, trifft seinen Platz zwischen den Welten ziemlich genau. Hier das Münchner Konzert:

Geprägt wurde Johnson früh von klassischer Country-Musik. Seine Großeltern hörten Künstler wie George Jones und Merle Haggard, später kamen Einflüsse von Waylon Jennings, Lefty Frizzell, Alan Jackson, Jerry Reed und auch Jim Croce hinzu. Entscheidend ist dabei weniger eine bestimmte musikalische Stilkopie als vielmehr eine Haltung: Ein guter Song braucht für Johnson Substanz. Country-Musik soll von wirklichem Leben handeln, von Druck, Scheitern, Hoffnung, Arbeit und von Entscheidungen, die nicht immer zu einem glücklichen Ende führen. Genau darin liegt seine Stärke. Johnson schreibt keine Songs, die eine künstliche Welt entwerfen, sondern kleine musikalische Kurzgeschichten, in denen Menschen mit ihren Widersprüchen sichtbar werden.

Sein Weg nach Nashville passt zu dieser Musik. Johnson zog aus North Carolina in die Hauptstadt der Country-Musik, ohne großes finanzielles Polster und ohne Garantie auf Erfolg. Auch davon erzählt er in seinem Privatkonzert. Er arbeitete unterschiedliche Jobs, schrieb Songs und versuchte, seinen Platz in einer Industrie zu finden, die häufig stärker an vermarktbaren Mustern als an Individualität interessiert ist. Rückblickend bezeichnete er diese Entscheidung als mit erheblichen persönlichen Opfern verbunden. Gerade deshalb entwickelte sich bei ihm der Anspruch, keine austauschbaren Songs lediglich für den schnellen kommerziellen Erfolg zu schreiben. Wichtiger sei es ihm, etwas zu schaffen, auf das er später stolz sein könne. Diese Unabhängigkeit ist nicht nur Teil seiner Außendarstellung, sondern prägt hörbar seine Musik.

Johnson ist vor allem ein Storyteller. Seine Songs funktionieren häufig wie kleine Filme. Figuren treten auf, Situationen werden skizziert, Beziehungen zerbrechen, Menschen suchen ihren Weg oder stehen vor den Folgen ihrer Entscheidungen. Dabei vermeidet er einfache moralische Lösungen. Das unterscheidet ihn von viel modernem Mainstream-Country, der Emotionen mitunter auf leicht konsumierbare Schlagworte reduziert. Bei Johnson dürfen Geschichten unbequem bleiben. Ein Lied muss nicht alles auflösen und schon gar nicht zwingend mit einem Happy End enden. In einem Interview über sein 2026 erschienenes Album The State I’m In erklärte er, dass ihn gerade jene Country-Songs interessieren, die nichts beschönigen und rohe menschliche Gefühle zulassen. Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

Schon mit Dark Side of the Mountain machte Johnson deutlich, wo er musikalisch steht. Das Album verband traditionellen Country mit dunkleren Geschichten und einer deutlich erzählerischen Ausrichtung. Sein zweites großes Album Dangerous Men von 2024 führte dieses Konzept weiter. Dort entwarf Johnson in mehreren Songs unterschiedliche Porträts dessen, was einen Menschen „gefährlich“ machen kann. Gerade diese Fähigkeit, aus einem übergeordneten Thema einzelne Charakterstudien zu entwickeln, zeigt seine Qualitäten als Songwriter.

Mit The State I’m In, veröffentlicht am 26. Juni 2026, wirkt Johnson noch einmal breiter aufgestellt. Das zwölf Songs umfassende Album bleibt tief im Country verwurzelt, öffnet sich aber stärker Richtung Rock und Blues. Gleichzeitig spielt das Leben eines unabhängigen Musikers eine wichtige Rolle. Der Titelsong ist dabei nicht nur autobiografisch zu verstehen. Johnson beschreibt darin das Unterwegssein, nächtliche Highways, Entfernung von zu Hause und die Entscheidung, einem Traum zu folgen, obwohl dieser Weg anstrengend und unsicher ist. Genau dadurch wird der Song universeller: Er handelt letztlich von jedem Menschen, der Vertrautes verlässt, um etwas zu erreichen, an das er glaubt.

Auch live erklärt sich ein wesentlicher Teil seiner Wirkung. Johnson ist kein Künstler, dessen Karriere ausschließlich über Streamingzahlen oder Social-Media-Reichweite funktioniert. Er ist ein Musiker der Straße und der Bühne. Laut seiner offiziellen Biografie spielt er regelmäßig mehr als 200 nationale und internationale Termine pro Jahr und ist auch in Europa unterwegs. Er trat als Support für zahlreiche etablierte Künstler auf und war Teil der Grand Ole Opry Front Porch Series. Gerade seine akustischen Auftritte werden als besonders unmittelbar beschrieben. Dort zeigt sich, dass seine Songs nicht auf große Produktionen angewiesen sind. Stimme, Gitarre und Geschichte reichen oft vollkommen aus.

Diese Nähe zum Publikum ist wichtig, weil Johnson ein Verständnis von Country-Musik vertritt, das auf Kommunikation beruht. Seine Musik will nicht beeindrucken, sondern erreichen. Hinter vielen Liedern steht die Beobachtung anderer Menschen oder eine eigene Erfahrung. Dadurch entsteht eine Glaubwürdigkeit, die sich schwer künstlich herstellen lässt. Man hört einen Musiker, der sich mit seinem Material identifiziert. Dabei ist seine Stimme nicht unbedingt auf spektakuläre Virtuosität ausgerichtet. Ihre Stärke liegt vielmehr in Ausdruck, Charakter und dem Gefühl, dass der Sänger tatsächlich etwas zu erzählen hat.

Besonders bemerkenswert ist dabei Johnsons Beharrlichkeit. Als unabhängiger Künstler bewegt er sich außerhalb der großen Maschinerie des Nashville-Mainstreams und muss Aufnahme, Vermarktung und Tourleben wesentlich stärker selbst tragen. Dass seine Veröffentlichungen trotzdem mehrfach hohe Positionen in den iTunes-Country-Charts erreichten, zeigt, dass es ein Publikum für diese Art von Musik gibt. Sein erstes Album erreichte nach Angaben seiner offiziellen Seite 2021 Platz drei, Dangerous Men startete 2024 sogar auf Platz zwei der iTunes-Country-Charts. Gleichzeitig wurden Songs von ihm auch von anderen Künstlern aufgenommen.

Addison Johnson steht deshalb für eine Form von Country-Musik, die Tradition nicht mit Stillstand verwechselt. Er verehrt die großen Erzähler des Genres, kopiert sie aber nicht. Stattdessen nimmt er deren Grundidee ernst: Ein Country-Song muss etwas über Menschen erzählen. Er darf traurig sein, widersprüchlich, humorvoll, hart oder verletzlich. Er darf nach Honky-Tonk klingen, nach Americana, nach Blues oder gelegentlich nach Rock – solange die Geschichte glaubwürdig bleibt.

Gerade in einer Zeit, in der Country-Musik weltweit wieder enorme Popularität erlebt und dabei immer stärker mit Pop, Rock und elektronischer Produktion verschmilzt, ist ein Künstler wie Addison Johnson wichtig. Er erinnert daran, dass die eigentliche Kraft des Genres nicht in Cowboyhüten oder stilistischen Klischees liegt, sondern im Erzählen. In drei Minuten kann ein guter Country-Song ein ganzes Leben sichtbar machen. Johnson beherrscht genau diese Kunst.

Vielleicht liegt darin seine größte Qualität: Addison Johnson will nicht der lauteste oder modischste Künstler in Nashville sein. Er möchte Songs schreiben, die bleiben. Musik über Menschen, die arbeiten, lieben, verlieren, zweifeln, aufbrechen und trotzdem weitermachen. Das klingt zunächst unspektakulär. Doch genau daraus entstand einmal die große Tradition der Country-Musik. Addison Johnson trägt sie weiter – nicht als Museumsstück, sondern als lebendige, ehrliche und überraschend zeitlose Musik.

Dominik Plangger live in Vintage Pub München 2025

6. Februar 2025

Ja, ich kenne den Künstler seit über 15 Jahren und seine Musik hat mich all die Jahre hindurch begleitet. Aber dieses Mal habe ich eine besondere Seite von Dominik Plangger erleben dürften. Anders als bisher auf großen Bühnen und Hallen mit zum Teil mehreren Hundert Zuschauern, habe ich den Südtiroler Musiker in einer Privatvorstellung im Münchner Vintage Pub von Mike Nagl genießen dürfen. Rund 60 Zuhörer waren in der engen Privatlocation als geschlossene Gesellschaft versammelt und lauschten der Darbietung.

Dominik Plangger stand auf einem kleinen Podest mit seiner Gitarre und seinem Liederheft und sang sich die Seele aus dem Leib. Es machte ihn sichtlich Spaß vor einem kleinem Kreis zu spielen. Dort konnte er wunderbar austesten, wie seine Anmerkungen zwischen seinen Songs ankamen und woran er noch arbeiten muss. Er spürte direkt, wie seine Erzählungen ankamen, wie er wo noch daran feilen musste und was zielsicher saß. Hier ist sein komplettes Konzert Teil 1 und Teil 2

Irgendwie fühlte ich mich in die Zeit der Singer-Songwriter versetzt. Mitte der sechziger Jahre gab es die Kaffeehaussänger in den USA. Die Musiker zogen von Café zu Café, sangen ein paar Songs und ließen den Hut herumgehen, bevor sie zum nächsten Aufritt eilten. So konnten sie Songs austesten, ob sie beim aufgeschlossenen Publikum ankommen. Es muss eine kreative interessante Zeit gewesen sein und diese Club-Atmosphäre kam in dem genialen Münchner Vintage Pub von Mike Nagl auf. Solche Orte gilt es zu bewahren und sei es auch nur als geschlossene Gesellschaft.

Dominik Plangger, der sonst mit seiner bezaubernden Frau auf der Bühne unterwegs ist, tauchte solo in das Publikum ein. Inzwischen hat er die Alben Ansichtshalber, Decennium, Hoffnungsstur und zuletzt Limes auf den Markt gebracht, er hat mit den großen der Szene wie Konstantin Wecker, Hannes Wader, Reinhard Mey und mehr gesungen und von ihnen gelernt. Welche Wirkung Musik haben kann, merkte man im Münchner Vintage Pub als Plangger die Klassiker „Heute hier, morgen da“ und „Gute Nacht Freunde“ anstimmte und der ganze Vintage Pub miteinstimmte.

Rechtzeitig vor 22 Uhr war die Show vorbei. Der Troubadour packte seine Gitarre ein, klappte sein Liederbuch zu und bereitete sich auf die weiteren Stationen seiner Tour vor. Daten gibt es auf der Website.

Konzert von Dominik Plangger im Wirtshaus im Schlachthof 2023

13. Februar 2023

Es tat gut, Dominik Plangger wieder mal Live und in Farbe zu sehen. Der Südtiroler Liedermacher präsentierte zusammen mit seiner Frau Claudia Fenzl im Münchner Wirtshaus im Schlachthof sein jüngstes Album ansichtshalber vor ausverkauften Plätzen. Es war nach zwei Jahren Corona ein Wiedersehen mit Freunden und es tat gut.

Ich kenne Dominik seit einigen Jahren. Auf der Wiese vor Kloster Banz war er 2011 Musiker bei den Songs an einem Sommerabend und ich durfte die Veranstaltung fotografisch dokumentieren. Der geniale Netzwerker Hans-Peter Niedermeier hatte den Kontakt hergestellt. Wir freundeten uns an und der Kontakt hat über die Jahre gehalten. Wenn es mir terminlich möglich war, dann besuche ich seine Konzerte und kann dies auch jedem anderen empfehlen, der ehrliche Musik mag: Ehrliche Musik von einem ehrlichen Typen. Ich habe später von der Hochzeit mit Claudia Fenzl gehört, habe nach der Geburt seiner bezaubernden Tochter ein langes Interview mit ihm geführt und auch während Corona ist meine Begeisterung für die Musik von Dominik Plangger nicht verloren gegangen.

In Corona-Zeiten gab er wie viele andere Musiker Wohnzimmerkonzerte. Das brachte zwar wenig Geld in die Familienkasse, dafür wuchs die Familie enger zusammen.

Aber jetzt ist Dominik Plangger wieder hungrig auf Tour zu gehen und wir als Publikum sind hungrig auf seine Lieder und seine Geschichten. Und nicht nur mir ging es so. Das Konzert im Münchner Schlachthof war restlos ausverkauft – ein Zeichen, dass trotz Pandemie die handgemachte Livemusik mit Gitarre und Geige einen enormen Stellenwert hat.

Ich mag das Wort Liedermacher nicht, weil es für mich zu sperrig klingt. Die Bezeichnungen Singer und Songwriter gefallen mir deutlich besser. Planggers Lieder handeln von Beziehungen, von Sehnsüchten, von seiner Heimat Südtirol, von Menschlichkeit und aktueller denn je: vom wertvollen Gut des Friedens.

So sitzt er auf der Bühne des Schlachthofs. Statt Mütze hat er einen Rolling Thunder Hut samt Feder auf dem Kopf. Blaue Jeans mit Hosenträger, Hemd mit Weste – er sieht den amerikanischen Folk-Sängern sehr ähnlich. Musikalisch ist er reifer geworden, vielleicht hat Corona sein Gitarrenspiel gefördert. Ich sitze in der ersten Reihe, schließe die Augen und genieße die Songs.

Zwischen den Liedern immer wieder kleine Geschichten, das Publikum hängt an seinen Lippen. Geschichten von Reisen nach Kanada wo es genauso aussieht wie in Südtirol, Geschichten von der Alm auf er drei Monate im Jahr Zeit verbringt oder eine nette Episode mit Wolfgang Ambros. Und wir können die Verliebtheit des Musikerpaares erleben. Immer wieder halten Dominik und Claudia Blickkontakt, er wirft ihr Komplimente zu und sie harmonieren auf der Schlachthof-Bühne wunderbar miteinander – menschlich und musikalisch.

Die Musiker spielen nicht nur die eigenen Songs. Die Lieder großer Vorbilder und Kollegen kommen auch zu Gehör: Georg Danzer, Warren Zevon und immer wieder Townes Van Zandt.

Und so gab es auch bei den Zugaben einen Überraschungsgast in Form von Mr Jones alias Jürgen Bichlmeier. Er ist meine persönliche Neuentdeckung des Abends. Plangger und Mr Jones trafen sich beim Townes Van Zandt International Festival in der Nähe von Mailand und harmonierten perfekt. Mal sehen, vielleicht fahre ich Pfingsten zu diesem Festival, denn die Musik von Townes Van Zandt darf nicht vergessen werden.