Archive for the ‘Musik’ Category

Musiktipp: Edelweiß von Joachim Witt

23. Juli 2024

Wenn es denn sein muss, dann kaufe ich auch die Wiederveröffentlichung von Joachim Witts zweites Soloalbum Edelweiß. Es ist nun bezeichnend auf weißem Vinyl herausgekommen und Edelweiß ist neben Silberblick für mich das wichtigste Album des deutschen Künstlers.

Und ja, es sind alte Scheiben. 1980 kam das Opus Silberblick auf den Markt und ich hab noch die Vinyl von damals und die Wiederveröffentlichung. Von Edelweiß hab ich nur noch die CD, die Vinyl von 1982 finde ich nicht mehr. Da ist es gut, dass Edelweiß wieder aufgelegt wurde. Es folgte dann noch Märchenblau, aber da war meine persönliche Witt-Phase im Grunde vorbei und heute interessiere ich mich nicht mehr für die Werke des Künstlers. Das Popalbum Märchenblau von 1983 sollte vielleicht auf blauen Vinyl veröffentlicht werden.

Ich lebe musikalisch hier in der Vergangenheit, in der Welt der Neuen Deutschen Welle. Witt stach damals aus der Branche heraus, sowohl musikalisch als auch textlich.

Der große Jaki Liebezeit von Can spielte damals die Drums und das alleine reicht schon, um ein Ohr zu riskieren. Aber vor allem die ikonischen Texte aus Single Tri tra trullala (Herbergsvater) liefen damals und heute die ganze Zeit. Das war Protest und Systemkritik ohne als solcher offen daher zu kommen – und tanzbar war das Liedchen auch.

Ey, lasst das sein, Kinder
Ihr seid wohl ganz versessen
Ey, lasst das sein, Kinder
Ihr seid wohl ganz versessen

Und es sind auf Edelweiß Texte, wo heute beim Zuhörer die Schnappatmung einsetzen würde. Ich denke da nur an die Zeilen:
Ich bin der Deutsche Neger, ah – uh
Gib‘ mir den Stoß, den ich zum Leben brauche
Laß mich verliebt Dir meine Liebe hauchen
Ich brauch den Ruck-Zuck um meinen Trieb zu lеnken
Das Huhn macht Tuck-Tuck, um uns ein Ei zu schenkеn
Vielleicht war Witt bereits damals schon ein Visionär als er in Inflation im Paradies schrieb:
Ich hab‘ die ganze Welt geseh’n
Im Fernsehen und auf Fotografien

Ich schweife ab. Also kauft euch die alte neue Witt Edelweiß und erinnert euch an gute alte Zeiten.

Konzertkritik: Nick Mason’s Saucerful of Secrets in München 2024

11. Juli 2024

Was muss diese Musik und die Show damals für eine Wirkung gehabt haben? Wenn man die Augen schließt, fühlte man sich beim Münchner Tollwood Konzert von Nick Mason’s Saucerful of Secrets in den Londoner UFO-Club zurückversetzt, wo die britische Psychodelic-Welle ihren Anfang nahm. Pink Floyd veränderte die musikalische Welt und wurde später eine der Supergroups der siebziger Jahre mit bombastischen Shows.

Nick Mason, der als Drummer bei Pink Floyd nie so im Rampenlicht wie seine Kollegen Roger Water und David Gilmour stand/saß, erinnerte mit seiner Tour an die frühe Phase von Pink Floyd von 1965 bis 1972. Dafür gehört ihm ein großes Dankeschön ausgesprochen. Seine Kollegen Waters und Gilmour setzen auf neue Projekte und die beiden Streithälse kommen wohl nicht mehr zusammen. Mason stand immer in der Mitte zwischen diesen Egos. Das zeigte sich auch als Waters bei einem Aufritt von Mason im Jahre 2019 in Beacon-Theater in NNY überraschend das Mirko ergriff.

Diese Überraschung blieb in München aus, Mason machte nur einen kleinen Witz mit einem Pseudo-Telefonat mit Waters auf der Bühne. Das Publikum machte und quittierte den Spaß mit einem Lachen. Bevor Dark Side of the Moon die Band in andere (finanzielle) Sphären katapultierte, war Pink Floyd der Wegbereiter der psychedelischen Musik.

Ich mag die frühen Alben, ich mag das geniale Mastermind Syd Barrett, der wohl zuviel LSD abbekam und durch Gilmour ersetzt wurde. Und so war ich vor allem interessiert, wie Nick Mason an diese Barrett-Zeit erinnerte. Und er tat es mit Würde, erklärte wie wichtig Barrett für die Band war. Er hatte einen besonderen Song dabei: Remember me, ein Wettbewerbssong aus dem Jahre 1965 als sich Pink Floyd in einem Beat-Wettbewerb messen wollten und verloren. Die Stimme von Syd Barrett wurde extrahiert und in dem Konzert eingespielt, während Nick Mason’s Saucerful of Secrets dazu spielten. Tolle Ehrung, dazu Bilder von Barrett auf der Leinwand. Das Video dazu gibt es hier.

Aber auch die anderen Songs von Piper at the Gates of Down wie Scarerow, Nike Song, Lucifer Sam und besonders der Konzertbeginn mit Astronomy Domine und die frühe Single Arnold Layne zogen mich in den Bann.

Wie experimentell Pink Floyd bis 1972 waren zeigten sich im Soundtrack Obscured by Clouds (schlechter Film), die Atom Heart Mother Suite (freilich ohne Orchester und Ballett) und ein gewaltiges Set the Controls for the Herat of the Sun (mit fetter Videoshow im Hintergrund). Das zumeist ältere Publikum war außer sich.

Gesteigert wurde die Hysterie mit den Klängen von Echoes und als erste Zugabe One of These Days vom Album Meddle. Ich hatte Echoes das erste Mal in der Dokumentation Crystal Voyager von 1973 kennengelernt, der bei uns im Schulkino in den Achtziger Jahren lief.
Nach dem Konzert legte ich zu Hause das Doppelalbum Ummagumma auf und lauschte den Auftritt in Pompeji. Wahnsinn, wie innovativ so einen Band sein kann. Und danke Nick Mason für diese Erinnerung.

Kraftwerk live in Wien, Schloss Schönbrunn

9. Juli 2024

Nach knapp 95 Minuten war alles vorbei, 95 Minuten in denen Augen und Ohren und der Mund von mir offen blieb. Kraftwerk als Open Air Konzert in Ehrenhof von Schloss Schönbrunn in Wien. Wie sehr hab ich bei besten Wetter die Mensch-Maschine genossen.

Punkt 23 Uhr war Schluss mit dem Zauber, da ist Wien streng und so sahen die rund 10.000 Fans ein gestrafftes Musikprogramm, da man erst gegen 21:25 Uhr begonnen hatte als die Sonne am Sinken war. So blieben Taschenrechner und Model auf der Strecke. Nach einem Konzert im November 2015 in der Lichtburg in Essen wollte ich unbedingt meinen Helden Ralf Hütter, Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Georg Bongartz bei einem gigantischen Open Air sehen und genießen. Nach einigen Videos von Karlsruhe musste ich einfach in Wien dabei sein und besorgte Tribünenkarten für die Gattin und mich.

Numbers war der Einstand und die Schlossfassade diente als riesige Multimedia-Projektionsfläche. Wie immer traten die vier Musikanten hinter der Show zurück. Keine posenden Superstars am Bühnenrand, das gehört seit Jahren zum Kraftwerk-Konzept. Die überdachte Bühne war minimalistisch, die Show dagegen maximalistisch, aber nicht perfekt.

Der Ablauf überraschte insoweit, als dass das seltene La Forme / Régéneration aus Tour de France gespielt wurde. Das war definitiv eine gelungene Überraschung.

Grinsen musste ich, dass die Mensch-Maschine nicht ganz geölt ablief. Bei Autobahn verspielte sich wohl Ralf Hütter zu Beginn und zeigte dass hier keine Roboter, sondern Menschen auf der Bühne stehen.

In meiner Umgebung wurde über den verspäteten Start der Show gemault, denn es sollte ursprünglich um 20:30 Uhr beginnen. Fakt war, dass die Sonne erst spät unterging und die Show nur bei Dunkelheit seine Wirkung entfaltete. So verpasste ein Nachbar seinen Zug, aber so ist halt das Leben. Etwas nervig war, dass bei zwei, drei Fenster der wunderbaren Schlossfassade von Schönbrunn die Lichter brannten. Es wurde diskutiert, dass dort Bewohner wohnen, was auf der Sunny Side des Schlosses Quatsch ist. Die Wohnungen gibt es in anderen Teilen Schönbrunns.

Ich hab die Show genossen und war besonders beim Trans-Europa Express geplättet, wie die Lichtinstallation über die Fassade rast. Natürlich war ich am nächsten Tag im Café Hawelka in der Dorotheergasse 6 und zitierte die Textzeilen „In Wien sitzen wir im Nachtcafé“.

Einer meiner Lieblingssongs ist Radioaktivität und live wirken die gelb-roten Effekte einfach genial. Die Multimedia-Show drückte mich in meinen unbequemen Tribünenstuhl.

Also zusammenfassend, ein großartiges Konzerterlebnis und mein zweites Mal Kraftwerk live. Dresden lasse ich aus und hoffe auf einen weiteren Auftritt in der Nähe. Und ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Meister Hütter irgendwann sein Archiv öffnet und uns weitere Schätze präsentiert.

Hier die Setlist, soweit ich sie mir gemerkt habe.
Nummern / Computerwelt / Computerwelt 2
Die Mensch·Maschine
Computer Liebe
Autobahn
Geigerzähler / Radioaktivität
Tour de France / Prologue / Étape 1 / Chrono / Étape 2
Trans-Europa Express / Metall auf Metall / Abzug
Spacelab
Die Roboter
La Forme / Régéneration
Planet der Visionen
Boing Boom Tschak / Musique Non Stop

Amazon: Große Schallplatte in kleinen Briefkasten gestopft – wer hat verloren?

2. Juli 2024

Ich bestelle bei Amazon, weil es einfach ist und in der Regel keine Probleme bereitet, wenn UPS oder DHL der Lieferdienst ist. Schwieriger wird es, wenn Amazon über Subunternehmen Amazon Logistic selbst liefert. Noch schwieriger wird es, wenn die hinterlegten Lieferanweisungen nicht eingehalten bzw. komplett ignoriert werden.

Seit kurzem führe ich mal wieder ausführliche Telefonate mit der Hotline, weil ein Fahrer samt mitfahrender Ehefrau meine Bestellungen einfach über den Zaun wirft und als ich sie dabei erwischt habe, die Lieferanweisungen gar nicht lesen kann.

Jetzt hab ich ein neues Erlebnis, als der Amazon-Lieferdienst versuchte eine große Schallplatte in den kleinen Briefkasten zu stopfen. Das Ergebnis: Die Schallplatte hat verloren. Meine Tochter sah den gewalttätigen Versuch und nahm dem Fahrer, der natürlich nicht geklingelt hatte, das beschädigte Paket ab.

Die Verpackung des Pakets war geknickt. Beim Auspacken meiner wunderbaren Vinyl-Sammleredition House on Haunted Hill von Rob Zombie dann auch ein trauriges Bild: Das Cover des Doppelalbums war geknickt und gerissen. Und: die beiden farbigen Vinylscheiben waren gebrochen. Rohe Gewalt gegen empfindliches Vinyl.

Liebes Amazon: Wie kann man so blöd sein, eine Schallplatte in einen Briefkasten stopfen zu wollen? Ich bin echt sauer.
Ja, ich finde es prima, dass ihr Leuten eine Chance am Arbeitsmarkt gebt, die sonst keinen oder nur schwer einen Job bekommen, aber warum beschäftigt ihr absolut dumme Leute wie diesen Subunternehmer?

Also die Schallplatte geht zurück und ich warte auf Ersatz. Den Ärger und die Arbeit habe ich. Danke dafür – nicht.

Der Tod von Françoise Hardy und Sterbehilfe

12. Juni 2024

Ich hörte das erste Mal Françoise Hardy im Französischunterricht zu Schulzeiten, lange her. Wir beschäftigten uns mit französischen Chansons und analysierten Lieder von Edith Piaf, Charles Aznavour, Serge Gainsbourg, Juliette Gréco und auch Françoise Hardy. Leider war mein Französisch nie so gut, dass ich aus dem Stand die Texte übersetzen konnte, aber ich mochte die chanson francaise.

Die Chansonnière Françoise Hardy imponierte ich, weil sie jung und zurückhaltend war, charmant und faszinierend zugleich, ein bisschen verloren und sie sah auf ihren Schwarzweiß-Fotos immer toll aus. Ich hatte eine Audio-Cassette mit ihren Liedern, natürlich auch mit „Tous les garçons et les filles“ und „Comment te dire adieu“. Die Cassette habe ich nicht mehr, ich habe mir Zug und Zug CDs und Vinyl-Platten der Künstlerin gekauft und sie abends in Ruhe bei einem Glas Wein gehört.

Nun ist diese Sängerin gestorben und wenn ich mich nun mit ihrem Leben beschäftige, griff sie das Thema Sterbehilfe immer wieder auf. Sie war seit 2004 an unheilbarem Krebs erkrankt und meldete sich immer wieder zu diesem Thema zu Wort. „Jemanden, der unheilbar krank ist, unerträglich leiden zu lassen, bis er stirbt, ist unmenschlich,“ sagte sie der dpa. Ihr Sohn Thomas Dutronc postete die Todesmeldung „Maman est partie …“ (Mama ist weg) in Instagram.

Sterbehilfe in der Diskussion
Ihr Tod rückt das Thema Sterbehilfe wieder in die Diskussion. Je älter ich werde, desto mehr beschäftige ich mich mit diesem hoch umstrittenen und emotional aufgeladenen Thema, das ethische, rechtliche und medizinische Dimensionen umfasst. Ich habe keine Antworten auf die Frage, ob es richtig ist, auf diese Art sein Leben zu beenden.

Absichtliche Herbeiführung des Todes
Sterbehilfe bezieht sich auf die absichtliche Herbeiführung des Todes eines schwer leidenden Menschen durch eine andere Person, meist durch einen Arzt, auf ausdrücklichen Wunsch des Betroffenen. Diese Praxis wirft zahlreiche Fragen und Bedenken auf, die sorgfältig abgewogen werden müssen. Sie kommen durch den Tod der 80jährigen krebskranken Françoise Hardy wieder hoch.

Prinzip der Autonomie
Ein zentrales Argument für die aktive Sterbehilfe ist das Prinzip der Autonomie. Menschen sollten das Recht haben, über ihr eigenes Leben und dessen Ende zu entscheiden, insbesondere wenn sie an unheilbaren Krankheiten leiden und extremen Schmerz erfahren. Diese Perspektive betont die Selbstbestimmung und die Würde des Einzelnen. Unterstützer argumentieren, dass es unmenschlich sei, jemanden zu zwingen, unerträgliches Leid zu ertragen, wenn dieser Mensch entschieden hat, dass sein Leben nicht mehr lebenswert ist.

Barmherzigkeit
Ein weiteres Argument für die aktive Sterbehilfe ist die Barmherzigkeit. In vielen Fällen sind Patienten unheilbar krank und haben keine Aussicht auf Besserung. Die moderne Medizin kann zwar Schmerzen lindern, aber nicht alle Leiden vollständig beseitigen. Befürworter argumentieren, dass es ethisch geboten sein kann, jemanden von qualvollem Leiden zu erlösen, wenn dies sein ausdrücklicher Wunsch ist. Sie sehen die aktive Sterbehilfe als einen Akt des Mitgefühls und der Menschlichkeit.

Schützenswertes Leben
Auf der anderen Seite gibt es starke Argumente gegen die aktive Sterbehilfe. Eines davon ist die Heiligkeit des Lebens. Viele religiöse und ethische Traditionen lehnen jede Form von Tötung ab und sehen das Leben als etwas an, das grundsätzlich geschützt werden muss. Selbst in extremen Fällen wird argumentiert, dass das Leben einen unantastbaren Wert hat, und die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe könnte diese fundamentale Überzeugung untergraben.

Gefahr des Missbrauch
Ein weiteres bedeutendes Argument gegen die aktive Sterbehilfe ist die Gefahr des Missbrauchs und der sozialen Konsequenzen. Kritiker warnen, dass die Legalisierung einen Dammbruch darstellen könnte, der zu einer Ausweitung der Praxis führt, möglicherweise auch auf Menschen, die nicht eindeutig ihre Zustimmung gegeben haben. Es besteht die Sorge, dass ökonomische und soziale Druckmittel, wie Kosten für die Langzeitpflege, zu subtilen oder offenen Zwängen führen könnten. Zudem wird befürchtet, dass das Vertrauen in das Gesundheitssystem und in die Ärzteschaft beschädigt werden könnte, wenn Ärzte in die Rolle von „Todeshelfern“ gedrängt werden.

Leiden lindern
Darüber hinaus argumentieren viele Gegner, dass die palliative Pflege, die darauf abzielt, das Leiden zu lindern und die Lebensqualität von Schwerkranken zu verbessern, eine bessere Alternative zur aktiven Sterbehilfe darstellt. Fortschritte in der Schmerztherapie und der hospizlichen Versorgung können vielen Menschen helfen, ihre letzten Tage in Würde und relativem Komfort zu verbringen, ohne dass ihr Leben verkürzt wird.

Ich habe keine Antworten, aber durch den Tod der großen Françoise Hardy sind diese Gedanken wieder aktuell geworden.

Musik- und Filmtipp: Deep Purple, California Jam 1974

30. Mai 2024

Natürlich ist die Ton- und Bildqualität von Konzerten aus den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht immer ideal und dennoch mag ich die Konzerte aus dieser Zeit. Sie haben oftmals mehr Power und Spielfreude als heutige cleane und durchgestylte Konzerte von Stars.

Vor 50 Jahren fand im April 1974 das 3 Tages-Festival California Jam auf der ehemaligen Rennstrecke Ontario Motor Speedway in Ontario, Kalifornien, USA, statt. Mit dabei zwei meiner Lieblingsbands ELP und Deep Purple. Leider existieren von Emerson, Lake & Palmer nur Videoausschnitte aus dem fulminanten Auftritt. Von Deep Purple ist das komplette Konzert mitgeschnitten worden. Es ist eine rauhe Perle und ein grandioser Auftritt der Mark III-Besetzung.

Ich hab das Konzert auf VHS und mir jetzt auf Bluray gekauft. Die Qualität ist besser, aber natürlich nicht mit heutigen Konzertaufnahmen vergleichbar. Die Originalaufnahmen sind US-Fernsehen, also NTSC (Never the Same Color)
Deep Purple war jung, voller Kraft und die Mark III-Besetzung wollte sich beweisen. Sie trat das erste Mal live vor großem Publikum auf. David Coverdale war der neue Sänger und Glenn (Graf Koks) Hughes der neue Bassist, nachdem sich die Mark II-Besetzung mit Ian Gillan und Roger Glover aufgelöst hat. Das Album Burn war vor kurzem auf dem Markt und es sollte unters Volk gebracht werden.

Das Konzert begann verspätet, weil Richtie – der schwarze Mann – Blackmore den Sonnenuntergang abwarten wollte, um sich besser in Szene zu setzen. Und dann wurde die Sau rausgelassen und mit Sau meine ich vor allem Blackmore. Die Band präsentierte unter einem künstlichen Regenbogen neue Stücke und zeigte sich improvisationsfreudig und voller Spiellaune. Große Monitore und Displays gab es nicht und wer weiter hinten stand, hat eigentlich nicht gesehen, aber wohl viel gehört. Es sollen 400000 Zuschauer dabei gewesen sein, um die beiden Headliner zu hören. Die Soundanlage galt als die lauteste dieser Zeit.

Und nachdem Herrn Blackmore die Regieanweisungen oder Bitten wohl zusehends auf den Geist gingen, riss bei ihm wohl der Faden und der Rest ist Legende. Blackmore stieß seinen Gitarrensteg in eine Fernsehkamera, zertrümmerte sein Instrument und machte den wilden Mann. Die Bühne brannte und die Show war perfekt.

Gitarrenzertrümmerer Pete Townshend von the WHO musste neidisch werden. So viel Feuer, so viel Agression auf der Bühne habe ich selten erlebt. Blackmore flippte aus, der Rest der Band spielte weiter.

Die Bluray hat einen neuen Schnitt, aber der alte Videoschnitt der VHS liegt auch als Bonus vor und als wirkliches Bonbon gibt es Super 8-Aufnahmen der Crew, verwackelt und unscharf, wie es eben so bei Super 8 möglich war. Aber der Fan bekommt einen kleinen Einblick hinter die Kulissen und sieht den wilden Mann Blackmore unscharf und von der Ferne seine Show machen.

Bob Dylan wird 83 – mein Buchtipp: Forever Young von Stefan Aust und Martin Scholz

24. Mai 2024

Heute wird der Meister 83 Jahre alt und ist noch immer gut im Geschäft. Ich bin seit Jahren ein treuer Fan und lausche der Musik des Musikers immer gerne. Also alles Gute zum Geburtstag Bob Dylan.

Vor kurzem fiel mir das Buch Forever Young: Unsere Geschichte mit Bob Dylan in die Hände, das zum 80. Geburtstag von Bob Dylan bei Hoffmann und Campe erschienen ist. Der einfache Inhalt: Prominente erzählen ihre Geschichte mit Bob Dylan und nein, ich wurde dabei nicht interviewt. 🙂

In gewohnter professioneller Routine befragen Stefan Aust und Martin Scholz die Promis und sie haben beachtliche Namen vors Mikro bekommen. Beispielsweise Patti Smith, Joan Baez, Pete Townshend, Wolfang Niedecken, Dan Brown, Otto Schilly oder – ungewöhnlich – Jean-Michel Jarre und viele mehr. Die Interviews sind amüsant, bringen aber kaum wirkliches Neues für den Hardcore-Dylan-Fan. Es sind persönliche Meinungen über Dylan, Konzerterfahrungen und persönliche Begegnungen. Eigentlich eine gute Idee, so ein Buch mit Interviews vollzubekommen.

Wirklich interessant fand ich nur die humorvollen Ausführungen von Joan Baez über Dylan-Fan Steve Jobs, mit dem die Dame ja auch liiert war. Sie hatte die Chance, Dylan und Jobs wohl nackt zu sehen, wenn auch nicht gleichzeitig, wie sie bemerkte. Das zeugt von Humor. Das hat mich natürlich als Apple-Fan Boy sehr interessiert. Es gibt kaum Aussagen von Baez zu Steve Jobs, aber hier geriet die Dame ins Plaudern. Jobs sei ein Kontrollfreaks gewesen und er war von der Chance von IT überzeugt. Da gab es öfters Krach zwischen den beiden, Über Dylan erzählte sich nichts neues, aber über das Verhältnis zu Jobs gab es für mich Neuigkeiten.

Nun, was mache ich zum 83. Geburtstag von Bob Dylan. Ich werde wie so oft seine Lieder hören. Meine Lieblingsbootleg-Quelle im Netz ist zwar verstummt. Wahrscheinlich haben es die Juristen platt gemacht. Nun ich werde das Interview mit Elvis Costello aus dem Buch Forever Young: Unsere Geschichte mit Bob Dylan nochmals lesen und seine Erinnerungen vom 30. März 1995 als er zum ersten Mal gemeinsam mit Dylan auf der Bühne in London stand. I shall be released haben sie gesungen, schönes Bootlegvideo. Daher alles Gute zum Geburtstag Bob Dylan und May You Star forever Young.

Wenn Musiker politisch werden: Die Ärzte

29. April 2024

Wenn Musiker politisch werden, werde ich aufmerksam, denn Musik kann absolut politisch sein und die Massen in die eine oder andere andere Richtung bewegen. Beispiele gibt es viele von den Liedermachern wie Reinhard Mey, Konstantin Wecker oder Hannes Wader über die Mundartdichter BAP, die Politik-Rocker von Ton Steine Scherben bis hin zu Punk aller politischen Schattierungen. Mein Highlight zum Demokratie-Bekenntnis stammt noch aus der Phase der Neuen Deutschen Welle: 1988 sang Andreas Dorau den wunderbaren Song Demokratie – langweilig wird sie nie vom Album Andreas Dorau und Die Bruderschaft Der Kleinen Sorgen.

Andreas Dorau ist für die junge Generation eher Geschichte, jetzt legen die Ärzte nach. Die Punkrock-Band ruft mit einem KI-generierten Video zum Wählen bei der Europa-Wahl auf. „Dein Kreuz gegen Haken­kreuze“, heißt es im Song­text von „Demokratie“. „Wir agieren als Band politisch, weil Neutralität gar keine Option ist heut­zutage“, sagt Sänger Farin Urlaub. Bela B, Farin Urlaub und Rod González mahnen zum Wählen: „Du bist wesentlich“.

So ein richtiger Ärzte-Fan bin ich nicht. Ich fand nie den Zugang zu ihrer Musik, aber wer zum Wählen aufruft den unterstütze ich, vor allem, wenn es bei einer so wichtigen Wahl wie der Europawahl geht.

„Eigentlich leben wir in einem demokratischen Staat, der felsenfest auf seiner Grundordnung steht und doch scheint die Demokratie grad mehr als sonst ein besonders zu schützendes Gut zu sein“, sagte Schlagzeuger Bela B der Deutschen Presse-Agentur. Gitarrist Farin Urlaub sagte, er habe das Gefühl, Deutschland werde den USA immer ähnlicher: „Alle schreien, niemand hört mehr zu; alle haben recht, Fehler machen immer die Anderen; und Kompromisse gelten schon als eine Niederlage.“
Sehr bezeichnend finde ich, dass die Ärzte mit einem KI-generierten Video werben. Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Thema Künstliche Intelligenz und da ist das Video absolut passend.

Knapp vier Milliarden Menschen in 70 Ländern, fast die Hälfte der Weltbevölkerung, treten laut Berechnungen dieses Jahr den Gang zur Wahlurne an, auch in Deutschland: Neben zahlreichen Kommunal- und Landtagswahlen werden deutsche Wahlberechtigte im Juni über das Europäische Parlament abstimmen. Mit der zunehmenden Verbreitung und Zugänglichkeit von Künstlicher Intelligenz wächst das Risiko, dass Wähler desinformiert und in ihrer Entscheidung beeinflusst werden. Experten des europäischen IT-Sicherheitsherstellers ESET gehen davon aus, dass Wahlmanipulationen durch KI in verschiedenen Formen auftreten werden. Generative KI kann sehr realistische gefälschte Inhalte erstellen, sogenannte Deepfakes. Die Idee dahinter: Die manipulierten Bilder und Videos sollen das Image von Politikern beschädigen und Ereignisse inszenieren, die nie stattgefunden haben. Ziel solcher Aktionen ist es, politische Gegner zu diffamieren, was im Wahlkampf Stimmen kosten kann.
Da die Produktionstechnik stetig ausgefeilter wird, fällt es immer schwerer, zwischen authentischen und gefälschten Inhalten zu unterscheiden. Um ein solches Videos zu erstellen, benötigt man nur das richtige Rohmaterial an Daten, beispielsweise Videos, Bilder und Tonaufnahmen – all dies gibt es von Politikern online en masse. KI-Tools, die mit Hilfe dieser Daten Bilder, Texte und Audiodateien generieren, sind online für eine geringe Nutzungsgebühr verfügbar und erstellen innerhalb kürzester Zeit authentisch wirkende Medien.

Desinformation durch KI
Desinformation mit KI bei Wahlen ist längst Realität
In den USA, wo der Präsidentschaftswahlkampf bereits im vollen Gange ist, erfreuen sich KI-Tools bereits großer Beliebtheit, um politische Gegner zu diffamieren. So forderte beispielsweise ein KI-Anrufer Wähler im US-Bundesstaat New Hampshire dazu auf, nicht an den Vorwahlen teilzunehmen und torpedierte somit den Wahlkampf des amtierenden US-Präsidenten Joe Biden.

Das Ende 2022 in der EU in Kraft getretene „Gesetz über digitale Dienste“ (Digital Services Act) nimmt Suchmaschinen- und auch Social-Media-Betreiber in die Pflicht, Risiken bei Wahlprozessen abzumildern. Dazu gehört auch die Reaktion auf Desinformation. Die Löschung fragwürdiger Inhalte kann trotzdem einige Zeit in Anspruch nehmen. Nutzer sollten sich deshalb an die folgenden Tipps halten, wenn sie auf scheinbar brisante Neuigkeiten und Skandale politischer Würdenträger im Internet stoßen:

ESET Deutschland gibt ein paar Tipp, die ich gerne verbreite. Überprüfen Sie die Quelle:

Überprüfen Sie die Glaubwürdigkeit der Quelle, insbesondere bei unbekannten oder fragwürdigen Nachrichtenquellen.

Analysieren Sie den Inhalt: Achten Sie auf Anzeichen von Unstimmigkeiten, Ungenauigkeiten oder übermäßig emotionalen Inhalten, die auf eine mögliche Manipulation hinweisen könnten.

Achten Sie auf Details: Obwohl KI-Technologien immer besser werden, kommt es immer noch zu Fehlern und Ungenauigkeiten. Häufig sehen auf Bildern beispielsweise Hände unnatürlich aus, in Videos wirken Lippenbewegungen ungenau bzw. asynchron.

The Beatles Let it Be kommt restauriert

23. April 2024

Nun soll es also doch noch kommen. Nach Get Back soll nun der Originalfilm Let it Be von den Beatles veröffentlicht werden. Wir erinnern uns: Am 8. Mai 1970 wurde das zwölfte und letzte Album der Beatles auf den Markt geworden und dazu kam ein Kinofilm, der, sagen wir mal so, recht düster und in Teilen deprimiert war. Am 8. Mai 2024 kommt nun der Film bei Disney+. Ich geh davon aus, dass der Film auch auf Bluray später veröffentlicht wird. Ein Datum habe ich nicht gefunden.

Aus dem 16mm-Material der Filmaufnahmen schuf Peter Jackson eine mehrstündige Beobachtung, die das Ende der Beatles dokumentierte. Bild und Ton wurden optimal restauriert. Unter Get back wurden die Aufnahmen bei Disney+ gestreamt und dann später auf Datenträger veröffentlicht. Für mich war Get Back ein optischer und musikalischer Schatz als Beatles-Fan und stimmte mich versöhnlich, dass die Musiker zusammen kreativ waren, zusammen lachten und natürlich auch zusammen streiten. Get Back war alles in allem ein positiver Film über das Ende einer Supergruppe.

Ganz anders der rund einhalbstündige Originalfilm Let it Be von 1970. Ich hatte mal eine Bootleg-VHS und investierte dann in eine teure digitale Laserdisc, um mir das Trauerspiel und die Trauermienen anzuschauen. Let it Be war ein interessanter Film, der die Risse zwischen den Musikern zeigte. Hier der Trailer von 1970.

Interessant, wie Peter Jackson aus diesem und mehr Material die Stimmung in Get Back gedreht hatte. Was Film so alles kann, basierend auf dem gleichen Material. Aber Let it Be zeigt anderes Material als der Jackson-Film Get Back.

Jetzt wurde der Film von 1970 von Regisseur Michael Lindsay-Hogg restauriert. Wahrscheinlich erstrahlt er in besserer Qualität als meine Laserdisc. Ich warte auf die Bluray Veröffentlichung, um beide Aufnahmen vergleichen zu können. Hier das Plakat von Disney+.

Michael Lindsay-Hogg erklärte in einer Pressemitteilung: „‚Let It Be‘ wurde im Oktober/November 1969 fertiggestellt, aber es kam erst im April 1970 heraus. Einen Monat vor seiner Veröffentlichung trennten sich die Beatles offiziell. Und so sahen sich die Leute ‚Let it Be‘ mit Traurigkeit im Herzen an und dachten: ‚Ich werde die Beatles nie wieder zusammen sehen. Ich werde nie wieder diese Freude haben`, und das hat die Wahrnehmung des Films sehr getrübt.“ Man kann sich die Sache auch schön reden und rechtfertigen. Für mich war, ist und wird Let it Be ein trauriger Film bleiben und trotzdem werde ich ihn mir kaufen, wenn er auf Bluray herauskommt.

Peter Jackson hat natürlich auch was zu sagen: „Ich freue mich riesig, dass Michaels Film ‚Let It Be‘ restauriert wurde und nun endlich wieder veröffentlicht wird, nachdem er jahrzehntelang nicht erhältlich war. Ich hatte das Glück, Zugang zu Michaels Outtakes von ‚The Beatles: Get Back‘ zu haben, und ich habe immer gedacht, dass man ‚Let It Be‘ braucht, um die Geschichte von ‚The Beatles: Get Back‘ zu vervollständigen.“

Netflix-Dou The Greatest Night in Pop – Rückblick auf den Song Song „We Are the World“

4. März 2024

Ich mag ja Musikdokumentationen. Sie erklären und Glorifizieren ein musikalisches Ereignis oder einen Künstler. Sie sind Seelenbalsam für den Fan. Und daher machte ich mich daran, die Doku „The Greatest Night in Pop“ anzusehen, die auf Netflix veröffentlicht wurde. Es ist ein Blick hinter die Kulissen, wie im Januar 1985 über Nacht der Song „We Are the World“ aufgenommen. Damals schlossen sich Musiker unter der Leitung von Produzent Quincy Jones um eine Single zu produzieren, deren Erlös den Hungernden in Äthiopien zugute kam.

Nun, es wurden Unmengen an Kohle durch das seichte Liedchen eingespielt. Auch ich habe mir die Single damals gekauft, die in der Nacht vom 28. auf den 29. Januar 1985 eingespielt wurde. 45 Musiker waren dabei und es war ein Who-is-Who der damaligen Pop-und Rockbranche, die dann unter den Namen USA for Africa firmierte. Lionel Richie und Michael Jackson hatten den Song „We Are the World“ komponiert, kein wirkliches Meisterwerk, aber eine eingängige Melodie. Eigentlich sollte Stevie Wonder auch mitschreiben, der war aber nicht erreichbar und dann sauer, dass er nicht mitgeschrieben hatte. Die Netflix-Doku „The Greatest Night in Pop“ von Regisseur Bao Nguyen zeigt etwas pathetisch den Blick hinter die Kulissen.

Um alle Künstler unter einen Hut zu bringen, wurde als Aufnahmetermin die Nacht des American Music Awards gewählt, weil zu diesem Zeitpunkt viele der Stars in LA anwesend waren. Sehr gut dokumentiert, wie sich der Druck aufbaute. Und wie relativ gut die Geheimhaltung war, denn soviel Stars auf einen Haufen wären ein Fressen für die Presse gewesen. Aber das Ereignis wurde gut dokumentiert und Teile des Materials kursierten schon lange im Netz. Die Doku ordnete sie, ergänzte sie und kommentierte sie.

Ich mag ja einige der Stars, die hier zusammenkamen, aber am meisten interessierte mich – wie könnte es anders sein – der Part von Bob Dylan. Die Legende hatte in den achtziger Jahren nicht seine beste Zeit und ist es absolut nicht gewohnt zu arbeiten, wenn andere zusehen.

Aber als Dylan-Fan interessierte mich vor allem, wie His Bobness die Nacht verbrachte und ihn war anzusehen, dass er zwar dabei war, aber der Kopf und die Gedanken des Musikers waren wohl woanders. Im Grunde sah er aus wie wie Sturmkrähe. Er konnte oder wollte sich die simple Textzeile nicht merken und interpretierte seinen Part immer wieder auf andere Weise, brach ab, bat Stevie Wonder um Unterstützung. Wonder spielte Dylans Part am Klavier und imitierte den Gesang der Musikikone. Das brach wohl das Eis. Dylan bekam eine Extrawurst und die meisten Musiker mussten das Studio verlassen als Dylan seinen Part einsang. Produzent Quincy Jones blieb ruhig und konzentriert, war aber wohl froh, als der Gesangspart von Bob Dylan vorbei war. Während die anderen Musiker und Sänger sich in Szene setzen und Vollprofis waren, hatte Dylan wohl etwas eingenommen, war sichtlich nervös und das Unbehagen war ihm ins Gesicht geschrieben. Der Kopfhörer hing schief und die ganze Sache schien ihn keinen rechten Spaß zu machen.

„Lasst euer Ego vor der Tür“ hatte Quincy Jones die Stars gebeten und es hat scheinbar funktioniert. Nun Stevie Wonder schoß quer, weil er meinte, dass eine Songzeile in Kiswahili besungen werden sollte. Allerdings spricht man in Äthiopien kein Kiswahili. Country-Outlaw Waylon Jennings warf das Handtuch und ging mit den Worten „Die guten alten Jungs haben nie Kiswahili gesungen.“

Vielleicht hätten die Musikmillionäre nicht ein Lied für Äthiopien singen sollen, sondern vielleicht hätte man zusammenlegen sollen und hätte Äthiopien gekauft. Mir hat die Doku einen Spaß bereitet und nah Band Aid und später Live Aid war klar: Auch Musiker konnten sich für etwas engagieren.