Majestätskritik – die Fotos von Stanley Kubrick

Dass ich ein Fan des Regisseurs Stanley Kubrick bin, habe ich schon oft Kund getan. Aber ich bin auch ein Fan des Fotografen Stanley Kubrick. Dies ist mir wieder bewusst geworden als ich für ein Seminar wieder das Buch Stanley Kubrick Photographs. Through a Different Lens: vom Taschen Verlag und den Ausstellungskatalog aus Wien vom Kunstforum Wien Eyes wide Open in die Hand nahm.

Zwei Fotobücher über die Fotokarriere von Stanley Kubrick.

Wenn ich mir seine Fotos ansehe, dann bin ich fasziniert. Kubrick schafft es mit Fotos emotionale Geschichten zu erzählen. Und das ist die Aufgabe eines guten Pressefotos: Geschichten erzählen.

Beim Geschichtenerzählen darf die Wahrheit aber nicht unter den Tisch fallen. Es stellt sich mir die Frage, wie weit darf der Fotograf in die Komposition eingreifen? Ja durch Ausschnitt, Belichtung, Schärfe tut er es automatisch, doch wo ist die Grenze? Kubrick hat die Grenze überschritten. Was ist bei seinen Fotos inszeniert? Ich habe mit Inszenierung kein Problem, wenn ich es als Kunstform sehe. Aber ich habe ein Problem, wenn Inszenierung mir als journalistische Berichterstattung verkauft wird. Und diese Unsicherheit schwingt mir beim Betrachten der Fotos von Stanley Kubrick immer mit.

Wie gesagt: Kubrick ist mein Held, aber er ist mein Held des bewegten Bildes. Bei seinen gelungenen Fotografien schwingt mir immer das Gefühl der Unsicherheit mit: Ist dieses Bild inszeniert? Ist dieses Bild damit manipuliert?

Mit nur 16 Jahren machte Kubrick im April 1945 ein Foto, das einen alten Zeitungsverkäufer an seinem Kiosk zeigt. Das Gesicht in die Hände gestützt, blickt er auf die feilgebotenen Zeitungen, welche die Schlagzeilen „Roosevelt Dead!“ und „F.D.R. DEAD!“ verkünden. Mit diesem Foto – übrigens angeblich alles andere als ein Schnappschuss sondern das Ergebnis intensiver „Regiearbeit“ mit dem Zeitungsverkäufer – stellte sich Kubrick bei mehreren New Yorker Zeitungen vor und verkaufte es schließlich an den Meistbietenden: das Look Magazine. In einem Interview gab der Meister zu, dass er den Verkäufer bat, doch etwas verzweifelter zu schauen. Hier zeigte sich bereits der Drang des Meisters, die Szene zu inszenieren. Und es ist gut, dass Kubrick auf Dauer kein journalistischer Bildberichterstatter geblieben ist und den Schritt zum fiktionalen Erzähler im Film gegangen ist.

Als Kubrick 1946 die High School verließ, hatte er einen wöchentlichen Auftrag von Look um 50 $ in der Tasche und fotografierte für das Magazin sämtliche Inhalte, die Leser versprachen. Zeitschriften wie Look oder LIFE lösten ab den 1940er-Jahren in der US-amerikanischen Gesellschaft einen regelrechten Hunger nach neuen Bildern und Geschichten aus. Während sich LIFE dem American Century verschrieb, nahm sich Look der Hintergrundgeschichten, oft auch mit New York-Bezug, an. Kubrick war zwischen 1946 und 1950 staff photographer bei Look, in dessen Auftrag ca. 27.000 Fotografien entstanden von denen an die 1.000 Aufnahmen auch publiziert wurden. Die Lehrjahre bei Look ermöglichten es Kubrick, seine Leidenschaft, visuelle Geschichten zu inszenieren nach und nach zu perfektionieren. Die Entscheidung, nicht bei der Fotografie zu bleiben, sondern 1951 seinen ersten (Dokumentar-)Film zu drehen – Day of the Fight, der um den Boxer Walter Cartier konzipiert ist, den er auch für Look fotografiert hatte – wirkt rückblickend als logische Konsequenz.

Kubrick hat viel über die Welt erfahren. Und er hat seinen Blick geschärft. Und das sieht der Leser der außergewöhnlichen Bücher Stanley Kubrick Photographs. Through a Different Lens und Eyes wide Open auf jeder Seite. Daher auch meine klare Empfehlung für diese exzellenten Fotobücher.
Ich habe einen Kompromiss mit mir geschlossen: Ich sehe seine Bilder in erster Linie nicht als journalistischen Beitrag, sondern ich sehe sie als Kunstform. Die Bilder Kubrick sind wunderbar komponiert und können als Vorlage für jeden Fotografen dienen. Der Blick durch die Kamera ist ein eindringlicher Blick in die Welt der damaligen Zeit und die Bilder sind ein wertvolles historisches Dokumennt des Nachkriegsamerika.

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