Buchkritik: Herbstblond von Thomas Gottschalk

herbstblond

Ich sag es gleich vorweg: Ich mag den Gottschalk, ich mochte ihn früher und ich mag ihn heute auch noch. Ich bin also befangen. Als Jugendlicher hörte ich die B3 Radioshow mit Gottschalk und Jauch. Ach was schreib ich? Ich liebte sie. Als Schüler lief bei mir das Radio, wenn die beiden Moderatoren auf Sendung waren und sich gezankt haben. Der witzige Thomas und der ernste Günther. Sonst mochte ich Radio nicht so, aber Gottschalk brachte frischen Wind in den Bayerischen Rundfunk und rockte die Hütte. Er versüßte mir die Hausaufgaben.
Aus diesem Grunde las ich auch die Autobiografie Herbstblond von Thomas Gottschalk. Vor allem interessierte mich, wie ein Kerl aus der fränkischen Provinz mit einer großen Klappe und Schlagfertigkeit zum wichtigsten deutschsprachigen Entertainer aufsteigen konnte. Seine Geschichten über den Bayerischen Rundfunk und seinen Strukturen habe ich in diesem Buch verschlungen, wahrscheinlich weil ich den einen oder anderen Protagonisten kannte. Ich las auch viel über den Hörfunkdirektor Udo Reiter, dessen Autobiografie ich mir auch gleich reinzog und darüber bloggte. Reiter förderte Gottschalk nach Kräften, so dass er im System BR überleben konnte. Mal sehen, ob ich die Autobiografie von Gottschalk-Freund Gunter Sachs auch noch bekomme. Auch mit ihm war Gottschalk befreundet – und sowohl Reiter als auch Sachs haben sich im Alter erschossen. Thomas Gottschalk hat Rundfunkgeschichte geschrieben, nicht mehr, nicht weniger.
Auch interessant für mich, wie selbstkritisch sich Gottschalk mit den neuen Medien auseinander setzt. Er beschreibt seine eigene Hilflosigkeit im Hinblick auf die Digitalisierung – YouTube und Twitter sind nicht sein Leben. Wichtig ist, dass er dies erkennt und danach handelt und sich nicht zum Affen macht. Gottschalk kann heute sich zurückziehen und kann seinen Erfolg genießen. Diese Autobiografie, die übrigens sehr flott geschrieben und gut lektoriert wurde, ist das Werk eines schlagfertigen Profis. Es gibt nachdenkliche Seiten, wenn sich Gottschalk beispielweise über Religion und Bildungssystem auslässt, und es gibt witzige Seiten, wenn es seine Filmprojekte beispielsweise geht. Piratensender Powerplay war Kult. Gut gespielt hatte er nur in dem Helmut Dietl-Film Late Night.

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Kritisch geht Gottschalk mit Wetten dass um. Er war der Meister des Samstagabends, aber diese Zeiten sind vorbei. Und sie kommen nicht wieder. Da sollte sich auch ein Thomas Gottschalk bei all seiner Popularität erinnern. Gottschalk hatte die großen Stars dieser Welt auf seinem Sofa. Ich erinnere mich noch an Michael Jackson, bei dessen Auftritt die Fans ausrasteten. Für mich die wichtigsten Auftritte waren Sir Paul McCartney, Bill Gates und Sir Peter Ustinov. Gerade die US-Stars konnte er einladen, was sicherlich auch an seinem amerikanischen Wohnsitz lag. Meine deutschen Helden waren Peter Alexander, Karlheinz Böhm und Loriot. Gottschalk übernahm Wetten dass ja von Frank Elstner und der hatte zumindest schon 1983 Johnny Cash in der Show – ein Auftritt, den ich noch immer fasziniert ansehe. 2011 kam es dann zum Umfall von Samuel Koch und ab da hatte Wetten dass für mich seine Leichtigkeit verloren. Michelle Hunziker wurde zuvor eingebaut, die ich aber überflüssig fand. Wetten dass war für mich nicht mehr die Sendung, die ich mochte und mit meiner Familie schaute. Wir hatten uns auseinander gelebt. Smartphone und Laptop und damit YouTube und soziale Netzwerke waren wichtiger im Haushalt, der Fernseher bliebt die meiste Zeit aus. Das verbindende Element Fernsehen ging verloren. Die Wetten der Sendung konkurrierten mit YouTube und zogen den Kürzeren. Zeit aufzuhören, obwohl die heilige Quote im Vergleich immer noch passte.


Die Late Night-Experimente waren okay, die meisten leichtbekleideten Tussis dort allerdings waren überflüssig. Eine schlüpfrige Bemerkung hier, ein zweideutiges Kompliment da – das brauche ich nicht ansehen. Für mich war Harald Schmidt der deutsche König der Late Night-Unterhaltung. Das war nicht die Welt von Plaudertasche Gottschalk und das erkannte er auch.


Sehr nett ist auch das Kokettieren mit Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki. Der oberflächliche Gottschalk und der tiefsinnige Reich-Ranicki – zwei begnadete Entertainer, die immer wieder aufeinandertreffen. 2008 lehnte Reich-Ranicki den Fernsehpreis ab, bot Gottschalk das Du an und Gottschalk ergriff geistesgegenwärtig die Chance und forderte die Intendanten von ARD, ZDF und RTL zu einer gemeinsamen Sendung mit Tiefgang auf. Das muss man sich erst mal trauen. Schön und treffend fand ich die Bemerkung vom damaligen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher an Gottschalk: Er solle sich in Zukunft nicht dümmer stellen als nötig. Das passt als Credo über die gesamte Biografie: Thomas Gottschalk hat eine emotionale Intelligenz und weiß sie einzusetzen. Daher klarer Lesebefehl für Herbstblond.

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