Posts Tagged ‘Paul McCartney’

Meine Vinyl-Käufe im August

30. August 2026

Discipline von King Crimson

Als King Crimson 1981 mit Discipline zurückkehrten, war schnell klar: Das hier sollte keine nostalgische Wiederbelebung der großen Progressive-Rock-Jahre werden. Robert Fripp hatte King Crimson Mitte der Siebziger eigentlich beendet. Mit Adrian Belew, Tony Levin und Bill Bruford entstand nun eine Formation, die zwar den alten Namen trug, musikalisch aber fast wie eine völlig neue Band klang. Discipline ist deshalb weniger Comeback als Neugründung.

Das Faszinierende an diesem Album ist seine kontrollierte Nervosität. Fripp und Belew spielen Gitarrenlinien, die sich ineinander verschieben, kreuzen und wieder voneinander entfernen. Dazu liefert Tony Levin mit Bass und Chapman Stick ein gewaltiges rhythmisches Fundament, während Bill Bruford sein Schlagzeugspiel von vielen Rockkonventionen befreit. Hier geht es nicht um das klassische Schema von Gitarre, Bass und Schlagzeug, sondern um vier Musiker, die wie Zahnräder einer hochpräzisen, gelegentlich außer Kontrolle geratenen Maschine ineinandergreifen.

Schon „Elephant Talk“ ist eine Kampfansage. Belews Stimme, seine absurden Gitarrengeräusche und Levins Stick erzeugen einen Sound, der gleichzeitig Funk, New Wave, Art Rock und Avantgarde ist. Das Stück wirkt verspielt und humorvoll – Eigenschaften, die man mit den früheren King Crimson nicht unbedingt zuerst verbunden hätte.

Noch stärker ist „Frame by Frame“. Die ineinandergreifenden Gitarrenfiguren entwickeln einen hypnotischen Sog. Hier zeigt sich das eigentliche Prinzip von Discipline: Komplexität wird nicht demonstrativ ausgestellt, sondern in Bewegung verwandelt. Man muss die komplizierten Taktstrukturen nicht verstehen, um ihre Wirkung zu spüren.

Mit „Matte Kudasai“ erlaubt sich das Album einen Moment von beinahe schwebender Schönheit. Belews Gitarrenspiel klingt stellenweise wie der Ruf eines Vogels, während seine Stimme eine melancholische Ruhe verbreitet. Gerade dieser Kontrast macht deutlich, dass King Crimson 1981 weit mehr konnten als mathematisch anmutende Rhythmuskunst.

„Indiscipline“ ist dagegen pure kontrollierte Eskalation. Brufords Schlagzeugspiel scheint das Stück permanent auseinanderzureißen, während Belew zunehmend besessen seinen Text vorträgt. Sein wiederholtes „I like it!“ könnte fast als Kommentar zum gesamten Album verstanden werden. Das Stück klingt auch Jahrzehnte später gefährlich und unberechenbar.

Auf der zweiten Seite wird die Musik noch konsequenter. „Thela Hun Ginjeet“ verbindet einen nervösen Funk-Groove mit Belews beinahe dokumentarischer Erzählung einer bedrohlichen Begegnung auf der Straße. „The Sheltering Sky“ nimmt sich dagegen Zeit und entwickelt aus wenigen Elementen eine geheimnisvolle Atmosphäre. Das abschließende „Discipline“ schließlich bringt die ästhetische Idee des Albums auf den Punkt: Zwei Gitarren verweben unterschiedliche rhythmische Muster zu einer Musik, die gleichzeitig streng konstruiert und erstaunlich lebendig wirkt.

Bemerkenswert ist, wie wenig Discipline nach einem typischen Progressive-Rock-Album der frühen Achtziger klingt. King Crimson versuchten nicht, die Siebziger mit moderner Produktion fortzusetzen. Stattdessen nahmen sie Einflüsse von New Wave, Minimal Music, Funk und afrikanischen Rhythmuskonzepten auf und entwickelten daraus ihre eigene Sprache. Man hört stellenweise die musikalische Gegenwart von 1981 – und trotzdem klingt das Album bis heute eigenständig.

Discipline verlangt allerdings Aufmerksamkeit. Wer sich zurücklehnen und klassische Prog-Epen mit ausladenden Soli hören möchte, bekommt etwas völlig anderes. Die Musik ist kantig, repetitiv, intellektuell und manchmal geradezu anstrengend. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Mit jedem Durchlauf lassen sich neue rhythmische Verschiebungen, kleine Gitarrendetails und Wechselwirkungen zwischen den vier Musikern entdecken.

Für mich gehört Discipline zu den großen Neuerfindungen der Rockgeschichte. King Crimson bewiesen damit, dass eine etablierte Band ihre Vergangenheit nicht kopieren muss, um relevant zu bleiben. Statt In the Court of the Crimson King neu aufzulegen, erfanden Fripp, Belew, Levin und Bruford einen Sound für eine andere Zeit. Das Ergebnis ist kühl und emotional, mathematisch und verspielt, diszipliniert und vollkommen verrückt zugleich.

The Beach Boys – „Surfin’ Safari“ (1962)

Mit „Surfin’ Safari“ beginnt 1962 die Albumgeschichte der The Beach Boys – und rückblickend hört man hier eine Band, die ihre spätere Größe noch nicht erreicht hat, aber bereits ziemlich genau weiß, welches Lebensgefühl sie verkaufen möchte: Sonne, Strand, Surfbretter, Mädchen und kalifornische Freiheit.

Das Debüt erschien im Oktober 1962 bei Capitol Records. Brian Wilson, Mike Love, Carl Wilson, Dennis Wilson und David Marks präsentieren darauf einen Sound, der noch deutlich rauer und einfacher ist als die ausgefeilten Produktionen, für die die Beach Boys nur wenige Jahre später berühmt werden sollten. Gerade darin liegt heute ein großer Teil des Charmes von „Surfin’ Safari“.

Der Titelsong ist natürlich das Herzstück. „Surfin’ Safari“ besitzt bereits fast alles, was den frühen Beach-Boys-Sound ausmacht: den mehrstimmigen Gesang, eine unmittelbar einprägsame Melodie, treibenden Rhythmus und dieses beinahe naive Versprechen eines endlosen kalifornischen Sommers. Mit „409“ kommt ein weiteres Thema hinzu, das die nächsten Jahre prägen sollte: schnelle Autos. Strand, Mädchen und Hot Rods wurden zu den zentralen Bestandteilen der frühen Beach-Boys-Mythologie.

Doch als geschlossenes Album ist „Surfin’ Safari“ noch weit von späteren Meisterwerken entfernt. Neben starken Momenten stehen einige Stücke, die eher wie Füllmaterial wirken. Songs wie „County Fair“, „Ten Little Indians“ oder „Cuckoo Clock“ haben historischen Charme, zeigen aber auch, dass Brian Wilson als Komponist noch auf der Suche nach seiner eigenen Sprache war. Dazu kommen Coverversionen und Instrumentals, die das Album stärker als Produkt seiner Zeit erscheinen lassen.

Gerade deshalb ist es faszinierend, Brian Wilson hier zuzuhören. Die harmonische Raffinesse von „The Warmth of the Sun“, „Don’t Worry Baby“ oder „California Girls“ ist noch Zukunftsmusik, von der orchestralen Perfektion eines „Pet Sounds“ ganz zu schweigen. Aber erste Ansätze sind vorhanden. Wilson denkt bereits stärker in Harmonien und Gesangsarrangements als viele seiner Zeitgenossen. Noch fehlt ihm allerdings die künstlerische Kontrolle, die er sich in den folgenden Jahren erarbeiten sollte.

Auch klanglich darf man keine Wunder erwarten. Die Produktion ist vergleichsweise dünn und direkt. Gitarren, Schlagzeug und Stimmen stehen im Mittelpunkt. Wer von „Pet Sounds“ rückwärts zu diesem Debüt kommt, könnte geradezu erschrecken, wie konventionell manche Stücke wirken. Wer dagegen die Entwicklung der Beach Boys chronologisch verfolgt, erlebt etwas Spannendes: Man hört den Ausgangspunkt einer der bemerkenswertesten künstlerischen Entwicklungen der Popgeschichte.

Besonders interessant ist dabei der Gegensatz zwischen Oberfläche und dem, was später kommen sollte. 1962 präsentieren die Beach Boys eine scheinbar sorgenfreie Teenagerwelt. Nur wenige Jahre später wird Brian Wilson dieselbe Popmusik benutzen, um Einsamkeit, Unsicherheit, Sehnsucht und die Angst vor dem Erwachsenwerden auszudrücken. Auf „Surfin’ Safari“ ist davon erst wenig zu spüren. Hier scheint der Sommer tatsächlich noch ewig dauern zu können.

„Surfin’ Safari“ ist kein Meisterwerk und sicher nicht das Beach-Boys-Album, das ich einem Einsteiger als erstes empfehlen würde. Dafür gibt es zu viel Mittelmaß zwischen den Höhepunkten. Als historisches Dokument ist es jedoch ungemein reizvoll. Man hört eine junge Band am Anfang ihrer Karriere und einen gerade einmal 20-jährigen Brian Wilson, der noch nicht ahnt, wohin ihn seine musikalische Fantasie führen wird.
Dazu gab es noch die farbige Single Luau/Judy, auch kein Meisterwerk.

Come Back To The Valley – The Truffle Valley Boys

Mit Come Back To The Valley setzen The Truffle Valley Boys ihren konsequenten Weg fort, den ursprünglichen Bluegrass der 1940er- und 1950er-Jahre nicht nur zu zitieren, sondern ihn mit bemerkenswerter Hingabe wiederauferstehen zu lassen. Das italienische Quartett hat sich längst den Ruf erarbeitet, eine der authentischsten traditionellen Bluegrass-Bands Europas zu sein. Das neue Album bestätigt diesen Eindruck eindrucksvoll.

Schon die ersten Takte machen deutlich, dass hier keine nostalgische Kopie entstehen soll. Vielmehr vermitteln die Musiker das Gefühl, als wäre diese Aufnahme direkt aus einer längst verschwundenen Radiosendung der Nachkriegszeit erhalten geblieben. Die Produktion verzichtet bewusst auf moderne Effekte und übermäßige Klangbearbeitung. Stattdessen stehen Dynamik, Natürlichkeit und das Zusammenspiel der Musiker im Mittelpunkt – genau jene Qualitäten, die klassische Bluegrass-Aufnahmen einst auszeichneten. Die Band setzt erneut auf eine weitgehend analoge Herangehensweise und den charakteristischen One-Microphone-Stil, der auch ihre Live-Auftritte prägt.

Musikalisch bleibt sich die Gruppe treu. Matt Ringressis Mandoline und Gitarre führen sicher durch die Arrangements, während Germano Ciavones Banjo mit druckvollem, rhythmisch präzisem Spiel den Motor der Stücke bildet. Denny Rocchios Dobro verleiht vielen Songs eine warme, wehmütige Klangfarbe, während Emanuele Valentes unaufdringlicher, aber stets tragender Kontrabass das Fundament legt. Besonders beeindruckend ist das mehrstimmige Gesangsspiel. Die Harmonien wirken niemals geschniegelt oder geschniegelt-modern, sondern besitzen jene raue Natürlichkeit, die den frühen Aufnahmen von Bill Monroe, den Stanley Brothers oder Jimmy Martin ihren unverwechselbaren Charakter verlieh.

Inhaltlich konzentriert sich Come Back To The Valley erneut auf selten gespielte Perlen des klassischen Bluegrass und frühen Country. Statt ausschließlich bekannte Standards zu interpretieren, graben The Truffle Valley Boys tief im musikalischen Archiv und fördern Songs zutage, die selbst langjährige Bluegrass-Hörer teilweise erst durch diese Band kennenlernen. Gerade diese sorgfältige Auswahl macht den besonderen Reiz des Albums aus.

Der Titelsong “Come Back To The Valley”, ursprünglich von Carter Stanley, steht exemplarisch für das gesamte Konzept. Die Interpretation verzichtet auf jede Form moderner Dramatisierung. Stattdessen entfalten sich Melodie und Harmonie mit großer Selbstverständlichkeit, wodurch die emotionale Kraft des Songs besonders eindringlich wirkt. Auch bei ihren Konzerten zählt das Stück inzwischen zu den Höhepunkten des Programms.

Bemerkenswert ist außerdem, wie geschlossen das Album wirkt. Obwohl die einzelnen Titel aus unterschiedlichen Quellen und Epochen stammen, entsteht ein roter Faden. Die Band versteht es, traditionelle Bluegrass-, Honky-Tonk-, Gospel- und frühe Country-Einflüsse so miteinander zu verbinden, dass ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Dabei wird nie der Eindruck erweckt, historische Musik lediglich museal zu konservieren. Vielmehr wirkt jeder Titel lebendig, frisch und voller Spielfreude.

Gerade diese Authentizität unterscheidet The Truffle Valley Boys von vielen zeitgenössischen Bluegrass-Formationen. Während andere Bands das Genre modernisieren oder stilistisch erweitern, konzentrieren sich die Italiener vollständig auf die historische Klangästhetik. Das könnte manchen Hörern zunächst konservativ erscheinen. Tatsächlich entwickelt sich daraus jedoch die größte Stärke des Albums: Die Musiker versuchen nicht, die Vergangenheit neu zu interpretieren – sie lassen sie sprechen.

Come Back To The Valley richtet sich deshalb weniger an Hörer, die nach Innovation oder Crossover suchen. Wer dagegen klassischen Bluegrass in seiner ursprünglichsten Form schätzt oder entdecken möchte, erhält hier eine außergewöhnlich sorgfältig produzierte Aufnahme. Das Album beweist eindrucksvoll, dass musikalische Authentizität keineswegs altmodisch wirken muss. Im Gegenteil: Gerade die Reduktion auf das Wesentliche verleiht der Musik eine zeitlose Kraft.

Mit Come Back To The Valley liefern The Truffle Valley Boys eine Hommage an den klassischen Bluegrass, die weit über reine Nostalgie hinausgeht. Technische Perfektion steht nie im Vordergrund; entscheidend sind Gefühl, musikalische Ehrlichkeit und tiefes Stilverständnis. Genau deshalb zählt das Album zu den bemerkenswertesten traditionellen Bluegrass-Veröffentlichungen der letzten Jahre und unterstreicht eindrucksvoll die Sonderstellung der Band innerhalb der europäischen Szene. Das Album erschien 2026 als 10-Zoll-LP auf Tenbrooks Records.

Hackney Diamonds von The Rolling Stones

Nach 18 Jahren ohne neues Studioalbum mit eigenem Material schien die Frage berechtigt: Brauchen die Rolling Stones überhaupt noch ein weiteres Album? Hackney Diamonds liefert darauf eine überraschend klare Antwort: Ja – wenn es so viel Spielfreude, Energie und Selbstbewusstsein besitzt wie diese Platte.

Schon der Opener und die damalige Vorabsingle „Angry“ machen deutlich, dass Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood nicht in Nostalgie versinken wollen. Stattdessen präsentieren sie ein Album, das die klassische Stones-DNA mit einer modernen, druckvollen Produktion von Andrew Watt verbindet. Die Gitarren sind scharf konturiert, das Tempo hoch, Jaggers Gesang erstaunlich kraftvoll.

Dabei versucht Hackney Diamonds gar nicht erst, Klassiker wie Exile on Main St., Sticky Fingers oder Let It Bleed zu kopieren. Vielmehr greift die Band die unterschiedlichsten Facetten ihrer langen Karriere auf. Blues, Rock’n’Roll, Soul, Country und sogar tanzbare Grooves stehen selbstverständlich nebeneinander, ohne beliebig zu wirken. Gerade diese stilistische Vielfalt erinnert daran, weshalb die Rolling Stones über Jahrzehnte eine der wandlungsfähigsten Rockbands geblieben sind.

Zu den Höhepunkten gehört zweifellos „Sweet Sounds of Heaven“, das gemeinsam mit Lady Gaga aufgenommen wurde. Der fast siebenminütige Gospel-Rocker entwickelt eine Wucht, die an die großen Momente der Band in den frühen Siebzigern erinnert. Gaga tritt dabei nicht als prominenter Gast auf, sondern wird zum gleichberechtigten Gegenpart von Mick Jagger. Gemeinsam erzeugen beide eine Intensität, die weit über den üblichen Starbonus hinausgeht.

Ebenso überzeugend ist das aggressive „Bite My Head Off“, bei dem Paul McCartney am Bass zu hören ist. Der Song besitzt den rotzigen Biss, der den Stones in den letzten Jahrzehnten gelegentlich fehlte. Dem gegenüber stehen ruhige, melancholische Stücke wie „Depending on You“ oder „Dreamy Skies“, die beweisen, dass die Band auch im hohen Alter nicht ausschließlich auf Lautstärke setzt.

Eine besondere emotionale Bedeutung erhält das Album durch Charlie Watts. Der 2021 verstorbene Schlagzeuger ist auf zwei Titeln noch zu hören. Sein charakteristisch zurückhaltendes, swingendes Spiel verleiht diesen Songs eine zusätzliche Tiefe und macht Hackney Diamonds zugleich zu einem würdigen Abschied von einem der größten Schlagzeuger der Rockgeschichte.

Natürlich ist nicht jeder Titel ein Volltreffer. Einige Songs orientieren sich stark an bekannten Stones-Mustern, und gelegentlich wirkt die Produktion fast etwas zu geschniegelt. Gerade dieser moderne Hochglanzklang empfinde ich als Verlust der früheren Rauheit.

Dennoch überwiegt der positive Eindruck deutlich. Hackney Diamonds ist kein nostalgisches Alterswerk, sondern ein erstaunlich vitales Rockalbum. Die Rolling Stones klingen nicht wie eine Band, die lediglich ihr Denkmal verwaltet. Sie wirken hungrig, konzentriert und mit hörbarer Freude am gemeinsamen Musizieren.

Das vielleicht größte Kompliment lautet deshalb: Hackney Diamonds ist nicht deshalb bemerkenswert, weil die Musiker über 80 Jahre alt sind. Es ist bemerkenswert, weil es schlicht ein gutes Rolling-Stones-Album ist – das stärkste seit vielen Jahren und ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass große Rockmusik kein Verfallsdatum kennt. Viele Kritiker bewerteten es entsprechend als ihr bestes Studioalbum seit Jahrzehnten.

Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 von Tangerine Dream

Über fünf Jahrzehnte lag dieses Konzert nur als begehrtes Sammlerstück und inoffizielle Aufnahme vor. Mit Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 wird nun eines der eindrucksvollsten Dokumente der klassischen Tangerine-Dream-Ära erstmals offiziell veröffentlicht

Am 9. Februar 1976 gastierte Tangerine Dream im Paul-Emile-Janson-Auditorium in Brüssel. Die Band bestand zu dieser Zeit aus Edgar Froese, Christopher Franke und Peter Baumann – jener Besetzung, die von vielen Fans als kreative Hochphase der Berliner Elektronik-Pioniere angesehen wird. Das Konzert entstand während der Winter-Europatour, nur wenige Monate nach dem Erfolg des Albums Ricochet, und zeigt das Trio auf dem Höhepunkt seiner improvisatorischen Fähigkeiten.

Charakteristisch für den Auftritt sind ausgedehnte Klanglandschaften, hypnotische Sequencer-Läufe, mächtige Mellotron-Flächen und Edgar Froeses markante Gitarrenpassagen. Anstelle klassischer Songstrukturen entwickelt sich die Musik organisch über lange Zeiträume. Themen entstehen spontan, verändern sich kontinuierlich und münden in dichte, atmosphärische Klangwelten, die den unverwechselbaren Stil von Tangerine Dream in den 1970er Jahren eindrucksvoll dokumentieren.

Innerhalb der Bandgeschichte nimmt das Konzert eine besondere Stellung ein. Es markiert die Übergangsphase zwischen den eher schwebenden Klangwelten von Rubycon und der zunehmend rhythmisch geprägten Ausrichtung späterer Live-Auftritte. Gerade diese Mischung aus freier Improvisation und präzise eingesetzten elektronischen Sequenzen macht den Mitschnitt bis heute zu einem außergewöhnlichen Zeitdokument.

Über viele Jahre war das Brüsseler Konzert ausschließlich über Bootlegs und Fanveröffentlichungen bekannt. Teile der Aufnahme erschienen Anfang der 1990er Jahre auf dem inoffiziellen Album Danger Live, später veröffentlichte das Fanprojekt Tangerine Tree eine restaurierte Fassung. Erst 2026 erfolgte die offizielle Veröffentlichung auf CD und Doppel-LP. Damit steht einer breiteren Hörerschaft erstmals eine autorisierte Edition dieses historischen Konzerts zur Verfügung.

Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 zählt zu den bedeutendsten Archivveröffentlichungen von Tangerine Dream der vergangenen Jahre. Das Album dokumentiert eindrucksvoll die Kreativität, Spontaneität und klangliche Innovationskraft der klassischen Besetzung und vermittelt authentisch, warum die Live-Konzerte der Band Mitte der 1970er Jahre bis heute als Meilensteine der elektronischen Musik gelten.

Albumkritik: Foreign Tongues von The Rolling Stones

11. Juli 2026

Das Warten hat ein Ende: Pünktlich zum offiziellen Release am 10. Juli 2026 liegt mit „Foreign Tongues“ das mittlerweile 25. Studioalbum der Rolling Stones vor. Nach dem großen Erfolg von Hackney Diamonds (2023) beweisen die Rock-Ikonen um Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood, dass sie auch im hohen Alter nichts an Energie eingebüßt haben.

Foreign Tongues ist kein wehmütiges Abschiedswerk, sondern ein erstaunlich druckvolles, modernes Rockalbum. Ein Großteil der Songs basiert auf den über 20 Titeln, die während der Hackney Diamonds-Sessions aufgenommen, aber damals nicht finalisiert wurden. Der Star-Produzent Andrew Watt hat diese Rohlinge im Jahr 2025 und Anfang 2026 gründlich poliert und mit frischem Material ergänzt.
Das Album ist spürbar gitarrenlastiger als sein Vorgänger. Tracks wie die Vorabsingle „In the Stars“ oder „Never Wanna Lose You“ sind klassische, treibende Riff-Rocker, die präzise für die ganz großen Stadionbühnen maßgeschneidert wurden.
Mick Jagger gibt sich textlich überraschend reflektiert und politisch. Er setzt sich mit der aktuellen Weltlage und der eigenen Endlichkeit auseinander, ohne dabei den typischen, leicht arroganten Stones-Charme zu verlieren.
Neben straightem Rock bedient die Band ein breites Spektrum – vom staubigen Americana-Folk auf „Divine Intervention“ bis hin zu einer unerwarteten, rotzigen Coverversion von Amy Winehouses „You Know I’m No Good“.
Fehlen von Ecken und Kanten: Durch die extrem glatte, zeitgemäße Produktion von Andrew Watt vermisst man gelegentlich die dreckigen, ausgedehnten Blues-Jams oder die düstere, unvorhersehbare Atmosphäre früherer Meisterwerke.
Das visuelle Konzept: Das collagenartige Pastell-Cover „Trinity“ des Künstlers Nathaniel Mary Quinn spaltet die Gemüter und wirkt für manche Fans im Vergleich zur Musik etwas zu verkopft. Mir gefällt es.
Wie aufwändig ist das Album?
Um es kurz zu machen: Der Aufwand hinter „Foreign Tongues“ ist gigantisch – sowohl in finanzieller, personeller als auch in logistischer Hinsicht. Die Stones haben für dieses Album alle Hebel der modernen Musikindustrie in Bewegung gesetzt.

Die hochkarätige Gästeliste
Die Band hat eine Riege an Gastmusikern versammelt, die einer Rock-and-Roll-Hall-of-Fame-Gala gleicht. Finanziell und organisatorisch ist ein solches Aufgebot ein absoluter Kraftakt:
Paul McCartney greift erneut zum Bass, Robert Smith (The Cure) bringt eine düstere Post-Punk-Note ein, Chad Smith (Red Hot Chili Peppers) und der langjährige Stones-Begleiter Steve Jordan teilen sich die Drum-Arbeit sowie Steve Winwood und Bruno Mars steuern ebenfalls hochkarätige Parts bei.
Ein emotionaler Höhepunkt ist der Track „Hit Me in the Head“. Hierfür wurden Archiv-Schlagzeugspuren des 2021 verstorbenen Drummers Charlie Watts aus einer Studio-Session in Los Angeles restauriert und meisterhaft in den Song integriert.

Logistik & Studios
Die Aufnahmen erstreckten sich über mehrere Kontinente und Jahre (mit Sessions in 2019, 2021, 2022–2023 und final 2025–2026). Gearbeitet wurde in absoluten High-End-Studios, darunter den geschichtsträchtigen Henson Studios in Los Angeles und den Metropolis Studios in London. Letztere wurden von Mick Jagger bewusst gewählt, um in einer intensiven, kompakten „Londoner Atmosphäre“ den finalen Songs den nötigen Feinschliff zu verpassen.

Die Marketing-Maschinerie
Auch die Promotion-Kampagne war ein marketingtechnischer Geniestreich mit enormem Budget:
Weltweit tauchten im April 2026 in 20 verschiedenen Ländern Street-Art-Poster auf, die den Albumtitel in der jeweiligen Landessprache anteaserten.
Unter dem geheimen Fake-Namen „The Cockroaches“ (eine Anspielung auf ihre eigene Historie) ließen die Stones eine schneeweiße Vinyl-Single in Plattenläden auftauchen, um unter Hardcore-Fans einen Lauffeuer-Hype auszulösen.
Für mich zeigt Foreign Tongues die Rolling Stones als eine perfekt geölte, hochprofessionelle Rock-Maschine. Der immense finanzielle und kreative Aufwand hat sich gelohnt: Das Album klingt frisch, vermeidet pure Nostalgie-Kumpanei und festigt das späte Vermächtnis der Band auf beeindruckende Weise.

Als die Beatles noch Silber waren – Eine Nacht in Inverness

2. August 2025

Es war der 21. Mai 1960, ein Samstagabend im noch frischen Frühsommer der schottischen Highlands, als eine junge Band namens The Silver Beetles im Northern Meeting Ballroom in Inverness auftrat. Niemand ahnte damals, dass diese fast namenlose Begleitgruppe wenige Jahre später die bekannteste Band der Welt werden sollte: The Beatles. An diesem Abend aber waren sie einfach nur fünf junge Männer auf Tour, erschöpft, schlecht bezahlt – aber voller Musik und Hoffnung. Durch Zufall stand ich bei meinem Streifzug durch das schottische Inverness vor diesem Veranstaltungsort, der heute ein Frühstückslokal ist.

Die Silver Beetles begleiteten den englischen Sänger Johnny Gentle auf einer einwöchigen Schottland-Tournee, die später unter dem Namen “The Beat Ballad Show” in die Popgeschichte eingehen sollte. Inverness war die zweite Station dieser kleinen Tour, die durch abgelegene Orte wie Fraserburgh, Forres, Nairn und Keith führte – fernab von Glanz, Ruhm oder großer Bühne.

Der Northern Meeting Ballroom war ein typischer Mehrzwecksaal seiner Zeit. Neben der Rock’n’Roll-Show mit Johnny Gentle und seinen Silver Beetles traten dort an diesem Abend auch Ronnie Watt & The Chekkers Rock Dance Band auf. In einem Nebenraum spielte eine Tanzkapelle traditionelle Musik für ein älteres Publikum – eine typische Doppelnutzung, wie sie für lokale Säle in Schottland damals üblich war. Der Eintritt kostete vor 20 Uhr drei Schilling, danach fünf. Der Abend begann um 19:30 Uhr und ging bis Mitternacht – Unterhaltung für jeden Geschmack.

Die Beatles, wie wir sie heute kennen, traten hier noch unter Pseudonymen auf: John Lennon nannte sich „Long John“, Paul McCartney war „Paul Ramon“, George Harrison firmierte als „Carl Harrison“, Stuart Sutcliffe als „Stuart de Staël“, und ihr damaliger Schlagzeuger Tommy Moore blieb schlicht Tommy. Sie waren unsicher, grün hinter den Ohren – aber hungrig auf Musik. Während sie Gentle begleiteten, improvisierten sie, lernten, wie man sich auf der Bühne verhält, wie man ein Publikum mitreißt – und wie hart das Musikerleben sein kann.

Johnny Gentle erinnerte sich später, dass John Lennon in Inverness abends in einem Hotelzimmer half, an einem Song zu schreiben: I’ve Just Fallen For Someone. Lennon bastelte spontan einen Mittelteil. Es war das erste Mal, dass er an einem „fremden“ Song mitarbeitete. Vielleicht war es auch der erste Moment, in dem seine Fähigkeit, andere mit seiner Kreativität zu inspirieren, in vollem Licht aufblitzte.

Doch hinter den Kulissen war nicht alles glänzend. Die Band war müde, das Tourmanagement chaotisch, die Bezahlung unregelmäßig. John Lennon soll in dieser Zeit wütend an ihren damaligen Promoter Larry Parnes geschrieben haben: “We’re fuckin’ skint up here. We haven’t got a pot to piss in. We need money, Larry!” – ein wütender Hilferuf aus der Realität des Musikeralltags.

Und doch war diese Nacht in Inverness ein Schritt. Einer von vielen, der zur Legende führen sollte. Es war ein Abend, an dem fünf junge Männer vor einem kleinen, ahnungslosen Publikum spielten – mit Gitarren, Energie und Träumen. Ein Abend, der heute kaum dokumentiert, aber nicht vergessen ist. Denn hier, im Schatten der Highlands, an den Ufern des River Ness, begann eine der größten Geschichten der Popmusik.

So sieht der Laden heute aus:

Und die Beatles spielen in GB noch immer medial eine Rolle.

Träumen und genießen: Den letzten Song der Beatles Now and Then

3. November 2023

Um 14:57 Uhr war es am 2. November bei mir soweit. Da aktualisierte sich die Apple Musik Bibliothek und ich konnte den letzten Song der Beatles Now and Then hören.

Meine Frau und ich lauschten dem Gesang von John Lennon andächtig, schweigsam und nachdenklich. Was für ein emotionales Erlebnis eine neue Aufnahme der Fab Four zu hören und was für ein schönes Lied. Mich hat Now and Then berührt. Die Vinyl-Single in Blau wird heute im Laufe des Tages eintreffen und ich werde ein Unoxing-Video nachschieben. Hier die schwarze Ausgabe.

Die Geschichte von Now and Then haben wir in den vergangenen Tages immer wieder gehört: Lennon wurde 1980 von dem Fanatiker Chapman erschossen. 1979 nahm er im Dakota diesen Song auf eine einfach Audiocassette auf. Yoko Ono gab 1994/5 diese Audiocassette an Paul McCartney weiter mit der Gesangsaufnahme von Lennon samt Klavier. Das lange Zeit mythologisierte John-Lennon-Demo wurde erstmals im Februar 1995 von Paul, George und Ringo im Rahmen des Projekts The Beatles Anthology bearbeitet, blieb aber unvollendet, unter anderem wegen der unmöglichen technischen Herausforderungen bei der Arbeit mit der Stimme, die John in den 1970er Jahren auf Band aufgenommen hatte. Das Band hat einfach gebrummt.

Der Ort des Mordes an John Lennon.
Der Ort des Mordes an John Lennon.


Die Rest-Beatles wollten diese letzte Aufnahme fertigstellen, zur baren Münze umwandeln und somit veröffentlichen, doch Produzent und Techniker Jeff Lynne (ELO) scheiterte technisch an der Aufnahme. Die Technik der Zeit war einfach noch nicht so ausgereift. Das Ding brummte einfach zu stark. Es konnten nur die Songs Free as a Bird und Real Love von der gleichen Kassette gerettet und veröffentlicht werden. Now and Then war unmöglich zu produzieren – Stimme und Klavier waren zu stark miteinander verwoben – und das Brummen.

Erst als Regisseur Peter Jackson sich an die Rekonstruktion von Get Back machte, war es technisch möglich Lennons Stimme und sein Klavier und das Brummen zu trennen. Die Stimme von John Lennon wurde isoliert und war durch KI-Technik glasklar. Machine Learning analysierte den Gang und optimierte ihn. Ein bedeutender Beweis für die positive Arbeit von KI-Technologie. Die Rest-Beatles, nunmehr nur noch Paul und Ringo, entschlossen sich 2022/3 nun doch Now and Then zu veröffentlichen. George Harrison war ja 2001 an Krebs verstorben – der Gitarrenpart von Now and Then basiert aber auf seinem Gitarrenspiel. Es wurde nun Streicher hinzugefügt, die allerdings nicht wussten, dass es sich um eine Beatles-Aufnahme handelte. Paul schummelte hier und erklärte den Musikern, dass es sich um ein neues Stück von ihm handelte – also strengste Geheimhaltung.

Und so läuft bei mir Now and Then in Endlosschleife – zugegeben mit Tränen in den Augen. Nach zig Mal hören fiel mir am Ende eine Stimme aus. Etwa bei 4:04 Minute. Nur ein Wort am Ende des Songs, ich glaube es klingt nach Ringo. Ein Vermächtnis? Ein Fehler? Ein Hinweis? Und ich muss mal in den entsprechenden Beatles Foren nachlesen.

Ich sitze auf dem Sofa und träume. Natürlich wird Now and Then die Musik nicht mehr revolutionieren. Es ist keine bahnbrechende Aufnahme, aber verdammt noch mal, es sind die Beatles. Was für eine geniale Band waren die Beatles doch gewesen. Danke an Yoko Ono, dass sie das Tape weitergegeben hat. Der letzte Beatles-Song und ich war dabei.

Beatles und Pumuckl kommen dank KI wieder

15. Juni 2023

Die Welt ist durch KI im Umbruch. Gestern kamen zwei Meldungen ins Postfach, die ich interessant finde, weil sie zeigen, welche Möglichkeiten KI für die Entertainment Industrie möglich sind: Paul McCartney kündigt dank KI einen letzten Beatles-Song an und Pumuckl kommt mit der Stimme des verstorbenen Hans Clarin wieder.

Ich freu mich auf die Beatles 2023
Es ist wohl der Lennon-Song Now And Then von 1978, der auf einer Democassette lag und nun aufgepeppt wurde. McCartney hatte das Demo-Tape „For Paul“ von Lennons Witwe Yoko Ono erhalten. Die Tracks wurden größtenteils mit einem Ghettoblaster aufgenommen, während der Musiker in seiner New Yorker Wohnung am Klavier saß. Für die Neuveröffentlichung wurde die Stimme Lennons durch KI von früheren Aufnahmen herausgefiltert. „Wir konnten Johns Stimme nehmen und sie durch diese KI pur bekommen“, sagte der 81jährige Paul McCartney der BBC. Die beiden anderen Songs auf der Cassette waren Free as a Bird und Real Love, die bereits 1995 und 1996 veröffentlicht wurden. Jetzt war die Technik soweit, dass der Songs überarbeitet werden konnte. Die Aufnahme soll noch dieses Jahr erscheinen. Ich bin dabei.

Pumuckl 2023 mit zwei Stimmen
„Meister Eder und sein Pumuckl“ war in den 1980er Jahren eine der beliebtesten Kinder- und Familienserien Deutschlands. Die Geschichten über den kleinen, rothaarigen Kobold und seinen Schabernack haben bis heute Kultstatus. Jetzt kehrt er endlich zurück: In 13 Folgen der Serie „Neue Geschichten vom Pumuckl“. Ausgestrahlt werden die neuen Folgen Ende 2023 auf RTL+, RTL und Super RTL. Premiere hat die Serie am 24. Juni 2023 auf dem Kinderfilmfest in München. Pumuckl ist zurück – die Figur wird gespielt und gesprochen von Schauspieler und Kabarettist Maxi Schafroth und per KI mit der Original-Stimme von Hans Clarin. Für Pumuckls Stimme wurde zum ersten Mal überhaupt in diesem Umfang mittels Künstlicher Intelligenz die Stimme Schafroths in die unverkennbare Pumuckl-Stimme von Hans Clarin umgewandelt. Für alte und neue Pumuckl-Fans stellt RTL+ exklusiv beide Stimmversionen parallel zum Streamen bereit. So ist Pumuckl sowohl mit der Stimme von Hans Clarin als auch mit der von Maxi Schafroth erlebbar.

Das wird an mir vorbeigehen, nicht weil ich die KI-Version nicht mögen würde, sondern weil mir die neuen 3D-Animationen nicht gefallen – und wo ist eigentlich der Meister Eder?

Meine Lieblingssongs aus James Bond Filmen

21. Oktober 2020

Das 25. Abenteuer von meinem Lieblingsagenten James Bond scheint unter keinen guten Stern zu stehen. Die Dreharbeiten dauerten länger als erwartet, dann wurde der Kinostart wieder und wieder verschoben. Zeit sich also positiveren Dingen zu widmen. Der Musik in James Bond-Filmen.

Der neueste James Bond-Titelsong von Billie Ellish No Time to die

Die Titelmelodien zu Bond-Filmen sind eine Klasse für sich. Viele Ohrwürmer wurden produziert. Zeit also, eine Liste meiner Lieblingstitelstücke zu erstellen, was absolut schwer ist. Rein subjektiv hier meine persönliche Top Ten:

Shirley Bassey: Goldfinger
Sheena Easton: For your Eyes only
Louis Armstrong: We have all the Time in the World (obwohl es kein Titelsong ist)
Shirley Bassey: Diamonds are forever
Nancy Sinatra: You only live twice
Tom Jones: Thunderball
Carly Simon: Nobody does it better
Paul McCartney: Live and Let die
Adele: Skyfall
Billie Ellish: No Time to die

Kritiker werden bemängeln, dass hauptsächlich frühe Bond-Titelmelodien in meiner Aufzählung zu finden sind. Ausnahme sind die Songs von Adele und Billie Ellish. Zwar sind Madonna, Tina Turner, Sherly Crow oder Duran Duran große Stars, aber die Lieder haben mich nicht gepackt. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann hätte ich Shirley Bassey mit Moonraker auch in meine Top-Ten statt Adele oder Billie Ellish geholt, aber dann hätte mich ganz als alten Mann entpuppt.
Billie Ellish ist also die neueste Interpretin und zunächst mochte ich ihr No Time to die überhaupt nicht. Ihre Art des Gesangs und der Interpretation gefiel mir nicht, aber ich habe mich reingehört. Wer den gälischen Namen von Elisabeth trägt, den höre ich gerne zweimal, dreimal zu. An ihren Soprangesang musste ich mich erst einmal gewöhnen – vor allem wenn man so stimmgewaltige Sängerinnen wie Shirley Bassey bei Bond-Lieder mag. So wandelt sich eben die Zeit. Ich mag die Klasse von Sean Connery und finde Daniel Craig einen schlechten Bond-Darsteller, aber ich habe mich an seine rüpelhafte Bond-Interpretation gewöhnt. Ebenso geht es mir mit Billie Ellish und ihrem Flüstergesang. Aber der jüngsten Sängerin eines Bond-Liedes will ich eine Chance geben, aber was mich wirklich aufregt ist, dass Hans Zimmer für das orchestrale Arrangement zuständig war. Und nein, ich mag Hans Zimmer überhaupt nicht und halte ihn für vollkommen überschätzt als Soundtrackproduzenten. Als Geldverdiener hat er meinen Respekt, also Lieberhaber von Scores sicher nicht.

Nun, ich habe mir die Amazon-Sonderedition der Single No Time To Die in durchsichtigen, eisfarbenen Vinyl gekauft, die dann auch ins Archiv zu den anderen Bond-Singles wandert. Und dann beginnt das lange Warten auf den 25. James Bond Film.

Lego Yellow Submarine – Beatles gehen auf Unterseefahrt

19. Juli 2018

Mein Yellow Submarine von Lego aus den USA

Mein Yellow Submarine von Lego aus den USA

„Wir leben alle im gelben U-Boot“ – was sind das für geniale Zeilen! Die Beatles sind für mich die größte Band überhaupt. Ihre Lieder haben mittlerweile den Charakter von Volksliedern und es vergeht kaum ein Tag, an denen ich nicht die Musik von John, Paul, George und Ringo höre. Und als ich mir über die Blogparade von meiner Bloggerclub-Kollegin Tanja Prakse Gedanken machte, kam mir Yellow Submarine in den Sinn. Tanja betreut die Blogparade „Europa und das Meer – was bedeutet dir das Meer | #DHMMeer“ des Deutschen Historischen Museums Berlin und in dieser Parade dürfen die Beatles mit ihrem gelben Unterseeboot nicht fehlen. 

Mit den Beatles bin ich im Yellow Submarine im meiner Fantasie durch alle Weltmeere gefahren. Ich habe Jaques Cousteau bei seinen Forschungen getroffen, haben mit Kapitän Ahab den weißen Wal gejagt, lief mit Kapitän Nemo und seiner Nautilus aus, flog vor dem weißen Hai und dem aggressiven Orca, ich war Freibeuter der Meere als Roter Kosar und schlug mit Lord Nelson seine letzte Schlacht. Ich traf im gelben U-Boot auf die Titanic, erschauderte beim Anblick der getroffenen Bismarck und ich reiste immer wieder ins Pepperland. Es gilt schließlich die Blaumiesen zu besiegen. Jeder, der den Film Yellow Submarine von 1968 gesehen hat, der weiß, welche üble Kreaturen diese Blaumiesen sind. 

So holte ich mein U-Boot hervor. Bei meinem jüngsten Besuch in New York erwarb ich im Lego Store mein Yellow Submarine. Es ist ein Lego Ideas-Produkt, das bedeutet, die Lego-Fans in aller Welt haben Lego ein Produkt vorgeschlagen, dass Lego dann offiziell baut und für kurze Zeit vertreibt. es hat die Lego Nummer 21306. Der ursprüngliche Entwurf und die Idee der Realisierung stammen von Kevin Szeto.

Vielen Dank dafür. Es sind 553 Lego-Steine insgesamt. Die Steine sind in fünf Plastikpackungen vorsortiert. In jeder Plastiktüte versteckt sich einer der Pilzköpfe Paul McCartney, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr, in der fünften Tüte gibt es dann noch den Cartoon-Charakter Jeremy Hillary Boob. Cartoon-Charakters Jeremy Hillary Boob Ph.D. Länger als zwei Stunden darf der Aufbau nicht dauern – etwas schneller geht es allerdings, wenn man Beatles Musik dazu hört, wie die erste Seite des Albums Yellow Submarine. Die B-Seite mochte ich nie so, da war klassische Musik von George Martin zu hören, die nett ist, aber eben keine Beatles-Songs enthält. 

Beatles in New York – Meine Reiseimpressionen Teil 7

11. Januar 2017

In New York fand ich wieder zu meiner alten Liebe: Ich fand wieder zu den Beatles. Immer wieder begegneten mir im Big Apple die beste Band der Welt und das Feuer für die Fab Four flammte wieder auf. Mein erster Hinweis war ein Plakat in der U-Bahn bei der die Doku Eight Days A Week – The Touring Years bewerben wird. Fand ich sehr schön.

Werbung zur Beatles-Doku in der U-Bahn.

Werbung zur Beatles-Doku in der U-Bahn.

Lego Yellow Submarine
Als ich durch den Lego-Store gegenüber dem Flatiron-Gebäude streifte, entdeckte ich ein paar Restexemplare von Yellow Submarine aus Lego. Ich kannte dieses Lego-Ideas-Produkt aus Deutschland, hatte mich aber damals aus rationalen Gründen gegen des Kauf des gelben U-Boots entschieden. In New York erinnerte ich mich nicht mehr an diese rationalen Gründe und griff zu. Vor allem, nachdem ich gesehen habe, dass das Yellow Submarine in Deutschland bald ausverkauft sein würde. Das U-Boot umfasst 550 Steine und enthält die vier Minifiguren John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr sowie eine Jeremy-Figur. Es war eine schöne Szene, als ich mit dem Gesang von Yellow Submarine zur Kasse ging und der Kassier gleich mit einstieg. Ja, die Beatles verbinden.

Wir leben alle im gelben U-Boot.

Wir leben alle im gelben U-Boot.

Beatles als Kunst
Tags darauf traf ich mich mit meinen US-Kumpel, dem Popart-Künstler Ed Heck. Bei dem Studiobesuch in Brookyln, über den ich noch separat bloggen werde, liefen die Beatles via Apple Music. Anstatt uns über Kunst und die US-Kunstszene zu unterhalten, lauschten Ed Heck und meine Familie verschiedene Beatles Songs von dem Album Love. Einst sah ich das Beatles Musical Love im Cirque du Soleil in Las Vegas, was mir aber nicht gefallen hat. Auf großes Interesse stieß mein Lego-Bausatz und am nächsten Tag kaufte sich Heck sein eignes Yellow Submarine.

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Er hatte früher schon mal die Beatles in seinen Bildern verewigt. Vielleicht plant er bald eine neue Beatles-Serie und mal sehen, wenn meine Finanzen passen, will ich ein Ed Heck Beatles Bild. Nett war auch, dass uns Ed Heck in seinem Studio mit einer Freundin namens Joe empfing. Joe liebte die Beatles ebenso. Ihre Liebe ging sogar soweit, dass die Beatles die Spitze ihrer Hochzeitstorte zierten. Das Brautpaar war ein Stock tiefer auf der Torte. Die Beatles haben überlebt, inzwischen ist Joe geschieden. So kann es gehen.

Auch cool. Der Sohn von Ed Heck spielt Schlagzeug und er ist in einer Masterclass für Schlagzeug. Er durfte vor Weihnachten eine Stunde lang mit Ringo Starr spielen. Mein Neid war ihm sicher.

Beatles-Fans: Ed Heck und Jo

Beatles-Fans: Ed Heck und Jo

Hard Rock Café – der Beatles Himmel auf Erden
Von meinem Bekannten Günther hatte ich die Bitte eine US-Kappe vom Hard Rock Café mitzubringen. Machte ich gerne. Als ich das Hard Rock Café am Times Square betrat, traute ich meinen Augen nicht. Ich traf auf die Anzüge und Ausrüstung der Beatles von der legendären Konzerttournee 1965. Ich hatte noch zu Hause die DVD Eight Days A Week – The Touring Years zum Besprechen und sie mir schon zweimal angesehen. Und jetzt stehe ich vor den Originalkostümen dieser Tour – ich könnte vor Glück heulen. Wie geil ist das denn? Ich drehte mich um und sah das Originalplakat der Beatles Show vom 23. August 1965 im Shea Stadium. Die Show war damals nicht ausverkauft. 11.000 der 55.600 Tickets waren noch zu haben. Die Beatles, allen voran John Lennon und George Harrison, waren von der Tour komplett genervt. Die Fans brüllten so laut, so dass die Musiker ihre eigene Musik nicht hören konnten.

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Eigentlich wollte ich ja nicht die Mütze kaufen, doch es wurde ein längerer Aufenthalt im Hard Rock Café. Es hingen die Plattencovers der Beatles mit den Originalautogrammen der Musiker: Let it Be, Abbey Road, Rubber Soul, Help, das Rock’n Roll-Album von John Lennon und noch vieles mehr. Dann gab es den legendären Bass von Paul zu sehen, die Akustik-Gitarre von George vom concert for bangladesh von 1971. Ein absoluter Hochgenuss waren diese Ausstellungsstücke. Ich kann jedem Musikfreund und natürlich jedem Beatles-Freund den Besuch des Hard Rock Cafés ans Herz legen.

Immer noch ein Traum – das Dakota
Leider haben wir es dieses Mal nicht zu den Strawberry Fields geschafft. Diese Gedenkstätte im New Yorker Central Park wurde von Yoko Ono errichtet als Erinnerung an ihren ermordeten Mann John Lennon. Bisher hatte ich es geschafft, bei jeden meiner New York-Aufenthalte dort vorbeizuschauen und Lennon zu Gedenken. Dieses Mal blieb keine Zeit. Wir sind auch nur kurz beim Dakota vorbeigelaufen. Das ist das Wohnhaus von Lennon in 1 West 72nd Street, vor dem er am 8. Dezember 1980 ermordet wurde. Schade, dass es keine Führungen oder Filmaufnahmen vom Dakota gibt. Auch der Polanski Film Rosemarys Baby wurde hier nur von außen gedreht. Vielleicht lädt mich Sting oder Yoko Ono mal ein 🙂

Kritik: Paul McCartney im Münchner Olympiastadion 2016

12. Juni 2016

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Auch Petrus ist ein Beatles Fan. Nach rund zwei Wochen Dauerregen kam Paul McCartney ins Münchner Olympiastadion und siehe da: Here comes the sun. Bei strahlendem Sonnenschein gab Paul McCartney ein routiniertes Konzert im fast vollbesetzten Haus.
Jemand wie Paul McCartney hat ein Problem vor dem andere Musiker gerne stehen würden. Er hat zu viel Material, zu viel gutes Material. Andere Musiker haben einige Hits und müssen eine zwei-Stunden-Show damit bestreiten. Paul McCartney hat Hits en masse und muss wählen, was er zum Besten gibt. Die Wahl des Abends war gut: Eine Brise Solo, eine Brise Wings und ein bisschen mehr Beatles – und uns Fans hat es gefallen.
Sir Paul sprach an dem Abend Deutsch, was die anwesenden Fans im Olympiastadion honorierten. „Servus München! Ich werde versuchen, ein bisschen Deutsch zu sprechen.“ Hat er gemacht und es war eine nette Geste. Schließlich war Paul McCartney schon mal zu Gast in München. 1966 mit seinen Freunden John, George und Ringo als ihn die Bravo-Blitztournee in den Circus Krone geführt hat. Zur Vorbereitung habe ich mir mein Bravo-Programm der damaligen Tour aus meinem Archiv geholt und ein bisschen in den vergilbten Seiten geschmökert.

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Damals 1966 als Paul in München rockte, war ich noch nicht geboren – der Fluch der späten Geburt. Das Phänomen Beatles kenne ich nur aus Erzählungen, bei der Auflösung der Fab Four war ich noch zu klein. Aber die Musik kenne ich und ich liebe sie. Beatles laufen heute bei uns auf Vinyl, auf CD und digital. Beatles Songs gehören für mich zur Volksmusik, zum Kulturerbe. Jeder kann sie mitsingen. Und als ich bei Paul McCartney im Münchner Olympiastadion saß, meine Augen geschlossen hatte und der Musik lauschte, da passierte es. Ich hörte die wunderbare Musik und es wurde mir klar: Dieser Mann auf der Bühne hat zusammen mit John Lennon diese fantastische Musik geschrieben – und ich bin live dabei. Was für ein Gefühl! Mir ist bewusst geworden: Ich sehe hier eine Legende. Und ich verneige mich vor dieser Legende.


Und Paul gedachte auch der alten Zeiten. Er widmete Songs seiner verstorbenen Frau Linda, George Martin und seinen Kumpels John Lennon und George Harrison. Besonders Harrisons Song Something berührte uns alle sehr. Paul begann auf der Ukulele die Harrison-Komposition anzustimmen, sang ein, zwei Strophen und dann setzte die Band mit ein – ein wahres Gänsehaut-Feeling.
Ein ähnliches Feeling kam auf, als das ganze Stadium Hey Jude, Yesterday, meinen Lieblingssong Let it be und Ob-La-Di, Ob-La-Da oder gleich als Opener A Hard Days Night mitsang. Wunderschön auch aus den Pepper-Zeiten Being for the Benefit of Mr. Kite! sowie ein absolutes starkes Birthday – gegen Ende des Konzerts wurden sogar zwei Geburtstagskinder aus dem Publikum auf die Bühne gebeten. Auch eine schöne Geste. Eine Besonderheit gab es auch: Es gab von The Quarrymen, der Band vor den Beatlesm den den Song In Spite of all the Danger.
Die Lightshow kam bei Sonnenschein nicht so zur Wirkung. Kaum war die Sonne untergegangen, dann drehten die Licht- und Pyrotechniker voll auf. Absoluter Höhepunkt war wohl hier der James Bond-Klassiker und Wings-Hit Live and let die. Sir Paul, die Band und vor allem die Technik zogen alle Register. Expositionen, Laser, Light und ein bombastisches Feuerwerk stieg in den Himmel über den Olympiastadium und auch die nichtzahlenden Fans vom Olympiahügel kamen in den Genuss des Showspektakels.
Paul McCartney ist ein toller Showman und sich um seiner Wirkung bewusst. Sehr nett seine Standard-Aussage beim Ablegen des Sakkos: „Das ist der einzige Klamottenwechsel des gesamten Abends.“ Er bleibt auch mit 74 Jahren der symathische Spitzbub. Während John Lennon der Intellektuelle, George Harrison der Geheimnisvolle und Ringo Star der Witzbold war, spielte McCartney immer die Rolle des Symapthieträgers.
Am Ende des Konzerts kommt wie immer das Medley von Abbey Road – mit The End. Danke Paul McCartney, danke für den schönen Abend und danke, dass du meine Frau wieder zum Teenager wurde. Ach ja, lieber Petrus, lass George und John im Himmel lauter jammen – George Martin produziert freilich.

Die Setlist Paul McCartney in München 2016, wie ich sie in Erinnerung habe.
„A hard Day’s Night“
„Save us“
„Can’t buy me Love“
„Letting go“
„Temporary Secretary“
„Let me roll it“ (mit „Foxy Lady“ zum Ausklang)
„I’ve got a Feeling“
„My Valentine“
„Nineteen Hundred and Eighty-Five“
„Here, there and everywhere“
„Maybe I’m amazed“

„We can work it out“
„In Spite of all the Danger“
„You won’t see me“
„Love me do“
„And I love her“
„Blackbird“
„Here today“

„Queenie Eye“
„New“
„The Fool on the Hill“
„Lady Madonna“
„FourFiveSeconds“
„Eleanor Rigby“
„Being for the Benefit of Mr. Kite!“
„Something“
„Ob-La-Di, Ob-La-Da“
„Band on the Run“
„Back in the U.S.S.R.“
„Let it be“
„Live and let die“
„Hey Jude“

„Yesterday“
„Hi, Hi, Hi“
„Birthday“
„Golden Slumbers“
„Carry that Weight“
„The End“

Buchkritik: Herbstblond von Thomas Gottschalk

15. Juli 2015

herbstblond

Ich sag es gleich vorweg: Ich mag den Gottschalk, ich mochte ihn früher und ich mag ihn heute auch noch. Ich bin also befangen. Als Jugendlicher hörte ich die B3 Radioshow mit Gottschalk und Jauch. Ach was schreib ich? Ich liebte sie. Als Schüler lief bei mir das Radio, wenn die beiden Moderatoren auf Sendung waren und sich gezankt haben. Der witzige Thomas und der ernste Günther. Sonst mochte ich Radio nicht so, aber Gottschalk brachte frischen Wind in den Bayerischen Rundfunk und rockte die Hütte. Er versüßte mir die Hausaufgaben.
Aus diesem Grunde las ich auch die Autobiografie Herbstblond von Thomas Gottschalk. Vor allem interessierte mich, wie ein Kerl aus der fränkischen Provinz mit einer großen Klappe und Schlagfertigkeit zum wichtigsten deutschsprachigen Entertainer aufsteigen konnte. Seine Geschichten über den Bayerischen Rundfunk und seinen Strukturen habe ich in diesem Buch verschlungen, wahrscheinlich weil ich den einen oder anderen Protagonisten kannte. Ich las auch viel über den Hörfunkdirektor Udo Reiter, dessen Autobiografie ich mir auch gleich reinzog und darüber bloggte. Reiter förderte Gottschalk nach Kräften, so dass er im System BR überleben konnte. Mal sehen, ob ich die Autobiografie von Gottschalk-Freund Gunter Sachs auch noch bekomme. Auch mit ihm war Gottschalk befreundet – und sowohl Reiter als auch Sachs haben sich im Alter erschossen. Thomas Gottschalk hat Rundfunkgeschichte geschrieben, nicht mehr, nicht weniger.
Auch interessant für mich, wie selbstkritisch sich Gottschalk mit den neuen Medien auseinander setzt. Er beschreibt seine eigene Hilflosigkeit im Hinblick auf die Digitalisierung – YouTube und Twitter sind nicht sein Leben. Wichtig ist, dass er dies erkennt und danach handelt und sich nicht zum Affen macht. Gottschalk kann heute sich zurückziehen und kann seinen Erfolg genießen. Diese Autobiografie, die übrigens sehr flott geschrieben und gut lektoriert wurde, ist das Werk eines schlagfertigen Profis. Es gibt nachdenkliche Seiten, wenn sich Gottschalk beispielweise über Religion und Bildungssystem auslässt, und es gibt witzige Seiten, wenn es seine Filmprojekte beispielsweise geht. Piratensender Powerplay war Kult. Gut gespielt hatte er nur in dem Helmut Dietl-Film Late Night.

Werbung im Hugendubel in Erfurt.

Werbung im Hugendubel in Erfurt.

Kritisch geht Gottschalk mit Wetten dass um. Er war der Meister des Samstagabends, aber diese Zeiten sind vorbei. Und sie kommen nicht wieder. Da sollte sich auch ein Thomas Gottschalk bei all seiner Popularität erinnern. Gottschalk hatte die großen Stars dieser Welt auf seinem Sofa. Ich erinnere mich noch an Michael Jackson, bei dessen Auftritt die Fans ausrasteten. Für mich die wichtigsten Auftritte waren Sir Paul McCartney, Bill Gates und Sir Peter Ustinov. Gerade die US-Stars konnte er einladen, was sicherlich auch an seinem amerikanischen Wohnsitz lag. Meine deutschen Helden waren Peter Alexander, Karlheinz Böhm und Loriot. Gottschalk übernahm Wetten dass ja von Frank Elstner und der hatte zumindest schon 1983 Johnny Cash in der Show – ein Auftritt, den ich noch immer fasziniert ansehe. 2011 kam es dann zum Umfall von Samuel Koch und ab da hatte Wetten dass für mich seine Leichtigkeit verloren. Michelle Hunziker wurde zuvor eingebaut, die ich aber überflüssig fand. Wetten dass war für mich nicht mehr die Sendung, die ich mochte und mit meiner Familie schaute. Wir hatten uns auseinander gelebt. Smartphone und Laptop und damit YouTube und soziale Netzwerke waren wichtiger im Haushalt, der Fernseher bliebt die meiste Zeit aus. Das verbindende Element Fernsehen ging verloren. Die Wetten der Sendung konkurrierten mit YouTube und zogen den Kürzeren. Zeit aufzuhören, obwohl die heilige Quote im Vergleich immer noch passte.
Die Late Night-Experimente waren okay, die meisten leichtbekleideten Tussis dort allerdings waren überflüssig. Eine schlüpfrige Bemerkung hier, ein zweideutiges Kompliment da – das brauche ich nicht ansehen. Für mich war Harald Schmidt der deutsche König der Late Night-Unterhaltung. Das war nicht die Welt von Plaudertasche Gottschalk und das erkannte er auch.

Sehr nett ist auch das Kokettieren mit Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki. Der oberflächliche Gottschalk und der tiefsinnige Reich-Ranicki – zwei begnadete Entertainer, die immer wieder aufeinandertreffen. 2008 lehnte Reich-Ranicki den Fernsehpreis ab, bot Gottschalk das Du an und Gottschalk ergriff geistesgegenwärtig die Chance und forderte die Intendanten von ARD, ZDF und RTL zu einer gemeinsamen Sendung mit Tiefgang auf. Das muss man sich erst mal trauen. Schön und treffend fand ich die Bemerkung vom damaligen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher an Gottschalk: Er solle sich in Zukunft nicht dümmer stellen als nötig. Das passt als Credo über die gesamte Biografie: Thomas Gottschalk hat eine emotionale Intelligenz und weiß sie einzusetzen. Daher klarer Lesebefehl für Herbstblond.