Konzertkritik: Bob Dylan in Bamberg

Dylans Bühne in Bamberg.

Dylans Bühne in Bamberg.

Die Revolution ist in Bamberg ausgeblieben. So sehr hatte ich auf den Song Blind Willie McTell gehofft, den Altmeister Bob Dylan nach rund 120 Konzerten bei dem Vorgängerkonzert am 21. Juni in Tübingen gespielt hat. Am 23. Juni kam der Klassiker aus den Infidels-Sessions nicht vor. Aber das tat der Stimmung in der ausverkauften Brose-Arena in Bamberg keinen Abbruch.
Dylan verschlug es bei seiner Europa-Tour in die fränkische Provinz und lieferte eine gute, nein – eine sehr gute Show ab. Der Song-and-Dance-Man nahm uns Zuschauer auf eine musikalische Reise durch die amerikanische Musikkultur mit: Rock’n Roll, Country, Blues, sogar Walzer. Wie in den vergangenen Jahren gewohnt, lieferte er auch in Bamberg keine Best-of-Show ab. Natürlich waren ein paar Klassiker dabei, aber Dylan hätte mit einer klassischen Best-of-Show locker das Publikum unterhalten können, doch kein Rolling Stone, erst recht freilich kein Knocking On Heaven‘s Door. Dass er dies nicht macht, das wissen die Dylan-Fans und freuen sich auf Neuinterpretationen. So mancher Bamberger im fortgeschrittenen Alter schaute aber verständnislos, wenn er erst am Refrain einen Dylan-Song erkannte, nachdem ihn der Meister komplett umgebaut hat. Immer wieder Diskussionen in meiner Umgebung, welcher Song das nun sei. Meine Sitznachbarn waren zudem mehr damit beschäftigt, warum in der Brose-Arena Oettinger Bier ausgeschenkt wird und nicht ein Bier einer lokalen Brauerei. OMG, habt ihr Probleme!

Der Dylan-Shop im Vorraum.

Der Dylan-Shop im Vorraum.

Die Performance des 74jährigen Bob Dylan war in Bamberg ausgezeichnet. Stimmlich ist der Mann voll auf der Höhe seiner Songs. Wer während des Konzerts die Augen schloss und sich auf die Stimme von Dylan einließ, der empfand: Dieser Mann singt und spielt für mich, ganz allein für mich. Seine assoziative Lyrik steigt im Kopf auf und vermischt sich mit der unglaublich tiefen Musik. Und seine Band erst: Es ist ein hervorragendes eingespieltes Team. Hier stimmte jeder Ton, jeder Takt, jedes Solo, jede Note. Den Meister immer im Blick hatten Stu Kimball (Gitarre), Charlie Sextons (Gitarre), George Recile (Drums), Tony Garnier (Bass). Dylan selbst sang und spielte Mundharmonika und Klavier. Nach diesem Bühnensound muss Dylan lange gesucht haben. Wir haben schon viele Experimente von Dylan zu hören bekommen, dieser Sound gefällt mir. Er passt fantastisch zur Stimmung des Songwriters, der sich zuletzt mit Sinatra-Interpretationen in mein Herz gesungen hat. Die Pause gab es dann auch passend nach I’m a Fool to Want You. Autumn Leaves aus der Sinatra-Phase gab es dann eher gegen Ende des Konzerts und zeigt deutlich, in welcher Grundstimmung der Meister ist.
Am Ende gab es von den Franken das höchste Lob: Passt scho und ich sage auch: Vielen Dank your Bobness, bis zum nächsten Mal.

Hier die Setlist von Bamberg:
Things Have Changed
She Belongs To Me
Beyond Here Lies Nothin‘
Workingman’s Blues #2
Duquesne Whistle
Waiting For You
Pay In Blood
Tangled Up In Blue
I’m a Fool to Want You
High Water (For Charley Patton)
Simple Twist Of Fate
Early Roman Kings
Forgetful Heart
Spirit On The Water
Scarlet Town
Soon After Midnight
Long And Wasted Years
Autumn Leaves
Blowin‘ In The Wind
Love Sick

Das Konzert in Bamberg war ausverkauft.

Das Konzert in Bamberg war ausverkauft.

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2 Antworten to “Konzertkritik: Bob Dylan in Bamberg”

  1. Markus Says:

    Sicher dass Charlie Sexton dabei war ? Der sah so anders aus. Aber wir werden wohl nie erleben, dass der große Meister mal seine ebenfalls meisterhaften Musiker vorstellen.

    Die Begeisterung teile ich voll. Exzellent, wie er die Pedal Steel als tragendes Element eingebaut hat, das allerdings – wie alle anderen – nie ein Solo von sich geben durfte. Der Sound war allererste Sahne, Du hast durchgängig jedes Instument einzeln raushören können.

    Trotzdem noch eine Kritik: Man sollte sich für ein solches Meilenstein-Konzert eine andere Halle aussuchen. Brose mag für Basketball geeignet sein, aber nicht für ein Rockkonzert.Gefühlt 70 Prozent der Besucher müssen sich ständig den Hals um knapp 90 Grad verdrehen.

  2. Schmalfuss Says:

    Mein Dylan Erlebnis in Bamberg und Leipzig

    Und wieder trete ich ein, ein in das Zwielicht eins Konzertsaals, diesmal im Gewandhaus zu Leipzig. Die Bühne in indirektes Licht getaucht, fokussiert das Equipment, welche scheinbar überschaubar arrangiert, an die Radiozeit der 40- gier Jahre erinnert. Bereits eine Stunde vor dem Konzert beginnt sich der Saal zu füllen und man fragt sich, mit welchen Vorstellungen und Erwartungen die einzelnen Konzertbesucher angereist sind.
    Es ist kein Geheimnis, dass es eine europäische Fangemeinde gibt, die viele Altersklassen einschließt und sich wieder und wieder in ein Konzerterlebnis entlässt. Wahrhaftig, aber nur die halbe Wahrheit, den neue Fans sind hier nicht nur willkommen sondern werden auch gern gesehen.
    Bestätigt durch die wachsende Anzahl neuer Fans, schafft der Altmeister, Bob Dylan, einen Resonanzbogen und ermöglicht so neue Reflektionsmöglichkeiten zwischen Publikum und Band, was den eigentlichen Reiz des einzelnen Konzertes ausmacht. Unterstützt durch neue musikalische Arrangements einzelner Songs „Garnierten“ sich diese hier in gewohnter Ambivalenz, dafür mit Kraft und Ausdrucksstärke. Dabei steht der Künstler im starken Kontext zu heutigen Künstlern,deren Wandlung sich, primär, in der Steigerung der eigenen Darstellungskraft liegt.

    Zwischen harmonia mudi und harmonia humana ist, scheinbar, genügend Raum um sich auf die Magie des Klangs zurück führen zu lassen. Bei genauer Erachtung wird deutlich, dass das Wesen dieser Welt die Zahl ist und eben nicht der harmonische Klang im Vordergrund steht. Das Genwandhaus zu Leipzig, der ideale Ort für ein Konzert, lies, in Bezug auf den Klang, aber keine Wünsche offen!
    Ein Musentempel, indem das Publikum, mit persönlichen Worten des Künstlers, in die Pause entlassen wurde. Dies war schon beim Konzert in Bamberg der Fall, nur dort gingen die persönlichen Worte des Künstlers in der allgemeinen Aufbruchstimmung zur Pause verloren.

    Indirekt hat die Musik Dylans, mit all seien Auswirkungen auf seine Musikpraxis als Aufgabe, das Publikum aus dem eigen- geschaffenen Korsett zu befreien und in die Unendlichkeit der Freiheit zu entlassen!
    Auch ich stellte mir die Fragen, was nüchtern gesehen vom Olymp über bleibt und wie wirksam die Strukturen der Melodien dabei sind.
    Das spielen mit den selbstgeschaffenen, lyrisch-musikalischen Elementen ist es, was das Publikum immer wieder neu in den Bann seiner Darbietung zieht.
    Im Laufe der eigenen Musikgeschichte wandelte der Künstler, in Interaktion mit seinen Musikern, einmal die philosophische ein anderes mal die musikalische Beziehung in Bezug auf sein Publikum so ab, dass es als eine empirisch forschende Reflektion angesehen werden kann, Hier entsteht die Interaktion mit seinem Publikum die bis heute ungebrochen ist und im Gewandhaus zu Leipzig zu stehenden Ovationen geführt haben, während in der Leipziger Innenstadt die polarisierenden Auswirkungen der Montagsdemonstrationen zu hören waren.

    H. Schmalfuß

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