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Majestätskritik – die Fotos von Stanley Kubrick

24. April 2021

Dass ich ein Fan des Regisseurs Stanley Kubrick bin, habe ich schon oft Kund getan. Aber ich bin auch ein Fan des Fotografen Stanley Kubrick. Dies ist mir wieder bewusst geworden als ich für ein Seminar wieder das Buch Stanley Kubrick Photographs. Through a Different Lens: vom Taschen Verlag und den Ausstellungskatalog aus Wien vom Kunstforum Wien Eyes wide Open in die Hand nahm.

Zwei Fotobücher über die Fotokarriere von Stanley Kubrick.

Wenn ich mir seine Fotos ansehe, dann bin ich fasziniert. Kubrick schafft es mit Fotos emotionale Geschichten zu erzählen. Und das ist die Aufgabe eines guten Pressefotos: Geschichten erzählen.

Beim Geschichtenerzählen darf die Wahrheit aber nicht unter den Tisch fallen. Es stellt sich mir die Frage, wie weit darf der Fotograf in die Komposition eingreifen? Ja durch Ausschnitt, Belichtung, Schärfe tut er es automatisch, doch wo ist die Grenze? Kubrick hat die Grenze überschritten. Was ist bei seinen Fotos inszeniert? Ich habe mit Inszenierung kein Problem, wenn ich es als Kunstform sehe. Aber ich habe ein Problem, wenn Inszenierung mir als journalistische Berichterstattung verkauft wird. Und diese Unsicherheit schwingt mir beim Betrachten der Fotos von Stanley Kubrick immer mit.

Wie gesagt: Kubrick ist mein Held, aber er ist mein Held des bewegten Bildes. Bei seinen gelungenen Fotografien schwingt mir immer das Gefühl der Unsicherheit mit: Ist dieses Bild inszeniert? Ist dieses Bild damit manipuliert?

Mit nur 16 Jahren machte Kubrick im April 1945 ein Foto, das einen alten Zeitungsverkäufer an seinem Kiosk zeigt. Das Gesicht in die Hände gestützt, blickt er auf die feilgebotenen Zeitungen, welche die Schlagzeilen „Roosevelt Dead!“ und „F.D.R. DEAD!“ verkünden. Mit diesem Foto – übrigens angeblich alles andere als ein Schnappschuss sondern das Ergebnis intensiver „Regiearbeit“ mit dem Zeitungsverkäufer – stellte sich Kubrick bei mehreren New Yorker Zeitungen vor und verkaufte es schließlich an den Meistbietenden: das Look Magazine. In einem Interview gab der Meister zu, dass er den Verkäufer bat, doch etwas verzweifelter zu schauen. Hier zeigte sich bereits der Drang des Meisters, die Szene zu inszenieren. Und es ist gut, dass Kubrick auf Dauer kein journalistischer Bildberichterstatter geblieben ist und den Schritt zum fiktionalen Erzähler im Film gegangen ist.

Als Kubrick 1946 die High School verließ, hatte er einen wöchentlichen Auftrag von Look um 50 $ in der Tasche und fotografierte für das Magazin sämtliche Inhalte, die Leser versprachen. Zeitschriften wie Look oder LIFE lösten ab den 1940er-Jahren in der US-amerikanischen Gesellschaft einen regelrechten Hunger nach neuen Bildern und Geschichten aus. Während sich LIFE dem American Century verschrieb, nahm sich Look der Hintergrundgeschichten, oft auch mit New York-Bezug, an. Kubrick war zwischen 1946 und 1950 staff photographer bei Look, in dessen Auftrag ca. 27.000 Fotografien entstanden von denen an die 1.000 Aufnahmen auch publiziert wurden. Die Lehrjahre bei Look ermöglichten es Kubrick, seine Leidenschaft, visuelle Geschichten zu inszenieren nach und nach zu perfektionieren. Die Entscheidung, nicht bei der Fotografie zu bleiben, sondern 1951 seinen ersten (Dokumentar-)Film zu drehen – Day of the Fight, der um den Boxer Walter Cartier konzipiert ist, den er auch für Look fotografiert hatte – wirkt rückblickend als logische Konsequenz.

Kubrick hat viel über die Welt erfahren. Und er hat seinen Blick geschärft. Und das sieht der Leser der außergewöhnlichen Bücher Stanley Kubrick Photographs. Through a Different Lens und Eyes wide Open auf jeder Seite. Daher auch meine klare Empfehlung für diese exzellenten Fotobücher.
Ich habe einen Kompromiss mit mir geschlossen: Ich sehe seine Bilder in erster Linie nicht als journalistischen Beitrag, sondern ich sehe sie als Kunstform. Die Bilder Kubrick sind wunderbar komponiert und können als Vorlage für jeden Fotografen dienen. Der Blick durch die Kamera ist ein eindringlicher Blick in die Welt der damaligen Zeit und die Bilder sind ein wertvolles historisches Dokumennt des Nachkriegsamerika.

Alles Gute zum Geburtstag: Steven Spielberg wird 63. Jahre

19. Dezember 2009

Es gibt Regiegötter. Hoch im Olymp schwebt für mich Stanley Kubrick, gefolgt von Alfred Hitchcock und Ingmar Bergmann. Dann gibt es noch eine ganze Reihe von Genies. Einer feierte gestern seinen 63. Geburtstag: Steven Spielberg

Spielberg begleitet mich jetzt mein ganzes Leben lang und ich freue mich auf jedes seiner Werke. Und im Grunde hat mich Spielberg nie enttäuscht. Klar, es gibt Filme, die hätte auch ein anderer drehen können, aber es gibt eben auch klassische Steven Spielberg Filme.

Den Beginn machte bei mir die Verfilmung von Duell – der Horrorfilm mit dem Tanklaster. Der Held war ein typischer Alltagsmensch, keine Spur von Glanz. Der Film lief bei uns in der ARD im Abendprogramm und haute mich weg. Ich hatte ihn sogar auf Video 2000 von Max Grundig mitgeschnitten und kaufte mir später die Original Videokassette auch im System Video 2000.

Kommerziell ist Spielberg der erfolgreichste Regisseur, Produzent und Drehbuchautor aller Zeiten. Er galt als junger Wilder in Hollywood und dies ließ ihn das etablierte Studiosystem spüren. Jahrelang musste Spielberg um seinen Oscar kämpfen. Aber selbst Kubrick oder Hitchcock haben nie einen Oscar für die beste Regie bekommen.

Ich erinnere mich noch an die gewaltigen Bilder von „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“, an das Spiel der Gefühle bei „E.T. der Außerirdsche“. Und der Zauber wirkt heute noch. Als ich bei einer Wiederaufführung des Films die Reaktionen des Publikums beobachtete, stand fest: Spielberg beherrscht die Klaviatur der Gefühle wie kein Zweiter. Der Film aus der Sicht von Kinder gedreht ist noch immer großes Kino.

Zu Hause auf Video sah ich zum ersten Mal den Weißen Hai. Genial der Score von John Williams. Das Hai-Thema ist genial. Leider blieb es einmal aus, als Roy Scheider Fleisch ins Wasser warf und der Fisch ohne musikalisches Hai-Motiv auftauchte. Ich riss meine Kaffeetasse vom Tisch und noch heute zeugt ein Fleck im Teppich von der Intensität von Steven Spielberg.

Schön war auch die Indiana Jones Trilogie. Vor allem der letzte Kreuzung begeisterte mich, die Suche nach dem Heiligen Gral. Schönes Actionkino, wiederum mit der meisterhaften Musik von John Williams.

Großartig die Beiträge Spielbergs zum modernen SF-Film: „A.I. – Künstliche Intelligenz“ und „Minority Report“ haben mich tief beeindruckt. Der eine ist eine Verbeugung an Kubrick, der andere hat Zukunftstechniken vorweg genommen. Der Film für Saurierfans schlechthin ist einfach „Vergessene Welt: Jurassic Park“ und und und – es gibt so vieles, dass wir Spielberg zu verdanken haben.

Vielleicht noch ein Film, bei dem er nur als Produzent auftrat: „Poltergeist“. Tope Hooper führte Regie, weil Spielberg neben E.T. nicht gleichzeitig nach Hollywood-Gesetzen Regie führen durfte. Doch „Poltergeist“ trägt die Handschrift des Meister und der Schlächter Hooper besaß niemals soviel Feingefühl. Hier wird perfektes Klischee von Familie dargeboten, die typische US-Vorstadtsfamilie mit ihren Problemchen mit den Nachbarn, wie die Szene mit der Fernbedienung beweist. Und „Poltergeist“ gilt heute als eines der großen Schaustücke des Effektkinos der 1980er.

Stevem Spielberg, meinen herzlichen Glückwunsch zum 63. Geburtstag.

„Stanley Kubrick’s Napoleon: The Greatest Movie Never Made“ – muss ich haben

18. Dezember 2009

Es gibt Bücher, die man lesen sollte, wenn man mal Zeit hat. Es gibt Bücher, die man nicht lesen sollte, auch wenn man Zeit hat. Und es gibt Bücher, die man unbedingt lesen muss, egal ob man Zeit hat.

Letzteres ist mir so ergangen, als ich von der Veröffentlichung von „Stanley Kubrick’s Napoleon: The Greatest Movie Never Made“ erfuhr. Das Buch, eigentlich eine Buchsammlung bei Taschen erschienen, musste einfach her. Diese Sammlerausgabe ist auf 1.000 nummerierte Exemplare limitiert und ich hab die Nummer 934, also gerade so Schwein gehabt.

Zehn Bücher in einem fetten kiloschweren Schuber erzählen die kuriose Geschichte von Kubricks unverfilmtem Meisterwerk. Als großer Fan des Regiegenies Stanley Kubrick und Verehrer von „Barry Lyndon“ ist die Buchsammlung eine Offenbarung. Zwischen den Deckeln eines aufwendig gestalteten Buchs finden sich alle Elemente aus Stanley Kubricks Archiv wieder, die der Leser benötigt, um sich vorstellen zu können, wie dieser niemals gedrehte Film über den Kaiser der Franzosen ausgesehen hätte – einschließlich eines Faksimile-Nachdrucks des Drehbuchs.Endlich kann ich nachlesen, wie Kubrick die Geschichte erzählt hätte.

Endlich haben die Spekulationen ein Ende. Endlich muss ich mir keine langweiligen Interpretationen irgendwelcher verschrobener Filmwissenschaftler besorgen. Jetzt ist klar, wie sich das Filmgenie Kubrick das Militärgenie Napoleon vorgestellt hatte. Nachdem die Produktionskosten bei der Detailversessenheit Kubricks ins Unermessliche stiegen, traten die Studios MGM und United Artists auf die Bremse. Produktionsstopp weil unter anderen Rod Steiger in „Waterloo“ mitspielte. „Waterloo“ war ein netter Kostümschinken, doch erreichte er niemals die Tiefe von Kubrick, wollte es aber auch gar nicht.

Vieles von dem recherchierten Material ging später in die Produktion von „Barry Lyndon“ ein. Der Film packt mich heute noch immer, unter anderem wegen der phänomenalen Aufnahmen bei Kerzenlicht mit Nasa-Objektiven.

Kubricks „Napoleon“, dessen Produktion unmittelbar nach dem Kinostart von „2001: Odyssee im Weltraum“ beginnen sollte, war zugleich als Charakterstudie und als bildgewaltiges Epos angelegt, prall gefüllt mit großartigen Schlachtszenen, in denen Tausende von Komparsen mitwirken würden. So wurde beispielsweise die rumänische Armee mobilisiert und sollte antreten. Gedreht werden sollte an Originalschauplätzen, keine Trickaufnahmen mehr wie bei 2001. Für sein ursprüngliches Drehbuch stellte Kubrick zwei Jahre lang intensive Recherchen an, ein Verrückter eben – bei allem Respekt. Mit Unterstützung Dutzender Mitarbeiter und eines Spezialisten von der Universität Oxford trug er eine beispiellose Sammlung an Recherche- und Vorproduktionsmaterial zusammen, darunter etwa 15.000 Fotos von möglichen Drehorten und 17.000 Dias zu Napoleon selbst. Auf seiner besessenen Suche nach jedem Häppchen an Information zu Napoleon, das die Geschichtsforschung zu bieten hatte, ließ Kubrick nichts unversucht. Doch sein Film sollte nicht sein: Die Filmstudios hielten ein solches Vorhaben für zu riskant in einer Zeit, in der historische Filmepen aus der Mode gekommen schienen.

Doch zurück zu den Büchern: Es sind 2874 Seiten voller Träume. Dieses Buch enthält das vollständige Original-Treatment, Essays, die das Drehbuch unter historischen und dramatischen Gesichtspunkten beleuchten, einen Aufsatz von Jean Tulard zu Napoleon im Film sowie eine Abschrift von Gesprächen, die Kubrick mit Professor Felix Markham von der Universität Oxford führte. Dieses einzigartige Werk ist die Krönung jahrelanger Recherchen und Vorbereitungen. Es gibt Lesern die Möglichkeit, den schöpferischen Akt eines der größten Talente des Kinos kennenzulernen, aber es gewährt auch faszinierende Einblicke in die schillernde Persönlichkeit des Napoleon Bonaparte.

Update (21-1-2010): Hier ein großartiger Videovortrag vom Britischen Film Institut von Jan Harlan über den nie gedrehten Film.