Grundsätzlich gilt: Bleiben Sie zu Hause – vor allem wenn Sie zu den betroffenen Risikogruppen gehören, dann sollten Sie nicht zum Einkaufen gehen. Das dürfte doch nicht so schwer sein. Es gibt genügend hilfsbereite Mitmenschen in der Gemeinde Maisach, die Besorgungen machen.
Wer zum Einkaufen in Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck geht, stellt aber fest, dass sich Läden optisch verändert haben. Zum einen heißt es ganz klar Abstand halten. Zum anderen haben viele Geschäfte Plexiglasscheiben aufgebaut, um ihre Mitarbeiter zu schützen.
Ein bisschen Glaskäfig, aber egal. Plexiglas beim Edeka.
Beispielsweise hat Toni Leich vom Edeka in Maisach Plexiglaskästen für seine Kassenkräfte aufgebaut. Auf bei der Fleisch- und Wursttheke sind die freundlichen Mitarbeiter hinter Glas. Es sieht ein wenig gewöhnungsbedürftig aus, dient aber zum Schutz. Zudem tragen die Kassenkräfte jetzt auch Handschuhe. Da ich in der Regel kontaktlos mit dem iPhone via ApplePay bezahle, sind mir die Änderungen beim bar kassieren erst einmal nicht aufgefallen. Das Geld wird nicht mehr direkt überreicht, sondern kommt in eine orange Schale. Das Wechselgeld kommt wieder in die Schale. So wird der körperliche Kontakt vermieden – gute Idee. Ich bitte alle Gewerbetreibenden im Dorf auf so eine Art von kontaktlosen Bezahlen umzustellen.
Ähnliche Plexiglas-Varianten habe ich in der Birken-Apotheke gesehen. Es dürfen nur noch wenige Leute in die Apotheke. Gerade in so sensiblen Bereichen wie Apotheken oder Arztpraxen begrüße ich solche Schutzvorrichtungen.
Bei einem Lungenarzt in Fürstenfeldbruck habe ich sogar eine Variante mit durchsichtiger Folie gesehen – sieht zwar nicht toll aus, funktioniert aber großartig. Die komplette Rezeption war in Folie verpackt. In Zeiten von Corona muss Design wohl in den Hintergrund treten.
Wir wissen ja, das es wichtig ist, Abstand zu halten. Und so gibt es vermehrt Aufkleber oder Markierungen am Boden, die den Abstand der Kunden einfordern. Im Supermarkt, beim Bäcker, bei Auto Walter – eigentlich überall. Wenn mir persönlich jemand zu nah auf die Pelle rückt, dann erlaube ich mir freundlich aber entscheiden darauf hinzuweisen. Im großen und ganzen klappt das Einhalten des Abstands in den Geschäften sehr gut. 1,5 Meter sind Pflicht.
Ich war gespannt, wie es auf dem Maisacher Wochenmarkt funktioniert. Als ich nachmittags vorbeischaute, staunte ich über die Disziplin nicht schlecht. Vor den drei Ständen hatten sich Reihen mit großzügigen Abständen gebildet. Es gab kein Gedränge, kein Geschupse oder böse Worte der Hatz. Die Einkäufer brachten Geduld mit. Es entzerrt sich, alle haben Zeit bei der Ausgangsbeschränkung eingeplant. Alles läuft bei uns im Dorf entspannter ab – so soll es sein. Gemeinsam überstehen wir die Krise.
Die Corona-Krise hat das öffentliche Leben in Maisach so gut wie lahmgelegt. Wie reagieren die Einsatz- und Rettungsorganisationen in meiner Gemeinde Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck am fünften Tag der Ausgangsbeschränkung auf das Virus? Ich wollte vom Maisacher Feuerwehrkommandant Andreas Müller wissen: Ist die notwendige Einsatzstärke sichergestellt? Und wie schützen sich Feuerwehrleute vor einer Ansteckung?
„Wir haben in unserer Truppe keine Verdachtsfälle und sind daher mit 49 aktiven Feuerwehrkameraden voll einsatzbereit“, beruhigte Müller. Das Wichtigste sei in so einer Krisensituation die Kommunikation untereinander. Der Digitalfunk der Feuerwehr funktioniert zwischen Fahrzeugen und Feuerwehrhaus. Untereinander kommuniziere man mit E-Mai, Messenger und es wird verstärkt telefoniert. „Ich habe einen gewaltigen Respekt vor meiner Mannschaft. Ich bin seit 26 Jahren bei der Feuerwehr dabei, aber so eine Krise habe ich noch nie erlebt. Der Zusammenhalt ist hervorragend,“ so der 41jährige Müller. Er ist seit März 2019 erster Kommandant der Maisacher Wehr und war seit 2013 Stellvertreter.
Aber in Zeiten von Corona gibt es besondere Vorkehrungen. Die Feuerwehr Maisach habe alle Treffen oder den gemeinsamen Sport abgesagt. Nur noch am Samstag findet von 10 bis 10.30 Uhr die Bewegungsfahrten in kleiner Besetzung statt, damit im Notfall die Fahrzeuge der Maisacher Wehr einsatzbereit sind.
Das Feuerwehrhaus ist für die Öffentlichkeit gesperrt. Während früher Eltern mal mit ihren Kindern vorbeischauen und die Fahrzeuge bestaunen konnten, so bleibt die Öffentlichkeit jetzt komplett außen vor. Mögliche Paketlieferungen an die Feuerwehr kommen über die Gemeinde oder werden privat organisiert.
Zu Zeiten von Corona habe es bisher nur einen Einsatz gegeben und das war ein Ölschaden. Sollte es aber brennen und die Feuerwehr sei personell richtig gefordert, dann gilt auch hier: Abstand halten. Es gibt klare Bestimmungen des Gesundheitsamtes, die Müller seinen Leuten vermittelt und eingeübt hat.
Bei der Feuerwehr Maisach sind Atemschutzmasken FFP2 vorhanden. Nachschub sei unterwegs.
Atemschutzmasken schützen vor lungengängigem Staub, Rauch und Flüssigkeitsnebel (Aerosol), nicht aber vor Dampf und Gas. Das Klassifizierungssystem unterteilt sich in drei FFP Klassen, das Kürzel FFP steht dabei für „filtering face piece“. Eine Atemschutzmaske bedeckt Nase und Mund und setzt sich zusammen aus verschiedenen Filtermaterialien und der Maske selbst. Vorgeschrieben sind sie an Arbeitsplätzen, an denen der Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) überschritten wird. Dies ist die maximal zulässige Konzentration von Stäuben, Rauch und Aerosolen in der Atemluft, die nicht zu gesundheitlichen Schäden führt. Wird sie überschritten, sind Atemschutzmasken verpflichtend. Atemschutzmasken der Schutzklasse FFP2 eignen sich für Arbeitsumgebungen, in denen sich gesundheitsschädliche und erbgutverändernde Stoffe in der Atemluft befinden. Sie müssen mindestens 94% der in der Luft befindlichen Partikel bis zu einer Größe von 0,6 μm auffangen und dürfen eingesetzt werden, wenn der Arbeitsplatzgrenzwert höchstens die 10-fache Konzentration erreicht.
Die Feuerwehr hat aber natürlich die Masken, welche für den Pressluftatmer benötigt werden, heißen Atemschutzmaske. Diese gibt es als Voll- oder Halbmaske.
Andreas Müller reinigt mit Flächendesinfektionsmittel regelmäßig Lenkräder, Schaltknüppel undWerkzeuge der Feuerwehr, um ein Ansteckungsrisiko zu minimieren.
Gleichzeitig steht er im Kontakt mit den anderen freiwilligen Feuerwehren im Gemeindegebiet und im Landkreis. „Wir sind einsatzbereit und stehen zur Verfügung, wenn man uns braucht“, so Feuerwehrkomandant Andreas Müller.
Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten hatten sich am Sonntag auf bundesweite Einschränkungen verständigt. Generell gilt eine Abstandsregelung von mindestens eineinhalb Metern. Begegnungen in der Öffentlichkeit sind in anderen Bundesländern generell auf zwei Menschen beschränkt, bei uns in Bayern dürfen weiterhin nur Familien beziehungsweise Mitglieder eines Haushalts gemeinsam unterwegs sein. Mein Eindruck in unserem Dorf ist: Es klappt – die Straßen im Dorf sind leer. In der Frauenstraße, einer der wichtigen Straßen zum Gewerbegebiet, fahren kaum Autos. Das Dorfzentrum ist kaum besucht, ein paar Menschen laufen noch von der S-Bahn zu den Firmen.
Wenn die Kontakte nicht im realen Leben stattfinden können, dann gibt es das virtuelle Leben. Meine wichtigsten Werkzeuge sind eMail, Threema, Facetime, Skype sowie Zoom. Und hier kommt auch das größte soziale Netzwerk der Welt ins Spiel: Facebook.
Für mein Dorf gibt es eine Facebook-Gruppe „Du kommst aus Maisach, wenn …„. Administrator der Gruppe mit derzeit 1695 Mitgliedern ist Claus Bender. Ich wollte wissen, ob sich durch Corona im Netz etwas verändert hat.
Spürst du durch Corona einen verstärkten Zugriff auf die Maisacher-Facebook-Gruppe?
Claus Bender: Ja, es passiert gewaltig etwas im Netz. Ich stelle eine Steigerung von rund 100 Prozent fest. Das Informationsbedürfnis ist enorm. Gleichzeitig sind die Mitglieder verstärkt zu Hause und schauen, was sich in der Gruppe tut. Viele möchten sich informieren, viele sich unterhalten und sich zum aktuellen Geschehen äußern. Corona hat derzeit einen extrem starken Einfluss auf die sozialen Medien, im Grunde ist nichts anderes mehr zu lesen.
Allerdings nehmen die pseudowitzigen Bilder und Sprüche seit einer Woche ab, auch hier ist zu spüren, dass diese Pandemie kein Spaß ist.
Seit wann besteht die Gruppe eigentlich und wie sieht ihre Entwicklung aus?
Claus Bender: Die Gruppe wurde am 19. Dezember 2017 von Thomas Wagner gegründet, der mich als Administrator mit ins Boot geholt hat, und ist seitdem stetig gewachsen. Durch die aktuelle Lage bekommen wir vermehrt neue Mitglieder.
Um welche Themen drehen sich die Gespräche in der Maisach-Gruppe?
Claus Bender: Der Schwerpunkt der Beiträge kommt aus Maisach und Gernlinden, weil sie ja die bevölkerungsreichsten Ortsteile sind. Aber auch die kleineren Ortsteile im Gemeindegebiet sind in der Facebook-Gruppe vertreten. Es werden alle möglichen Themen diskutiert von unterschiedlicher Qualität. Immer wieder werden Tiere gesucht, die entlaufen sind, so dass hier eine eigene Gruppe entstanden ist. Natürlich dürfen kleine Kabbeleien nicht fehlen – vor allem durch die historische Rivalität zwischen Maisach und Gernlinden.
Die Gruppe ist ja, trotz zurückliegendem Kommunalwahlkampf, in der Regel politikfrei. Geht das in Zeiten von Corona noch oder spürst du Veränderungen?
Claus Bender: Die Gruppe ist politisch, aber nicht parteipolitisch. Das ist ganz wichtig. Immer wieder gibt es Diskussionen, ob die eine oder andere Veranstaltung von einer politischen Gruppierung eine Parteienwerbung ist oder ob sie der allgemeinen Information dient. Aber Maisach klappt die Kommunikation im Großen und Ganzen sehr gut, ein paar Ausreißer gibt es natürlich immer.
Auf private Initiative von Klaus Engstler hat sich die Corona-Nachbarschaftshilfe Maisach als Facebook-Gruppe gegründet. Unterstützt du diese Aktion und in welcher Form?
Claus Bender: Wir haben die Initiative auf unserem Gruppenbild erwähnt und es ist toll, was Klaus da auf die Beine gestellt hat. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob die Zielgruppe, die unsere Hilfe benötigt, in sozialen Netzwerken aktiv ist. Ich glaube, die Maisacher Senioren sind in der Masse da nicht so weit. Daher ist es gut, dass auch eine klassische Telefonnummer angegeben ist, an die sich die Leute wenden können. Wie stark die Hilfe angenommen wird, kann ich nicht sagen. Es gibt einige Postings von Angeboten in der Maisacher Gruppe.
Greifst du als Administrator in Maisach in die Diskussion ein und stimmst du dich mit Admins anderer Gruppen im Landkreis ab?
Claus Bender: Ich greife ab und zu ein, wenn Beleidigungen oder Beschimpfungen auftreten. Aber die Maisacher sind hier diszipliniert. Es gibt größere Gruppen im Landkreis, da geht es härter zur Sache und dort müssen Beiträge durch den Moderator freigegeben werden, sonst kommt es zu einer Flut an Beschimpfungen. Das ist in Maisach nicht so. Hier geht es gesittet zu. Wir haben auch keine Bilder von Corona-Parties bisher.
Allerdings stehe ich die Gefahr von FakeNews. Hier greife ich ein, denn falsche Informationen sollen nicht veröffentlicht werden. Da erlaube ich mir schon mal nachzufragen und die Quelle zu prüfen.
Eine private Frage: Du hast ja einen Hauptberuf und eine Familie – wie schaffst du das eigentlich?
Claus Bender: Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Meine Frau steigt mir immer wieder aufs Dach, was ich mir hier ans Bein gebunden habe. Ich administriere ja nicht nur die Maisacher Gruppe, sondern unter anderem auch Olching und eine Foto-Gruppe im Landkreis.
Sonntag morgen in Maisach. Es hat geschneit. Es ist kalt, also einfach nochmal umdrehen und die Bettdecke über den Kopf ziehen. Erst als später die Sonne herauskommt, wacht das Dorf langsam auf.
Der Kirchgang fällt aus. Die katholische Kirche St. Vitus ist um 10 Uhr leer. Es findet kein Gottesdienst statt und die Besucher bleiben aus, die Kirche selbst ist geöffnet. Jeder verarbeitet die Corona-Krise auf seine Art. Pfarrer Terance zelebriert jeden Tag um 19:00 Uhr einen privaten Gottesdienst und schließt die Intentionen und Sorgen der Menschen im Pfarrverband ein. „Verbinden Sie sich jeden Abend mit Pfarrer Terance und vielen von uns durch die gemeinsame Aktion, täglich um 19:00 Uhr eine Kerze ins Fenster zu stellen und ein Vaterunser (oder auch weitere Gebete) zu sprechen.“
Vereinzelt begegnet man Spaziergänger – freilich mit dem notwenigen Abstand. Die Ausgangsbeschränkung funktioniert.
Nachmittags, nach weiteren Netflix-Folgen am Sofa, beobachte ich im Garten die vorbeiziehenden Wolken und hänge meinen Gedanken nach.
Am Montag wird unser kleines Dorf wieder mit mehr Leben erfüllt. Der Lebensmitteleinzelhandel hat wieder geöffnet. Daher habe ich einfach mal bei unserem Betreiber des Edeka-Supermarktes im Dorfzentrum angeklopft und ihn um ein Interview gebeten. Toni Leich betreibt den Edeka Leich im Zentrum von Maisach.
Toni Leich führt den Edeka Leich in Maisach. Foto: Leich
Wie geht es Ihnen, Ihrer Familie und Ihrem Team?
Toni Leich: Privat geht es uns gut. Allerdings leidet meine Frau mit unserem dreijährigen Sohn etwas darunter, dass ich so oft im Geschäft bin. Ich stehe um 3 Uhr morgens auf und bin um 3:45 Uhr im Geschäft. Bis 19 Uhr bin ich dort anzutreffen. Es gibt auch eine Nachtschicht bis 2:30 Uhr. Mein Team arbeitet sehr konzentriert, sehr intensiv und bleibt ein, zwei Stunden länger. Ich bin sehr dankbar, dass sich mein Team tapfer in dieser Situation hält. Wir haben zusätzliche Aushilfen eingestellt und suchen noch weitere Unterstützung.
Ist die Versorgung mit Lebensmitteln in Maisach gewährleistet?
Toni Leich: Es ist absolut kein Problem. Die Versorgung ist gesichert. Natürlich kann es in dieser Phase vorkommen, dass das eine oder andere Lieblingprodukt nicht vorhanden ist, aber es ist immer Ersatz da. Vor allem die gut&günstig-Artikel werden in erhöhtem Maß nachgefragt. Keine Angst, es gibt keinen Engpass an Lebensmitteln. Wir hatten die barilla im Angebot gehabt, der Rewe hatte barilla zuvor aus dem Sortiment genommen, da Rewe und barilla einen internen Streit hatten. Aus diesem Grund war die Nachfrage sehr groß gewesen. Aber es gibt immer Alternativen. Frische Ware wie Obst, Gemüse, Fleisch und Wurst werden jeden Tag geliefert, am Montag sogar zweimal am Tag. Die anderen Waren im Markt kommen Dienstag und Freitag.
Gab es bei Ihnen Hamsterkäufe?
Toni Leich: Die Masse unserer Kunden kauft ganz normal ein. Natürlich gibt es Menschen, die jetzt mehr einkaufen müssen, weil die ganze Familie zu Hause ist. Das haben wir eingeplant. Hamsterkäufe gibt es manches Mal, aber wir setzen auf die Vernunft unserer Kundinnen und Kunden. Unser Personal setzt auf Deeskalation und versucht auf aufgebrachte Kunden einzuwirken. Bisher klappt es sehr gut. Die Leute hier sind vernünftig.
Manch anderer Supermarkt musste Security beschäftigen. Gab es bei Ihnen solche Überlegungen?
Toni Leich: Ja, es gibt solche Überlegungen. Vor allem wenn die staatlichen Auflagen verschärft werden. Wir haben eine Security-Mannschaft an der Hand. Wenn es ernster wird und wir nur noch wenige Kunden im Laden haben dürfen, müssen wir zwei der drei Zugänge zu unserem Geschäft schließen und dann werden wir einen Türwächter einsetzen müssen. Allerdings haben wir verstärkt unsere Hausdedektive im Einsatz.
Das Toilettenpapier scheint deutschlandweit der Verkaufsschlager schlechthin zu sein. Wie oft bekommt Edeka Leich hier Nachschub?
Toni Leich: Es ist ein Phänomen. Immer wieder wird das Toilettenpapier als erstes gekauft – es ist wohl ein Symbol der Sicherheit. Viele Kunden machen Witze oder posten Bilder von leeren Regalen in Facebook. Wir sorgen für Nachschub. Neulich hatte ich einen Kunden, der für eine Großfamilie einkauft, der hat etwas mehr mitbekommen und da lege ich auch was zurück. Wir sind in einem Dorf und ich kenne meine Kunden – das ist ein großer Vorteil.
Die Bayerische Staatsregierung hat die Möglichkeit für den Einzelhandel geschaffen, die Supermärkte länger zu öffnen – sogar am Sonntag. Sie haben darauf noch nicht zurückgegriffen – warum?
Toni Leich: Meine Team braucht auch seine Ruhephasen und vor allem in dieser sehr stressigen Zeit. Da ist Ausgleich enorm wichtig. Veränderte Öffnungszeiten kann es geben, wenn wir nur noch beschränkt Kunden in unser Geschäft lassen dürfen. Dann müssen wir den Zugang auch zeitlich entzerren. Das ist aber im Moment nicht vorgesehen.
Wie motivieren Sie Ihr Team?
Toni Leich: Viele Gespräche sind nötig und meine Teamleiter wissen das. Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft und stehe wenn möglich immer bereit für meine Leute. Natürlich komme ich den Wünschen meiner Mitarbeiter nach und höre zu.
Am Eingang zu Ihrem Supermarkt gibt es Desinfektionsmittel für die Hände. Wird es weiteren Schutz für Ihre Mitarbeiter geben?
Toni Leich: Es gibt Handschuhe für die Kassenkräfte. Zudem haben wir Desinfektionsspender am Eingang und an den Kassen. In der kommenden Woche werden Plexiglasscheiben an den Kassen und den Theken für Wurst, Fleisch, Käse und Fisch installiert, um mein Team vor Speichel zu schützen.
Letzte Frage: Hat Familie Leich noch ausreichend Toilettenpapier zu Hause?
Toni Leich (lacht): Wir haben eine Packung mit acht Rollen zu Hause. Wenn es eng wird, sitze ich aber an der Quelle.
Es ist ruhig, ganz ruhig – nicht langweilig, sondern ruhig. Samstag war der erste Tag der Ausgangsbeschränkung bei uns im Dorf Maisach. Er verlief aus meiner Sicht wie geplant. Es wurde drastisch kälter, da hatte man sowieso keine große Lust auf Action outside.
Gegen Mittag nach Genuss von zwei Netflix-Folgen und einem Online-Lernkurs machte ich mich auf zum Einkaufen ins Dorf. Bäcker Dafner und Edeka Leich waren meine geplanten Ziele, aber es wurde dann doch mehr. Die Straßen waren ruhig. Wenn man Leute traf, dann kurzer Augenkontakt mit Zunicken und Abstand halten, es spielt sich ein. Der Parkplatz vor dem Edeka war leer, nur ein paar wenige Fahrzeuge standen herum. Die Bäckerei hatte geöffnet, aber das Café vorschriftsmäßig geschlossen. Die Stühle standen auf den Tischen oder waren gestapelt in der Ecke. Ein Schild wies die Kunden der Bäckerei Wünsche auf die staatlichen Vorgaben hin. Dazu gab es den Mutmacher „zsammhalten muss ma jetzt“.
Der Supermarkt von Toni Leich war bis auf Toilettenpapier hervorragend gefüllt mit Waren, aber nicht mit Kunden. Die wenigen Kunden, die einkauften, gingen sich aus dem Weg. Das Team war stets freundlich – wie man halt in einem bayerischen Dorf miteinander umgeht. Übrigens, wenn ich kein Bargeld anfassen muss, bin ich extrem dankbar. Apple Pay ist eine Wucht.
Toilettenpapier ist schon wieder Mangelware. Aber Nachschub kommt.
Beim Bäcker Dafner gleiches Bild. Die jungen Verkäuferinnen bedienten mich freundlich, der Chef im Hintergrund sorgte für Nachschub. Schon am ersten Tag hat mein Lebensmitteleinzelhandel eine Routine entwickelt, ohne Aufregung, aber konsequent.
Vor der Bäckerei hing ein Aushang, von unserer Corona-Facebook-Gruppe, bei der ich Mitglied bin. Hier können Dienstleistungen zum Einkaufen, Besorgungen erledigen, Fahrdienste angeboten und abgerufen werden. Engagierte Bürgerinnen und Bürger des Dorfes haben sich zusammengeschlossen und zeigen Initiative. Eine alte Frau las den Aushang und ich sprach sie an, ob ich oder jemand aus der Gruppe etwas für sie besorgen kann. Mein Angebot wurde erbost abgelehnt. Nicht freundlich, eher störrisch giftig war die Antwort, dass sie so etwas nicht bräuchte. Sie sei gut zu Fuß. Trotz Intervention und Argumente mit Risikogruppe blieb sie stur. In sozialen Netzwerken habe ich von Jugendlichen gelesen, die Corona-Parties veranstalten. Dies habe ich nicht erlebt, vielmehr junge Menschen, die sich um ihre Eltern, Großeltern oder ältere Nachbarn kümmern. Aber ich habe live eine verbohrte, unbelehrbare Seniorin erlebt. Versteh einer die Welt.
Neben dem Bäcker ist unsere Eisdiele Alberto. Romina hat den Straßenverkauf geöffnet – das Geschäft könnte besser sein. Spontan schaute ich herein. Mit Tischen hat der Familienbetrieb die Eisdiele geschlossen. Die Tische sind nett dekoriert. Die Eis- und Kuchentheken sind voll gefüllt. Auch die Handzettel der Corona-Gruppe liegen hier aus. Ich kaufte für die Familie je drei Kugeln im Becher. Der lokale Handel leidet und muss unterstützt werden.
Alle Veranstaltungen im Dorf sind abgesagt.
Beim Heimgehen stieß ich auf die gemeindlichen Aushangwände. Alle Veranstaltungen sind abgesagt. Es bietet sich ein trauriges Bild. Ein Dorf kommt zur Ruhe und hält sich an die Ausgangsbeschränkungen. Es bricht eine neue Zeit an.
Was für meine Generation der 11. September war, ist für die Generation meiner Kinder das Corona-Virus – diesen Satz habe ich irgendwo in der Flut von Beiträgen in sozialen Netzwerken gelesen. Ich denke, die Aussage ist richtig.
Mich hat es als Freiberufler und Vortragsreisender voll erwischt. Alle Aufträge sind quasi über Nacht weggebrochen. Ab nächster Woche werde ich an neuen Ideen arbeiten, nach dem Motto Krise als Katalysator für den Wechsel. Die schönen Sonntagssprüche „In der Krise liegt die Kraft“ und „aus der Krise wird etwas neues entstehen“, könnt ihr euch übrigens sparen.
Dieser Tage hatte ich noch mit der Abwicklung verschiedener Sachen zu tun. Und ich musste Besorgungen machen und habe wahrgenommen, wie sich meine Umgebung verändert. In Bayern gilt seit heute um 0 Uhr eine Ausgangsbeschränkung, die das öffentliche Leben deutlich herunterfahren soll. Ob wirklich so viele Corona-Parties gefeiert wurden, kann ich nicht beurteilen. Aber ich habe gemerkt, wie Menschen sich in die eine oder andere Richtung verändern. Es widerstrebt mir, dass aufgrund einiger Volltrottel die Freiheitsrechte eingeschränkt werden. Ich halte die Entscheidung für richtig, aber Holzauge sei wachsam. Die Verkündigung des souveränen Ministerpräsidenten Söder habe ich im Büro meiner Frau gesehen. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Ausgangsbeschränkung und Ausgangssperre.
Der Lacher Toilettenpapier bewegt die ganze Nation. Ministerpräsident Söder bewies in der Krise auch Humor und besichtigte ein Verteilungszentrum von Rewe. Das Videostatement gab er ernst, im Hintergrund aufgeschichtete Rollen Toilettenpapier. Aber der Drang nach Toilettenpapier ist in der Nation enorm. Beim Rossmann im Nachbarort Puchheim gab es nur eine Packung pro Nase – „bitte jeder nur ein Kreuz“.
Bei meinen örtlichen Edeka wurde schnell aufgefüllt, wenn frische Ware eintraf. Aber der Hamster war auch bei uns im Dorf anzutreffen.
Nudeln, Mehl, Saucen – es waren schon deutliche Lücken in den Regalen festzustellen – so viele Nudeln kann man gar nicht fressen. Aber ich freue mich, wenn ich die Verkäuferinnen in „meinem“ EDEKA Leich in Maisach treffe. Gut gelaunt und freundlich – so muss es sein. Kleiner Plausch hier und dort – freilich mit dem notwendigen Abstand, aber zutiefst menschlich.
Beim Drogeriemarkt Rossmann in Puchheim musste ich eine Kundin mal rund machen – wenn ich mal explodiere, dann aber mit Wums. In unfreundlichen Worten wies ist die Zicke zurecht. Lautstark drängelte sie an der Kasse mit ihrem vollen Einkaufswagen.
Ich lernte das Schlange stehen, wie die Verwandtschaft einstmals im Sozialismus. Für meine Eltern musste ich in der Apotheke Medikamente besorgen und reihte mich ein – zwei Meter Abstand haben prima geklappt. Es durfte immer nur ein Kunde in die Apotheke. Die PTA schaute hinter Plastikfolie hervor.
Natürlich ist gestern – kurz vor der vorläufigen zweiwöchigen Schließung der Baumärkte, auch ein Abflussrohr im Bad undicht geworden und wir hatten nur noch drei Stunden, einen Baumarkt zu besuchen. Lange Schlangen davor am Hasenbau, wie der Hagebau in Fürstenfeldbruck familienintern heißt, aber die Menschen waren diszipliniert. Eine superfreundliche Security stand für Notfälle bereit, musste aber nicht eingreifen. Der Siphon wurde käuflich erworben und auch das Anstellen an der Kasse klappte mit dem notwendigen Abstand.
Beim örtlichen Döner-Laden (Döner ist die beste Medizin) klappte es ebenso gut wie beim örtlichen Bäcker Dafner im Dorf. Es wurden am Boden Abstandslinien angeklebt und die Kunden beachteten sie. Der Bäcker änderte seinen Eingang und die Laufrichtung der Kundschaft – gut mitgedacht. Unser Eisdealer Alberto verkauft nur noch mit Abstand im Straßenverkauf. Corona ist kein Spaß.
Wenn ich meine Familie zu Ärzten gebracht habe, dann wird deutlich: Corona ist wirklich kein Spaß. Ernsthaft gehen Mediziner, Schwestern, Pfleger, Arzthelfer ihrer Profession nach. Hinweisschilder an den Praxen und Kliniken verdeutlichen den Ernst der Lage. Meinen alten Herrn konnte ich nur an den Empfangsbereich der Herzklinik bringen, die Anmeldung und den Weg ins Zimmer musste er allein ohne meine Hilfe bewerkstelligen. Die schwierige Operation in den nächsten Tagen muss er ohne uns durchstehen. Ich kann nicht für ihn da sein – da muss ich schlucken.
Corona wird unser Leben verändern. Das Thema wird uns die nächste Zeit begleiten.
Die Straßen übrigens bei uns im Dorf sind leer. Kaum ein Auto unterwegs. Klappt doch mit der Ausgangsbeschränkung.