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Wo der Wind Geschichten flüstert – der Glasgow Necropolis

2. Juli 2025

Über den Dächern Glasgows, wo der Wind die Geschichten der Vergangenheit mit sich trägt und die Sonne am Abend die Stadt in goldenes Licht taucht, erhebt sich ein Ort von erhabener Schönheit und stiller Würde: der Glasgow Necropolis.

Wie ein steinernes Gedicht liegt dieser viktorianische Friedhof auf einem Hügel, dem sogenannten „Cathedral Hill“, gleich neben der ehrwürdigen St Mungo’s Cathedral. Von hier aus schweift der Blick über die pulsierende Metropole, doch der Necropolis selbst scheint in einer eigenen Welt zu existieren – einer Welt, in der Zeit und Raum ineinanderfließen und die Stimmen der Geschichte niemals ganz verstummen. Meine Frau und ich wanderten einen halben Tag über diesen Ort der Ruhe und hingen unseren Gedanken nach.

Die Entstehung des Necropolis ist untrennbar mit dem Aufstieg Glasgows im 19. Jahrhundert verbunden. Die Stadt wuchs, getrieben von Handel, Industrie und Innovation, zu einer der wichtigsten Metropolen Großbritanniens heran. Mit dem Wohlstand kam auch der Wunsch nach einem würdevollen Ort, an dem die Bürger ihre letzte Ruhe finden konnten. Inspiriert vom Pariser Père Lachaise, wurde 1832 der Grundstein für den Necropolis gelegt. Schon bald entwickelte sich der Friedhof zu einem Spiegelbild der Gesellschaft: Hier ruhen Kaufleute und Industrielle, Künstler und Wissenschaftler, Geistliche und einfache Bürger – jeder Grabstein, jedes Mausoleum erzählt seine eigene Geschichte.

Mehr als 50.000 Menschen sind im Glasgow Necropolis begraben, doch nur etwa 3.500 Gräber sind durch aufwändige Monumente und kunstvolle Inschriften gekennzeichnet. Viele der Namen, die man hier liest, sind untrennbar mit der Geschichte Glasgows verbunden. Da ist zum Beispiel John Knox, der berühmte schottische Reformator, dessen imposantes Denkmal hoch oben auf dem Hügel thront – auch wenn er selbst nicht hier begraben liegt, sondern symbolisch für die protestantische Tradition Schottlands steht. In unmittelbarer Nähe finden sich die Gräber von William Miller, dem Dichter des berühmten Kinderliedes „Wee Willie Winkie“, und Charles Tennant, einem Chemiker und Industriellen, der mit seiner Erfindung der Bleichpulverproduktion Glasgows wirtschaftlichen Aufstieg maßgeblich mitprägte.

Auch Frauen, die in ihrer Zeit Herausragendes leisteten, fanden hier ihre letzte Ruhe, wie etwa Isabella Elder, eine der ersten Förderinnen der Frauenbildung in Schottland. Ihre Grabstätte ist ein stilles Zeugnis für Mut und Engagement in einer von Männern dominierten Welt.

Wer durch die gewundenen Pfade des Necropolis wandelt, begegnet einer Vielzahl architektonischer Stile: von neoklassizistischen Tempeln über gotische Türme bis hin zu ägyptisch inspirierten Obelisken. Die Monumente sind oft mit Symbolen geschmückt – Anker für Hoffnung, gebrochene Säulen für ein zu früh beendetes Leben, und Efeuranken als Zeichen unvergänglicher Erinnerung. Zwischen den Gräbern wachsen uralte Bäume, deren Wurzeln sich tief in die Erde graben, als wollten sie die Geschichten der Toten bewahren und weitertragen.

In den frühen Morgenstunden, wenn Nebel über den Hügel zieht und die Stadt noch schläft, scheint der Necropolis von einer fast überirdischen Stille erfüllt. Es ist eine Atmosphäre, die zum Nachdenken und Träumen einlädt. Viele Besucher berichten, dass sie hier eine besondere Nähe zur Vergangenheit spüren – als ob die Mauern und Statuen selbst Geschichten flüstern würden, von Liebe und Verlust, von Hoffnung und Vergänglichkeit. Ich muss zugeben, ich habe davon nichts gespürt. Ich war einfach nur überwältig von der Größe und der Pracht. Ich erinnerte mich an die Beerdigung meiner Eltern, hing diesen Gedanken nach.

Und wie es sich für einen Ort von solcher Geschichte und Aura gehört, ranken sich zahlreiche Märchen und Legenden um den Necropolis. In den Pubs der Stadt erzählt man sich, dass in mondlosen Nächten die Geister der alten Kaufleute und Dichter durch die Alleen wandeln.

Besonders bekannt ist die Sage vom „grauen Gentleman“, einem freundlich gesinnten Geist in viktorianischer Kleidung, der einsamen Spaziergängern Gesellschaft leisten und sie sicher durch das Labyrinth der Grabmale führen soll. Manche schwören, in windigen Nächten das leise Lachen von Kindern zu hören – vielleicht die Stimmen der kleinen Seelen, die hier ihre Ruhe fanden. Natürlich sind diese Erzählungen nichts als Märchen, geboren aus der Fantasie und dem Zauber dieses einzigartigen Ortes, doch sie verleihen dem Necropolis einen Hauch von Magie, der Besucher aus aller Welt in seinen Bann zieht. Ich habe bei meinen Spaziergängen durch die Gräberreihen nichts davon gespürt, obwohl ich für solche Spukgeschichten empfänglich bin.

Der Glasgow Necropolis ist mehr als ein Friedhof – er ist ein lebendiges Museum, ein Garten der Erinnerung, ein Ort, an dem die Geschichte Glasgows in Stein gemeißelt und doch voller Leben ist. Wer hier verweilt, spürt nicht nur die Ehrfurcht vor den Generationen, die vor uns gingen, sondern auch die Schönheit des Augenblicks. Zwischen den Gräbern, unter den alten Bäumen und im goldenen Licht der untergehenden Sonne wird der Necropolis zu einem Ort der Versöhnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Märchen.

So bleibt der Glasgow Necropolis ein stiller, aber kraftvoller Zeuge der Zeit – ein Ort, der die Herzen seiner Besucher mit Staunen, Ehrfurcht und einer leisen Sehnsucht erfüllt. Wer den Mut hat, sich auf seine besondere Atmosphäre einzulassen, wird reich beschenkt: mit Geschichten, mit Inspiration und mit dem Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, das über Generationen hinweg Bestand hat.

Im Glasgow Necropolis gibt es keine offiziell ausgewiesenen Bereiche, die ausschließlich für bestimmte Gruppen oder besonders viele Tote reserviert sind, wie man das von manchen Friedhöfen mit klar getrennten Sektionen kennt. Der gesamte Friedhof ist ein weitläufiges Gelände mit zahlreichen Grabstätten und Monumenten, die sich über die Hügel und Wege verteilen. Die meisten Gräber sind also anonym oder nur durch kleine, schlichte Markierungen sichtbar.

Schönheit des Vergänglichen – Gothic-Träume auf dem Hügel der Toten

30. Juni 2025

Der Glasgow Necropolis übt auf Gothic-Fans eine ganz besondere Faszination aus, da er wie kaum ein anderer Ort die Ästhetik, Symbolik und Atmosphäre der Gothic-Kultur widerspiegelt. Bei meinem Streifzug durch diesen faszinierenden Friedhof traf ich verschiedene Gothic-Fans, die die Atmosphäre für fotografische Aufnahmen nutzen.

Ich sprach die Leute ohne Vorbehalte an. Die Schotten antworteten wir begeistert, nachdem wir auch ein bisschen über Gothic-Musik geplaudert hatten. Die asiatischen Frauen reagierten eher verschüchternd, sprachen aber dann auch, als sie etwas Vertrauen gewonnen hatten. Als Journalist war ich neugierig und wollte wissen, warum dieser Friedhof zu einem Magneten für Liebhaber des Düsteren und Romantischen ist. Hier die Antworten auf meine Fragen.

Architektur und Stilvielfalt
Die Necropolis ist ein Paradebeispiel viktorianischer Friedhofskultur und beeindruckt durch eine Mischung aus gotischer, ägyptischer und griechischer Revival-Architektur. Über 3.500 kunstvoll gestaltete Grabmäler, Mausoleen und Skulpturen verteilen sich über die Hügel und Terrassen. Besonders die zahlreichen spitzen Obelisken, verwitterten Engel, melancholischen Statuen und monumentalen Familiengräber schaffen eine Kulisse, die wie aus einem Gothic-Roman entsprungen scheint. Hier findet jeder schnell sein spezielles Fotomotiv.

Die Lage und Atmosphäre
Der Friedhof liegt auf einem Hügel östlich der St Mungo’s Cathedral, selbst ein Meisterwerk gotischer Baukunst. Die erhöhte Lage bietet dramatische Ausblicke über die Stadt und verstärkt das Gefühl, sich in einer eigenen, entrückten Welt zu befinden. Nebel, Wind und das wechselhafte schottische Wetter verleihen der Necropolis eine mystische, manchmal fast übernatürliche Stimmung – ideal für alle, die sich von der Melancholie und Schönheit des Vergänglichen angezogen fühlen.

Symbolik und Kunst
Die Grabmale sind reich an Symbolen, die für die Gothic-Szene eine besondere Bedeutung haben: gebrochene Säulen, Totenschädel, Efeuranken und Engel, die über die Toten wachen. Die kunstvollen Inschriften und die morbide Schönheit der verwitterten Steine regen die Fantasie an und laden zum Nachdenken über Leben, Tod und Unsterblichkeit ein.

Historische Bedeutung und Geschichten
Der Necropolis ist nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch ein „Museum unter freiem Himmel“, das die Geschichte Glasgows und seiner Menschen erzählt. Viele Persönlichkeiten, Künstler und Industrielle sind hier begraben, ihre Geschichten spiegeln sich in den Monumenten wider. Ich muss leider zugeben, dass ich die wenigsten Verstorbenen kannte. Aber die reiche Historie und die vielen Legenden, die sich um den Friedhof ranken, bieten Stoff für düstere Erzählungen und Inspiration für die Gothic-Subkultur.

Märchen und Legenden
Wie es sich für einen so alten und eindrucksvollen Ort gehört, ranken sich zahlreiche Märchen um den Necropolis. So wird erzählt, dass in nebligen Nächten Geister durch die Alleen wandeln – Geschichten, die von der Gothic-Szene gerne aufgegriffen und weitergesponnen werden. Diese Legenden sind natürlich als Märchen zu verstehen, tragen aber zur besonderen Aura des Ortes bei. Ich war bei strahlendem Sonnenschein vor Ort und traf auf keine Geister, sondern nur auf durstige Seelen.

Der Glasgow Necropolis vereint alles, was das Herz eines Gothic-Fans höherschlagen lässt: spektakuläre Architektur, düstere Symbolik, eine melancholische Atmosphäre und eine reiche Geschichte voller Geheimnisse und Geschichten. Wer sich für die Ästhetik des Morbiden und die Schönheit des Vergänglichen begeistert, findet hier einen der eindrucksvollsten Orte Europas. Und wer ohne Vorurteile auf die Gothic-Szene zugeht und das freundliche Gespräch sucht, der hat mehr vom Leben. Und die Toten hat die Fotosessions nicht mehr gestört.

Nosferatu – Phantom der Nacht – phantastische Matinee am Sonntag, 15. Juni im Scala FFB

13. Juni 2025

Werner Herzogs Nosferatu – Phantom der Nacht ist weit mehr als ein klassischer Horrorfilm. Die 1979 entstandene Hommage an F. W. Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu (1922) stellt eine atmosphärisch dichte Neuinterpretation dar, in der der Vampirmythos als kulturelles, psychologisches und existenzielles Motiv neu verhandelt wird. Der Film verbindet expressionistische Bildsprache mit einer tiefen Melancholie und schafft dadurch ein Werk, das Fragen nach Tod, Zeit, Isolation und gesellschaftlichem Verfall stellt. Ich bespreche und zeige den Film bei meiner phantastischen Matinee am Sonntag, 15. Juni im Scala FFB. Karten gibt es hier.

Herzog folgt inhaltlich weitgehend der bekannten Handlung: Der junge Immobilienmakler Jonathan Hutter reist nach Transsylvanien, um dem geheimnisvollen Graf Orlok ein Anwesen in Wismar zu verkaufen. Der Graf, eine vampirische Erscheinung, folgt Hutter in dessen Heimatstadt und bringt die Pest mit sich. Am Ende opfert sich Hutters Frau Lucy, um das Unheil zu stoppen. Trotz dieser klassischen Struktur gelingt es Herzog, den Stoff mit eigener Handschrift aufzuladen.

Zentral ist dabei die Figur des Vampirs, gespielt von Klaus Kinski. Anders als bei Murnau oder in späteren Dracula-Adaptionen ist dieser Nosferatu kein rein dämonisches Wesen, sondern eine tieftraurige, gequälte Kreatur, die unter ihrer Unsterblichkeit leidet. Er ist ein Außenseiter, der Nähe sucht, aber nur Tod bringt. Diese Ambivalenz macht ihn zur Projektionsfläche existenzieller Fragen: Was bedeutet es, ewig zu leben, aber von der Welt ausgeschlossen zu sein? Welche Form nimmt das Böse an, wenn es selbst leidet?

Herzogs filmische Gestaltung ist von großer formaler Strenge und visueller Kraft. Die Kameraführung von Jörg Schmidt-Reitwein setzt auf langsame Bewegungen, lange Einstellungen und eine fast meditative Ruhe. Die Bildkompositionen – etwa das verlassene Wismar mit seinen leergefegten Gassen, die düstere Festung des Grafen oder der stillgleitende Sargzug – erzeugen eine ästhetische Atmosphäre des Verfalls und der Erstarrung. Die Musik von Popol Vuh verstärkt diesen Eindruck durch sphärische, sakral anmutende Klänge, die eine fast religiöse Tiefe evozieren.

Ein zentrales Thema des Films ist der bürgerliche Verfall. Herzog zeigt, wie eine scheinbar geordnete, wohlhabende Gesellschaft durch eine unsichtbare Bedrohung – die Pest – in kürzester Zeit zusammenbricht. Die Reaktion der Bürger auf das sich ausbreitende Grauen ist nicht Widerstand oder Rationalität, sondern Resignation, Wahnsinn oder blinder Hedonismus. So tanzen Menschen auf dem Marktplatz zwischen Särgen, essen noch einmal üppig und lassen alle sozialen Normen fallen. Diese Bilder sind nicht karikaturhaft überzeichnet, sondern erschütternd ruhig und nüchtern. Sie machen deutlich, dass die Ordnung der Gesellschaft eine dünne Fassade ist – und dass das Chaos jederzeit zurückkehren kann.

Die Frauenfigur Lucy, gespielt von Isabelle Adjani, bildet einen Kontrapunkt zum allgemeinen Verfall. Sie ist die Einzige, die dem Grauen aktiv begegnet, die das Rätsel des Vampirs durchschaut und bereit ist, sich selbst zu opfern. In ihr verdichtet sich eine fast archetypische Symbolik: Reinheit, Erkenntnis, Opferbereitschaft. Ihre Rolle erinnert an die romantische Heldin des 19. Jahrhunderts, wird aber von Herzog nicht sentimentalisiert. Ihr Tod ist notwendig, aber nicht erlösend. Auch nach Nosferatus Vernichtung bleibt der Tod gegenwärtig.

Herzogs Nosferatu ist damit auch eine Reflexion über Zeit und Geschichte. Die Handlung spielt zwar in einer vage historischen Epoche, doch durch die Stilmittel – die Mischung aus expressionistischer Bildsprache, naturalistischer Ausstattung und zeitloser Musik – wirkt der Film entrückt und zugleich gegenwärtig. Der Verfall der Stadt kann als Allegorie auf das 20. Jahrhundert gelesen werden: als Gleichnis für Krieg, Krankheit, soziale Umbrüche und das Ende bürgerlicher Selbstgewissheit. Auch die Figur des Vampirs steht hier nicht nur für das Übernatürliche, sondern für das Unausweichliche, das Fremde, das Andere – das, was nicht kontrolliert oder integriert werden kann.

Für mich ist Nosferatu – Phantom der Nacht ein Film von großer stilistischer Konsequenz und philosophischer Tiefe. Herzog nutzt die bekannten Motive des Vampirfilms nicht für Effekte oder Schockmomente, sondern für eine ruhige, eindringliche Auseinandersetzung mit den Grenzen der menschlichen Existenz. Der Horror liegt nicht im Blut oder in der Gewalt, sondern im unausweichlichen Vergehen, in der Einsamkeit, im stummen Verfall der Ordnung. Gerade diese Zurückhaltung macht Herzogs Nosferatu zu einem Meisterwerk des poetischen Kinos – und zu einem Film, der lange nachwirkt. Zu sehen in meiner phantastischen Matinee im Scala Kino Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Torii – Die roten Tore zwischen Himmel und Erde

13. Mai 2025

Wer Japan bereist, wird ihnen immer wieder begegnen: schlichte, elegante Strukturen aus leuchtendem Rot, die wie ein stiller Willkommensgruß über Wegen, in Wäldern oder vor alten Schreinen stehen. Diese sogenannten Torii sind weit mehr als bloße Bauwerke. Sie sind spirituelle Schwellen, magische Pforten, durch die man nicht nur physisch, sondern auch seelisch einen Übergang vollzieht – von der weltlichen Wirklichkeit hin zu einer unsichtbaren, heiligen Dimension. Ich war zwar noch nie in Japan, doch kenne ich durch Fotos und Filme diese faszinierenden Tore.

Ich wollte als Inspiration ein solches Tor besitzen und wurde nach langem Suchen endlich fündig. In Augsburg gibt es das La Maison des Theieres – Das Teekannenkabinett und der Besitzer Christoph Kienle ist ein hervorragender Japanexperte. Lange war er auf der Suche nach dem richtigen Rotton und hat ihn schließlich gefunden. In seinem kleinen Laden in der Weiße Gasse 7 vertreibt er die Tore neben authentischen Teekannen aus Japan. Entdeckt eine feine Auswahl kunstvoll gearbeiteter Teekannen, handgefertigter Teeschalen, erlesener japanischer Teesorten und stilvoller Accessoires rund um den Teegenuss. Darüber hinaus bietet das Geschäft exklusive japanische Küchenmesser, edle Keramikstücke und besondere Geschenkideen – ein Hauch von Japan im Herzen der Augsburger Altstadt.

Aber zurück zu den faszinierenden Toren. Im Shintōismus, der ältesten Religion Japans, markieren Torii die Grenze zwischen der „profanen Welt“ und dem heiligen Raum eines Schreins. Das einfache Durchschreiten eines Torii ist ein symbolischer Akt: Wer unter ihm hindurchgeht, zeigt Respekt, verlässt die Alltagswelt und betritt den Bereich der Kami – der Shintō-Gottheiten, die in Bergen, Bäumen, Flüssen oder eben in Schreinen wohnen. Es ist ein stiller Moment der Hingabe, ein Übergang, der nicht laut verkündet, sondern achtsam vollzogen wird.

Dabei ist die auffällige rote Farbe der Tore nicht zufällig gewählt. Sie trägt tiefe spirituelle Bedeutung – und auch ganz praktische Funktionen. Rot steht im Shintōismus für die Sonne, das Licht, die Lebenskraft. Diese Assoziation ist eng verknüpft mit der Sonnengöttin Amaterasu, einer der zentralen Gottheiten im japanischen Glauben, die als Ahnherrin des japanischen Kaiserhauses verehrt wird. Ihre Energie, ihr Licht, ihr Leben spiegeln sich in der Farbe der Torii wider. Doch Rot ist auch eine schützende Farbe: In der japanischen Volksreligion gilt sie als Abwehr gegen böse Geister, Krankheiten und Unglück. Es ist die Farbe des Lebens, der Kraft, des Glücks – eine Farbe, die nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar wirkt.

Der besondere Rotton, der bei vielen Torii verwendet wird – das sogenannte Zinnoberrot oder Vermillion – hat zudem eine konservierende Wirkung. Das darin enthaltene Quecksilbersulfit schützt das Holz vor Verwitterung, vor Pilzbefall und Insekten. So verbindet sich in den Torii das Heilige mit dem Praktischen, das Spirituelle mit dem Handwerklichen – ein Ausdruck jener japanischen Ästhetik, in der Funktion und Bedeutung nahtlos ineinanderfließen.

Doch Torii ist nicht gleich Torii. Ihre Vielfalt ist beeindruckend und spiegelt die religiöse Tiefe sowie die kulturelle Bandbreite Japans wider. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Haupttypen:

Shinmei-Torii – schlicht, gerade, fast minimalistisch. Diese Form kommt ohne geschwungene Elemente aus, besteht meist aus zwei senkrechten Pfosten und einem geraden Querbalken. Besonders bekannt ist das Ise-Torii, das am heiligsten Schrein Japans, dem Ise-jingū, steht. Es verkörpert Reinheit, Ursprünglichkeit, Konzentration auf das Wesentliche.

Myōjin-Torii – etwas verspielter, eleganter, mit geschwungenen Querbalken, die leicht nach oben zeigen. Diese Form begegnet einem besonders häufig an Schreinen, die dem Reis-, Wohlstands- oder Fuchsgott Inari geweiht sind. Die berühmteste Darstellung ist wohl die endlose Reihe von Tausenden roten Torii am Fushimi Inari-Taisha in Kyōto – ein weltberühmtes Bild, das Pilger und Fotografen gleichermaßen in seinen Bann zieht.

Neben diesen beiden Hauptkategorien gibt es zahllose Varianten: manche mit doppelten Querbalken, mit zusätzlichen Verstärkungen, mit kunstvollen Inschriften oder aus verschiedenen Materialien – von schlichtem unbehandeltem Holz über massiven Stein bis hin zu Beton oder Bronze. Jede Region, jeder Schrein, jede Geschichte bringt ihre eigene Variante hervor. So sind Torii nicht nur spirituelle Markierungen, sondern auch kulturelle Ausdrucksformen, eingebettet in eine lange Tradition von Handwerk, Glaube und Ästhetik.

Und dennoch – bei aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit haben alle Torii eines gemeinsam: Sie bewahren einen Raum des Heiligen. Sie sind Schwellen zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren. Und sie erinnern uns – leise, aber deutlich – daran, dass es im Leben Orte gibt, an denen man stillstehen, innehalten und sich verbinden darf. Mit der Natur. Mit dem Göttlichen. Mit sich selbst.

Ich habe von Christoph Kienle die Aussage gehört, die mir gut gefällt:
„Ein Torii ist mehr als ein Bauwerk. Es ist eine Einladung. Eine Geste. Ein Übergang. Und vielleicht – ein Versprechen.“

Osterfeuer in den Kirchengemeinden Maisach

20. April 2025

Bei uns im Dorf gab es zwei Osterfeuer. Ein großes, weltliches, was zu allgemeinen Unterhaltung inklusive Bier entzündet wurde. Und dann gab es das Original: Das Osterfeuer vor der Kirche St. Vitus ist ein zentrales Symbol der Osternacht, also der liturgischen Feier in der Nacht zum Ostersonntag. Es feierten die evangelische und katholische Kirchengemeinde gemeinsam. Es sang der Ostersingkreis.

Das Osterfeuer steht für das Licht Christi, das die Dunkelheit von Tod und Sünde vertreibt, und symbolisiert den Übergang vom Tod zur Auferstehung – von der Nacht zum Licht, vom Karfreitag zur Osterfreude. Ich war dieses Mal am frühen Morgen noch bei Dunkelheit dabei.

Das Feuer wurde vor der Kirche St. Vitus entfacht und gesegnet. An ihm wurde die Osterkerze entzündet, die Christus als das Licht der Welt darstellt. Mit dieser Kerze zog die Gemeinden in die dunkle evangelische und katholische Kirche ein, die sich allmählich durch das Weiterreichen des Lichts an die einzelnen Kerzen der Gläubigen erhellte. Dieser feierliche Moment ist Ausdruck der christlichen Hoffnung: Das Leben hat über den Tod gesiegt.

Das Osterfeuer verbindet dabei alttestamentliche Motive – etwa die Feuersäule beim Auszug der Israeliten aus Ägypten – mit dem neutestamentlichen Glauben an die Auferstehung Jesu Christi. Es ist ein starkes Sinnbild für Neuanfang, Wandlung und göttliche Gegenwart.

Was ist mir durch den Kopf gegangen? Das Osterfeuer ist mehr als nur ein Feuer – es ist ein leuchtendes Zeichen der Hoffnung. In der Dunkelheit der Osternacht, wenn die Welt still scheint und der Tod noch nachhallt, flackert es auf: ein erstes, warmes Licht, das die Nacht durchbricht. Es erzählt davon, dass die Finsternis nicht das letzte Wort hat.

Wenn dieses Feuer vor der Kirche entzündet wurde, spürte ich förmlich, wie die Kälte des Karfreitags weicht. Die Osterkerze wird daran entzündet – ein stiller, kraftvoller Moment. Christus, das Licht der Welt, geht uns voran. Und mit jedem Licht, das weitergereicht wird, wird die Dunkelheit weniger. Das Osterfeuer erinnert mich daran, dass das Leben stärker ist als der Tod, dass nach jeder Nacht ein Morgen kommt – und dass selbst in den dunkelsten Momenten ein Funke Hoffnung genügt, um alles zu verändern. Es ist das Feuer des Neuanfangs, des Vertrauens, der Liebe. Es gilt: Du bist nicht allein. Das Licht ist da. Und es wird bleiben.

Ich wünsche ein frohes Osterfest.

Der Mann, der Liberty Valanace erschoss – Western-Matinee am Sonntag, 16. März im Scala FFB

14. März 2025

Wenn es um Western geht, dann geht es bei mir immer um John Ford. In meiner Western-Matinee am Sonntag, 16.März im Scala Fürstenfeldbruck zeige ich den wegweisenden Film Der Mann, der Liberty Valanace erschoss. Karten gibt es hier.

John Fords Der Mann, der Liberty Valance erschoss (The Man Who Shot Liberty Valance) ist mehr als nur ein Western – er ist eine tiefgründige Reflexion über Mythos und Realität, das Ende des Wilden Westens und den Übergang in eine zivilisierte Gesellschaft. Mit John Wayne als rauem Cowboy Tom Doniphon, James Stewart als idealistischem Anwalt Ransom Stoddard und Lee Marvin als furchteinflößendem Outlaw Liberty Valance versammelt der Film einige der größten Stars seiner Zeit und inszeniert ein packendes Drama über Macht, Moral und den Einfluss der Medien.

Der Film beginnt mit einer Rahmenhandlung: Der angesehene Senator Ransom Stoddard (James Stewart) kehrt nach Jahren in den kleinen Ort Shinbone zurück, um an der Beerdigung eines alten Freundes teilzunehmen. In Rückblenden wird die Geschichte erzählt, wie der junge, idealistische Anwalt Stoddard in die Stadt kam und sich dort mit dem skrupellosen Banditen Liberty Valance (Lee Marvin) anlegte. Während Stoddard versucht, Recht und Gesetz mit friedlichen Mitteln durchzusetzen, hält Tom Doniphon (John Wayne) an der alten Ordnung fest, in der das Gesetz der Waffe zählt.

Der berühmteste Satz des Films lautet: “Wenn die Legende zur Tatsache wird, druckt die Legende.” Dies zeigt das zentrale Thema des Films: Die Legende von Stoddard als dem Mann, der Liberty Valance erschoss, hat ihm Ruhm, politische Macht und Einfluss gebracht. Der Film thematisiert damit, wie Geschichte oft durch Mythen geformt wird – besonders in der amerikanischen Kultur.

Für mich ist dieser Film einer meiner Lieblingswestern und zählt zu meinen Lieblingsfilmen überhaupt. Ich freue mich auf Ihren Besuch am 16. März um 10:45 Uhr Scala. Karten gibt es hier.