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Konzertkritik: Bob Dylan in Bamberg

24. Juni 2015
Dylans Bühne in Bamberg.

Dylans Bühne in Bamberg.

Die Revolution ist in Bamberg ausgeblieben. So sehr hatte ich auf den Song Blind Willie McTell gehofft, den Altmeister Bob Dylan nach rund 120 Konzerten bei dem Vorgängerkonzert am 21. Juni in Tübingen gespielt hat. Am 23. Juni kam der Klassiker aus den Infidels-Sessions nicht vor. Aber das tat der Stimmung in der ausverkauften Brose-Arena in Bamberg keinen Abbruch.
Dylan verschlug es bei seiner Europa-Tour in die fränkische Provinz und lieferte eine gute, nein – eine sehr gute Show ab. Der Song-and-Dance-Man nahm uns Zuschauer auf eine musikalische Reise durch die amerikanische Musikkultur mit: Rock’n Roll, Country, Blues, sogar Walzer. Wie in den vergangenen Jahren gewohnt, lieferte er auch in Bamberg keine Best-of-Show ab. Natürlich waren ein paar Klassiker dabei, aber Dylan hätte mit einer klassischen Best-of-Show locker das Publikum unterhalten können, doch kein Rolling Stone, erst recht freilich kein Knocking On Heaven‘s Door. Dass er dies nicht macht, das wissen die Dylan-Fans und freuen sich auf Neuinterpretationen. So mancher Bamberger im fortgeschrittenen Alter schaute aber verständnislos, wenn er erst am Refrain einen Dylan-Song erkannte, nachdem ihn der Meister komplett umgebaut hat. Immer wieder Diskussionen in meiner Umgebung, welcher Song das nun sei. Meine Sitznachbarn waren zudem mehr damit beschäftigt, warum in der Brose-Arena Oettinger Bier ausgeschenkt wird und nicht ein Bier einer lokalen Brauerei. OMG, habt ihr Probleme!

Der Dylan-Shop im Vorraum.

Der Dylan-Shop im Vorraum.

Die Performance des 74jährigen Bob Dylan war in Bamberg ausgezeichnet. Stimmlich ist der Mann voll auf der Höhe seiner Songs. Wer während des Konzerts die Augen schloss und sich auf die Stimme von Dylan einließ, der empfand: Dieser Mann singt und spielt für mich, ganz allein für mich. Seine assoziative Lyrik steigt im Kopf auf und vermischt sich mit der unglaublich tiefen Musik. Und seine Band erst: Es ist ein hervorragendes eingespieltes Team. Hier stimmte jeder Ton, jeder Takt, jedes Solo, jede Note. Den Meister immer im Blick hatten Stu Kimball (Gitarre), Charlie Sextons (Gitarre), George Recile (Drums), Tony Garnier (Bass). Dylan selbst sang und spielte Mundharmonika und Klavier. Nach diesem Bühnensound muss Dylan lange gesucht haben. Wir haben schon viele Experimente von Dylan zu hören bekommen, dieser Sound gefällt mir. Er passt fantastisch zur Stimmung des Songwriters, der sich zuletzt mit Sinatra-Interpretationen in mein Herz gesungen hat. Die Pause gab es dann auch passend nach I’m a Fool to Want You. Autumn Leaves aus der Sinatra-Phase gab es dann eher gegen Ende des Konzerts und zeigt deutlich, in welcher Grundstimmung der Meister ist.
Am Ende gab es von den Franken das höchste Lob: Passt scho und ich sage auch: Vielen Dank your Bobness, bis zum nächsten Mal.

Hier die Setlist von Bamberg:
Things Have Changed
She Belongs To Me
Beyond Here Lies Nothin‘
Workingman’s Blues #2
Duquesne Whistle
Waiting For You
Pay In Blood
Tangled Up In Blue
I’m a Fool to Want You
High Water (For Charley Patton)
Simple Twist Of Fate
Early Roman Kings
Forgetful Heart
Spirit On The Water
Scarlet Town
Soon After Midnight
Long And Wasted Years
Autumn Leaves
Blowin‘ In The Wind
Love Sick

Das Konzert in Bamberg war ausverkauft.

Das Konzert in Bamberg war ausverkauft.

Musiktipp: „Shadows In The Night“ von Bob Dylan

8. Februar 2015

Dylan

Ich verstehe den ganzen Wirbel nicht. Das neue Album von Bob Dylan ist erschienen und his Bobness hat wieder eine der seiner vielen Dylan-Masken aufgesetzt. Shadows in the Night enthält Songs, die einstmals von Frank Sinatra auch interpretiert wurden. Und schon setzt die große Diskussion ein.
Fest steht, das Album ist eine wunderbare Verneigung an Ol’ Blue Eyes und Dylan singt so schön, wie schon lange nicht mehr. Diese Art von Musik muss auch gesungen werden und nicht gekrächtzt von einer geschundenen Altmännerstimme.
Aber tun wir doch nicht so, als ob Dylan hier zum ersten Mal seine Vorbilder ehrt, in dem er ein Album mit ihren Liedern aufnimmt. Wir kennen doch das zehnte Dylan-Album Self Portrait und dessen verspäteter Nachfolger Another Self Portrait mit so manch ähnlichen Song. Aber noch viel, viel wichtiger war doch Dylans Verneigung vor den Größen des Folks: Good as I Been to You (1992) und World Gone Wrong (1993). Diese beiden Alben waren zwar grausam produziert – Dylan hat hier alles selbst gemacht und Recording ist sicherlich nicht sein Ding. Aber das grandiose Shadows in the Night steht in der Tradition dieser beiden Scheiben, eben eine weitere Dylan-Maske.
Beim ersten Anhören von Shadows in the Night erstarrte ich. Der Meister singt, der Meister singt wirklich. Er legt ein Feeling in seine Stimme und seine Begleitband zeigt ihre absolute Klasse. Seit Jahren sind die Herrschaften mit Dylan auf Tour, kennen die Launen des Meisters und sind zu einer Top-Band gereift. Hut ab vor der musikalischen Leistung von Donny Herron (Pedal Steel), Tony Garnier (Bass), Charlie Sexton und Stu Kimball (Gitarre) sowie George G. Receli (Schlagzeug).
Dylan führt im Studio seine Experimente mit dem großen amerikanischen Liedgut fort, die er seit Jahren auf seiner Never Ending Tour zelebriert. Nun interpretiert The Voice Dylan den legendären The Voice Sinatra. Und es ist nicht ein gute Laune-Album wie Swing When You’re Winning von Robbie Williams. Dass wir uns richtig verstehen: Robbie Williams Album ist nett, aber er ist nun mal nicht The Voice. Williams Verdienst ist es, Sinatra-Songs einer neuen Generation zugänglich gemacht zu haben.
Dylan hat diesen Zugang zu einer neuen Generation nicht, er interpretiert die Songs für seine Generation. Leute, die wie er in Würde gealtet sind. Leute, die heute ohne Probleme sagen können, dass sie Songs von Sinatra, Elvis oder gar Doris Day schön finden, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und verdammt nochmal, Bob Dylan kann wirklich schön singen, nahezu herzzerreißend. Als ich das Album mehrere Male durchgehört hatte, dachte ich an das Spätwerk von Johnny Cash. Auch er ist mit seinen letzten American Recordings-Alben aus seiner eigen Tradition ausgebrochen.
Dylan stößt wieder mal so manchen vor dem Kopf. Das hat Dylan schon immer gerne getan und tut es dieses Mal auch wieder. Die zehn Songs geben eine wunderbare Stimmung wieder. Für mich ist der Klassiker „That Lucky Old Sun“ der wichtigste Song auf dem Album – übrigens auch Johnny Cash hat ihn gesungen.

Bob Dylan: Das Münchner Konzert 2014

3. Juli 2014

Es tat gut, Bob Dylan wieder auf der Bühne zu sehen. Wenn es ihm gut geht, dann geht es uns auch gut. Es war wieder eine Art Familientreffen, zu der wir Fans zusammenkamen. Ein paar neue Gesichter waren dabei, aber im Grunde war es wieder der harte Kern der Fans. Ein Teil reist dem Meister bereits durch Europa hinterher.

Der Meister ruft und die Jünger kommen.

Der Meister ruft und die Jünger kommen.

Im Juli 2014 hielt Bob Dylan mit seiner Band Hof auf dem Münchner Tollwood. Irgendwie war es, als ob damals der Kaiser durch die Länder zog und seine Huldigungen entgegen nahm. Nun, unser Kaiser heißt Bob Dylan und er gab trotz Hitze in dem Zelt eine verdammt gute Show ab.

Er brachte feine amerikanische Musik auf ein alternatives, streng biologisches deutsches Festival. Und obwohl vor dem Zelt Gitarrengeschrammel aus Folkie-Zeiten von Laienkünstlern dargeboten wurde, ließ sich Dylan (natürlich) nicht in eine Rolle pressen.
Mit Hut und Anzug spielte er seine Musik und machte es den Zuhörern nicht leicht. Es gab natürlich keine Best of-Show. Obwohl der Mann auf der Bühne mit seiner fabelhaften Band die Rockmusik mehrmals veränderte und zig Hits abgeliefert hatte, ging er nicht auf Nummer sicher. Von den musikalischen Klassikern gab es mit She Belongs To Me, Tangled Up In Blue, Simple Twist Of Fate, All Along The Watchtower und Blowin’ In The Wind nur eine Handvoll zu hören. Die Traditionlisten wurden damit enttäuscht – gut so. Aber lieber Mr. Dylan, ich habe eine Bitte: Ich kann Blowin’ In The Wind nicht mehr hören. Ja, es wird immer wieder von Ihnen anders interpretiert, aber mir hängt das Lied zum Hals raus. Nehmen Sie bitte einen anderen Klassiker zum Rauswerfen, bitte.

Und Dylan zeigt sich wieder als strenger Frontman. Er ist der Chef und daran lässt er keinen Zweifel. Seine Musiker hängen an seinen Lippen und folgen ohne zu Murren. Vorbei scheinen die Zeiten als Dylan einen Song mittendrin abbricht und aus Lust und Laune heraus einen anderen aus seinem riesigen Repertoire beginnt. Dieses Mal ist das Programm genau festgelegt.

Bob Dylan am Klavier.

Bob Dylan am Klavier.

Die Setlist war

  • Things Have Changed
  • She Belongs To Me
  • Beyond Here Lies Nothin’
  • What Good Am I?
  • Waiting For You
  • Duquesne Whistle
  • Pay In Blood
  • Tangled Up In Blue
  • Love Sick
  • High Water (For Charley Patton)
  • Simple Twist Of Fate
  • Early Roman Kings
  • Forgetful Heart
  • Spirit On The Water
  • Scarlet Town
  • Soon After Midnight
  • Long And Wasted Years
  • All Along The Watchtower
  • Blowin’ In The Wind

Aber Mr. Dylan, noch eine Bitte. Sie haben wunderbare Musiker. Lassen Sie ihnen ein bisschen Freiheit, dann rocken sie die Hütte weg. Die Band bestand in München aus den bekannten Recken: Tony Garnier (Bass), George Recile (Drums), Stu Kimball (Rhythm Guitar), Charlie Sexton (Lead Guitar) und Donnie Herron (Banjo, Viola, Violin, Electric Mandolin, Pedal Steel). Der Meister selbst spielte Klaver und sang.

Nach einem wunderbaren Konzert 2013 freue ich mich auf ein neues Konzert 2015.

 

Reingehört: Bob Dylan „Christmas in the heart“

13. Oktober 2009

Bob Dylan „Christmas in the heart

Das 47. Album des Meisters ist da und es ist bizarr. Bob Dylan hat die CD „Christmas in the heart“ veröffentlicht. Sie enthält 15 amerikanische Weihnachtsschnulzen im Country-Stil. Die Klassiker, wie „Stille Nacht“ oder „Jingle Bells“ blieben uns aber erspart. Wir brauchen keine Angst zu haben, eine Schmalzplatte im Stile eines Elvis Presley, Bing Crosby, Johnny Cash oder Frank Sinatra vorgesetzt zu bekommen, schließlich reden wir von Dylan. Aber die Scheibe geht nach dem mehrmaligen Anhören immer noch nicht ins Ohr. Sie regt auf, wenngleich aus anderen Gründen wie frühere Dylan-Platten.

Der Hintergrund zur „Christmas in the heart“: Die Erlöse aus dem Verkauf der CD spendet er dem Welternährungsprogramm und der Organisation Crisis UK. Diese verteilt in der Weihnachtswoche rund 15000 Mahlzeiten an Obdachlose. Chapeau Bob, das ist eine Idee. Kritiker werden mal wieder maulen, dass es eine geniale Marketingidee ist – was sie ohne Zweifel ist. Aber es ist eine gute Sache und nährt den Ruf, dass Dylan die Welt doch nicht egal ist.

Wer die perfekt eingespielten Songs anhört, bekommt immer wieder das Bild eines Hobos vor Augen, der bei der Speisung der Heilsarmee mitsingt. Es ist noch Suppe am Weihnachtsabend da. Irgendwie höre ich die Stimme eines Mannes, der die Nacht auf den Parkbänken verbringt und sich an die Weihnachtslieder seiner behüteten Jugend erinnert. Das Chamäleon Dylan hat wieder eine seiner Masken aufgesetzt, dieses Mal ist es die Wohltätigkeitsverkleidung. Aber es ist gut, wenn sich Millionär Dylan den Armen zuwendet als wenn er nichts tun. Die Einspielung ist makelos. Seine Begleitband umfasst die aktuelle Tourmannschaft Tony Garnier, George Receli, Donnie Herron, David Hidalgo, Phil Upchurch und Patrick Warren und dazu gibt es einen Bubu-Chor – genial und die Spielfreude der Herrschaften überträgt sich sofort.

Und Dylan? In den vergangenen Jahren habe ich Dylan nie so intensiv und inbrünstig singen hören. Der Mann hat einfach Stil und in mir spricht der Dylan Fan, der das Gesamtwerk des Meisters schätzen und lieben gelernt hat. Ich rege mich nicht mehr auf, wenn Dylan eine seiner berühmten Kehrtwendungen macht, sei es Folk zu Rock zu Country zu Schlager zu Rock zu Pop zu Show zu Gospel zu Rock zu Country zu Weihnachtsmucke. Die Lieder sind allesamt Fremdkompositionen wie zu Zeiten von „World Gone Wrong“ und „Good As I Been To You“. Hier wurden die amerikanischen Wurzeln verarbeitet und auch bei „Christmas in the heart“ ist dies der Fall. Weihnachtslieder gehören zur amerikanischen Kultur. Ein weiterer Beitrag von „His Bobness“ zur Verarbeitung der Musik in seinem Land. Für Fans ist „Christmas in the heart“, für die anderen löst sie Kopfschütteln aus.

Update: Hier ist das Video zu Must be Santa