„Stanley Kubrick’s Napoleon: The Greatest Movie Never Made“ – muss ich haben

Es gibt Bücher, die man lesen sollte, wenn man mal Zeit hat. Es gibt Bücher, die man nicht lesen sollte, auch wenn man Zeit hat. Und es gibt Bücher, die man unbedingt lesen muss, egal ob man Zeit hat.

Letzteres ist mir so ergangen, als ich von der Veröffentlichung von „Stanley Kubrick’s Napoleon: The Greatest Movie Never Made“ erfuhr. Das Buch, eigentlich eine Buchsammlung bei Taschen erschienen, musste einfach her. Diese Sammlerausgabe ist auf 1.000 nummerierte Exemplare limitiert und ich hab die Nummer 934, also gerade so Schwein gehabt.

Zehn Bücher in einem fetten kiloschweren Schuber erzählen die kuriose Geschichte von Kubricks unverfilmtem Meisterwerk. Als großer Fan des Regiegenies Stanley Kubrick und Verehrer von „Barry Lyndon“ ist die Buchsammlung eine Offenbarung. Zwischen den Deckeln eines aufwendig gestalteten Buchs finden sich alle Elemente aus Stanley Kubricks Archiv wieder, die der Leser benötigt, um sich vorstellen zu können, wie dieser niemals gedrehte Film über den Kaiser der Franzosen ausgesehen hätte – einschließlich eines Faksimile-Nachdrucks des Drehbuchs.Endlich kann ich nachlesen, wie Kubrick die Geschichte erzählt hätte.

Endlich haben die Spekulationen ein Ende. Endlich muss ich mir keine langweiligen Interpretationen irgendwelcher verschrobener Filmwissenschaftler besorgen. Jetzt ist klar, wie sich das Filmgenie Kubrick das Militärgenie Napoleon vorgestellt hatte. Nachdem die Produktionskosten bei der Detailversessenheit Kubricks ins Unermessliche stiegen, traten die Studios MGM und United Artists auf die Bremse. Produktionsstopp weil unter anderen Rod Steiger in „Waterloo“ mitspielte. „Waterloo“ war ein netter Kostümschinken, doch erreichte er niemals die Tiefe von Kubrick, wollte es aber auch gar nicht.

Vieles von dem recherchierten Material ging später in die Produktion von „Barry Lyndon“ ein. Der Film packt mich heute noch immer, unter anderem wegen der phänomenalen Aufnahmen bei Kerzenlicht mit Nasa-Objektiven.

Kubricks „Napoleon“, dessen Produktion unmittelbar nach dem Kinostart von „2001: Odyssee im Weltraum“ beginnen sollte, war zugleich als Charakterstudie und als bildgewaltiges Epos angelegt, prall gefüllt mit großartigen Schlachtszenen, in denen Tausende von Komparsen mitwirken würden. So wurde beispielsweise die rumänische Armee mobilisiert und sollte antreten. Gedreht werden sollte an Originalschauplätzen, keine Trickaufnahmen mehr wie bei 2001. Für sein ursprüngliches Drehbuch stellte Kubrick zwei Jahre lang intensive Recherchen an, ein Verrückter eben – bei allem Respekt. Mit Unterstützung Dutzender Mitarbeiter und eines Spezialisten von der Universität Oxford trug er eine beispiellose Sammlung an Recherche- und Vorproduktionsmaterial zusammen, darunter etwa 15.000 Fotos von möglichen Drehorten und 17.000 Dias zu Napoleon selbst. Auf seiner besessenen Suche nach jedem Häppchen an Information zu Napoleon, das die Geschichtsforschung zu bieten hatte, ließ Kubrick nichts unversucht. Doch sein Film sollte nicht sein: Die Filmstudios hielten ein solches Vorhaben für zu riskant in einer Zeit, in der historische Filmepen aus der Mode gekommen schienen.

Doch zurück zu den Büchern: Es sind 2874 Seiten voller Träume. Dieses Buch enthält das vollständige Original-Treatment, Essays, die das Drehbuch unter historischen und dramatischen Gesichtspunkten beleuchten, einen Aufsatz von Jean Tulard zu Napoleon im Film sowie eine Abschrift von Gesprächen, die Kubrick mit Professor Felix Markham von der Universität Oxford führte. Dieses einzigartige Werk ist die Krönung jahrelanger Recherchen und Vorbereitungen. Es gibt Lesern die Möglichkeit, den schöpferischen Akt eines der größten Talente des Kinos kennenzulernen, aber es gewährt auch faszinierende Einblicke in die schillernde Persönlichkeit des Napoleon Bonaparte.

Update (21-1-2010): Hier ein großartiger Videovortrag vom Britischen Film Institut von Jan Harlan über den nie gedrehten Film.

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2 Antworten to “„Stanley Kubrick’s Napoleon: The Greatest Movie Never Made“ – muss ich haben”

  1. Rene Schaller Says:

    toller artikel über dieses wirklich grossartige buch!

  2. Stanley Kubrucks Barry Lyndon auf Blu ray « Redaktion42′s Weblog Says:

    […] DIE Napoleon-Verfilmung schlechthin. Jahre später wurden die Bildersammlungen und das Drehbuch von Napoleon veröffentlicht. Ich könnte heulen, dass wegen ein paar Tausend US-Dollar dieses Meisterwerk nie […]

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