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Persönlicher Nachruf auf das journalistische Urgestein Mainhardt Graf von Nayhauß

5. Februar 2021

Ich war ein Feigling. Als ich für kurze Zeit Journalist als junger Mann in der damaligen Hauptstadt Bonn tätig war, begegnete ich immer wieder Mainhardt Graf von Nayhauß. Aber ich war zu feige, den großen Mann der spitzen Feder anzusprechen. Nun werde ich ihn nicht mehr ansprechen können.

Absolut lesenswert.

Mainhardt Graf von Nayhauß ist vor ein paar Tagen im Alter von 94 Jahren gestorben, wie ich jetzt erst lese.
Ich traf ihn in den Gängen des Langen Eugen, das Abgeordnetenhaus in Bonn. Er war im Gespräch mit Kollegen und Politikern und ich stand am Rande, hörte mit einem Ohr ein wenig mit und hatte nicht den Mut, mich einzubringen. Wahrscheinlich hat mich Mainhardt Graf von Nayhauß auch gar nicht bemerkt, obwohl vielleicht doch: Der Mann hat eine enorme Beobachtungsgabe, einen Sinn für Details – das kommt in seinen Geschichten immer wieder durch.

Ich habe seine Kommentare und Eindrücke auf jeden Fall gerne gelesen – allen voran Bonn vertraulich, die er für die BILD von 1981 bis 1999 verfasst hatte. Und er brachte die Politikprominenz zu mir nach Hause durch Homestorys, eine Stilform der Reportage, bei der er seine Beobachtungsgabe wunderbar einbringen konnte.

2014 erschien seine lesenswerte Autobiografie „Chronist der Macht“, in der es nicht nur um seine Arbeit als Kolumnist ging, sondern auch erschreckendes aus seiner Familie berichtete. Sein Vater wurde von den Nazis umgebracht, ertränkt an Händen und Füßen gefesselt.

Der deutsche Journalismus und die deutsche Demokratie haben dem journalistischen Urgestein Mainhardt Graf von Nayhauß viel zu verdanken. Auf der Rückseite seiner Autobiografie stand zu lesen“ Ich habe nur die Macht zu ärgern.“ – Recht hat er. Und ich ärgere mich über mich selbst, dass ich ihn damals nicht angesprochen habe.

Die Geheimnisse des schönen Leo – Benedikt Schwarzers HFF-Film über CSU-Mann Leo Wagner

9. März 2020
Die Geheimnisse des schönen Leo. Dokumentarfilm von Benedikt Schwarzer. Foto: Schwarzer Die Geheimnisse des schönen Leo. Dokumentarfilm von Benedikt Schwarzer. Foto: Schwarzer

Als Filmfan mag ich Dokumentarfilme und wenn sie sich um Politik drehen, mag ich sie sogar besonders gerne. Und so war ich neugierig als ich eine Einladung zu Benedikt Schwarzers Film „Die Geheimnisse des schönen Leo“ bekam. Schwarzer ist Absolvent der HFF und ich durfte ihn im Rahmen des Förderprogramms für journalistische Nachwuchsförderung der HSS das ein und andere Mal schulen.

Benedikt Schwarzer hat seinen HFF-Film über seine Familie gedreht. Er ist der Enkel von Leo Wagner, den ältere Politikinteressierte noch kennen werden. Der CSU-Politiker war enger Vertrauter von Franz-Josef Strauß, hatte eine Schwäche für das Kölner Rotlichtmilieu und verkaufte Informationen an die Stasi. Unklar ist, ob er der zweite Abgeordnete war, der 1972 das Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Bundeskanzler Willy Brandt scheitern ließ?
Der Film lief am Vorabend der Tag der Archive in der Hanns-Seidel-Stiftung München und allerhand alte CSU-Prominenz war erschienen. Die Gebrüder Strauß waren da sowie der ehemalige Büroleiter von FJS Wilhelm Knittel. Sie und viele mehr, wollten sehen, was Benedikt Schwarzer über seinen Großvater Leo Wagner herausgefunden hat. Danke an Renate Höpfinger von der HSS, die den Abend mit ihrem Team organisierte.
Anfangs war ich skeptisch über einen Familienfilm. Fehlt hier nicht die kritische Distanz, die man als Dokumentarfilme für einen Dokumentarfilm braucht? Und als es viel über die Familie ging, hatte ich die Befürchtung, dass „Die Geheimnisse des schönen Leo“ in eine falsche Richtung gehen. Aber ich habe mich getäuscht. Mehr und mehr nimmt der Film Fahrt auf. Der gewählte Titel „Die Geheimnisse des schönen Leo“ führte mich auf einen falschen Weg. Natürlich haben wir zum einen die politische Figur Leo Wagner, die der CSU durch seinen Lebensstil enormen Schaden zugefügt hat. Aber der Titel deutet auch eine enorme innerfamiliäre Dimension an, die ich nicht erwartet habe. Als Zuschauer war ich eigentlich an der öffentlichen Person Leo Wagner interessiert. Tagsüber seriöser Politiker in Bonn, taucht der schöne Leo nach Feierabend ins Kölner Nachtleben ab. Für seinen ausschweifenden Lebenswandel braucht er Geld, viel Geld. Ein Besuch in seinem Stammlokal „Chez nous“ kostet gerne mal 2.000 DM am Abend, viel Geld in der damaligen Bonner Republik. Als die Schuldenlast zu groß wird, lässt er sich von der Stasi anwerben. Und was alle interessiert: Bis heute steht ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum. Leo Wagner könnte 1972 einer von zwei Abgeordneten gewesen sein, die das Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt überraschend scheitern ließen – und das im Auftrag der DDR. Hier bietet der Film keine klare Antwort. Schwarzer hat im Zuge seiner Recherchen eine Vielzahl von Experten und Zeitgenossen interviewt: Weggefährten, Familienangehörige, ehemalige Stasi-Mitarbeiter. Den endgültigen Beweis, dass Wagner von der DDR für seine Stimmenthaltung bezahlt wurde, kann er nicht erbringen. Aber für viele Weggefährten aus dem schwäbischen Raum war die Enthüllung der Stasi-Akten nach der Wende neu.
Aber die öffentliche Person Leo Wagner rückt im Laufe des Films mehr und mehr in den Hintergrund und die private Person und die Umstände seiner Ehe rücken in den Vordergrund. Eigentlich sind die Ereignisse privat, aber Benedikt Schwarzer zieht sein Familienleben in den hellen Schein der Öffentlichkeit. Eigentlich dürfen einen die persönlichen Angelegenheiten nicht interessieren, aber Benedikt Schwarzer inszeniert sie so unglaublich spannend, dass man als Zuschauer nur zuschauen kann. Ich will aber nichts über die Ereignisse verraten. Ich gehe davon aus, dass alle Einstellungen dokumentarisch und damit authentisch sind. Und sie sind der Hammer.

Matthias J. Lange im Gespräch mit Benedikt Schwarzer. Matthias J. Lange im Gespräch mit Benedikt Schwarzer.

Benedikt Schwarzer versteht sein Handwerk. Der Filmemacher arbeitete zunächst freiberuflich als Fotoassistent und Fotodesigner im Bereich Werbung und Porträt sowie als Regie- und Kameraassistent bei Dokumentar- und Spielfilmen. 2010 bis 2017 studierte er Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF). Von 2011 bis 2015 war er Stipendiat im journalistischen Förderprogramm der Hanns-Seidel-Stiftung, dort lernte ich ihn kennen. Sein Drehbuch zum Film ist hervorragend und ich muss zugeben: Das Leben schreibt die besten Geschichten. Wenn der „Die Geheimnisse des schönen Leo“ ein Spielfilm wäre, würde man sagen: Mann oh Mann, das klingt schon ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Da es aber ein Dokumentarfilm ist, bin ich völlig platt.
Der Film wurde von der Filmförderung und öffentlich-rechtlichen Sendern finanziert, so dass „Die Geheimnisse des schönen Leo“ sicher bald im Fernsehen gezeigt wird.