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Meine Vinyl-Käufe im Juni

1. Juli 2026

Es ist die Perfektion des Unperfekten, die Vinyl heute faszinierender denn je macht. In einer Welt flüchtiger digitaler Klicks bietet die Schallplatte ein echtes, entschleunigtes Ritual: das bewusste Auswählen, das sanfte Auflegen der Nadel und das warme, organische Knistern, das dem Sound eine fast spürbare Seele verleiht.
Dazu kommt die Ästhetik des Physischen. Ein Album auf Vinyl ist kein bloßer Stream, sondern ein Gesamtkunstwerk, das man in den Händen hält – vom großformatigen Artwork des Covers bis hin zur gepressten Rille. Wer Platte hört, konsumiert Musik nicht einfach nur nebenbei; er nimmt sich die Zeit, sie wirklich zu erleben.

Raumpatrouille von Peter Thomas

Es gibt Musik, die nicht einfach beginnt. Sie hebt ab. Peter Thomas’ „Raumpatrouille“ ist so ein Klangereignis. Schon nach wenigen Takten öffnet sich ein Raum, der größer ist als jede Erinnerung: silbernes Licht, flimmernde Bildschirme, der Blick in ein Universum, das nach Zukunft klingt – und zugleich nach Kindheit, Schwarzweißfernsehen und dieser unbändigen Lust, das Unbekannte zu erobern.

Diese Musik ist kein bloßer Soundtrack. Sie ist ein Versprechen. Ein Versprechen darauf, dass Fantasie stärker sein kann als jede technische Begrenzung. Dass ein deutsches Fernsehstudio der sechziger Jahre plötzlich zum Tor in die Galaxis werden konnte. Dass ein Beat, ein Bläsersatz, ein vibrierender Rhythmus genügt, um uns aus dem Wohnzimmer hinaus in die Sterne zu katapultieren.


Peter Thomas komponierte nicht einfach Begleitmusik. Er baute eine akustische Raumstation. Funk, Jazz, elektronische Klangsplitter, schräge Effekte und unwiderstehliche Melodien kreisen hier umeinander wie fremde Planeten. Alles wirkt verspielt, elegant, mutig und vollkommen eigen. Man hört dieser Musik an, dass sie keine Angst vor der Zukunft hat.
Und vielleicht liegt genau darin ihre Magie: „Raumpatrouille“ klingt bis heute nicht alt. Sie klingt wie eine Zukunft, die wir einmal geträumt haben – optimistisch, kühn, ein bisschen verrückt und wunderbar menschlich. Wer dieses Album hört, reist nicht nur durch den Weltraum. Er reist zurück zu dem Moment, in dem Science-Fiction noch Staunen bedeutete. Peter Thomas hat mit dieser Musik ein Stück Popkultur geschaffen, das weiter leuchtet. Wie ein Signal aus einer anderen Zeit. Wie ein Gruß von der Orion. Wie ein Beweis, dass große Abenteuer manchmal mit einem einzigen Ton beginnen.

Music from Andor: Season 1 von Nicholas Britells

Nicholas Britells „Music from Andor: Season 1“ ist einer der ungewöhnlichsten und stärksten Beiträge zur neueren Star-Wars-Musik. Statt die großen sinfonischen Gesten John Williams’ einfach nachzuahmen, entwickelt Britell eine eigene Klangsprache: kühler, brüchiger, politischer und oft erstaunlich intim. Die Musik klingt weniger nach Weltraumoper als nach Widerstand, Überwachung und innerer Anspannung.
Besonders stark ist der Soundtrack dort, wo er elektronische Texturen, minimalistische Motive und orchestrale Farben miteinander verbindet. Britell gibt der Serie damit eine Identität, die perfekt zu ihrem Ton passt: erwachsen, düster und von unterschwelliger Unruhe geprägt. Die Themen bauen sich oft langsam auf, manchmal fast unmerklich, bis aus kleinen rhythmischen Figuren eine enorme emotionale Wucht entsteht.


Als Album funktioniert die Musik nicht immer im klassischen Sinne eingängig; manche Stücke sind eher atmosphärische Szenen als abgeschlossene Kompositionen. Doch gerade diese Zurückhaltung macht den Reiz aus. „Music from Andor: Season 1“ ist kein nostalgisches Star-Wars-Souvenir, sondern ein eigenständiger, mutiger Score, der die Welt der Saga musikalisch erweitert. Ein intensives, intelligentes und atmosphärisch dichtes Werk.

Yardbirds

Die Yardbirds zählen zu den wichtigsten und einflussreichsten Bands der britischen Rock- und Bluesgeschichte. Entstanden in den frühen 1960er-Jahren, standen sie zunächst tief in der Tradition des Rhythm & Blues. Doch schon bald entwickelten sie daraus einen eigenen, rauen und zugleich experimentierfreudigen Sound, der weit über den klassischen Beat jener Zeit hinausging.

Besonders bemerkenswert ist die Rolle der Yardbirds als Talentschmiede für drei der größten Gitarristen der Rockgeschichte: Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page spielten nacheinander in der Band und prägten jeweils auf eigene Weise ihren Klang. Clapton brachte den kompromisslosen Blues, Beck öffnete die Tür zu neuen Klangexperimenten, Verzerrungen und psychedelischen Elementen, Page führte den Sound schließlich in Richtung härterer Rockmusik weiter.

Mit Stücken wie „For Your Love“, „Heart Full of Soul“, „Shapes of Things“ oder „Over Under Sideways Down“ zeigten die Yardbirds, wie sich Blues, Pop, Psychedelic und Rock miteinander verbinden lassen. Sie waren Suchende, Grenzgänger und Wegbereiter: Viele Ideen, die später im Hard Rock, Psychedelic Rock und Heavy Blues selbstverständlich wurden, klangen bei ihnen bereits an.

Auch wenn ihre große Zeit vergleichsweise kurz war, ist ihr Einfluss kaum zu überschätzen. Ohne die Yardbirds wäre die Entwicklung der Rockmusik der späten 1960er-Jahre anders verlaufen – und vermutlich ärmer. Sie waren eine Band des Übergangs: vom Beat zum Rock, vom Blues zur elektrischen Ekstase, vom Song zur Klangexplosion. Ihre Musik steht bis heute für Aufbruch, Energie und den Mut, neue Wege zu gehen

50 Years Of Phaedra: At The Barbican

Mit „Phaedra“ schufen Tangerine Dream 1974 eines jener Alben, bei denen man nicht einfach von Musik sprechen kann, sondern eher von einem Raum, in den man eintritt. Das Werk erschien am 20. Februar 1974 bei Virgin Records, wurde im November/Dezember 1973 im Manor Studio in England aufgenommen und gilt als das erste Tangerine-Dream-Album mit jenem klassischen, sequencergetriebenen Sound, der später prägend für die Berliner Schule wurde.

Schon der lange Titeltrack macht klar, dass hier keine Songs im herkömmlichen Sinn geboten werden. „Phaedra“ pulsiert, driftet, wächst und zerfällt wieder. Die Sequencer-Linien wirken wie Maschinen, die träumen, während Mellotron-Flächen und Synthesizer-Schwaden eine kalte, kosmische Weite öffnen. Das Stück hat etwas Unheimliches und zugleich Meditatives: Es ist nicht melodisch im klassischen Sinn, sondern atmosphärisch, körperlos und doch voller Spannung.

Mit „50 Years Of Phaedra: At The Barbican“ feiern Tangerine Dream nicht einfach ein Jubiläum, sondern treten in einen Dialog mit ihrer eigenen Legende. Das Livealbum wurde im Londoner Barbican aufgenommen und erschien am 30. Januar 2026 bei Kscope/Edel. Es dokumentiert die Neuinterpretation des Klassikers „Phaedra“, jenes Albums von 1974, mit dem Tangerine Dream ihren sequencergetriebenen Sound entscheidend prägten und die Berliner Schule der elektronischen Musik nachhaltig beeinflussten.

Das Besondere an dieser Veröffentlichung ist, dass die heutige Besetzung von Tangerine Dream das historische Material nicht museal nachspielt. Stattdessen wird „Phaedra“ mit modernen Mitteln neu befragt. Auf dem ersten Teil des Albums interpretiert die aktuelle Formation die Stücke des Originals in veränderter Reihenfolge und in zeitgemäßer Klangsprache: „Sequent C, 2024“, „Movements Of A Visionary, 2024“, „Mysterious Semblance At The Strand Of Nightmares, 2024“ und schließlich „Phaedra 2024“. Ergänzt wird das Ganze durch die ausgedehnte „Hippolytos Session“, die in mehreren Teilen den improvisatorischen Geist der Band betont.

Musikalisch beeindruckt vor allem, wie organisch Vergangenheit und Gegenwart zusammenfinden. Die vertrauten Sequencer-Muster pulsieren weiterhin wie elektronische Herzschläge, doch sie wirken nicht nostalgisch verstaubt. Sie haben mehr Druck, mehr Raum, mehr Tiefe. In „Movements Of A Visionary, 2024“ bauen sich die hypnotischen Linien langsam auf, bis ein tranciger Sog entsteht, der klar an die klassische Berliner Schule erinnert und dennoch modern klingt. „Mysterious Semblance At The Strand Of Nightmares, 2024“ zeigt dagegen die filmische Seite der Band: dramatische, anschwellende Klangflächen, Dunkelheit, Schwebung und eine fast unheimliche Schönheit.

Die heutige Besetzung mit Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Paul Frick behandelt das Erbe mit Respekt, aber ohne Ehrfurchtsstarre. Gerade das macht die Aufnahme stark. Wo das Original von 1974 wie ein Blick in eine unbekannte Zukunft klang, wirkt diese Barbican-Version wie eine Rückschau aus dieser Zukunft heraus. Die analoge Fragilität des Originals wird nicht kopiert, sondern in eine präzise, weit aufgefächerte Live-Architektur übersetzt. Das Ergebnis klingt größer, körperlicher und stellenweise fast sinfonisch, ohne den meditativen Kern von „Phaedra“ zu verlieren.

Die „Hippolytos Session“ ist dabei mehr als bloß Bonusmaterial. Sie öffnet das Konzert in Richtung freier elektronischer Improvisation und erinnert daran, dass Tangerine Dream nie nur eine Band der Komposition, sondern immer auch eine Band des Moments war. Hier darf Musik wachsen, atmen und sich verändern. Manche Passagen wirken suchend, andere überwältigend klar. Gerade diese Offenheit macht den Mitschnitt lebendig.

Natürlich wird es Puristen geben, die das Original bevorzugen. „Phaedra“ von 1974 besitzt eine geheimnisvolle Rohheit, die aus den damaligen technischen Grenzen entstanden ist. Diese Magie lässt sich nicht wiederholen. Aber „50 Years Of Phaedra: At The Barbican“ versucht das auch gar nicht. Es ist keine Kopie, sondern eine Verneigung mit eigener Haltung. Ein Kritiker nannte das Album eine moderne Rückkehr zu klassischen Tangerine-Dream-Epochen und zugleich einen Beweis, dass die aktuelle Besetzung den Namen weitertragen kann.

„50 Years Of Phaedra: At The Barbican“ ist ein würdiges, kraftvolles und atmosphärisch dichtes Jubiläumsalbum. Es zeigt, dass „Phaedra“ nicht nur ein historischer Meilenstein ist, sondern ein lebendiger Klangraum, der auch fünf Jahrzehnte später noch neue Formen annehmen kann. Tangerine Dream feiern hier nicht die Vergangenheit als Denkmal, sondern lassen sie neu leuchten – pulsierend, dunkel, elegant und visionär.

Ambient 1: Music for Airports von Brian Eno

Mit Ambient 1: Music for Airports schuf Brian Eno 1978 nicht nur ein Album, sondern praktisch eine neue musikalische Denkweise. Die Platte gilt als Geburtsstunde dessen, was Eno selbst als „Ambient Music“ definierte: Musik, die Atmosphäre erzeugt, ohne sich aufzudrängen – ruhig, offen und zugleich emotional tief wirkend.

Der Ausgangspunkt war ebenso ungewöhnlich wie visionär. Eno wollte Musik komponieren, die die sterile, stressige Atmosphäre von Flughäfen beruhigt und menschlicher macht. Statt klassischer Songstrukturen entstehen auf Music for Airports langsam fließende Klangräume aus Klaviermotiven, Synthesizerflächen und verfremdeten Stimmen. Die Stücke entwickeln sich fast schwerelos, ohne Rhythmusdruck oder erkennbare Dramaturgie.

Gerade diese Reduktion macht das Album so faszinierend. Die Musik scheint zu schweben: Wiederholungen verändern sich minimal, Töne verklingen langsam, Stille wird Teil der Komposition. Besonders „1/1“ mit seinem zurückhaltenden Klavier zählt heute zu den ikonischen Momenten elektronischer Musikgeschichte. Das Album funktioniert gleichzeitig als Hintergrundmusik und als konzentrierte Hörerfahrung – je nachdem, wie intensiv man sich darauf einlässt.

Damals wirkte das Werk auf viele Hörer irritierend, weil es sich bewusst gegen klassische Rock- oder Popkonzepte stellte. Rückblickend ist sein Einfluss jedoch enorm: Von Ambient über New Age bis hin zu moderner elektronischer Musik und Filmmusik reicht die Wirkung dieses Albums bis heute. Künstler wie Aphex Twin, The Orb oder Stars of the Lid bauten später auf Ideen auf, die Eno hier erstmals konsequent formulierte.

Trotz seines historischen Gewichts wirkt Ambient 1: Music for Airports erstaunlich zeitlos. Die Platte erzeugt keine spektakulären Momente, sondern einen Zustand – ruhig, melancholisch und fast meditativ. Genau darin liegt ihre Größe: Sie verändert weniger den Raum als vielmehr die Wahrnehmung des Hörers.

Six Evolutions – Bach: Cello Suites von Yo-Yo Ma

Yo-Yo Ma nähert sich auf Six Evolutions – Bach: Cello Suites den sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach nicht als bloßem Virtuosenstück, sondern als Lebensbilanz. Es ist bereits seine dritte Gesamtaufnahme dieser Werke – und gerade diese Reife hört man in jeder Phrase. Die technische Souveränität steht nie im Vordergrund; vielmehr entwickelt Ma eine fast meditative Ruhe, die den Suiten eine außergewöhnliche Menschlichkeit verleiht. Kritiker lobten besonders die „Zen-artige Gelassenheit“ und die innere Geschlossenheit der Interpretation.

Was dieses Album so besonders macht, ist die Balance zwischen Intimität und Größe. Ma spielt mit warmem, singendem Ton, vermeidet jedoch jede sentimentale Übertreibung. Die berühmte erste Suite wirkt transparent und lichtdurchflutet, während die düsteren Passagen der fünften Suite beinahe existenzielle Tiefe erreichen. Besonders in den Préludes zeigt sich seine erzählerische Stärke: Jede Suite bekommt ihre eigene Atmosphäre, ihren eigenen emotionalen Kosmos.

Im Vergleich zu seinen früheren Bach-Einspielungen klingt Six Evolutions reflektierter und freier. Die Aufnahme wirkt weniger geschniegelt als frühere Studiofassungen, dafür unmittelbarer und persönlicher. Viele Rezensenten sehen darin sogar seine gelungenste Bach-Interpretation überhaupt. Dabei bleibt Ma stets dem tänzerischen Charakter von Bachs Musik verpflichtet – die Gavotten, Bourrées und Giguen besitzen Eleganz und Leichtigkeit, ohne ihre Erdung zu verlieren.

Klanglich überzeugt das Album ebenfalls: Der warme, natürliche Celloton steht im Mittelpunkt, ohne künstliche Effekte oder übertriebene Räumlichkeit. Dadurch entsteht eine fast intime Hörsituation, als säße der Musiker direkt im Raum. Six Evolutions ist keine spektakuläre Neuerfindung der Bach-Suiten, sondern eine tief empfundene, menschliche und außergewöhnlich reife Lesart. Gerade darin liegt ihre Stärke. Wer Bach nicht nur hören, sondern erleben möchte, findet hier eine Aufnahme voller Wärme, Würde und stiller Intensität

Roxy Music – Avalon (1982)

Als Roxy Music 1982 Avalon veröffentlichten, hatten sie den exzentrischen Art-Rock ihrer frühen Jahre längst hinter sich gelassen. Statt schriller Avantgarde präsentierte die Band um Bryan Ferry ein Album von außergewöhnlicher Eleganz: kühl, luxuriös und zugleich zutiefst romantisch. Es wurde ihr erfolgreichstes Studioalbum und gilt heute als Meilenstein des Sophisti-Pop.

Schon die ersten Takte machen deutlich, dass hier Atmosphäre wichtiger ist als klassische Rock-Dramatik. Die Produktion wirkt beinahe schwerelos: Synthesizer schweben durch den Raum, Gitarren setzen dezente Akzente, und Ferrys Stimme gleitet wie ein weiterer Klangbaustein durch die Arrangements. Besonders „More Than This“ zählt zu den schönsten Pop-Balladen der Achtzigerjahre – melancholisch, sehnsüchtig und zeitlos. Der Titelsong „Avalon“ entfaltet mit seinen schwebenden Harmonien und den ätherischen Hintergrundstimmen eine fast magische Wirkung.

Die große Stärke des Albums liegt in seiner Geschlossenheit. Es gibt kaum offensichtliche Hits im klassischen Sinne, dafür entsteht ein durchgehender Klangraum, der eher erlebt als analysiert werden will. Viele spätere Produktionen aus dem Bereich Adult Pop, Dream Pop oder Lounge-Musik verdanken Avalon mehr, als oft angenommen wird. Der Einfluss auf die britische Popmusik der Achtziger wird von Kritikern regelmäßig hervorgehoben.

Gleichzeitig kann man dem Album vorwerfen, dass es stellenweise zu perfekt ist. Die kantige Spannung früherer Meisterwerke wie For Your Pleasure oder Country Life fehlt weitgehend. Wo Roxy Music einst provozierten, verführen sie nun. Wer die wilde Experimentierfreude der frühen Jahre liebt, könnte Avalon als zu geschniegelt empfinden.

Dennoch bleibt Avalon ein beeindruckendes Werk. Es klingt auch mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung erstaunlich modern. Die Mischung aus Melancholie, Stilbewusstsein und audiophiler Klangqualität macht das Album bis heute zu einem Lieblingsalbum von Musikliebhabern und HiFi-Fans.

Avalon ist kein Album, das mitreißt oder erschüttert – es umhüllt den Hörer. Es ist die musikalische Entsprechung eines nächtlichen Spaziergangs durch ein luxuriöses Hotel am Meer: elegant, geheimnisvoll und von einer Schönheit, die nie aufdringlich wirkt. Für viele ist es das Meisterwerk von Roxy Music – und zumindest ihr vollkommenstes Album.

Blues Breakers with Eric Clapton (1966) – John Mayall & The Bluesbreakers

Blues Breakers with Eric Clapton gehört zu den wichtigsten Alben der britischen Bluesgeschichte. Das Werk, das unter Fans auch als „Beano Album“ bekannt ist, markierte den Moment, in dem der traditionelle Chicago-Blues mit der Energie des britischen Rock verschmolz und damit den Grundstein für den späteren Bluesrock legte.

John Mayall fungiert dabei als musikalischer Kopf und Mentor, doch die eigentliche Sensation ist der damals erst 21-jährige Eric Clapton. Sein Gitarrenton – eine Gibson Les Paul über einen aufgerissenen Marshall-Verstärker – setzte neue Maßstäbe. Die Mischung aus Kraft, Sustain und technischer Präzision beeinflusste Generationen von Gitarristen und machte Clapton endgültig zum Star.

Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Blues-Klassikern wie „All Your Love“, „Hideaway“ und „Ramblin’ on My Mind“ sowie einigen Eigenkompositionen. Besonders „Hideaway“ zeigt Claptons Virtuosität, während „Have You Heard“ und „Double Crossing Time“ die Stärke der gesamten Band unterstreichen. Mayalls Hammond-Orgel, sein Piano und seine Mundharmonika sorgen dafür, dass die Platte nie zu einer bloßen Gitarrenshow verkommt. Die Produktion wirkt aus heutiger Sicht erstaunlich direkt und lebendig. Statt auf Studiotricks setzt Produzent Mike Vernon auf Transparenz und Dynamik. Dadurch klingt das Album auch 60 Jahre später frisch und authentisch.

Kritisch betrachtet ist die Platte weniger abwechslungsreich als spätere Bluesrock-Meilensteine. Einige Stücke folgen klassischen Blues-Schemata, und Mayalls Gesang besitzt nicht die Ausdruckskraft amerikanischer Vorbilder. Doch gerade die kompromisslose Orientierung am Blues macht den Reiz des Albums aus: Es klingt wie eine Liebeserklärung britischer Musiker an ihre amerikanischen Helden.

Blues Breakers with Eric Clapton ist kein Album für spektakuläre Effekte, sondern für Liebhaber ehrlicher, elektrischer Bluesmusik. Die Platte dokumentiert den Augenblick, in dem Eric Clapton vom talentierten Gitarristen zur Legende wurde und John Mayall den britischen Bluesboom entscheidend vorantrieb. Ein historisch bedeutendes Werk, dessen Einfluss auf Rock und Blues kaum überschätzt werden kann.

Andy Fairweather Low – The Invisible Bluesman

Mit The Invisible Bluesman liefert Andy Fairweather Low endlich das Album ab, das viele seiner Fans seit Jahrzehnten erwartet haben: eine kompromisslose Hommage an den Blues. Der ehemalige Amen-Corner-Sänger und langjährige Gitarrist von Eric Clapton, Roger Waters und George Harrison interpretiert auf zwölf Coverversionen Klassiker von Größen wie Muddy Waters, Jimmy Reed und Junior Parker mit spürbarer Leidenschaft und großer musikalischer Reife.

Statt virtuoser Selbstdarstellung setzt Fairweather Low auf Gefühl, Timing und eine warme, charaktervolle Stimme. Die Produktion von Glyn Johns klingt angenehm klassisch und lässt den Songs viel Raum zum Atmen. Das Album wirkt authentisch, entspannt und gleichzeitig hochklassig eingespielt.

The Invisible Bluesman ist kein revolutionäres Bluesalbum, aber ein äußerst überzeugendes Werk eines Musikers, der nach Jahrzehnten im Schatten großer Namen eindrucksvoll zeigt, wie tief der Blues in ihm verwurzelt ist.

Grieg – Peer Gynt Suites Nr. 1 & 2 Herbert von Karajan, Berliner Philharmoniker

Es gibt Aufnahmen, die sich nicht damit begnügen, Musik zu spielen – sie erschaffen eine Klangwelt. Karajans Einspielung der beiden Peer-Gynt-Suiten mit den Berliner Philharmonikern gehört zweifellos in diese Kategorie. Die Aufnahme entstand Anfang der 1970er Jahre für Deutsche Grammophon und gilt bis heute als eine der Referenzen des Werks.

Karajan nähert sich Grieg nicht als folkloristischem Nationalkomponisten, sondern als Meister orchestraler Farben. Schon die berühmte „Morgenstimmung“ entfaltet sich mit einer beinahe impressionistischen Leuchtkraft. Die Berliner Holzbläser zeichnen die Sonnenstrahlen nicht einfach nach – sie lassen sie förmlich über norwegische Berglandschaften gleiten. Dabei vermeidet Karajan jede Sentimentalität. Das Tempo bleibt fließend, der Klang transparent und dennoch luxuriös.

Besonders beeindruckend gelingt „Åses Tod“. Die Berliner Streicher erzeugen eine stille, fast sakrale Atmosphäre. Hier zeigt sich die berühmte Karajan-Kultur des Legatos, die dem Orchester in dieser Zeit einen unverwechselbaren Klang verlieh.

In „Anitras Tanz“ überzeugt die perfekte Balance zwischen Eleganz und Leichtigkeit. Karajan modelliert jede Phrase mit äußerster Sorgfalt, ohne dass die Musik akademisch wirkt. Der orchestrale Feinschliff erreicht ein Niveau, das viele Konkurrenzaufnahmen technisch übertrifft.

Der Höhepunkt der ersten Suite bleibt jedoch „In der Halle des Bergkönigs“. Während andere Dirigenten auf rohe Dramatik setzen, baut Karajan die Spannung kontrolliert und unerbittlich auf. Das Resultat wirkt weniger grotesk als vielmehr bedrohlich – wie eine perfekt konstruierte Maschine, die sich immer schneller dreht.

Auch die zweite Suite profitiert von diesem Ansatz. „Der Brautraub“ besitzt dramatische Wucht, „Arabischer Tanz“ schwebt in exotischen Farben, und „Peer Gynts Heimkehr“ entwickelt eine fast symphonische Kraft. Besonders „Solveigs Lied“ wird nicht zur sentimentalen Zugabe, sondern zum poetischen Abschluss eines großen musikalischen Bogens.

Klanglich ist die Deutsche-Grammophon-Produktion hervorragend gealtert. Der typische warme, geschlossene Berliner Orchesterklang wird von der Stereoaufnahme prachtvoll eingefangen. Selbst heute wirkt die Einspielung erstaunlich frisch, detailreich und räumlich. Zeitgenössische Hörer und Sammler loben die Aufnahme regelmäßig als besonders gelungenes Beispiel der Karajan-Berlin-Ära.
Wer Griegs Peer Gynt als farbenprächtiges spätromantisches Orchesterwerk erleben möchte, findet hier eine nahezu ideale Interpretation. Karajan opfert zwar etwas nordische Herbheit zugunsten von Schönheit und Perfektion, doch gerade diese Verbindung aus orchestraler Brillanz, atmosphärischer Dichte und technischer Vollendung macht die Aufnahme zu einem Klassiker.

100. Geburtstag von Peter Thomas

1. Dezember 2025

Am 1. Dezember 2025 wäre Peter Thomas 100 Jahre alt geworden – ein Komponist, der wie kaum ein anderer die Klangwelt des deutschen Films und Fernsehens geprägt hat. „Peter Thomas war einer der größten Komponisten populärer Musik, die wir hatten – das Beispiel einer durchgehend unpeinlichen deutschen Künstlerexistenz“, würdigte ihn einst die Süddeutsche Zeitung.

Tatsächlich hat Thomas im Laufe seines über 50 Jahre währenden Schaffens die Musik zu rund 80 Spielfilmen und über 600 Fernsehproduktionen geschrieben. Seine Melodien entfalteten ihre Wirkung über Jahrzehnte hinweg und verbanden Generationen: Viele dieser Themes und Soundtracks sind bis heute Kult. Von den schaurig-spannenden Edgar-Wallace-Krimis bis zur actiongeladenen Agentenfilmreihe Jerry Cotton, von Straßenfeger-Serien wie Der Kommissar bis zu exotischen Abenteuern – stets verlieh Peter Thomas den Bildern mit seinen Einfällen eine unvergessliche musikalische Stimme.

Kein Wunder, dass man in ihm einen Soundtüftler sah, Deutschlands einfallsreichsten Filmkomponisten der 1960er und 1970er Jahre. Mit Innovationskraft, Herz und einem Augenzwinkern schuf er einen neuen Klangkosmos für die Nachkriegszeit. Ich durfte zusammen mit Markus Elfert vom Filmreport ein interessantes Interview mit seinem Sohn Philip führen dürfen.

Besonders leuchtend strahlt bis heute seine Komposition für die Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ (1966). Diese Musik war in ihrer Art einzigartig und bahnbrechend. Thomas mischte hier Stile, die zuvor kaum zusammen gedacht wurden: treibende Beat-Rhythmen und Jazz-Grooves trafen auf Anklänge an klassische Musik und sogar Zwölfton-Klänge . Mit Mut zur Avantgarde integrierte er elektronische Effekte in den Orchesterklang – ein Novum im deutschen Fernsehen jener Zeit. Gleich zu Beginn der Titelmelodie ertönt ein Countdown, gezählt von Thomas’ eigener Stimme durch einen verzerrenden Vocoder – dies war eine der frühesten Anwendungen eines Vocoders in der Populärmusik überhaupt. Zusammen mit dem Tontechniker Hansjörg Wicha hatte Thomas sogar ein eigenes elektronisches Instrument entwickelt, das „ThoWiephon“, dessen spacige Klänge er hier einsetzte. Statt auf ein großes Symphonieorchester setzte er – auch aus Budgetgründen – auf eine kleine Bandbesetzung und machte „aus der Not eine Tugend“: Im Zentrum seines Orion-Sounds steht eine Hammond-Orgel, damals für viele Ohren ein ungewohnter Klang.

Mit ihrem schwebenden, vibrierenden Sound untermalte sie perfekt die unheimlichen und futuristischen Szenen. Diese ungewöhnliche Mischung verlieh Raumpatrouille Orion einen Soundtrack, der so futuristisch wie verspielt war – Musik „vom Mond“, wie Thomas es nannte, die das Publikum gleichermaßen in Staunen und in gute Laune versetzte. Unvergessen sind die bizarren Tanzszenen der Serie, zu denen Thomas eigens den Modetanz „Galyxo“ erfand – ein hüpfender Weltraum-Twist, der die Zuschauer schmunzeln ließ. Thomas’ Orion-Musik wirkte wie ein eigenes Besatzungsmitglied der Orion: Sie trug die Abenteuer am Rande der Unendlichkeit mit, gab ihnen Herzschlag und Humor und machte die Serie zu einer Legende der TV-Geschichte.

Doch Peter Thomas’ Schaffen beschränkte sich keineswegs nur auf ferne Galaxien – er war ebenso der Meister der Großstadtlichter, des kriminalistischen Nervenkitzels und sogar der heiteren Momente. Seine Soundtracks für die Edgar-Wallace-Filme der 1960er Jahre (beginnend mit Die seltsame Gräfin, 1961) begründeten seinen Ruf; mit swingenden Big-Band-Klängen, unheimlichen Orgelakkorden und ungewöhnlichen Geräuscheffekten schuf er in diesen Krimis eine unverwechselbare Atmosphäre. Insgesamt 18 Filme der Edgar-Wallace-Reihe vertonte er und wurde so zum Stammkomponisten dieser populären Gruselserie. Ich liebe den Soundtrack zum Heuler Die Schlangengrube und das Pendel.

Ebenso prägte er den Sound der acht Jerry-Cotton-Agentenfilme (1965–69) mit rasanten, jazzigen Rhythmen und spannungsgeladenen Themen – Musik, die den Puls der Zuschauer beschleunigte und den rauchigen Glamour des New Yorker Gangstermilieus ins heimische Kino holte. Mit diesen Werken avancierte Thomas zu Deutschlands führendem Komponisten für Kriminal- und Actionfilme jener Ära. Seine Kreativität kannte dabei keine Scheu vor kuriosen Einfällen: In einem Wallace-Titelsong wie “Der Hexer“ verarbeitete er schon mal das Jaulen von Hunden, gellende Schreie und Pistolenschüsse als Teil der Musik – Momente subtilen Humors und selbstironischer Augenzwinkerei, die den Hörer überraschten und doch bestens ins Klangbild passten. Diese spielerische Experimentierlust verlieh Thomas’ Krimi-Scores eine besondere Würze.

Auch im Fernsehen hinterließ Peter Thomas unauslöschliche Spuren. Für Serienklassiker wie „Der Kommissar“ (ab 1969), „Derrick“ (ab 1974) oder „Der Alte“ (ab 1977) steuerte er regelmäßig die Episodenmusik bei. Stets traf er den richtigen Ton für die Stimmung – mal melancholisch-nachdenklich, mal gespannt-düster, mal beschwingt. Seine Musik aus Der Kommissar fand sogar den Weg in die Hitparaden: Das Lied „Du lebst in deiner Welt“, gesungen von Daisy Door in einer Folge 1971, entwickelte sich zum Chart-Erfolg und verkaufte sich über 500.000 Mal. Es war ungewöhnlich, dass ein Stück Filmmusik als Single derartig einschlug – ein weiteres Zeugnis dafür, wie Thomas mit seinen Melodien direkt die Herzen des Publikums erreichte. Selbst in Genres wie Western, Komödie oder Dokumentation fühlte er sich zuhause – ob schmissige Marschmusik für abenteuerliche Cowboy-Geschichten oder experimentelle Klänge für Horror- und Sci-Fi-Stoffe, immer bewies er seine enorme stilistische Bandbreite. Dabei blieb Thomas’ Handschrift stets erkennbar: ein Gespür für eingängige Themen, eine Vorliebe für jazzige Harmonien und ein augenzwinkernder Esprit, der in vielen seiner Stücke mitschwingt.

Heute, ein Jahrhundert nach seiner Geburt, wird Peter Thomas als Legende gefeiert. Sein Einfluss auf das Genre des Soundtracks im deutschsprachigen Raum ist kaum zu überschätzen – er hat gezeigt, dass Filmmusik mutig neue Wege gehen kann, ohne ihre Emotionalität zu verlieren. Viele jüngere Komponisten und Bands haben sein Werk als Inspiration entdeckt; so sampelte etwa die britische Band Pulp einen seiner Orion-Titel (“Bolero on the Moon Rocks“) in einem Popsong, und Hollywood-Regisseur George Clooney verwendete Thomas-Kompositionen aus den 60er Jahren in Confessions of a Dangerous Mind (2002) . Wie ein Nachruf treffend bemerkte, lieferte Peter Thomas gewissermaßen „den Soundtrack der westdeutschen Nachkriegszeit“ – kaum ein bekanntes Kinoabenteuer oder eine TV-Serie der 60er und 70er, die nicht von seinen Klängen mitgetragen wurde. Seine Musik hat das Publikum durch ferne Welten geführt, es zum Lachen und Staunen gebracht und ganze Generationen begleitet. Voll Wärme, Witz und Wagemut erschuf Peter Thomas einen Klangkosmos, der bis heute nachhallt.

Besonders betonen möchte ich die Leistung des Stuttgarter Labels Allscore. Das Label beschäftigt sich mit Filmmusik und veröffentlicht unter anderem Werke des Komponisten Peter Thomas. Allscore veröffentlicht Soundtracks, insbesondere aus den 1960er und 1970er Jahren, sowie Musik aus Genres wie Cinematic Music, Beat, Surf und Lounge. Sobald hier eine neue Schallplatte erscheint, wird bestellt. Bitte mehr.

In diesem musisch-poetischen Sinne verneigen wir uns vor einem großen Maestro. Seine innovativen Klangexperimente, sein musikalischer Humor und seine unerschöpfliche Kreativität haben die deutschsprachige Filmmusik für immer bereichert. Auch wenn Peter Thomas selbst nicht mehr unter uns weilt – seine Melodien leben weiter: als Soundtrack unserer Erinnerungen, als Ohrwürmer und Gänsehaut-Themen, die uns immer wieder daran erinnern, was für ein Abenteuer gute Musik sein kann. Danke, Peter Thomas, für diese fantastischen Klangabenteuer. Und danke an Philip Thomas, das er das Erbe des Vaters weiter hochhält.

Musiktipp: The Tape Masters Vol. 1 von Peter Thomas

11. Oktober 2024

Immer wieder werden musikalische Schätze gehoben und so schlug mein Herz schneller, als mir Philip Thomas das neuneröffentliche Doppelalbum The Tape Masters Vol. 1 von seinem Vater Peter Thomas überreichte.

Es ist stets etwas Besonderes, wenn Musik es schafft, ihre Wirkung über Jahrzehnte hinweg zu entfalten und Generationen zu verbinden. Nochmal mehr, wenn diese Musik eher selten live auf einer Bühne aufgeführt wurde. Der Soundtüftler Peter Thomas gilt als Deutschlands einfallsreichster Filmkomponist der 1960er und 1970er Jahre und ist vor allem für seine kultigen Soundtracks bekannt. Über 600 Filme und Episoden hat das 1925 geborene, musikalische Mastermind vertont. Von den Kriminalfilmen von Jerry Cotton und Edgar Wallace bis zu Indie-Filmen wie Bruce Lees The Big Boss, der außerirdischen Raumpatrouille Orion und den großen deutschen Krimiserien der 60er und 70er Jahre (Derrick, Der Alte, Der Kommissar).

Bevor 2025 der 100. Geburtstag des 2020 verstorbenen Maestros ansteht, erschien jetzt unter dem Titel „The Tape Masters Vol.1 – Library Music“ eine außergewöhnliche Compilation von noch nie veröffentlichten Titeln aus Peter Thomas‘ persönlichem Reel-to-Reel Bandarchiv.

Die 25 Titel auf der neuen Doppel-LP reichen von fetzigem Big-Band-Funk, Space-Jazz, krautigen Synthie-Experimenten bis hin zu Proto-Hiphop, kosmischen Schlagern, schwerem Easy-Listening, gefühlvollen Soundtrack-Stimmungen und absurd verträumten LSD-Balladen und machen diese Zusammenstellung zum wohl obskursten und doch transzendentesten Werk des Komponisten. Schon in der Vergangenheit boten seine Aufnahmen für Musikbibliotheken oft einen unkonventionellen Ansatz. Ihre visionären „Dope Beats“ weckten das Interesse von Vinyl-Liebhabern, Beatmakern und Rare Groove DJs gleichermaßen. Bei der jetzigen Veröffentlichung handelt es sich um besondere Stücke aus dem riesigen Archiv Peter Thomas‘, welche er schon früh begann zu digitalisieren. Allesamt aus den Jahren 1968 – 1976, dokumentieren die Stücke die beeindruckende Vielfalt seines künstlerischen Schaffens.

Peter Thomas Sound Orchester (PTSO)
Unter dem Titel Peter Thomas Sound Orchester (PTSO) vereinte der musikalische Tausendsassa ab Anfang der 1960er Jahre die Musiker*innen, die seine Kompositionen im Studio einspielten und bei Gelegenheit auch live aufführten. Auch wenn Besetzung je nach Bedarf und Budget variierten, schaffte Thomas sich so einen Klangkörper, dessen Namen Rückschluss auf den Komponisten bot, gleichwohl aber ausdrückte, dass es hier um eine musikalische Teamleistung geht.

Dieser Teamgedanke war Peter Thomas stets von Bedeutung. Während Komponisten in der Regel auf der notengetreuen Wiedergabe der vorliegenden Werke bestanden, herrschte im PTSO kreativer Freiraum. Sein Namensgeber animierte seine Mitstreiter*innen stets ihre eigenen Ideen einzubringen und setzte solche musikalischen Einfälle oft gleich um. Überliefert sind außerdem die Freude und der Spaß bei den Aufnahmen. Ein Musiker des Orchesters erzählte, dass er bei einer Aufnahme mit einer Tonfolge Probleme hatte und sich mehrfach verspielte. Thomas‘ Reaktion daraufhin: „Ach Olaf, lass den Ton einfach weg“.

Ich durfte zusammen mit Markus Elfert vom Filmreport in Berlin ein Interview mit Philip Thomas führen. Hier kündigt er für 2025 Veröffentlichungen an, darunter neu entdecktes Material der Raumpatrouille Orion.

Wer jetzt behauptet, 50 Jahre alte BASF-Bänder interessierten heute niemanden mehr, dem sei ein Blick auf TikTok ans Herz gelegt. Dort rekontextualisieren seit jüngerer Vergangenheit tausende Creator den 1968er Titel „Natascha – Main Theme“ aus einem Sexualaufklärungsfilm für die Untermalung unterschiedlichster Videos und erreichen damit ein Millionenpublikum. Ein schöner Full-Circle-Moment für die visionäre Schaffenskraft des Komponisten, der sich den Klang des digitalen Zeitalters schon früh ausmalte und analog festhielt – und jetzt von der digitalen Generation wiederentdeckt wird.
Ich freue mich über die Aufnahme und höre die neue Doppel-LP mit Genuss und Begeisterung.

Philip Thomas: Es wird 2025 unveröffentlichte Takes von Raumpatrouille Orion von Peter Thomas geben

11. September 2024

Im nächsten Jahr feiert der berühmte Komponist Peter Thomas seinen 100. Geburtstag. Leider verstarb der Ausnahmekünstler im Jahr 2020 im Alter von 84 94 Jahre. Den musikalischen Nachlass verwaltet sein Sohn Philip, den Markus Elfert von Filmreport und ich in Berlin einen Besuch abstatteten und ein Interview aufnahmen. Wir trafen auf einen sympathischen, engagierten Mann, der sich mit viel Passion dem Erbe seines Vaters widmete und sogar seinen Juristenjob an den Nagel hing.

Peter Thomas bedeutet für mich in erster Linie die Musik Raumpatrouille Orion, Edgar Wallace und Jerry Cotton. Und viele Soundtracks mehr: Aber ich habe auch noch viele Vinyl-Scheiben zu den Botschaft der Götter, ein schlimmer Dokumentarfilm aus dem Jahr 1976 von Harald Reinl mit William Shatner nach dem Ideen von Erich von Däniken.
Das Archiv von Peter Thomas ist riesig. Noch zu Lebzeiten hat der Musiker sein Werk katalogisiert, was natürlich seinem Erben jetzt zur Hilfe kommt. Thomas hatte ja nicht nur Soundtracks wie Die Schlangengrube und das Pendel geschaffen, sondern auch viel Experimentalmusik und Jazz. Einige wunderbare Soundtracks sind bei All Score erschienen wie Bruce Lee Big Boss, Steiner-das Eiserne Kreuz II oder Winnetou und Sein Freund Old Firehand

Die Werke müssen nun gesichtet und gemastert werden. Einiges davon wird auf Vinyl veröffentlicht, sehr vieles auf Streaming-Plattformen. So wird Peter Thomas einer neuen Generation näher gebracht.

Zu Hause habe ich meine Peter Thomas Vinyl-Platten zusammengesucht und präsentiere sie hier in diesem Video.

Musiktipp: Soundtrack Steiner das eiserne Kreuz II von Peter Thomas

6. April 2023

Heute eine Soundtrack-Empfehlung von einem der Recken der deutschen Filmmusik. Peter Thomas. Vor kurzem veröffentlichte Allscoremedia zum ersten Mal den Soundtrack zu Steiner das eiserne Kreuz II auf farbigen Vinyl. Der Film selbst ist Mist, im Gegensatz zum erste Teil. Aber die Musik hat es in sich.

Der Produzent Wolf C. Hartwig plante, finanziert mit den Millionen der immens erfolgreichen Schulmädchen-Report-Filme, eine internationale Großproduktion: Steiner – Das Eiserne Kreuz, basierend auf Willi Heinrichs Weltkriegsroman „Das geduldige Fleisch“. Regie führte Sam Peckinpah. Die Musik sollte aus der Feder von Peter Thomas kommen. Leider kamen die beiden nicht miteinander klar. Letztendlich schrieb der amerikanische Komponist Ernest Gold die Musik zu dem erste Teil von Steiner. Der Film wurde 1977, trotz großer finanzieller Querelen, ein internationaler Erfolg.

Alsbald wurde eine Fortsetzung gedreht. Die Regie führte Andrew V. McLaglen, und bei der Filmmusik kam nun Peter Thomas zum Zuge. Der neue Regisseur und der Komponist verstanden sich auf Anhieb gut. Die Titelmelodie von Peter Thomas wurde kurz nach der Filmpremiere 1979 von der Ariola als Single veröffentlicht. Der Film Steiner – Das Eiserne Kreuz, Teil 2 konnte allerdings trotz Starbesetzung nicht mehr an den Erfolg des ersten Teiles anknüpfen. Eine bereits angedachte LP-Veröffentlichung des Soundtracks wurde vermutlich deshalb nicht mehr weiterverfolgt.

Bis jetzt: Allscore Media brachte die Musik auf dem Markt und ich bin restlos von den meisten Stücken begeistert. Das vorliegende Album ist die Vinyl-Premiere der Filmmusik, ergänzt um einen bisher unveröffentlichten Titel, der auf einer längst vergriffenen CD-Veröffentlichung aus dem Jahr 1993 noch nicht enthalten war.

Für die Illustrationen auf dem Gatefold-Cover der LP sowie dem Digipack der CD zeichnet einmal mehr Adrian Keindorf verantwortlich, der schon einige LPs von Allscoremedia geschaffen hat. Die LP erscheint auf transparent-orangefarbigem 180g-Vinyl in gefütterter Innenhülle, limitert auf 500 Exemplare.

Peter Thomas (1925-2020) war ein bedeutender deutscher Filmkomponist, der für mehr als 200 Film- und Fernsehproduktionen Musik geschrieben hat. Er prägte den Soundtrack von zahlreichen Klassikern des deutschen Films wie „Die Halbstarken“ oder „Raumpatrouille Orion“. Mit seinen unverwechselbaren Klängen, die oft von elektronischen Instrumenten und Soundeffekten geprägt waren, schuf er eine eigene Ästhetik im deutschen Filmmusikbereich. Thomas war auch ein Pionier in der Verwendung von Popmusik-Elementen in Filmmusik und gilt als einer der Wegbereiter für den Einsatz von Synthesizern und Sounddesign in der Filmmusik. Sein Werk prägte eine ganze Generation von Filmkomponisten und er wird für immer einen besonderen Platz in der deutschen Filmgeschichte einnehmen.

Raumpatrouille Orion noch immer stilprägend

22. September 2020

Die deutsche Antwort auf Raumschiff Enterprise war Raumpatrouille Orion und ich habe mir die sechsteilige Serie mal wieder auf Laserdisc angeschaut.
Es war ein „Märchen von übermorgen“ und anders als die friedliebenden Trekkies war Orion eher militärisch geprägt. George Lucas muss die Serie irgendwie gesehen haben, denn die Uniformen der imperialen Offiziere sehen doch ganz nach Raumpatrouille aus.
Innovativ war die Serie auf jeden Fall. Sie sah Erfindungen voraus, wie manche andere SF-Serie ebenso. Die Apple Watch kam ebenso vor wie FaceTime, die Visiorübertragung hieß. Allerdings wurde die Navigation durch den Raum noch mit Lochstreifen geführt – ganz so modern war man dann doch nicht. Und die Roboter der Serie glichen dann doch den Kampfmaschinen aus Ghost in the Shell – es kommt eben alles wieder.
Raumpatrouille war stilprägend. Das auf jeden Fall. Die Serie hatte Auswirkungen auf die Popkultur in Deutschland. Ein Beispiel ist, dass der Countdown zum Start bei Kraftwerk wieder aufgenommen wurde – was kann es für einen besseren Ritterschlag geben?
Aber ich musste beim Wiedersehen der Serie ganz schön schlucken, wenn ich das Frauenbild der damaligen Zeit ansehe. Natürlich war es überzogen, aber ein wahrer Kern steckte sicherlich im Drehbuch. Das Rollenbild der Sechziger war in Raumpatrouille festgeschrieben. In Folge 5 erklärt Commander Cliff Allister McLane mit völligem Unverständnis: Auf Chroma bestimmen die Frauen. Es fällt sogar die Ausdrucke „Weiberkolonie“ und „Amazonenzirkus“. In Sachen Emanzipation hatten die Chauvinisten der Raumpatrouille dann doch einigen Nachholbedarf.

Was mich ärgert. Von der Serie gibt es neben der Laserdisc nur eine DVD Raumpatrouille , aber leider keine Blu-ray. Warum eigentlich?
Ach ja, die Musik von Peter Thomas ist noch immer göttlich und wehe, hier widerspricht jemand. Ich habe sogar noch eine limitierte, signierte Ausgabe.