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Konzertkritik: G-Dragon in Berlin

18. Oktober 2017

G-Dragon in Berlin.

G-Dragon in Berlin.

Kennen Sie KPop? Nein, macht nichts, kannte ich auch nicht. Aber es ist eine Bildungslücke, wie ich zugeben muss. KPop ist (süd-)koreanische Popmusik und zudem extrem populär. Zum Beispiel bei K2 bei uns zuhause. K2 beschallt die Hütte mit Musik von Bands, die ich noch nie zuvor gehört habe. Allen voran BTS. Und weil diese KPop-Bands wohl nicht so gerne Asien verlassen, ist es eine Rarität, dass sich G-Dragon  herablässt und auf seiner Act III: M.O.T.T.E World Tour auch in Berlin Station gemacht hat. Für alle, die es genau wissen wollen: Act III: M.O.T.T.E bedeutet Act III: M.O.T.T.E ‚Moment of Truth The End‘ World Tour. Hätten wir das auch geklärt. Berlin war das einzige Konzert des Millionen-Sellers in Deutschland, der über 20 Millionen Alben verkauft hat. Hier meine Fotoeindrücke als Film.

Nun G-Dragon lud in die Mercedes Benz Arena in Berlin und die Karten waren wie im Nuh ausverkauft. Als guter Papa eines KPop-Fans setzte ich Himmel und Hölle in Bewegung und bekam auch zwei Sitzplätze für K2 und mich. Über den Preis will ich den Mantel des Schweigens ausbreiten – nur so: Die Rolling Stones sind gegen G-Dragon eine Schnäppchen-Band. Also per Zug in die Hauptstadt, Hotelzimmer in Berlin bezogen und ab zum Ort des Geschehens. Schlagartig kam ich mir alt vor, richtig alt. Die Mehrzahl des Publikums waren Mädchen und junge Frauen, viele Asiatinnen darunter und viele in einem bestimmten Asia-Look gekleidet, den ich von Manga- und Anime-Conventions kenne. Die Stimmung in der Mercedes Benz Arena war gut. Die älteren Herrschaften in den Reihen waren ebenso wie ich Papas, die ihre Töchter begleiteten, die allerlei Schildchen mit asiatischen Schriftzeichen dabei hatten. Übersetzt hießen die Worte Middle Fingers Up – so sagte man es mir wenigstens. Nun ja.

Der Merch-Stand war ausverkauft.

Der Merch-Stand war ausverkauft.

Nach Sicherheitskontrollen, die heute unvermeidbar aber absolut notwendig sind, wollten wir Merch erwerben. Merch oder wie ich sagen würde Merchandising ist teuerer Plunder der Band, der an Konzerten verkauft werden. Ich brauch nichts sagen, bei King Crimson in Stuttgart hab ich zugeschlagen also muss K2 bei G-Dragon zuschlagen. Aber es gab lange Gesichter bei K2 und anderen: Der Merch-Stand war fast komplett ausverkauft. Wir konnten nur noch ein Lichtchen in Form einer Krone erwerben – 20 Euro für Plastik. Die gewünschten T-Shirts für 45 Euro waren schon weg und das Gedränge dennoch groß. Auf dem Weg zu unseren Sitzplätzen bestellte ich bei eBay in China das T-Shirt für 7 Euro inklusive Versand – das nenne ich mal eine Gewinnspanne.
Platz genommen und Atomsphäre genossen. Um uns herum hatten viele G-Dragon Fans ihre Lichter zum Schwenken dabei. Sie hatten alle das Aussehen einer Krone. Ich hatte im Vorfeld zwei Leuchtstäbe mitgenommen und kam mir eher vor, wie ein Fluglotse auf dem Rollfeld – aber ich habe die blinkenden Dinger trotzdem angemacht. Meine Entschuldigung: Ich bin alt und weiß es nicht besser. K2 ist auch etwas von mir abgerückt. Der Vater kann schon manches Mal peinlich sein. In ganze Konzerthalle tauchte in ein Lichtermeer und es sah wirklich eindrucksvoll aus. Ich muss zugeben, KPopper machen Stimmung.

Dann mit einem Bang ging das Konzert los. Es startete mit einem fulminanten Videoclip mit Licht und Feuer. Der Song „Heartbreaker“ schlug bei den Fans ein. Die Arena verwandelte sich in ein Meer von Lichtern. Fans freuten sich, laute Freundenschreie gab es zu hören. Die Stimmung war perfekt von der ersten Minute an. Ich muss zugeben, KPop-Fans verstehen zu feiern. Das ging Song um Song so weiter.

Bei den etwas leiseren Liedern wurde lautstark mitgesungen.
Kwon Ji-yong, so heißt G-Dragon als Originalname, ist in seiner Heimat eine Nummer. Er gibt den Stil in Korea an und das verdient Respekt. Der junge Mann ist Popmusiker, Songwriter, Produzent, Model und Modedesigner und er ist Leader und Rapper der Boyband Big Bang. Für seine Fans scheint er eine Art modernes Multitalent zu sein. Und er beherrscht sein Metier. Seine zumeist weiblichen Fans folgen ihm. Sie reagieren auf jeden Blick, auf jede Geste, auf jedes Wort. Er prägt seinen Style, wie sein blonder Haarschnitt, der ihn auf die Vogue brachte. Im Konzert sah ich auch viele dreieckige Tücher, die der Musiker oft trug. K2 erklärte mir, dass es sich um ein Big Bang Halstuch handle. Ich beobachte die Fans genauer. Viele trugen die Modemarke Peaceminusone, die dem Künstler gehört.

G-Dragon heizte seine Show weiter an. Interessant für mich waren die Videoeinspielungen seiner Bandkollegen, seiner Familie, seines Managements. Es wird gelobt und gehuldigt, welche cooler Typ dieser Kwon Ji-yong ist. Die Fans bejubeln die Aussagen, klatschen und freuen sich – das ist wahrer Fankult.

Endlich kommen auch die Schilder mit dem Aufdruck Middle Fingers Up zum Einsatz. Der dazugehörige Song heißt natürlich Middle Fingers Up. Vor dem Konzert wurden diese Schilder kostenlos verteilt – K2 und ich haben keines abgekommen, was K2 sichtlich ärgerte. Um des Familienfriedens hab ich nach dem Konzert ein Schild besorgt, das jetzt stolz im Zimmer von K2 an der Wand hängt. Ja, der Papa wird es schon richten, so damals ein Peter Alexander-Song.
Sehr, sehr emotional wurde es, als G-Dragon eine Rede an seine Fans richtete. Mir persönlich war es zuviel Selbstmitleid, zuviel Show, zuviel Gehabe. Aber den Fans hat es gefallen und sie lauschten jedem Wort des Künstlers.

 

Noch schlimmer für mich wurde es dann bei einer fast zehnminütigen Ansprache an seine Fans, eine Art Seelenstrip. Im zweiten Teil des Konzerts gab es weniger Musik, als viel mehr weise und erhabene Worte. Das ist mir zuviel der Selbstdarstellung und Selbstvermarktung, aber es gehört wohl zum Ritual des Künstlers. Mir ging es auf den Keks, die Probleme und Selbstzweifel des Herrn anzuhören. Aber wie gesagt, den Fans hat es gefallen.

Nachdem der Meister von der Bühne gegangen ist, baten die Fans um Zugaben. Und die gab es auch wieder mit Lightshow, Feuer, MotionDesign und den ganzen Zauber. Den Abschluss machten die Songs Crooked und Untitled, 2014. Dazu bewegte sich G-Dragon von der Bühne und begab sich ins Publikum für Körperkontakt. Das VIP-Ticket vor der Bühne muss sich schließlich bezahlt machen. Es gab Händeschütteln, Abklatschen und Lächeln für das Smartphone.

Die Kamera war immer dabei, um die Fanreaktionen auf die großen Konzertleinwände zu bringen.
Zu einem wahren KPop-Fan werde ich wohl nicht, aber die Show hat bis auf das Selbstmitleid absolut Spaß gemacht. K2 war rundum begeistert und hält schon nach den nächsten KPop-Konzerten Ausschau. Der größte Wunsch wäre es wohl, wenn BTS nach Europa kommen würde und Papa wieder in die Tasche greift. Hier die kompletten Fotos des Abends als Film.

Hier noch eine Auswahl an Konzertfotos:

Kritik: Paul McCartney im Münchner Olympiastadion 2016

12. Juni 2016

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Auch Petrus ist ein Beatles Fan. Nach rund zwei Wochen Dauerregen kam Paul McCartney ins Münchner Olympiastadion und siehe da: Here comes the sun. Bei strahlendem Sonnenschein gab Paul McCartney ein routiniertes Konzert im fast vollbesetzten Haus.
Jemand wie Paul McCartney hat ein Problem vor dem andere Musiker gerne stehen würden. Er hat zu viel Material, zu viel gutes Material. Andere Musiker haben einige Hits und müssen eine zwei-Stunden-Show damit bestreiten. Paul McCartney hat Hits en masse und muss wählen, was er zum Besten gibt. Die Wahl des Abends war gut: Eine Brise Solo, eine Brise Wings und ein bisschen mehr Beatles – und uns Fans hat es gefallen.
Sir Paul sprach an dem Abend Deutsch, was die anwesenden Fans im Olympiastadion honorierten. „Servus München! Ich werde versuchen, ein bisschen Deutsch zu sprechen.“ Hat er gemacht und es war eine nette Geste. Schließlich war Paul McCartney schon mal zu Gast in München. 1966 mit seinen Freunden John, George und Ringo als ihn die Bravo-Blitztournee in den Circus Krone geführt hat. Zur Vorbereitung habe ich mir mein Bravo-Programm der damaligen Tour aus meinem Archiv geholt und ein bisschen in den vergilbten Seiten geschmökert.

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Damals 1966 als Paul in München rockte, war ich noch nicht geboren – der Fluch der späten Geburt. Das Phänomen Beatles kenne ich nur aus Erzählungen, bei der Auflösung der Fab Four war ich noch zu klein. Aber die Musik kenne ich und ich liebe sie. Beatles laufen heute bei uns auf Vinyl, auf CD und digital. Beatles Songs gehören für mich zur Volksmusik, zum Kulturerbe. Jeder kann sie mitsingen. Und als ich bei Paul McCartney im Münchner Olympiastadion saß, meine Augen geschlossen hatte und der Musik lauschte, da passierte es. Ich hörte die wunderbare Musik und es wurde mir klar: Dieser Mann auf der Bühne hat zusammen mit John Lennon diese fantastische Musik geschrieben – und ich bin live dabei. Was für ein Gefühl! Mir ist bewusst geworden: Ich sehe hier eine Legende. Und ich verneige mich vor dieser Legende.


Und Paul gedachte auch der alten Zeiten. Er widmete Songs seiner verstorbenen Frau Linda, George Martin und seinen Kumpels John Lennon und George Harrison. Besonders Harrisons Song Something berührte uns alle sehr. Paul begann auf der Ukulele die Harrison-Komposition anzustimmen, sang ein, zwei Strophen und dann setzte die Band mit ein – ein wahres Gänsehaut-Feeling.
Ein ähnliches Feeling kam auf, als das ganze Stadium Hey Jude, Yesterday, meinen Lieblingssong Let it be und Ob-La-Di, Ob-La-Da oder gleich als Opener A Hard Days Night mitsang. Wunderschön auch aus den Pepper-Zeiten Being for the Benefit of Mr. Kite! sowie ein absolutes starkes Birthday – gegen Ende des Konzerts wurden sogar zwei Geburtstagskinder aus dem Publikum auf die Bühne gebeten. Auch eine schöne Geste. Eine Besonderheit gab es auch: Es gab von The Quarrymen, der Band vor den Beatlesm den den Song In Spite of all the Danger.
Die Lightshow kam bei Sonnenschein nicht so zur Wirkung. Kaum war die Sonne untergegangen, dann drehten die Licht- und Pyrotechniker voll auf. Absoluter Höhepunkt war wohl hier der James Bond-Klassiker und Wings-Hit Live and let die. Sir Paul, die Band und vor allem die Technik zogen alle Register. Expositionen, Laser, Light und ein bombastisches Feuerwerk stieg in den Himmel über den Olympiastadium und auch die nichtzahlenden Fans vom Olympiahügel kamen in den Genuss des Showspektakels.
Paul McCartney ist ein toller Showman und sich um seiner Wirkung bewusst. Sehr nett seine Standard-Aussage beim Ablegen des Sakkos: „Das ist der einzige Klamottenwechsel des gesamten Abends.“ Er bleibt auch mit 74 Jahren der symathische Spitzbub. Während John Lennon der Intellektuelle, George Harrison der Geheimnisvolle und Ringo Star der Witzbold war, spielte McCartney immer die Rolle des Symapthieträgers.
Am Ende des Konzerts kommt wie immer das Medley von Abbey Road – mit The End. Danke Paul McCartney, danke für den schönen Abend und danke, dass du meine Frau wieder zum Teenager wurde. Ach ja, lieber Petrus, lass George und John im Himmel lauter jammen – George Martin produziert freilich.

Die Setlist Paul McCartney in München 2016, wie ich sie in Erinnerung habe.
„A hard Day’s Night“
„Save us“
„Can’t buy me Love“
„Letting go“
„Temporary Secretary“
„Let me roll it“ (mit „Foxy Lady“ zum Ausklang)
„I’ve got a Feeling“
„My Valentine“
„Nineteen Hundred and Eighty-Five“
„Here, there and everywhere“
„Maybe I’m amazed“

„We can work it out“
„In Spite of all the Danger“
„You won’t see me“
„Love me do“
„And I love her“
„Blackbird“
„Here today“

„Queenie Eye“
„New“
„The Fool on the Hill“
„Lady Madonna“
„FourFiveSeconds“
„Eleanor Rigby“
„Being for the Benefit of Mr. Kite!“
„Something“
„Ob-La-Di, Ob-La-Da“
„Band on the Run“
„Back in the U.S.S.R.“
„Let it be“
„Live and let die“
„Hey Jude“

„Yesterday“
„Hi, Hi, Hi“
„Birthday“
„Golden Slumbers“
„Carry that Weight“
„The End“

Persönliche Gedanken zum Tod von Edgar Froese

24. Januar 2015

In später Freitagnacht habe ich über soziale Netzwerke erfahren, dass Edgar Froese im Alter von 70 Jahren in Wien an einer Lungenembolie verstorben ist. Das tut mir leid. Obwohl ich eher mit handgemachter Musik wie Rock’n Roll und Country aufgewachsen bin, hat mir Froese und seine Tangerine Dream (TD) einiges bedeutet. Für mich gab es im elektronischen Musikbereich lange Zeit nur Kraftwerk, Klaus Schulze und eben Tangerine Dream – und zwar in dieser Reihenfolge. So musikalisch innvoativ war dieses Land und brachte solche Ausnahmemusiker hervor.

Tangerine-dream
Edgar Froese als Gründungsmitglied der Tangerine Dream hat die Musik verändert – und wer kann das schon von sich sagen. Ich sah Konzerte auf DVD als Tangerine Dream wie Hohepriester in ihren Synthesizer-Burgen standen. Froese achtete mit Argusaugen darauf, dass sich keiner seiner Kollegen hervortat und gab die Richtung der Band vor.

Rubycon - ein erstes Album von TD.

Rubycon – ein erstes Album von TD.

Ich glaube, meine erste Schallplatte von Tangerine Dream war Rubycon, die 1975 erschien. Schon das Cover faszinierte mich, denn es war kein Bandfoto zu sehen. Stattdessen gab es auf dem Blau gehaltenen Bild einen Tropfen zu entdecken, der auf eine Flüssigkeitsoberfläche eintrat. Eine Makro- und Zeitrafferaufnahme der frühen Zeit. Und die Musik faszinierte mich. Jede Schallplattenseite eine rund 17minütige Komposition. Synthesizer standen im Mittelpunkt, ich glaube, ein Moog war auch zu hören. Was war das für Musik? Krautrock nein, das machten eher Can, Rock auch nicht. Der Begriff New Age war noch nicht geboren und so kam eine neue Stilrichtig Art Rock oder Progressive Rock und elektronischer Musik. Solche Kompositionen kannte ich als Kind nur von den Klassikplatten meiner Eltern. Die meditative und zum Teil intensive Musik faszinierte mich. Der innovative Sound schlug mich in den Bann und hat mich bis heute nicht losgelassen. Allerdings und das muss ich sagen, haben mir die alten Aufnahmen von Tangerine Dream weitaus besser gefallen als die neuen. Tangerine Dream und Froese veränderten sich musikalisch und ich folgte den Weg nur zum Teil. Es war mir in den späteren Jahren einfach zu viel Gedudel und Geplätscher. Ich folge eher dem ehemaligen TD-Mitglied Klaus Schulze, der dem alten Stil treu blieb und sich in eine Richtung weiter entwickelte, die mir gefallen hat. Durch TD entdeckte ich den Moog und damit auch später ELP.
Ich liebte die alten Tangerine Dream mit Alpha Centauri (1971), Zeit (1972), Phaedra (1974), Ricochet (1975), Stratosfear (1976) und Cyclone (1978) und auch in den achtziger Jahre brachten tolle Sachen heraus. Und ich war baff, wie gut Tangerine Dream als Liveband waren. Viele Schallplatten und später CDs kaufte ich mir und war begeistert, welche Live-Atmosphäre elektronische Musik erzeugen konnte. In einem Konzert im Münchner Circus Krone vor etlichen Jahren konnte ich davon selbst live überzeugen. Es war schon klasse, was die alten Herren da auf die Bühne zauberten. Die Lightshow war wunderbar abgestimmt auf eine eher rhythmische Musik. Ich weiß nicht, ob ein Teil des Publikums die Show aufgrund des großen Amphetamin- und Haschkonsums überhaupt mitbekommen hat. Mir hat es gefallen und ich kaufte mir Karten für das Münchner Konzert 2014, das ich aber versäumte. Die Karten liegen als Mahnung noch immer zu Hause.
Nun verstarb Edgar Froese als einer der wirklichen musikalischen Pioniere, die dieses Land hatte. Ich werde mir meine Tangerine Dream-Aufnahmen wieder heraussuchen und anhören. Ich nehme mir mal die Soundtracks vor, denn davon hat Tangerine Dream ja eine Menge aufgenommen. Ich starte mit einem Klassiker: Das Mädchen auf der Treppe vom Album White Eagle. Es war die Musik zu einem frühen Tatort mit Götz George. Wer solche Musik komponiert, der ist im wahrsten Sinne ein Klassiker.

Carl Orff Festspiele in Andechs: Carmina Burana

24. Juli 2013

Schlagartig wurde es mir bewusst – nur ein paar Meter entfernt, liegt Carl Orff in der Schmerzhaften Kapelle der Klosterkirche Andechs begraben. Schon allein deshalb ist es eine großartige Idee gewesen, die Carl Orff Festspiele im Kloster Andechs anzusiedeln. Eine knappe Stunde lauschte ich im Florianstadl zu Andechs der Aufführung von Orffs Hauptwerk, der Carmina Burana. Musikalisch war die Inszenierung von Marcus Everding auf den diesjährigen Carl Orff-Festspielen auf hohem Niveau. Solisten, Chor, Orchester und Dirigent Christian von Gehren gaben ein eindrucksvolles Schauspiel. Hieran hätte Carl Orff sicher seine Freude gehabt.

Das Grab von Carl Orff in der Klosterkirche Andechs in der Schmerzhaften Kapelle.

Das Grab von Carl Orff in der Klosterkirche Andechs in der Schmerzhaften Kapelle.

Mir hat die Andechser Orff-Akademie des Münchner Rundfunkorchesters ebenso gefallen wie der Carl Orff-Chor Marktoberdorf (Einstudierung Stefan Wolitz). Die hervorragenden Solisten waren Wolfgang Newerla (Bariton), Belegt Kumberger Herdis Anna Jónasdóttir (Sopran) und Manuel König (Tenor). Und der Unterstufenchor des Rhabanus Maurus-Gymnasiums St. Ottilien (Einstudierung Theresia Busen) sorgte ebenso für die richtige Stimmung. Vor allem das exzellente Zusammenspiel von Schlagwerk und Blech konnte absolut überzeugen, noch dazu, weil Christian von Gehren das Originalwerk von Orff nicht verändert hatte. Applaus für soviel künstlerische Power in Andechs.

Musikalisch absolut top, die Carl Orff-Festspiele in Andechs.

Musikalisch absolut top, die Carl Orff-Festspiele in Andechs.

Dieses Mal sollte es ein Gesamtkunstwerk von Musik und Licht werden. Georg Boeshenz schuf die Lichtprojektionen nach Vorgaben des künstlerischen Leiters Everding. Das hätte er besser sein lassen sollen. In Sachen Musik kennt der Leiter sich aus, keine Frage. Doch in Sachen Lichtprojektion kommt mehr als Mittelmaß nicht heraus. Motion Design und Lichtprojektion kann heute deutlich mehr als ein paar Farben und Schattenspiele. Es begann ja ganz nett: Zu Beginn war die Bühne in dunkles Rot gefüllt. Dante ließ grüßen. Dann ein krasser Farbwechsel zu kaltem Weiß und schließlich zu Blau. Die Elemente waren damit eingeführt. Und dann plätscherte es lichttechnisch so dahin. Projektionen von Mond, abgelöst durch Schattenspiele war nicht das Niveau, das musikalisch hier geboten wurde.

Mit der Lichtprojektion war ich nicht so einverstanden.

Mit der Lichtprojektion war ich nicht so einverstanden.

Die Idee, die Carl Orff Festspiele im Florianstadl zu Andechs durchzuführen, ist grundsätzlich lobenswert. Die Musik von Orff gehört freilich nach Andechs. Wenn da nicht die Klimaanlage gewesen wäre. Bei Außentemperaturen um die 35 °C war die Luft innen auch nicht viel kühler. Bei den lauten Klängen der Carmina Burana störte das Surren der Anlage nicht, wohl aber bei den leisen Tönen. Wohl auch von den heißen Temperaturen in Trance versetzt waren die Platzanweiser. Eigentlich waren sie nur am Kartenabriss interessiert, die Platzsuche überließen sie dann doch dem Publikum, das zumeist aus älteren Musikfreunden bestand. „Junger Mann, ich hab meine Brille vergessen und setzt mich einfach irgendwo hin.“ Ganz schnell waren die Platzanweiser dagegen, als ich das iPhone für ein Bild zücken wollte. Keine Fotos während des Konzerts lautete die klare Anweisung. Diese Anweisung galt wohl nur für mich, denn im Saal blitzte und fotografierte es auf Teufel komm raus. Sicher werden auch bald die ersten Videos bei YouTube auftauchen.

Übrigens, alle Veranstaltungen der Carl Orff Festspiele 2013 sind ausverkauft.

Peter Gabriels New Blood live in Concert: München Olympiahalle

3. Mai 2012

Live hatte ich Peter Gabriel bisher noch nie gesehen. Ich kenne zwar einige Super 8-Aufnahmen aus Zeiten von Genesis, als sich das damalige Haupt der Superband als Fuchs oder Blume in Frauenkleider verkleidet hatte und eine geniale „Lamp lay down on broadway“-Show ablieferte. Den neuen Peter Gabriel kenne ich nur von CDs oder von seinen kommerziellen Knaller wie Sledgehammer oder Red Rain. Ein Konzertbesuch hatte sich nie ergeben – bis jetzt.

Peter Gabriel ist ein Künstler. Und er ist ein wahrer Künstler. Er zelebrierte mit seinem New Blood-Orchester eine wunderbare Bühnenshow in der mit 6000 Besuchern schlecht verkauften Münchner Olympiahalle. Gabriel setzt auf seine eindrucksvolle Stimme und moderne Lightshow und Bühnenzauber. An seine Show mit seinem 46-köpfigen New Blood Orchestra muss sich der Zuschauer erst gewöhnen. Alte Songs in neuer Verpackung und nicht nur Songs von Peter Gabriel. Erste Überraschung: Der Künstler führt durch sein Programm auf Deutsch. Mit Spickzettel bewaffnet sagt er die einzelnen Songs an, erläutert die Hintergrunde zu den Liedern und findet so zu seinem Publikum. Den Start der Show ist auch eine Verbeugung an Deutschland. Er bringt den Bowie-Klassiker „Heros“. Bowie schrieb den Song in Berlin und hier wurde er durch Christiane F. bekannt. „We can be Heroes“, geht dem zumeist älteren Konzertbesuchern runter wie Öl.

Die Interpretation seiner Songs durch ein klassisches Orchester unter der Leitung von von Ben Foster war für viele Ohren gewöhnungsbedürftig. Gabriel wendet sich vom Rock ab und transformiert seine musikalischen Geschichten eher in eine Art Weltmusik. Der Kommerz muss außen vor bleiben. Hier gibt es nichts zum Mitwippen, obwohl das Münchner Publikum auf Gelegenheiten zum Klatschen sucht. Den Gefallen tut der Künstler Gabriel mit seinen komplizierten Songgemälen kaum. Erst als Solsbury Hill ertönt, springen die Oldies von den Stühlen und finden ihren Klatschrhythmus. In seinen Erläuterungen geht Gabriel Immer auf die Macht von sozialen Netzwerken ein, die die Welt verändern. Leute nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand – so etwas gefällt mit Künstler und dem Publikum. Das wird spätestens bei Biko klar, wenn zahlreiche Fans die Faust erheben. Hier kommt irgendwie der Spirit von Heros wieder durch: We can beat them, For ever and ever, Oh we can be Heroes, Just for one day.

Der 62jährige Künstler liefert keine Greatest Hits-Show ab, sondern Neuinterpretationen vieler Werke. Und obwohl immer wieder Zwischenrufer nach Sledgehammer rufen, bleibt der Top Ten Hit außen vor. Gabriel verweigert sich und geht seinen Weg, den richtigen Weg. Er biedert sich nicht seinem Publikum an, sondern versucht über orchestrale Arrangements das Herz und das Hirn seines Publikums er erreichen. Berührend war die Magie, die von Gabriel-Songs ausgeht. Tränen in die Augen steigen dem Zuschauer, wenn Gabriel von seine hundertjährigem Vater singt und dazu unscharfe schwarzweiß Filmaufnahmen zeigt. Die Bühnenshow war großartig und zeigte, was moderne Präsentationstechnik so alles kann. Bei Folter-Song Wallflower bringt Gabriel erstmals die ganze Multimedia-Technik zum Einsatz. Lichter, Spots, wechselnde Farben, Computereffekte, Überblendungen, Animationen und ein Spiel mit der Bühnenkamera. Eine Show, die einem langen in Erinnerung bleibt. Bei Red Rain färbt sich die Bühne in Rot. Gänzlich unaufgeregt der Schluss, bei dem er sein Publikums in Bett schickt. „The Nest that sailed the Sky“ ist New Age-Stück pur, gänzlich ohne Gesang. Ein gelungener Konzertabend mit einem eigensinnigen Künstler. Jetzt kauf ich gleich mal die Doppel-CD zur Erinnerung Live Blood