Zum ersten Mal stieß ich auf die seltsame Figur bei einem Besuch der Hofmetzgerei Franz Ottillinger in Augsburg: Ein Arm fehlte und in der anderen Hand hält die Figur ein Laib Brot. Es ist eine Kopie des steinernen Mannes zu Augsburg, ein Wahrzeichen des Bäckerhandwerks, auch „D‘ Stoinerne Ma“ genannt.
Das Original befindet sich in einem Turm in der Augsburger Stadtmauer oberhalb vom unteren Graben. Die Sage vom steinernen Mannes stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und geht auf den Dreißigjährigen Krieg zurück, als sich Katholiken und Protestanten für den wahren Glauben die Köpfe einschlugen. Im Jahr 1632 hatten die protestantischen Schweden Augsburg besetzt und die kaiserlichen Truppen belagerten die Stadt und wollten die Bewohner aushungern.
Da kam der Augsburger Bäcker Konrad Hacker mit einer Idee auf den Plan. Er backte Brote aus Sägemehl, erklomm die Stadtmauer und zog durch einen Schuss seiner Pistole die Aufmerksamkeit der kaiserlichen Truppen auf sich. Dann warf er die fingierten Brote die Stadtmauer in den Stadtgraben hinunter nach dem Motto „wir haben so viel Brot in Augsburg, dass die Belagerung nutzlos ist.“
Die Wirkung war enorm. Zum einen schoss man den Bäcker einen Arm ab, zum anderen waren die kaiserlichen Truppen durch die Täuschung so demoralisiert. Die Augsburger haben noch so viel Brot in der Stadt, dass sie es noch von der Mauer werfen können. Eine Belagerung ist nutzlos und die Soldaten zogen ab. Konrad Hacker erlag derweil seiner Verwundung und drei Jahre später nahmen die Kaiserlichen Truppen wieder Augsburg ein. Also im Grunde hat die Aktion nur wenig gebracht, aber drei Jahre war Augsburg protestantisch. Das ist doch ein wunderbares Storytelling. Ob der Bäcker wirklich existierte, konnte ich nicht klären. Aber die Geschichte ist einfach wunderbar, so dass ich mich aufmachte, den steinernen Mann zu besuchen und in Google Maps zwei 360 Grad Fotos von ihm anzulegen – hier und hier. Mir hat eine Augsburgerin erklärt, dass man die Nase der Figur anfassen muss. Bei einem jungen Hochzeitspaar werde dies für Kindersegen sorgen. Ich hab zwar schon zwei Kinder, bin seit 21 Jahren glücklich verheiratet, aber man kann ja nie wissen.
Es gibt nichts, was es nicht gibt bei den Faschingskrapfen. Sie sind ausgefallen, bunt oder normal. Bei meinem Stammbäcker Bäckerei Konditorei Martin Reicherzer in Fürstenfeldbruck, für den ich auch ein wenig PR in Facebook und Instagram mache, gibt es 19 verschiedene Sorten von Krapfen. Ob klassisch mit Marmelade oder extravagant mit Pistazien-, Kaffee- oder Eierlikörfüllung – der Fantasie der Bäcker ist beim Gestalten und Füllen ihrer Krapfen keine Grenzen gesetzt.
Der Standard-Krapfen ist ein Siedegebäck, das schwimmend in Fett ausgebacken wird. Er beseht aus süßem Hefeteig mit einer Füllung aus Konfitüre und meist mit feinem Zucker bestäubt oder mit einer Glasur überzogen wird. Ein wesentliches Kennzeichen des Krapfens ist sein heller Ring um die Mitte, auch Bauchbinde oder Ranft genannt. Dieser Ring entsteht, wenn der noch ungebackene Krapfen zunächst bei geschlossenem Deckel drei Minuten gebacken wird. Ich interessiere mich vor allem, wie die Marmelade in den Krapfen kommt. Dazu habe ich ein Video über die Krapfenproduktion gedreht.
Handwerk vs Industrie Ich bin ein Faschingsmuffel, was wohl an einen Kulturschock zu meinen Zeitungszeiten in Bonn zu Karneval lag. Aber ich genieße einen schönen handwerklich gebackenen Krapfen. Ich spreche nicht von der seelenlosen Industrieware aus dem Backshop oder dem Supermarkt, sondern von einem traditionell handwerklich hergestellten Krapfen aus einer Handwerksbäckerei. Den Unterschied schmeckt man einfach. Leider sind die wirklichen Bäckereien heute selten geworden und die gesichtslosen Backshops mit Industrieware machen sich breit. Ich hatte neulich in so einem mal nach den Inhaltsstoffen gefragt und die Dame, die den Verkaufsjob ausübt (und mehr was es nicht als ein Job), reichte mir nur eine Liste mit Inhaltsstoffen, wusste aber selbst nicht, was in ihren Backwaren alles vorhanden ist. Da lobe ich mir eine ausgebildete Bäckereifachverkäuferin, die Auskunft über Zutaten geben kann oder notfalls den Bäcker aus der Backstube ruft. Als Kunde habe ich auch eine Verantwortung, den Metzger oder den Bäcker vor Ort mit meinen Einkäufen zu erhalten. Wie oft muss ich lesen, dass Handwerksbetriebe schließen müssen? Das ist ein Verlust von Kultur und Geschmack. Wir haben es in der Hand.
So kam es zum Krapfen Sehr schön sind die Geschichten, die sich um den Krapfen ranken. Es gibt zwei Versionen über die Entstehung der Krapfen, wobei mir als Geschichtenerzähler und Blogger die erste Geschichte besser gefällt. Um die Erfindung des ersten Krapfens rankt sich eine 400 Jahre alte Legende. Diese Legende besagt, dass die Altwiener Hofratsköchin Cäcilie Krapf, genannt Frau Cilly, ihren Lehrling aus Wut mit einer Germteigkugel bewarf. Diese landete aber versehentlich im heißen Schmalztopf. Das war die Geburt des (Ur-)Krapfens.
Die wahre Geschichte der Faschings-Leckerei dürfte sehr weit zurückliegen. Denn schon die Römer hatten vor 2000 Jahren Teigkugeln in Fett herausgebacken und in Honig oder Mohn gewälzt, um sie dann zu verzehren. Diese kleinen Mohnkugeln wurden übrigens „Globuli“ genannt. Der sogenannte Craphun kam dann im Mittelalter in den Klöstern auf den Tisch. Die Fastenzeit wurde damals sehr streng eingehalten, daher musste man Vorräte wie Butter, Eier und Schmalz früh genug aufbrauchen. Mit den fettigen, aber durchaus nährstoffreichen Krapfen waren die Klosterbewohner bestens für die bevorstehende Fastenzeit gewappnet.
Und was ich immer wieder feststellen muss: Der Krapfen heißt nicht überall Krapfen, sondern hat je nach Region seinen eigenen Namen. Was in Bayern und Österreich als Krapfen gilt, ist in Hessen als Kreppel oder Kräppel bekannt, nennt sich in Berlin selber wiederum Berliner Pfannkuchen und im Rheinland nur Berliner. Ich sag einfach zu dem Gebäck „das da“. Zusammen mit Bäckermeister Martin Reicherzer habe ich einen Podcast zum Thema Krapfen gemacht. Viel Spaß beim Anhören.
Vieles kann ich nicht verstehen, was in Menschen abgeht und vieles ist mir im Grunde auch egal. Aber in diesem Fall schüttel ich doch den Kopf.
Also folgende Geschichte: Vielleicht haben Sie meinen jüngsten Post über die Tierfreunde Fürstenfeldbruck gelesen. Die Mitarbeiter des Schnelltestzentrums aus der Marthabräu Festhalle in Fürstenfeldbruck haben beschlossen, dass das Trinkgeld zu den Tierfreunden nach Maisach soll. Hier ist der Post verlinkt. Dazu gab es ein Bild von Kaninchen Karl-Heinz, der im neuen Kaninchen-Außengehege eine Unterkunft bekommen soll. Ich habe die Meldung in verschiedenen soziale Netzwerken wie Facebook und Twitter gepostet und ein paar Likes bekommen.
Kaninchen Karl-Heinz. Foto Tierfreunde
Tags darauf trudelte eine Meldung von Twitter bei mir ein, dass sich ein User über diesen Artikel geärgert hat und ihn bei Twitter als Verstoß gegen das NetzDG angezeigt. Twitter hat den Post geprüft und festgestellt, dass er nicht gegen deutsche Gesetze verstößt. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) ist ein Gesetz, das bußgeldbewehrte Compliance-Regeln für Anbieter sozialer Netzwerke betreffend den Umgang mit Nutzer-Beschwerden über Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte im Netz sowie eine vierteljährliche Berichtspflicht der Anbieter einführt, außerdem Opfern von Persönlichkeitsverletzungen im Internet einen Anspruch auf Auskunft über Bestandsdaten des Verletzers aufgrund gerichtlicher Anordnung eröffnet.
Natürlich verrät Twitter nicht, wer meinen Post gemeldet hat. Wenn es jemand war, der etwas gegen Tiere oder die Arbeit von Tierfreunden hat, dann ist das seltsam. Wenn es ein Impfgegner ist, dann sage ich: Lass dich impfen. Wenn es jemand ist, der ein Problem mit mir hat, muss ich damit leben nach der alten Strauß Devise: „Everybody’s darling is everybody’s Depp.“ Aber mir unverständlich bei einem Post über eine Spende an ein Tierheim. Und wenn es jemand ist, der Karl-Heinz heißt und es nicht haben kann, dass das Kaninchen auch Karl-Heinz heißt, dem kann man sowieso nicht helfen.
Ich habe den Kopf geschüttelt und werde weiter meinen Weg gehen und denke an einen sehr guten Spruch, den mir ein Seminarteilnehmer einst gesagt hat: „Ich bestimme, wer mich ärgert.“
Seitdem Sinatra, einer meiner Wellensittiche verstorben ist und sein Partner Dr. Watson zu meiner Mutter gezogen ist, haben wir seit Oktober 2020 zwei Kater aus der Tierauffangsstation/Tierfreunde Maisach Überacker zu uns genommen. Die Herren heißen Parsifal (nach Richard Wagner) und Atari (nach meiner Lieblingskonsole) – und die beiden Fellnasen gehören zur Familie.
Die Tierfreunde versorgen uns nicht nur mit den Vierbeiner, sondern über soziale Netzwerke mit allerlei witzigen und traurigen Geschichten aus der Tierwelt. Neben Leid gibt es aber auch schöne Nachrichten. Und ich habe mich wirklich über eine Spendenmeldung gefreut, weil ich weiß, was in dieser Tierauffangstation geleistet wird: Die Mitarbeiter des Schnelltestzentrums aus der Marthabräu Festhalle in Fürstenfeldbruck haben beschlossen: Trinkgeld soll zu den Tierfreunden nach Überacker.
Analena Haider mit Kaninchen Karl-Heinz
Es war eine große Überraschung von einem renommierten Unternehmen wie der MAHAVI Group angeschrieben zu werden. Im neu eröffneten Schnelltestzentrum in der Marthabräu Festhalle, haben die Mitarbeiter im vergangenen Dezember fleißig Trinkgeld bekommen. Anstatt das Trinkgeld gerecht auf alle Mitarbeiter aufzuteilen, hat sich das Team des Schnelltestzentrums dazu entschieden, das gesammelte Geld zu spenden. Ich finde, das ist eine tolle Geste.
Der Einsatz der Tierfreunde Brucker Land macht sie bekannt und dank reger Öffentlichkeitsarbeit, steigt der Zuspruch. Doch dass sich mittlerweile auch Unternehmen melden, freut die Tierschützer besonders. Die Station, welche bereits seit 2006 provisorisch im Wasserwerk der Gemeinde Maisach untergebracht ist, ist in die Jahre gekommen. Zu wenig Platz für die vielen Sachspenden und erst recht für die vielen Tiere. Durchgehend ausgelastet und am Limit, sagen die Tierfreunde. Solange kein ordentliches Kreistierheim in Aussicht ist, müsste das Beste daraus gemacht werden. Aktuell ist ein Kaninchen-Außengehege in Planung. Mit dem Trinkgeld, welches von Mitarbeitern des Schnelltestzentrums der MAHAVI Group persönlich übergeben wurde, ist das neue Kaninchengehege nun vollständig finanziert. „Damit gehen wir einen großen Schritt in die richtige Richtung!“, so Andrea Mittermeir, Vorsitzende und Tierheimleitung. „Von renommierten Unternehmen gesehen zu werden, mit unseren kleinen und großen Sorgen zeigt, dass sich jede Mühe lohnt“. Das nächste Projekt ist bereits in Planung: Ein Katzenwald soll entstehen für die Dauergäste und schwer vermittelbaren Katzen.
Der Valentinstag am 14. Februar steht vor der Tür und viele Paare werden diesen Tag wieder zum Anlass nehmen, um ihrem Schatz zum Beispiel etwas zu schenken. Oder ihrem Schnucki, ihrem Mausebär, ihrem Pupsi …
Zum Valentinstag gibt es bei der Bäckerei Martin Reicherzer in FFB schöne Herzen. Foto: Reicherzerer
Die Sprachlernplattform Babbel hat den kommenden Tag der Liebenden genutzt, um sich mit den gängigen, zumeist eher kitschigen, aber auch den etwas kuriosen Kosenamen in verschiedenen Sprachen zu beschäftigen. So gelingt ein kleiner Blick in die (verliebten) Köpfe der jeweiligen Kultur.
Französisch Wie wohl überall sind die Klassiker unter den Kosenamen auch im französischsprachigen Raum weit verbreitet:„Chéri(e)“ (Liebling, Schatz), „mon amour“ (meine Liebe) oder „mon cœur“ (mein Herz). Wer seinen Liebsten oder seine Liebste aber auch mal ein wenig triezen möchte, verwendet in solchen Fällen gerne Namen wie „mon paresseux / ma paresseuse“ (Faulchen, Fauli), wenn jemand zu Faulheit oder Trägheit neigt; „ma guidoune“ (Aufmerkamkeitssuchende:r), wenn jemand sehr viel Aufmerksamkeit einfordert oder auch „mon pot de colle“ (mein Leimtopf) für jemanden, der sehr anhänglich ist und nicht die Finger von dem oder der Liebsten lassen kann. Von der Kulinarik abgeleitet sind auch „mon petit chou“ (mein kleiner Kohl) und „mon saucisson“ (mein Würstchen).
Spanisch Der allgegenwärtige Liebling heißt im Spanischen „cariño“, wird jedoch auch häufig abgekürzt („cari“) oder verniedlicht („cariñito“). Ähnlich abgewandelt wird auch „amor“ (Liebe), nämlich in „amore“ oder „amorcito“. Besonders ausgefallen wird es wieder bei diesem „leckeren“ Kosenamen: „media naranja“. Die Liebeserklärung bedeutet so viel wie „eine halbe Orange“ und drückt aus, dass der oder die Liebste die andere Hälfte von einem selbst ist.
Schwedisch Unter die Kategorie liebevolle aber auch leicht triezende Kosenamen fallen im Schwedischen „tjockis“ (Dickerchen) und „gullegris“ (goldenes Schwein), die den nicht ganz so subtilen Hinweis geben, dass der oder die Betitelte etwas träge und weniger fit ist. Der Kosename „sötnos“ auf der anderen Seite bedeutet wortwörtlich „Süßer Nase” oder vielmehr „Süße Schnauze.” Tierisch lieb.
Italienisch Italienischsprachige Herzensbrecher:innen betonen mit dem Namen „cucciolo“ (wörtlich: Jungtier/Welpe) mit Vorliebe die Niedlichkeit des Partners oder der Partnerin. Frauen werden im Italienischen auch als „rimba“ angesprochen – auf liebevolle Art und Weise wird so ausgedrückt, dass diejenige gerade ein wenig zerstreut ist. Unter dem aktuellen, wenig erfreulichen Pandemie-Umstand sticht ein italienischer Kosename besonders hervor: „microbino mio“ (wortwörtlich: mein Mikröbchen). Mit anderen Worten: eine Verniedlichung im Extremfall.
Niederländisch Was für eine geschmackvolle Liebeserklärung: Auch im Niederländischen geht Liebe durch den Magen, weshalb der oder die Liebste schon mal als „patatje“, also als Chip bzw. Pommes frites betitelt wird – ein Snack, der wahres Comfort-Food ist. Ein Kosename, der nur in stabilen und humorvollen Beziehungen und am besten auch nicht in Anwesenheit Anderer verwendet werden sollte, ist „poepie“ (Pups) oder auch „scheetje“ (kleiner Furz).
Dänisch Schatz – den Klassiker unter den Kosenamen gibt es natürlich auch im Dänischen: „elskling“. Er wird abgeleitet vom Verb lieben – at elske. Zwei neckende Kosenamen, die vor allem für Männer verwendet werden, sind das selbsterklärende „bandit“ und „honningprut“, das so viel wie Honigtopf bedeutet und sich auf einen anhänglichen, offenbar aber auch süßen Mann bezieht. Abhängig davon, wie sehr man Lakritze mag, kann man seine Liebsten auch „dropje“ nennen – also kleiner Lakritz-Bonbon.
Und zum Schluss eine ehrenvolle Erwähnung: Die kurze tibetische Liebeserklärung „Nyingdu-la“ übertrumpft alle anderen und wird übersetzt als „hochverehrtes Gift meines Herzens“. Das bedeutet, trunken vor Liebe zu sein.
Ich bleibe bei den Bäcker-Herzen meines Bäckers und hab einen Podcast dazu gemacht:
Durch Corona sind wir gezwungen unser Leben zu verändern. Die Digitalisierung hat vieles erträglicher gemacht, uns in der Pandemie abzulenken: Streaming, Online-Shopping und mehr. Und lasse mich immer wieder gerne auf neue Experimente ein: Wohnzimmerkonzerte im Netz und neulich einmal wieder ein Genusstasting. Im vergangenen Jahr habe ich ein reines Biertasting mit schwäbischen Brauereien gemacht, dieses Jahr war Essen und Trinken angesagt.
Ludger Freese, Caterer und Restaurantbetreiber aus Visbek und Social Media-Pionier, schloss sich mit Petra Pekeler zusammen und veranstaltete ein Online-Grünkohlessen mit Biertasting – und meine Familie war natürlich mit dabei. Meine Frau und ich bestellten uns zwei Grünkohl- und Bierpakete per Mail, die prompt sicher verpackt via DHL geliefert wurde.
Als Bayer habe ich nicht so oft die Gelegenheit Grünkohl und Pinkel aus Visbek zu essen. Ich entdeckte die Spezialität vor Jahren als mich ein damaliger Verlagsleiter aus Münster einlud, die Verlagsmitarbeiter mit dem Bollerwagen durch die Starnberg zogen und Schnaps genossen und dann zum deftigen Grünkohlessen eingeladen wurden. Heute ist Ludger Freese mein Dealer, wenn es um Grünkohl und Pinkel geht. Online bestellt und zack ist das Paket da. So war es eine Selbstverständlichkeit, bei dem Online-Grünkohlessen mit Biertasting teilzunehmen. Bier und Speisen waren gekühlt, kamen bei mir in den Kühlschrank und warteten dort auf den großen Tag.
Rechtzeitig erwärmte ich die Speisen, postierte das Bier und dann ging es los. Das Tasting wurde via Zoom getreamt. Petra Pekeler und Ludger Freese saßen im Wohnzimmer, ich saß in meinem Wohnzimmer, meine Frau in einem anderen Zimmer und die anderen Teilnehmer schalteten sich zu. Einige aus Franken in geselliger Runde, einige aus den neuen Bundesländern, einige aus dem Bereich Oldenburg. So verbindet die Digitalisierung die Menschen.
Mikro aus und Lauscher an. Petra Pekeler machte den Anfang. Sie kommt von einem kleinen Dorf im Oldenburger Münsterland. Zudem ist sie Gästeführerin der Tourist-Info Nordkreis Vechta und dort zuständig für geführte Kneipen- und Genusstouren. Und damit war sie die ideale Präsentatorin für die Biere der Region. Es gab vier Biere von Bootshaus Brauerei, Ols Brauerei, Union Brauerei Bremen und den Schnaps Alter Schwede Spezial Kräuterlikör. Pekeler erzählte die Geschichte der Biere, stellte Fragen an die Teilnehmer der Runde – sehr schöne und wichtige Didaktik in einem Online-Event.
Ich hatte die Biere in der richtigen Reihenfolge auf meinen Wohnzimmertisch aufgebaut, öffnete die Flaschen, schenkte den Gerstensaft in Glas, prüfte den Inhalt und hielt ins ins Licht, hörte die Geschichten rund ums Bier und den Brauern und genoss den Abend. Nachdem zwei Biere verkostet waren, kam der Grünkohl und Pinkel an die Reihe. Ich servierte die großzügigen Portionen meiner Frau und mir, legte eine Serviette bereit und genoss die vitaminreiche Kost. Ludger erzählte, zitierte Gedichte, berichtete von seinen Erfahrungen als gelernter Metzger-/Fleischermeister. Kurz gesagt: ich fühlte mich wohl und freute mich, dass ich ihn mal wieder sehen konnte – zumindest virtuell.
Nach rund zwei Stunden waren die Flaschen und der Teller leer und ich voll. Grünkohl und Pinkel machen satt, vier Bier und ein Schnaps taten ihre Wirkung. Und das geniale bei einem Online-Tasting: Ich muss nicht mehr fahren, sondern konnte gleich ins Bett gehen. Fazit: Toller Abend, tolle Ideen, tolles Essen, tolle Biere und so stell ich mir Innovation vor. Danke an alle Beteiligen – ich in das nächste Mal wieder mit von der Partie.
Soll ich oder soll ich nicht? Immer die Qual der Wahl, aber ich kenne eigentlich meine Entscheidung, wenn am 8. Februar der Ardbeg Fermutation für Mitglieder des Ardbeg Committees limitiert erhältlich sein wird. Ich werde mich wieder virtuell in die Schlange stellen und hoffen, dass ich eine der seltenen Flaschen abbekomme.
Und natürlich gibt es bei Ardbeg nicht nur einen sicherlich interessanten Tropfen, sondern es gibt eine schöne Geschichte für diese 13 Jahre gereifte Abfüllung dazu, denn der Zufall spielt hier eine große Rolle.
Und mit Zufall meine ich nicht, ob ich eine Flasche erhalte oder nicht, sondern Ardbeg Fermutation ist aus der längsten Fermentation in der Geschichte Ardbegs hervorgegangen. Es ist Science-Fiction pur – wenn das Mal kein Versprechen ist. Schön daher auch das Label auf der Flasche. Außerirdische entführen die Fässer. Und die Geschichte kam so:
Im November 2007 stand die Ardbeg Destillerie vor einer großen Herausforderung: Ein defekter Boiler drohte, den sechs Washbacks mit kostbarer Würze den Garaus zu machen. Das Team versuchte alles, den Heizkessel wieder in Gang zu bringen – ohne Erfolg. Der stets zuversichtliche Dr. Bill Lumsden, Ardbegs Director of Distilling and Whisky Creation, erkannte im Dilemma die Chance zum Experimentieren. Also wies er das Brennerei-Team an, die Deckel der Gärbottiche zu öffnen und ihren Inhalt der besonderen Islay-Luft auszusetzen. So begann eine dreiwöchige Gärung – die längste in der Geschichte von Ardbeg – aus der ein wildes, spritziges und lebendiges Destillat schließlich hervorging.
Dr. Bill Lumsden sagt dazu: „Ich wollte schon immer mit längeren Fermentationszeiten experimentieren und denke, dass der ungewollte Kesselausfall das Beste war, was mir passieren konnte! Die meisten Ardbeg-Abfüllungen werden 72 Stunden fermentiert, sodass wir mit einem Zeitraum von drei Wochen praktisch Neuland betraten. Das Ergebnis schmeckt wie Science-Fiction pur: Im Ardbeg Fermutation verschmelzen wunderbar Torf und Rauch mit frischen, floralen Aromen, während schärfere, malzige Noten ein einzigartiges, spritziges Gegenprofil erzeugen.“
Die Geschichte gefällt mir, Ardbeg als mein Lieblingswhisky sowieso. Fehlt noch der Preis. In den Mitteilungen war dieser nicht angegeben, aber auf einer britischen Seite war er mit rund 140 Euro angegeben. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen, aber in dieser Preisspanne wird sich Ardbeg Fermutation wohl bewegen. Also Kalendereintrag für den 8. Februar gemacht und das Warten beginnt.
In der Verkostungsnotiz heißt es: Ardbeg Fermutation 13 YEARS (49,4 Vol. % Alkohol)
Reifung: Ex-Bourbon-Fässer, sowohl 1st als auch Refill Farbe: Strohgelb
An der Nase: Frisch, floral, kräuterartig und kräftig. Anklänge an gemischte Kräuter und Zedernholz. Sehr spritzig, lebendig, mit Noten geräucherter Orange und Grapefruit, viel Menthol und Pfefferminze. Mit etwas Wasser kräftige Wogen von Dieselöl, Teer, frischgestrichener Farbe und Anis. Im Nachklang frischgemähtes Heu mit einem winzigen Hauch von etwas Pikantem, wie Hefeextrakt oder Brotteig.
Am Gaumen: Eine lebendige, vibrierende, „spritzige“ Textur, die in sehr kräftige, ausgeprägte Aromen mündet – malzige Kekstöne, kräftiger Anis, Kardamom, antiseptische Lutschtabletten, süßes Minz-Toffee und Zigarrenasche.
Nachhall Ein anhaltender, salziger, kräftiger Nachhall von Minze, Teer, Eichengerbstoff & Leder.
Der Jahreswechsel ist vollzogen und damit steht ein sentimentaler Blick zurück auf das Jahr 2021 an. Die beste Nachricht: Meine Familie und ich sind alle gesund. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Durch sorgsamen Umgang, Abstand und Kontaktreduzierung konnten wir eine Ansteckung vermeiden.
Rückblickend kann ich von keinen großen Reisen erzählen (ich musste einmal beruflich nach Salzburg), von keinen großen Abendteuern, keinen großen Treffen oder Interviews. Ich war einfach das ganze Jahr meist zu Hause und nur ganz selten unterwegs. Mein Büro im Dach wurde technisch weiter optimiert und wir haben als Highlight einen schnelleren Internet-Anschluss. Zusammen mit meiner Frau haben wir Golf gespielt – 2022 will ich das Ding mit dem Handicap angehen. Unser Club ist nur 10 Minuten von zu Hause entfernt und so waren im Jahr 2021 wieder spontane 9-Loch-Partien möglich. Und ich habe Qigong und Yoga im örtlichen Verein gemacht und es tut mir gut. Qigong musste ich vereinsmäßig aber wieder beenden, weil sich die Trainerin nicht impfen lassen wollte. Und ich bin vermehrt Fahrrad gefahren.
Da ich die meiste Zeit zu Hause war, war ich auch erster Ansprechpartner für unsere beiden Kater Parsifal und Atari. Die Herrschaften sind seit September 2020 bei uns und in dem einen Jahr ziemlich groß und neugierig geworden – jeder auf seine Art. Nachts wird oft mit dem scheuen Atari gekuschelt, tagsüber mit dem Draufgänger Parsifal. Ich habe sie beide sehr sehr lieb. Mein verbliebener Wellensittich Dr. Watson ist zu meiner Mutter gezogen.
2021 aus beruflicher Sicht Fest steht: Für 2022 muss sich etwas ändern. Ich werde mich mein Leistungsspektrum optimieren, nachdem Corona auch 2021 mir das Geschäft ziemlich versaut hat. Als Soloselbstständiger war das Jahr kein Zuckerlecken. Die meisten Vorträge und Seminare vor Menschen sind aufgrund Corona geplatzt. Online-Veranstaltungen habe ich massiv hochgefahren, aber können den Verlust von Präsenzveranstaltungen nicht kompensieren.
Hier war ich mal für den BLSV unterwegs.
Aber ich will nicht klagen. Das Glas ist bei mir immer halb voll statt halb leer. Ein Kunde war aufgrund von Corona sehr beratungsintensiv und ich hatte für ihn enorme PR-Erfolge zu verzeichnen. Agenturen wären bei diesen Aktionen reich geworden, ich bin es nicht. Aber neue Kunden sind zudem hinzu gekommen, auf denen sich aufbauen lässt. Es gibt neue Ideen für 2022.
Online-Engagement 2021 Am 16. Mai 2021 startete ich meinen redaktion42-Newsletter. Ich wollte das Kommunikationsmittel zunächst alle zwei Wochen einsetzen, entschied mich aufgrund der enormen Resonanz auf eine wöchentliche Erscheinungsweise. Ziel war es zunächst, die Seminare mit mir zu bewerben, um meine Marke zu schärfen. Jeden Sonntag geht der Newsletter an meine Abonnenten heraus, die Woche für Woche ansteigen. Der Inhalt sind heute Seminarhinweise, Neuigkeiten aus dem Bereich Social Media und Internet, Software-Vorschläge, Hinweise aus meinem Blog redaktion42.com, Buchtipps und mein Kollege Thomas Gerlach steuert ein Rezept aus seinem Kochblog bei. Die ganze Sache macht Arbeit, aber wenn ich mir die Analysetools ansehe, dann stell ich fest: Der Newsletter wird angenommen. Das Feedback meiner Abonnenten ist gut, es entstehen Dialoge. Ich werde in den nächsten Wochen den Newsletter weiter optimieren und neue Inhalte generieren. Ich spiele mit dem Gedanken, Beiträge über Metaverse einzubauen. Und ich will versuchen, den Newsletter mit Anzeigen zu kommerzialisieren, denn die ganze Sache nimmt gehörig Zeit in Anspruch. Wenn jemand Lust auf ein Sponsoring hat, der darf sich vertrauensvoll an mich wenden.
Streaming-Experiment 2021 Ein zweites Experiment habe ich zusammen mit meinen Kollegen Thomas Gerlach gestartet. Einen Live-YouTube-Stream der Lange und der Gerlach. Er ist für mich aus einem Corona-Experiment hervorgegangen: Um fit zu bleiben, gehe ich eine Stunde spazieren und habe da einen Live-Stream Morgengedanken gestartet. Das stellte sich als ziemliche technische Herausforderung heraus. Gestreamt wurde mit dem Smartphone, das in einen Gimbal hängt, um die Erschütterungen beim Gehen auszugleichen. Der Ton machte die meisten Probleme, denn es weht ziemlich auf meiner Spazierstrecke. Am Ende bin ich bei einer Funkstrecke von Roede gelandet.
Der Stream vor Silvester von Der Lange und der Gerlach
Der Stream Der Lange und der Gerlach spielt in einer anderen Liga. Wir streamen via Zoom live in YouTube auf meinem Kanal redaktion42. Inzwischen sind wir bei einem wöchentlichen Format angekommen und sprechen unterhaltsam über Neuerungen aus dem Netz, aber auch allgemeine Themen, die unsere Community interessant findet. Unsere Premiere war eine Übertragung aus Rom mit dem Smartphone, ganz ohne Ü-Wagen Ich habe eine eigene Playlist auf meinem Kanal angelegt, wer die früheren Folgen sich ansehen will. Mal sehen, wie sich dieses Format entwickelt, wie wir es ausbauen. Auf jeden Fall konnte ich enorme Erfahrungen sammeln.
Neues Betätigungsfeld Podcast Nachdem es von Kunden immer wieder nachgefragt wird, stieg ich 2021 auch in das Podcasten ein. Radio, nur anders heißt die Devise. Dank meiner journalistischen Ausbildung und langjährigen Praxis ist es kein Problem die richtigen Fragen zu stellen, damit das Ganze nicht geschwätzig, sondern unterhaltsam und lehrreich wird. Ich habe mir dazu ein Tascam Mixcast 4 angeschafft und bin bisher mit der Hardware hoch zufrieden. Nun gilt es für 2022 weitere Kunden zu finden und den Workflow optimieren. Zudem möchte ich einen privaten Podcast starten mit vielen meiner Bekannten aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens. Ich kann Telefonanrufe mit dem Gerät einbinden und Gespräche aufzeichnen. Vielen Leuten fällt es leichter am Telefon über ihre Geschichte zu sprechen als vor einer Videokamera mit Scheinwerfern und Mikrofonen. Spannende Zeiten, was ich aus dem Büro alles so produzieren kann.
Die nächste Stufe der Seminare werden hybride Veranstaltungen sein. Also kleine Gesprächsrunden und Seminare mit Teilnehmern vor Ort und Teilnehmern im Netz. Ein paar Ideen dazu gibt es schon, jetzt geht es an die Feinarbeit.
Und ich habe gemerkt, wie sehr mir das Fotografieren fehlt. Ich bin Co-Admin einer Facebook-Fotogruppe und bekomme dadurch sehr viele optische Inspirationen. In meinem Newsletter habe ich ein Foto der Woche von mir. Das geht alles in die richtige Richtung. In der Familie teilt keiner diese Fotoleidenschaft und so wird es wohl eine einsame Beschäftigung bleiben.
Und ich will 2022 wieder die 360 Grad Fotografie für Google StreetView verstärkt aufnehmen und der Community etwas zurückgeben, die ich ja auch nutze. Ich habe mehrere Kameras herumliegen und werde mir überlegen, was ich mit ihnen anstelle.
360 Grad Kamera am eBike.
Retro-Hobbys pflegen Als leidenschaftlicher Sammler pflegte ich einige Hobbys und will drei von ihnen 2022 weiterführen: Retrogames, Laserdiscs und Super 8.
Als Kind liebte ich Videospiele und mein erste wirkliche Konsole war das Atari 2600. Noch heute zocke ich die alten Cartridges mit Spielen wie Space Invaders, PacMan und Missle Command – allesamt Klassiker. Ein bisschen habe ich mich versteift Versoftungen von Filmen zu sammeln: King Kong, Krull, Star Wars, Superman – die jüngste Anschaffung war ein komplettes Star Trek-Spiel.
Und ich werde meine Laserdisc-Sammlung weiter ausbauen. Laserdisc war ein Groschengrab nach VHS und vor DVD, also große silberne Scheiben mit Filmen und Konzerten. Ich halte Ausschau nach ein paar Criterion-Ausgaben. Im Moment besitze ich drei Player von Pioneer und Sony, damit ich auch mögliche fehlerbehaftet Discs vielleicht doch abspielen kann.
Meine Kinoleidenschaft begann als Jugendlicher in den Siebzigern. Ich besuchte jeden Samstag die Jugendvorstellung des örtlichen Kinos und schaute mir Bud Spencer/Terence Hill, aber vor allem Godzilla-Filme an. Und ich träumte davon Kinofilme zu Hause anzuschauen und zwar unabhängig der TV-Programme, die wir damals empfingen: ARD, ZDF, BR, ORF 1, ORF 2. Fernsehen begann damals am Nachmittag und nachts war mit der Nationalhymne Schluss. Wie toll wär es, wenn man unabhängig vom Kino und Fernsehen sich einen Film anschauen könnte. Das war der Einstieg in Super 8. Zum ersten Mal konnte man Filme für zu Hause kaufen und anschauen. Die Sachen waren sehr teuer, die Filme zusammengeschnitten, aber die Tatsache war eine Revolution: Filme in den eigenen vier Wänden – ähnliches empfand ich bei Videospielen.
Im Zeitalter von Plattformen wird man darüber lachen, aber mich hatte das Fieber infiziert. 2021 holte ich die alten Projektoren hervor und nerve seitdem meine Familie mit Super 8-Filmabenden, wobei keiner hier meine Leidenschaft des knatternden Projektors teilen kann. K2 fragte, warum wir nicht den gleichen Film in 4K-Auflösung auf dem Beamer in Großprojektion schauen? Nun natürlich hat das Kind Recht.
Atari bewacht die komplett Super 8-Fassung von Caligari.
Als persönliches Highlight habe ich mir dieses Jahr die Super 8-Fassung eines der größten Klassiker des deutschen Expressionismus angeschafft: Das Kabinett des Dr. Caligari – was kann es schöneres geben?
Wenn Sie es bis hierin geschafft haben – in diesem Sinne: Ich wünsche ein gesundes Jahr 2022 und wer grüne Kekse findet, sollte vorsichtig sein (Soylent Green).
Als Journalist und Blogger bin ich auch eine Art Wortakrobat und setze Wörter gezielt ein, um Stimmung und Atmosphäre zu vermitteln. Und da stellt sich mir die Frage, welche Wörter das nun zurückliegende Jahr im In- und Ausland geprägt haben. Da kommt die Mitteilung der Sprachlernlattform Babbel genau zur richtigen Zeit. In meinem Newsletter habe ich ja über das Wort des Jahres geschrieben, nun gehen wir mal einen Schritt weiter.
Das Ende der Amtszeit von Angela Merkel, der ersten Frau im Amt der Bundeskanzlerin, und damit das Ende der 16-jährigen „Merkel-Ära“ war eines der großen Themen des Jahres in Deutschland. „Tschüss Mutti!“ – mit dieser oder ähnlichen Abschiedsformulierungen feierte man die Kanzlerin überall auf der Welt im Großen und im Kleinen: von der Frontpage-Berichterstattung in der US-Presse und der französischen Wertschätzung „Vive Mutti!“ (Es lebe Mutti!) auf internationalem Parkett bis zu Kabarettspektakeln und der Werbung einer bayerischen Molkerei im kleineren Kontext.
Mein Autogramm von „Mutti“.
Nach der Ära Merkel kommt nun die „Ampel“: Der altbewährte Signalgeber ist auch ein traditioneller politischer Jargon für die Koalitionsbildung dreier Parteien. Doch in diesem Jahr passt es bei der „Ampelkoalition“ erstmalig auch auf Bundesebene farblich. Der Farbentradition bei der Benennung von Regierungskoalitionen in der Umgangssprache blieb man somit auch dieses Mal treu. Und dies auch ohne die bisher im Sprachgebrauch etablierten Länderanalogien wie Jamaika-, Afrika-, Deutschland-Koalition und Co., durch die man dem sprachlichen Wirrwarr rund um alle möglichen Farbkombinationen zumindest in der Alltagssprache entkommt.
Auch in dieser Retrospektive kommen wir nicht ohne die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und Sprache aus. Laut Erhebungen bescherte uns die Krise eine Menge neuer Wörter, mal mehr, mal weniger sinnvolle. Doch eine Wortschöpfung war in Deutschland ganz bezeichnend für die gesellschaftliche Spaltung, die mit solch einer Krisensituation einhergeht – „Impfneid“: Aufgrund der weltweit hohen Nachfrage waren die Covid-19-Impfstoffe zu Beginn des Jahres knapp und jede Person mit einer Impfeinladung galt als Glückspilz. In den sozialen Netzwerken wurden Fotos von bepflasterten Oberarmen und Impfpässen zu einer Art Statussymbol. Nicht Wenige litten unter “Impfneid”. Daraus resultierte wiederum eine andere Wortschöpfung – die „Impfvordrängler“: die Menschen, die beispielsweise Daten fälschten, um die anfänglichen Impfpriorisierungen zu umgehen und den Pieks schneller zu erhalten. Blicken wir ins Ausland und schauen wir, welche Wörter hier gerne herangenommen werden. Babble gibt Auskunft darüber.
Nachbar Österreich In der zweiten Jahreshälfte 2021 erschütterte ein Durchsuchungsbefehl das politische Österreich: Die Staatsanwaltschaft ließ nach Korruptionsverdacht u. a. das Kanzleramt, das Finanzministerium und die Parteizentrale der Regierungspartei ÖVP durchsuchen. Ex-Kanzler Sebastian Kurz trat daraufhin zurück. Der politische Skandal, der in kürzester Zeit als die „Kurz-Affäre“ bekannt wurde, löste eine Welle neuer „alter“ Begriffe aus: zum Beispiel den des „Schattenkanzlers“ (das österreichische Wort des Jahres), der in inoffizieller Funktion die Strippen der Regierungsgeschäfte zieht oder der „Freunderlwirtschaft“, mit der die nepotistische Vorteilsbeschaffung im Land bezeichnet wird. Der Begriff „Schattenkanzler“ ist auf die „shadow cabinets“ (Schattenkabinette) im Vereinigten Königreich zurückzuführen, die dort seit Ende des 19. Jahrhunderts eine feste politische Größe sind. Nach jeder Wahl werden dort von der Opposition spiegelbildlich zur Regierung inoffizielle Regierungen gebildet, die im Falle eines Regierungswechsels das Amt übernehmen könnten.
Blick auf die Insel: Vereinigtes Königreich Apropos Vereinigtes Königreich: Auch für die Briten war 2021 bisher durchaus turbulent. Das hing natürlich mit der Pandemie, vor allem aber auch mit dem Brexit zusammen, der am 1. Januar 2021 vollumfänglich in Kraft getreten ist. Die Auswirkungen dieser Entscheidung begleiten die Menschen nun tagtäglich. Am einschneidendsten bisher macht sich für die Briten aber wohl die noch immer andauernde „petrol crisis“ (Übersetzung: Benzinkrise) bemerkbar, die dazu geführt hat, dass Tausende Tankstellen im Vereinigten Königreich seit mehreren Wochen keinen Tropfen Benzin mehr verkaufen können. Als die Ausmaße der fehlenden Kraftstofflieferungen allmählich bekannt wurden, verfielen viele Autofahrer in „panic buying“ (Übersetzung: Panikkäufe) und versuchten noch einmal vollzutanken. Ursächlich für den fehlenden Kraftstoff ist vor allem der Mangel an Lkw-Fahrern, von denen viele aus anderen Ländern kommen und wegen des Brexit in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Die Folgen: nicht nur leere Zapfsäulen, sondern auch leere Regale in Supermärkten und Geschäften.
Wer elektrisch auf der Insel fährt, der hat gut lachen.
Über den großen Teich: Vereinigte Staaten Nach der Abwahl von Donald Trump im Herbst 2020 hätte der Beginn von 2021 eine Rückkehr zu einem normaleren Politikbetrieb sein können. Doch Trumps Anhänger hatten etwas anderes im Sinn: Am 6. Januar kam es in Washington D.C. zu „Riots“ (Übersetzung: Aufständen), als ein gewalttätiger Mob das Kapitol stürmte, um die gemeinsame Sitzung des Kongresses zu stören, in der Joe Bidens Wahlsieg formell bestätigt werden sollte. Ordnungskräfte wurden angegriffen und das Gebäude verwüstet, wobei fünf Menschen ums Leben kamen – das Land stand unter Schock. Der Sturm auf das Kapitol führte zum zweiten Versuch eines „impeachment trial“ (Übersetzung: Amtsenthebungsverfahren) gegen Trump, von dem er später jedoch freigesprochen wurde. Die Bilder des wütenden, völlig enthemmten Mobs gingen um die Welt und versinnbildlichen rückblickend die Regierungszeit von Trump.
Nachbar Frankreich Der Brexit brachte für Frankreich als Nachbarland des Vereinigten Königreichs ungeahnte Probleme mit sich, die im Verlauf von 2021 zum „Guerre de la pêche“ (Übersetzung: Fischereikrieg) führten. Für französische Fischereifahrzeuge ist es seit dem Brexit schwierig, Fanglizenzen für die britischen Gewässer des Ärmelkanals zu erhalten, was im Widerspruch zu den Post-Brexit-Abkommen steht. Im Sommer führte der Konflikt sogar zum Einsatz von Patrouillenschiffen der britischen und französischen Marine. Die Kontroverse wurde im November neu entfacht, als Frankreich Maßnahmen gegen London ankündigte, falls die Zahl der erteilten Lizenzen nicht ausreichen sollte.
Wem gehört der Fisch?
Eine Thematik, die Frankreich 2021 neuerdings ebenso beschäftigt, sind die Debatten rund um genderneutrale Sprache. Im November wagte das traditionsreiche französische Wörterbuch „Le Robert“ den Schritt zu mehr Inklusivität in der französischen Sprache und nahm das genderneutrale Personalpronomen für die dritte Person „iel“ (oder „ielle“) in seine Online-Ausgabe auf und sorgte hiermit für weitreichende Diskussionen auch außerhalb Frankreichs.
Und was macht Italien? Ein Blick nach Italien zeigt ein positiveres Bild von 2021. Das Land, das 2020 schwer von der Corona-Pandemie gezeichnet war, erlebte 2021 eine „blaue Erlösung“, die die italienische Presse „riscossa azzurra“ betitelte. Italien konnte sich über eine Reihe von Erfolgen freuen, sowohl im Sport, als auch im Unterhaltungssektor: vom Triumph der italienischen Mannschaft bei der Fußball-EM 2021 über das erste Wimbledon-Finale der Geschichte mit italienischer Beteiligung bis hin zu beeindruckenden 40 Medaillen bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dazu kam Laura Pausinis Auszeichnung bei den Golden Globes für den besten Originalsong und der Sieg der Band Måneskin beim Eurovision Song Contest 2021 in Rotterdam. Warum all diese Erfolge „blau“ sind? Die italienische Fußballnationalmannschaft tritt bereits seit 1911 im sogenannten „Savoy-Blau“ an, das an die Farbe der Savoy-Dynastie angelehnt ist, die Italien von 1861 bis 1955 regierte und sehr positiv rezipiert wird.
Nachbar Polen Im Januar trat in Polen ein verschärftes Abtreibungsrecht in Kraft, das in der Praxis einem totalen Verbot legaler Abtreibungen entspricht. „Aborcja“ (Übersetzung: Abtreibung) ist nur noch legal, wenn die Gesundheit der Schwangeren unmittelbar in Gefahr ist oder die Schwangerschaft das Ergebnis einer Straftat ist. Seit Bekanntwerden des neuen Gesetzes protestiert die Bewegung „Strajk Kobiet“ (Übersetzung: Frauenstreik), die vor allem aus Frauen und Oppositionellen besteht, immer wieder in großer Zahl gegen das Gesetz der konservativen Regierung.
Spanien Spanien wurde im September diesen Jahres durch den Ausbruch des „volcán“ Cumbre Vieja auf der Kanarischen Insel La Palma, erschüttert. Zwei Monate später zeigt die vulkanische Aktivität keine Anzeichen eines Nachlassens. Die „colada“ (Übersetzung: Lavaströme) haben bereits Hunderte von Hektar Land verschüttet und Tausende von Gebäuden zerstört – eine gewaltige Naturkatastrophe. Zahlreiche Orte mussten bereits evakuiert werden. Besonders groß war die Sorge, ob und wann die Lava das Meer erreicht und was dann passieren wird. Inzwischen gilt die Krise als überwunden.
Brasilien In Brasilien war die Pandemie 2021 und vor allem das katastrophale Handling der Regierung rund um Präsident Bolsonaro das bestimmende Thema. In der brasilianischen Presse und in den sozialen Medien hat das Wort „Genozid“ eine neue, polarisierende Bedeutung bekommen und wurde zum Inbegriff für den ignoranten Umgang der Regierung mit der Pandemie. Der Boykott der wichtigsten Präventionsmaßnahmen, wie Masken oder Social Distancing, sowie die Regierungskampagne, die zugunsten unwirksamer Medikamente angestoßen wurde, wurden im eigenen Land und weltweit scharf kritisiert. Im Zuge der Impfstoffverteilung kam es in Brasilien zu Beginn von 2021 zu einer neuen Art von kriminellem Verhalten: „fura fila“ (wortwörtlich „Warteschlangenbrecher“) – der Ausdruck beschreibt den Tausch von Geld gegen einen Platz auf der Impfpriorisierungsliste.
Es ist eine Schande, dass ich gar nicht wusste, welche Prominenz bei uns im Dorf gelebt hat. Erst im Tode schloss ich Bekanntschaft mit Haydar Işık. Er war Intellektueller, Lehrer, Schriftsteller, Sachbuchautor und Kolumnist und er war Mitbegründer des Kurdischen P.E.N.-Zentrums in Deutschland. Nun ist er tot und begraben auf dem Friedhof der Gemeinde Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck (Oberbayern).
Das Grab auf dem Maisacher Friedhof. Foto: Lange/redaktion42
Als ich das Grab meine Vaters zu Weihnachten besuchte, fiel mir ein frisches Grab mit Kränzen, Schleifen und Blumen auf. Ich trat heran und lernte Haydar Işık kennen, der an Krebs verstarb (* 1. September 1937 in Tunceli; † 17. Dezember 2021 in München). Ich weiß zu wenig von der kurdischen Kultur, versuchte aber ein wenig über den prominenten Mitbürger meines Dorfes zu erfahren. Işık studierte Pharmazie, lebte ab 1974 in der Bundesrepublik Deutschland, wurde von der Türkei ausgebürgert und war ab 1984 deutscher Staatsbürger. Seine Hauptthemen waren die Kurdenpolitik in Dersim und Verfolgungen im Rahmen des Dersim-Aufstandes. Sein berühmtestes Buch war wohl Der Agha aus Dersim. Vom Dersim-Aufstand hab ich in der Schule vor über 35 Jahren etwas mitbekommen. Es war der letzte große Aufstand der Kurden in der Türkei und forderte über 10.000 Todesopfer, nachdem die türkische Regierung den Protest niederschlug. Laut Wikipedia entschuldigte sich die türkische Regierung im Jahr 2011 für die Massaker und räumte 13.806 Todesopfer ein.
Das Grab auf dem Maisacher Friedhof. Foto: Lange/redaktion42
Ich habe mir das Buch Der Agha aus Dersim bestellt, was aber erst im neuen Jahr bei mir eintreffen wird. Auf dem Klappentext ist zu lesen: „Haydar Isik erzählt auf authentischem Hintergrund in einfacher poetischer Sprache von seinem Volk, dem Widerstand, den Ängsten und Hoffnungen, der Not und der bis heute andauernden Entrechtung und Erniedrigung.“ Das hat mich neugierig gemacht und es ärgert mich ein wenig, dass ich den Autoren Haydar Işık nicht zu seinen Lebzeiten kennengelernt und interviewt habe. Hier gibt es mehr über das Leben und Tod von Haydar Işık zu lesen. Die Quelle ist Firatnews Agency mit Sitz in Amsterdam, eine kurdische Nachrichtenagentur. In Medien und bei den deutschen Sicherheitsbehörden gilt die Agentur als PKK-nah.