Posts Tagged ‘Bob Dylan’

Buchkritik: Bob Dylan – Forever young

1. August 2012

Time Life hat ein wunderbares Fotoarchiv und immer wieder werden Schätze aus diesem Archiv gehoben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So geschehen vor kurzem bei dem neuen Fotobuch Life in Pictures Life Bob Dylan: Forever Young (Life (Life Books)).

Es sind viele bekannte und einige mir unbekannte Dylan-Fotos darin zu finden. Daneben gibt es eine gefällige Einführung von Robert Sullivan, dem Herausgeber der Life-Bücher. Natürlich hat man die sechziger Jahre erlebt, natürlich war man bei Rolling Thunder dabei, schöne Erinnerungen derjenigen, die noch immer am 60- und 70-Jahre-Tropf hängen. Vom neuen Dylan, gar vom Jesus-Dylan gibt es nicht viel zu lesen oder zu sehen. Die 60er und 70er Jahre sind hervorragend illustriert, doch es gibt nur ein paar Fotos aus den 80ern wie den interessanten Live Aid-Auftritt, ein wenig Papst und ein wenig Ehrungen und Auszeichnungen. Im Grunde ist es Standard-Agenturmaterial, das bekannt ist. Von der Neuzeit keine tieferen Analysen, obwohl das Buch 2012 erschienen ist und Dylan mit seinem Spätwerk ungeheuere kommerzielle und künstlerische Erfolge abliefert.

Kurz wird im Text auf seine zweite gescheiterte Ehe und seine Tochter aus der Beziehung eingegangen, aber nichts wirklich Neues. Nein, diesen Dylan wollen eine Fans von Life nicht sehen, sie wollen lieber die Protest- und elektrische Phase sehen und dokumentieren dies mit wunderbaren Fotos. Mir selbst gefällt die Doppelseite zum Bucheinstieg von Renaldo und Clara eigentlich am Besten. Dylan steht mit Joan Baez (in Hochzeitskleid) in einer Bar. Sam Shepard ordnet im Hintergrund Filmmaterial. Dylan und Baez schauen sich in die Augen – das alte Feuer ist da. Dylan Fans kennen den Dialog aus dem Buch von Sam Sharpard, der sich abspielte: „Warum haben wir nie geheiratet?“ fragte sie. „Ich habe die Frau geheiratet, die ich liebe“, antworte er. Die gescheiterte Liebe wird vor laufenden Kameras ausgetragen und wir sind Zeuge.

Insgesamt ist Life Bob Dylan: Forever Young (Life (Life Books)) ein nettes Buch, kein Muss, aber ein paar neue Fotos vom Meister aus den guten alten Zeiten. Eine Offenbarung ist es nicht, aber solides Fanmaterial.

Joan Baez live in Concert in München

13. Juni 2012

Diese Frau ist ein Phänomen. Mit ihren 71 Jahren füllt die US-amerikanische Folksängerin Joan Baez immer noch große Konzertsäle und dies obwohl sie sich seit Jahrzehnten nicht weiterentwickelt. Mit einem Repertoire eines gewöhnlichen Lagerfeuer-Entertainers schafft sie es ihr Publikum zu verzaubern. Ihr Publikum sind für mich Leute, die noch am Tropf der sechziger Jahre hängen. Nach dem Motto „Weißt du noch, wie wir damals dagegen waren …“ versammeln sich die Jünger um die Hohepriesterin des Folks, obwohl ihr Einfluss kaum noch vorhanden ist und ihre Bewegung längst verstummt ist. Wie in der Münchner Philharmonie gilt es zusammenzurücken und gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzusingen und dann in den Mercedes SLK einzusteigen und nach Hause zu fahren. Ok, ich übertreibe.

Stimmlich ist Joan Baez ihrem Alter noch sehr gut auf der Höhe. Natürlich klappen die hohem Tremolos nicht mehr so ganz wie früher, und auch eine Erkältung in München sorgte nicht immer für astreine Töne, aber was soll es. Die Frau ist 71 Jahre alt und macht ihren Job, so gut sie ihn kann. Und das ist das Dilemma von Joan Baez. Sie hatte immer etwas zu sagen, aber sie musste meist die Werke anderer bemühen, um ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen. Joan Baez war eine begnadete Sängerin, aber sie war leider nie eine begnadete Songwriterin. Ihre selbst geschriebenen guten Songs lassen sich an zwei Händen abzählen.

Und sie ist es wohl leid, dass sie immer wieder auf ihre Beziehung zu Bob Dylan angesprochen wird. Sie hat den jungen Mann entdeckt, holte ihn auf die Bühne, verliebte sich in ihn und er ließ sie fallen und machte Karriere. Aber noch immer singt sie seine Songs, voller Inbrunst. Und sie äfft ihn nach bei „Love ist just a four letter Word“. Es muss nach all den Jahren noch weh tun. Aber sie wehrt sich. In ihrem eigenen Song „Diamond & Rust“ änderte sie in München eine Textzeile: Aus „Er schoss direkt in mein Herz“ machte sie einfach „er schoss mir direkt in die Augen“. Auf ihren anderen berühmten Lover Steve Jobs geht sie nicht ein, obwohl zeitgleich während ihres Konzertabends in München die WWDC von Apple in San Francisco läuft, aber ohne Jobs, der im Oktober verstarb.

Naja, aber Joan Baez ist eine Überlebende. Sie war zwar Teil der Gegenkultur, aber immer auf der braven Seite zu finden. Sie wagte viel, aber bleib immer noch im Rahmen. Keine Revolution wie Hendrix, Morrison oder Joplin, dafür lebt sie noch und sieht hervorragend aus. Sie sang immer Lieder, die sich um den Tod drehen. Sie erinnerte an den Ehemann ihrer 2001 verstorbenen Schwester Mimi: Der Schriftsteller und Sänger/Songwriter Richard Fariña kam 1966 bei einem Motorradunfall ums Leben.

Ihre Karriere begann mit Folk-Standards, die sie auch in München wieder darbot. Und der Tod zog sich durch den Abend: Robbie Robertson und auch John Lennon und das Publikum sang brav mit. Und genau das ist das Langweilige, Vorhersehbare. Sie singt Jahr ein, Jahr aus die gleichen Lieder. Ob ich 1984 Joan Baez gesehen habe, oder 2012 – es ist von der Interpretation und der Auswahl der meisten Songs egal. Und das ist eigentlich das Tragische. Immer wieder holt sie Nachwuchsleute wie einstmals Dylan auf die Bühne und gibt ihnen ein Forum. In München war es die französische Sängerin Marianne Aya Omac. Freilich muss die Dame barfuß die Bühne betreten – wir erinnern uns: Joan Baez gab früher auch ihre Konzerte ohne Schuhe und fuhr dann in ihren Rolls Royce davon. Marianne Aya Omac brachte auch Stimmung in den Kulturtempel Gasteig. Gypsi-Klänge, lateinamerikanische Musik, ja das mag das Münchner Publikum, das brav mitklatschte und sich auf seine Art richtig gehen ließ. Immer brav die Gegenkultur vorantreiben.

Die Setliste zeigt Standards: Setlist God Is God | Be Not Too Hard | Lily Of The West | Railroad Boy | Scarlet Tide | Hard Times | Jerusalem | Catch The Wind | Swing Low, Sweet Chariot | [3 spanische Songs mit Marianne Aya Omac] | The House Of The Rising Sun | Long Black Veil | Suzanne | Gracias A La Vida | Diamonds & Rust | The Night They Drove Old Dixie Down | Imagine | Sag mir wo die Blumen sind | Donna Donna

Zu Beginn und am Ende des Konzerts bedankte sich Joan Baez mit den Worten: „Sie machen es mir leicht.“ Das ist richtig. München liegt der Grand Dame des Folkssongs zu Füßen, obwohl es eigentlich nichts neues gab.

Musiktipp: Chimes of Freedom: Songs of Bob Dylan

3. April 2012

Durchwachsen sind meine Reaktionen auf die Sammlung von Dylan-Songs zum 50. Geburtstag von Amnesty International. Ok, der Anlass ist eine gute Sache: ai macht einen guten Job und auch das Album des Meisters, interpretiert von bekannten und weniger bekannten Musikanten ist eine gute Sache. Die Box mit vier CDs heißt Chimes Of Freedom: The Songs Of Bob Dylan Honoring 50 Years Of Amnesty International.

Wir erinnern uns an den Ausspruch: Nobody sings Dylan like Dylan und der kam mir als Dylan-Purist beim Hören wieder in Erinnerung. 73 Songs wurden aufgenommen. Sagen wir es mal so: Es wäre besser, es wären einige weniger gewesen. Nicht dass die Songs schlecht sind, vielmehr sind manche Interpretationen schauerhaft. Ich gehöre damit nicht zu denjenigen, die glauben, dass Dylan zwar gute Songs geschrieben hat, aber die Schönheit nur durch die Interpretation anderer sichtbar wird. Es gibt natürlich geniale Versionen von Dylan-Songs wie Hendrixs All along the Watchtower. Auch das Konzert zum  30. Bühnengeburtstag die 30th Anniversary Concert Celebration von Dylan lieferte geniale Versionen ab – ich denke dabei an Neil Young, Eric Clapton, Stevie Wonder und andere. Aber diese CD-Box Chimes Of Freedom: The Songs Of Bob Dylan Honoring 50 Years Of Amnesty International ist nicht immer eine Bereicherung des musikalischen Bob Dylan-Universums. Warum in alles in der Welt versucht sich Miley Cyrus mit You’re Gonna Make Me Lonesome When You Go? Bitte nicht und bitte auch nicht Johnny Cash featuring The Avett Brothers oder gar Sting? Leute, dass muss nicht sein.

Dennoch gibt es Ausnahmen: Carly Simon, Thea Gilmore, Kris Kristofferson und selbst Adele. Aber die Mischung machts und die versöhnt mich dann am Ende wieder.

Dieser Sampler wird die Welt nicht aus den Angeln heben, aber er macht in weiten Teilen Spaß. Am meisten Spaß habe ich aber, dass jetzt den Fans von Miley Cyrus der alte Mann näher gebracht wird. Und das freut mich.

Neujahr: Erinnerungen an Hank Williams und Townes Van Zand

1. Januar 2012

Neujahr bedeutet für mich auch immer Erinnerungen an Verstorbene. Private Verluste ebenso wie öffentliche Verluste. Öffentlich möchte ich an zwei Personen erinnern, die lange verstorben sind, aber in meiner musikalischen Welt immer in Erinnerung bleiben: Hank Williams und Townes Van Zandt. Beides waren starke Trinker, aber beides waren vor allem starke Ausnahmemusiker.

Country-Musik und auch modere Rockmusik wäre ohne Hank Williams nicht vorstellbar. Seine eingängigen Songs prägten die Musik. Kaum jemand, der sich ernsthaft für amerikanische Musik interessiert, der den Lovesick Blues nicht kennt, der nicht beim Long Gone Lonesome Blues mitlitt oder bei Weary Blues from Waitin den Blues fühlt. Bezeichnend ist sicher sein Titel I’ll Never Get Out of This World Alive – hier war der Song Programm. Hank Williams war einer der ersten Punks, der sich nicht an Konventionen hielt . Klar, er war hemmungsloser Alkoholiker und zudem Morphiumsüchtig, er wurde aus dem Mekka der Country-Musik, der Grand Ole Opry, wegen Suff ausgeschlossen, seine Ehe mit Miss Audrey scheiterte tragisch. Aber Hank machte weiter bis zur Nacht am 1. Januar 1963. Auf dem Weg zu einem Konzert wurde der 29jährige Tod in seinem Wagen aufgefunden. Herzinfarkt war die offizielle Todesursache. Als nächstes kaufe ich mir wohl diese neugefundenen Aufnahmen von Hiram „Hank“ King Williams: The Unreleased Recordings

Für mich kam in der verlogenen Countrymusik lange nichts mehr. Erst Johnny Cash war wieder einer der ganzen Großen in diesem Business.

Townes Van Zandt war eher ein Insidertipp. Der depressive und alkoholkranke Musiker schrieb hervorragende Lieder, die anderen versilberten. Van Zandt steht in der typischen Singer-Songwriter-Tradition. Dabei orientierte er sich klar an seinen Vorbildern Hank Williams und den frühen Dylan. Wobei sich Dylan immer wieder revanchierte und den Van Zandt-Song Pancho & Lefty live darbot. Townes Van Zandt war authenisch, seine Aufnahmen waren ehrlich, wobei er wohl privat ein schwieriger Mensch gewesen sein muss. Sein Ausspruch: „There are only two kinds of music: There’s the blues, and there’s Zip-A-Dee-Doo-Dah“ beschreibt ihn eigentlich ganz gut und dem gilt es nichts mehr hinzuzufügen. Der Musiker starb mit 52 Jahren im Jahr 1997. Mein Anspieltipp ist das großartige: Live at the Old Quarter,Houston

Trauerfeier für Steve Jobs

26. Oktober 2011
Deutsche Zeitungen nach dem Tod von Steve Jobs.

Deutsche Zeitungen nach dem Tod von Steve Jobs.

Am 19. Oktober fand die Trauerfeier für Steve Jobs auf dem Apple Campus statt. Jetzt stellte Apple einen Link zur Gedenkfeier für den verstorbenen Chef auf die Apple Website. Die Apple Familie ist dafür dankbar.

Es war eine amerikanische Feier von 81 Minuten bei dem die Trauernden mit Kaffeebecher und Sonnenbrille, mit T-Shirts und Baseball-Hüte im Campus in Cupertino versammelt sind. Umrahmt von überlebensgroßen Fotografien von Steve Jobs fand die Trauerfeier statt, die irgendwie auch eine Rock´n Roll-Party wurde. Die Feier wurde weltweit in die Apple Retail Stores übertragen, die früher schlossen. In München war nur noch das Post-it-Konterfei von Steve Jobs an der Scheibe zu sehen.

Der Münchner Apple Retail Store.

Der Münchner Apple Retail Store.

CEO Tim Cook sprach die einführenden, bewegenden Worte. „Die letzten Wochen waren die traurigsten meines Lebens.“ Jobs Frau Laurene Powell hatte einen der seltenen öffentlichen Auftritte. Die Kinder von Jobs waren nicht zu sehen. Leider hab ich auch den zweiten Steve nicht erblickt. Wo war Woz bei der Feier seines Kumpels? Am meisten bewegte mich eine Audiozuspielung der Think different-Kampagne. Es ist eine seltene Aufnahme bei der Steve Jobs selbst den Text zu den „Crazy Ones“ sprach. In der Werbung wurde später die Stimme von Richard Dreyfuss verwendet. Das Bekenntnis rührt noch immer zu Tränen und inspiriert.

Viele Weggefährten sprachen, darunter Al Gore, Sir Jon Ive, Apple-Aufsichtsrat Bill Campbell. Norah Jones und ColdPlay sangen verschiedene Songs. Nora Jones begeisterte mit dem Dylan-Klassiker „Forever Young“.  ColdPlay brachten „You’ve Got a Friend in Me“ dar.

Um den Videostream anzusehen, wird Safari 4 oder 5 unter Snow Leopard oder Lion, iOS 3 und neuer oder QuickTime 7 unter Windows benötigt. Oder es gibt den Film auf YouTube.

 

Here’s to the crazy ones.

The misfits.

The rebels.

The troublemakers.

 

The round pegs in the square holes.

The ones who see things differently.

They’re not fond of rules.

And they have no respect for the status quo.

You can quote them, disagree with them, glorify or vilify them.

About the only thing you can’t do is ignore them.

Because they change things.

They push the human race forward.

And while some may see them as the crazy ones,

We see genius.

Because the people who are crazy enough to think

they can change the world,

Are the ones who do.

The Concert for Bangladesh kostenlos auf iTunes

28. Juli 2011

Ich geb es ja zu: Ich mag Musik von den 50er Jahren bis zur Mitte der 70er Jahre. Mit dieser Musik wurde ich sozialisiert und ich höre die Rocker der damaligen Zeit immer noch gerne – und ich sehe sie gerne. Gute Aufnahmen von Konzerten gibt es leider sehr wenige: Ein großartiges Zeitdokument ist sicherlich „The last Walz“ von und mit The Band. Und da wäre noch das legendäre „The Concert for Bangladesh“, das 1971 von Beatle George Harrison organisiert wurde. Es ist traurig, wenn ich den Hunger in Somalia heute sehe, damals war es der Hunger in Bangladesh. Harrison hatte eingeladen und große Stars kamen: Allen voran Bob Dylan, als zorniger junger Mann in Jeansjacke. Es ist ein großartiger Auftritt. Kritiker schrieben damals: Es war als ob Jesus und Marx zusammen ein Konzert gaben. Ist natürlich Blödsinn, klingt aber gut.

Wer jetzt neugierig geworden ist, kann sich das Konzert kostenlos bei iTunes reinziehen. Zur Feier des 40. Jubiläums von „The Concert for Bangladesh“ zeigt Apple das Konzert in voller Länge. Es wird kostenlos bei iTunes gestreamt zwischen dem 30. Juli, 6 Uhr, und dem 2. August, 6 Uhr. Obwohl ich die DVD habe, schaue ich natürlich gerne rein. Künstler wie George Harrison, Ravi Shankar, Bob Dylan, Eric Clapton, Ringo Starr und viele andere gaben bei diesem legendären Wohltätigkeitskonzert ihre Songs zum Besten. Das dazugehörige Live-Album inklusive iTunes LP gibt es auch zum Kaufen – logo.

Happy Birthday Columbia recording artist Bob Dylan

24. Mai 2011
Unveröffentliches Dylan-Foto von 1978 im Backstage-Bereich von Nürnberg.

Unveröffentliches Dylan-Foto von 1978 im Backstage-Bereich von Nürnberg.

Heute feiert Bob Dylan seinen 70. Geburtstag. Ich gratuliere von ganzem Herzen. In den vergangenen Tagen ist tonnenweise Material über diesen „Shakespeare des 20. Jahrhunderts“ veröffentlicht worden, viel geistloses Zeug, aber auch so manche Perle. Ich will nicht mit biografischen Daten langweilen, dies lässt sich besser bei Wiki nachlesen. Was bedeutet aber Bob Dylan für mich?

Vielleicht sollten wir dabei erst einmal über Masken reden, denn die wahre Person Dylan kenne ich nicht. Ich kenne nur die vielen Masken, die der Barde ständig wechselt. Ich kam mit Dylan Mitte der achtziger Jahre in Verbindung, als ich bei meinem örtlichen Schallplattenladen Sound die Scheibe Empire Burlesque (1985) in die Finger bekam. Absolut modern produziert, doch es war anders als die Sachen, die sonst populär waren. Diese Stimme war anders. Ich habe bis dato kaum Country oder Blues gehört und war an das Timbre nicht gewohnt. Es faszinierte mich, die Art und Weise wie Wörter betont oder herausgebellt wurden. Ich höre zu und ich war angetan: Hier hatte jemand etwas zu sagen. Das letzte Lied der zweiten Seite war Dark Eyes. Hier knöpfte Dylan an die Tradition des Folkie Dylan an. Davon wollte ich mehr. Und so kaufte ich Dylan Aufnahmen aus all den Jahren. Ich las über die sechziger Jahre, die Folk-Bewegung und auf einem Flohmarkt bekam ich zwei Bootlegs in die Finger: Das Judas-Teil und Newport 1965 – zwei absolute Glückstreffer. Von diesem Moment an, war es um mich geschehen. Ich wollte für mich dem Phänomen Dylan auf die Spur kommen. Darüber bin ich heute hinweg. Ich kaufe nach wie vor die Aufnahmen und freue mich, dass der Meister in Würde alt geworden ist. Privat ist Dylan wohl eher schwierig, aber ich muss ihn ja nicht ertragen. Mir reichen seine Musik und seine Filme.

Ich kann viele, sehr viele seiner Sachen auswendig. Ich habe viele Konzerte gesehen und habe alle regulären Alben zu Hause. Zudem Hunderte von Bootlegs, bei dem ich dieses Konzert mit jenem verglichen habe. Doch was ist die beste Dylan-Platte? Ich denke, die gibt es nicht. Es gibt wahnsinnig starke, starke und durchschnittliche. Ja, natürlich gibt es auch ein paar weniger gute (schlechte werde ich nicht sagen). Ich glaube, die Frage nach der besten Dylan-Scheibe ist falsch gestellt. Was ist der Dylan für welche Stimmung? Und hier hat Dylan viele Masken zu bieten: Protest, Liebeslied, Rock, Ballade, Lagerfeuer, Kirche, Highway, Spieler – im Moment bin ich in der Las Vegas-Stimmung von at Budokan, zeitweise aber auch bei den neuveröffentlichen Mono-Aufnahmen von Highway und Blonde on Blonde und – steinigt mich bitte – in die Born Again-Aufnahme des Toronto-Konzerts 1980. Nur die Weihnachtsplatte höre ich bei den sommerlichen Temperaturen derzeit nicht.

Früher habe ich viel Geld für Bootlegs des Song and Dance-Mans ausgegeben. Das hat auch ein Ende. So dann und wann erstehe ich noch eine Aufnahme. Aber ich suche noch die Zeppelinfeld-Aufnahme von 1978 als Dylan das erste Mal deutschen Boden betrat und der Jude Zimmerman auf dem ehemaligen Reichparteitagsgelände in Nürnberg spielte.

Die Dylan-Konzerte, die ich besuchte, waren ein Erlebnis. Mein erstes war mit Tom Petty und seinen Heartbreakern. Rock´n Roll pur, aber Dylan in einer persönlich schwierigen Phase. Dann ein Konzert im Zirkus Krone mit einem stark alkoholisierten Meister. Mit meiner Frau besuchte in ein zauberhaftes, völlig verregnetes Konzert in Bad Reichenhall bei dem Dylan Humor bewies. Gerade als ein Wolkenbruch einsetze, brach er ein Lied ab und stimmte Hard Rain an. Die Band musste schauen, wo sie bliebt, wenn Dylan schlagartig das Tempo, Tonart oder gar das komplette Lied wechselte. Aber die Begleitband hatte die Sache voll im Griff. Wie drückte es Dire Straits-Cheffe Mark Knopfler mal zur Aufnahme des religiösen Slow Train-Albums aus. „Spielen mit Dylan, ist wie Sprechen mit Gott!“ Wieder eine Mär mehr im großen Dylan-Kosmos. Das letzte Konzert, was ich live gesehen habe, war im Münchner Zenit, wo Dylan zeitweise nur sang und an die Las Vegas-Zeiten erinnerte.

Ich habe noch in Erinnerung, wie manches Konzert im TV verfolgte. Gut erinnere ich mich an den Punkauftritt in Fort Collins, der im BR ausgestrahlt wurde. Dann das Konzert zum 30. Bühnenjubiläum, bei dem Dylan wohl am liebsten gar nicht teilnahm. Aber sein Song to Woody kam vom Herzen. Cool waren die Sachen vor dem Papst oder das Konzert an der Chinesischen Mauer. Aber richtig Rock´n roll war wohl der Live Aid-Auftritt als das Trio horrible Richard, Wood und Dylan sturzbesoffen drei Songs systematisch verhackstückte, während die ganze Welt dabei live zusah. Madonna und andere Stars mussten sich wohl ihren Teil gedacht haben, was die alten Männer da treiben – geniale Performance. Durch YouTube und Amazon kam ich zu einer stattlichen Konzertsammlung, die hard to handle sind: Woodstock ’94, Newport, das Zeug mit den Dead und natürlich Last Waltz.

Oh Mann, es gibt so viel über Bob Dylan zu sagen und zu schreiben. Da muss ich wohl meine Gedanken und Gefühle noch zehn Jahre ordnen und zum 80. Geburtstag kommt dann man Resümee. Vielleicht erst mal so, wie Bruce Springsteen in seiner Laudatio bei der Rock´n Roll Hall of Fame: Danke Dylan für alles, du warst der Bruder, den ich niemals hatte. Vielen Dank für deine Musik, deine Masken, deine Inspiration und Kraft. Ich freu mich auf weitere Treffen mit dir auf deiner Never Ending Tour oder bei iTunes.

Buchkritik: Reinhard Kleist – Cash

11. Mai 2011

Mit Comics ist es so eine Sache. Als Jugendlicher verschlang ich die Comics. Ich liebte die bunten Hefte. Dann kam eine Pause, eine lange Pause. Jetzt erarbeite ich mir mühsam wieder die Comics. Ich habe viele alte Heftchen von früher aus dem Keller geholt: Prinz Eisenherz, Tarzan, Kung Fu und natürlich Superman und Batman. Aber Comics sind heute viel mehr. Ich habe Frank Miller für mich entdeckt und taste mich langsam vor. Leider muss ich feststellen, dass Comics in der deutschen Kulturlandschaft noch nicht angekommen sind. Anders als beispielsweise in Frankreich oder gar in Japan, haben in unserem Kulturbetrieb Comics keine Lobby. Das ist schade. Auf meiner Entdeckungstour durch die Welt der Comics bin ich auf Reinhard Kleists Buch Cash: I see a darkness gestoßen, nachdem mir das Buch ausdrücklich von meinen Kollegen Bertold Brackemeier empfohlen wurde.

In S/W gehalten ist das Buch eine Biografie meines Helden Johnny Cash. Ähnlich wie der Kinofilm Walk the Line wird hier die Zeit bis zum erfolgreichen At Folsom Prison Konzert erzählt. Zum Schluss gibt es noch einen Ausblick auf das Comeback der American Recording Reihe und die Arbeitsweise mit Produzent Rick Rubin. Mal pathetisch, mal sehr intim. Die Zeichnungen sind großartig und auch die Textarbeit ist eindrucksvoll. Cash, der Mann in Schwarz, passt gut in dieses Comic. Cash ist ein Comic. Er ist schwarz oder weiß – entweder liebt man den störrischen Mann, den Trinker und Tablettensüchtigen – oder man lehnt ihn ab. Ein Comic in Farbe wäre absolut daneben gewesen. Hier hat Reinhard Kleist richtig entschieden.

Wer kein Fan von Johnny Cash ist, wird sich allerdings mit der Erzählung manchmal schwer tun.Wer die Biografie des Conutry-Barden nicht kennt, hat so eine liebe Not, die handelnden Personen zu erkennen. Da war es noch relativ einfach den Sue-Song hinter Shel Silverstein zu identifizieren. Der Auftritt Dylans kommt aber ohne Vorwarnung daher und ich musste glatt zweimal hinsehen, um das Treffen der Giganten zu erkennen. Leider hat Kleist das Aufeinandertreffen mit George Harrison nicht gezeichnet.

Also Fans des Mannes, von dem seine einstige Plattenfirma als Nachruf schrieb: „There was a man“, es ist genau das Buch für euch. Die anderen lassen besser die Finger weg und lesen besser die Cash: Die Autobiografie von 1999 (ohne Comeback).

Verspäteter Happy Birthday-Gruß an Roy Orbison

26. April 2011

Roy Orbison wäre vor kurzem 75. Jahre alt geworden. Und als Reminiszenz für den alten Rock´n Roller höre ich ein paar Alben des Meisters durch. Er war einer der ganz großen im Rock´n Roll-Zirkus. Über ihn kam nur noch Elvis und Buddy Holly. Orbison spielte für mich in der Liga von Carl Perkins, Jerry Lee Lewis – allerdings ohne dessen Skandale. Orbison wirkte immer bescheiden. Vielleicht ließ er im Privaten die Sau raus, aber in meiner Erinnerung war er ein zurückhaltender Star ohne Starallüren. Und mit seiner schwarzen Sonnenbrille, die er seit 1963 trug, weil er seine Brille vergessen hat, sah er einfach saucool aus.

Ich lernte ihn musikalisch durch meinen Onkel kennen, der Rock´n Roller erster Güte war und mir Cash, Presley, das Sun-Label und die gute alte Zeit auf Vinyl näher gebracht hatte. Aus dem Radio kannte ich natürlich Pretty Woman, lange bevor es den Hurenfilm Pretty Woman gab. Ich startete mit ein paar Singles und Best-of-Alben. Roy Orbison blieb immer irgendwie im Ohr, kein Problem mit dieser Stimme. Mein Onkel schickte mir eine LP mit dem Titel Class of ’55, die in 1985 in den alten Sun Studios mit den alten Recken Cash, Perkins, Lewis und Orbison – ein schönes Album. 1988 kam dann die Hammerscheibe schlechthin: The Traveling Wilburys. Die Musiksuperstars Dylan, Petty, Harrison, Lynne und eben Orbison. Hier zeigte sich, welchen Status Orbison einnahm. Er und Dylan waren die musikalischen Größen der Scheibe, die heute als absoluter Klassiker gilt. Der Unterschied zwischen Dylans Bluesstimme und Orbisons Tenorstimme könnte nicht größer sein, wurde aber genial eingefangen. Dann starb Orbison mit 52. Jahren an Herzversagen. Er konnte den Erfolg seines veröffentlichten Solo-Albums Mystery Girl nicht mehr genießen. Das Album war von Jeff Lynne produziert und das Who-is-Who der Rockmusik wirkte mit. Es wurde ein Denkmal für einen großen Mann und dieses Album zeigt, weshalb Orbison in den Rock´n Roll Olymp aufgenommen wurde.

Frühes Bob Dylan Konzert veröffentlicht: Bob Dylan In Concert – Brandeis University 1963

7. März 2011
Frühes Bob Dylan Konzert veröffentlicht: Bob Dylan In Concert - Brandeis University 1963

Frühes Bob Dylan Konzert veröffentlicht: Bob Dylan In Concert - Brandeis University 1963

Ich halte heute ein kleines Wunder in den Händen. Soeben habe ich die CD Bob Dylan In Concert – Brandeis University 1963 erhalten, die eigentlich laut Columbia erst am 12. April erscheinen soll. Jetzt ist es auf jeden Fall bei mir und das ist gut so. Es ist das letzte Konzert des Meisters bevor er berühmt wurde.

Und es müssen turbulente Zeiten für Dylan im Mai gewesen sein: Zunächst das Konzert, dann die Absage in der Ed Sullivan Show aufzutreten und schließlich die Veröffentlichung seiner LP „The Freewheelin‘ Bob Dylan“.

Die sieben Aufnahmen der jetzt veröffentlichten CD „Bob Dylan In Concert – Brandeis University 1963″ stammen vom Brandeis First Annual Folk Festival in Waltham, Massachusetts vom 10. Mai 1963 und zeugen Dylan in seiner Folkie-Frühphase. Dylan legte sich mächtig ins Zeug und interpretierte seine Songs intensiv.

Die Aufnahmen wurden vor knapp einem Jahr beim Ausmisten eines Hauses von Rolling Stones-Mitbegründer Ralph J. Gleason gefunden. Die Tapes standen über 40 Jahre im Regal – und wurden wiederentdeckt. Die Qualität der Aufnahme und die Performance des jungen Sängers sind erstaunlich. Dylan hat Power. Bis auf „Honey, Just Allow Me On More Chance“ sind alle Songs komplett zu hören. Und es handelt sich um die Frühphase der Protestsongs: „Talkin‘ John Birch Paranoid Blues,“ „Ballad Of Hollis Brown,“ „Masters of War,“ „Talkin‘ World War III Blues,“ „Bob Dylan’s Dream,“ und „Talkin‘ Bear Mountain Picnic Massacre Blues.“ – Vor allem mit John Birch hat sich Dylan damals in die Nesseln gesetzt, aber brav durchgehalten. Zur Promotion sollte Dylan am 12. Mai 1963 in der populären Ed Sullivan Show auftreten und wollte den „Talkin’ John Birch Paranoid Blues“ vortragen. CBS griff ein, denn die extrem konservative John Birch Society sollte nicht brüskiert werden. Dylan verzichtete ganz auf seinen Auftritt und siegte dennoch im Nachhinein.

Dann kam am 27. Mai 1963 „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ in die Plattenläden und der Rest ist Geschichte. Zuvor hatte Dylan sein Debüt-Album „Bob Dylan“, das aber nur Insidern bekannt wurde. Freewheelin‘ brachte den Durchbruch. Mit einer künstlerischen Kraft, die nur mit den Beatles vergleichbar war, stellte Dylan die moderne Rockmusik auf den Kopf.

An Fans ergeht daher ein klarer Kaufbefehl für Bob Dylan In Concert – Brandeis University 1963 .