Archive for März 2020

Buchtipp: Monty Python von Andreas Pittler

11. März 2020

Meine Humorhelden werden immer weniger. Vor kurzer Zeit, am 21. Januar 2020, verstarb Terry Jones, der durch die britische Komikergruppe Monty Python weltberühmt wurde. Jones hatte eine Demenzerkrankung und konnte keine Interviews mehr geben.
Als ich mir Leben des Brian zum wiederholten Male ansah, griff ich anschließend in meinen Bücherschrank und las an einem Nachmittag die kurze Monty Python Biografie Monty Python. 100 Seiten von Andreas Pittler durch. Sie erschien in der Reihe 100 Seiten und bringt komprimiert das Werk der britischen Komikergruppe auf den Punkt. Andreas Pittler lädt zu einer Besichtigung der Klassiker des britischen Humors und würdigt feinsinnige Gags oder pointierte Geschmacklosigkeiten – von The Ministry of Silly Walks über das Fußballmatch der Philosophen bis zu Die Ritter der Kokosnuss oder dem weltweiten Kinohit Life of Brian. Immer wieder setzte ich beim Lesen des Reclam-Buches ab und erinnerte mich an die genialen Sketche der Truppe. Ich erinnerte mich, dass ich viele der Dialoge der Pythons auswendig mitsprechen konnte und das viele der Sprüche in meinen Sprachgebrauch übergegangen sind.
Kleine Episode gefällig? Wir in Bayern haben beispielsweise am nächsten Sonntag Kommunalwahl. Als ich vor langer Zeit Student war, engagierte ich mich als Wahlhelfer in meiner Heimatgemeinde und gab die Wahlzettel aus. Dabei sprach ich die legendären Worte bei der Bürgermeisterwahl „Jeder nur ein Kreuz!“ Die Wählerinnen und Wähler nahmen den Wahlzettel von mir in Empfang und schritten zur Wahl. Einige der Wähler grinsten und brachen in der Wahlkabine in Lachtränen aus. Sie hatten den Witz verstanden und sie outeten sich als Fans.
Wer also einen kleinen Überblick über das Werk von Monty Python und der Soloprojekte haben will, dem empfehle ich das kleine Büchlein Monty Python. 100 Seitenvon Andreas Pittler.

Filmtipp: Onward: Keine halben Sachen von Pixar

10. März 2020
Der neue Pixar ist eine wahre Freude.

Der neue Pixar ist eine wahre Freude.

Ich mag die Pixar-Filme, weil sie eine Geschichte erzählen, tiefe, inhaltsreiche Geschichten. Anders wie viele Animationsfilme liefert Pixar neben technischen Raffinesse vor allem Tiefgang. Und daher ging mir das Herz auf, als ich den neuesten Pixar Onward: Keine halben Sachen im Kino ansah.
Onward steht in der Tradition von Coco, der eigenständige Pixar-Film des Jahres 2017. In Onward geht es um die beiden Elfen-Brüder im Teenager-Alter, die nicht glauben wollen, dass es in der Welt keine Magie mehr gibt. Also machen sie sich auf die Suche und haben ihren zum Leben erweckten Vater mit dabei. Onward lässt den Zuschauer lachen, mitfiebern und auch ein bisschen weinen, denn es ist eine zutiefst menschliche Geschichte, eingebettet in eine 103minütige Fantasy-Welt. Regisseur Dan Scanlon durfte zuvor 2013 Die Monster Uni inszenieren und er ist mit Onward gereift. Pixar und Disney gingen mit Toy Story 4 und anderen Franchise-Filmen auf Nummer sicher.
Dagegen bewegt sich Onward auf neuen Terrain. Dafür muss man den Verantwortlichen bei Pixar danken, dass die Kreativen dort Raum zur Entfaltung bekommen. Und in Onward gibt es eine Menge von diesem Entfaltungsraum mit allerhand Zitaten aus der Filmgeschichte. Back to the Future, Exorzist oder Kampf der Titanen seien nur als kleine, aber auffällige Beispiele genannt.
Ich habe die magische Reise unheimlich genossen, mich an die kleinen und großen Geschichten in der großen Geschichte erfreut. Und es zeigt sich, wie gut Filme funktionieren, wenn sich die Akteure auf einer Reise, auf einer Suche befinden. Es muss ein Rätsel gelöst werden und alle Spieler von Rollenspielen wie das schwarze Auge werden dem begeistert zustimmen. Nicht der direkte Weg führt zum Ziel, sondern Umwege. Und es zeigt sich bei Onward, dass Familiengeschichten das Herz berühren. Die Sehnsucht nach einer Familie ist Kern des US-amerikanischen Kinos und davon profitiert Onward.
Die Autoren des Films verbeugen sich vor der Tradition des US-Kinos und vor allem des Roadmovies. Wenn eine Unmenge von Polizeiwägen mit Blaulicht unsere Helden jagt, dann verbeugt sich Onward vor den Roadmovie Auf dem Highway ist die Hölle los oder Ein ausgekochtes Schlitzohr. Der Rockerfilm kommt vor und ich erwarte eigentlich Marlon Brando mit the Wild One. Aber dafür tritt der Vater als der Der Unsichtbare (The Invisible Man) von 1933 auf. Und wenn wieder ein Quest gelöst wird, wird der große Steven Spielberg mit Indiana Jones und der letzte Kreuzzug zitiert. Das Überschreiten der Schlucht oder die rotierenden Messer im Tunnel sind Indy Jones pur.
Onward: Keine halben Sachen ist ein absolutes Kino-Muss und für mich das Animationshighlight des Jahres. Pixar kann es eben.

Die Geheimnisse des schönen Leo – Benedikt Schwarzers HFF-Film über CSU-Mann Leo Wagner

9. März 2020
Die Geheimnisse des schönen Leo. Dokumentarfilm von Benedikt Schwarzer. Foto: Schwarzer Die Geheimnisse des schönen Leo. Dokumentarfilm von Benedikt Schwarzer. Foto: Schwarzer

Als Filmfan mag ich Dokumentarfilme und wenn sie sich um Politik drehen, mag ich sie sogar besonders gerne. Und so war ich neugierig als ich eine Einladung zu Benedikt Schwarzers Film „Die Geheimnisse des schönen Leo“ bekam. Schwarzer ist Absolvent der HFF und ich durfte ihn im Rahmen des Förderprogramms für journalistische Nachwuchsförderung der HSS das ein und andere Mal schulen.

Benedikt Schwarzer hat seinen HFF-Film über seine Familie gedreht. Er ist der Enkel von Leo Wagner, den ältere Politikinteressierte noch kennen werden. Der CSU-Politiker war enger Vertrauter von Franz-Josef Strauß, hatte eine Schwäche für das Kölner Rotlichtmilieu und verkaufte Informationen an die Stasi. Unklar ist, ob er der zweite Abgeordnete war, der 1972 das Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Bundeskanzler Willy Brandt scheitern ließ?
Der Film lief am Vorabend der Tag der Archive in der Hanns-Seidel-Stiftung München und allerhand alte CSU-Prominenz war erschienen. Die Gebrüder Strauß waren da sowie der ehemalige Büroleiter von FJS Wilhelm Knittel. Sie und viele mehr, wollten sehen, was Benedikt Schwarzer über seinen Großvater Leo Wagner herausgefunden hat. Danke an Renate Höpfinger von der HSS, die den Abend mit ihrem Team organisierte.
Anfangs war ich skeptisch über einen Familienfilm. Fehlt hier nicht die kritische Distanz, die man als Dokumentarfilme für einen Dokumentarfilm braucht? Und als es viel über die Familie ging, hatte ich die Befürchtung, dass „Die Geheimnisse des schönen Leo“ in eine falsche Richtung gehen. Aber ich habe mich getäuscht. Mehr und mehr nimmt der Film Fahrt auf. Der gewählte Titel „Die Geheimnisse des schönen Leo“ führte mich auf einen falschen Weg. Natürlich haben wir zum einen die politische Figur Leo Wagner, die der CSU durch seinen Lebensstil enormen Schaden zugefügt hat. Aber der Titel deutet auch eine enorme innerfamiliäre Dimension an, die ich nicht erwartet habe. Als Zuschauer war ich eigentlich an der öffentlichen Person Leo Wagner interessiert. Tagsüber seriöser Politiker in Bonn, taucht der schöne Leo nach Feierabend ins Kölner Nachtleben ab. Für seinen ausschweifenden Lebenswandel braucht er Geld, viel Geld. Ein Besuch in seinem Stammlokal „Chez nous“ kostet gerne mal 2.000 DM am Abend, viel Geld in der damaligen Bonner Republik. Als die Schuldenlast zu groß wird, lässt er sich von der Stasi anwerben. Und was alle interessiert: Bis heute steht ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum. Leo Wagner könnte 1972 einer von zwei Abgeordneten gewesen sein, die das Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt überraschend scheitern ließen – und das im Auftrag der DDR. Hier bietet der Film keine klare Antwort. Schwarzer hat im Zuge seiner Recherchen eine Vielzahl von Experten und Zeitgenossen interviewt: Weggefährten, Familienangehörige, ehemalige Stasi-Mitarbeiter. Den endgültigen Beweis, dass Wagner von der DDR für seine Stimmenthaltung bezahlt wurde, kann er nicht erbringen. Aber für viele Weggefährten aus dem schwäbischen Raum war die Enthüllung der Stasi-Akten nach der Wende neu.
Aber die öffentliche Person Leo Wagner rückt im Laufe des Films mehr und mehr in den Hintergrund und die private Person und die Umstände seiner Ehe rücken in den Vordergrund. Eigentlich sind die Ereignisse privat, aber Benedikt Schwarzer zieht sein Familienleben in den hellen Schein der Öffentlichkeit. Eigentlich dürfen einen die persönlichen Angelegenheiten nicht interessieren, aber Benedikt Schwarzer inszeniert sie so unglaublich spannend, dass man als Zuschauer nur zuschauen kann. Ich will aber nichts über die Ereignisse verraten. Ich gehe davon aus, dass alle Einstellungen dokumentarisch und damit authentisch sind. Und sie sind der Hammer.

Matthias J. Lange im Gespräch mit Benedikt Schwarzer. Matthias J. Lange im Gespräch mit Benedikt Schwarzer.

Benedikt Schwarzer versteht sein Handwerk. Der Filmemacher arbeitete zunächst freiberuflich als Fotoassistent und Fotodesigner im Bereich Werbung und Porträt sowie als Regie- und Kameraassistent bei Dokumentar- und Spielfilmen. 2010 bis 2017 studierte er Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF). Von 2011 bis 2015 war er Stipendiat im journalistischen Förderprogramm der Hanns-Seidel-Stiftung, dort lernte ich ihn kennen. Sein Drehbuch zum Film ist hervorragend und ich muss zugeben: Das Leben schreibt die besten Geschichten. Wenn der „Die Geheimnisse des schönen Leo“ ein Spielfilm wäre, würde man sagen: Mann oh Mann, das klingt schon ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Da es aber ein Dokumentarfilm ist, bin ich völlig platt.
Der Film wurde von der Filmförderung und öffentlich-rechtlichen Sendern finanziert, so dass „Die Geheimnisse des schönen Leo“ sicher bald im Fernsehen gezeigt wird.

 

Zehn Minuten von Mulan

8. März 2020
Obwohl die neue Disney-Produktion Mulan erst in der kommenden Woche der Presse als kompletter Film gezeigt wird, hatte ich die Gelegenheit zehn Minuten des neuen Disney-Films Mulan zu sehen. Es handelte sich um drei unterschiedliche Szenen, die laut Disney in der finalen Fassung noch verändert werden können. Aber danke an Disney für den Einblick.
Ich will euch am Weltfrauentag meine Eindrücke der drei Szenen von Mulan schildern. Warum am 8. März? Ganz einfach, weil Mulan eine Frau ist, die als Mann in den Kampf zieht.
Zehn Minuten von Mulan haben mir gefallen.

Zehn Minuten von Mulan haben mir gefallen.

Mulan ist eine weitere Realverfilmung eines Disney-Zeichentrickfilms und er hat ganz gute Chancen, ein Blockbuster zu werden. Die Zeichen dafür stehen gut. Eine andere Realverfilmung König der Löwen von 2019 war für mich eine absolute Katastrophe. Die Special Effects waren zwar hervorragend, doch fehlte dem Film die Seele. Es war eine CGI-Orgie ohne Herz.
Das soll bei Mulan nicht passieren. Mulan war der 36. abendfüllende Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios und erschien im Jahr 1998. In der Realverfilmung spielt Liu Yifei die Hua Mulan und das macht sie in den drei Szenen überzeugend.
Kurz zur Handlung: Hua Mulan ist die älteste Tochter eines hoch geehrten Kriegers. Sie hat Temperament, Hingabe und ist schnell zu Fuß. Als der Kaiser befiehlt, dass ein Mann aus jeder Familie in der Armee dienen muss, springt Mulan für ihren kranken Vater ein. Sie wird zu Hua Jun und einer von Chinas größten Kriegern.
Ich durfte drei Szenen von insgesamt zehn Minuten betrachten. Szene eins war ein Gespräch zwischen Vater und Tochter mit allerlei pseudophilosphischen Geschwafel über Ehre. Ist zwar geschwätzig, muss aber in jeden Martial-Arts-Film hinein. Die Szene ist mit viel Gefühl angelegt. Was angenehm ist: Der Gesang des Zeichentrickfilms wurde gestrichen. Den Score komponierte Harry Gregson-Williams, in Hollywood und in der Videospielindustrie kein Unbekannter und ein routinierter Komponist. Allerdings: Zum Score lässt sich (noch) nicht viel sagen. In dieser Szene war die Musik gut eingesetzt.
Die zweite Szene war die Ausbildung von Mulan. Sie kämpft mit dem Speer auf einem Exerzierplatz und weißt als Frau einen männlichen Krieger in die Schranken, bleibt aber als Frau unerkannt. Die Szene hat Dynamik, viel CGI. Unterschied zum Zeichentrickfilm: Die männliche Hauptfigur des Hauptmanns Li Shang wird durch den Rekruten Chen Honghui ersetzt und die Funktion als Mulans Ausbilder verkörpert die neu geschaffene Figur des Kommandanten Tung.
Die dritte und letzte Szene, die ich gesehen habe, war eine Kampfszenen mit flotter Verfolgungsjagd zu Pferd. Auch hier kommt massenhaft CGI zum Einsatz, aber es zerstört den Film nicht. Die Szene macht Lust auf mehr.
Sehr gut ist es, dass Disney eine Frau auf dem Regiestuhl Platz nehmen ließ. Niki Caro ist ein Neuling und wurde mit einer Millionen-Dollar-Produktion betraut. Daher kommt dieser Post zum Weltfrauentag. Die gezeigten zehn Minuten haben mich überzeugt und ich werde mir den kompletten Film in meinem Lieblingskino Scala in Fürstenfeldbruck ansehen.
Ach ja, bevor einer fragt: Nein, der Drache Mushu aus dem Zeichentrickfilm wird in der Realverfilmung nicht auftauchen. Disney hat aus dem Fehler von König der Löwen gelernt.

Tribute to Karl – Handschuhe von Roeckl zu Ehren von Karl Lagerfeld

6. März 2020

Mein Gott, der Karl ist jetzt über ein Jahr tot und wenn ich die Welt der Mode ansehe, merke ich, wie sehr König Karl fehlt. Ich vermisse die Ikone Karl Lagerfeld und schaue noch immer gerne Fotobücher seiner Shows an. Vor kurzem gönnte ich mir einen Bildband zu Chanel. Chanel. Ein Name – Ein Stil von Jérôme Gautier. Chanel: The Vocabulary of Style

Coco Chanel erfand die Damenmode neu: Sie schuf einen zeitlosen Stil, der bis heute nichts an Einzigartigkeit verloren hat, und zählt ohne Zweifel zu den einflussreichsten Modedesignerinnen des 20. Jahrhunderts. Dieser Band ist eine Reminiszenz an ihr Schaffen: Glamouröses Fotomaterial aus Coco Chanels Zeit wird zeitgenössischen Fashionshoots gegenübergestellt und macht eindrucksvoll erkennbar, dass Chanels Linie auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Stringenz verloren hat. Die typischen Materialien Jersey und Tweed, strenge Schnitte und Klassiker wie das „Kleine Schwarze“ bestechen bis heute mit zeitloser Eleganz und dem gewissen Etwas. Die zahlreichen und opulenten Aufnahmen von hochkarätigen Fotografen wie Horst P. Horst, Cecil Beaton, Richard Avedon, Mario Testino, Annie Leibovitz und Karl Lagerfeld sind eindrucksvoll. Ich mag den fotografischen Stil von Lagerfeld.

Besonders gefreut hat mich, dass zum ersten Todestag von Lagerfeld meine Lieblingshandschuhfirma Roeckl eine Hommage an König Karl herausgebracht hat. Roeckl hat den limitierten Lederhandschuh Tribute to Karl kreiert. Die kurzen Halbfinger-Handschuhe sind aus extra weichem Haarschaf Nappaleder gefertigt und erzeugen einen exklusiven Glam Rock Look. Ich war sofort verliebt in die Handschuhe und bestellte mir ein paar der auf 40 Stück limitierten Auflage für Herren.

Mein Modell für Herren wird durch ein sehr feines Leder-Lacing mit einer Gunmetal Panzerkette mit dem Lochnietensaum der Handschuhe verbunden. Dieses Dekorelement wird auch an den offenen Fingern weitergeführt. Durch die halbkugelförmige Öffnung an der Oberhand kommt der opulente Kettensaum besonders gut zur Geltung. Eine Vollsteppnaht sorgt für maximalen Tragekomfort und Sportlichkeit.
So begeistert ich von den Handschuhen war, so entsetzt war ich über die Verpackung. Ich bestellte online und die Lieferung erfolgte prompt. Allerdings kamen die hochwertigen Designerhandschuhe in einem simplen Pappumschlag daher. Die Handschuhe waren in einer Plastiktüte verpackt. Roeckl, was soll das? Ihr seit ein Design-Unternehmen, ihr habt Stil und Geschmack und dann bekomme ich so eine langweilige Verpackung. Keine Schachtel, kein Etui für Handschuhe dieser Preisklasse. Schämt euch und Karl Lagerfeld dreht sich im Grab um.

 

Riga: Warum wird Heinz Erhardt kein Denkmal gesetzt?

5. März 2020
Für mich einer der ganz Großen: Heinz Erhardt

Für mich einer der ganz Großen: Heinz Erhardt

Als der beliebteste deutsche Humorist nach Loriot gilt Heinz Erhardt. Der Wortakrobat verkörperte für mich die Zeiten des Wirtschaftswunders pur. Ich kenne Heinz Erhardt nur von Schallplatten und Filmen. Als ich vor kurzem in Riga weilte, machte ich mich auf die Suche nach Spuren von Heinz Erhardt.
In Riga wurde Heinz Erhardt am 20. Februar 1909 geboren. Riga gehörte damals zum russischen Kaiserreich, war aber komplett deutsch geprägt. Mein Vorwurf an Riga: Warum habt ihr Heinz Erhardt komplett vergessen? Die Stadtoberen verweisen an allen Ecken auf Richard Wagner, der ein paar Jahre in Riga gewirkt hatte, aber keine Spur eines Denkmals von Heinz Erhardt. Wagner-Büsten und -Plaketten überall, aber kein Erhardt – das ist eine Schande und hier vergibt sich Riga allerhand Tourismuswerbung, denn Heinz Erhardt hat noch immer treue Fans.

Mein deutscher Reiseführer und Erhardt-Experte Maik Habermann zeigte mir die Stätten des berühmten Mannes. Ich stand vor der ehemaligen Musikalienhandlung im Zentrum von Riga. Hier betrieb der Großvater Paul Neldner ein erfolgreiches Musikhaus. Über 120 Klaviere und Flügel wurden zum Kauf angeboten. Hier lernte der kleine Heinz auch das Klavierspiel. Es gibt Kompositionen von Erhardt aus den Jahren 1925 bis 1929, die ihn als extrem begabten Klavierspieler und Komponisten zeigen. Sie wurden erst nach dem Tod des Komikers entdeckt und veröffentlicht Heinz Erhardt, mal klassisch: 24 Klavierkompositionen. Heinz Vater war Kapellmeister und so liegt die Musik im Blut der Familie. Der Großvater war in seiner Zeit ein angesehener Mann. Er veranlasste, dass das Libretto zu Wagners Tristan ins Russische übersetzt und in St. Petersburg aufgeführt wurde. Der Großvater bekam als Dank dafür vom Zaren Manschettenknöpfe mit dem russischen Doppeladler aus Brillanten.

Die Musikalienhandlung von Heinz Erhardts Vater in Riga.

Die Musikalienhandlung von Heinz Erhardts Großvater in Riga.

Der Schüler Heinz Erhardt, der 14 Mal die Schule wechseln musste, war kein großes Notenvorbild. Da der Vater in Europa verschiedenste Anstellungen hatte, musste der kleine Heinz mit. Ohne Abschluss verließ er das Gymnasium 1926 und ging ans Konservatorium nach Leipzig und wieder zurück nach Riga, um in der Musikalienhandlung seines Opas eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Aber die Welt der Zahlen war für Heinz nichts.

Heinz Erhardt-Experte Maik Habermann.

Heinz Erhardt-Experte Maik Habermann.

Er wollte auf die Bühne. Der erste nachweisliche Auftritt war 1928 bei der Weihnachtsfeier der Pfadfinder in Riga als Pausenfüller. Seine humoristischen Lieder zur Laute kamen extrem gut an. Später war im Zweiten Weltrieg in der deutschen Truppenbetreuung tätig und nach dem Krieg begann seine Rundfunk-, später seine Filmkarriere.
Als Jugendlicher sah ich im linearen Fernsehen die Klassiker: Natürlich die Autofahrer, Immer die Radfahrer, Witwer mit fünf Töchtern, Drillinge an Bord – später kamen Pennäler- und Beamtenfilme dazu, die ich eher schwach fand.
Ich hatte mehrere Schallplatten von Telefunken wie diese 100 Jahre Heinz Erhardt – Die kompletten Telefunken-Aufnahmen, die ich gerne hörte und las als Schüler auch seine Gedichtbände und versuchte mich am zitieren – mit mäßigen Erfolg. Erhardt hatte einen Humor, der mir lag, und in Riga zitierte mein Reiseleiter Maik Habermann immer wieder aus dem Reimwerk von Heinz Erhardt Das große Heinz Erhardt Buch. Und ich bleibe bei meiner Forderung: Setzt Heinz Erhardt ein Denkmal in Riga.

Buchtipp: Social Media Marketing von Corina Pahrmann und Katja Kupka

4. März 2020
Klare Empfehlung

Klare Empfehlung

Zwar weiß ich viel, doch will ich alles wissen. Ich mach ja viel in Sachen Social Media, doch stoße ich auch das eine und andere Mal an meine Grenzen. Was mache ich dann? Entweder rufe ich meinen Kollegen Gero Pflüger an oder ich greife zum Buch Social Media Marketing von Corina Pahrmann und Katja Kupka. Letzteres ist soeben in der fünften Auflage erschienen und wurde von den Herausgeberinnen aktualisiert.
Das ist natürlich immer ein Balanceakt, ein gedrucktes Buch zu einem elektronischen Thema auf den Markt zu bringen. Gerade hier können Informationen über Nacht schon veraltet sein, wenn Facebook, Twitter und Co mal schnell ihren Algorithmus ändern oder neue Features integrieren.
Aber dieses 626-seitige Kompendium, erschienen beim renommierten O’Reilly-Verlag, bringt Theorie und Praxis zusammen. Das Buch selbst versteht sich als Praxishandbuch. Nach dem Lesen ist es bei mir nicht im Schrank verschwunden, sondern es liegt griffbereit in der Nähe meines Schreibtisches und ich empfehle es ausdrücklich in meinen Seminaren für Social Media. Dabei geht es nicht nur um klassische Netzwerke der alten Art, sondern die Autoren kümmern sich auch um TikTok und Co. Weiterhin lesenswert sind die Ausführungen über Content Marketing und Storytelling, wobei ich lachen musste, als dies als neuer Trend verkauft wird. Storytelling mache ich als gelernter Journalist vom ersten Tag an, aber jetzt entdecken es die Marketingfuzzis und machen ein Fass auf. Da in der Branche weniger das Bauchgefühl zählt als vielmehr die nackten Zahlen, geht es auch um Monitoring und Analyse, was ich grundsätzlich gut finde, wenn man es nicht übertreibt.
Wichtig sind auch die Ausführungen zum Employer Branding und Social Recruiting. Da ich sehr viel für mittelständische Unternehmen mache, waren diese Ausführungen sehr wertvoll. Ich empfehle es auch den Kandidatinnen und Kandidaten aus der bayerischen Politik, die sich bis 15. März im Social Media-Wahlkampf wegen der Kommunalwahl befinden und vieles falsch machen.
Rundum: Das Buch Social Media Marketing ist sehr empfehlenswert und ich hoffe für O‘Reilly, dass Facebook und Co nicht morgen ihre Algorithmen ändern und das Buch ins Altpapier wandert.

Joseph Vilsmaier – Filmseminar zum Thema Heimat mit Bayern sagenhaft

3. März 2020

Der bayerische Regisseur Joseph Vilsmaier verstarb am 12. Februar 2020 im Alter von 81 Jahren. Gestern wurde er zu Grabe getragen. Ich hatte bei einem Filmseminar der Hanns Seidel Stiftung in Passau die Gelegenheit den vorletzten Film Vilsmaisers „Bayern sagenhaft“ zu sehen und einer Diskussion zum Thema Heimat beizuwohnen.
An Vilsmaier erinnerte der langjährige HSS-Filmreferent Artur Kolbe mit persönlichen Worten. Sie waren zuvor auf der HSS-Website als Nachruf veröffentlicht worden und in Passau sprach sie Kolbe nochmals live. „Ein bezaubernder sympathischer Mensch, den jeder gern haben musste, der das Glück hatte, mit ihm reden zu können.“ Ich habe den Nachruf hier auf Video:

Joseph Vilsmaier hat deutsche Filmgeschichte geschrieben und hervorragende Werke uns Filmfreunden gebracht: Ich nenne nur Herbstmilch, Schlafes Bruder, Stalingrad oder Comedian Harmonists. Seinen letzten Film Der Boandlkramer und die ewige Liebe konnte er vor seinem Tod noch vollenden.
In Passau sah ich seine Dokumentation Bayern – sagenhaft und war furchtbar enttäuscht. Es ist für mich ein wirklich schlechter Film geworden. Eine Aneinanderreihung von Stock-Aufnahmen, Fundus-Aufnahmen und völlig uninspiriert, ohne großen roten Faden. Es tut mir leid, lieber Joseph Vilsmaier, aber das war wirklich nichts. Sein gezeigtes Bayern bestand in erster Line aus Altbayern, etwas Niederbayern und Oberpfalz, die Franken und die Schwaben kamen nur noch am Rand vor. Der Film zeigte Fremdaufnahmen von BMW und der LMU, um den Fortschritt des Freistaats zu demonstrieren, aber der Film bricht auseinander.

Hannes Burger lieferte ein Konzept des Kalenderjahres, das sich durch den Film ziehen sollte, aber Vilsmaier hielt sich nicht daran und packte zuviel rein. Sein Bayern bestand in seiner Sichtweise aus Tracht und Trinken. Das ist nicht das aufgeschlossene Bayern, das ich kenne und liebe.
Und dann kam noch eine polternde Monika Gruber dazu, die mit dem Herzblatt-Hubschrauber durch die Handlung holzt. Ich mochte einst die Gruberin, aber in den vergangenen Jahren entwickelte sie sich zur derben grobschlächtigen Farce. Der Film langweilt einfach nur und ist eine missglückte Tourismuswerbung.
Beim Filmgespräch „Heimat als politische Aufgabe Möglichkeiten des Films“ sprachen Georg Steiner, Tourismusdirektor der Stadt Linz, Stadtrat, Passau, Hannes Burger, Journalist und Autor, Hans-Jürgen Buchner (Haindling), Musiker und Komponist, Pfarrer Dr. Michael Gnan, Päpstlicher Beauftragter für die Ostkirchlichen Christen, Beauftr. f. Asyl im Bistum Passau, die überzeugte Passauerin Christine Altinger und Katharina Lechner (European Studies), Passau. Die Moderation hatte Wilhelm Mixa inne.


Ich habe die komplette Diskussionsveranstaltung mitgeschnitten. Hier das Video:

Meiner Meinung nach kamen die besten Beiträge von Katharina Lechner und Hans-Jürgen Buchner. Hannes Burger konnte ein wenig Klarheit über die Zustände der Filmproduktion bringen. Die Diskussionsbeiträge aus dem Publikum waren schon sehr bemerkenswert, zum Teil sehr rückwärtsgewandt und manches Mal verletzend, aber urteilen Sie selbst.

Gespräch mit Hannes Burger.

Gespräch mit Hannes Burger.

Musiktipp: Mike Oldfield Killing Fields – Sammlerbox

2. März 2020
Mike Oldfield, der alte Recke meiner Jugend, hat in seinem musikalischen Leben nur einen Soundtrack komponiert: Es war im Jahr 1984 zum Film The Killing Fields. Jetzt bekam ich eine ungewöhnliche Sammlerbox in die Hand.
Bevor jetzt wieder Besserwisser daherkommen. Ich weiß, Mike Oldfields Musik wurde als Score zum Filmklassiker Exorzist im Jahre 1974 verwendet – aber es waren Auszüge aus seinem Debütalbum Tubular Bells. Es war kein extra komponierter Soundtrack zu einem Film.
Nichts neues bietet die Sammlerbox von Killing Fields.

Nichts neues bietet die Sammlerbox von Killing Fields.

Das war bei Killing Fields anders. In der Sammlerbox befindet sich die CD und die englischsprachige DVD des sehenswerten Films. Zudem gibt es allerhand Pressematerial.
Der Film spielt vor dem Hintergrund des kambodschanischen Bürgerkriegs als die Roten Khmer ihren Steinzeitkommunismus in dem instabilen, asiatischen Land errichtetet und Massenmord an ihrem Volk begangen. 2,2 Millionen Tote gab es zu beklagen, viele davon auf den Killing Fields. Erstmals Regie führte 1984 der Brite Roland Joffé. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit und ist schonungslos eindrucksvoll.
Gonzobox - das sagt alles.

Gonzobox – das sagt alles.

Die Musik steuerte Mike Oldfield bei, der im gleich Jahr eigentlich im seichten Pop versunken war. Wir erinnern uns an das Album Discovery (1984) mit dem netten Hit To France, gesungen von Maggie Reilly. Der Soundtrack zu Killing Fields konnte nicht kontrastreicher sein. Instrumentalmusik wie frühere Alben, aber keine längeren Stücke wie auf seinem Frühwerk. Das Album enthält die kürzeste Oldfield-Komposition überhaupt: The Year Zero 2 mit 37 Sekunden, gefolgt von Pran’s Theme mit 44 Sekunden. Étude, das letzte Stück des Albums, wurde als erfolglose Single ausgekoppelt und stammt als einziges Stück nicht von Oldfield, sondern von spanischen Gitarristen und Komponisten Francisco Tárrega (1852–1909).

Die Musik des zehnten Mike Oldfield-Albums wirkt auf den ersten Eindruck kräftig und disharmonisch. Der Fairlight dominiert, aber auch Schlaginstrumente aus Asien. Als sie 1984 auf den Markt kam, war ich verschreckt, aber ich habe meinen Frieden mit dem Score gemacht. Bei der Veröffentlichung in der vorliegenden Sammlerbox von Gonzobox7 hätte ich mir ein paar unveröffentlichte Sachen oder eine bessere Abmischung vorgestellt, denn eigentlich habe ich LP, CD, Single, Maxi-Single und DVD von Killing Fields – und sogar das Pressematerial liegt irgendwo im Archiv.
Hier das bisherige Material, was ich von Killing Fields besitze.

Hier das bisherige Material, was ich von Killing Fields besitze.

Aber das Material wurde nicht optimiert, sondern einfach nur zusammengetragen. Ob eine DVD das aktuelle Medium darstellt, sei zudem dahin gestellt. Daher brachte die Box nichts neues und befriedigt nur die Sammlergelüste – die große Bereicherung ist es nicht geworden. Schade.