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Zwischen Krisen, Kraft und klaren Kanten: Markus Söder wirbt für ein starkes Bayern in unsicheren Zeiten

18. März 2026

Beim Internationalen PresseClub München hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor Journalisten und Gästen zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Stellung genommen. Im Mittelpunkt seines Auftritts standen die Folgen internationaler Krisen, die Lage der deutschen und bayerischen Wirtschaft, die Kommunalwahlen in Bayern sowie Fragen zur Energiepolitik.

Zu Beginn ging Söder auf die Kommunalwahlen ein und zeigte sich mit dem Abschneiden der CSU zufrieden. Trotz Zugewinnen der AfD habe sich die CSU in Bayern stabil gehalten. Zugleich betonte er, dass die Grünen in vielen Teilen Bayerns deutlich verloren hätten. In München verwies Söder auf die laufende Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt und erklärte, dass er sich persönlich heraushalte, zugleich aber Verständnis für die Empfehlung der Münchner CSU habe, Amtsinhaber Dieter Reiter zu unterstützen. Kommunalwahlen seien heute stark von Persönlichkeiten geprägt. Die CSU könne in jeder Stadt gewinnen, aber auch in jedem Dorf verlieren, sagte Söder. Hier die komplette Veranstaltung

Mit Blick auf die AfD bekräftigte der Ministerpräsident seine ablehnende Haltung gegenüber einer Zusammenarbeit. Es gebe in Bayern keine Kooperation mit der AfD, weder auf kommunaler noch auf anderer Ebene. Zur Begründung verwies er nicht nur auf programmatische Unterschiede, sondern vor allem auf das Demokratieverständnis, die Sprache und das Personal der Partei. Gleichzeitig warnte Söder davor, die AfD allein mit moralischer Abgrenzung bekämpfen zu wollen. Wer Probleme nicht löse, sondern nur über die AfD rede, stärke sie am Ende eher. Entscheidend sei es, bei Themen wie Migration, innerer Sicherheit und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit konkrete Lösungen anzubieten.

Ein zentrales Thema seines Auftritts war die wirtschaftliche Lage. Söder zeichnete das Bild einer Welt im Dauerkrisenmodus, verwies aber zugleich darauf, dass Krisen auch früher zum politischen Alltag gehört hätten. Neu sei heute vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich Entwicklungen zuspitzen und medial verbreiten. Mit Sorge blickte er auf die Belastungen für die exportorientierte bayerische Wirtschaft. Zölle, hohe Energiepreise, internationale Konflikte und strukturelle Schwächen der deutschen Industrie träfen Bayern besonders, weil der Freistaat stark von Maschinenbau, Autoindustrie und Chemie geprägt sei. Söder warnte vor Steuererhöhungen und sprach sich stattdessen für Steuersenkungen aus, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken.

Ausführlich äußerte sich Söder auch zur Energiepolitik. Deutschland brauche mehr Energie, nicht weniger, sagte er. Angesichts von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Rechenzentren, Elektromobilität und neuer industrieller Entwicklungen werde der Strombedarf in den kommenden Jahren weiter deutlich steigen. Deshalb dürfe sich Deutschland nicht auf einzelne Energieformen beschränken. Söder sprach sich zwar für einen weiteren Ausbau erneuerbarer Energien aus, verwies aber zugleich auf Gaskraftwerke, neue Technologien und die Notwendigkeit, alle Optionen offen zu halten. Dabei warb er auch für eine neue Debatte über sogenannte Small Modular Reactors, also kleine modulare Atomreaktoren. Die klassischen großen Kernkraftwerke seien aus seiner Sicht kein realistisches Zukunftsmodell mehr, bei kleineren Reaktoren und neuen Formen der Kerntechnik wolle Bayern aber in Forschung und Entwicklung vorn mit dabei sein. Auch auf Kernfusion setzte Söder große Hoffnungen. Bayern wolle hier eine führende Rolle einnehmen und strebe an, Standort für neue Demonstrationsprojekte zu werden.

Im Zusammenhang mit den stark gestiegenen Spritpreisen infolge der Krise im Nahen Osten sprach Söder sich für schärfere kartellrechtliche Eingriffsmöglichkeiten aus. Es sei nicht akzeptabel, dass die Preise schon stiegen, bevor sich eine tatsächliche Verknappung beim Rohstoff bemerkbar mache. Zugleich verteidigte er die von ihm durchgesetzte Erhöhung der Pendlerpauschale und brachte erneut ins Gespräch, staatliche Mehreinnahmen aus höheren Energiepreisen an die Bürger zurückzugeben. Die CO2-Bepreisung sei davon allerdings zu unterscheiden. Hier sprach sich Söder grundsätzlich dafür aus, zusätzliche Belastungen für Unternehmen zu begrenzen, um Wettbewerbsnachteile gegenüber China und den USA zu vermeiden.

Mit Blick auf die internationale Lage äußerte Söder Verständnis für das Vorgehen Israels im Nahen Osten und bezeichnete das iranische Regime als eines der schlimmsten der Welt. Zugleich zeigte er sich unsicher, welche Strategie die USA in der Region langfristig verfolgten. Die Sperrung der Straße von Hormus und die daraus resultierenden Folgen für die Energiepreise bereiteten ihm Sorgen. Unabhängig davon mahnte er, den Krieg in der Ukraine nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Leistungen der Ukrainer bezeichnete er als nahezu übermenschlich. Deutschland und Europa müssten deshalb weiter an ihrer Verteidigungsfähigkeit arbeiten und insbesondere den Schutz der östlichen Partner ernst nehmen.

Auch auf innenpolitische und gesellschaftliche Fragen ging Söder ein. Er betonte die Bedeutung von Ehrenamt, Vereinen, Feuerwehren und kommunalem Engagement in Bayern. Die Vorstellung eines weitgehenden gesellschaftlichen Rückzugs in private Räume teile er nicht. Bayern sei nach wie vor stark von bürgerschaftlichem Engagement geprägt. Zugleich hob er die Bedeutung direkter Begegnungen hervor und verteidigte seine starke Präsenz in sozialen Medien als zeitgemäße Form politischer Kommunikation. Diese könne das persönliche Gespräch nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen.

Kritisch äußerte sich Söder erneut zum Länderfinanzausgleich. Bayern trage dort eine aus seiner Sicht überproportionale Last. Der Freistaat zahle inzwischen den größten Teil des Volumens und wolle deshalb weiter rechtlich gegen die bestehende Regelung vorgehen. Bayern sei wirtschaftlich stark genug, um eigenständig bestehen zu können, sagte Söder in einem scherzhaft formulierten, aber bewusst zugespitzten Seitenhieb auf die bundesstaatlichen Finanzstrukturen.

Insgesamt präsentierte sich Söder im PresseClub als Politiker, der auf technologische Modernisierung, wirtschaftliche Stärke und politische Handlungsfähigkeit setzt. Er warb für mehr Mut zu Zukunftstechnologien, schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und eine Politik, die Probleme nicht verwalte, sondern aktiv löse. Seine zentrale Botschaft lautete, dass Bayern in einer unsicherer gewordenen Welt nur dann stark bleibe, wenn es wirtschaftlich leistungsfähig, technologisch mutig und politisch entschlossen handle.

Zwischen Schutz und Wirklichkeit: Söder warnt vor vorschnellen Social-Media-Verboten

17. März 2026

Ein möglicher Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche sieht Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mit spürbarer Skepsis. Beim Auftritt im Internationalen PresseClub München machte er am Montag, 16. März 2026 deutlich, dass er zwar grundsätzlich Verständnis für mehr Kinder- und Jugendschutz im Netz habe, pauschale Verbotsforderungen aber für zu einfach halte. Alles, was derzeit diskutiert werde, müsse zunächst technisch sauber umsetzbar und in seinen Folgen durchdacht sein. Ich stellte ihm die Frage nach einem möglichen Social Media Verbot.

Söder verwies darauf, dass es bereits heute Altersbeschränkungen auf vielen Plattformen gebe, diese in der Praxis aber nur schwer kontrollierbar seien. Die entscheidende Frage sei deshalb, wie ein Verbot oder eine strengere Altersgrenze tatsächlich durchgesetzt werden solle. Wenn dafür etwa Personalausweise vorgezeigt oder digitale Identitäten hinterlegt werden müssten, stelle sich sofort die nächste Frage: Was geschehe dann mit den Daten von Kindern und Jugendlichen? Für Söder ist das ein Hinweis darauf, dass die Debatte komplizierter ist, als es manche politische Forderung vermuten lassen.

Zugleich warnte er davor, vorschnell mit starren Altersgrenzen oder Totalverboten zu arbeiten. Die Diskussion wirke auf ihn bislang „unterkomplex“, weil viele, die besonders laut über Social-Media-Verbote redeten, aus seiner Sicht selbst kaum in dieser digitalen Welt verankert seien. Söder kündigte an, mögliche Vorschläge in Ruhe prüfen zu wollen, verwies dabei aber auch auf internationale Erfahrungen. In Australien etwa zeige sich bereits, dass solche Regeln leicht umgangen werden könnten. Das könne am Ende sogar zu einem noch problematischeren Zustand führen, weil Verbote zwar auf dem Papier stünden, in der Lebenswirklichkeit junger Menschen aber kaum wirksam seien.

Besonders wichtig war Söder in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die gesellschaftliche Funktion sozialer Medien. Sie seien längst nicht nur Freizeitplattformen, sondern auch Orte der Kommunikation, der Vernetzung und des Engagements. Gerade im Ehrenamt und bei der Nachwuchsgewinnung spielten sie eine wichtige Rolle. Deshalb dürfe man Social Media nicht allein als Problem betrachten, sondern müsse auch sehen, welche Bedeutung diese Kanäle heute für Vereine, Jugendliche und die gesellschaftliche Teilhabe hätten.

Insgesamt plädierte Söder für einen pragmatischen statt symbolischen Umgang mit dem Thema. Kinder- und Jugendschutz müsse ernst genommen werden, aber einfache Verbotsdebatten reichten nicht aus. Aus seiner Sicht braucht es Lösungen, die sowohl technisch realistisch als auch datenschutzrechtlich tragfähig sind und die digitale Lebenswirklichkeit junger Menschen nicht ignorieren.

Buchkritik: London After Midnight – das Standardwerk zum Lost Film von Daniel Titley

15. März 2026

Daniel Titleys Buch London After Midnight – The Lost Film nähert sich einem der berühmtesten verlorenen Filme der Filmgeschichte nicht über Mythen oder Sensationslust, sondern über sorgfältige Rekonstruktion, Quellenarbeit und kritische Einordnung. Statt den verschollenen Stummfilm von 1927 linear nachzuerzählen, versammelt Titley thematisch gegliederte Essays, die gemeinsam ein möglichst vollständiges Bild eines Werks zeichnen, das heute nur noch in Fragmenten existiert – und gerade dadurch zur Legende wurde. Das Buch war wunderbares Weihnachtsgeschenk meiner Frau.

Zu Beginn widmet sich das Buch der Entstehungsgeschichte von London After Midnight. Ausführlich beleuchtet werden Tod Brownings Arbeitsweise, Lon Chaneys berühmte Doppelrolle, die Produktionsbedingungen bei MGM sowie die Einordnung des Films in die Horror- und Mysterylandschaft der 1920er-Jahre. Deutlich wird dabei, dass es sich nicht um einen klassischen Vampirfilm handelte, sondern um ein kriminalistisches Täuschungsspiel, das Horrormotive gezielt einsetzte, um Figuren und Publikum zu manipulieren. Chaneys ikonische Erscheinung mit Zylinder und spitzen Zähnen war demnach keine übernatürliche Figur, sondern Teil eines inszenierten Betrugs innerhalb der Handlung.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der zeitgenössischen Rezeption. Anhand von Kritiken, Pressemeldungen und Werbematerial zeigt Titley, dass der Film bei seinem Erscheinen zwar als unheimlich und ungewöhnlich wahrgenommen wurde, jedoch keineswegs als Meisterwerk galt. Erst sein späteres Verschwinden verlieh ihm den besonderen Status. Die nachträgliche Aufladung als „größter verlorener Horrorfilm“ ist somit weniger Ergebnis seiner damaligen Wirkung als vielmehr ein Produkt der Filmgeschichte im Rückblick.

Zentral für das Buch ist die detaillierte Auseinandersetzung mit dem Verlust des Films. Titley rekonstruiert, wie Kopien nach und nach verschwanden und warum gerade der MGM-Archivbrand von 1965 in Culver City das endgültige Ende bedeutete. Ursache des Feuers war das hochentzündliche Nitrocellulose-Material, das bei mangelhaften Lagerbedingungen leicht zur Selbstentzündung neigte. Der Brand zerstörte Hunderte von Filmen, London After Midnight war nur eines von vielen Opfern – wurde aber erst im Nachhinein zum Symbol aller „lost films“. Titley zeigt nüchtern, dass hier weder ein Fluch noch besondere Fahrlässigkeit im engeren Sinn vorlagen, sondern die damals übliche Geringschätzung alter Stummfilme als Kulturgut.

Einen großen Raum nimmt die Analyse der erhaltenen Fragmente ein. Standfotos, Drehbuchreste, Zensurunterlagen und zeitgenössische Inhaltsangaben werden ausgewertet, um den wahrscheinlichen Ablauf des Films zu rekonstruieren. Diese Rekonstruktion bleibt bewusst fragmentarisch, erlaubt aber erstaunlich präzise Aussagen über Dramaturgie, Figurenkonstellationen und Auflösung. Besonders hervorgehoben wird Chaneys Doppelrolle als Schlüssel zum Thema Identität und Täuschung – ein früher Ansatz psychologischen Horrors, der ohne echte Monster auskam.

Ebenso gründlich widmet sich Titley der Mythenbildung. Hartnäckige Legenden über mysteriöse Todesfälle, geheime Privatkopien oder wahnsinnige Zuschauer werden systematisch überprüft und widerlegt. Weder Lon Chaneys früher Tod noch Tod Brownings Biografie noch angebliche Vorführungsdramen halten einer quellenkritischen Prüfung stand. Auch die Frage nach dem „letzten Zuschauer“ des Films beantwortet das Buch nüchtern: Es gibt keinen belegten letzten Zeugen. Am wahrscheinlichsten ist, dass der Film zuletzt routinemäßig von anonymen MGM-Archivmitarbeitern gesehen wurde – ohne jedes Bewusstsein für seine spätere Bedeutung.

Abschließend weitet das Buch den Blick auf die Bedeutung verlorener Filme insgesamt. London After Midnight dient als exemplarischer Fall dafür, wie fragmentarisch Filmgeschichte überliefert ist und wie Forschung, Archivarbeit und Imagination zusammenwirken müssen, um kulturelles Erbe zumindest gedanklich zu bewahren. Titleys Ansatz ist dabei vorbildlich: transparent, kritisch und frei von Spekulation.

In der Summe liefert London After Midnight – The Lost Film kein endgültiges Bild des Films – und will es auch nicht. Stattdessen entsteht eine dichte Annäherung an ein Werk, das weniger durch das, was man sehen kann, berühmt wurde, als durch das, was fehlt. Das eigentliche Mysterium ist nicht der Film selbst, sondern die Legende, die aus seinem Verschwinden entstanden ist.

Warum ist das Buch so wichtig für uns Filmfreunde?

  1. Entzauberung des Vampir-Mythos
    Ein zentrales Highlight ist die klare Erkenntnis, dass London After Midnight kein klassischer Vampirfilm war. Titley zeigt überzeugend, dass es sich um ein kriminalistisches Täuschungsspiel handelte, in dem Horrorästhetik bewusst eingesetzt wurde, um Figuren (und Publikum) zu manipulieren.
  2. Neue Rekonstruktion des Filmablaufs
    Anhand von Standfotos, Zensurprotokollen, Drehbuchfragmenten und Pressematerial rekonstruiert Titley den wahrscheinlichen Szenenablauf des Films erstaunlich detailliert – inklusive Rollenverteilungen, Spannungsbögen und Auflösung.
  3. Seltene und teils unveröffentlichte Bildquellen
    Das Buch enthält außergewöhnlich viel seltenes Bildmaterial, darunter alternative Standfotos und Varianten bekannter Motive. Diese zeigen, wie stark Chaneys Maskenarbeit mit Licht, Pose und Kameraeffekt spielte.
  4. Kritische Demontage von Legenden
    Titley räumt systematisch mit jahrzehntelangen Gerüchten auf: angebliche Privatkopien, geheime Vorführungen oder mysteriöse Todesfälle im Umfeld des Films werden quellenkritisch widerlegt.
  5. Neubewertung der zeitgenössischen Kritik
    Ein überraschender Punkt: Zeitgenössische Rezensionen waren durchwachsen bis nüchtern. Erst der Verlust des Films machte ihn zur Ikone – ein starkes Beispiel dafür, wie Filmgeschichte rückwirkend verklärt wird.
  6. Lon Chaneys Doppelrolle als Schlüsselidee
    Besonders hervorgehoben wird Chaneys Spiel mit Identität: Seine Doppelrolle verstärkt das Thema der Täuschung und macht den Film zu einem frühen Beispiel für psychologischen Horror statt Monsterkino.
  7. Bedeutung für die Lost-Film-Forschung
    Das Buch gilt als Musterbeispiel dafür, wie man einen verlorenen Film wissenschaftlich behandelt: nicht spekulativ, sondern fragmentarisch, kritisch und transparent.
  8. Warum gerade dieser Film zur Legende wurde
    Titley zeigt, dass es weniger der Film selbst als vielmehr das ikonische Einzelbild (Zylinder, spitze Zähne, starre Augen) war, das sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Das größte Highlight des Buches ist seine Haltung: Es versucht nicht, London After Midnight künstlich zum Meisterwerk zu erklären, sondern macht verständlich, warum ein verlorener, mittelmäßig rezipierter Film zum berühmtesten Phantom der Filmgeschichte werden konnte.

Die angeblichen „mysteriösen Todesfälle“ im Umfeld von London After Midnight gehören zu den hartnäckigsten Legenden – und genau diese nimmt Daniel Titley im Buch sehr gründlich auseinander. Wichtig vorweg: Keiner dieser Fälle hält einer seriösen historischen Prüfung stand.

Die wichtigsten behaupteten Mysterien – und was wirklich dahintersteckt habe ich mal aufgeführt und reflektiert.

  1. Lon Chaneys früher Tod (1930)
    Oft wird behauptet, Chaney sei „kurz nach dem Film“ unter mysteriösen Umständen gestorben oder habe sich für die Rolle gesundheitlich ruiniert.
    Falsch: Chaney starb drei Jahre später an den Folgen von Kehlkopfkrebs, begünstigt durch jahrzehntelanges Rauchen und frühere gesundheitliche Probleme. Es gibt keinen Zusammenhang mit London After Midnight. Titley zeigt, dass diese Erzählung erst nach dem Verlust des Films entstand.
  2. Tod Brownings angebliche „dunkle Phase“
    Manche Artikel suggerieren, der Regisseur sei nach dem Film psychisch abgestürzt oder vom Stoff „verfolgt“ worden.
    Falsch: Browning hatte bereits lange vor dem Film Alkoholprobleme und ein schwieriges Privatleben. Seine Karriere verlief weiter erfolgreich (u. a. Dracula, 1931). Die Verbindung zum Film ist nachträgliche Dramatisierung.
  3. Unbenannte Todesfälle im Cast oder Umfeld
    Es kursieren immer wieder vage Behauptungen, mehrere Beteiligte seien „unter seltsamen Umständen“ gestorben.
    Falsch: Titley überprüft Cast- und Crewlisten systematisch. Die Todesfälle, die sich nachweisen lassen, waren alters- oder krankheitsbedingt und lagen teils Jahrzehnte später. Keine Häufung, keine Auffälligkeiten.
  4. Der MGM-Archivbrand als „Fluch“
    Das Feuer von 1965, bei dem der letzte bekannte Print zerstört wurde, wird oft als Teil einer „unheilvollen Geschichte“ erzählt.
    Falsch: Archivbrände waren bei Nitrofilm leider häufig. London After Midnight war eines von Hunderten verlorenen Werken. Die Sonderstellung entstand erst im Nachhinein.
  5. Mord- und Wahnsinnsgerüchte rund um Vorführungen
    In Fanmagazinen und später im Internet tauchten Geschichten auf, Zuschauer seien nach Sichtungen psychisch zusammengebrochen oder hätten Verbrechen begangen.
    Falsch: Keine einzige Quelle aus der Zeit belegt solche Vorfälle. Titley weist nach, dass diese Geschichten aus späteren Horror-Fanzines stammen.

Das eigentliche „Mysterium“ ist nicht ein realer Todesfall, sondern die Mythenbildung selbst. Je weniger vom Film existierte, desto stärker wurde er mit Fluch-Narrativen,okkulten Untertönen und Todes- und Wahnsinnsgeschichten aufgeladen.
Aber: Es gab keine mysteriösen Todesfälle im Umfeld von London After Midnight.
Was es gab, war ein verlorener Film, ein ikonisches Bild – und Jahrzehnte später ein perfekter Nährboden für Legenden.

Ich bin sehr dankbar für dieses Buch und wünsche mir mehr davon. Und ich bin erstaunt, welche Wirkung der Film heute noch hat. Als ich am 1. April einen Aprilscherz machte, explodierte das Netz. Ich erfand eine Geschichte, dass eine komplette Kopie von London After Midnight aufgetaucht sei. Aber ich hatte gelogen. Was wäre es für eine schöne Geschichte geworden!

Frei vom Kabelsalat: Warum mich das UGREEN-Set begeistert

14. März 2026

Bisher hatte ich auf meinem Seminaren das schwarze Kästchen Apple TV dabei, um eine kabellose Verbindung zu einem HDMI-Beamer aufzubauen. Im Moment nutze ich das UGREEN kabellose USB-C-zu-HDMI-Übertragungsset. habe große Freude daran und kann es für Präsentationen ausdrücklich empfehlen.

Das UGREEN kabellose USB-C-zu-HDMI-Übertragungsset revolutioniert die drahtlose Bildübertragung für moderne Geräte und bietet eine elegante Alternative zu umständlichen Kabeln, die oft im Weg sind oder die Mobilität einschränken. Dieses Kit besteht aus einem kompakten, magnetischen USB-C-Sender und einem HDMI-Empfänger, die zusammen ein Plug-and-Play-System bilden, das Bildsignale bis zu 1080p@60Hz in Full-HD-Qualität überträgt – gestochen scharf, flüssig und farbintensiv, ohne spürbare Verzögerungen. Es eignet sich hervorragend für Business-Meetings, Präsentationen in Schulungsräumen, Home-Entertainment oder Gaming, wo Flexibilität gefragt ist, und überbrückt Entfernungen bis zu 50 Metern im 5,8-GHz-Band, solange keine dicken Wände oder Störquellen dazwischenfunken. Klar, Apple TV liefert 4K, aber in der Praxis für Präsentationen brauche diese Auflösung nicht.

Der Sender haftet dank magnetischem Design nahtlos an der Rückseite von Smartphones wie iPhone 15/16/17 oder Tablets und steckt sich mühelos mit dem Empfänger zusammen für sicheren Transport – ein cleverer Twist, der das Set reisetauglich macht. Keine Apps, kein Bluetooth-Pairing, kein WLAN nötig: Einfach Sender an USB-C-Gerät (MacBook, iPad, Galaxy S24/25, PC, Kamera) stecken, Empfänger via HDMI an TV oder Beamer hängen und per USB-C mit Strom versorgen – die Kopplung startet automatisch in Sekunden. Ein Knopfdruck wechselt zwischen Spiegelmodus (Duplizierung des Bildschirms) und erweitertem Desktop, was Multitasking erleichtert. Besonders praktisch: Der Sender unterstützt bis zu 60 Watt Power Delivery (PD), sodass das Gerät während der Übertragung durchlädt – ideal für lange Sessions ohne Akku-Sorgen.

UGREEN, bekannt für sinnvolle Zubehör-Qualität, liefert hier ein breites Kompatibilitäts-Spektrum: Windows, macOS, Linux, iOS, Android – solange das Gerät DisplayPort Alternate Mode via USB-C beherrscht. Die Wärmeentwicklung erscheint mir niedrig und die Verarbeitung als hochwertig, ähnlich wie bei anderen UGREEN-Produkten wie Adaptern oder Powerbanks, die oft für Zuverlässigkeit gepriesen werden. Schwächen sind sicher die fehlende 4K-Unterstützung oder Sensibilität gegenüber Interferenzen liegen, aber für 1080p-Alltagsnutzung ist es ein Game-Changer, der Kabelsalat eliminiert und Präsentationen unkompliziert macht.

Erinnerungen an Fukushima durch Manga Faktor 1F

12. März 2026

Gestern jährte sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum 15. Mal und dieses Ereignis hat die Welt verändert. Ich habe diesen Tag besonders gedacht und Manga zu diesem Ereignis gelesen. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 bildet den Hintergrund der Manga‑Reihe „Faktor 1F“ („Ichi‑F“). Am 11. März 2011 löste ein schweres Erdbeben einen Tsunami aus, der die Anlage Fukushima I überschwemmte; die Wellen zerstörten die Stromversorgung der Reaktoren, die Kühlung fiel aus, Brennstäbe überhitzten und es kam zu Kernschmelzen mit Wasserstoffexplosionen. Die Region wurde radioaktiv verseucht, rund 160 000 Menschen mussten evakuiert werden, und die Aufräumarbeiten werden voraussichtlich noch Jahrzehnte dauern. In diesem Zusammenhang erschien zwischen 2013 und 2015 in Japan der dokumentarische Manga „Ichi Efu: Fukushima Daiichi Genshiryoku Hatsudensho Rōdōki“, der im Deutschen als „Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima“ veröffentlicht wurde. Die Serie gewann 2013 den Manga‑Open‑New‑Face‑Preis, wurde in der Zeitschrift Morning serialisiert und später in drei Bänden herausgebracht; das erste Buch verkaufte sich in Japan innerhalb von zwei Wochen etwa 170 000 Mal. Die Teile in Deutsch gibt es hier, hier und hier

Der Autor Kazuto Tatsuta ist ein Pseudonym. Er hatte vor der Katastrophe Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen, nahm dann eine Stelle als Aufräumarbeiter im Reaktor F1 an und dokumentierte seine Eindrücke. Um seine erneute Anstellung nicht zu gefährden, verbarg er seine Identität; auch die deutsche Ausgabe enthält ein Vorwort, in dem er erklärt, dass er weder die Regierung noch den Betreiber TEPCO kritisieren will, sondern nur erzählen möchte, was er erlebt hat – ähnlich wie ein Soldat nach dem Krieg. Diese Haltung macht seine Erzählung ungewöhnlich nüchtern. Hier ein Podcast von Google NotebookLM.

Die Handlung beginnt gut ein Jahr nach der Dreifachkatastrophe. Tatsuta führt die Leser in das geisterhaft verlassene Sperrgebiet und die monströsen Ruinen des zerstörten Kraftwerks; Lagepläne und Legenden der einzelnen Räume wirken wie technische Zeichnungen. Das dreibändige Werk ist keine dramatisierte Thriller‑Story, sondern eine Aneinanderreihung von Vignetten, in denen Tatsuta seine Arbeitswelt schildert. Er beschreibt akribisch, wie schwierig es war, überhaupt eine Stelle zu bekommen, wie irritiert sein Umfeld reagierte und welche Hürden die Bürokratie und das mehrstufige System aus Subunternehmen aufstellten. Die Zeichnungen entstanden während der Pausen direkt in Fukushima, was dem Manga eine dokumentarische Authentizität verleiht.

Den Schwerpunkt legt Tatsuta auf die alltägliche Arbeit, nicht auf spektakuläre Szenen. Er schildert, wie Arbeiter ihre Zeit in kleinen, überfüllten Zimmern verbringen und oft tagelang warten müssen, bis sie überhaupt eingesetzt werden können; erst nach der Hälfte des Bandes wird er als Arbeiter eingesetzt und soll lediglich Aufenthaltsräume herrichten. Er beschreibt die Hitze und den Schweiß unter den Schutzanzügen, die eingeschränkte Beweglichkeit und die ständige Wiederholung von An‑ und Ausziehen, Strahlenmessung und Pausen. Der eigentliche Schrecken liegt für ihn nicht in der Radioaktivität, sondern in banalen, körperlich quälenden Problemen: Durst, Hitzeschläge, juckende Haut. Tatsuta hält die Strahlung für „ehrlich“ – ein berechenbares, mathematisch quantifizierbares Risiko . Gefährlicher seien menschliche Faktoren wie Missmanagement, Medienpanik und das mafiöse Subunternehmersystem. Diese Einstellung unterscheidet sein Werk von vielen kritischen Fukushima‑Narrativen; manche Leser sehen darin Naivität oder regierungsnahe Propaganda, andere schätzen den Einblick in die reale Arbeitswelt ohne ideologische Schlagseite. So hab ich es auch gesehen.

Die grafische Umsetzung ist unspektakulär. Der Zeichenstil entspricht dem zurückhaltenden Realismus eines Seinen‑Mangas; Diagramme und erklärende Texte wirken wie eine Bedienungsanleitung und verdeutlichen Tatsutas Liebe zum Detail. Dieser sachliche Ton lässt Emotionen weitgehend außen vor, vermittelt aber ein Gefühl für die Monotonie und den „endlosen Alltag“ im verseuchten Kraftwerk. Kritiker loben die genaue Darstellung der Ausrüstung, der Sicherheitsprozeduren und der Schutzmaßnahmen, bemängeln aber die fehlende narrative Spannung und die Abwesenheit politischer Einordnung. Das Buch ist eher „Arbeitsplatz‑Slice‑of‑Life“ als Katastrophendrama.

Gleichwohl bietet „Faktor 1F“ einen einzigartigen Blick auf den Schrecken der Atomkatastrophe. Durch die Nüchternheit seiner Darstellung wird der Horror der verlassenen Ruinen, der verstrahlten Umwelt und der entwurzelten Menschen umso eindringlicher. Die Ghost Town, in die Tatsuta den Leser führt, ruft die Bilder des Super‑GAUs wach, bei dem Reaktorgebäude explodierten und riesige Stahlbetonskelette zurückblieben. Gleichzeitig erinnert er daran, dass hinter den Katastrophenmeldungen Menschen stehen, die in unwürdigen Verhältnissen arbeiten, sich gegenseitig stützen und versuchen, eine gewisse Normalität zu finden. Seine neutrale Haltung – er dokumentiert den Glauben vieler Japaner, dass Atomkraft beherrschbar sei  – fordert europäische Leser heraus, ihre eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. Heute haben wir in Bayern wieder die Forderung des Ministerpräsidenten nach der Rückkehr zur vermeindlich sicheren Atomkraft, nachdem man noch vor Jahren den Ausstieg propagierte. Gerade weil der Manga keine klaren Botschaften liefert, sondern Beobachtungen, eröffnet er einen Raum für Reflexion über Technikgläubigkeit, Arbeitsausbeutung und die menschlichen Konsequenzen von Atomkatastrophen.

Insgesamt empfand ich „Faktor 1F“ als keine leichte Lektüre. Der Manga verlangt Geduld und Interesse an technischen Details, bietet dafür aber ein dichtes Dokument der Nachsorge in Fukushima. Wer einen spannungsreichen Katastrophen‑Comic erwartet, wird enttäuscht sein; wer hingegen eine authentische, ungeschönte Sicht auf den Alltag der Arbeiter sucht, wird reich belohnt. Die Serie zeigt, dass der Schrecken der Atomkatastrophe nicht nur in Explosionen und Strahlenwerten liegt, sondern auch in der Monotonie, der hitzebedingten Ohnmacht und der Perspektivlosigkeit der Menschen vor Ort – und sie macht deutlich, wie wichtig es ist, diese individuellen Geschichten neben den statistischen Angaben zu hören. Und der Manga hat mich wieder zum Nachdenken gebracht und brachte mir die schrecklichen Bilder von damals vor Augen. Japan stand damit einige Jahre nicht mehr auf meinem Reiseprogramm.

Podcast: Ein Ort mit Seele: Die Gemeindebücherei Maisach startet ihren Seitensprung

11. März 2026

Mit der Premiere von „Seitensprung – Der Videopodcast der Gemeindebücherei Maisach“ ist ein neues Format gestartet, das Lust auf Bücher, Begegnungen und Kultur vor Ort machen soll. Zum Auftakt sprachen Büchereileiterin Beate Seyschab und Matthias J. Lange von redaktion42 in lockerer Atmosphäre über das, was die Gemeindebücherei heute ausmacht: Sie ist längst nicht mehr nur ein Ort zum Ausleihen von Büchern, sondern auch Treffpunkt, Veranstaltungsraum und Kommunikationszentrum. Hier der Videopodcast:

Schon zu Beginn wurde deutlich, wie lebendig der Alltag in der Bücherei ist. Aktuell läuft dort eine Osterdekobörse, bei der Bürgerinnen und Bürger österliche Dekoration bringen, tauschen oder mitnehmen können. Seyschab berichtete, dass dieses Prinzip bereits bei der Weihnachtsdekoration sehr gut funktioniert habe und auch jetzt wieder rege angenommen werde. Besonders wichtig sei dabei nicht nur das Tauschen selbst, sondern auch das Miteinander: Gerade im Eingangsbereich entstünden immer wieder Gespräche, die die Bücherei zu einem Ort der Begegnung machten.

Im Gespräch wurde auch ein Blick auf das umfangreiche Angebot der Gemeindebücherei geworfen. Neben klassischen Büchern gehören dazu Zeitschriften, DVDs für Kinder und Erwachsene, Hörbücher und Musik-CDs. Ergänzt wird das Angebot durch digitale Medien im Online-Verbund, darunter E-Books, E-Audios und weitere elektronische Formate. Seyschab machte damit deutlich, dass die Bücherei längst sowohl analog als auch digital aufgestellt ist.

Ein besonderer Publikumsmagnet sind derzeit die sogenannten Tonies. Diese Hörfiguren für Kinder, die auf eine Toniebox gestellt werden und dann Geschichten oder Lieder abspielen, zählen zu den erfolgreichsten Angeboten der Bücherei. Rund 880 Figuren sind inzwischen im Bestand, und die Nachfrage ist enorm. Bis zu zehn Tonies können gleichzeitig für zwei Wochen ausgeliehen werden. Vor allem für Familien sei das eine attraktive Möglichkeit, da die Figuren im Handel vergleichsweise teuer seien. Besonders beliebt ist laut Seyschab die Figur „Furzipups“, die auch im Podcast mit einem Augenzwinkern thematisiert wurde.

Deutlich wurde in der Premierenfolge außerdem, dass die Gemeindebücherei Maisach weit mehr bietet als Medien. Regelmäßig finden Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene statt. Dazu gehört unter anderem eine englische Vorlesestunde an jedem zweiten Dienstag im Monat, die sich an Kinder ohne Vorkenntnisse richtet und spielerisch an die Sprache heranführt. Hinzu kommen Bastelaktionen, Autorenlesungen und die klassische Vorlesestunde auf Deutsch am letzten Donnerstag im Monat. Seyschab betonte, wie wichtig diese Angebote gerade für Kinder seien, um früh Freude an Geschichten, Sprache und Büchern zu entwickeln.

Auch auf das aktuelle Veranstaltungsprogramm wurde eingegangen. So stehen in den kommenden Wochen unter anderem die „Maisacher Gespräche zur Popkultur“, ein frühlingshaftes Osterbasteln für Kinder sowie eine Autorenlesung mit Georg Brun an. Damit präsentiert sich die Bücherei einmal mehr als kultureller Veranstaltungsort mit vielseitigem Programm.

Zum Abschluss durfte natürlich auch ein Medientipp nicht fehlen. Als derzeit besonders gefragt nannte Seyschab die Minecraft-Bücher für Erstleser. Die Reihe erfreue sich großer Beliebtheit, vor allem bei Schulkindern, die mit dem Thema bereits aus der digitalen Spielewelt vertraut seien. Einige Bände wurden deshalb sogar mehrfach angeschafft. Sollte ein Exemplar gerade vergriffen sein, können Leserinnen und Leser Medien bequem vormerken lassen und werden benachrichtigt, sobald diese verfügbar sind.

Die Premiere von „Seitensprung“ zeigte damit auf unterhaltsame Weise, wie modern, offen und vielseitig die Gemeindebücherei Maisach aufgestellt ist. Sie ist nicht nur ein Haus voller Bücher, sondern ein lebendiger Ort für Austausch, Bildung und gemeinsame Erlebnisse. Das neue Podcastformat dürfte dazu beitragen, diese Arbeit noch sichtbarer zu machen und neue Besucherinnen und Besucher für die Bücherei zu begeistern.

Maisacher Gespräche zur Popkultur am Mittwoch: Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett

10. März 2026

Krimis gehören seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Genres in Deutschland. Vielleicht, weil sie genau das verbinden, was gute Unterhaltung ausmacht: Spannung, Rätsel, starke Figuren und das gute Gefühl, dem Geheimnis Stück für Stück näherzukommen. Daher halte ich am Mittwoch Abend um 18 Uhr in der Gemeindebücherei Maisach einen kostenlosen Vortrag im Rahmen der Maisacher Gespräche zur Popkultur (MGP) unter der Überschrift „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“.

Wer einen Krimi liest, schaut nicht nur zu, sondern ermittelt mit, verdächtigt, verwirft, kombiniert – und ist damit mitten im Geschehen. Gerade diese Mischung aus Nervenkitzel und gedanklichem Mitfiebern fasziniert viele Leserinnen und Leser immer wieder aufs Neue.

Hinzu kommt, dass Kriminalgeschichten oft weit mehr sind als bloße Unterhaltung. Sie erzählen von menschlichen Abgründen, von Schuld und Gerechtigkeit, von Angst, Macht und Moral. Sie halten der Gesellschaft einen Spiegel vor und spielen zugleich mit unserer Sehnsucht nach Ordnung: Am Ende soll ans Licht kommen, was verborgen war. Vielleicht lieben die Deutschen Krimis auch deshalb so sehr, weil sie Spannung mit Verlässlichkeit verbinden. So dunkel der Fall auch sein mag – die Hoffnung, dass sich alles aufklärt, liest immer mit.

Unter dem Titel „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ lädt die Gemeindebücherei zu einem Abend ein, der sich ganz dieser besonderen Faszination widmet. Freuen Sie sich auf unterhaltsame Einblicke in die Welt des Verbrechens zwischen Buchdeckeln, auf bekannte Ermittler, dunkle Geheimnisse und die Frage, warum uns das Schaurige so sehr in den Bann zieht. Ein Abend für alle, die Spannung lieben und ohne einen guten Krimi tatsächlich nur schwer einschlafen können.
Danke an die Gemeinde Maisach, die überall im Gemeindegebiet an den Anschlagtafeln für die Veranstaltung wirbt.

Saal 600 – Der Gerichtssaal, in dem die Welt über die Verbrechen des Nationalsozialismus erfuhr

5. März 2026

Der Saal 600 wurde 1945/46 nicht nur zum Ort eines internationalen Strafverfahrens, sondern zu einer gezielt für Öffentlichkeit umgebauten „Medien-Infrastruktur“: Die räumliche Neuordnung (u. a. gedrehte Richterbank, vergrößerte Anklagebank, Pressetribüne) und technische Einbauten (Simultandolmetschen, Tonprotokoll, Filmleinwand, Foto-/Radiofenster) machten den Gerichtssaal zugleich verhandlungsfähig und weltweit berichtsfähig. Ich hatte die Möglichkeit, ein Seminar zu den Nürnberger Prozessen durchzuführen und konnte mich ausführlich dem historischen Ort in Nürnberg widmen. Hier spürt man regelrecht Geschichte.

Im Saal liefen der Hauptkriegsverbrecherprozess vor dem Internationaler Militärgerichtshof (1945–1946) und anschließend 12 US-Nachfolgeprozesse (1946–1949); im Hauptverfahren dominierten dokumentenbasierte Beweisführung und – als Besonderheit – der gezielte Einsatz von Filmbeweisen, die auch medial ikonisch wurden. Hier der Saal als VR 360 Video


Was mich natürlich als Journalist interessierte war die mediale Berichterstattung der Prozesse. Zeitgenössische Berichterstattung war quantitativ enorm (Agenturen, Radio, Pressefotografie, Wochenschauen), organisatorisch streng gerahmt (Akkreditierung, räumliche Trennung von Presse und Publikum, Kontrolle der deutschen Medien durch Lizenzierung) und sie wirkte nachhaltig auf die Nachkriegswahrnehmung: Sie vermittelte rechtsstaatliche Verfahrensformen, blieb aber zugleich politisch gerahmt. Unter anderem waren folgende Journalisten mit dabei: Walter Cronkite arbeitete als Chefkorres-pondent für die amerikanische Nachrichtenagentur United Press, Marguerite Higgins, Korrespondentin für die New York, Yu Jevons, chinesischer Kriegsberichterstatter, John Steinbeck, 1948. Der amerikanische Schriftsteller war als Prozessbeobachter nach Nürnberg gereist, Alfred Döblin, 1950. Unter dem Pseudonym Hans Fiedeler veröffentlichte der bekannte deutsche Schriftsteller 1946 die Broschüre
„Der Nürnberger Lehrprozess“, Rebecca West, 1955. Die britische Schriftstellerin entsandte der Daily Telegraph im Jahr
1946 als Berichterstatterin nach Nürnberg, John Dos Passos, 5, Oktober 1955. Der amerikanische Schriftsteller schrieb 1945 für das US-Magazin Life über den Prozess, Erich Kästner, 1950. Für die Neue Zeitung, die in der amerikanischen Zone erschien, schrieb der deutsche Schriftsteller und Kinderbuchautor über den Prozess, Erika Mann, 1960. Die in die USA emigrierte Schriftstellerin berichtete 1945 für den Londoner Evening Standard und Ilja Ehrenburg, 1945. Unter dem Titel „Auf den Straßen Europas“ veröffentlichte der sowjetische Autor 1947 auch eine Reportage aus Nürnberg.

Saal 600 als bauliche Infrastruktur
Der Saal 600 liegt im Ostbau des Justizpalast Nürnberg in Nürnberg. Der Gebäudekomplex entstand 1909–1916 (u. a. erster Spatenstich 1909, Einweihung 1916) und war nach Kriegsende – trotz Schäden – infrastrukturell nutzbar; entscheidend für die Wahl des Ortes waren nach zeitgenössischer/amtlicher Darstellung vor allem Logistik und Sicherheit: ausreichend Platz für Personal mehrerer Nationen sowie die unmittelbare Nähe zum (Zellen‑)Gefängnis zur Sicherung und Zuführung der Gefangenen. Davon steht heute nur noch ein Teil.

Für den Prozess wurde der Saal ab Sommer/Herbst 1945 tiefgreifend umgebaut. Die Richterbank wurde um 90 Grad gedreht und vor die (aus Sicherheitsgründen geschlossenen) Fenster verlegt; Dolmetscher- und Technikplätze traten in Bereiche, die sonst richterlich bzw. publikumsbezogen genutzt wurden. Die größte räumliche Veränderung betraf den Zuschauerraum: Die Rückwand wurde entfernt, darunter gab es eine Pressetribüne mit 235 Plätzen, darüber eine Galerie für weitere 128 Besucher. Zugleich wurden in Wände Fensteröffnungen für Foto-/Filmaufnahmen und direkte Rundfunkberichte eingebaut, links im Saal Dolmetscherplätze hinter Glasscheiben und an der Stirnseite eine in die Wand eingelassene Filmleinwand mit davor platziertem Zeugenstand.

Zur Größe existieren leicht abweichende Angaben: Ein musealer Hintergrundbeitrag nennt 240 m², während spätere Berichte 246 m² ausweisen; ob dies Messdifferenzen, Umbauzustände oder Rundungen widerspiegelt, bleibt in den Quellen in Nürnberg uneinheitlich.

Hauptprozess und Nachfolgeprozesse im Saal
Der Hauptkriegsverbrecherprozess begann am 20. November 1945 im Saal 600; das Urteil wurde am 30. September/1. Oktober 1946 verkündet. In der Schlussphase hielt das Tribunal fest, dass bis dahin 403 öffentliche Sitzungen stattgefunden hatten; die Beweisaufnahme und Plädoyers endeten am 31. August 1946.
Die Richterbank setzte sich aus je einem Richter und Stellvertreter der vier Siegermächte zusammen: Sir Geoffrey Lawrence und Norman Birkett (Großbritannien), Francis Biddle und John J. Parker (USA), Henri Donnedieu de Vabres und Robert Falco (Frankreich), Iona T. Nikitschenko und Alexander F. Volchkov (Sowjetunion).

Die Chefankläger repräsentierten ebenfalls die vier Mächte: Robert H. Jackson, Roman A. Rudenko, Hartley Shawcross sowie François de Menthon (später Auguste Champetier de Ribes). Der Verfahrensstil war – auch nach Selbstauskunft einer amtlichen Dokumentation – stark von angelsächsischen Prozessformen und dem Kreuzverhör geprägt; das stellte deutsche Verteidiger vor Adaptionsprobleme und war Teil der Inszenierung rechtsstaatlicher Fairness gegenüber dem Vorwurf „Siegerjustiz“.

Die Personenanklage umfasste 24 Namen: Martin Bormann, Karl Dönitz, Hans Frank, Wilhelm Frick, Hans Fritzsche, Walther Funk, Hermann Göring, Rudolf Heß, Alfred Jodl, Ernst Kaltenbrunner, Wilhelm Keitel, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Robert Ley, Konstantin von Neurath, Franz von Papen, Erich Raeder, Joachim von Ribbentrop, Alfred Rosenberg, Fritz Sauckel, Hjalmar Schacht, Baldur von Schirach, Arthur Seyß-Inquart, Albert Speer und Julius Streicher. Von ihnen erschienen 21 physisch; gegen Martin Bormann wurde in Abwesenheit verhandelt, ein Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit ausgesetzt und ein Angeklagter beging vor Prozessbeginn Suizid.


Nach dem Hauptverfahren folgten 12 Nachfolgeprozesse (1946–1949) vor US-Militärtribunalen, beginnend am 9. Dezember 1946 mit dem Ärzteprozess; zwar liefen Verfahren teils auch in anderen Sälen, Saal 600 blieb jedoch das symbolische Zentrum.Hier der Rundgang durch das Museum:

Beweismittel und Medientechnik im Gerichtssaal
Die Anklage setzte in hohem Maß auf dokumentarische Beweise – der Prozess wurde in der Forschung und in archivalischer Vermittlung ausdrücklich als „Dokumentenprozess“ beschrieben. In der Urteilseröffnung wurden für das Hauptverfahren 33 Zeugen der Anklage (mündlich), 61 Entlastungszeugen sowie die Aussagen von 19 Angeklagten genannt; zusätzlich kamen umfangreiche schriftliche Beantwortungen von Befragungen hinzu.

Zum ikonischen Kern der Beweisführung wurde der Einsatz von Filmen im Gerichtssaal. Die bauliche Integration einer Leinwand und die Möglichkeit, den Saal abzudunkeln, waren ausdrücklich eingeplant. Am 29. November 1945 wurde der Film Nazi Concentration Camps im Prozess gezeigt und als Beweis eingeführt; die Holocaust-Enzyklopädie betont die Wirkung dieser Bildbeweise als (auch psychologisch) markanten Wendepunkt der Verhandlung. Der Film The Nazi Plan wurde am 11. Dezember 1945 als Beweismittel angeboten (Dokument 3054‑PS, US‑Exhibit 167) und bestand programmatisch aus deutschem Originalmaterial, u. a. Wochenschauen.

Technisch war Saal 600 zugleich Übersetzungs- und Aufzeichnungsraum. Eine Anlage der Firma IBM ermöglichte Simultanübersetzung in vier Prozesssprachen; das Signal wurde an „mehr als 400 Plätze“ verteilt und per Kopfhörer mit Wahlschalter empfangen. Gleichzeitig entstand über die Anlage ein Tonprotokoll, das bis heute zugänglich ist.

Medienberichterstattung und Öffentlichkeitsregime
Der Umbau des Saals zielte erkennbar darauf, das Verfahren als öffentliches Ereignis kontrolliert verfügbar zu machen: Die Presse saß auf einer eigenen, kapazitätsstarken Tribüne; Zusätzlich wurden Fensteröffnungen in Wände eingebaut, die Foto-/Filmaufnahmen und „direkte Rundfunkberichterstattung“ ermöglichten.

Quantitativ lässt sich der Umfang zumindest indikatorisch fassen: Eine museale Bildquelle beziffert die von Nachrichtenagenturen weltweit versandte Textmenge auf über 14  Millionen Wörter. Für die Logistik der Auslandsberichterstattung wurde in der Nähe ein Presselager eingerichtet: Das Schloss der Faber-Castell‑Gruppe in Stein diente 1945–1949 als Press Camp; dort arbeiteten „hunderte“ Reporter, die von dort aus in die Welt berichteten, einschließlich prominenter Schriftsteller und Fotografen.

Wochenschauen verbanden internationale Prozessbilder mit lokaler Kinoöffentlichkeit. Die Reihe Welt im Film berichtete regelmäßig; ein LeMO‑Eintrag zur Urteilsverkündung nennt sie als vom US‑Informationsdienst in Auftrag gegeben und belegt zugleich, dass Filmaufnahmen beim Strafmaß auf Wunsch des Tribunals unterblieben. In der sowjetischen Sphäre war die Bildpolitik anders akzentuiert: Der sowjetische Film Das Gericht der Völker rahmt den Prozess nach Programmtexten u. a. mit Bildern der Roten Armee und kombiniert Prozessgeschehen mit Kriegs- und Verbrechensbildern, also stärker „episch“ und geopolitisch als rein prozedural. Hier der Rundgang in VR 360.

Wirkung und Ikonographie
Die Verfahren in Saal 600 wurden bewusst als „Weltöffentlichkeit“ inszeniert: Eine archivalische Darstellung hält fest, die Presse habe für die Alliierten die Doppelfunktion, Strafverfolgung sichtbar zu machen und die deutsche Bevölkerung über den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus aufzuklären. Zugleich zeigen Analysen der Rezeptionsgeschichte, dass mediale Prozesspräsenz in Deutschland zwar keineswegs alle Abwehrreaktionen auflöste, aber zumindest teilweise die Rechtsstaatlichkeit des Vorgehens kommunizierbar machte und damit den Vorwurf „Siegerjustiz“ abschwächen konnte.

Gerade deshalb wurden Bildmotive ikonisch, die den Saal als „technisierten“ Gerichtsort zeigen: die Anklagebank in strenger Ordnung, die Kopfhörer als Symbol des viersprachigen Verfahrens, die Leinwand im Saal und die abgedunkelte Vorführung von Lagerbildern. Die Einbindung von Filmbeweisen – insbesondere die Vorführung von Nazi Concentration Camps – wurde zeitgenössisch wie historiografisch als Moment beschrieben, der die Dimension der Verbrechen unmittelbar in den Raum der juristischen Argumentation übersetzte.
Wenn möglich möchte ich das Seminar im kommenden Jahr wiederholen und inhaltlich ergänzen. Infos gibt es rechtzeitig in meinem kostenlosen Newsletter.

Buchkritik: Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg von Ronja von Wurmb‑Seibel

26. Februar 2026

Gerne lese ich als Journalist Bücher von Kollegen. Die Klassiker haben es mir angetan: Peter von Zahn, Lothar Loewe, Gerd Ruge, Peter Scholl-Latour. Und natürlich auch moderne Reportagenbücher, weil sie mir auf einen Land oder Konflikt anders näher bringen als klassische Sachbücher. Und als ich hörte, dass die Zeit-Kollegin Ronja von Wurmb‑Seibel bei uns im Landkreis als Land- und Kreisrätin antritt, holte ich ein Buch von ihr aus dem Archiv und ließ es mir in meinem zweiten Wohnzimmer im Bistro Sixtyfour signieren. Dabei habe ich ihr Buch „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ wieder gelesen.

Ronja von Wurmb‑Seibel legte mit „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ ein erzählerisch starkes, politisch kluges und formal sehr zugängliches Buch vor, das sich bewusst gegen die gewohnten Afghanistan‑Bilder von Anschlägen, Burka und Bundeswehr stellt. Es war 2015 weniger Kriegsreportage als dichte Alltagschronik, die den Blick auf Afghanistan leiser, persönlicher und zugleich politisch schärfer justiert.

Die Autorin zog 2013 mit 27 Jahren für rund anderthalb Jahre nach Kabul, um als Reporterin für deutsche Medien über das Land zu berichten, in dem zeitgleich Tausende Zivilisten durch Anschläge sterben und westliche Soldaten im Einsatz waren. Statt einer linearen Frontberichterstattung gliederte sie ihre Erfahrungen in 13 Episoden, die jeweils um eine Begegnung, einen Ort oder eine Situation kreisen – vom Yoga‑Kurs über den Holzofenkauf bis hin zum Frauengefängnis.

Die Texte kombinieren atmosphärische Szenen mit Hintergrundinformationen zum deutschen Afghanistan‑Einsatz, zu Sicherheitslage und Alltag der Bevölkerung. Dadurch entstand ein Mosaik, das den Krieg permanent im Hintergrund präsent hält, aber konsequent über die Perspektive der Menschen vor Ort erzählt.

Für mich ist die Stärke des Buchs der konsequente Fokus auf das normale Leben im Ausnahmezustand: Gespräche über Pesto‑Rezepte, Yoga‑Stunden, private Einladungen und berufliche Routinen stehen neben Alarmzustand und latentem Bedrohungsgefühl. Gerade diese Reibung zwischen Alltagsbanalität und abstrakter Gefahr – Anschläge als Statistik in einer Vier‑Millionen‑Stadt – gibt dem Buch seine Spannung.

Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen von Wurmb‑Seibel die Lebensrealität von Frauen beschreibt, etwa beim Besuch eines Frauengefängnisses, in dem Insassinnen in pinken Kleidern mit offenen Haaren auftreten. Sie kritisiert die westliche Fixierung auf Burka und Kopftuch als Verkürzung und betont, dass strukturelle Gewalt, fehlende Rechte und ökonomische Abhängigkeit die eigentlichen Konfliktlinien sind – auch, wenn viele der von ihr porträtierten Frauen selbstverständlich Kopftuch tragen.
Das Buch erschien 2015 und ich denke nach der erneuten Machtübernahme der Taliban wird es heute anders aussehen. Heute wäre so ein Einblick in das Land nicht mehr so möglich. Daher ist das Buch auch eine Art Geschichtsbuch.

Sprachlich arbeitet die Autorin mit einer nahen Ich‑Perspektive, die ihre eigene Angst, Überforderung und Faszination nicht ausblendet. Sie reflektiert offen, wie negative Geschichten sie „leer“ machen und ihr die Lebenskraft entziehen, und wie sie gelernt hat, gezielt nach Momenten der Zuversicht zu suchen, ohne die Gewalt zu beschönigen.

Der Ton ist reportagehaft, aber nicht nüchtern; Szenen werden präzise beobachtet und dialogisch zugespitzt, jedoch ohne literarische Überinszenierung. Man merkt, dass die Texte aus journalistischer Praxis kommen: klar strukturierte Episoden, pointierte Beobachtungen, kluge Verdichtungen – und immer wieder klare, aber unpathetische Wertungen zum Sinn und Unsinn der westlichen Intervention.

„Ausgerechnet Kabul“ ist explizit als Gegenbild zur stereotypen Kriegsberichterstattung angelegt: Die Autorin formuliert als Ziel, nicht „noch mehr von Anschlägen zu berichten“, sondern die Wahrnehmung Afghanistans in Deutschland zu verändern. Darin steckt ein sehr bewusstes politisches Projekt: Sie will zeigen, dass Afghanistan nicht nur Kulisse für sicherheitspolitische Debatten ist, sondern ein komplexes gesellschaftliches Gefüge mit eigenen Dynamiken, Hoffnungen und Widersprüchen. Nun, die Geschichte hat gezeigt, dass die Entwicklung in diesem Land anders verlaufen ist.

Gleichzeitig blendet das Buch die Verantwortung des Westens nicht aus; etwa wenn von Wurmb‑Seibel Recherchen zu von der NATO hinterlassenen Blindgängern beschreibt, die schließlich dazu beitragen, dass die Bundesregierung zumindest ein Minenfeld räumen lässt. Die politische Analyse tritt nie als trockenes Essay auf, sondern ist immer in Szenen eingelassen – das macht die Lektüre zugänglich, birgt aber auch das Risiko, dass strukturelle Zusammenhänge eher angedeutet als systematisch ausgeführt werden.

Das Buch ist sehr gelungen mit dem Perspektivwechsel weg von der Front hin zu Alltagsmikroszenen, die den Leser in Ambivalenzen halten: Sicherheitsappelle, Normalität, Angst, schwarzer Humor und Hoffnung liegen dicht beieinander.
Seine Stärke liegt im Konkreten – Figuren, Orte, Situationen – geht mit einer gewissen Zurückhaltung bei der großen geopolitischen Analyse einher; wer einen umfassenden Überblick über Geschichte und Politik Afghanistans erwartet, wird eher punktuell als systematisch bedient. Heute ist die Situation sowieso komplett anders.
Interessant für mich: Die selbstreflexive Haltung der Autorin, inklusive Zweifel an der Wirksamkeit des eigenen Journalismus, ist ein großes Plus, weil sie das übliche Heroen‑Narrativ des Kriegsreporters unterläuft. Auch hier hat sich gezeigt, dass die Geschichte eine andere Entwicklung eingeschlagen hat.
Formal ist das Buch zugänglich, gut lesbar und für ein breites Publikum geeignet; literarisch ambitionierte Leser könnten sich gelegentlich mehr formale Experimentierfreude oder essayistische Tiefenbohrungen wünschen, aber für mich ist es ein prima Reportagebuch und Zeitdokument.

Insgesamt ist „Ausgerechnet Kabul“ ein eindringliches Stück erzählter Zeitgeschichte, das Afghanistan nicht erklärt, sondern erfahrbar macht – über Gesichter, Stimmen und Körper in einer Stadt im Ausnahmezustand. Für Leser, die kriegsmüde sind und doch verstehen wollen, was Krieg mit einer Gesellschaft macht, ist dieses Buch eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Kommentar zum geplanten Social Media Verbot: Vergesst die Wirtschaft nicht

24. Februar 2026

Bei der erhitzen Debatte um ein mögliches Social Media Verbot bringe ich eine andere Perspektive ein, die es auch zu berücksichtigen gilt: Der Nachteil für die klein- und mittelständische Wirtschaft, die bei einem Verbot mehr Schwierigkeiten haben, geeigneten Nachwuchs zu finden und das in einer Zeit, in der die Wirtschaft geeigneten Nachwuchs braucht.

Ein mögliches Social-Media-Verbot für Jugendliche in Deutschland würde nicht nur den Kinder- und Jugendschutz betreffen, sondern hätte auch spürbare Folgen für mittelständische Unternehmen, die soziale Netzwerke in der Nachwuchsgewinnung einsetzen. Gerade in Zeiten, in denen klassische Medien bei Jugendlichen an Reichweite verlieren, droht hier eine zentrale Kommunikationsachse wegzubrechen.

Ausgangspunkt der aktuellen Debatte sind Vorschläge aus SPD und Union, die Social-Media-Nutzung für Kinder unter 14 Jahren weitgehend untersagen und für 14- bis 16-Jährige stark einschränken wollen, etwa durch spezielle „Jugendversionen“ ohne algorithmische Feeds, Suchtmechanismen und personalisierte Empfehlungen. Die CSU setzt dagegen auf Medienkompetenz.
Die EU-Kommission prüft parallel, ob ein europaweites Verbot oder starke Einschränkungen für Jugendliche eingeführt werden sollen. Begründet wird dies mit Studien, die auf problematische oder krankhafte Nutzung bei einem erheblichen Teil der 10- bis 17-Jährigen hinweisen, etwa in Bezug auf Suchtverhalten, Essstörungen oder psychische Belastungen.

Dennoch fehlt mir der Blick auf die Wirtschaft: Für mittelständische Betriebe, insbesondere Ausbildungsbetriebe, ist Social Media inzwischen zu einem zentralen Werkzeug im Azubi-Recruiting geworden. Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube ermöglichen es ihnen, mit vergleichsweise geringen Budgets authentische Einblicke in den Arbeitsalltag zu geben, das Arbeitgeberimage zu schärfen und Jugendliche dort abzuholen, wo sie sich ohnehin täglich informieren und unterhalten lassen. Viele Unternehmen reagieren damit auch auf den Rückgang klassischer Bewerbungswege: Printanzeigen, Messeauftritte oder Stellenanzeigen in Lokalzeitungen erreichen die „Digital Natives“ deutlich schlechter, weil diese Medien im Alltag der Jugendlichen kaum noch vorkommen. Kaum ein junger Mensch schaut in bedruckes Papier.

Ich will die Studien zur Abhängigkeit von TikTok und Co nicht leugnen, aber ich arbeite fürs Handwerks und hier hat sich Social Media als ideale Möglichkeit der Nachwuchsarbeit herausgestellt, um den Nachwuchs zu erreichen.

Wenn Social Media für unter 14-Jährige komplett wegfallen und für 14- bis 16-Jährige nur noch in stark reduzierter Form nutzbar wären, könnte diese Zielgruppe für mittelständische Unternehmen nur noch eingeschränkt sichtbar und ansprechbar sein. Durch das Wegfallen algorithmischer Empfehlungen und typischer Interaktionsfunktionen würden gerade kleinere Betriebe an organischer Reichweite verlieren und müssten mit höheren Kosten oder einem Wechsel auf andere Kanäle reagieren. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche sich heute fast ausschließlich über Social Media über Berufe, Ausbildungswege und Arbeitgeber informieren und klassische Informationskanäle wie Tageszeitungen, gedruckte Berufebroschüren oder lineares Fernsehen kaum noch nutzen.

Für die Besetzung von Ausbildungsstellen könnten die vorgeschlagenen Einschränkungen daher vor allem für kleine und mittlere Unternehmen das Matching von Angebot und Nachfrage erschweren. Ohne die gewohnten digitalen Kontaktpunkte wird es schwerer, spontan Interesse zu wecken, niedrigschwellige Erstkontakte zu ermöglichen oder Schülerinnen und Schüler mit kurzen, emotionalen Inhalten zu erreichen, die über einen formalen Berufsorientierungsunterricht hinausgehen. Umgekehrt würden Betriebe gezwungen, alternative Wege zu finden – etwa über Schulkooperationen, lokale Veranstaltungen, spezialisierte Plattformen oder Messenger-Dienste –, doch diese erfordern mehr Ressourcen, sind weniger skalierbar und erreichen nicht automatisch die gleiche Breite der Zielgruppe.

Damit verschärft sich ein ohnehin vorhandenes strukturelles Problem: In vielen Regionen klagen mittelständische Betriebe schon heute über unbesetzte Ausbildungsplätze und einen Mangel an geeigneten Bewerbungen. Werden Social-Media-Kanäle als wichtigste Schnittstelle zur Generation Z eingeschränkt, droht eine weitere Lücke zwischen jungen Menschen, die sich zwar informieren wollen, und Unternehmen, die genau diesen Nachwuchs brauchen, um langfristig ihre Fachkräftebasis zu sichern.