Archive for the ‘Musik’ Category

Konzertkritik: Kraftwerk in Essen

26. November 2015
Ein Jugendtraum wird wahr - Kraftwerk in Essen. Ein Jugendtraum wird wahr – Kraftwerk in Essen.

Ehrfürchtig nehme ich auf dem Gangplatz in der zweiten Reihe im Essener Traditionskino Lichtburg Platz. Vor mir ein mächtiger roter Vorhang. Hinter diesem Vorhang soll sich gleich ein Jugendtraum von mir verwirklichen. Ich darf Kraftwerk live sehen – endlich.


Als Jugendlicher hatte ich diese Band für mich entdeckt und war durch all die Jahre ein Verehrer der deutschen Elektronikband. Kraftwerk war anders als die Bands meiner Jugend. Es waren keine Gitarrenhelden, sondern Techniker in den Kling-Klang-Studios, die einen ungewöhnlichen Sound heraufbeschwörten. Ich kaufte die Platten in Vinyl, Langspielplatten und Singles, dann später die Musik als CD. Der Katalog in schwarz und weiß sind für mich wichtige Boxen. Doch Kraftwerk habe ich noch nie live erlebt. Bei den Münchner Konzerten hatte ich keine Karten bekommen, das Event im ZKM habe ich verbummelt und für die Auftritte in der Londoner Tate Gallery habe keinen Flug bekommen, den ich mir leisten wollte. Aber in Essen soll es jetzt sein. Kraftwerk live auf der Bühne.


Die Faszination, die ich für diese Musik empfinde, sprach und spricht bei mir alle Sinne an: Den Kopf, den Bauch, die Seele. Ich gehe gerne auf Konzerte und freue mich auf die Künstler, die ich dort sehe. Es ist Unterhaltung pur, wenn die Künstler mir eine gelungene Show abliefern. Aber bei Kraftwerk bin ich nervös. Ich nahm eine stundenlange Reise von München nach Essen mit dem ICE auf mich, wurde nach den Terroranschlägen in Paris professionell und ausgiebig beim Betreten der Lichtburg gefilzt und sitze jetzt in meinem Kinosessel in der zweiten Reihe, nah, ganz nah an der Bühne. Ich geb es zu, ich war nervös. Ich spüre die gleiche Unruhe in mir wie vor einer Wagner-Aufführung in Bayreuth. Wie wird es werden? Wird mein Jugendtraum gleich zerplatzen? Kraftwerk ist nicht einfach eine Musikkonzert, es ist Kunst, ein Kunstgenuss pur. Für mich ist Kraftwerk ein Gesamtkunsterlebnis.

Um mich herum ziehen die Fans aus dem Ruhrpott ihre 3D-Brillen auf, denn Kraftwerk hatte für uns eine Multimedia-Show in Stereoskopie im Gepäck. Die Gespräche verstummen. Aufgrund meines Augenleidens lasse ich meine 3D-Brille in der Tasche.

3D-Brillen am Eingang. 3D-Brillen am Eingang.

Jeder Konzertbesucher bekam am Eingang eine polariserte Brille im Kraftwerk-Look überreicht. Auch ich nahm eine, ziehe die 3D-Brille aber nicht auf. Ich will nur die Band hinter ihren Pulten betrachten und genießen. Punkt 0 Uhr geht es los. Meine Frau hatte mir eine Karte für die zweite Show des Abends gekauft und ich bin ihr über ihre Platzwahl ganz vorne zutiefst dankbar. So nah dran an der Band und den Boxen.


Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne stehe die legendären vier Pulte. Der Applaus ist gewaltig, ich klatsche, um meine Spannung abzubauen. Es geht los. Der Surround-Sound drückt mich in den Sessel der Lichtburg. Glasklarer fetter Sound, der Bass haut rein. Das größte deutsche Filmtheater mit 1500 Plätzen ist komplett ausverkauft. Die Mensch-Maschine nimmt ihren Verlauf. Die Kraftwerk-Performer betreten in ihren Neopren-Anzügen die Bühne. Die Audio Operatoren (netter Name für die Musiker) Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Hennig Schmitz und Video Operator Falk Grieffenhagen. Von der Originalbesetzung ist nur Ralf Hütter übrig geblieben. Klaus Dingler ist leider verstorben und Karl Bartos macht sein eigenes Ding und ich werde ihn mir auch noch ansehen, irgendwann, irgendwo. Bartos macht Kraftwerk-Musik, wie sie im 21. Jahrhundert klingen sollte. Ralf Hütter ist eher der Bewahrer – also genauso ein Streit wie um Wagner. Geblieben ist die Musik, Elektropop mit und fürs Köpfchen. Für mich ist Kraftwerk die Urband der elektronischen Musik – vor Kraftwerk gab es im elektronischen Bereich nichts, was von irgendwie Bestand hatte. Kraftwerk hat meine musikalische Welt umgestaltet, eingerissen, komplett neu definiert. Und jetzt sehe ich diese Pioniere, diese Revolutionäre ein paar Meter vor mir auf der Bühne. Obwohl sich Kraftwerk die Entpersonalisierung der Musiker auf die Fahnen geschrieben hat, war ich auf die Musiker neugierig. Hinter ihnen läuft eine beeindruckende 3D-Show auf, doch ich konzentriere mich auf die Musiker. Ralf Hütter singt die legendären Zeilen, die jeder in der Lichtburg mitsingen kann. Ja, wir sind alle Textsicher bei Kraftwerk-Songs. Bei dem Song Computerwelt sah Kraftwerk die totale Digitalisierung und Überwachung voraus. Nie zuvor war Kraftwerk aktueller denn je – NSA, Snowden, Vorratsdatenspeicherung. „Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard – Flensburg und das BKA, haben unsere Daten da“. Für die Zeilen muss man Kraftwerk einfach lieben: „Automat und Telespiel – Leiten heute die Zukunft ein – Computer für den Kleinbetrieb – Computer für das eigene Heim“.


Als die Klänge von Autobahn erklangen, bekomme ich meinen persönlichen Flashback. Ich erinnere mich, wie ich diese Musik das erste Mal gehört habe. Was war das? Es waren keine drei-Minuten Hitsingle wie bei anderen Künstlern, sondern die Komposition entfaltete eine intensive hypnotische Kraft. Die Redundanz prägte sich ein. Als Jugendlicher kam nur noch Brian Eno und David Bowie mit der Berliner Phase an diese Musik heran, alles andere war oberflächliches Gedudel.


Im Grunde läuft ein Kraftwerk-Konzert computergesteuert wie ein Uhrwerk ab. Ein Absturz wie auf dem Düsseldorfer Konzert in der Philipshalle am 31. Oktober 1991 gab es in Essen nicht. Die Showmaschinerie der Mensch-Maschine lief perfekt. Ab und zu wippt Ralf Hütter mit den Füßen, aber die Musiker halten sich meist zurück. Als gegen Ende der Show nach einem Vorhang die Roboter auf die Bühne kommen, bringen die mechanischen Gesellen in einem Song mehr Bewegung auf die Bühne als die menschlichen Musiker während des ganzen Konzerts. Als Kind habe ich die Roboter mit den roten Hemden und schwarzen Krawatten im Fernsehen gesehen und wusste nicht, ob die Band nun echt oder mechanisch war. Heute weiß ich, dass Kraftwerk menschlich ist, denn Ralf Hütter grinst von der Bühne.
Eindrucksvoll waren Tour de France, das Model und immer wieder Radioaktivität mit überarbeiteten Texten. Beim Trans Europa Express denke ich an meine Zugfahrt und freue mich, dass Europa zusammengewachsen ist. Ich gerate immer tiefer in den Song der Musik und als die Klänge von Elektro Kardiogramm erklingen, drückt es mich in meinen Kinosessel hinein. Die legendären Textzeilen „Music non stop, techno pop
Es wird immer weitergehen – Musik als Träger von Ideen“ haben mich wieder gepackt. „Es wird immer weitergehen – Musik als Träger von Ideen“ genau das ist es – bravo.


Nach zwei Stunden verabschieden sich Kraftwerk mit Improvisationen auf ihren Software-Synthesizern und -Sequencern, gehen Mann für Mann an den Rand der Bühne und verbeugen sich artig. Ralf Hütter ist der letzte, der von Bord geht. „Gute Nacht, bis morgen“ lauten seine Worte an uns.

image image
Nein, für mich heißt es bis gleich. Ich bleibe noch ein wenig im Kinosaal sitzen und schaue mir im Vorraum den Verkaufsstand mit T-Shirts und Mauspads an. Ich muss vier Stunden überbrücken, bis mich mein ICE wieder nach Bayern bringt. Ein wenig spaziere ich durch die Innenstadt von Essen und lande in einer Kneipe. Ich höre dort Kraftwerk über das iPhone. Mein Leben ist schön.

Buchtipp: The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock

9. November 2015
Hier die Nummer 1, ich habe die Nummer 61 des Buches The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock.

Hier die Nummer 1, ich habe die Nummer 61 des Buches The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock.

Ja, es stimmt: Ich bin auf meinen persönlichen David Bowie-Tripp. Vor kurzem bloggte ich über die Five Years Box und ich fand auch die Bowie-Ausstellung in Berlin fabelhaft. Ich höre entzückt, dass der Meister im nächsten Jahr ein neues Album auf den Markt bringen will.
Allerdings ließ er auch erklären, dass er nie wieder auf Tour gehen wird. Nach einem Herzproblem durchaus verständlich. Da bleibt nur die Erinnerung an großartige David Bowie-Konzerte. Daher leistete ich mir etwas Besonderes aus dem Bowie-Universum. Ich kaufte mir das fantastische Tourneebuch The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock. Ich erwarb die Art Edition 1 vom Taschen-Verlag samt Originalabzug aus der Ziggy Stardust-Zeit und Autogramme von David Bowie und Mick Rock.


Bei einem Glas Ardbeg Supernova genoss ich das einzigartige Buch voller Konzert- und Hinter den Kulissen-Fotos. David Bowie schockierte die Rock-Welt mit seiner Kunstfigur Ziggy Stardust. Wer heute für Lady Gaga und Marilyn Manson und andere schräge Vögel schwärmt, der sollte sich den kongenialen Bowie anschauen. Hier begann die Show, hier begann der Zirkus und nach all den Jahren hat David Bowie nichts von seiner Kraft und Faszination verloren. Ziggy Stardust ist Selbstinszenierung pur und dieses Buch gibt einen grandiosen Einblick über das Wesen David Bowie.
Ich war 1972 noch zu klein, um von diesen Shock etwas mitzubekommen. Etwa Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zog mich Bowie erst in den Bann. Als Fan von Konzeptalben griff ich irgendwann zu The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars. Ich kannte Bowie von seiner Berliner Phase und jetzt hörte Ziggy Stardust rauf und runter. David Bowie präsentierte sich einer konsternierten Welt als androgyne, wimperngetuschte Kunstfigur in Glitzerklamotten, die die Grenzen zwischen männlich und weiblich, hetero und schwul, Fakten und Fiktion einriss. Ich stand damals auf die klassischen Guitar-Heros und Keyboard-Zauberer. Dann trat Bowie in meine musikalische Welt, schuf ein eigenes Genre und revolutionierte nebenbei den Rock – nicht mehr – nicht weniger. Und davon legt das vorliegende Buch The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock Zeugnis ab. Verzeiht das religiöse Vokabular, aber dieses Buch ist eine wirklich Offenbarung. Der Druck, das Format und natürlich vor allem die Bilder von Mick Rock, der damals als Tourneefotograf beauftragt war.

The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock.

The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock.

Die limitierte Collector’s Edition zeigt das Beste aus Mick Rocks Bowie-Portfolio, Bilder von spektakulären Liveshows, Porträts aus dem Backstagebereich, Coverfotos und Standbilder aus Promofilmen; rund fünfzig Prozent dieser Aufnahmen werden hier erstmals gezeigt und gewähren neue und überraschende Einblicke in die vielen Facetten von Bowies schillernder Persönlichkeit. Dieses Buch ist auf insgesamt 1.972 (das Jahr der Konzerttour) von David Bowie und Mick Rock signierte Exemplare limitiert. Es ist erhältlich als Collector’s Edition (Nr. 201-1.972) sowie in zwei Art Editionen von je 100 Exemplaren mit jeweils einem von Mick Rock signierten Pigmentdruck. Ich wählte die Art Edition 1 mit einem Foto der US-Tour 1973 und bekam Band 61.

Musiktipp: The Turn of a Friendly Card Deluxe von The Alan Parsons Project

6. November 2015
Die neue (alte) Alan Parsons Project: The Turn of a Friendly Card als Deluxe Version.

Die neue (alte) Alan Parsons Project: The Turn of a Friendly Card als Deluxe Version.

Es war intimes, ein sehr persönliches Erlebnis – ich höre die Deluxe Ausgabe zum 35. Geburtstag des Albums The Turn of a Friendly Card (35th Anniversary Edition). Ich höre und ich schwelge in Erinnerung. Die Musik von The Alan Parsons Project begleitet mich mein ganzes musikalisches Leben lang. Bereits mehrmals habe ich darüber gebloggt. Und daher war es für mich eine Selbstverständlichkeit die neu veröffentlichte Doppel-CD zu bestellen.
Das Cover mit dem Kirchenfenster als Spielkarte faszinierte mich schon immer. Ein schönes Cover – die Neuauflage war allerdings nicht gewohnt in schwarz sondern in violett.


Die erste CD ist bekannt. Es handelt sich um die Fassung von 2008, die damals restauriert wurde. Im Vergleich zur Ursprungsfassung ist sie deutlich reiner und kräftiger geworden. Die Bonustracks auf der ersten CD waren auch schon bekannt. Richtig persönlich wurde es mit der zweiten CD. Die Kinder des verstorbenen Eric Woolfsons haben auf dem Speicher eine Kiste mit Audiokassetten gefunden. Beim Anhören stellte sie fest, dass der Sammler Eric Woolfson über Hundert Stunden Material aufgehoben hat. Die Soundqualität ist freilich mies, da kann auch ein Meister wie Toningenieur Alan Parsons nur bedingt etwas retten. Und trotz der dumpfen Aufnahme geben gerade die neun Songs aus Eric’s Songwriting Diaries ein intimer Einblick in das kompositorische Schaffen von The Alan Parsons Project. Die Konzeptalben entstanden am Klavier, ohne Pomp oder Streicher. Erst später wurden sie arrangiert. Es sind einfach gute, sehr gute Songs. Insgesamt sind 17 bislang unveröffentlichte Tracks auf dem Doppelalbum, wobei die Eric’s Songwriting Diaries mit Abstand die wichtigsten Aufnahmen sind.

Spielsucht stand im Mittelpunkt von Die neue (alte) Alan Parsons Project: The Turn of a Friendly Card als Deluxe Version.

Spielsucht stand im Mittelpunkt von Die neue (alte) Alan Parsons Project: The Turn of a Friendly Card als Deluxe Version.

Klar, wer Alan Parsons Project nicht kennt, der braucht dieses Album The Turn of a Friendly Card in dieser Form auch nicht. Es ist nur für den Fan-Markt produziert. Wer gute Musik hören will, der sollte zu der bisherigen Veröffentlichung aus dem Jahr 2008 von The Turn of a Friendly Card greifen, die billig her geht. Es war das fünfte Album von The Alan Parsons Project aus dem Jahre 1980 und hatte das Thema Spielsucht und Glücksspiel zum Thema. Die Herrschaften wohnten damals aus Steuergründen in Monaco in Umgebung des Casinos. Da passte das Thema wunderbar.
Nach dem genialen Tales of Mystery and Imagination, dem wegweisenden I Robot, dem geheimnisvollen Pyramid, dem schwachen Eve kam mit The Turn of a Friendly Card der Paukenschlag, der wieder an Tales erinnerte. Vielleicht deshalb mag ich das Album so gerne.

Alan_Parsons_Project_6407

Musiktipp: Electronica 1: the Time Machine von Jean Michel Jarre

19. Oktober 2015
Von mir lange erwartet: Das neue Album von Jean Michel Jarre: Electronica 1: the Time Machine

Von mir lange erwartet: Das neue Album von Jean Michel Jarre: Electronica 1: the Time Machine

Zum ersten Mal hörte ich Jean Michel Jarre als Schüler bei meinem Schulfreund Ingo. Eigentlich wollten wir für den Leistungskurs Chemie lernen, doch Ingo legte die Schallplatte Equinoxe auf und vorbei war es mit chemischen Formeln. Ich lernte an diesem Nachmittag elektronische Musik kennen und war seitdem ein Fan von Jean Michel Jarre, wobei ich seinen Vater Maurice Jarre als Filmfan ebenso schätzte.


Als ich nun hörte, dass Jean Michel Jarre mit knapp 75 67 Jahren ein neues Album herausbringen wollte, interessierte mich es sehr. Er hat die elektronische Musik massiv beeinflusst und vielleicht sollte es wieder so etwas Grandioses wie Zoolook werden. Ethnicolor auf Zoolook hatte mich damals wie heute begeistert. Die Doku auf Arte über Jarre machte mich noch neugieriger.

Im Booklet beschreibt Jarre sein Vorhaben.

Im Booklet beschreibt Jarre sein Vorhaben.

Nach drei Tagen intensiven Hören von Electronica 1: the Time Machine stelle ich fest: Jean Michel Jarre hat eine große Chance vertan, ich bin enttäuscht. Zwar ist das Album absolut sauber produziert und technisch brillant, aber musikalisch gefällt es mir nur bedingt. Jean Michel Jarre wollte mit Electronica 1: the Time Machine eine Kooperationen mit aktuellen Elektronik-Musikern herstellen – er wollte Brücken zwischen seinem Werk und den Werken dieser Musiker schlagen. Das ist ihm gelungen, aber einige dieser Musiker interessieren mich überhaupt nicht. Wenn ich eine Compilation über elektronische Musik will, dann klick ich mir eine Playlist bei Spotify oder Apple Music zusammen. Aber wenn ich Jean Michel Jarre hören will, dann will ich eben Jean Michel Jarre hören. Zugegeben, in jedem der Stücke seines Albums höre ich Jean Michel Jarre heraus – das wäre noch schöner. Aber ich finde, die anderen Musiker dominieren und Jean Michel Jarre tritt zu oft in den Hintergrund.
Es gibt einige Kooperationen, die mir durchaus gefallen. Dabei handelt es sich beispielsweise um das Stück Zero Gravity mit Tangerine Dream. Die Krautrocker habe ich ebenso gerne gehört wie Jarre. Leider gibt es auf Electronica 1: the Time Machine keine Kooperation zwischen Klaus Schulze oder gar Kraftwerk. Aber Electronica 1 deutet ja an, dass eine Electronica 2, 3, … folgen und vielleicht kommt es hier zu einer Kooperation. Gerne, ja sehr gerne hätte ich auch ein Zusammenspiel mit den Art-Rockern Keith Emerson und Rick Wakeman. Oder wie wäre es mal richtig experimentell mit Autechre?

Irgendwie bekam ich eine Fehlpressung des Covers.

Irgendwie bekam ich eine Fehlpressung des Covers.

Sehr ergriffen lauschte ich auf Electronica 1 dem Beitrag von Laurie Anderson. Ich habe die Grand Dame der Kunst lange nicht gehört und war nach den ersten Tönen wieder fasziniert von ihrer Kunst. Ich zog mir gleich Home of the Brave wieder auf das iPhone.
Neugierig war ich auch auf die Kooperation mit Regisseur und Musiker John Carpenter. Hier schließt sich der Kreis für meine Vorliebe von Soundtracks. Carpenter ist ein Minimalist und seine Soundtracks für seine Filme sind frühe Synths-Erfahrungen.
Die Sache mit Air geht noch ganz gut, Lang Lang ist interessant, aber dann gibt es auch nur schlimmes Pop-Gedudel. Moby finde ich grenzwertig, Vince Clarke ist schrecklich, Fuck Buttons bitte nicht, Little Boots ist einfach nur schrecklich. Und was hat bitte der von mir hoch verehrte Pete Townshend in einem Elektronik-Album verloren? Der Who-Chef ist für mich Aushängeschild des harten britischen Arbeiterrocks und passt für mich absolut nicht auf das Albums eines Synthesizer-Pioneers.
Ich geb es zu, im Großen und Ganzen bin ich enttäuscht. Der große Wurf ist Electronica 1: the Time Machine für mich nicht geworden. Ich werde dem Album noch ein paar Wochen Zeit geben und dann wieder zu Zoolook und dem Frühwerk des Meisters greifen.

Musikstreaming – Brauch ich? Brauch ich nicht?

14. Oktober 2015

Ich kann mich noch immer nicht mit Musikstreaming-Diensten anfreuen. Vielleicht liegt es an meinem Alter. Noch will ich die Aufnahmen besitzen und weiß natürlich, dass es ein Blödsinn im digitalen Zeitalter ist. Der Streaming-Markt kommt und noch bin ich nicht dabei. Vielleicht muss ich nicht jeden Trend mitmachen (sagte der Mann, der noch auf Tonbänder eine Zeitlang setzte).
Meine Kinder spielen derweil mit Spotify und Apple Music herum und gehen mit großen Schritten in die Zukunft.

Apple Music wirbt um Abonnenten.

Apple Music wirbt um Abonnenten.

Im Filmsektor habe ich mich vom Streaming-Fieber anstecken lassen. Amazon Instan Video läuft bei uns und ich finde es prima. Nur noch ein paar ausgewählte Filme kaufe ich mir auf Blu ray – Filme, die sich für mich persönlich lohnen. Aber bei Musik hänge ich noch der Zeit hinterher, kaufe sporadisch Vinyl (als Wertanlage) und CDs (vor allem Klassik und Soundtracks) und viele Downloads. Aber Streaming, ich weiß nicht.


Über genaue Zahlen von Apple Music schweigt sich Apple wie gewohnt aus. Beobachter rechnen mit bis zu vier Millionen zahlenden Abonnenten – ich gehöre noch nicht dazu. Allerdings haben wir auch nur eine kostenlose Version von Spotify laufen, die 20 Millionen zahlende Kunden haben. Ein Hauptargument für meine Kinder für Spotify ist, dass das Datenvolumen nicht auf ihren Telekom-Account angerechnet wird. Hier muss Apple nachbessern, dann steigt die Familie um und ich mach auch mit, vielleicht.

Aldi kommt mit einem eigenen Streaming Dienst und tritt gegen die internationale Herausforderung an.

Aldi kommt mit einem eigenen Streaming Dienst und tritt gegen die internationale Herausforderung an.

Interessant ist der Markt aber auch für andere. Für schlappe 7,99 Euro bietet Aldi jetzt in Kooperation mit Napster einen Streaming-Dienst Aldi Life Musik an. 34 Millionen Songs sind schon im Napster-Archiv. Damit ist Aldi billiger als Apple und Spotify. Ich sehe für das Projekt durchaus Chancen. Billig kommt gut und wer ein aktuelle Musik und Hörbücher hören möchte, der ist sicher gut bedient. Aldi hat in Deutschland eine unglaubliche Marktmacht und nicht nur Niedrigverdiener kaufen bei Aldi ein. Hier muss Apple und Platzhirsch Spotify gehörig aufpassen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Aussage von Jimmy Iovine – einstmals Beats und jetzt bei Apple. Er sieht durch die kostenlosen Streaming Angebote eine Gefahr für die Kultur. Ich finde, er hat recht, aber ggf ist die Aussage nur strategisch zu werten. Apple hat kein kostenloses Streaming und muss trommeln, um auf seine Userzahlen zu kommen. Auf der anderen Seite gibt es durch YouTube und Co schöne legale Möglichkeiten, sich mit Filme und Musik zu versorgen. Ich in jetzt mal gespannt, wie sich das Streaming weiterentwickelt. Im Moment sammele ich dazu Material für ein Seminar.

Musiktipp: Five Years (1969-1973) von David Bowie

12. Oktober 2015
Welche David Bowie höre ich denn heute?

Welche David Bowie höre ich denn heute?

Ich weiß, ich habe die meisten Aufnahmen schon und trotzdem musste ich zuschlagen. Als David Bowie seine neueste Fan-Abzocke startete, war ich ein überzeugter Vorbesteller. Ich kaufte mir die erste 5-Jahres-Box des Altmeisters: Five Years (1969-1973) und wieder läuft die geniale Musik Bowies in den Wohnräumen, im Arbeitszimmer und unterwegs im Ohr. Einfach großartige Mucke hat David Robert Jones da komponiert.
Die Box enthält die Alben eben der Jahre 1969 bis 1973. Im Einzelnen sind dies sechs Studio-Alben, zwei Live-Alben, dem 2003-Ken Scott-Mix von „The Rise and Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“ sowie eine Doppel-CD mit Single-Versionen und B-Seiten, Re-Call genannt. Was mich freut, das Santa Monica-Konzert hatte ich bisher nur als Vinyl-Bootleg und später als iTunes-Download. Jetzt hab ich auch die CD.
Die Studio-Alben sind:

  • David Bowie (Space Oddity) (1969)
  • The Man Who Sold the World (1970)
  • Hunky Dory (1971)
  • The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars (1972)
  • Aladdin Sane (1973)
  • Pin Ups (1973)

Es lässt sich trefflich diskutieren, was nun die beste Bowie-Scheibe ist. Wenn es denn so einfach wäre. Bowie ist für mich ein phasenbedingter Musiker. Mal lieb ich ihn und kann ihn tagelange hören – wie jetzt. Und dann ist er mir zu anstrengend. Absolute Power hat sicherlich die Ziggy Stardust-Phase, aber ich mag auch die spätere Berliner Phase. Aber die kommt sicherlich in der nächsten 5 Jahres Box im kommenden Jahr. Und vielleicht kann ich mich in späterer Zukunft dann auch mit der Let’s dance und Tonight und Glas Spider-Sache anfreunden – warten wir es ab.
Vielleicht zwei fadenscheinige Gründe, warum man sich als Fan die überteuerte Box für 140 Euro kaufen sollte: Mich interessierten zwei Songs in der Box besonders: Zunächst natürlich All The Madmen. Der Mono-Song wurde ursprünglich für den US-Markt angefertigt aber dann nie veröffentlicht. Das Lied beginnt ruhig mit Gitarrenbegleitung und endet nach 3:15 Minuten episch wie die Bowie-Songs der damaligen Zeit. Das Ding hätte er ruhig veröffentlichen können. Und dann gibt es noch die Originalversion von Holy Holy, das 1971 als Mercury-Single veröffentlicht wurde und seither auf keiner weiteren Veröffentlichung erhältlich war.
Ich weiß, wegen der zwei Songs 140 Euro auszugeben, ist purer Luxus und eigentlich kein richtiges Argument. Was soll es! Die Musik von Bowie ist ein Hammer und lohnt sich. Und an die jungen Leute von heute gerichtet: Mit Five Years (1969-1973) hört ihr mal richtig gute Musik.

Der Inhalt der ersten Bowie Box Five Years.

Der Inhalt der ersten Bowie Box Five Years.

Limitierte Vinyl-Ausgabe: Game of Thrones Season 5 Soundtrack ausverkauft

10. Oktober 2015

Game of Thrones_Vinyl_Schallplatte

Als Soundtrack-Fan freue ich mich über neue Veröffentlichungen. Jetzt kam die Meldung, dass der Soundtrack von Game of Thrones veröffentlicht wurde – und zwar auf Vinyl.
Den Soundtrack als CD oder Download gibt es bereits seit 10. Juli 2015. Nun kam in limitierter Version die Vinyl-Ausgabe. In einer exklusiven Auflage sind die ersten 2500 LPs nummeriert und auf silberfarbenen Vinyl gepresst. Innerhalb eines Tages war der Soundtrack restlos ausverkauft. Der ausschließlich im HBO Shop erhältliche Game of Thrones Season 5 Soundtrack bestand aus zwei Vinyl Schallplatten mit Klappcover. Die 180 Gramm schweren Schallplatten beinhalten die 17 Titeln der mehrfach ausgezeichneten Serie. Das Ganze gab es beim HBO Global Licensing-Shop für Europa für 50 Euro. Jetzt gibt es nur noch die CD und die Download-Datei.
Das klingt alles ganz fein und ich freue mich grundsätzlich über den Erfolg des Soundtracks. Und jetzt kommt das Aber. Die Musik stammt wie bei den anderen Teilen auch von Ramin Djawadi. Und ich mag die Musik nicht. Die Musik hat sich mit dem Teil 5 weiterentwickelt, aber im Grunde ist es das alte Zimmer-Schema. Themen zu Tode reiten. Ich finde sie schrecklich. Es ist die klassische Musik meines Hass-Komponisten Hans Zimmer. Kennste einen Soundtrack aus dem Zimmer-Universum, dann kennste alle. Es gibt ein paar Ausnahmen von Hans Zimmer, aber die meiste Musik aus seiner Industriefirma gefällt mir einfach nicht. Ich habe die Game of Thrones-CDs wegen der allgemeinen Beliebtheit gekauft und in den Schrank gestellt, aber ich höre sie nur ganz selten an. Es gibt soviel besseres. Und so habe ich die Vinyl-Ausgabe trotz aller Sammlerleidenschaft auch nicht bestellt.

Bryan Ferry in München 2015

16. September 2015
Bryan Ferry im Münchner Circus Krone - toller Auftritt.

Bryan Ferry im Münchner Circus Krone – toller Auftritt.

Irgendwie war er immer da. Er war nie im Fokus meiner Aufmerksamkeit, aber er lief immer so mit und seine Musik war immer präsent: Gemeint ist Bryan Ferry. Der Dandy des Rock’n Roll gastierte jüngst in München. Der elegante Brite ließ sich im vollbesetzten Circus Krone Bau von seinen zumeist älteren Fans feiern und bedankte sich dafür mit einer fulminanten Show.
Und verdammt, der alte Womanizer kann es immer noch. Im vergangenen Jahr musste er seine Tour aufgrund von Stimmprobleme abbrechen, aber 2015 ist Bryan Ferrys Stimme wieder voll da. Hey und der Knabe ist bald 70 Jahre alt – seinen Geburtstag am 26. September wird er in Berlin feiern.


Ferry verlässt sich in München auf Bewährtes: Das gilt für Singmaterial und Band. Die Band bestand aus alten Recken wie Paul Beard Piano & Keyboards, Jacob Quistgaard Lead Guitar, Neil Hubbard Rhythm Guitar, Luke Bullen Drums, Jimmy Sims Bass, Lucy Wilkins Violin, Jorja Chalmers Sax & Keyboards, Fonzi Thornton Backing Vocals, Bobbie Gordon Backing Vocals und Rhianna Kenny Backing Vocals. Vor allem die Multiinstrumentalistin Jorja Chalmers im kurzen Rock (klar Bryan Ferry) hatte es dem Münchner Publikum angetan. Die coole, hübsche Australierin wurde vom Meister immer wieder in den Mittelpunkt gestellt.


Immer wieder schloss ich die Augen, lauschte auf die perfekt arrangierte Musik und der coolen Stimme von Bryan Ferry – schlagartig wurde mir bewusst, wie lange mich die Musik von ihm schon begleitet. In meiner Jugend hatte man entweder das Avalon-Album und war dabei – oder man blieb außen vor. Wie oft schaute ich mir als Jugendlicher die Covers von Roxy Music-Schallplatten vom Landleben an – die Insider wissen, was ich meine. Und auch Jerry Hall war einst eine hübsche Siren-Frau, noch vor Mick Jagger.
Bryan Ferry war ein solider Solokünstler, aber er war sich nicht zu fein, die Werke anderer Künstler zu interpretieren. Immer wieder nahm er Klassiker auf und hauchte ihnen ein neues Leben ein. Auf dem Münchner Konzert durften Bob Dylan Songs wie Bob Dylan’s Dream und Don’t Think Twice It’s All Right dabei nicht fehlen, nachdem Ferry mit Dylanesque ein Album mit Dylan-Covers vorlegte.

Auch die Lightshow hat in München bei Bryan Ferry gepasst.

Auch die Lightshow hat in München bei Bryan Ferry gepasst.

Die Songs in München war eine Best-Of-Show des Meisters. Avonmore – Driving Me Wild – Slave To Love – Ladytron –  Bob Dylan’s Dream – Don’t Think Twice It’s All Right – Smoke Gets In Your Eyes – Bete Noire – Zamba – Stronger Through The Years – Tara – Take A Chance With Me – One Night Stand – Midnight Train – More Than This (Full band version) – Avalon – Love Is The Drug – Virginia Plain – Do The Strand – für mich persönlich der Höhepunkt Jealous Guy – Editions Of You. Schade, schade, dass er Let’s stick together nicht gespielt hat, wie in anderen Orten. Und leider ließ Ferry seine Jazz-Phase komplett aus. Ich hätte gerne den Sound der 20er Jahre von ihm live gehört. Nicht Jazz, sondern Synthi waren angesagt. Früher war es mir zu viel Gefühlsduselei, aber heute gefällt mir es. Auch ich werde im Alter weiser und ruhiger. Wie sehr Bryan Ferry mich durch die Jahre begleitete, stellte ich fest, als ich fast jeden Songs mitsingen konnte. Und ich bin wahrlich kein ausgesprochener Bryan Ferry-Fan. Der Mann schreibt einfach gute, sehr gute Songs oder interpretiert fremde Songs einzigartig. Ein bisschen Tanzen hier, ein wenig Träumen da und am Ende jedes Songs die übliche Verbeugung als ob er mit einem imaginären Federhut grüßt. Die ganze Show war würdevoll, ja so würde ich es bezeichnen: Einfach würdevoll – keine hektischen Bewegungen, alles fließt und Bryan Ferry hatte mit kleinen Gesten, Augenzwinkern und Verbeugungen die Fäden in der Hand.


Übrigens, großen Eindruck machte auch die Vorband Femme Schmidt aus Berlin auf mich. Ich kannte die Dame und ihre Band vorher nicht. Vorbands haben einen undankbaren Job als Einheizer für den großen Star zu fungieren. Femme Schmidt machte einen hervorragenden Job und spielte sich mit ihrer Musik in die Herzen des Publikums. Noch im Circus Krone bestellte ich ihre CD Femme Schmidt. Toll fand ich auch, dass Bryan Ferry die Leadsängerin Elisa Schmidt nochmals in seiner Show erwähnte. Das kommt nicht oft vor. Vielleicht liegt es daran, dass der alte Schwerenöter die 25jährige Berliner Sängerin einfach unterstützen will.

Doppelpack Deep Purple: From The Setting Sun… (In Wacken) und …To The Rising Sun (In Tokyo)

10. September 2015

Wieder einmal griff ich zu alter Männer-Musik und wieder einmal wurde ich nicht enttäuscht. Seit ein paar Tagen stehen Deep Purple auf meiner Playlist mit einem interessanten Experiment. Sie veröffentlichten gleichzeitig zwei Konzerte ihrer NOW What?!-Tour. Und sie geben uns Fans das komplette Paket: Doppel-CD und DVD.

Deep Purple im Doppelpack

Deep Purple im Doppelpack

Es handelt sich den 2013 Mitschnitt von Wacken unter dem netten Titel „From The Setting Sun … (In Wacken)“ und endet mit der April 2014 in Tokyo „…… To The Rising Sun (In Tokyo)“ – einmal Open Air – einmal Halle.

IMG_4639
Wacken ist ein Phänomen. Ich war nie dort und habe alle Infos nur via Massenmedien. Dieses Jahr war es wohl etwas nass, aber 2013 hatten Deep Purple ideale Bedingungen. Damals sah ich das Konzert live im Fernsehen und fand den Auftritt als DP-Fan wunderbar. Allerdings vermisste ich natürlich Jon Lord, der von weiter oben zusah. Das Konzert am 12. April in Tokyo 2014 fand an historischem Platze statt: Ich sage nur: Made in Japan. Deep Purple gastierten wieder im Nippon Budokan in Tokyo mit einer Bomben-Akustik.


Welche der Aufnahmen sind nun besser? Klangtechnisch sind beide Doppelalben astrein. Gerade Live-Alben von Deep Purple können aufnahmetechnisch ein Schrott sein. Diese hier sind allererste Sahne. Wie zu hören war, wurden die Audioaufnahmen beider Shows von Eike Freese und Alex Dietz (Heaven Shall Burn) gemeinsam mit Roger Glover in Hamburg gemischt.
Musikalisch sind die Songs keine Überraschung. Alles solide und auch Ian Gillan kann wieder singen. Mir macht aber das Wacken-Konzert deutlich mehr Spaß. Das merke ich vor allem, wenn ich die Videos zu den Konzerten ansehen. Technisch ist Budokan besser, bei Wacken rauscht das Bild manches Mal. Aber die Hardrock- und Metalfans in Wacken sind einfach mit dabei, wenn die Kapelle aufspielt. Da wird gesungen, gerockt – da wird einfach mitgemacht. In Japan ist es eher eine steife Angelegenheit. Vielleicht liegt es an der japanischen Mentalität, aber die richtige Stimmung kommt eher in Wacken als in Budokan auf. Zudem nervt der japanische Typ im Publikum mit seinem Schild mit der Aufschrift „I wish your Stick Ian“. Ha, und am Schluss gibt Ian Paice den Knaben die Sticks nicht – gut gemacht. Der Fan hätte das Konzert genießen sollen, anstatt dauernd das doofe Schild hoch zu halten.
Herauszustellen ist bei beiden Konzerten wieder einmal Steve Morse. Während Richtie Blackmoore immer im dunklen Dress die Bühne betrat, erscheint Herr Morse mit Indianer T-Shirt. Anders als der Griesgram Blackmore schaut Steve Morse freundlich durch die Gegend und verdammt, der Typ kann einfach Gitarre spielen. Trotz langer Tour, trotz der ewig gleichen Songs legen Deep Purple eine wahre Spielfreunde an den Tag. Es macht Spaß den alten Herren zu zuhören. Ich empfehle den Kauf beider Alben, wobei meine Vorliebe aber das Wacken-Konzert ist.

IMG_4640

Musiktipp: Bad Magic von Motörhead

1. September 2015

Bad_Magic

Wahrscheinlich würde ein Typ wie Lemmy Kilmister mir sofort eine reinhauen, wenn ich Spießer sage, dass mir das neue Motörhead-Album gefällt. Wahrscheinlich würde Lemmy zu mir kommen, sich meine gut bürgerlichen Verhältnisse mit Doppelhaushälfte und Hybridauto, Gemüsegarten und gekehrten Bürgersteig kurz ansehen, ausspucken und dann einfach zuschlagen. Aber ich geb es ja zu: Bad Magic gefällt mir.
In meiner Jugend gehörte Motörhead zum lautesten, was es in der Musikwelt so gab. Lautstärke hin oder her, aber Lemmy mit seinen fast 70 Jahren und unsteten Lebenswandel lebt den Rock’n Roll, er fühlt den Rock’n Roll und er schert sich nur bedingt um meine bürgerliche Konventionen. Sicher, der Herr Lemmy Kilmister gehört nicht gerade zu intellektuellen Musikszene Großbritanniens und seine Wohneinrichtung, die auch NS-Symbole enthält, verachte ich – und dennoch: Lemmy Kilmister ist sich treu geblieben. Er ist seiner Musik treu geblieben und lebt den Geist von Elvis, Beatles und im Falle von Bad Magic den Geist der Rolling Stones. Auf Bad Magic covered Motörhead den Stones-Klassiker Sympathy For The Devil.
Die 13 Songs des 22. Studio Albums sind genau so wie Lemmy-Fans sich Songs von Motörhead vorstellen: Vor allem geradlinig und sofort zum Thema kommend. Stimmlich ist Lemmy nach gesundheitlichen Problemem gut drauf. Statt Jackie gibt es jetzt eben nur noch Wodka.
Kompromisslose Songs wie Victory Or Die oder fast zärtlich wie Till The End der alte Mann beherrscht sein Genre zu 100 Prozent.
Ich könnte viel über die Power der Songs schreiben, über die Weiterführung des Rock’n Roll philosophieren, aber Lemmy-Fans brauchen nur wissen: Bad Magic lohnt sich, kauft das Album und ihr werdet viel Freude haben. Lemmy ist am Leben und er macht Musik, auch live. Gerne hätte ich den Mann im November live in München gesehen, aber ich muss an den Konzerttagen arbeiten, Spießer eben. Und ich sage es, wie vor jeder Tour: Mensch, das wird wohl die letzte Tour von Lemmy sein. Warten wirs ab und nun setz ich meine Spießer-Kopfhörer von Shure auf und geh zum Rasenmähen mit Lemmy in den Ohren. Eben meine Art von Rock’n Roll.